Richtig guter Streit

Wie schwer ist es wirklich, in einer Zeit von Filterblasen und sozialen Plattformen konstruktive Gespräche zu führen? Die re:publica hat sich herangetastet.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Justus von Daniels

Zugewandt statt vergiftet: wie geht das nochmal?
In den vergangenen Tagen fand in Berlin wie jedes Jahr die re:publica statt. Früher war diese Digital-Konferenz der Ort, der dem Land zeigte, wie die digitale Welt aussieht. Politiker schnupperten neugierig mal rein. Längst schon sind sie etablierte Gäste auf den Bühnen der Konferenz. Angela Merkel sprach, der Digitalminister Karsten Wildberger äußerte sich offen über die Baustellen, die die Bundesregierung in der Digitalisierung hat. Was in diesem Jahr aber schon auffiel, war die Suche nach der Debattenkultur in unserer Gesellschaft.

Und ja, es ist spürbar, wie schwer es ist, eine offene, kontroverse, zugewandte Gesprächskultur herzustellen. Nicht nur, weil die sozialen Plattformen das Gespräch oft vergiften oder sich viele ihre eigenen Blasen suchen. Sondern auch, weil es eine Unsicherheit gibt, ab wann eine gemeinsame Grundlage für ein Gespräch fehlt. Etwa, weil das Gegenüber eine Debatte nur simuliert und die andere Perspektive nicht verstehen will.

Kleine Provokation
Auf der Konferenz wurde häufiger die „Autoritäre Wende“ zitiert, die sich in den USA und in Europa zeigt. Anhänger des Autoritären wollen keinen Austausch, treten offene Debatten aus. Aber wie groß ist der Wunsch nach einem autoritären System? 

Laut Umfragen dominiert zurzeit eine in Teilen rechtsextreme Partei. In einer provokanten Grafik zeigte Arne Semsrott, Leiter der Plattform FragdenStaat, wer gemessen an der Gesamtbevölkerung nicht im Bundestag vertreten ist: Er hat einfach mal alle, die nicht aktiv eine der fünf Parteien im Bundestag gewählt haben oder wählen durften, in ein Balkendiagramm mit reingeholt. Da schmilzt der Anteil derer, die sich offensiv Rechtsaußen-Positionen wünschen, stark zusammen.

Natürlich widerspricht so eine nicht ganz ernst gemeinte Rechnung unserem System der repräsentativen Demokratie. Aber sie taugt als Denkanstoß. Denn in Umfragen zu konkreten politischen Fragen tauchen oft überraschende Ergebnisse auf, die in viel geringerem Maße autoritäre Ideen unterstützen als in den Wahlergebnissen ausgedrückt.

Austausch, Humor und Lust auf Lösung
Wie also können gesellschaftliche Räume wieder aufgemacht werden, um Verständigung zu ermöglichen? Um vor allem auch über Herausforderungen zu sprechen, die uns jenseits der täglichen medialen Zuspitzung beschäftigen.

Wir von CORRECTIV waren auf der re:publica mit unserem Salon5 dabei, haben Jugendlichen dort den Raum gegeben, um auszudrücken, wie sie sich Nachrichten wünschen. Wir haben auf der Bühne über unsere Unterstützung des FunFacts-Projektes diskutiert, warum Humor ein Weg sein kann, anders über ernste Themen sprechen zu können. Und wir haben über Zukunftsstrategien des lokalen Journalismus diskutiert, der im Vergleich der Medien immer noch das höchste Vertrauen genießt. Hier können Sie mehr über unsere Impulse erfahren.

Wenn Sie ein wenig Inspiration wollen (passt ja auch zu Pfingsten), empfehle ich Ihnen auch diese Übersicht zu den aufgenommenen Gesprächen der re:publica, in der Sie sehr unterschiedliche Themen finden können. Wenn Sie direkte Anregungen zu den Themen hier haben, schreiben Sie mir gern, wir freuen uns immer über den Austausch mit Ihnen!

Und ja, weil wir vor einem Feiertag stehen, der den Geist beflügeln soll, hat meine Kollegin Anette Dowideit am Ende des SPOTLIGHT ein paar Tipps für das Gespräch am Kaffeetisch zusammengestellt – wenn jemand wieder mal populistische Thesen raushaut.

Ihnen wünsche ich frohe und erholsame Feiertage, auch mit unseren Empfehlungen der Woche!

Herzlich,

Ihr Justus von Daniels

In höchster Not
Was passiert eigentlich, wenn Menschen auf Wanderungen in den Alpen in Gefahr geraten? Dann versuchen ehrenamtliche Bergretter der Bergwacht ihr Möglichstes, um Menschen zu helfen – in lebensgefährlichen Lagen und bei extremem Wetter. Die ARD-Dokuserie bietet einen fesselnden, noch nie da gewesenen Einblick in den Alltag der Rettungskräfte und zeigt echte Einsätze in den bayerischen Alpen– hautnah und in beeindruckenden Bildern.
Bergretter im Einsatz (ardmediathek.de, Doku)

Autor Bild Anette Dowideit

Nämlich dann, wenn Familienmitglieder zwar wenig Faktenwissen zu einem Reizthema haben, dafür aber viel Meinung. Die Meinung haben Sie sich vermutlich an virtuellen Stammtischen gebildet, vielleicht beim rechtspopulistischen Kampagnen-Portal Nius, vielleicht in Verschwörergruppen bei Telegram. Jedenfalls schreiben uns immer wieder Leserinnen und Leser auf der Suche nach Rat: Wie geht man damit um, wenn der Neffe am Kaffeetisch platte AfD-Parolen von TikTok verbreitet – oder Tante Adele gegen Geflüchtete hetzt, weil die angeblich 100 Prozent krimineller sind als Deutsche?

Wir von CORRECTIV haben deshalb vor Ostern einen neuen, unregelmäßigen Service für SPOTLIGHT-Abonnenten gestartet: den „Spickzettel“. Vor Feiertagen können Sie sich bei uns Faktenblätter als PDF herunterladen – und sie ausgedruckt auf Papier oder auf dem Handy zur Familienfeier mitnehmen. Darauf stehen die wichtigsten Fakten zu Reizthemen wie zuletzt der „Polizeilichen Kriminalstatistik“.

Von München bis Aachen: Im Netz der China-Agenten
China hat ein Spionagenetzwerk über deutsche Hochschulen ausgerollt, um militärisches Wissen abzuziehen. Lange Zeit sahen die Behörden dem Treiben zu – jetzt wurden zwei mutmaßliche Spione festgenommen. Im Visier hatten sie offenbar auch High-Tech-Drohnen.
correctiv.org

Russisches Gold, Schweizer Markenzeichen
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine importiert die Schweiz mehr russisches Gold als je zuvor – trotz Sanktionen legal. Ein Experte kritisiert, damit Putins Kriegsmaschinerie zu finanzieren. Nach der Verarbeitung wird russisches Gold offiziell Schweizerisch – und damit besser verkäuflich.
correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Sebastian Haupt, Laura Seime & Finn Schöneck.