Mehr Osten, weniger Klischee
Im Vorfeld der Landtagswahl geht es meist um die AfD und die Frage, wie weit rechts der „Osten“ danach steht. Die Sommertour von Fun Facts geht einen anderen Weg und will ergründen, was die Menschen vor Ort umtreibt. Mit Humor und Gesprächen.

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
nur selten zieht meine Heimat Sachsen-Anhalt so viel Aufmerksamkeit auf sich wie aktuell – kurz vor der Landtagswahl im kommenden September. Dabei kommen von dort beispielsweise der Rotkäppchen-Sekt, Martin Luther, Händel (Hallelujah!) und die gesamten hierzulande verfügbaren Bestände an Aspirin. Doch in die überregionalen Schlagzeilen gerät das Bundesland eher, wenn es um Rechtsextremismus oder die AfD geht.
Zwar dürfte die AfD tatsächlich als stärkste Partei aus den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hervorgehen. Doch die typische Zuschreibung Osten und Rechtsruck verstellt den Blick auf Ursachen – und Lösungen. Darum geht es heute im Thema des Tages – und darum, dass die Fun-Facts-Sommertour einen anderen Ansatz wählt. Denn das satirische Video-Nachrichtenformat, bei dem CORRECTIV Partner ist, zieht vor den Wahlen durch beide Bundesländer und versucht, mit Humor die Themen der Menschen vor Ort aufzugreifen.
Außerdem im Spotlight: Am Flughafen Leizig/Halle gab es einen Fund von Drohnen mit Sprengstoff. Und künftig könnte sich die Flut KI-generierter Inhalte in den Sozialen Netzwerken zumindest etwas reduzieren.
Einen schönen Abend und schreiben Sie mir gern, was Sie bewegt an sebastian.haupt@correctiv.org.
Thema des Tages: Mehr Osten, weniger Klischees
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
CORRECTIV.Faktenforum: Video zeigt einen Bahnhof in Marokko, nicht Spanien
CORRECTIV ganz persönlich: Zur Debatte um Ulrich Siegmunds Studium
Grafik des Tages: AfD-Programm für Sachsen-Anhalt würde Milliardenlücke verursachen
In diesem September werden zahlreiche nationale und selbst internationale Medien besonders nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern schauen. Der Fokus: Wird es der AfD gelingen, nicht nur stärkste Partei zu werden, sondern auch Regierungsämter zu besetzen?
Für viele Menschen ist das ein Schreckensszenario – das CORRECTIV hier etwa für den Bereich Bildung aufgeschlüsselt hat. Dabei schwingt in der Berichterstattung häufig ein Bild mit, das den Aufstieg der Rechtspopulisten und -extremisten seit rund einem Jahrzehnt begleitet: das Stereotyp vom rechten Osten.
Der Blick auf die Ausgangsbedingungen
Aktuelle Umfragewerte zu den Landtagswahlen scheinen diese Zuschreibung auf den ersten Blick zu stützen. Doch mit solchen unterkomplexen Bildern geht vieles an Analysekraft verloren. Denn die grundlegenden Faktoren, die Populismus und Extremismus zur Beliebtheit verhelfen, sind in vielen europäischen Ländern ähnlich:
- Es gibt viele Regionen, in denen sich Menschen ökonomisch abgehängt fühlen.
- Sachsen-Anhalt hat mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren die älteste Bevölkerung in Deutschland, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (48,1 Jahre).
- Besonders junge Menschen haben in der Vergangenheit die Region verlassen. In solchen Abwanderungsgesellschaften haben es Populisten leichter.

Hinzu kommen spezifische Bedingungen, die in der ostdeutschen Vergangenheit wurzeln. Zum Beispiel:
- Fehlendes Vermögen schürt in Zeiten starker Veränderungen besonders stark Verlustängste – was Populisten als „Angstunternehmer“ für sich auszunutzen wissen.
- Die Nach-Wendezeit bedeutete für viele erst einmal Arbeitslosigkeit und einen Bruch in ihrer Erwerbsbiografie. Vertrauen in die Politik konnte so nur schwer wachsen.
Pauschalisierende Bilder (Osten = rechts) verdecken diese Faktoren nicht nur. Sie lösen bei vielen Menschen im Osten das Gefühl der Stigmatisierung aus und tragen so zur Polarisierung bei.
Fun Facts auf Sommertour in Sachsen-Anhalt und MV
Einen anderen Weg wählt Fun Facts, bei dem CORRECTIV – wie Sie wissen – als Medienpartner beteiligt ist. Das Projekt geht vor den Landtagswahlen auf Sommertour. In beiden Bundesländern zusammen finden ein Dutzend Veranstaltungen statt. Der Fokus liegt diesmal nicht darauf, was in der Nachrichtenwoche wichtig ist – sondern darauf, zu ergründen, was die Leute in der Region bewegt. Dafür ist mein Kollege Jann-Luca Künßberg gemeinsam mit einem Fun-Facts-Kollegen vorab durch die Orte gefahren und hat mit den Menschen über ihre Sorgen und Hoffnungen gesprochen. Und dabei Geschichten gefunden, die sich nicht so leicht in typische Zuschreibungen einpassen lassen.

Beispiel: Windkraftskeptiker müssen keine Windkraft-Gegner sein
Etwa in der Altmark, einer Region im Norden Sachsen-Anhalts. Hier wird rund siebenmal mehr Strom aus Erneuerbaren erzeugt als lokal verbraucht. Doch wegen des schleppenden Ausbaus der Südtrassen stehen viele Windräder still – zum Unmut der örtlichen Bevölkerung.
Jann-Luca berichtet: „In fast allen der etwa 20 Gespräche, die wir in der Kleinstadt Osterburg führten, war die Windkraft ein Thema – ohne dass auch nur eine Person sich gegen die Energiewende ausgesprochen hätte. Den meisten fehlt aber das Verständnis für den fortlaufenden Zubau, weil sie mit ihren eigenen Augen sehen können, dass viele Windräder stillstehen.“
Zwar profitieren die Gemeinden von den Anlagen – besonders, seit die Gewerbesteuer zu 90 Prozent lokal fällig wird. Doch bis die Steuer fließt, dauere es wegen der Abschreibungen oft Jahre.
Zudem berichten mehrere Ortsansässige von lokalem Streit. Denn für viele Flächenbesitzer sei es finanziell lukrativ, an Windparkbetreiber zu verpachten – manchmal zum Unmut der Nachbarn, die dann auch die Anlage in der Nähe stehen haben, aber nicht gleichermaßen davon profitieren. Dabei spiele auch ein DDR-Erbe eine Rolle, sagte etwa ein lokaler Unternehmer: Weil im Sozialismus kaum jemand Vermögen aufbauen konnte, sei die Pacht für die Flächen besonders attraktiv oder gar nötig – auch wenn einige dächten, „dass Opa mir den Kopf abreißen würde, wenn er das sähe“.
Mehr zu den Landtagswahlen
Die Sommertour beginnt kommenden Montag in Halle, wo Sebastian Krumbiegel nach dem Anschlag im Jahr 2019 über antisemitische Gewalt sprechen wird. Weiter geht es in Merseburg, Naumburg und in Dessau. Weitere Termine finden Sie hier. Schauen Sie gern vorbei.
Schreiben Sie uns auch, was Sie zu den anstehen Landtagswahlen bewegt? Wo sehen Sie Lücken in der Berichterstattung? Sie erreichen uns unter spotlight@correctiv.org.
FIFA-Boss Infantino weiter unter Druck
Die Kritik an FIFA-Chef Gianni Infantino wächst. Prinz Ali bin al-Hussein, der Vorsitzende des jordanischen Fußballverbands, wirft ihm Erpressung vor. Zudem warten mehrere US-Städte offenbar noch auf versprochene Millionenzahlungen. In den vergangenen Tagen äußerten auch enge Mitarbeiter Kritik an Infantino. Für heute hat er zu einem Krisentreffen in Marokko geladen. Infantino hatte zuletzt eine Empörungswelle ausgelöst, als Pläne zum Verkauf von WM-Rechten an Investoren bekannt wurden – hinterher verwarf er die Idee.
faz.net
Parasit in den USA löst Durchfallwelle aus
In den USA haben sich über 10.000 Menschen mit einem Parasiten infiziert, der Durchfall verursacht. Die Krankheit führte bislang zu mehr als 500 Krankenhausaufenthalten und zwei Todesfällen. Beide Todesopfer litten jedoch an schweren Vorerkrankungen, da die sogenannte Cyclosporiasis-Infektion normalerweise nicht lebensgefährlich ist. Alle Bundesstaaten meldeten Infektionen. In einigen Staaten wird Eisbergsalat aus Mexiko als mögliche Ursache vermutet.
spiegel.de
Flughafen Leipzig/Halle: Drohnenfund sorgt für Einschränkungen
In der Nacht zu Mittwoch hat der Flughafen Leipzig/Halle seinen Flugverkehr zeitweise eingestellt. Laut eines NATO-Sprechers wurde in der Nähe eines ukrainischen Flugzeugs eine Drohne entdeckt. Die Polizei stellte das Fluggerät sicher. Nach Angaben von Sicherheitskreisen sollen an der Drohne Sprengstoff und ein Zünder befestigt gewesen sein. Zudem fanden Beamte ein unbekanntes Objekt auf der Südbahn des Flughafens, das ebenfalls gesichert wurde.
tagesschau.de

Wie viel Platz bekommen Frauen eigentlich in Hollywood-Filmen? Diese Folge erklärt den Bechdel-Wallace-Test und zeigt, warum überraschend viele Blockbuster nicht einmal seine drei einfachen Kriterien erfüllen.
tube.funfacts.de

Gleich zwei bekannte Verbreiter von Falschinformationen teilen ein Video, das Menschen aus Marokko auf einem spanischen Bahnhof zeigen soll: Alex Jones und Alina Lipp. Doch das Video zeigt eine marokkanische Stadt.
faktenforum.org
So geht’s auch
Youtube, Snapchat und Linkedin wollen KI-generierte Inhalte nach eigenen Angaben einschränken. Snapchat beispielsweise möchte KI-Inhalte nicht mehr vorschlagen. Bei Youtube sollen solche Videos von Werbeeinnahmen ausgeschlossen werden. Der Grund ist ein neues EU-Gesetz: KI-Inhalte, Interaktionen und Deepfakes müssen klarer gekennzeichnet werden, sonst drohen Strafen.
wdr.de
Endlich verständlich
Welches Heizungssystem würden sich die Deutschen am ehesten einbauen? Eine aktuelle Umfrage von Verivox zeigt ein klares Bild: 43 Prozent der Befragten würden sich eine Wärmepumpe einbauen lassen, falls ihre aktuelle Gasheizung nicht mehr repariert werden könnte. Auf Platz 2 folgt die Gasheizung mit 19 Prozent. Wie der aktuelle Stand rund um die Wärmepumpen ist, erfahren Sie hier.
utopia.de
Fundstück
Ein US-Berufungsgericht hat Klimaschützern im Streit mit der US-Regierung recht gegeben. Letztere hatte milliardenschwere Klimaschutzprogramme gestrichen. Die von den gemeinnützigen Organisationen genutzten Fonds wurden damals vom früheren US-Präsident Joe Biden eingerichtet. Das Urteil gilt als Rückschlag für Donald Trump, der Bidens Bemühungen zur Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase rückgängig machen will.
deutschlandfunk.de
Wenn Politiker sich zur Wahl stellen, haben Wählerinnen und Wähler ein Recht zu erfahren, wer die Kandidierenden sind. Das sollte doch demokratischer Konsens sein – oder?
Das heißt auch: Stimmt der Lebenslauf, so wie ihn die Politiker angeben? Wie wichtig das vor jeder Wahl ist, hat sich in den vergangenen Tagen an Ulrich Siegmund gezeigt. Der Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt machte nämlich ein ziemliches Geheimnis daraus, wo er studiert hat.
Vorab: Jetzt steht fest, die Angaben zum Studium des Rechtsextremisten Siegmund sind korrekt – er hat an der Euro-FH in Hamburg „Betriebswirtschaftslehre & Wirtschaftspsychologie“ studiert und mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Das bestätigte die Fachhochschule CORRECTIV.
Siegmund hatte aber zunächst in seinem Lebenslauf nicht angegeben, wo er studiert hat. Es kamen Fragen auf, es entbrannten Diskussionen in Sozialen Netzwerken, Medien recherchierten.
Für das Interesse an seiner Biografie hatte der AfD-Mann wenig Verständnis, bei X schrieb er spöttisch nur: „Was wollt ihr noch wissen? Grundschulzeugnis? Lieblingsessen? Schuhgröße?“. Das sagt wohl auch einiges über sein Transparenz-Verständnis. Und natürlich vermuteten AfD-Leute direkt eine Schmierenkampagne gegen Siegmund.
Meine Meinung ist, dass niemand ein Studium abgeschlossen haben muss, um in der Politik mitwirken zu dürfen – eine größere Repräsentation von Arbeiterinnen und Arbeitern in Parlamenten wäre sogar wünschenswert. Wenn Kandidierende aber Angaben im Lebenslauf machen und etwa mit einem Studienabschluss in ihrer Biografie werben, dann muss es auch korrekt sein – und im Zweifelsfall muss man sich unangenehmen Fragen stellen.
Deswegen untersuchen wir bei CORRECTIV.Sunlight die Biografien von Politikerinnen und Politikern, weil wir überzeugt sind, dass Wählerinnen und Wähler wissen sollten, wer sie regieren will. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, freuen wir uns sehr!

Die AfD könnte nach den Umfragen stärkste Partei in Sachsen-Anhalt werden. Doch was würde ihr Programm für den Haushalt des Landes bedeuten? Das hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle ausgerechnet. Allerdings nur anhand bislang bezifferbarer Posten im Programm. Folgekosten etwa für die Migrationspolitik (Fachkräftemangel) sind nicht enthalten.
iwh-halle.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
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