Mehr Osten, weniger Klischee

Im Vorfeld der Landtagswahl geht es meist um die AfD und die Frage, wie weit rechts der „Osten“ danach steht. Die Sommertour von Fun Facts geht einen anderen Weg und will ergründen, was die Menschen vor Ort umtreibt. Mit Humor und Gesprächen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

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nur selten zieht meine Heimat Sachsen-Anhalt so viel Aufmerksamkeit auf sich wie aktuell – kurz vor der Landtagswahl im kommenden September. Dabei kommen von dort beispielsweise der Rotkäppchen-Sekt, Martin Luther, Händel (Hallelujah!) und die gesamten hierzulande verfügbaren Bestände an Aspirin. Doch in die überregionalen Schlagzeilen gerät das Bundesland eher, wenn es um Rechtsextremismus oder die AfD geht. 

Thema des Tages: Mehr Osten, weniger Klischees

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

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  • Es gibt viele Regionen, in denen sich Menschen ökonomisch abgehängt fühlen. 
  • Sachsen-Anhalt hat mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren die älteste Bevölkerung in Deutschland, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (48,1 Jahre). 
  • Besonders junge Menschen haben in der Vergangenheit die Region verlassen. In solchen Abwanderungsgesellschaften haben es Populisten leichter. 
Auch künftig dürfe die Bevölkerungszahl in Sachsen-Anhalt und MV eher nach unten gehen.

Hinzu kommen spezifische Bedingungen, die in der ostdeutschen Vergangenheit wurzeln. Zum Beispiel:

  • Fehlendes Vermögen schürt in Zeiten starker Veränderungen besonders stark Verlustängste – was Populisten als „Angstunternehmer“ für sich auszunutzen wissen. 
  • Die Nach-Wendezeit bedeutete für viele erst einmal Arbeitslosigkeit und einen Bruch in ihrer Erwerbsbiografie. Vertrauen in die Politik konnte so nur schwer wachsen.

Pauschalisierende Bilder (Osten = rechts) verdecken diese Faktoren nicht nur. Sie lösen bei vielen Menschen im Osten das Gefühl der Stigmatisierung aus und tragen so zur Polarisierung bei. 

Fun Facts auf Sommertour in Sachsen-Anhalt und MV 
Einen anderen Weg wählt Fun Facts, bei dem CORRECTIV – wie Sie wissen – als Medienpartner beteiligt ist. Das Projekt geht vor den Landtagswahlen auf Sommertour. In beiden Bundesländern zusammen finden ein Dutzend Veranstaltungen statt. Der Fokus liegt diesmal nicht darauf, was in der Nachrichtenwoche wichtig ist – sondern darauf, zu ergründen, was die Leute in der Region bewegt. Dafür ist mein Kollege Jann-Luca Künßberg gemeinsam mit einem Fun-Facts-Kollegen vorab durch die Orte gefahren und hat mit den Menschen über ihre Sorgen und Hoffnungen gesprochen. Und dabei Geschichten gefunden, die sich nicht so leicht in typische Zuschreibungen einpassen lassen.   

Beispiel: Windkraftskeptiker müssen keine Windkraft-Gegner sein 
Etwa in der Altmark, einer Region im Norden Sachsen-Anhalts. Hier wird rund siebenmal mehr Strom aus Erneuerbaren erzeugt als lokal verbraucht. Doch wegen des schleppenden Ausbaus der Südtrassen stehen viele Windräder still – zum Unmut der örtlichen Bevölkerung. 

Jann-Luca berichtet: „In fast allen der etwa 20 Gespräche, die wir in der Kleinstadt Osterburg führten, war die Windkraft ein Thema – ohne dass auch nur eine Person sich gegen die Energiewende ausgesprochen hätte. Den meisten fehlt aber das Verständnis für den fortlaufenden Zubau, weil sie mit ihren eigenen Augen sehen können, dass viele Windräder stillstehen.“ 

Zwar profitieren die Gemeinden von den Anlagen – besonders, seit die Gewerbesteuer zu 90 Prozent lokal fällig wird. Doch bis die Steuer fließt, dauere es wegen der Abschreibungen oft Jahre.

Zudem berichten mehrere Ortsansässige von lokalem Streit. Denn für viele Flächenbesitzer sei es finanziell lukrativ, an Windparkbetreiber zu verpachten – manchmal zum Unmut der Nachbarn, die dann auch die Anlage in der Nähe stehen haben, aber nicht gleichermaßen davon profitieren. Dabei spiele auch ein DDR-Erbe eine Rolle, sagte etwa ein lokaler Unternehmer: Weil im Sozialismus kaum jemand Vermögen aufbauen konnte, sei die Pacht für die Flächen besonders attraktiv oder gar nötig – auch wenn einige dächten, „dass Opa mir den Kopf abreißen würde, wenn er das sähe“.

Mehr zu den Landtagswahlen
Die Sommertour beginnt kommenden Montag in Halle, wo Sebastian Krumbiegel nach dem Anschlag im Jahr 2019 über antisemitische Gewalt sprechen wird. Weiter geht es in Merseburg, Naumburg und in Dessau. Weitere Termine finden Sie hier. Schauen Sie gern vorbei.

Schreiben Sie uns auch, was Sie zu den anstehen Landtagswahlen bewegt? Wo sehen Sie Lücken in der Berichterstattung? Sie erreichen uns unter spotlight@correctiv.org

Parasit in den USA löst Durchfallwelle aus 
In den USA haben sich über 10.000 Menschen mit einem Parasiten infiziert, der Durchfall verursacht. Die Krankheit führte bislang zu mehr als 500 Krankenhausaufenthalten und zwei Todesfällen. Beide Todesopfer litten jedoch an schweren Vorerkrankungen, da die sogenannte Cyclosporiasis-Infektion normalerweise nicht lebensgefährlich ist. Alle Bundesstaaten meldeten Infektionen. In einigen Staaten wird Eisbergsalat aus Mexiko als mögliche Ursache vermutet. 
spiegel.de

Flughafen Leipzig/Halle: Drohnenfund sorgt für Einschränkungen 
In der Nacht zu Mittwoch hat der Flughafen Leipzig/Halle seinen Flugverkehr zeitweise eingestellt. Laut eines NATO-Sprechers wurde in der Nähe eines ukrainischen Flugzeugs eine Drohne entdeckt. Die Polizei stellte das Fluggerät sicher. Nach Angaben von Sicherheitskreisen sollen an der Drohne Sprengstoff und ein Zünder befestigt gewesen sein. Zudem fanden Beamte ein unbekanntes Objekt auf der Südbahn des Flughafens, das ebenfalls gesichert wurde.
tagesschau.de

Zug-Marokko-Streifen-Orange
Züge der marokkanischen Eisenbahngesellschaft ONCF haben orange Streifen (Quelle: Hans Lucas / Isabelle Souriment / Picture Alliance)

Endlich verständlich
Welches Heizungssystem würden sich die Deutschen am ehesten einbauen? Eine aktuelle Umfrage von Verivox zeigt ein klares Bild: 43 Prozent der Befragten würden sich eine Wärmepumpe einbauen lassen, falls ihre aktuelle Gasheizung nicht mehr repariert werden könnte. Auf Platz 2 folgt die Gasheizung mit 19 Prozent. Wie der aktuelle Stand rund um die Wärmepumpen ist, erfahren Sie hier.  
utopia.de

Fundstück
Ein US-Berufungsgericht hat Klimaschützern im Streit mit der US-Regierung recht gegeben. Letztere hatte milliardenschwere Klimaschutzprogramme gestrichen. Die von den gemeinnützigen Organisationen genutzten Fonds wurden damals vom früheren US-Präsident Joe Biden eingerichtet. Das Urteil gilt als Rückschlag für Donald Trump, der Bidens Bemühungen zur Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase rückgängig machen will. 
deutschlandfunk.de


Das heißt auch: Stimmt der Lebenslauf, so wie ihn die Politiker angeben? Wie wichtig das vor jeder Wahl ist, hat sich in den vergangenen Tagen an Ulrich Siegmund gezeigt. Der Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt machte nämlich ein ziemliches Geheimnis daraus, wo er studiert hat.

Vorab: Jetzt steht fest, die Angaben zum Studium des Rechtsextremisten Siegmund sind korrekt – er hat an der Euro-FH in Hamburg „Betriebswirtschaftslehre & Wirtschaftspsychologie“ studiert und mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Das bestätigte die Fachhochschule CORRECTIV.

Siegmund hatte aber zunächst in seinem Lebenslauf nicht angegeben, wo er studiert hat. Es kamen Fragen auf, es entbrannten Diskussionen in Sozialen Netzwerken, Medien recherchierten. 

Für das Interesse an seiner Biografie hatte der AfD-Mann wenig Verständnis, bei X schrieb er spöttisch nur: „Was wollt ihr noch wissen? Grundschulzeugnis? Lieblingsessen? Schuhgröße?“. Das sagt wohl auch einiges über sein Transparenz-Verständnis. Und natürlich vermuteten AfD-Leute direkt eine Schmierenkampagne gegen Siegmund.

Meine Meinung ist, dass niemand ein Studium abgeschlossen haben muss, um in der Politik mitwirken zu dürfen – eine größere Repräsentation von Arbeiterinnen und Arbeitern in Parlamenten wäre sogar wünschenswert. Wenn Kandidierende aber Angaben im Lebenslauf machen und etwa mit einem Studienabschluss in ihrer Biografie werben, dann muss es auch korrekt sein – und im Zweifelsfall muss man sich unangenehmen Fragen stellen. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert und Elena Müller.