Über Aschewolken und Fürsorge

In dieser Woche wirkten Bilder aus dem südfranzösischen Flammenmeer wie KI-Fälschungen. Nur mehr Klimaschutz kann Brände wie diese verhindern.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Ich wohne am anderen Ende von Frankreich, nahe der italienischen Grenze. Dort brannte es vor einigen Jahrzehnten besonders heftig. Meine Freundinnen, damals noch Kinder, erzählen noch immer traumatisiert von den Flammen, dem Geruch und der Asche, die auf ihre Köpfe rieselte und alles grau einfärbte. 

Ich vertrete heute unseren Chefredakteur Justus von Daniels – der nicht weit von meiner Region urlaubt und hoffentlich vom Feuer verschont bleibt. 

Besonders launig wird es heute vielleicht nicht mit mir, Pardon.
Ich habe die ganze Woche darüber nachgedacht,  warum die deutsche Regierung quasi über Nacht bereit war, große Summen in Aufrüstung zu stecken, in Drohnen, Panzer, Luftabwehr. Ob dies Frieden bringt und die enormen Ausgaben rechtfertigt, lässt sich vielleicht noch diskutieren. Für eine wirklich wirksame Vorsorge gegen Brände – wie eine besser ausgestattete Feuerwehr, das Aufforsten von Mischwäldern, das Schlagen von Feuerschneisen oder ganz einfach: eine ernsthafte Klimapolitik – bleibt hingegen weder Geld noch Redezeit übrig. 

Im Gegenteil: Noch vor wenigen Tagen forderte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Emissionsgrenzwerte für Autos wieder zu senken. Ihre Regierung und eine starke Lobby erreichte kürzlich laut einer CORRECTIV-Recherche, dass die chemische Industrie weniger für ihre klimazerstörerischen Emissionen zahlen muss. Und es wird wieder darüber debattiert, ob wir die Klimaziele einhalten wollen. 

Vorsorge ist lästig. Prävention klingt hässlich. 
Ich sprach in dieser Woche mit dem Klimaforscher Stefan Rahmstorf, der zufällig in der Brandregion Urlaub machte. In den Sozialen Netzwerken publizierte er ein Bild vom orange eingefärbten Himmel über dem Strand von Lacanau, das viele für KI-generiert hielten. So gespenstisch sah es aus. Aber es war echt.

In der Klimakrise verändere sich unsere Umwelt so rasant, sie wirke manchmal kaum noch glaubhaft, sagte Rahmstorf dazu. Er bedauere, dass nach vielen Klimakatastrophen  – die Ahrtalflut, die Dürresommer – politisch so wenig passiert sei.

Immerhin, und so klingt dieser Newsletter vielleicht doch noch hoffnungsvoll aus, bewirkt offenbar die Fülle der klimabefeuerten Ereignisse ein Umdenken auch der stoischsten Klimaleugner – zumindest in Frankreich. Selbst Marine Le Pen, einst eine bekennende Leugnerin der Klimakrise, spricht nun im Wahlkampf über Vorsorge für Extremwettereignisse wie Hitze, wenn auch auf ihre populistische Art.

Apropos Hitze: Meine Kolleginnen aus der Klimaredaktion haben in dieser Woche für sie recherchiert, wie gut unsere Großstädte auf Hitzetage vorbereitet sind. Sie ahnen es vielleicht schon, aber lesen Sie lieber noch mal nach – ein paar Kommunen machen es sogar richtig gut. 

Schließlich ist Vorsorge schön und Prävention politische Perfektion. 
Bevor ich noch länger schief reime, betone ich an dieser Stelle schnell noch mit unverblümter Freude, dass CORRECTIV als eine der wenigen deutschen Medien an der Größe seiner Klimaredaktion festgehalten hat. Sozusagen vorsorglich für die Klimakrise. Wir glauben daran: Erkenntnis bringt Einsicht, und Einsicht bringt politisches Handeln. Und dann klappt es, hoffentlich bald, auch mit der Vor – und Fürsorge.

Herzlich,
Ihre Annika Joeres 

Die Brexit-Erben: Uns reicht’s! 
„Ich war nicht alt genug, um zu wählen, es ist nicht meine Schuld.“ Das sagt Kira, eine junge Britin, die sich zehn Jahre nach dem Brexit den Wiedereintritt in die EU wünscht. Sie plant deshalb einen Protestmarsch nach Brüssel. Die Weltspiegel-Doku begleitet mehrere junge Menschen, die beim Brexit-Votum noch zu jung waren, um ihre Stimme abzugeben, aber die Auswirkungen nun direkt spüren.
Wie junge Menschen auf den Brexit blicken (ardmediathek.de, Video) 

Von wegen verstaubt: Genossenschaften sind zurück
Egal ob Dorfkneipe oder Software-Schmiede: Immer mehr Unternehmer und Gründerinnen entscheiden sich für die Gesellschaftsform der Genossenschaft, wie Forschende beobachten. Der Grund: Der Wunsch nach neuen, solidarischen Organisationsmodellen – jenseits der reinen Profitorientierung. Und die Überzeugung, dass das gemeinsame Besitzen und Entscheiden Probleme lösen kann, an denen Markt und Staat scheitern.
Die Renaissance der Genossenschaften (mdr.de)

Im Kampf gegen Internetbetrüger
„Hallo Mama, das ist meine neue Nummer“ – SMS wie diese sind mittlerweile eine bekannte Masche von Betrügern, mit der sie ihre Opfer um ihr Erspartes bringen wollen. Ob Schockanrufe oder manipulierte KI-Videos: Kriminelle spielen gezielt mit Angst, Stress und Vertrauen. Darum geht es in dieser Woche im #lensEU-Podcast. Produziert wurde er von unseren Kollegen von Die Presse aus Österreich. Und wir waren mit unserer Recherche zu Europol zu Gast: Die europäische Polizeibehörde arbeitet zwar daran, Online-Betrug zu bekämpfen. Doch Teile der Behörde haben selbst ein Problem im sauberen Umgang mit Daten. Offenbar hat Europol eine Schatten-IT aufgebaut, in der sie sensible Daten unkontrolliert auswerten konnten – das konnten wir von CORRECTIV gemeinsam mit Computer Weekly aus Großbritannien und Solomon aus Griechenland aufdecken.
Cybercrime und Scams in Europa: Ist die EU gewappnet? (auf Englisch; theaudiomarketplace.eu) #lensEU


„Warum fällt es den Medien so schwer, Dinge fernab von Stammtisch-Niveau einzuordnen?“, stört sich Christine Z. daran, dass so schnell die üblichen Formulierungen und Narrative auftauchten. Auch andere Zuschriften beklagten, dass in der nachfolgenden Debatte teilweise „Ängste verbreitet und Gespenster aufgebaut werden“ – etwa durch übergroße Generalisierungen und maximale politische Forderungen, die ohnehin keine Chance auf Realisierung hätten. Reflexhaft verbreite jede Seite diejenige Interpretation ihrer Geschehnisse, die ihnen nütze, so lauten einige Einschätzungen. 

Einige äußern hingegen Kritik an der LGBTI-Community und solcher Berichterstattung, die deren Position in den Vordergrund gerückt hat. Mit dem Anschlag sei die liberale Gesellschaft insgesamt gemeint. Die Debatte dürfe sich daher nicht nur um eine Opfergruppe drehen, sondern müsse die Gefahr für uns alle in den Blick nehmen. Zudem stieß einigen negativ auf, dass zu wenig Fokus auf die islamistische Tätermotivation gelegt und zu stark die Gefahr von rechts betont worden sei.

Beides in den Blick zu nehmen, fanden andere Stimmen wiederum notwendig. Denn dass ausgerechnet rechtspopulistische Akteure die Ereignisse für sich auszunutzen versuchen, während sie etwa in den Sozialen Netzwerken queere Menschen weiterhin verhöhnten, sei besonders schlimm. 

Die Fragen, warum der mutmaßliche Täter erschossen wurde und ob es keine andere Möglichkeit gegeben habe, ihn festzunehmen, fanden mehrere Leserinnen und Leser in der Debatte unterbelichtet. Und dass sich solche Anschläge dem Anschein nach vor wichtigen Wahlen häuften – auch das besorgt einige (eine kritische Einschätzung dazu hier).

Vielen Dank für Ihre Mails

Die AfD plant in Sachsen-Anhalt gravierende Änderungen an den Schulen

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Sebastian Haupt und Elena Müller.