Aktuelles

Sexuelle Belästigung beim WDR: Personalrätin erhebt Vorwürfe gegen Senderspitze

Beim WDR gibt es Streit. Die Chefin des Personalrats wirft der Spitze des Senders vor, die Verantwortung für fehlende Konsequenzen bei Fällen sexueller Belästigung zu tragen.

von Marta Orosz, Wigbert Löer

Nichts hören, nichts sehen? Beim WDR gibt es Streit um fehlende Konsequenzen bei sexueller Belästigung.© See more, hear more von tnsasse, lizensiert unter CC BY 2.0

Beim WDR gibt es Streit über den Umgang mit sexueller Belästigung. CORRECTIV und das Magazin „stern“ hatten in dieser Woche Fälle von sexueller Belästigung durch einen Auslandskorrespondenten aufgedeckt. Für den Reporter gab es kaum Konsequenzen.

Die Chefin des Personalrats des Senders Christiane Seitz trat am Freitag aus dem sogenannten Interventionsteam zurück, an das sich Opfer von sexueller Belästigung wenden können.

Anlass für den Rücktritt von Seitz ist die Reaktion des WDR auf unsere Recherchen. „Die Verantwortung wird auf den Kopf gestellt“, schreibt Seitz in einer internen E-mail an WDR-Mitarbeiter. Seitz will außerdem nicht länger an internen Richtlinien gegen sexuelle Belästigung mitarbeiten.

Machtlos gegen die Hierarchien?

Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger hatte eine Sprecherin des WDR gesagt, es sei Aufgabe des Interventionsteams, Vorwürfe von sexuellem Missbrauch zu prüfen und arbeitsrechtliche Konsequenzen vorzuschlagen. Diese würden dann von der Personalabteilung umgesetzt. Das erweckte offenbar den Anschein, die Spitze des Senders wolle die Verantwortung abwälzen.

Seitz schreibt, nicht der Personalrat, sondern die WDR-Führung sei dafür verantwortlich, dass Fälle von sexueller Belästigung nicht ausreichende Konsequenzen nach sich gezogen hätten. „Vorgesetzter des betreffenden Auslandskorrespondenten ist der Fernsehdirektor (Anm: Jörn Schönenborn), dessen Vorgesetzter ist der Intendant des Westdeutschen Rundfunks (Anm: Tom Buhrow).“

Seitz schreibt in ihrer Email weiter, dass der Personalrat gegenüber den Senderhierarchien machtlos gewesen sei.  „Der Personalrat (…) hat immer wieder vergeblich gefordert, im absolut hierarchisch geprägtem WDR eine wirklich umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten.“ Derartige Vorschläge, so Seitz, „wurden teils ins Lächerliche gezogen, teils als überflüssig oder ‘zu aufwändig’ erklärt.“

CORRECTIV und „stern“ hatten über den Fall eines WDR-Korrespondenten berichtet, der mehrere Kolleginnen sexuell belästigte. Die Frauen meldeten die Vorfälle dem Sender, woraufhin Chefredakteurin Sonia Mikich eine interne Aufarbeitung einleitete. Obwohl der Korrespondent die Vorwürfe teilweise einräumte, gab es kaum ernsthafte Konsequenzen. Er ist weiter für den WDR auf Sendung. Ein Vermerk in seiner Personalakte und eine Ermahnung waren die einzigen Folgen, die die Führungsebene für angemessen hielt.

Die Personalrätin Seitz fordert mit ihrem Rücktritt aus dem Interventionsteam grundlegende Änderungen im Umgang mit den Menschen und eine neue Unternehmenskultur.

„Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Personalratsvorsitzende ihre Mitarbeit im Interventionsteam eingestellt hat und können die Begründung nicht nachvollziehen“, teilte eine Sprecherin des WDR mit. Auf die konkreten Vorwürfe ging sie nicht ein.

Die Email der Personalrätin:

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

Falls Sie Hinweise haben und anonym bleiben wollen, können Sie unseren elektronischen Briefkasten nutzen. Oder schicken Sie Ihre Hinweise per Post: CORRECTIV, Singerstrasse 109, 10179 Berlin

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.