Die Sache mit der Stecknadel

Man könnte eine Nadel fallen hören, so still ist es um ein AfD-Verbotsverfahren geworden – trotz noch schärferem Rechts-Kurs.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

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Autor Bild Anette Dowideit

hören Sie das? Nein? Genau: Das, was Sie da nicht hören, ist die große politische Debatte um ein AfD-Verbotsverfahren. Die findet nämlich kaum noch statt – trotz eines deutlich verschärften Rechts-Kurses in der Partei. 

Das laute Schweigen in der deutschen Politik ist umso überraschender, als dass sich auf EU-Ebene momentan eine ganze Menge bewegt, um sich gegen die Rechtsaußen-Parteien zur Wehr zu setzen. Mehr dazu im Thema des Tages.

Außerdem haben wir heute ein Update zu einem Land, in dem bereits ein autoritäres Regime herrscht: der Türkei. Dort wurde der Comedian Deniz Göktas inhaftiert – die Hintergründe dazu liefert meine Kollegin Ceyda Çil von unserer Sparte CORRECTIV.Exile im heutigen „Ganz persönlich”.

Thema des Tages: Die Sache mit der Stecknadel

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Wirtschaftsministerin Reiche will erneut Millionen-Auftrag an externe Berater vergeben • Höcke-Freunde und Parteijugend: Der völkische Kurs des neuen AfD-Vorstands

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: So könnte Deutschland Obdachlosigkeit wirklich beenden

Faktencheck: Ampel vor Berliner Club „Wilde Renate“ nicht wegen Juni-Hitze geschmolzen

Gute Sache(n): Studie zu Quellen von KI-Modellen: Russische Desinformationen bei Claude • Neue Methode für veganes Leder • Ungarn: Entschuldigung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

CORRECTIV ganz persönlich: Das Meer steht niemals still: Zur Verhaftung des türkischen Comedian Deniz Göktaş

Grafik des Tages: Fast jeder vierte Drogentote unter 30

Schon seit Monaten ist zudem die sogenannte PRÜF-Initiative aktiv – mit Petitionen, Demos und jeder Menge Social Media-Aktivitäten. Ihre Botschaft an die Politikerinnen und Politiker im Land lautet: Wie kann es sein, dass im Land der DIN-Normen etwas so Wichtiges wie die Verfassungstreue einer Partei, die vielleicht bald schon an der Regierung ist, nicht geprüft wird? (Übrigens haben unsere Partner von Fun Facts über die PRÜF-Bemühungen eine – wie ich finde, ziemlich kluge – Folge gemacht, hier zu sehen.)

Und gerade erst vor ein paar Tagen erschien ein lang erwartetes Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte – und kam zu dem Ergebnis: Die AfD sei klar verfassungswidrig. 

Aber: Aus der Bundespolitik hört man dazu wenig. Nach dem Gutachten meldeten sich zwar ein paar Bundestagsabgeordnete wieder zu Wort – jene, die sich schon in der letzten Legislaturperiode für ein Verbotsverfahren einsetzten: die SPD-Abgeordnete Carmen Wegge, Clara Bünger von der Linken und die Grünen-Fraktionschefinnen Britta Haßelmann und Katharina Dröge.

Aber aus den Führungszirkeln der Regierungsparteien ist wenig zu hören. Das ist aus mehreren Gründen erstaunlich.

Erstens: Weil die AfD noch weiter nach rechts rückt
Am Montag hatte es unsere AfD-Reporterin Lena Köpsell hier im Tagesthema schon angedeutet: Die Partei hat am vergangenen Wochenende einen neuen Vorstand gewählt – und der steht mal mindestens mit einem Fuß rechts jenseits der demokratischen Grenzen.

Wer genau die Leute sind, die in der Partei jetzt den Ton angeben, hat unser Team zusammengetragen. Sie können es in unserem heute erschienenen Text nachlesen.

Bild-Collage in schwarz-grau-weißem Farbton. Es zeigt die 14 Köpfe der Mitglieder des 2026 gewählten AfD-Bundesvorstands.
Jünger und rechter: der neue AfD-Bundesvorstand, der beim Parteitag in Erfurt gewählt wurde. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Fotos: picture alliance

Zweitens: Weil es auf EU-Ebene ganz anders aussieht
Vielleicht haben Sie es gestern schon mitbekommen – da haben wir nämlich die Nachricht bereits veröffentlicht: Das EU-Parlament wehrt sich jetzt gegen die verfassungsfeindlichen Umtriebe im Dachverband „Europa Souveräner Nationen“ (ESN), dem unter anderem die AfD angehört. Es hat dafür gestimmt, ein Verbotsverfahren gegen diese Parteienfamilie auf den Weg zu bringen.

Das Logo der europäischen Partei ESN Europe of Sovereign Nations. Foto: Sebastian Kahnert | picture alliance/dpa

Und in Deutschland?
Nun ja, hier wird momentan vor allem darüber geredet, ob man nicht doch die Brandmauer ein Stück weit einreißen müsste.

Gerade forderte dies ein Flügel der brandenburgischen CDU, und zwar die dortige „Mittelstands- und Wirtschaftsunion“. Das ist ein ziemlich konservativer Teil der Union, für den Wirtschaftswachstum über allem steht. (Zuletzt hatte dieser Flügel für Aufregung gesorgt, als sein Bundesverband von „Lifestyle-Teilzeit“ sprach.)

Nun jedenfalls wollte dieser Teil der Union in Brandenburg dafür sorgen, den sogenannten Unvereinbarkeitsbeschluss einzureißen – also die Selbstverpflichtung, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten. Die CDU als Ganzes distanzierte sich aber schnell von dieser Forderung. 

Bundestag berät über neue Digitalbefugnisse für die Polizei
Der Bundestag befasst sich heute Abend erstmals mit Plänen der Bundesregierung für mehr digitale Befugnisse von Polizei und Ermittlungsbehörden. Vorgesehen sind automatisierte biometrische Abgleiche mit Internetdaten sowie KI-gestützte Analysen, um kriminelle und terroristische Netzwerke leichter aufzudecken. Nach der ersten Beratung gehen die Gesetzentwürfe zur weiteren Prüfung in die Ausschüsse.
deutschlandfunk.de / bundestag.de

Wirtschaftsministerin Reiche will erneut Millionen-Auftrag an externe Berater vergeben
Die Bundesregierung wollte die Ausgaben für externe Berater senken. Nun will das Bundeswirtschaftsministerium erneut zentrale Aufgaben auslagern. Kosten: mindestens 1,2 Millionen Euro in den ersten zwei Jahren. Im Ministerium selbst stößt die Ausschreibung auf Unverständnis.
correctiv.org

Die verformte Ampel, die in viralen Videos in Sozialen Netzwerken zu sehen ist, lässt sich an der Kreuzung vor dem Berliner Club „Renate“ verorten (Foto: Jürgen Held / Picture Alliance)
Foto: Jürgen Held / Picture Alliance

Deniz Göktaş, ein 32-jähriger türkischsprachiger Comedian, trat am 1. Juni 2026 mit seiner Comedyshow „Ölü Deniz“ in Istanbul auf. Sein Name „Deniz“ bedeutet „Meer“. Der übersetzte Titel seiner Show lautet: „Das tote Meer“. Vielleicht eine künstlerische Vorahnung auf das, was den Comedian später erwartete.  

Die Übertragung seiner Show auf Youtube generierte sechs Millionen Aufrufe in nur drei Tagen. Die Staatsanwaltschaft leitete unverzüglich ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Nach der Rückkehr aus einem Urlaub wurde Göktaş am 3. Juli am Istanbuler Flughafen festgenommen und inhaftiert. Das versetzte das Land in Aufruhr, es wurde wie so oft erschüttert von Repressionsversuchen der türkischen Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Mit großen Augen sitzen wir nun wieder da. „Wir“, das sind wir alle, die türkischsprachig aufgewachsen sind oder sich mit der Politik in der Türkei auseinandersetzen. Wieder vor dem Fernseher oder dem Smartphone, wieder lesen wir unermüdlich die Nachrichten, verfolgen Instagram-Accounts und versammeln uns zu Demonstrationen, auch außerhalb der Türkei.

Die türkische Regierung grenzte während der gesamten Amtszeit Erdoğans freie Gedanken, Meinungen und Lebensweisen Schritt für Schritt ein, ließ sie verstummen, sperrte sie einfach weg. Meist unter dem Vorwand eines ausgedachten Terrorverdachts. Doch nun trifft es auch den Humor. Das Gelächter verstummt unter dem Vorwurf: Verunglimpfung „religiöser Werte“; Beleidigung als „Diktator“.

Die junge Generation in der Türkei bekommt durch die heimischen Medien keine neuen Gedanken geliefert, keine Alternativen. Sie haben auch keinen Raum, sich frei zu entfalten. Viele haben noch nie eine freie Türkei gekannt.

Satire lässt sich nur schwer hinter Gitter sperren. Im Zuge des Nato-Gipfeltreffens heute stehen Menschen, trotz Demonstrationsverboten und Inhaftierungen von weit mehr als 100 Aktivistinnen und Journalisten, auf den Straßen Istanbuls und Ankaras.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Pamela Kaethner und Elena Müller.