In dieser Artikel-Serie werfen wir einen zweiten Blick auf aktuelle Ereignisse in Ländern, die in der deutschen Berichterstattung oft nur ein Schlaglicht bleiben. Gemeinsam mit lokalen Expertinnen und Experten fragen wir: Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stecken hinter den aktuellen Ereignissen, die wir in den Nachrichten sehen? Was bedeutet das für Demokratie und Medienfreiheit?
Am 17. Dezember 2025 kam es in Russland zu koordinierten Razzien in den Wohnungen indigener Aktivisten. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Indem die Durchsuchungen gleichzeitig begannen, konnten die Betroffenen einander weder warnen noch eine gemeinsame Gegenaktion koordinieren. Die Razzien folgten überall demselben Muster: Die Einsatzkräfte durchsuchten stundenlang die Wohnungen, verhörten Aktivisten, beschlagnahmten Computer, Handys und Dokumente und kündigten an, wiederzukommen.
Doch wie wurden indigene Aktivisten in den Augen des russischen Staates zu „Terroristen“? Diese Antwort reicht Jahrzehnte zurück.
Wer sind die „Indigenen kleinen Völker des Russischen Nordens”?
Russland wird in Deutschland häufig als eine homogene Gesellschaft wahrgenommen. Tatsächlich ist es jedoch ein multinationaler Staat mit 190 ethnischen Gruppen. Außerdem leben dort unabhängige indigene Gemeinschaften traditionell in ihren angestammten Gebieten. In einem Land mit 146 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern gibt es damit Völker, die nur noch wenige Hundert Menschen zählen.
Das russische Recht erkennt dabei die sogenannten „Indigenen kleinen Völker des Russischen Nordens“ an: 47 Bevölkerungsgruppen, die jeweils weniger als 50.000 Angehörige haben. Die meisten von ihnen leben in Sibirien und im Norden und Osten Russlands und stellen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung in ihren jeweiligen Regionen. Nach russischem Gesetz sollten diese Gruppen besondere Rechte an ihrem Land und natürlichen Ressourcen erhalten und ihre Kulturen und Sprachen gesetzlich geschützt werden.
Die Tschulymen beispielsweise, die entlang des Flusses Tschulym im Südwesten Sibiriens leben, umfassen nur 382 Menschen und nur noch zehn Personen sprechen die tschulymische Sprache. Die russischen Sámi, die auf der Kola-Halbinsel leben, zählen heute noch 1.390 Menschen. Seit Jahrhunderten hängen die Lebensgrundlagen dieser Gemeinschaften von der Fischerei, der Jagd und der Rentierzucht ab. Ihre Beziehung zum Land hat nicht nur ihre Lebensweise geprägt, sondern auch ihre Kulturen, Sprachen und ihr Verständnis von der Welt, wobei jede Gemeinschaft ihre eigenen Traditionen hat.
Die Sámi etwa bezeichnen sich selbst als „das Volk der acht Jahreszeiten“. Statt das Jahr in Frühling, Sommer, Herbst und Winter zu unterteilen, unterscheiden sie acht verschiedene Jahreszeiten, die den wechselnden Zyklen der Rentierzucht, der Fischerei und des Sammelns von Nahrung Rechnung tragen.
Diese Gebiete bilden jedoch das Herzstück der russischen Wirtschaft. Rund 85 Prozent des Erdgas- und ein großer Anteil des Erdölvorkommens des Landes werden auf Gebieten gefördert, die traditionell von indigenen Völkern bewohnt werden. Konflikte über Bergbau und die Erschließung von Öl- und Gasvorkommen werden daher häufig zu Konflikten um die Rechte indigener Völker. Der Klimawandel verschärft diesen Druck zusätzlich. Der Permafrostboden im russischen Norden hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten um bis zu zwei Grad erwärmt. Dadurch taut der Boden auf, der für Rentierhirten, Jägerinnen und Fischer Grundlage ist, um sichere Reise- und Weiderouten einzuschätzen.
Indigene Kulturen waren dabei schon immer darauf angewiesen, Wissen von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Während der Sowjetzeit wirkte die staatliche Bildung jedoch häufig in die entgegengesetzte Richtung. In der gesamten Sowjetunion wurden indigene Kinder regelmäßig ins Internat geschickt, die weit von ihren Familien entfernt lagen. Dort war Russisch die Unterrichtssprache, während indigene Sprachen als Hindernisse für die Integration gesehen wurden.
„Ich wurde in eine Familie von Rentierhirten und Fischern hineingeboren. Alle um mich herum sprachen Sámi. Doch als ich ein Kind war, beschloss meine Familie, dass ich die erste Person sein sollte, die eine reguläre Schulbildung erhält. Ich wurde in ein Internat geschickt, wo ich elf Jahre verbrachte. Dort verlor ich meine Sprache.“ Vyacheslav Shadrin, Vertreterin des samischen Volkes
Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion änderte sich alles.

Zehn Jahre Freiheit
Die 1990er-Jahre gelten in Russland oft als Jahrzehnt des politischen Chaos, aber auch als eine Zeit beispielloser Freiheiten für unabhängige Medien und die Zivilgesellschaft. Für indigene Völker wurden sie zu einer kurzen Phase der kulturellen und politischen Wiederbelebung.
International hatte die Anerkennung indigener Rechte gerade erst begonnen und die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker war noch nicht verabschiedet. Zwar hatten Länder wie Kanada, die USA und die nordischen Staaten bereits Systeme zur Anerkennung indigener Völker entwickelt, doch viele grundlegende Rechte – darunter das Recht auf Selbstbestimmung und Landrechte – waren weiterhin umstritten.
Russland bewegte sich in dieser Zeit überraschenderweise in eine progressive Richtung. Die Regierung verabschiedete Gesetze, die die indigene Selbstverwaltung anerkannten, wodurch die Gemeinschaften repräsentative Vertretungen einrichten und an Entscheidungen mitwirken konnten, die ihre traditionellen Siedlungsgebiete betrafen. Die vielleicht wichtigste Errungenschaft dieses Jahrzehnts war jedoch die neu gewonnene Freiheit, sich zu organisieren.
1993 gründeten indigene Gemeinschaften die Russische Vereinigung der indigenen Völker des Nordens (RAIPON). Sie vereinte Vertreterinnen und Vertreter von 40 indigenen Völkern. Zum ersten Mal arbeiteten indigene Führungspersönlichkeiten dieser kleinen Völker aus dem ganzen Land zusammen, reisten ins Ausland und tauschten sich mit indigenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt aus.
Außerdem wurde das sowjetische Internatssystem für indigene Kinder abgeschafft. Gemeinschaften erhielten das Recht, indigene Sprachen in die Lehrpläne lokaler Schulen aufzunehmen. Auch die Schulbücher begannen sich zu verändern.
„Unsere Kinder sahen ihr eigenes Leben in diesen Büchern nie abgebildet. Die Übungen handelten von Schwimmbädern und asphaltierten Straßen – Dingen, die Kinder in abgelegenen Dörfern noch nie gesehen hatten. In den 1990er-Jahren konnten wir eigene Schulen gründen und die Schulbücher verändern. Wir fügten Beispiele mit Motorbooten, traditionellen Spielen, der Zubereitung von Speisen, der Jagd und dem Fischen hinzu – Dinge, die sie tatsächlich kannten.“ Vyacheslav Shadrin, jukagirischer Aktivist
Ausländische Forscherinnen und Besucher begannen, indigene Gemeinschaften in ganz Russland zu bereisen. „Plötzlich wurde uns klar, dass unser Volk, unsere Sprache und unsere Traditionen einzigartig waren. Das hatte eine tiefgreifende Wirkung auf unsere Kinder. ‚Eine japanische Forscherin ist gekommen! Ein Amerikaner! Eine Deutsche! Jemand aus Dänemark!‘ Ausländer waren uns immer wie Menschen aus einer anderen Welt erschienen“, erinnert sich Schadrin.
Zwanzig Jahre Repression
Während der 2000er-Jahre stärkten viele Länder die Rechte indigener Völker und erkannten zunehmend ihr Recht auf Selbstbestimmung an. Russland hingegen bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Der Wandel vollzog sich nicht über Nacht. Wie viele andere Rechte in Russland wurde auch die Freiheit indigener Völker schrittweise abgebaut.
Der erste Schritt erfolgte mit dem, was Wladimir Putin als „Machtvertikale“ bezeichnete – ein System, das die politische Autorität in den Händen der Regierung zentralisieren sollte. Als sich die Macht zunehmend in Moskau konzentrierte, führten die föderalen Behörden einheitliche Gesetze zur Regelung von Land und natürlichen Ressourcen ein.
Für indigene Gemeinschaften hatte das weitreichende Folgen: Der Schutz ihrer traditionellen Gebiete wurde geschwächt, und sie verloren ihre Mitbestimmung über Land, von dem ihre Lebensgrundlagen abhingen. Aus dem Prinzip der Zustimmung wurde das der bloßen Benachrichtigung – sie wurden über Industrieprojekte informiert, konnten diese aber rechtlich nicht mehr verhindern.
Ausländische Agenten
In den folgenden Jahren verabschiedete der russische Staat eine Reihe von Gesetzen zu „ausländischen Agenten“ und „unerwünschten Organisationen“.
Erstmal hinderten die Gesetze Aktivisten nicht direkt an ihrer Arbeit. Stattdessen veränderten sie allmählich die öffentliche Wahrnehmung. Indigene Führungspersönlichkeiten, die jahrelang mit internationalen Organisationen zusammengearbeitet hatten, wurden plötzlich als Agenten ausländischen Einflusses dargestellt. Einige lokale Medien begannen, Artikel zu veröffentlichen, in denen suggeriert wurde, die aktivistische Arbeit gefährde die nationale Sicherheit Russlands. Die Kampagne ging bald über bloße Propaganda hinaus.
2012 ordnete das Justizministerium die Auflösung von RAIPON an, der größten indigenen Organisation Russlands. Stattdessen wurde eine neue Organisation mit loyalen Regierungsvertretern gegründet.
„Von diesem Moment an war bereits ganz klar, dass sich die Regierung aktiv in die Belange indigener Völker einmischte und die Rechte indigener Menschen als eine Frage der staatlichen Sicherheit betrachtete.“ Olga Podoplelova, Menschenrechtsanwältin
Als Reaktion auf diese neue Organisation gründeten Aktivisten eine neue Organisation namens „Aborigen Forum“und setzten ihre Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen fort. Doch ein Jahr später, 2014 nach der Annexion der Krim, hinderten Russische Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden indigene Führungspersönlichkeiten daran, zur ersten UN-Weltkonferenz über indigene Völker nach New York zu reisen.
Das Vorgehen war so unverhohlen wie nie zuvor. An Grenzkontrollen beschlagnahmten oder beschädigten die Behörden die Reisepässe der Aktivisten. Andere wurden schon auf dem Weg zum Flughafen aufgehalten. Und der Druck nahm zu. Aktivisten berichteten zunehmend von Überwachung durch die Sicherheitsdienste. An Treffen, zu denen früher Forscherinnen und Vertreter der Gemeinschaften gekommen waren, nahmen nun regelmäßig Behördenvertreter teil, die jede Diskussion überwachten.
Doch indigene Organisationen arbeiteten trotz der wachsenden Einschränkungen weiter. Sie organisierten Kulturprogramme, dokumentierten bedrohte Sprachen, verteidigten traditionelle Gebiete gegen industrielle Erschließung und vertraten ihre Gemeinschaften auf internationaler Ebene.
Dieser Handlungsspielraum verschwand jedoch, nachdem Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine begann.
Von Aktivisten zu Terroristen
Nach Februar 2022 wurden viele internationale Partner indigener Aktivisten, darunter Greenpeace und der WWF, zu „unerwünschten Organisationen“ erklärt. Einer nach dem anderen verließen sie Russland und ließen indigene Aktivisten zunehmend isoliert zurück. Die Behörden warteten nicht lange, bevor sie ihre Aufmerksamkeit denjenigen zuwandten, die geblieben waren.
Im Sommer 2024 wurden das „Aborigen Forum“ und zahlreiche andere indigene Organisationen als „extremistische Organisation“ eingestuft. Im Dezember gingen die Behörden noch einen Schritt weiter und nahmen das Forum in die offizielle russische Liste terroristischer Organisationen auf. Dadurch wurde gewöhnliches zivilgesellschaftliches Engagement indigener Menschen zu einer Straftat.
„Jedes Mal, wenn wir versuchten, eine Veranstaltung zu organisieren, stornierte der Veranstaltungsort unsere Buchung. Die Universität beendete ihre Forschungskooperation mit uns. Wir konnten aber weiterhin an internationalen Treffen teilnehmen und über Klimafragen sprechen – über Abholzung, Wasserverschmutzung und die Zerstörung unserer traditionellen Gebiete.“ Olga Kostrowa, tschulymische Aktivistin
Doch auch diese Möglichkeit verschwand bald und indigene Aktivisten in ganz Russland wurden zum Ziel einer der größten koordinierten Operationen, die jemals gegen ihre Gemeinschaften durchgeführt worden waren. Am 17. Dezember 2025 drangen Sicherheitskräfte in die Wohnungen von 17 Aktivistinnen und Aktivisten. Es war eine geplante Razzia – als würde man im ganzen Land gegen eine organisierte kriminelle Bande vorgehen.
Es folgten stundenlange Durchsuchungen und Verhöre, die Beschlagnahmung des Eigentums sowie die Drohung, wiederzukommen. Die Aktivistin Darja Egereva und die Menschenrechtsverteidigerin Natalja Leongardt wurden verhaftet. Die beiden befinden sich bis heute in Untersuchungshaft. Beide wurden wegen Beteiligung einer terroristischen Organisation angeklagt – darauf können bis zu 20 Jahre Haft stehen. Andere Aktivisten konnten das Land verlassen und leben nun im Exil.

Auf den zweiten Blick: Der Preis vom Sprechen
Heute haben die meisten indigenen Aktivisten, die ihre Gemeinschaften einst international vertraten, Russland entweder verlassen oder ihre öffentliche Arbeit eingestellt. Diejenigen, die in Russland geblieben sind, stehen vor einer unmöglichen Wahl: ihre Arbeit fortsetzen und eine strafrechtliche Verfolgung riskieren – oder schweigen.
Für viele ist das Exil zum einzigen Ort geworden, von dem aus sie weiterhin über die Rechte indigener Völker, den Umweltschutz und die Zukunft ihrer Gemeinschaften sprechen können. Darja Egereva und Natalja Leongardt befinden sich weiterhin in Untersuchungshaft. Ihre nächste Gerichtsanhörung ist für September angesetzt.
Gleichzeitig bereiten die russischen Behörden die Internationale Woche der Völker Russlands vor – eine Kulturveranstaltung, die demonstrieren soll, dass das Land die ethnische Vielfalt respektiert und weiterhin offen für die Zusammenarbeit mit indigenen Völkern ist. Die Veranstaltung wird vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB kuratiert.
„Als wir in den 1990er-Jahren zum ersten Mal indigene Völker aus anderen Ländern trafen, erfuhren wir, dass einige Aktivistinnen und Aktivisten wegen ihrer Arbeit inhaftiert worden waren. Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass so etwas jemals auch indigenen Menschen widerfahren könnte. Heute ist es unsere Realität.“ Vyacheslav Shadrin, jukagirischer Aktivist
Wie kann ich auf dem Laufenden bleiben?
- December 17 Case – Solidarity Campaign berichtet über das Strafverfahren gegen die indigenen Aktivistinnen Darja Egereva und Natalja Leongardt. Die Website der Kampagne bündelt Hintergrundinformationen, Kampagnenmaterialien, Social-Media-Kanäle sowie Möglichkeiten, die Aktivistinnen zu unterstützen.
- Arctida ist eine NGO die Analysen und Recherchen zu indigenen Völkern und zur russischen Arktis veröffentlicht. Die aktuellen Untersuchungen befassen sich damit, wie groß angelegte Infrastrukturprojekte in der russischen Arktis die indigene Bevölkerung beeinflussen und wie sich der Klimawandel auf Gemeinschaften auswirkt.
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Redigatur: CORRECTIV.Exile editorial team