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Schweißer bei der Arbeit: Die Berufsaussichten in der Metallverarbeitung sind gut. Betrieben fällt es zunehmend schwer, ihre offenen Stellen zu besetzen. Foto: Unsplash
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Gute Chancen, aber nicht überall

Zu viele Experten in Heidelberg, zu wenige Fachkräfte in Günzburg und schlechte Aussichten für Geringqualifizierte im Kyffhäuserkreis: CORRECTIV.Lokal hat mit seinen Partnern vor Ort Daten der Arbeitsagenturen analysiert, nach Branchen und Qualifikation, für jeden Landkreis und jede kreisfreie Stadt. Sichtbar wird ein Arbeitsmarkt mit vielen Gesichtern.

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von André Ricci , Michel Penke , Justus von Daniels

Leipzig ist in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass die Stadt in diesem Herbst die Marke von 600.000 Einwohnern knacken dürfte. Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt: der Fachkräftemangel ist in der angesagten Metropole bei weitem nicht so ausgeprägt wie in vergleichbaren Städten in anderen Regionen. So berichtet das Stadtmagazin Kreuzer, ein Partner von CORRECTIV.Lokal, dass in Leipzig immerhin vier Bewerber auf eine offene Stelle als Bus- oder Straßenbahnfahrer kommen.

Netzwerk für Lokaljournalismus

Im Netzwerk CORRECTIV.Lokal arbeiten Journalisten und Journalistinnen aus dem gesamten Bundesgebiet gemeinsam an datengetriebenen und investigativen Recherchen. Beleuchtet werden Themen, die eine nationale Bedeutung haben und zugleich für die Menschen vor Ort besonders relevant sind.

Die Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes war in Deutschland immer groß. Stets rangierte sie weit vorn, wenn Bürger gefragt wurden, welche Ängste sie bedrücken. Doch laut der aktuellen OECD-Studie Risks that matter haben die Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes.

In der Sorgenliste der größten sozialen und wirtschaftlichen Risiken liegt Arbeitslosigkeit inzwischen nur noch für 23 Prozent der Befragten vorn, weit abgeschlagen hinter Themen wie Alterssicherung (76 Prozent) oder Kriminalität (47 Prozent). Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre hat also im kollektiven Bewusstsein Spuren hinterlassen. Die Menschen spüren, dass sich der deutsche Arbeitsmarkt in einem kurzen Zeitraum fundamental verändert hat.

Doch gibt es überhaupt noch den einen, den „deutschen Arbeitsmarkt“? In einer Zeit, in der sich die Lebensverhältnisse in Deutschland eher voneinander zu entfernen scheinen, die Unterschiede zwischen Land und Stadt, West und Ost so augenfällig sind?

Wir von CORRECTIV.Lokal sind überzeugt, dass regional differenzierte Berichterstattung immer wichtiger wird. Bei der Betrachtung des Arbeitsmarktes etwa sind die nationalen Durchschnittswerte das eine. Die konkrete Situation, die eine Arbeitnehmerin in Köln oder ein Handwerksbetrieb in der Prignitz vorfinden, das andere. Diese Komplexität wollten wir in Kooperation mit lokalen Partnern sichtbar machen, ohne dabei den Blick fürs Große und Ganze zu verlieren.

Wir haben uns daher in einem ersten Schritt vom Statistischen Bundesamt Daten der Arbeitsagenturen zusammenstellen lassen. Uns interessierte das Verhältnis zwischen offenen Stellen und Arbeitssuchenden, und zwar bis hinunter auf die Ebene aller 401 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands, aufgeschlüsselt nach Branchen und Qualifizierungsgraden. Das Ganze für die Jahre 2011, 2015 und 2018. Eine riesige Datenmenge.

Dieses umfangreiche Material haben wir visuell aufbereitet und unseren lokalen Partnern zur Verfügung gestellt. Neun Veröffentlichungen sind daraus entstanden. Ihre Leser können schnell herausfinden, wie die Situation in ihrem Landkreis oder ihrer Stadt ist. Sie können gezielt nach individuellen Bedürfnissen recherchieren und Vergleiche sowohl zwischen benachbarten als auch weit voneinander entfernten Kommunen anstellen.

Die Daten verdeutlichen den derzeit wohl wichtigsten Trend auf dem deutschen Arbeitsmarkt: den sich rasant entwickelnden Mangel an Facharbeitern. Insbesondere in manchen Kreisen Baden-Württembergs und Bayerns ist der Arbeitsmarkt regelrecht leergefegt. Zum Beispiel in Orten wie Lindau am Bodensee, Tuttlingen, Biberach oder Günzburg. Hier liegt die Zahl der unbesetzten Facharbeiterstellen bereits höher als die aller arbeitslos gemeldeten Facharbeiter. Aber nicht überall stellt sich die Situation für ausgebildete Arbeitnehmer so entspannt dar wie in der süddeutschen Provinz.

Im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern etwa werden Fachkräfte zwar ebenfalls teils händeringend gesucht, jedoch konzentriert sich der Mangel stark auf bestimmte Branchen, zum Beispiel im Bereich Energietechnik. Gesucht werde aber oft in ganz anderen Berufen, in der Landeshauptstadt Schwerin etwa nach Fachkraft-Jobs im Bereich Büro und Sekretariat, wie die CORRECTIV-Lokal-Partnerin Schweriner Volkszeitung in ihrer regionalen Datenanalyse hervorhebt.

Im benachbarten östlichen Niedersachsen haben die lokalen Partner von Uelzen Heute, Celle Heute und Böhme-Zeitung die Arbeitsmärkte der Landkreise Lüneburg, Uelzen, Celle und Heidekreis unter die Lupe genommen. Eine Sprecherin der Arbeitsagentur Lüneburg-Uelzen kommt zu Wort, zudem wird das lokale Projekt WelcomeCenter vorgestellt, das Fachkräfte und Azubis aus dem EU-Ausland in den Heidekreis locken soll. Im Hamburg-Ressort der ZEIT äußert sich Ökonom Thomas Straubhaar zu den Daten. Als weitere Partner des CORRECTIV.Lokal-Netzwerks berichten das Mindener Tageblatt von den Auswirkungen des Facharbeitermangels auf den Mühlenkreis Minden-Lübbecke im äußersten Nordosten von Nordrhein-Westfalen und die Neue Osnabrücker Zeitung darüber, welche Fachkräfte im Osnabrücker Land besonders begehrt sind. Für das Bundesland Schleswig-Holstein beantwortet diese Frage der Lokalpartner shz.de und für den Landkreis Waldeck-Frankenberg im Regierungsbezirk Kassel die Waldeckische Landeszeitung.

In den Metropolen mit ihrer jüngeren Bevölkerungsstruktur ist die Lage für arbeitslose Facharbeiter generell etwas weniger komfortabel. Allerdings gibt es unter den größten Städten erhebliche Unterschiede. Die Spanne reicht von Frankfurt am Main mit gerade einmal gut zwei Arbeitssuchenden pro Stelle bis zum Schlusslicht Berlin. In der Hauptstadt kommen im Durchschnitt gut sieben Suchende auf eine offene Facharbeiterstelle.

Beim Blick auf die Deutschlandkarte fallen zudem Gefälle zwischen Nord und Süd sowie West und Ost ins Auge, außerdem die besondere Situation im Ballungsraum Ruhrgebiet. Im Norden und Osten ist der Facharbeitermangel weniger flächendeckend als im Süden, zu erkennen an den dunkleren Flächen. Hier liegen Kreise und Städte, in denen es im Verhältnis zu den unbesetzten Stellen noch überdurchschnittlich viele arbeitssuchende Facharbeiter gibt. Je weiter man in den Süden schaut, je gleichmäßiger und heller wird die Fläche. Weniger stringent ist das Bild beim Blick von Ost nach West, denn ganz im Westen sorgen Städte wie Essen (sieben Arbeitssuchende pro offene Facharbeiterstelle), Duisburg (fünf pro Stelle) oder Wuppertal (sechs pro Stelle) für auffällige dunkle Tupfer.

Ein komplett anderes Bild bietet sich bei den sogenannten „Helfern“. Unter diesen Begriff subsumieren die Arbeitsagenturen gering- und unqualifizierte Arbeitnehmer. In diesem vielfach durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichneten Bereich des Arbeitsmarktes gibt es seit Jahren keine Besserung. Und das, obwohl die Wirtschaft zuletzt kräftig gewachsen ist und dem Arbeitsmarkt wegen der Alterung der Gesellschaft immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Die Zahl der Arbeitslosen stagniert seit mehr als einem Jahrzehnt bei bundesweit rund zwei Millionen – ungeachtet der Tatsache, dass die Zahl der Stellen auch im Helfersegment insgesamt angestiegen ist.

In keinem anderen Bereich des Arbeitsmarkts hängt zudem so viel davon ab, in welcher Region ein Mensch zu Hause ist. Im thüringischen Kyffhäuserkreis kommen 75 arbeitssuchende Helfer auf ein Stellenangebot, im fränkischen Landkreis Sonnenberg deutlich weniger als drei. Dabei liegen beide Kreise nur rund 80 Kilometer voneinander entfernt.

Die Daten beleuchten auch den akademischen Arbeitsmarkt für Spezialisten und Experten. Auf dem Land fehlen qualifizierte Bewerber. Stellen in Großstädten, Ballungsräumen und Universitätsstädten sind hingegen noch vergleichsweise gut zu besetzen. Die beliebteste Stadt der besonders gut ausgebildeten Experten ist übrigens Heidelberg. In der malerischen Stadt am Neckar mit ihrer altehrwürdigen Universität im Herzen kommen fast 18 arbeitssuchende Experten auf eine entsprechende offene Stelle. Im unweit gelegenen Main-Tauber-Kreis nicht einmal ein einziger.

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Wie betrifft Sie die Corona-Krise? Schreiben Sie uns

Mit unserem CrowdNewsroom sammeln wir Ihre Hinweise und Erfahrungen. Sie können uns helfen, zu berichten, wie sich die Corona-Krise im Beruf auswirkt.

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von Olaya Argüeso , Justus von Daniels

Die Coronavirus-Krise fordert uns alle heraus, besonders aber Mitarbeiter des Gesundheitssystems, die in dieser Notlage an vorderster Front stehen. Patienten und ihre Familien. Pädagogen, die nun Entscheidungen darüber treffen müssen, wie sie den Schülern helfen können, weiter zu lernen. Eltern, von denen viele jetzt von zu Hause arbeiten müssen, während sie sich um ihre Kinder kümmern. Behörden und Verwaltungen, die Notfallpläne entwickeln müssen. Beschäftigte im Dienstleistungssektor, deren Arbeitsplätze aufgrund notwendiger gesundheitlicher Vorkehrungen gefährdet sind, und Selbständige, die für Wochen ihr gesamtes Einkommen verlieren. Aber auch Beschäftigte, die ohne Sicherheitsvorkehrungen weiter arbeiten sollen.

Wie sind Sie beruflich von der Corona-Krise betroffen? Wir wollen Ihre Geschichten hören und aufschreiben. Wir wollen verstehen, wo Probleme auftauchen und berichten, was wir als Gesellschaft daraus lernen können.

Schreiben Sie uns unter folgendem Link in unserem CrowdNewsroom Ihre Erfahrungen, schicken Sie uns Hinweise auf Versäumnisse, die die Krise verstärken. Sie können sich in den nächsten Wochen auch mehrfach melden:

Wenn Sie Experte auf einem relevanten Gebiet sind und unseren Reporterinnen und Reportern bei ihren Fragen zum Coronavirus und seinen Folgen helfen möchten, würden wir uns ebenfalls freuen, von Ihnen zu hören.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit, um mitzumachen.

Für uns ist die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Journalismus sehr wichtig. Daher haben wir eine Plattform entwickelt, den CrowdNewsroom, auf der jede Einzelne gezielte Informationen zu einem Thema beitragen kann. Sie wissen am besten, wie die Lage vor Ort ist, welche Probleme auftauchen, wer sie verursacht und vielleicht auch, wie sie zu lösen sind. Daher stellen wir Ihnen ein paar Fragen und geben Ihnen die Möglichkeit, über Ihre Erfahrungen zu berichten oder auch Dokumente hochzuladen.

Mit Ihren Informationen recherchieren wir und berichten darüber. Es ist eine außergewöhnliche Zeit. Aus den vielen Geschichten kann am Ende eine Chronik über diese Zeit entstehen.

Teilen Sie diesen Aufruf, denn je mehr sich beteiligen, desto aussagekräftiger sind unsere Ergebnisse.

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© Ivo Mayr / Correctiv
Aktuelle Artikel

Konstruktiver Journalismus in Zeiten von COVID-19

Wie können wir alle die Methoden des konstruktiven Journalismus einsetzen, um zur Lösung der Corona-Krise beizutragen.

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von David Schraven

Worte sind entscheidend. Schau Dir diese beiden Schlagzeilen an:

Schlagzeile Links: Viele Ihrer Liebsten werden sterben. Schlagzeile Rechts: Zusammen können wir viele Leben retten.

Journalismus ist ein Filter zwischen der Realität und der öffentlichen Wahrnehmung der Realität, und Journalistinnen müssen sich fragen, ob sie nur die Dramatik des Geschehens wiedergeben oder auch die vielen Zwischentöne, Perspektiven und Hoffnungen im Verlauf der Krise darstellen wollen. Sie müssen sich fragen, was sie bewirken.

Wir müssen jetzt alle beweisen, warum Journalismus für das breite Publikum, die Gesellschaft und die Demokratie unverzichtbar ist. Die Coronavirus-Pandemie erfordert verantwortungsvolle Medien auf der ganzen Welt – nur gemeinsam können wir die Krise bewältigen, und Reporter müssen ihren Teil beitragen.

Konstruktiver Journalismus ist eine Grundhaltung, die den Fokus des Journalismus und der öffentlichen Aufmerksamkeit über den Schrecken der globalen Probleme hinaus lenkt und mögliche Lösungen für die Herausforderungen aufgreift, vor denen wir alle stehen.

Konstruktiver Journalismus ist dabei eine Ergänzung zu den beiden wichtigsten Arten der Berichterstattung: Den Meldungen (Breaking News) und der investigativen Recherche.

Es liegt auf der Hand, dass sowohl Meldungen (Breaking News) als auch investigative Recherchen für die Berichterstattung über die Coronavirus-Pandemie unerlässlich sind. In dieser schweren internationalen Krise sind sie notwendig, um die Menschen auf der ganzen Welt zu informieren und die Machthaber mit kritischem Journalismus für ihr Handeln oder Nichthandeln verantwortlich zu machen.

Was kann Konstruktiver Journalismus ergänzen?

Wir von CORRECTIV möchten Euch hier die Empfehlungen des Constructive Institute aus Aarhus in Dänemark zur journalistischen Arbeit weitergeben. Das Constructive Institute macht sich seit Jahren Gedanken daüber, wie eine verantwortungsvolle Berichterstattung aussehen kann. In Zeiten wie diesen können die Methoden des konstruktiven Journalismus Leben retten.

Dabei geht es nicht um bahnbrechend Neues. Einige der Empfehlungen mögen wie klassischer guter, gründlicher, kritischer und ausgewogener Journalismus erscheinen. Und das ist auch richtig so. Genau darum geht es beim Konstruktiven Journalismus: um gründlichen, kritischen und ausgewogenen Journalismus. Wir müssen uns dessen nur bewusst werden und entsprechend handeln.

Wir suchen Beispiele für Konstruktiven Journalismus:Das Constructive Institute entwickelt seine Empfehlungen zum Einsatz des Konstruktiven Journalismus in Zeiten von COVID-19 anhand von Beispielen. Viele davon stammen aus dänischen Medien, da das Constructive Institute seinen Sitz in Dänemark hat. Das Constructive Institute würde aber auch gerne von den guten Beispielen aus Deutschland hören – und wir von CORRECTIV möchten diese Beispiele weiterreichen.

Wenn Du also selbst eine Geschichte für Medien verfasst hast oder wenn Du Beispiele für konstruktiven Journalismus findest, sende uns diese gern zu.

Bitte schreibe eine kurze Zusammenfassung von nicht mehr als fünf Zeilen, in der Du angibst, worum es in der vorgeschlagenen Geschichte geht und auf welche Weise sie konstruktiv ist, und sende uns diese Zeilen – sowie den Link zu der Geschichte: konstruktiv@correctiv.org. Wir werden die Geschichten einschätzen und die besten Beispiele an das Constructive Institute weiterleiten, sowie hier veröffentlichen. DANKE!

Die 3 Säulen des Konstruktiven Journalismus

Über die erste Säule: Ziele auf Lösungen

Berichte nicht nur über Probleme, sondern auch über mögliche Lösungen für eben jene Schwierigkeiten.

Beispiel: Eine ganze Nation muss versuchen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Diese Artikel von Forbes, der New York Times und der Washington Post werfen die Frage auf, ob Länder wie die USA von den Erfahrungen anderer Nationen wie China und Südkorea lernen könnten. Natürlich muss ein Journalist kritisch nachfragen, mit welchen Methoden die in den Artikeln erwähnten Länder die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt haben. Dennoch enthalten die Beiträge Vorschläge zur Bekämpfung des Problems der unkontrollierten Verbreitung des Coronavirus, die andere in ihrem Lernprozess nutzen könnten.

Link: Forbes Link: New York Times Link: Washington Post

Beispiel: Zu Beginn der COVID-19-Ausbreitung in Dänemark war ein großes Problem, dass eine stetig wachsende Zahl von Patientinnen auf das Coronavirus getestet werden musste. Die Tests finden normalerweise in einem Raum innerhalb eines Krankenhauses statt. Dies bedeutete jedoch, dass das Personal nach jedem Test viel Zeit und Arbeitskraft aufwenden musste, um den Raum zu reinigen.

Im Universitätskrankenhaus von Aarhus fanden sie eine Lösung für das Problem, indem sie ein Drive-in-System einrichteten. Die Person, die getestet werden soll, begibt sich mit ihrem Auto in ein offenes Zelt neben dem Krankenhaus. Ein Mitglied des Personals geht zum Auto und führt einen Test durch, während die zu testende Person im Fahrzeug bleibt. Der Test wird anschließend im Labor zuende geführt, und die betroffene Person erhält innerhalb von 12 Stunden einen Anruf, ob sie infiziert ist oder nicht.

Diese Methode verringerte das Risiko der Verbreitung der Infektion innerhalb des Krankenhauses, nahm den Menschen ihre Ängste, wenn sie sich nicht ins Krankenhaus trauten, und obendrein sparte diese Lösung eine Menge Zeit, Arbeitsstunden des Personals und Geld. Der Beitrag unter diesem Link ist auf Dänisch, aber man kann sich leicht ein Bild von der Lösung machen, wenn man sich das Filmmaterial ansieht.

Link: TV2 Østjylland

Beispiel: Dieser Beitrag in der Zeitschrift zeigt, wie Wissenschaftlerinnen versuchen, den Ursprung und die Struktur des Coronavirus zu bestimmen, um eine mögliche Behandlungsmethode zu finden. Er beschreibt nicht nur das Problem, sondern zeigt auch das Engagement der Experten, eine Lösung zu finden. Das schafft Vertrauen.

Link: Nature

Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung erklärt in einem ausgereiften Text die Lehren, die Taiwan, Hong Kong, Singapore und South Korea aus dem SARS-Ausbruch gezogen haben, und zeigt, wie sie auf die Bekämpfung des Coronavirus angewendet werden. Der Artkel beschreibt den Wert verlässlicher Daten, ausgereifter Testreihen und schnellen Entscheidungen.

Link: Süddeutsche Zeitung

Über die zweite Säule: Achte auf Nuancen

1. Achte auf eine differenzierte und nuancierte Berichterstattung. Strebe nach der besten Version der Wirklichkeit, die verfügbar ist. Aber berichte auch über Fortschritte und Veränderungen.

Beispiel: Die dänischen Medien berichteten ausführlich über die erste dänische Person, die sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Es war ein Redakteur des Senders TV2, der in Italien Urlaub gemacht hatte.

Eine Woche später berichtete der Fernsehsender auch über seine Genesung, als er – mit der Begründung, dass er sich nicht wirklich krank gefühlt habe – zu seiner Familie zurückkehrte.

Diese Nachricht verdeutlichte die Tatsache, dass, obwohl ältere, kranke und vorbelastete Menschen Gefahr laufen, an dem Coronavirus zu sterben, die große Mehrheit der Infizierten eine vollständige Genesung erlangt. Der Beitrag ist auf Dänisch. Schau Dir den Clip „Forenet med familien“ unten an.

Link: TV 2

2. Vergewissere dich, dass Du zuverlässige Quellen ansprichst, d.h. rede mit Experten, die wissen, wovon sie sprechen.

Beispiel: Mit Unterstützung von Medizinexperten und niedrigschwelligen, oft unterhaltsamen Zitaten gibt dieser Artikel einen Überblick darüber, was jeder zu Hause machen kann und was Falschinformationen sind.

Link: Huff Post

Mit anderen Worten: Wähle immer Personen, die wissen, wovon sie sprechen – gebe Dich nicht mit weniger zufrieden.

3. Tappe nicht in die Falle, Prominente zu ihrer Meinung über den Virus zu befragen, obwohl sie nichts zum Thema beitragen können.

Beispiel: Der Manager des Liverpool Football Club, Jürgen Klopp, wurde von einem Sportreporter auf einer Pressekonferenz gefragt, wie er das Risiko des Coronavirus im Fußball einschätzt. Klopp antwortete sehr direkt, es mache überhaupt keinen Sinn, diese Frage einem „schlecht rasierten Fussball-Manager mit Baseballkappe“ zu stellen.

4. Überlege Dir, wie viel Du berichten willst.

Es ist selbstverständlich, dass in der gegenwärtigen, schweren Krise eine umfangreiche Berichterstattung notwendig ist. Aber die Priorität sollte eher auf der Qualität als auf der Quantität liegen. Konzentriere Dich eher auf Fakten als auf Gefühle. Frage Dich, ob der jeweilige Blickwinkel, den Du einnehmen möchtest, notwendig ist und tatsächlich einen Wert für die Leser oder Zuhörer hat.

Die WHO, die Gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen, hat diesen Aufruf Anfang März an die Nachrichtenmedien verbreitet:

„An die Medien: Ihre Rolle ist von entscheidender Bedeutung. Dies ist die Zeit für eine sorgfältige Berichterstattung aus offiziellen Quellen. Bei einem Ausbruch besteht Ihre Rolle nicht nur darin, einer Story nachzugehen, sondern einen öffentlichen Dienst zu leisten. Ihr Handeln ist in jeder Hinsicht eine Tat im Dienste der öffentlichen Gesundheit. Sie spielen eine wichtige Rolle beim Schutz der Gesundheit und des Wohlergehens Ihrer Mitmenschen.“

Dies entspricht dem Ratschlag, den die WHO an die Bürger gerichtet hat:

„Vermeiden Sie es, Nachrichten zu sehen, zu lesen oder zu hören, die Sie verunsichern oder verzweifeln lassen; informieren Sie sich nur aus vertrauenswürdigen Quellen und ergreifen Sie vor allem praktische Maßnahmen, um Ihre Pläne vorzubereiten und sich und Ihre Lieben zu schützen. Lassen Sie sich zu bestimmten Zeiten des Tages, ein- oder zweimal, über den aktuellen Stand der Dinge informieren. Der plötzliche und nahezu konstante Fluss von Nachrichtenmeldungen über einen Ausbruch kann bei jedem Menschen ein Gefühl der Besorgnis auslösen. Holen Sie sich die Fakten, nicht die Gerüchte und Fehlinformationen. Sammeln Sie in regelmäßigen Abständen Informationen von der WHO-Website und den Plattformen der örtlichen Gesundheitsbehörden, um Fakten von Gerüchten unterscheiden zu können. Fakten können helfen, Ängste zu minimieren.“

5. Vergewissee Dich, dass der von Dir präsentierte Fall repräsentativ für eine dokumentierte Entwicklung ist und nicht ein singuläres und außergewöhnliches Beispiel darstellt.

6. Wähle Deine Bilder mit Vorsicht aus.

Ja, ein Bild kann eine ganze Geschichte erzählen. Doch welche Geschichte willst Du erzählen, wenn Dein Bild alles erzählen kann. Die Spannbreite reicht von bedrückend beängstigenden Bildern von Menschen mit weißen Gesichtsmasken bis hin zu Bildern, die zeigen, wie Menschen durch Händewaschen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Überlege Dir genau, welche Signale Du senden willst.

Welches Bild würdest Du aus der einfachen Google-Suche unten auswählen, um den Virus zu veranschaulichen? Ein dramatisches oder ein neutrales Bild?

Link: Google

7. Achte auf Deine Sprache.

Bleibe ruhig im Tonfall. Wenn Du übertreibst, könntest Du Angst schüren. Frage Dich: Was bringt Dein Ausdruck?

Beispiel: Willst Du die Leser in Panik versetzen wie bei den Überschriften in diesen australischen Beispielen?

Daily Telegraph: „Chinesische Kinder bleiben zu Hause“
Daily Telegraph: „Virus-Mordpläne“
Herald Sun: „Virus-Doktor-Schock“
Daily Telegraph: „Sydneys Virus-Hölle“

8. Setze Deine Berichterstattung in Relation.

Eine Journalistin sollte sich natürlich immer bemühen, die einzelne Nachricht perspektivisch einzuordnen, sowohl international, historisch als auch im Vergleich. Dies ist besonders wichtig bei einer Krankheit, die für manche tödlich sein kann. Stelle Dir die Fragen: Wie können wir diese Krankheit mit früheren Pandemien vergleichen?
Warum wenden verschiedene Länder unterschiedliche Strategien an? Warum gibt es in den verschiedenen Ländern – relativ betrachtet – unterschiedliche Zahlen von infizierten Bürgerinnen und unterschiedliche Mortalitätsraten?
Die Perspektive ist entscheidend.

Beispiel: Dieser Artikel der Welt schaut aus der Makrosicht auf die Krise und versucht, den globalen wirtschaftlichen Schaden abzuschätzen, den die Katastrophe ausgelöst hat. Dabei ordnet der Journalist die aktuelle Krise in die drei größten Finanzkrisen der vergangenen 100 Jahre ein, um aufzuzeigen, was man aus der Geschichte lernen kann.

Link: Die Welt

9. Versuche, die Komplexität zu erfassen.

Es versteht sich, dass sich ein Journalist um ein tiefes Verständnis des Themas, über das er berichtet, bemühen sollte. Der Zeitdruck in den Nachrichtenredaktionen stellt dieses Ideal jedoch oft in Frage.

Besonders im Fall der Corona-Krise, in dem die Genauigkeit der Berichterstattung den Grad der Angst verstärken oder abschwächen kann, ist es unerlässlich, dass Journalistinnen mehr denn je versuchen, etwas über die komplexen epidemischen, medizinischen und physischen Elemente der Verbreitung des Coronavirus zu erfahren.

Beispiel: In einer frühen Meldung zur Krise ging es um die zu erwartende Sterberate bei Erkrankung am Coronavirus. Einige Medien berichteten, dass die Sterblichkeitsrate auf 3,4 Prozent bei Personen mit Coronainfektion geschätzt wurde. Diese Meldung ging auf Aussagen auf einer Pressekonferenz der WHO zurück.

Tatsache ist aber, dass sich die geschätzte Sterberate von 3,4 Prozent auf die Zahl aller bestätigten Fälle des Coronavirus bezog. Das ist nicht die Rate in Bezug auf alle infizierten Fälle. Da gibt einen Unterschied.

Nach Angaben der dänischen Gesundheitsbehörden wird die Sterberate aller Corona-Infizierten auf 0,3 – 1,0 Prozent geschätzt. Also eine viel geringere Zahl.

Journalistinnen sollten außerordentlich sorgfältig darauf achten, dass die Zahlen und Definitionen stimmen.

Hier ist eine Story aus der größten dänischen Zeitung Politiken, die zu erklären versucht, wie die Sterberaten zu verstehen sind.

Link: Politiken

10. Stütze Deine Arbeit als Journalist oder Journalistin auf Fakten und sei Dir besonders bewusst, dass sich die Fakten jeden Tag ändern können.
Natürlich muss jede Nachricht auf Fakten basieren. In diesem Fall ändern sich die Fakten jedoch schnell, da die Zahlen stündlich steigen oder sinken. Hinterfrage Dich und Deine Fakten also ständig. Versuche Fakten aufzugreifen, die wesentlich und leicht verständlich sind.

Beispiel: Diese Abbildung illustriert, was passiert, wenn die Regierung Maßnahmen zur Ausbreitung des Coronavirus ergreift – oder wenn nicht. Die entscheidende gestrichelte Linie stellt dabei die zur Verfügung stehenden Ressourcen des Gesundheitssystems dar.

Über die dritte Säule: Fördere die Debattenkultur

1. Beziehe Menschen ein.

Beispiel: Der schwedische Fernsehsender SVT richtete eine Sondersendung ein, in der medizinische Expertinnen Fragen zum Coronavirus beantworteten. Der Sender lud das Publikum ein, seine Fragen per E-Mail oder Textnachricht zu stellen.
Der Moderator der Sendung übergab die Fragen dann an eine medizinische Expertinnengruppe, während die Fragen auf dem Fernsehbildschirm angezeigt wurden. Auf diese Weise wurden die gewöhnlichen – und außergewöhnlichen – Fragen der allgemeinen Bevölkerung ernst genommen.

Jede Nachrichtenorganisation könnte dies tun. Die Rolle der Presse wird wichtig, wenn es darum geht, konkrete Antworten auf konkrete Fragen zu vermitteln, anstatt das Ganze dem Hörensagen der sozialen Medien zu überlassen.

Link: Swedish TV

In Deutschland haben viele Medien entsprechende Zuschauer- oder Leserseiten eingerichten. Als ein Beispiel eine Sonderseite des WDR:

Link: WDR

2. Nutze verschiedene Plattformen, um die Menschen zu erreichen.

Finde Wege, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Erwäge eine Zusammenarbeit mit Schauspielern, Musikerinnen, Influencerinnen oder Animateuren, um Ratschläge und nützliche Informationen zu verbreiten.

In Vietnam beispielweise wurde Kindern und Jugendlichen die Gefahr des Coronavirus und die Art und Weise der Bekämpfung mit Hilfe eines Videos erklärt, das selbst viral ging.

Link: Euronews

3. Beantworte die Fragen der Menschen.

Beispiel: Sobald der dänische Premierminister die Grenzen Dänemarks am 12. März geschlossen hatte, wurde das Personal des regionalen Fernsehsenders TV2 Fyn neu aufgeteilt. Die eine Hälfte sollte Sendungen produzieren. Die andere Hälfte sollte Antworten von Expertinnen auf die Fragen finden, die die Zuschauer über das Online-Tool Hearken an den Fernsehsender stellten.

Der Redaktionsleiter Lasse Hørbye Nielsen nennt diese Arbeit „People Service“:

„Als Leiter des Projekts habe ich meine Arbeit als Journalist noch nie so sinnvoll empfunden wie jetzt.“

Beispiele für die Arbeit des Senders finden Sie hier: TV2 Fyn

Zusammenfassung:

Konstruktiver Journalismus in Zeiten der Corona-Krise ergänzt Meldungen und investigative Recherche. Es geht darum, sich auf den Zweck des Journalismus zurückbesinnen: Wir wollen durch kritische und konstruktive Beiträge zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen.

Der dänische Gesundheits-Reporter, Lars Igum Rasmussen (Politiken), schrieb seinen Kollegen am 11. März:

„Kritische Fragen sind weiter notwendig, aber unsere Perspektive und Berichterstattung ist wichtig. Wir müssen informieren, klären, erklären und ja, kritisch sein, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt. Wir dürfen eine mögliche Epidemie nicht überbewerten oder herunterspielen. Wir müssen neutral berichten, aber wir befinden uns in einer ziemlich außergewöhnlichen Lage, die auch andere Methoden erfordert, als wir es bislang gewohnt sind.“

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ZDFChina
(Foto: journalist)
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Hey, Auslandsberichterstattung – Wir müssen reden!

In ZDF-Beiträgen aus dem arabischsprachigen Raum, aus Russland und China sind uns in Übersetzung von Gesprächspartner der Journalisten Fehler und Ungenauigkeiten aufgefallen. Der Sender hat nach den Recherchen angekündigt, seine Übersetzungspraxis zu überprüfen. Wir wollen über Auslandsberichterstattung diskutieren. Erfahren wir, was wirklich wichtig ist?

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von Bassel Alhamdo , Marcus Bensmann , Frederik Richter , David Schraven

Wir wollen über Kriterien der Auslandsberichterstattung diskutieren. Am 6. April 2020 um 16.00 Uhr laden CORRECTIV und der journalist zu einer Podiumsdiskussion in die Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung (Französische Straße 32). Alle Infos hier.

Als Hans-Ulrich Gack, der Leiter des ZDF-Studios in Kairo, 2017 den renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhielt, war der Laudator voll des Lobes: Er sei einer, der dort sei, wo Konflikt und Krieg erfahrbar werde. Ohne sich anzubiedern oder sie gar als Kulisse für Egotrips zu missbrauchen, gebe der Journalist den Betroffenen vor Ort Stimme und Gesicht.

Vielleicht hat Gack den Betroffenen aber auch zu viel von seiner Stimme gegeben. Nach Recherchen von CORRECTIV und journalist stimmen in mehreren seiner Berichte die ausgestrahlten Zitate der arabischen Gesprächspartner nicht mit der Übersetzung durch Gack überein. Teilweise sollen die Aussagen an anderer Stelle im Gespräch gefallen sein. In einem Fall musste das ZDF einräumen, dass einem Gesprächspartner ein Zitat zugeordnet wurde, das nicht von ihm ist.

Ist das wichtig? Auf den ersten Blick mag die Diskussion spitzfindig erscheinen. Ist es relevant, ob Zitate in einem Fernsehinterview mit einem Gesprächspartner, dessen Sprache die Zuschauer nicht verstehen, so wiedergegeben werden, wie sie gefallen sind? Oder können Inhalte gerafft und zusammenmontiert werden? Ist der Originalton eines Gesprächspartners, den man im Bild sieht, ein Dokument? Oder nur eine Kulisse für Worte, die in den Mund gelegt werden?

Es geht hier nicht um die Frage, wie korrekt ein einzelner Journalist arbeitet. Es geht um eine grundsätzliche Praxis bei Fernsehinterviews in fremden Sprachen: Müssen der gesendete Ausschnitt und die deutsche Übersetzung einander entsprechen? Oder darf der Korrespondent sich frei aus verschiedenen Stellen des Gesprächs bedienen – und die Übersetzung einfach mit einem sprechenden Gesicht bebildern?

Eine offensichtlich weit verbreitete Praxis in den deutschen Medien steht damit zur Diskussion. Denn das ungenaue Zitieren ist angreifbar. Die freien Übersetzungen könnten genutzt werden, um Zweifel an der gesamten Berichterstattung zu säen. Sie können Argumente für Lügenpresse-Vorwürfe liefern. Und damit die Glaubwürdigkeit der ganzen Branche untergraben.

Klare Haltung der BBC

Die Haltung der BBC ist deswegen klar: Nein – es dürfen keine Aussagen aus Interviews über ein beliebiges Bild des Interviewten zusammenmontiert werden. Diese Praxis verfälsche den Zusammenhang von Interviews. Das Wort des britischen Senders hat Gewicht. Die BBC gilt als Goldstandard der Auslandsberichterstattung. Im täglichen News-Dienst werden 42 Sprachen verarbeitet. Die Haltung deutscher Sender ist weniger eindeutig.

Natürlich gibt es die Extrembeispiele. Da ist der Fall Relotius etwa, in dem ganze Geschichten frei erfunden wurden. Weniger prominent ist ein Fall eines Reporters des Deutschlandradios, der monatelang O-Töne manipuliert hat, um so zu tun, als sei er vor Ort gewesen. Er mischte fremde Interviews mit atmosphärischen Elementen.

Im Fernsehen sollten Manipulationen eigentlich nicht möglich sein. Interviews kann man verstehen. Doch gerade bei der Auslandsberichterstattung fallen immer wieder Ungereimtheiten auf. Sei es bei Berichten aus dem arabischsprachigen Raum, aus Russland oder China.

Es geht hier nicht um den großen Skandal. Es geht um fragwürdige Instrumente im täglichen Handwerk. Die Frage, die sich in der Auslandsberichterstattung stellen muss, lautet: Wie wichtig ist, es in den Reportagen aus dem Ausland genau zu zitieren? In einer Welt, in der immer mehr Menschen die Originalsprache verstehen und sich wundern, wenn das übersetzte Wort im Zitat nicht mit dem Originalzitat übereinstimmt. In einer Welt, in der die ausgestrahlten Geschichten keine Grenzen mehr kennen. Kleine Schlampereien türmen sich übereinander, bis sie in den Augen immer größerer Kreise zu einem grundsätzlichen Fehler der Medien werden: zur Lügenpresse.

Kurz gesagt: Es geht um das Handwerk, mit dem uns das Bild unserer Welt vermittelt wird.

Ungereimtheiten: verdichtet oder erdichtet?

Wer arabisch spricht und genau hinhört, kommt etwa bei Berichten des Reporters Hans-Ulrich Gack immer wieder ins Stutzen. Zwei Beispiele: Am 30. Juni 2018 beschreibt Gack im heute journal die Situation in Syrien nach dem Fall der Oppositionshochburg Daraa. Bei Minute 1:07 lässt er einen Experten zu Wort kommen. Er zitiert ihn mit den Worten: „Daraa hat für das Regime enorme Symbolkraft. Hier hat der Aufstand 2011 begonnen. Hier wird er jetzt demonstrativ zermalmt. Das soll allen klar machen, dass Opposition in Syrien keine Zukunft hat.“

Im Original spricht der Experte arabisch und sagt: „Daraa hat für Al-Assad Regime enorme Symbolkraft, hier hat der Aufstand 2011 begonnen.“

Anders als in der Übersetzung von Gack sagt der Experte im Bild nicht, in Daraa werde der Aufstand demonstrativ zermalmt, um allen klar zu machen, dass die Opposition in Syrien keine Zukunft habe. In einer Stellungnahme teilt das ZDF mit, der Interviewpartner habe die fehlenden Worte an anderer Stelle im Interview gesagt. Gack habe die Aussagen in der Übersetzung gerafft.

Am 24. März 2018 berichtet Gack in der ZDF-Nachrichtensendung heute aus Ägypten vor der Präsidentschaftswahl und spricht mit einem Autofahrer. Laut seiner Übersetzung sagt er: „Ich habe alle Revolutionen mitgemacht in der Hoffnung auf Wohlstand, sagt er, und nun explodieren die Preise. Lebensmittel sind fast Luxus. Immerhin das Land ist sicherer geworden, keiner hat Angst auf die Straße zu gehen, glaubt er.“

Übersetzt man das schwer zu verstehende Arabisch des Autofahrers direkt, versteht man: „Für mich ist alles teuer geworden. Wir können uns nichts leisten. Jetzt ist es nicht wie damals. Du musst die Sachen mit zwei oder drei multiplizieren.“

Es ist nichts davon zu hören, dass er sagt, Ägypten sei sicherer geworden. Auch hier sagt das ZDF, die Aussagen seien in dem O-Ton zusammengerafft worden.

Ein Zuschauer, der die arabisch sprechenden Menschen versteht, könnte die von Gack präsentierte Übersetzung als Manipulation des Zitates verstehen.

Das ZDF bestreitet auf Nachfrage eine Verfälschung: Der Zeuge habe die Aussagen inhaltlich an anderen Stellen im Interview gemacht. Der Reporter habe den Inhalt des gesamten Interviews nur in der Übersetzung auf das eine Zitat im Bild verdichtet. Hans-Ulrich Gack hat nicht direkt auf Anfragen geantwortet.

Und es bleibt die Frage, warum der Reporter die Inhalte dann nicht als indirektes Zitat gebracht hat, sondern so, als wären sie eine wörtliche Rede im O-Ton.

Ein „eindeutiger Fehler“

Wir haben dem ZDF insgesamt sieben Beispiele geschickt, in denen die arabischen Originalaussagen nicht mit den Übersetzungen übereinstimmen. Der Sender antwortete uns, dass die zuständige Redaktion sie „genau überprüft“ habe: „Die jeweiligen Aussagen sind in den Original-Interviews eins-zu-eins zu finden, die O-Töne wurden aber in Teilen auch zusammengefasst. Diese Zusammenfassung zentraler Interviewaussagen ist nicht nur den Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Sprachspezifika, wie beispielsweise Füllwörtern etc. geschuldet, sie folgt in den von Ihnen genannten Beispielen auch dem Ziel, möglichst viele Aspekte des Interviews in einem kurzen Bericht wiederzugeben.“

In einem Fall war es allerdings anders. Im heute journal vom 17. Juni 2017 interviewt Gack ein Mädchen in einer Schule in Mosul zum Thema „Kindersoldaten in Mosul“. Es sagt angeblich: „Die Lehrer des IS haben uns gezeigt, wie Waffen funktionieren, wie man sie einsetzt, wie man einen Selbstmordanschlag begeht, und sie haben gelehrt, dass Allah den Tod im Kampf gegen den Heiden mit dem Paradies belohnt.“

Mit etwas Anstrengung kann man als Original hören: „Nein, also sie waren, es gab was [unverständlich], zum Beispiel, sie sagen uns: ‚Es gibt zwei Selbstmordattentäter, einer von denen hat sich in die Luft gesprengt, wie viele davon sind übrig? Ein Selbstmordattentäter ist in den Bezirk der Rawafed [Anmerkung: Rawafed sind Schiiten] gegangen und hat sich in die Luft gesprengt; wie viele Selbstmordattentäter sind übrig geblieben und so.“

Das Kind sagt also nicht, dass der IS den Kindern den Einsatz von Waffen gezeigt hat oder wie man einen Selbstmordanschlag begeht. Das Mädchen hat auch nicht das Paradies oder eine Belohnung durch den IS erwähnt. Sie hat stattdessen von makabren Matheaufgaben der IS-Lehrer berichtet.

Hier räumt das ZDF einen „eindeutigen Fehler“ ein, für den sich der Sender auf unsere Nachfrage entschuldigt: Nicht die gezeigte Schülerin, sondern eine Lehrerin habe berichtet, dass Schülerinnen und Schüler zeitweise nicht zur Schule kamen, aus Angst, von den Kämpfern des sogenannten IS rekrutiert zu werden, um Gewalttaten zu begehen und Selbstmordanschläge zu verüben.

Das ZDF hat die Berichtigung auf seiner Korrekturen-Seite nach unserem Hinweis veröffentlicht – wo sie allerdings, nachträglich beim Sendedatum 17. Juni 2017 einsortiert, kaum jemand entdecken dürfte. Uns schreibt der Sender: „Solche Fehler sind leider im aktualitätsgetriebenen journalistischen Alltag nie ganz zu vermeiden – und unter den Bedingungen eines Kriegs- und Kriseneinsatzes wird das nicht einfacher.“

Das Wichtige gekürzt

Aber nicht nur im arabischen Raum finden sich Schwierigkeiten mit Übersetzungen. Im Moskauer Büro des ZDF gibt es zumindest vereinzelt Besonderheiten. Bei einer Stichprobe der Berichte des Korrespondenten Bernhard Lichte fiel zum Beispiel auf, dass manches Mal die O-Töne der russischsprachigen Zitatgeber bis zur Unkenntlichkeit heruntergedreht waren. Und über diese nicht nachprüfbare Stille wurden dann Übersetzungen gelegt. Es lässt sich nicht mehr nachvollziehen, ob die Zitate mit dem Gesagten übereinstimmen.

In vielen Fällen stimmen die verständlichen O-Töne mit den Übersetzungen überein. In einem Fall aber entspricht die Übersetzung nicht dem Gesagten im O-Ton. Es geht um einen Beitrag Bernhard Lichtes für die heute-Nachrichten zur Ermordung des prorussischen Separatistenführers Alexander Sachartschenko in Donezk am 31. August 2018.

In der zweiten Minute tritt dort der Separatistenführer Denis Puschilin auf. Lichte leitet dessen Zitat mit einer angeblichen „Drohung“ ein. Dann übersetzt der Journalist den O-Ton Puschilins so: „Dies war die jüngste Aggression der Ukraine. Donezk wird dieses Verbrechen rächen.“ Tatsächlich sagt Puschilin in dem O-Ton: „Pri akt agressie is stornji Ukrainie pogib glava narodni respublik Alexander Sachartschenko v resultate srifa kotorij proshel.“ Wörtlich übersetzt heißt das: „Bei diesem Akt der Aggression von Seiten der Ukraine starb der Kopf der Volksrepublik Alexander Sachartschenko als Resultat einer Explosion, die geschah.“

Im O-Ton selbst ist nicht die Rede von „Rache“. Auch von einer „Drohung“, mit der Lichte den O-Ton eingeleitet hatte, ist nichts zu hören. Beide Formulierungen sind nicht durch das gesendete Zitat gedeckt. Auf Nachfrage gibt das ZDF an, der O-Ton mit Puschilin sei dem ZDF von der Nachrichtenagentur Associated Press geliefert worden. In dem beigefügten, auf Englisch übersetzten Transkript der Agentur ist tatsächlich von einer Drohung und Rache die Rede. „The Donetsk People’s Republic will definitely take revenge for this crime by Ukraine.“

Das ZDF teilt mit, der Korrespondent sei kurzfristig gebeten worden, den Beitrag für die 19 Uhr-Nachrichten zu kürzen. Dies habe er beim O-Ton von Puschilin getan. Er bedauere, dass dadurch die Rachedrohung aus dem Original im O-Ton weggefallen sei. „Es handelt sich nicht um böse Absicht“. Der Autor sei selbst darüber nicht glücklich, dass ein wichtiger Satz fehle. Das ZDF sehe keinen Anlass für einen Vorwurf, dass es sich „hierbei um verfälschende Berichterstattung“ handele.

„Genauigkeit und Authentizität“

Hält der Sender die Praxis grundsätzlich für zulässig, Aussagen von anderen Stellen über irgendwelche O-Töne zu legen? Das ZDF antwortet: „Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um Transparenz in der journalistischen Arbeit haben wir […] noch einmal mit den Korrespondenten vereinbart, bei der Verwendung von Interviewaussagen in der deutschen Übersetzung auf direkte Übersetzung des im O-Ton Gesagten zu achten, andere Aussagen von Interviews fließen dann in den Beitragstext ein.“

Unsere Hinweise seien „Anlass, erneut die Qualitätsstandards zu überprüfen“. Auf nochmalige Nachfrage stellt der Sender klar, es sei „nicht gängige Praxis in der Berichterstattung des ZDF, einen O-Ton als Zusammenfassung mehrerer anderer Interviewaussagen“ zu verwenden: „Der O-Ton ist ein direktes Zitat, dabei gilt – auch bei Übersetzungen – das journalistische Kriterium der Genauigkeit und Authentizität in der ZDF-Berichterstattung. Eine Überprüfung der korrekten Übersetzung von O-Tönen erfolgt – je nach Sprachkenntnissen – im Team vor Ort im ZDF-Auslandsstudio (Producer, Kameramann, Cutter, Korrespondent).“

Bei weiteren Stichproben im chinesischen Auslandsbüro des ZDF fallen ähnliche Ungenauigkeiten auf. In einem Bericht des Pekinger Korrespondenten Ulf Röller über die Pressefreiheit vom 29. Oktober 2019 sagt ein Gesprächspartner laut Röller: „Ich vermisse, wie es früher war, damals hatten die Journalisten mehr Freiheiten. Es gab kritische Berichte.“ Hört man das heruntergedrehte Chinesisch ab, versteht ein der Sprache Kundiger: „Wir vermissen die Zeit wie vor etwa zehn Jahren. Damals war die chinesische Gesellschaft noch lockerer. Die chinesischen Journalisten damals waren noch freier.“ Es fehlt der Satz: „Es gab kritische Berichte“.

Ein weiteres willkürlich herausgegriffenes Beispiel aus China, diesmal aus dem Dezember 2018: Es geht um Männer, die Flirtunterricht bekommen. Autorin ist Stefanie Schoeneborn. Die Worte einer jungen Frau werden übersetzt mit: „Meine Eltern wünschen sich, dass ich einen älteren, also einen soliden und reifen Mann finde, der sich auch wirklich um mich kümmern kann.“

Im chinesischen Original ist verstehbar: „Meine Eltern sagen mir immer, auf was für eine Art (Mann) sie bei mir hoffen, aber ich bin ja jetzt auch noch nicht besonders alt.“

Kleine Unterschiede, die keine Rolle in der Berichterstattung spielen? Ist das Ganze nicht egal, weil der Durchschnittszuschauer sowieso nicht versteht, was im Original gesagt wird? Und die Sinnzusammenhänge ja an anderer Stelle im vollständigen Interview an irgendeiner Stelle gesagt werden? Ein weiteres Beispiel aus China. Diesmal in einem Bericht von Ulrike Maria Haak über den Schriftsteller Ma Jian.


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Der Autor wird bei Minute 3:42 übersetzt mit: „Sie haben nicht nur vor mir und meinen Büchern Angst, sondern vor jedem, der die Wahrheit über China ausspricht. Xi Jinpings Angst hat die Medien auf absolute Parteilinie gebracht. Schriftsteller, die sich trauen, China zu kritisieren, werden unterdrückt, überwacht, sie verschwinden, werden vernichtet. Regimekritische Rechtsanwälte stehen in China entweder unter Hausarrest, oder sie sitzen im Gefängnis.“

Im chinesischen Original sagt er: „Tatsächlich sind sie sehr ängstlich, ängstlich nicht nur vor diesem Buch, sondern ängstlich vor allen Büchern, die die Wahrheit zeigen. Xi Jingpings Angst wird die Kontrolle der öffentlichen Meinung stärken. Im Umkehrschluss wird er uns Schriftsteller, die es wagen zu sprechen, die es wagen, ihre Freiheit zum Ausdruck zu bringen, noch mehr unterdrücken, beseitigen oder sogar verschwinden lassen.“

Der letzte Satz im Bericht des ZDF kommt im Originalzitat nicht vor: „Regimekritische Rechtsanwälte stehen in China entweder unter Hausarrest, oder sie sitzen im Gefängnis.“ Das ZDF teilt dazu mit, die Producer im ZDF-Studio in Peking gingen sehr sorgfältig mit ihren Übersetzungen um.

„Die Kritik an der beanstandeten Passage ist nachvollziehbar, wenn man diese Passage isoliert betrachtet. Dem ZDF-Korrespondenten ging es darum, aus dem langen Interview, das er mit dem Protagonisten geführt hatte, auch zu vermitteln, wie sein Gesprächspartner unter dem Druck der Regierung leidet. Deshalb hat er sich an der genannten Stelle für die sinngemäße Übersetzung entschieden.”

Zusammenziehen „für die Klarheit“

Sind die beschriebenen Lücken normale Praxis in der Auslandsberichterstattung? Die RTL-Auslandskorrespondentin Antonia Rados sagt: „Übersetzungen von Interviews in einem fremden Land sind schwierig. Man muss sich auf einen Übersetzer verlassen. Es gibt kulturelle Feinheiten, die bei einer Übersetzung verloren gehen können.“ Dabei könne es durchaus Sinn machen, Aussagen aus einem ganzen Interview in einem Zitat im Bild „der Klarheit wegen“ zusammenzuziehen, „solange der Sinn der Aussage nicht verzerrt wird“. Das Ziel sei immer, „so präzise wie möglich ein Zitat zu bringen“.

Auch die Redaktion von Tagesschau und Tagesthemen verlangt von ihren Korrespondenten nicht, dass die gezeigten O-Töne und die Übersetzungen einander immer entsprechen müssen. Der damalige Chefredakteur Kai Gniffke (inzwischen Intendant des SWR) schreibt uns: „ARD-aktuell legt großen Wert auf die korrekte Übersetzung von Aussagen der Akteure bei bestimmten Ereignissen. In der Regel sollte die gezeigte Bildsequenz auch die Passage eines fremdsprachigen Interviews/Statements dokumentieren, deren Text dann vom Korrespondenten absolut einwandfrei übersetzt wird.

Allerdings gehört es zu den Tücken des Fernsehens, dass in einigen Fällen nicht jede Aussage im Bild dokumentiert wird, die von einem Akteur geäußert wurde und die für das Ereignis relevant ist. In diesen Fällen akzeptieren wir, dass der Korrespondent die Aussage eines Akteurs übersetzt, während im Bild ein anderer Ausschnitt der Aussage dokumentiert wird. Selbstverständlich muss sichergestellt sein, dass die Aussage so gefallen ist. Das gehört zu den unerlässlichen Qualitätsstandards von ARD-aktuell.“

Wir haben in der Folge mehr als 30 Berichte der Tagesschau überprüft, ob in den O-Tönen der Tagesschau auch das auf Arabisch gesagt wurde, was in der Übersetzung ausgestrahlt worden war. In allen Fällen dieser Stichprobe stimmten Übersetzungen mit dem O-Ton überein. Dies ist bemerkenswert – hätte doch die Leitung des Hauses das Zusammenziehen von Zitaten im begründeten Einzelfall durchaus erlaubt.

Klare Grenze bei der BBC

Bei der BBC ist man hier wesentlich strenger. Die britisch-afghanische Journalistin Najiba Leima Kasraee ist bei der BBC-Academy unter anderem für Sprach-Fortbildungen zuständig. Sie zieht auf Anfrage eine klare Grenze: „Wenn wir jemanden mit einem Voice Over übersetzen, können wir nicht zwei Sätze aneinander hängen, von denen einer am Anfang und einer am Ende gefallen ist – das würde den ganzen Zusammenhang dessen zerstören, was dazwischen passierte. Wir müssen ein Zitat übersetzen, das wir für das wichtigste halten. Im Text nach dem Zitat sagen wir dann: ‚Der Minister sagte in diesem Interview außerdem‘.“

Die Diskussion mag spitzfindig erscheinen, aber sie entscheidet darüber, wie wir die Welt sehen. Wenn man als Kundiger einer Sprache erkennt, dass Original und Übersetzung nicht übereinstimmen, ist das Anlass für berechtigte Zweifel: Wurde hier sehr frei übersetzt? Erfunden? Manipuliert? Oder gibt es wirklich einen Beleg für die deutsche Version des Zitats, nur eben im Rohmaterial, das der Zuschauer nicht zu sehen bekommt? Die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung steht auf dem Spiel. Anstelle zweifelsfreier Zitate als Belege werden ansonsten Interviewpartner zu Kulissen der Berichterstattung. Wir müssen darüber reden, ob diese Praxis geändert werden muss.

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Beamte eines Sondereinsatzkommandos stehen während der Razzia in Schlewswig-Holstein. (Foto: picture alliance/Markus Scholz)
Aktuelle Artikel

Hatte Kopf des „Aryan Circle Germany“ Verbindung zu NSU-Terroristen?

Nach den gestrigen Razzien gegen den „Aryan Circle Germany“ in Norddeutschland zeigen interne Dokumente möglicherweise Verbindungen von führenden Köpfen der rechtsextremen Gruppe zu NSU-Terroristen und rechtsterroristischen Kreisen in Kassel.

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von David Schraven , Nathan Niedermeier

Wie aus Unterlagen hervorgeht, die CORRECTIV vorliegen, gab der mutmaßliche Kopf des „Aryan Circle Germany“, Bernd T., bei einer Vernehmung 2012 im Rahmen der Ermittlungen gegen Beate Zschäpe an, er könne Informationen zum NSU liefern. Er habe die beiden rechtsterroristischen Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt persönlich getroffen; die beiden hätten vor 2011 in Kassel übernachtet.

Zwar widerrief Bernd T. später seine Aussagen, doch wie aus den Unterlagen hervorgeht, erhielten die Ermittler Hinweise, die Bernd T. ursprüngliche Angaben teilweise stützen. So hätten Zeugen T. nach 2004 „bei diversen Anlässen“ zusammen mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesehen.

Bernd T. ist ein als extrem gewalttätig  bekannter Rechtsextremer aus Norddeutschland. Er fiel mit Gewalttaten im Raum Kassel und zuletzt in der Gemeinde Sülfeld (nordwestlich von Hamburg) auf. Er saß mehrfach in Haft. Im Jahr 1993 erschlug er einen Obdachlosen.  Seit 2001 galt er bei der Polizei als Führungsfigur der rechtsextremen Vereinigung „Sturm 18“ in Kassel, die 2015 vom hessischen Innenministerium verboten wurde. Der Gruppe wurden enge Beziehungen zur ebenfalls rechtsterroristischen „Combat 18“ (Kampfgruppe Adolf Hitler) nachgesagt.

Bernd T. gilt nach Angaben der Staatsanwaltschaft als Gründer des „Aryan Circle Germany“. Die Gruppe soll sich im Juli 2019 in Bad Segeberg zusammengeschlossen zu haben. Bei den Razzien wurden gestern zwölf Wohnungen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen durchsucht. Die zwölf Tatverdächtigen im Alter von 19 bis 57 Jahren stehen im Verdacht, rassistisch motivierte Anschläge vorbereitet zu haben. Einige seien bereits in der Vergangenheit wegen Verstößen gegen das Waffengesetz aufgefallen, wie die Staatsanwaltschaft gestern mitteilte.

Die Verbindungen zum NSU hat Bernd T. später widerrufen. Am 206. Verhandlungstag des NSU-Prozesses sagte Bernd T. im Mai 2015 aus, er kenne die beiden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht. Er habe die Kontakte nur behauptet. „Ich wollte mir Hafterleichterungen erschleichen“, sagte Bernd T. laut Prozessprotokollen. Gleichzeitig räumte er aber laut Protokoll ein, zwischen Oktober 2011 und Februar 2012 einen Brief an Beate Zschäpe geschrieben zu haben, weil er eine Gefangenenhilfsorganisation gegründet habe. Auch den Verfassungsschützer Andreas Temme, der beim Mord am NSU-Opfer Halit Yozgat in Kassel anwesend war, sei ihm aus seiner Zeit beim „Sturm 18” bekannt.

Temme gilt als mögliche Verbindungsfigur zwischen dem NSU Mord in Kassel und dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Als 2006 der 21-jährige Halit Yosgat in seinem Internetcafé erschossen wird, hält sich der ehemalige V-Mann Führer beim hessischen Verfassungsschutz ebenfalls in dem Ladenlokal auf. Als Temme später von der Polizei befragt wird, gibt er an, er habe nichts von dem Mord mitbekommen.

Dem widerspricht ein forensisches Gutachten und auch die Ermittler halten das für fraglich. Er galt zwischenzeitlich selbst als einer der Tatverdächtigen für den Mord, doch die Ermittlungen gegen ihn werden schließlich eingestellt. Temme kehrte nicht zum Verfassungsschutz zurück, sondern wurde in das Regierungspräsidium Kassel versetzt, also der Behörde, dessen oberster Vorsitzender Walter Lübcke war, der später von einem Rechtsextremisten ermordet wurde.

Der hessische Innenminister Peter Beuth gab im Oktober 2019 bekannt, dass Temme vor 2006 dienstlich mit dem mutmaßlichem Mörder an Walter Lübcke, Stephan E. befasst gewesen sei.

© picture alliance / REUTERS
Ein Marinesoldet der VAE blickt auf die jemenitische Küste. Bei einer für die Bevölkerung verheerenden Seeblockade kam auch deutsche Rüstungstechnik zum Einsatz. (Foto: picture alliance / REUTERS)
Aktuelle Artikel

Wie Rheinmetall-Techniker einem Waffenembargo davon segelten

CORRECTIV und Stern berichteten, dass der Rüstungskonzern Rheinmetall Geschütze eines in Eritrea stationierten Kriegsschiff nachrüsten wollte. Die Recherche löste eine Prüfung durch niedersächsische Ermittler aus, weil sich das Land unter einem UN-Embargo befand. Ihr Ergebnis: Nichts zu meckern. Die deutschen Techniker seien einfach in internationale Wasser gefahren.

weiterlesen 6 Minuten

von Frederik Richter

Die Luftwaffe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) flog die Techniker des Rüstungskonzerns Rheinmetall in den Hafen Assab an der Küste Eritreas. Hier gingen sie an Bord eines Kriegsschiffs der Marine der VAE. Dann fuhr das Schiff nach Recherchen von CORRECTIV und Stern aus dem Hafen in internationale Gewässer und die Techniker erledigten, wofür sie gekommen waren: Sie rüsteten ein laut der VAE-Marine fehlerhaftes Geschütz des Kriegsschiffs neu aus. Dann fuhren sie zurück in den Hafen.

Der Grund für diese umständliche Reparatur auf offener See: Bis November 2018 untersagten ein weitreichendes UN-Waffenembargo und damit auch deutsche Exportregeln die Einfuhr von Kriegsgerät nach Eritrea. In dem Hafen Assab unterhalten die VAE trotzdem eine Militärbasis. Unter anderem von diesem Stützpunkt aus führen sie ihren Krieg gegen den Jemen.

„Es kann nicht sein, dass Rheinmetall mit einem solchen Schildbürgerstreich ein Waffenembargo so leicht unterlaufen kann“, sagt die linke Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. Sie fordert von der Bundesregierung, Lücken im Außenwirtschaftsrecht zu schließen.

Besuch von Zollfahndern

CORRECTIV und Stern hatten im November 2019 zunächst nur über einen Plan von Rheinmetall zur Nachrüstung eines Geschützes auf einem Kriegsschiff der VAE in Eritrea berichtet. So schrieb ein Rheinmetall-Manager im Februar 2017 in einer E-Mail, man wolle „in Eritrea“ die Geschütze auf einem Schiff der Emiratis „mit unserem Upgrade-Set“ nachrüsten. Rheinmetall teilte dazu mit, man habe strengstens auf die die Einhaltung des Embargos gegen Eritrea geachtet.

Der Tübinger Anwalt Holger Rothbauer stellte Strafanzeige gegen die verantwortlichen Rheinmetall-Manager. Der Anwalt vertritt die Aktion Aufschrei. Dem Bündnis gegen Waffenhandel gehören unter anderem bekannte kirchliche Organisationen wie Misereor oder Brot für die Welt an.

Die Staatsanwaltschaft Stade prüfte daraufhin die Aufnahme von Ermittlungen. Am 10. Dezember stattete das Zollfahndungsamt Hamburg dafür dem Standort von Rheinmetall im niedersächsischen Unterlüß einen Besuch ab. Die Beamten prüften die Unterlagen des Konzerns über die Nachrüstung der Geschütze.

Doch laut einem Schreiben der Staatsanwaltschaft Stade an den Anwalt Rothbauer fanden sie keine Hinweise auf einen Verstoß gegen das deutschen Außenwirtschaftsrecht. Aus dem Brief geht aberhervor, dass die Rheinmetall-Techniker die Nachrüstung des Kriegsschiffes und die damit verbundenen Schießtests in internationalen Gewässern vor der Küste Eritreas durchführten.

Laut „Papierlage“

Die dafür benötigten Ersatzteile, deren Lieferung an die VAE die Bundesregierung genehmigt hatte, hätten sich zudem bereits auf dem Schiff befunden.

„Selbstverständlich ist es denklogisch nicht ausgeschlossen, dass die „Papierlage“ nicht die tatsächlichen Umstände richtig wiedergibt“, schreibt der zuständige Staatsanwalt. Hinweise auf eine solche Abweichung gebe es jedoch nicht.

Damit ist für die Justiz der Fall erledigt. Politisch bleibt die umfassende Zusammenarbeit der deutschen Rüstungsindustrie mit den VAE jedoch brisant.

Deutsche Waffensysteme spielen eine erhebliche Rolle in dem Krieg, den die VAE und Saudi-Arabien seit Jahren gegen den Jemen führten. Vor allem die Seeblockade durch die Marine beider Länder löste eine humanitäre Katastrophe im Jemen aus. Für diese Seeblockade spielte die Militärbasis in Assab, das nur 60 Kilometer von der jemenitischen Küste entfernt liegt, eine wichtige Rolle. Das Rechercheprojekt #GermanArms, an dem in Deutschland der Stern beteiligt ist, hat die Präsenz von in Deutschland gebauten Kriegsschiffen in Assab mehrfach belegt.

Die Bundesregierung tut sich bisher schwer damit, den Einsatz deutschen Kriegsgeräts im Jemen-Krieg einzugestehen. Das Schreiben der Staatsanwaltschaft Stade ist der erste Beleg, dass die Bundesregierung während des laufenden Krieges Ersatzteillieferungen für Kriegsschiffe genehmigte, die vor der Küste des Jemen unterwegs waren.

Mit ihrer Rüstungsexportpolitik torpediert die Bundesregierung mitunter die eigene Außenpolitik. Im Januar lud die Regierung die verschiedenen Kriegsparteien in Libyen zu einer Friedenskonferenz nach Berlin. Die Ergebnisse waren mager und das lag laut Beobachtern auch an der Rolle der VAE. Die versorgen laut Expertenberichten der UN den ostlibyschen Rebellen Khalifa Haftar mit Waffen und brechen so das Waffenembargo gegen das Land.

Und nutzen dafür laut einem Bericht des katarischen Fernsehsenders Al-Jazeera auch ihre Marinebasis in Assab. Genau jene Basis also, die unter dem Schutz von in Deutschland gebauten Kriegsschiffen steht und die deutsche Techniker zumindest mitunter nutzen, um an Bord der Schiffe der VAE zu gehen.

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Aktuelle Artikel

Das Heartland Institute: Wie US-Klimaleugner Politik in Europa machen

Der Kampf gegen den Klimaschutz steht bei ihm ganz oben auf dem Programm: Mit Millionenförderung aus der US-Industrie liefert das Heartland Institute pseudo-wissenschaftliche Expertise und beeinflusst damit die Politik und die öffentliche Meinung. Auch in Europa.

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von Annika Joeres , Susanne Götze

In den USA regiert schon heute ein Klimaleugner: Präsident Donald Trump hält den menschengemachten Klimawandel nicht nur für einen „Hoax“, eine Finte, sondern er steigt auch offiziell aus dem 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommen aus. Dass der US-Präsident so vehement gegen den Klimaschutz kämpft, ist auch auf das Klimaleugner-Institut Heartland zurückzuführen: „Neun Tage nach Trumps Wahl bekamen wir einen Anruf vom Weißen Haus, um die Position des Präsidenten in der Klimapolitik zu unterstützen“, erzählt Jay Lehr stolz in einem Interview. Er ist der wissenschaftliche Direktor des marktradikalen Heartland Institute und bekam erst vor wenigen Monaten den „Climate Truth Award“ von seinem Arbeitgeber verliehen. Lehr streut bereits seit 26 Jahren beim Heartland Institute Zweifel am menschengemachten Klimawandel. „Ich habe Präsident Trump eine Power-Point-Präsentation zusammengestellt und bekam wenige Tage später wieder einen Anruf aus dem Weißen Haus. Der Anrufer sagte nur zwei Worte: You won.“

Das Heartland Institute ist einer der einflussreichsten Thinktanks in der Szene der Klimawandelleugner. Es kämpft in den USA und nun auch in Europa gegen Klimaschutz. Das US-amerikanische Institut ist immer dabei, wenn die öffentliche Meinung im Sinne der Industrie gedreht werden soll: Heartland kämpfte früher beispielsweise für die Zigarettenindustrie. Zusammen mit der Tabakfirma Philip Morris fabrizierte es Kampagnen gegen die eindeutige medizinische Erkenntnis, dass Rauchen krebserregend ist. Auch wenn das Institut diesen Kampf am Ende verlor, hat es doch mit seiner Propaganda strenge Gesetze zum Schutz von Nichtrauchern um Jahrzehnte hinausgezögert. 

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Die Heartland-Lobby

CORRECTIV undercover: Ein tiefer Einblick in die Machinerie der Klimaleugner-Industrie. Wie Desinformation für Geld zu haben ist.

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PR statt Wissenschaft

Heute verwendet das Institut seine Energie vornehmlich darauf, Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu säen. Also dort Zweifel zu schüren, wo wissenschaftlicher Konsens herrscht. Zu wichtigen aktuellen Klima-Nachrichten publiziert Heartland seine Kontermeinung: Als Anfang Januar die NASA berichtete, 2019 sei das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen seit 140 Jahren, verkündete Heartland das Gegenteil. In den USA, schreiben die selbsternannten „Klimaexperten“ des Instituts, ginge die Temperatur insgesamt nach unten.

Bei der Verbreitung dieser Fake-News helfen gute Kontakte: Nach eigenen Aussagen hat Heartland allein 2017 gewählte Politikerinnen und Politiker eine Million Mal kontaktiert. Für die PR-Aktionen braucht es viel Geld. Bei Heartland kommt es zumindest zum Teil von der fossilen Industrie, wie zahlreiche Leaks offenlegen. Öl- und Gaskonzerne setzen auf Kampagnen von Heartland, um wirksame Klimaschutzgesetze zu verhindern, um ihr Geschäftsmodell zu retten. 

Die Geldgeber

Die Verbindungen zu Industrie und Energiekonzernen von Heartland sind evident: Nach unseren Recherchen bei der amerikanischen Steuerbehörde IRS nahm das Heartland Institute 2015 rund 4,6 Millionen Dollar ein, im Jahr 2016 waren es schon 5,5 Millionen Dollar und 2017 schließlich 5,9 Millionen Dollar. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor – sehr wahrscheinlich aber sind die Spenden weiter gestiegen. Das legen Zahlen des Donors Trust nahe, ein amerikanischer, rechts-konservativer Fonds, der Spenden einnimmt und sie an bestimmte Organisationen weiter leitet. So bleibt der Spender anonym. Der Donors Trust hat 2018 rund drei Millionen Dollar an Heartland überwiesen, ein Jahr zuvor waren es nur 1,7 Millionen Dollar. 

Ein Teil des Geldes kam von der Mercer Family Foundation, die wiederum für den Wahlkampf von Trump spendete. Mehrere Leaks beweisen zudem, dass Heartland sowohl von Exxon Mobil als auch von den Stiftungen der Charles Koch Brothers finanziert wurde. 

Die „Koch Brothers“ sind eine Industriellenfamilie, die mit klimaschädlichen Produkten groß und milliardenschwer wurde. Sie produziert Erdöl, Erdgas, Kohle und Plastik. Der 1940 gegründete Mischkonzern zählt heute laut einer Studie der Universität von Massachusetts zu den größten „Verschmutzern“ der USA. Seit 1980 unterstützen die konzerneigenen Stiftungen, die Koch Family Foundations, konservative und neoliberale Think-Tanks, Lobbyisten und Parteien wie die Tea Party mit über hundert Millionen Dollar. 

Mit dem Geld von klimaschädlichen Konzernen organisiert Heartland regelmäßige Konferenzen und baut seine eigenen „Experten“ auf. Dadurch entstanden auch sogenannte „alternative“ Klimaberichte des NIPCC (Non-governmental international panel on climate change – in Anlehnung an den Weltklimarat IPCC). Dessen Publikationen wie „Climate Change Reconsidered“ sind hunderte Seiten stark und versammeln unzählige angeblich wissenschaftlich überprüfte (peer-reviewte) Beiträge. NIPCC-Chefautor Fred Singer ist ein Star der US-Klimawandelleugner – mittlerweile ist er ein Rentner von 94 Jahren. Auch er ist enger Berater von Konzernen wie Exxon gewesen, arbeitete für Think-Tanks wie Heritage Foundation oder das Cato-Institut und bezog monatlich Geld vom Heartland Institute. Sein eigenes Institut SEPP (Science & Environmental Policy Project) gründete er schon 1990. Ziel von SEPP war es, den Tabakgenuss als unbedenklich darzustellen und seine gesundheitlichen Risiken zu verschleiern. Später spezialisierte sich SEPP ebenfalls auf Klimawandelleugnung und bekam direkte Spenden von Exxon, wie die Exxon-Leaks offenlegen. In seinen Newslettern promotet SEPP wiederum den deutschen Leugner-Verein EIKE, den kleinen Bruder von Heartland. 

Heartlands ehemaliger Vorsitzender Tim Huelskamp, den CORRECTIV noch 2018 auf der Konferenz in New Orleans interviewen konnte, erhielt während seines Wahlkampfs als republikanischer Kongresskandidat ebenfalls fünfstellige Summen von fossilen Interessenverbänden wie den Koch Brothers. Damals sagte er in die Kamera: „Wir arbeiten mit allen Gruppen weltweit zusammen, die für freie Märkte sind.“

Heartland organisiert zudem jährliche „Klima“-Konferenzen wie 2018 im Hilton-Riverside-Hotel – ausgerechnet im von Überschwemmungen bedrohten New Orleans – und im vergangenen Jahr im International Trump Hotel in Washington, in Fußweite zum Weißen Haus.  

Die Verbindungen zur Politik

Die Heartland-Losungen schaffen es in offizielle Papiere. So steht in einem Bericht des Wissenschafts-Komitees des US-Kongresses: Die Umweltorganisationen seien nur „nützliche Idioten“ für die Interessen der Russen, ihre hohen Gas- und Ölpreise in Europa zu erhalten und die US-Konkurrenz auszustechen, heißt es dort in der martialischen Sprache des Kalten Krieges. Initiator des Berichtes ist der ultrarechte Republikaner Lamar S. Smith – einer der aktivsten Klimawandel-Leugner im US-Repräsentantenhaus und langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses. Auch er sprach bereits auf den von Heartland organisierten Klimakonferenzen und verteidigte Heartland sogar öffentlich. Der Senator lässt sich zudem regelmäßig von Öl- und Gasfirmen bezahlen, insgesamt waren es bis 2018 laut der Plattform „Opensecrets“ 62.000 Dollar – unter den Spendern firmieren wieder die Koch Brothers. 

Heartland pflegt jedoch nicht nur seine Kontakte in der Politik – so sind die Vorsitzenden des Institutes stets ehemalige Abgeordnete – sondern versucht auch seine „Fakescience“ in Schulen loszuwerden: 2017 verschickte das Institut über 200.000 Pakete mit „Bildungsmaterial“ an Schulen mit dem Ziel, das Heartland-Material in die Hand „jedes Lehrers des Landes“ zu geben. Darunter waren auch DVDs mit Titeln wie „Warum die Wissenschaft sich beim Klimawandel nicht einig ist“. 

Doch Heartland beschränkt sich nicht auf die USA: Neuerdings wollen die marktradikalen Klimaleugner auch in Europa Einfluss nehmen. Seit ein paar Jahren gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem deutschen Klimaleugner-Verein EIKE, der seinen Sitz offiziell in Jena hat: Deutsche und US-Amerikaner organisieren gemeinsam die Konter-Konferenzen zu den jährlichen UN-Klimagipfeln und laden sich gegenseitig auf ihre eigenen „Klima”-Konferenzen ein.

Zudem streckt Heartland mittlerweile auch seine Fühler zu den – lange Zeit bekämpften – Gewerkschaften aus: Vor rund einem Jahr schlossen die polnische Gewerkschaft Solidarnosc und der US-Thinktank einen Kooperationsvertrag. Darin fordern die Unterzeichner „die Wiederherstellung der wissenschaftlichen Methodik und die Eliminierung ideologischer Dogmen der UN“. Der Duktus: Die polnische Gewerkschaft, bekannt für ihren Widerstand gegen das kommunistische Regime, gehe mit den Klimaleugnern erneut in den Widerstand – dieses Mal gegen den „Klima-Alarmismus“. Im Kampf gegen Kommunismus und die UN vereint, treffen sich hier der industrienahe Thinktank und die Arbeitnehmervertretung der polnischen Kohlekumpel.

In diesem Jahr will Heartland weiter seine „Freunde“ von EIKE und Klimaleugner in ganz Europa unterstützen. Für die UN-Klimakonferenz im britischen Glasgow im Dezember 2020 finanziert Heartland wie schon in den Vorjahren eine eigene Klima-Konferenz und will ebenso wiederholt Jahrestreffen der deutschen Klimaleugner bei EIKE sponsern, so Heartlands Klimadirektor James Taylor in einer E-Mail an die Autorinnen. Taylor ist in amerikanischen Medien gern gesehener Gast und darf in dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes Kolumnen veröffentlichen. 

Europa scheint das neue Kampfgebiet von Heartland zu sein. „Ich bin sehr optimistisch, dass die Europäer jetzt aufwachen und aufhören, dem Klimawahn zu glauben“, so Taylor in seiner Email.

Susanne Götze und die CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres sind auf länderübergreifende Recherchen zu Klimapolitik und Lobbying spezialisiert. Am 6. April erscheint ihr Buch „Die Klimaschmutz-Lobby – Wie Politiker und Wirtschaftslenker die Zukunft unseres Planeten verbauen“ im Piper Verlag.

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Mit Klage gegen CORRECTIV gescheitert: „Tichys Einblick“ wollte verhindern, dass Faktenchecks bei überprüften Artikeln angezeigt werden.
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Gericht stärkt Faktenchecks von CORRECTIV

Der rechtsgerichtete Blog „Tichys Einblick“ hatte CORRECTIV verklagt, weil es Faktenchecks seiner Artikel auf Facebook unterbinden wollte. Das Landgericht Mannheim wies die Klage auf eine einstweilige Verfügung im November ab. Nun folgte eine ausführliche Begründung des Urteils, das die Praxis der Faktenchecks stärkt.

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von David Schraven

Das Landgericht betont in seiner Entscheidung, dass es legitim sei, „Filterblasen“ durch Information entgegenzutreten, Medienkritik zuzulassen und dadurch den „Meinungspluralismus zu fördern“. Es sei eine Aufgabe der Medien, die Gefahren von Echokammern zu vermeiden. Das Gericht sieht Faktenchecks bei Facebook dafür als ein „legitimes Ziel“ an. Im konkreten Fall der Faktenchecks von CORRECTIV seien die Bedingungen erfüllt, dass sie „sachlich gehalten“ seien und die Leser angeleitet würden, sich „eine eigenständige Auffassung über den Inhalt des Artikels zu bilden“. Die Hintergründe der Zusammenarbeit mit Facebook hat CORRECTIV auf seiner Webseite erklärt. Die häufigsten Fragen werden hier beantwortet. Die Standards der Faktenchecks werden ebenso offengelegt wie die Bewertungsskala.

Das Gericht widerspricht mit seinem Urteil der Argumentation des Blogs „Tichys Einblick“, das behauptet hatte, CORRECTIV versuche, „die Verbreitung konträrer publizistischer Inhalte zu unterbinden oder zumindest zu behindern.“ Der rechtsgerichtete Blog richtete seine Klage vor allem aus Wettbewerbsgründen gegen die Praxis von Faktenchecks bei Facebook. Die Überprüfung der Berichte und gleichzeitige Verknüpfung der Beiträge sei wettbewerbsschädlich, da sowohl CORRECTIV als auch „Tichys Einblick“ um „finanzielle Zuwendungen“ werben würden. CORRECTIV würde durch die Faktenchecks die Reichweiten des Blogs auf Facebook reduzieren und sich so einen Vorteil verschaffen.

In dem Streit ging es um die Praxis von Faktenchecks bei Facebook. „‪Tichys Einblick“ bezog sich auf einen Faktencheck, in dem CORRECTIV die Aussagen eines Artikels aus „Tichys Einblick“ unter dem Titel „500 Wissenschaftler erklären: ‘Es gibt keinen Klimanotfall’“ überprüft hat – und zu dem Schluss kam, das die Aussagen in dem Bericht teilweise falsch sind. Mit der Klage will „Tichys Einblick“ verhindern, dass Leser des Artikels die Überprüfung durch Faktenchecker angezeigt bekommen. Bei Facebook wird ein Faktencheck an den geprüften Beitrag angehängt. Mit dieser Praxis reagiert Facebook auf die weltweite Zunahme von Falschmeldungen.

Der Konzern bietet Vereinbarungen mit Medienorganisationen an, als Faktenchecker Falschmeldungen auf dem Portal zu prüfen und zu bewerten. Über 50 Organisationen prüfen nach standardisierten und vom Poynter Institute for Media Studies zertifizierten Methoden weltweit Fakten für Facebook. In Deutschland haben bislang das Recherchezentrum CORRECTIV und die Nachrichtenagentur dpa die Zertifizierung erhalten und eine Vereinbarung mit Facebook geschlossen. Beide Medien haben eigene Faktencheck-Teams, die in dem Rahmen auch Facebook-Meldungen überprüfen. Wenn ein Artikel als falsch bewertet wird, hängt Facebook eine Meldung an den Beitrag an, die auf den Faktencheck hinweist und die Reichweite des Beitrages reduziert. Außerdem erhalten Nutzer, die den Beitrag bereits geteilt haben, eine Benachrichtigung, dass inzwischen ein Faktencheck dazu vorliegt.

Das Gericht sah keinen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht. Im Gegenteil: CORRECTIV komme durch den Faktencheck seiner Aufgabe als – zumal gemeinnütziges – Medienunternehmen nach, „die Öffentlichkeit über Vorgänge von allgemeiner Bedeutung zu unterrichten und zur öffentlichen Meinungsbildung beizutragen. Zur Aufgabe der öffentlichen Medien gehört auch die Medienkritik.“

Jede Korrektur eines fehlerhaften Artikels durch einen Faktencheck sei dabei ein Eingriff eines Mediums, „die eigene Wettbewerbslage im Verhältnis zu anderen Medienunternehmen zu verbessern“. Dies sei aber eine „notwendige Begleiterscheinung funktionsgerechten Pressehandelns“, so das Gericht.

„Wer Facebook zur Verbreitung seiner Inhalte nutzt, unterwirft sich auch den Facebook-Regeln. Dazu gehört das Fact Checking. Es ist zu begrüßen, dass das Landgericht Mannheim die Bemühungen von Facebook anerkennt, eine von falschen oder irreführenden Nachrichten ungetrübte private und öffentliche Meinungsbildung zu fördern“, kommentiert Rechtsanwalt Thorsten Feldmann, der CORRECTIV in dem Verfahren vertritt.

Echokammern verhindern

Das Gericht schloss sich dem Bild des CORRECTIV-Anwalts an, dass die Situation mit einer Pinnwand zu vergleichen sei, auf der neben einem Artikel ein anderer Text angepinnt wird, in dem der erste Text bewertet wird und in dem „zur vergleichenden Lektüre beider Artikel aufgefordert wird“. Das Gericht führt aus, dass dies zur Bildung von Medienkompetenz der Facebook-Nutzer beitrage. Im Fall von Facebook kann der Artikel weiterhin geteilt werden, der Nutzer kann also bei Facebook selbst entscheiden, ob er einen so bewerteten Beitrag teilt oder es lässt. Die Verringerung der Reichweite durch Facebook betreffe allein die Werbewirkung.

Die Richter betonen in der Begründung, dass es gerade bei Facebook legitim sei, Faktenchecks direkt an Ursprungsartikel anzubinden, um Echokammern zu vermeiden. Facebook sei ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinungsbildung. „Sie machen als sogenannte „Gatekeeper“ den Nutzern allerdings nur die Inhalte wahrnehmbar, die nach ihren algorithmisch berücksichtigten Kriterien für diese im Einzelnen relevant sind. Es besteht daher die Gefahr der Erzeugung sog. „Echokammern“ und „Filterblasen“.“

Zwar erkennt das Gericht ebenfalls an, dass CORRECTIV als gemeinnütziges Unternehmen auch Spenden einwirbt und für seine Tätigkeit auf Facebook Geld erhält, allerdings lässt es offen, ob dadurch ein Wettbewerbsverhältnis zum Blog „Tichys Einblick“ existiert. Dies sei schließlich unerheblich im vorliegenden Verfahren. So würden auch kommerzielle Medienunternehmen das Presseprivileg genießen. Vor allem aber habe CORRECTIV nicht „unlauter“ gehandelt. „‪Tichys Einblick“ werde als gewinnorientiertes Unternehmen weder „herabgesetzt“ noch „verunglimpft“. Im Rahmen des streitgegenständlichen Faktenchecks würden lediglich behauptete Fakten überprüft.

Das ganze Urteil finden sie hier.

Tichys Anwalt will den Streit weiterdrehen

Die Entscheidung ist auf 45 Seiten ausführlich begründet und offensichtlich auf „Berufungsfestigkeit“ getrimmt. So legen die Richter des Landgerichts Mannheim systematisch jeden Stein argumentativ um. Vor allem die wettbewerbsrechtliche Ansprüche wurden ausführlich geprüft und nach einer umfassenden Grundrechtsabwägung verneint.

Die Anwälte von „‪Tichys Einblick“ kündigten bereits an, in Berufung gehen zu wollen.

CORRECTIV wird sich gegen die Angriffe weiter zur Wehr setzen.

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AfD-Chef Meuthen sagte heute im Gericht über die Spendenaffäre aus, in die er verwickelt ist. Foto: Arne Steinberg (CORRECTIV)
AfD-Spendenskandal

CORRECTIV-Recherche kostet die AfD 269.400 Euro

Verwaltungsgericht Berlin bestätigt: Die Wahlkampfhilfe aus der Schweiz für AfD-Chef Jörg Meuthen war eine illegale Parteispende. Damit verliert die AfD eine Klage gegen die Bundestagsverwaltung, die eine Strafzahlung gegen die Partei verhängt hatte. Auslöser für die Strafzahlung war eine Recherche von CORRECTIV und Frontal21.

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von Marcus Bensmann , Justus von Daniels , Arne Steinberg

Die AfD scheitert vor dem Verwaltungsgericht Berlin mit einer Klage gegen die Bundestagsverwaltung wegen einer illegalen Parteispende. Das Gericht entschied am Donnerstag, dass eine Werbekampagne für AfD-Chef Jörg Meuthen im Wert von rund 90.000 Euro eine illegale Parteispende war und damit die verhängte Strafzahlung durch die Bundestagsverwaltung über knapp 270.000 Euro rechtens ist. Bei einer illegalen Parteispende muss eine Partei die dreifache Höhe der Spende als Strafe zahlen. Mit den finanzierten Plakaten, Flyern und Inseraten sei „ausdrücklich für die AfD geworben worden“, schreibt der Gerichtssprecher in einer Mitteilung. Die Partei habe durch ihren Landessprecher „maßgeblichen Einfluss auf die Durchführung der Werbekampagne nehmen können”.

Die Strafzahlung der Bundestagsverwaltung ist eine direkte Folge einer Recherche von CORRECTIV und Frontal21 aus dem Jahr 2017. Sie zeigte, dass Parteichef Jörg Meuthen in umfangreiche Werbemaßnahmen der Schweizer Goal AG eingebunden war und eine Freistellungserklärung unterschrieben hatte. Eine solche Vereinbarung ermöglichte es der Werbefirma, Bilder von Meuthen zu nutzen. Diese hatte Plakate und Anzeigen für den Wahlkampf von Meuthen im Wert von über 90.000 Euro anfertigen lassen. Meuthen stritt eine Zusammenarbeit mit der Goal AG ab.

Aufgrund der Recherche überprüfte die Bundestagsverwaltung die Spende und bat die AfD, die Umstände aufzuklären. In der Folge übersandte die Partei eine Liste mit 10 Spendernamen, die sich später in großen Teilen als falsch herausstellte. Meuthen und die AfD vertreten bis heute den Standpunkt, dass es sich bei den Werbemaßnahmen aus der Schweiz nicht um eine Spende handelt.

Meuthen: „Vieles nicht mitgekriegt“

Über die Organisation des damaligen Wahlkampfs sagte Meuthen, dass diese „wie in einem Start-Up-Unternehmen“ wenig professionell verlaufen sei. Er berief sich auf die Unerfahrenheit der Partei und betonte, zu dieser Zeit „viel um die Ohren“ gehabt zu haben, weil er nebenbei noch als Studiendekan gearbeitet habe. Der Wahlkampf selbst sei eher „hemdsärmelig“ gewesen. Meuthen habe sich eher um die inhaltlichen Schwerpunkte gekümmert und seinen Wahlkampf mehr oder weniger selbst organisiert. In dieser Phase druckte die Schweizer Werbeagentur die Plakate und Anzeigen, auf denen neben Meuthens Konterfei und einem Slogan auch das AfD-Logo zu sehen gewesen waren.

Auf die Frage hin, ob er die Plakate in seinem Wahlkreis nicht wahrgenommen habe, entgegnete der Wirtschaftsprofessor Meuthen: „Ich habe vieles nicht mitgekriegt.“ Meuthen behauptet, erst später entdeckt zu haben, um welchen Wert es sich bei der Wahlkampfunterstützung gehandelt hatte – er sei „komplett baff“ gewesen.

Das Verwaltungsgericht Berlin sieht es als erwiesen an, dass die Werbemaßnahmen eine Parteispende waren, die die AfD erlangt habe. Meuthen sei als Landessprecher der Partei mit „Alleinvertretungsbefugnis“ ausgestattet gewesen. Die Spender seien zum damaligen Zeitpunkt für die AfD nicht erkennbar gewesen und damit „rechtswidrig“.

Offen bleibt, ob die AfD nun die wahren Namen der Spender nennen muss. Die Liste mit den falschen Namen, die sie als Nachweis bei der Bundestagsverwaltung eingereicht hatte, spielte in diesem Verfahren nur eine untergeordnete Rolle.

Das Gericht ließ wegen „der grundsätzlichen Bedeutung“ eine Berufung zu. Parteichef Meuthen kündigte schon morgens vor der Verhandlung an, im Zweifel in Berufung zu gehen. Die Parteispitze hat sich dazu noch nicht offiziell geäußert.

Weiterer Fall

Vor dem Verwaltungsgericht in Berlin liegt eine weitere Klage der AfD vor. Die Bundestagsverwaltung hatte auch wegen Spenden für Werbemaßnahmen aus der Schweiz im NRW- Wahlkampf 2017 für den heutigen Europa-Abgeordneten Guido Reil eine Strafzahlung in Höhe von 130.000 Euro verhängt. Auch die ging auf eine Recherche von CORRECTIV zurück. Der AfD-Politiker aus Essen hatte CORRECTIV erstmals mitgeteilt, wie die Goal AG ihn angerufen, und er eine Freistellungserklärung unterschrieben hatte. Reil berichtete, dass er auch die Parteifunktionäre in NRW über die Spende aus der Schweiz informiert habe. Für diese Klage steht beim Verwaltungsgericht noch kein Termin fest.

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Die AfD-Politiker Guido Reil und Jörg Meuthen stehen im Fokus
(Ausschnitt Foto: Michael Kappeler / dpa)
AfD-Spendenskandal

AfD-Spendenaffäre morgen vor Gericht

Am Donnerstag verhandelt das Verwaltungsgericht in Berlin über eine von der Bundestagsverwaltung verhängte Strafzahlung gegen die AfD wegen verdeckter Parteispenden im Jahr 2016. Die AfD wehrt sich nun gerichtlich dagegen.

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von Marcus Bensmann , Justus von Daniels

Die AfD-Spendenaffäre kommt in Berlin vor Gericht. Am Donnerstag findet vor dem Verwaltungsgericht eine mündliche Verhandlung über eine Klage der AfD statt. Die Partei wehrt sich gegen eine Strafzahlung von rund 270.000 Euro, die von der Bundestagsverwaltung verhängt wurde wegen verdeckter Parteispenden im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg 2016. Eine Schweizer Werbeagentur hatte eine Kampagne für den Wahlkampf von Jörg Meuthen bezahlt. Der AfD-Parteichef kündigte an, vor Gericht auszusagen.

Der Strafbescheid der Bundestagsverwaltung gegen die AfD war eine direkte Folge einer Recherche von CORRECTIV und Frontal21. 2017 belegte die Recherche, dass eine Schweizer Werbefirma Zeitungsanzeigen und Plakate für den Wahlkampf von Jörg Meuthen mit dessen Einverständnis geschaltet hatte. Die Werbung wurde nicht als Spende angegeben, obwohl sie einen Wert von fast 100.000 Euro hatte. 

Meuthen hatte bis dahin behauptet, dass der Chef der Schweizer Firma Goal AG, Alexander Segert, nur eine Webseite für ihn als „Freundschaftsdienst” erstellt, es darüber hinaus aber keine „weitere Zusammenarbeit” gegeben habe. Segert ist bekannt für seine Kampagnen für rechte Parteien, etwa der SVP in der Schweiz.

CORRECTIV und Frontal21 konnten zeigen, dass AfD-Chef Meuthen aktiv in die Werbekampagne einbezogen war, weil er vorab eine „Freistellungserklärung“ unterschrieben hatte, eine Art Haftungsvereinbarung zwischen der Werbefirma und Meuthen, die den Journalisten vorlag.

Die „Freistellungserklärung” könnte zur Smoking Gun in der Spendenaffäre werden. 

Auch der heutige AfD-Europaabgeordnete Guido Reil aus Essen profitierte von großzügigen Plakatspenden der Goal AG. Gegenüber CORRECTIV hatte er 2017, kurz vor der Veröffentlichung der Recherche zu Meuthen, erstmals auf Tonband offenbart, wie die Kooperation zwischen AfD-Politikern und der Goal AG ablief: Die Goal AG habe ihn angerufen und ihm Wahlkampfhilfe für den Landtagswahlkampf NRW 2017 angeboten. Sie könnten Plakate für seinen persönlichen Wahlkampf drucken. Die Goal AG erklärte Reil, dass die Werbung von anonymen Geldgebern bezahlt werde, er damit kostenlose Wahlkampfhilfe bekäme. Auch Reil unterschrieb eine Freistellungserklärung. Gegenüber CORRECTIV sagte er, dass er den Chef der Essener AfD und heutigen Bundestagsabgeordneten Stefan Keuter sowie den damaligen Wahlkampfleiter der AfD in NRW, Andreas Keith, über das Gespräch informiert habe: „Ich bin so einer, ich frag”, sagte Reil. Reil wurde demnach gesagt, dass auch andere AfD-Politiker vor ihm diese Unterstützung erhalten hätten.

Nach Aussagen des damaligen Schatzmeisters der AfD in Essen hat Keuter später in einer Vorstandssitzung vor der Landtagswahl damit geprahlt, dass Spender Plakate für Reil aufstellten. Die AfD, Keuter und Keith widersprachen diesen Darstellungen.

Nach Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen, nahm die Bundestagsverwaltung die beiden Veröffentlichungen zu Reil und Meuthen zum Anlass, zu prüfen, ob es sich bei den Schweizer Plakatspenden an beide AfD-Politiker um illegale Parteispenden handelte. Kurz nach den Veröffentlichungen schickte die Behörde Fragen zu den Vorgängen an die AfD. Sie wollte unter anderem wissen, wer die Werbemaßnahmen bezahlt hatte. 

Die AfD sandte daraufhin Spendenlisten an die Bundestagsverwaltung, die sie von dem Chef der Goal AG, Alexander Segert, erhalten hatte. Diese Spendenlisten sollten zeigen, dass wenige Einzelpersonen knapp unter 10.000 Euro an die Schweizer Agentur gezahlt hätten, um so angeblich die Plakataktionen aus der Schweiz zu ermöglichen. Mehrere Recherchen des Rechercheverbundes von WDR, NDR und SZ sowie des SWR, des Spiegels und CORRECTIV zeigten, dass diese Listen falsch waren. Die angeblichen Spender hatten entweder Geld dafür bekommen, sich eintragen zu lassen, oder sie wussten erst gar nicht, dass sie auf den Listen standen. Die AfD sagt, dass sie davon ausgehen konnte, dass die Listen richtig waren. 

Die Bundestagsverwaltung bewertete die Werbemaßnahmen von der Goal AG an Meuthen und Reil jeweils als verdeckte Parteispenden und versandte 2019 Bescheide über Strafzahlungen von insgesamt mehr als 400.000 Euro. Die Behörde geht davon aus, dass es sich bei den Plakataktionen aus der Schweiz um eine Parteispende handelte, die die AfD hätte angeben müssen. 

Die AfD sieht das anders und geht gegen beide Bescheide vor dem Verwaltungsgericht vor. Am Donnerstag wird zunächst der Fall Meuthen verhandelt.

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Im grauen Eingangsbereich des Messegeländes in Madrid setzt die COP25 symbolisch ein grünes Zeichen. © CORRECTIV
Klimawandel

Die Klimakonferenz — hinter den Kulissen

Auf der Weltklimakonferenz COP25 in Madrid sollte Politik für den gesamten Globus gemacht werden – aber die Fallen der Klimapolitik zeigen sich abseits der Kongresshallen. Ein Streifzug durch fleischlastige Fresstempel und stickige Lobbyisten-Events.

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von Katarina Huth , Annika Joeres

Burger King. Und Telepizza. Auf der 25. Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen. Die Fastfood-Ketten sind fester Bestandteil der IFEMA, dem Messegelände Feria de Madrid, auf der die COP stattfindet, und haben auch in den ersten beiden Dezemberwochen geöffnet, in denen in den umliegenden Hallen zukunftsweisende Entscheidungen in Sachen globaler Klimaschutz verhandelt werden sollen. Die Konferenzsäle sind grau, die Luft trocken, Fenster gibt es keine. Die Verhandlungstage sind lang, genau wie die Schlangen vor den Cafeterien und Fastfood-Restaurants, die viel Fleischlastiges anbieten.

Immerhin: Ein kleiner bunter Essenswagen mit liebevoll bemalten Menütafeln im schmalen gepflasterten Außenbereich der COP bietet vegetarische Kost für 10 Euro pro Teller an und wirkt hier wie aus einer anderen Welt. Am Infostand erhält zu Beginn jeder und jede Konferenzteilnehmende eine Glasflasche, die an Wasserspendern aufgefüllt werden kann.

Während der zwei Wochen, in denen die Klimakonferenz in Madrid stattfand, zeigen sich die Widersprüche nicht nur an den Essensständen. Neben den offiziellen Verhandlungsdelegationen der Staaten tummeln sich tausende Lobbyisten, auch Klimaleugner zeigen sich auf der Konferenz. Es geht nicht nur um mehr oder weniger Klimaschutz, sondern auch um die aktive Verhinderung. Dass diese COP am Ende scheiterte, lag vor allem am Widerstand von Ländern wie den USA oder Brasilien. Aber hinter den Staatsinteressen stehen mächtige Wirtschaftsinteressen. Und die sind in den Messehallen spürbar.

Strahlend bietet eine junge Frau im grünen Cocktailkleid in der Nähe des Eingangs zur nächsten Halle kostenlose vegane Essensboxen an. Doch übergeben werden sie erst, wenn das begleitende Kamerateam alle gut im Bild hat. „Wenn ihr morgen wieder vegan essen wollt, meldet euch bitte mit eurer Telefonnummer und E-Mail an“, gibt sie zusammen mit der Box auf den Weg. Doch wer finanziert diese kostenlosen Mahlzeiten? Ein Buch der Organisatorin wird gleich mit verteilt, sie wird „Supreme Master Ching Hai“ genannt. Für Master Ching Hai rettet der Veganismus die Welt und erlöst uns spirituell auf dem Weg in den Garten Eden.

Fastfoodketten sind fester Bestandteil des Messegeländes und waren tagsüber auch während der Weltklimakonferenz geöffnet. © CORRECTIV

Selbstbewusste Fleischlobby auf der COP

Währenddessen tagt wenige Meter entfernt die Konferenz der „International Dairy Federation“ und des „International Meat Secretariat“, also der Lobby für den Konsum von Fleisch und Milchprodukten. Im Raum bleiben dutzende Stühle leer, es sind etwa 50 Zuhörer anwesend.

Caroline Emond von der Milchlobby-Organisation wirbt für ihre Produkte: „Milchvieh grast häufig auf Land, das für den Anbau von Nutzpflanzen gar nicht geeignet ist. Es konvertiert nicht konsumierbare Pflanzen in nahrhafte Lebensmittel, die helfen, Menschen auf der ganzen Welt zu ernähren.“

Auch Lobbyisten der Fleisch- und Milchindustrie vertreten auf der COP ihre Interessen, darunter Emmanuelle Coste vom „International Meat Secretariat” (rechts) und Caroline Emond von der „International Dairy Federation” (Mitte). © CORRECTIV

Nach der Konferenz erklärt Emond CORRECTIV, dass die Milchindustrie für Menschen nötig sei, um sich zu entwickeln und ein gesundes Leben zu führen. Sie sei außerdem für die Entwicklung von Kindern essentiell. Und sie stellt klar: „Wir sollten nicht vergessen, dass die Milchindustrie global einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Sektoren ist und das Rückgrat der Wirtschaft.“

Auch Emmanuelle Coste vom „International Meat Secretariat“ ist davon überzeugt, dass der Konsum von tierischen Produkten notwendig und gesund sei: „Eine Zukunft ohne Milch und Fleisch sehe ich nicht. Wir haben Wiederkäuer, die wir für unsere Weideflächen brauchen. Sie sind Teil unseres Planeten, also können wir sie auch nutzen.“ Die Treibhausgas-Emissionen, so verspricht er, könnten durch eine produktivere und effizientere Viehproduktion verringert werden.

Der Fleisch-Lobbyist widerspricht damit der wissenschaftlichen Forschung: Nur weniger Tierhaltung kann demnach die Emissionen nennenswert senken. Aber die Fleischindustrie hatte auch in Madrid wieder Erfolg. Sie kommt bei jeder COP ohne strenge Vorgaben davon – genauso wie die Tourismusbranche und Containerschifffahrt.

Dabei ist klar: Ohne eine gänzlich andere und vor allem weniger Tierhaltung wird die Welt nicht unter zwei Grad Celsius Erwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bleiben können. Eine internationale Studie amerikanischer Forscher von 2018 förderte erstaunliche Zahlen über die Fleischwirtschaft zutage und wurde weltweit publiziert: Die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne der Welt emittieren mehr CO2 als ganz Deutschland oder Australien. Reduzierung der Massentierhaltung, Verbote für die stetig wachsende Fleisch-Industrie und Gesetze für eine vegetarische oder fleischarme Ernährung, etwa indem vegetarische Essen in öffentlichen Kantinen angeboten würden, wären also ein deutlicher Schub für mehr Klimaschutz. Zudem steht die Fleischindustrie im Verdacht, im großen Stil für Buschbrände im brasilianischen Amazonas verantwortlich zu sein – eine einzige Kuh braucht allein einen Hektar Land. Damit geht für das Schnitzel oder den Burger viel Land verloren, das aufgeforstet werden könnte, um CO2 einzufangen. Deshalb forderten internationale Forscher kurz vor dem Ende der COP, endlich ein Jahr festzulegen, den so genannten „Peak“, ab dem der Fleischkonsum sinken soll. Eine Forderung, die nun frühestens bei der COP26 umgesetzt werden kann.

Dieser Slogan am U-Bahnhof des Messegeländes verspricht eine klare Lösung zur Rettung der Welt: Einfach vegan werden. © CORRECTIV

Comeback der Klimawandelskeptiker

Den ersten Tag der 25. Weltklimakonferenz eröffnet Nancy Pelosi, Sprecherin für die Demokratische Partei im Repräsentantenhaus der USA, mit den Worten: „Wir sind nach Madrid gekommen, um allen zu zeigen, dass die USA ihre Verpflichtung, Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, ernst nimmt.“ Die Kameras der Medienvertreter klicken, sie reißen sich um die besten Plätze in der ersten Reihe vor dem Podium. Pelosis Worte, ja ihre bloße Anwesenheit, bilden den Gegenpol zu US-Präsident Donald Trump. Aber sie kommt ohne Macht, sie ist nur Oppositionsführerin. Die Klimapolitik verantwortet Donald Trump, der US-Präsident, der den Klimawandel lange als „hoax“, als Schwindel bezeichnete, der von den Chinesen erfunden worden sei. Trump beleidigt regelmäßig die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg. Im November dieses Jahres stieg das Land nach langer Ankündigung offiziell aus dem Pariser Abkommen aus. Trump ist zur Klimakonferenz nicht einmal angereist. Laut offizieller Teilnehmerliste sind aus den USA mehrere Vertreter des Heartlands Institutes anwesend, einem millionenschweren US-amerikanischen Verein von Klimaleugnern, der sich dem gezielten Abbau von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen verschrieben hat.

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Auch wenn die Klimawandel-Leugner in der öffentlichen Debatte in Europa eine eher geringe Rolle spielen, so feiern sie in vielen Teilen der Erde ihr Comeback: In den USA und Brasilien sitzen sie in der Regierung. Auch in Deutschland gewinnen sie zunehmend an Boden  Das Heartland-Institut veranstaltet mit den deutschen Klimaleugnern des umstrittenen EIKE-Institutes gemeinsam Konferenzen. Und es ist auch in Madrid präsent.

Langes Warten auf maue Ergebnisse. Mit zwei Tagen Verspätung verkündete die Konferenz dasselbe, was sie schon in Paris beschlossen hatte. © CORRECTIV

Aber auch die Länder, in denen der wissenschaftlich belegte Klimawandel akzeptiert ist, bremsen die Erderwärmung bislang nicht ausreichend: Kein einziger Staat ist auf dem Weg, seine CO2-Emissionen ausreichend zu begrenzen, um unter zwei Grad Celsius zu bleiben. Das konnte auch die COP in Madrid nicht ändern, im Gegenteil: Die Konferenz ging praktisch ohne Ergebnis zu Ende. Das Ziel, den Handel mit CO2 zu regeln, wurde verfehlt. Der Artikel 6 des Pariser Abkommens von 2015 wollte Staaten, die ihre Klimaziele übererfüllen, belohnen: Sie sollten mit ihren zusätzlich eingesparten CO2–Tonnen handeln können. Wie und zu welchem Preis blieb aber auch nach zweiwöchiger COP offen.

Kurzzeitig Hoffnung

Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik bei „Brot für die Welt“, hat nach der ersten Woche der Konferenz noch Hoffnung. Gegenüber CORRECTIV sagt sie, dass „die weltweiten Klimaschutz-Ambitionen dringend angehoben werden müssen. Wir müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse respektieren.“ Sie warnt: „Länder wie Saudi-Arabien oder die USA werden das nicht mögen.“ Während des Gesprächs laufen sie auf Hochtouren, es ist Minninger anzumerken, wie sie unter Strom steht. „Wieso müssen wir den Staaten immer und immer wieder erklären, dass sie Verantwortung übernehmen müssen?“ Ärmste Staaten seien am stärksten betroffen, obwohl sie nicht die Verursacher der aktuellen Klimakrise sind. Trotzdem blieben sie auf den Kosten sitzen. „Klimaschäden sind vier mal teurer als Anpassungsmaßnahmen“, so Minninger.

Umweltschutz konkret: Im Eingangsbereich der Halle 4 konnten Konferenzteilnehmende ihren Müll recyclen. © CORRECTIV

Die armen Länder, die jetzt schon besonders betroffen, fallen auf der Konferenz kaum auf. Sie haben nur wenige Vertreter, die im Gewusel der 25000 Teilnehmer kaum auffallen. Die Länder mit großer Industrie haben auch mehr Geld, um ihre Interessen durchzusetzen. Die deutsche Delegation, die sich am Ende enttäuscht zeigte, ist traditionell eine der Größten: Sie reiste dieses Jahr offiziell mit 102 Personen an. Länder wie Pakistan konnten nur 16 Mitarbeitende schicken – obwohl gerade die Pakistaner schon heute aus überschwemmten Gebieten fliehen müssen, die Folge des Klimawandels sind. In einigen Delegationen finden sich dieses Jahr auch klimapolitische Blockierer der COP: In der russischen Delegation saß ein Vertreter von Gazprom, dem großen russischen Ölkonzern. In der deutschen Gruppe fand sich ein expliziter Klimawandelleugner: Karsten Hilse von der AfD.

In seinen Bundestagsreden kritisiert der ehemalige Volkspolizist aus Hoyerswerda die offizielle Klimaforschung und erklärt, dass das sogenannte Weltklima nur in den Köpfen von „Klimaideologen“ existiere. Es stimme nicht, dass der Mensch das Klima beeinflusse. Möglicherweise wird Hilse künftig seine Eindrücke von der COP dazu nutzen, gegen die Klimapolitik zu wettern.

Side Events von Lobby- und Interessengruppen

In Halle 8 des Messegeländes reihen sich die Stände und Pavillons von Unternehmen und Lobbygruppen aneinander. Fast täglich gibt es hier Konferenzen mit anschließendem Sekt-Empfang. Bei der Konferenz des wichtigsten europäischen Arbeitgeberverbandes, Business Europe, sind fünf Podiumsteilnehmer eingeladen. Sie findet im kleinen grauen Pavillion der Internationalen Emissionshandelsgemeinschaft statt.

Damit die Teilnehmer nicht vergessen, worum es auf der COP geht: die Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen. © CORRECTIV

Es spricht unter anderem Yvon Slingenberg, Generaldirektorin Klimapolitik der Europäischen Kommission, zuständig für internationale Klimaverhandlungen und die Einbeziehung von Klimaproblemen in die EU-Politik. Auf die Frage von CORRECTIV, ob Business Europe als Lobbyorganisation auf die Europäische Kommission in Brüssel großen Einfluss hätte, reagiert sie gelassen. Brüssel sei ein Mikrokosmos, in dem die Interessen der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Zivilgesellschaft gut vertreten seien und es ein hohes Maß an Transparenz gebe. Sie sitzt neben Holger Lösch, Geschäftsführer des Bund Deutscher Industrien (BDI). Auf dem Podium herrscht Einigkeit darüber, dass Lobbyinteressen aller Seiten in Brüssel fair gehört werden. Auf die Frage von CORRECTIV, wie er den Einfluss des BDI auf die Europäische Kommission und als Bremser von effektiven Klimaschutzmaßnahmen sehe, sagt Lösch, er hätte auf diese Frage keine Antwort.

Feuer und Wasser

Die Welt der Industriellen trifft schließlich auf die Aktivisten von Fridays for Future: Duncan van Bergen, Vizepräsident von Shell New Energys, einem der umsatzstärksten Mineralöl-Konzerne der Welt, wird von unzähligen Handflächen mit blauen gemalten Augen begrüßt. Das Symbol steht für die wachsame junge Generation, die mit voller Aufmerksamkeit die Schritte und Entscheidungen der Personen in Machtposition verfolgen. Die jungen Menschen folgen van Bergen stumm, das Schweigen der Masse erfüllt den Saal. Er lächelt und bewegt sich langsam durch die Menge, betont, dass er alle Arten des friedlichen Protests befürwortet. Auf die Frage, ob er Energie aus fossilen Energieträgern stoppen würde, antwortet er: „Der Dialog ist komplexer als das. Ich würde jedem zustimmen, der sagt, es braucht dringende Maßnahmen und Aktionen in Sachen Klimaschutz.“

Der Shell-Vertreter Duncan van Bergen wird von jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt empfangen. Die gemalten Augen auf den Handflächen sollen zeigen: „Wir beobachten euch“. © CORRECTIV

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz geben neben den jungen Aktivistinnen Greta Thunberg  und Luisa Neubauer auch Kisha Erah Muaña aus den Phillippinen, Rose Whipple aus den USA, Arshak Makichyan aus Russland, Carlon Zackhras von den Marshall Islands, Angela Valenzuela aus Chile und Hilda Flavia Nakabuye aus Uganda der Nachwuchsgeneration ein Gesicht. Sie erzählen ihre Geschichten, wie ihre Heimat zum Teil schon jetzt unter klimabedingten Schäden und Verlusten leidet und wie ihr Blick auf die Verhandlungen auf der COP ist.

Carlon Zackhras, der die Marshall Islands vertritt, sagt, dass seine Nation kaum am globalen Emissionsausstoß beteiligt sei. Sein Haus, dass nur zwei Meter über der Wasserlinie liege, sei vom steigenden Meeresspiegel bedroht. „Wir müssen uns mit Problemen befassen, die wir nicht verursacht haben.“

Kisha Erah Muaña von den Philippinen ruft mit fester Stimme dazu auf, „dringend nach Alternativen zu suchen, da Lösungen Zeit brauchen werden und wir jetzt anfangen müssen.“ Sie fordert mehr Einsatz für den Schutz der Ozeane: „Die Ozeane sind das Herz unseres Planeten. Wenn wir uns nicht für die Ozeane einsetzen, werden wir nicht überleben können.“ Deutschland rief sie dazu auf, sich als Industrienation solidarisch zu zeigen, da es im COP Prozess eine stärkere Stimme habe als Staaten aus dem globalen Süden. „Wir könnten vielleicht sogar eine gemeinsame Aktion auf der COP machen, das wäre toll.“

„Unsere Geschichten haben wir schon oft genug erzählt”, so die Aktivistinnen Greta Thunberg und Luisa Neubauer auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Stattdessen erzählen andere Jugendliche von ihrem Kampf gegen die Auswirkungen der Klimakrise. © CORRECTIV

Helena Gualinga erzählt über ihre Prägung durch Protestbewegungen. Die 17-jährige Aktivistin stammt aus Amazonien. Auf der Stirn trägt sie ein Muster aus waagerechten dunkelroten Linien. Von ihren Ohren hängen große Blüten bis auf ihre Schultern. Gualingas Gemeinde Sarayaku kämpfe gegen die Ölindustrie seitdem sie denken könne. Sie sei aufgewachsen in Protesten. Unternehmen der Rohstoffindustrie kämen in die Gebiete der indigenen Völker in Amazonien ohne ihre Erlaubnis, um Erdöl zu gewinnen und zerstörten den Urwald, verschmutzten Wasser und Luft. „Das ist respektlos und ein Verstoß gegen unsere Menschenrechte und sollte kriminalisiert werden.“ Denn diese Völker seien es, die 80 Prozent der globalen Biodiversität schützten. „Wir müssen unter anderem den ökonomischen Einfluss auf marginalisierte Gruppen berücksichtigen und genau das ist Klimagerechtigkeit.“ Dieses Thema werde auf der COP nicht genügend beachtet. Gualinga spricht eindringlich. Indigene Völker und eben jene Menschen aus dem globalen Süden, die unter den Folgen der Klimakrise leiden müssen, seien gar nicht Teil der Verhandlungen vor Ort, so Gualinga.

Die 17-jährige Aktivistin Helena Gualinga stammt aus der Gemeinde Sarayaku in Amazonien, die seit Jahrzehnten unter der Umweltverschmutzung durch Ölkonzerne leidet. © CORRECTIV

Der Freitag, 13. Dezember 2019, sollte der letzte Tag der COP25 sein. Doch die Verhandlungen werden um zwei Tage verlängert. Nochmal versammeln sich auch viele Gruppen zum friedlichen Protest für besseren Klimaschutz. Am Ende steht ein Ergebnis, mit dem vor allem die Regierungen zufrieden sind, die Klimaschutz nicht für wichtig halten. Und es profitieren die klimaschädlichen Industrien, weil die Konferenz keinen Druck erzeugt hat. Präsident der kommenden COP 26 wird Großbritanniens Premierminister Boris Johnson sein – ein Mann, der bis vor wenigen Jahren noch selbst den Klimawandel belächelte. Keine guten Voraussetzungen für notwendigen Klimaschutz. Aber sicherlich gibt es dann auch wieder große Burger.

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Amateurfußballer beim Spiel (Foto: Ivo Mayr)
Schmerzmittel

Schmerzmittel im Amateurfußball: Wie groß ist das Problem?

Im Profifußball sind Schmerzmittel weit verbreitet. CORRECTIV untersucht jetzt in einer Crowd-Recherche, wie oft zwei Millionen Amateurfußballer zu Medikamenten greifen. Wir wollen gemeinsam herausfinden, welche Rolle Schmerzmittel im Amateurfußball spielen.

weiterlesen 5 Minuten

von Arne Steinberg , Jonathan Sachse

Wer sich mit Amateurfußballern unterhält, hört immer wieder ähnliche Geschichten: Ein wichtiges Spiel steht an. Einige Spieler sind leicht angeschlagen oder verletzt. Mit Schmerzmitteln lassen sich die Schmerzen kurzzeitig ausschalten. In den Mannschaftskabinen greifen die Fußballer zu Ibuprofen, Paracetamol oder Voltaren. Viele Amateurfußballer wollen an jedem Spieltag fit sein, obwohl sie mit dem Sport kein Geld verdienen.

Wilfried Kindermann, ehemaliger Arzt der Deutschen Nationalmannschaft, sagte dem Stern bereits 2008, dass Schmerzmittel „wie Smarties“ eingenommen würden. Nebenwirkungen und Folgeschäden blenden die Fußballer in dem Moment aus. Manche Schmerzmittel können Niere, Leber oder das Herz schädigen. Andere können abhängig machen.

Wie Sie Ihr Wissen vertraulich teilen

Wir wollen herausfinden, wie weit verbreitet Schmerzmittel im Amateurfußball sind. Es gibt dazu bisher keine wissenschaftliche Untersuchung. Auch die Fußballverbände führen keine Datenbank. Darum bitten wir Sie, uns bei dieser Recherche zu helfen. Indem Sie in unserer Umfrage Ihr Wissen zum Thema teilen, helfen Sie uns, mehr über die Dimension des Missbrauchs zu erfahren.

Die Umfrage dauert nur wenige Minuten. Amateurfußballer können uns dort sicher und – wenn sie möchten – auch anonym von ihrem Schmerzmittelgebrauch berichten. Wir werten die mitgeteilten Erfahrungsberichte in den kommenden Monaten aus.

Schmerzmittel sind nicht verboten. Sie sind auch deswegen oft frei verfügbar und ohne Rezept erhältlich. Im Gegensatz zum Profifußball gibt es keinen Mannschaftsarzt, der die Amateurspieler über die Risiken und Nebenwirkungen der Tabletten aufklärt.

Warum Schmerzmittel gefährlich sein können

Fußball ist in Deutschland die populärste Sportart. Nationalmannschaft und Bundesliga sind ständig Gesprächsthema. Aber auch der Amateurfußball ist ein bedeutender gesellschaftlicher Faktor: Die Vereine des DFB haben über sieben Millionen Mitglieder, jede Saison finden mehr als 1,3 Millionen Partien von den Bambini bis zu den Alten Herren statt. Mehr als zwei Millionen aktive Vereinsspielerinnen und -spieler stehen für ihren Verein auf dem Platz.

Wenn viele dieser Sportler regelmäßig zu Schmerzmitteln greifen, ist das in erster Linie für sie selbst gefährlich – aber auch für die Gesellschaft. Bei regelmäßiger Einnahme von Tabletten verlagert sich die Schmerztoleranz, auch die Gefahr einer Abhängigkeit besteht. Auf diese Weise kann aus einer Zerrung schnell ein Muskelfaserriss werden. Als nächstes folgt vielleicht eine Verletzung, durch die ein Sportler viel länger ausfällt. 

Manche Folgen können das Leben verändern. Der ehemalige Bundesligaspieler Ivan Klasnic leidet noch heute unter seinem langjährigen Schmerzmittelkonsum – der Kroate litt bereits unter einer Nierenerkrankung, bis die Niere im Jahr 2006 ganz versagte. Der Grund war ein Schmerzmittel, das der Fußballer immer wieder einnahm, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Amateurfußballer verdienen mit ihrem Sport nicht ihren Lebensunterhalt. Sie müssen in der Lage sein, ihrem normalen Job nachgehen zu können. Unter Umständen wird der Sport sonst zur gefährlichsten Nebensache der Welt. Sie können mit zwei einfachen Schritten helfen, über die Gefahren von Schmerzmitteln aufzuklären:

  1. Füllen Sie die Umfrage im CrowdNewsroom aus
  2. Teilen Sie den Link zur Umfrage per E-Mail, Messenger oder in den Sozialen Medien mit Bekannten und Mitspielern

Bei Fragen oder Anmerkungen stehen unsere Reporter Jonathan Sachse und Arne Steinberg jederzeit zur Verfügung. Beide versenden regelmäßig einen Newsletter (hier abonnieren), in denen sie über Gesundheitsthemen im Fußball berichten. Für vertrauliche Gespräche sind wir gerne auch telefonisch erreichbar. So können Sie uns am besten erreichen:

Jonathan Sachse
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Per Post: CORRECTIV, z. Hd. Jonathan Sachse, Singerstraße 109, 10179 Berlin 

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Fahrradfahrer in Kopenhagen (Foto: Febiyan / unplash.com)
Klimawandel

Schaut mal: Diese Länder zeigen, wie Klimaschutz geht

Die weltweite Klimakonferenz COP 25 in Madrid hat begonnen: Wir stellen vier Länder vor, an denen sich Deutschland ein Beispiel nehmen kann. Eine Überraschung ist dabei.

weiterlesen 3 Minuten

von Annika Joeres

Die 25. „Conference of the Parties“ (COP) in Madrid muss eines schaffen: Die Länder zu konkreten Gesetzen zu bewegen, um in den kommenden Jahrzehnten die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Für jedes Land gelten dabei unterschiedliche Ziele und Pflichten, die im Pariser Vertrag von 2015 explizit festgelegt sind. Grundsätzlich gilt: Je reicher und industrialisierter ein Land ist, desto mehr Treibhausgase muss es einsparen.

Die Industriestaaten, die das Klima in der Vergangenheit mit ungebremster Kohle-Energie aufgeheizt haben, müssen ihren CO2-Ausstoß stärker reduzieren als Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich gerade im wirtschaftlichen Aufstieg befinden. Jedes Land, von Afghanistan bis Zypern, muss also unterschiedlich viel an seinem Lebensstil ändern.

Die Unterscheidung zwischen industrialisiertem und weniger entwickeltem Land ist wichtig, weil die Länder mit großem Bruttoinlandsprodukt, mit starker Auto- und Maschinenindustrie oder mit großen fossilen Bodenschätzen bisher hundert- oder manchmal zehntausendfach mehr Treibhausgase ausgestoßen haben als ärmere Länder. Die G20-Länder sind für achtzig Prozent aller klimaschädlichen Emissionen verantwortlich.

Auch Deutschland – lange Zeit vorbildlich in der Entwicklung der Erneuerbaren Energien – produziert noch immer 79 Prozent seiner gesamten Energie – also zum Heizen, für Strom und Transport – mit Öl, Gas oder Kohle. Wir werden unsere Klimaziele für 2020 verfehlen und auch die Ziele für 2030 nur schwerlich einhalten können. Das einst als Klimavorreiter gelobte Land kann derzeit nicht als Vorbild dienen. Wir haben uns nach positiven Beispielen in anderen Ländern umgeschaut.

Wir wollen Beispiele aus vier Ländern vorstellen, die im Klimaschutz fortschrittlich sind. Basierend auf Berichten der Klima-NGOs Germanwatch und climate action tracker, die sich wiederum auf aktuelle Daten der Weltenergieagentur, der Welhandelsorganisation, der OECD, der Weltbank und auf nationale Informationen beziehen.

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SCHWEDEN belohnt klimafreundlichen Konsum

Die nordischen Länder sind seit Jahren unter den Top-Ten der Klimafreunde. Bis 2030 will Schweden hundert Prozent seiner Energien aus erneuerbaren Quellen beziehen. Außerdem ist Schweden weltweiter Vorreiter darin, klimaschädlichen Konsum teurer zu machen. Seit 1996 erhebt es einen Preis von 121 Euro auf eine Tonne CO2. Seitdem haben die Schweden ihre Ölheizungen gegen Solarthermien oder Stromheizungen umgestellt, die Regierung hat Infokampagnen für „smarte Häuser“ gestartet, und Dämmungen, Solaranlagen und Wärmepumpen für private Häuser finanziert. Eine genaue Zahl zu dem Anteil der passiven Häuser gibt es nicht, aber Germanwatch und seine Experten gehen davon aus, dass es der höchste in der EU ist. Trotz ihres hohen Wohlstandes stoßen Schwedinnen und Schweden drei Mal weniger Treibhausgase aus als Deutsche.

In Schweden ist auch die Verkehrswende nah. Ab 2025 wird jedes zweite Auto von Volvo mit elektrischen Motoren verkauft werden. Und: Die schwedische Regierung will ein „Bonus-Malus“-System einführen. Wer schadstoffarme Autos kauft, wird belohnt. Wer sich große, schwere und damit klimaschädliche Autos zulegt, muss höhere Steuern zahlen.

MAROKKO nimmt seine Sonnen-Chance wahr

Marokkos Bürgerinnen und Bürger produzieren viel weniger Treibhausgase als etwa Deutsche oder Amerikaner. Theoretisch hätte das nordafrikanische Land also das Recht, seine Emissionen noch zu steigern. Aber Marokko hat entschieden, sich direkt von einem Agrarstaat in einen nahezu fossil-freien Industrie- und Dienstleistungsstaat zu wandeln. Zwischen 2015 und 2020 hat das Land alleine seine Solarenergie von zwei auf 14 Prozent gesteigert und will bis 2030 mehr als die Hälfte seines Stroms mit Sonne und Wind erzeugen.. Ein Grund: Die Monarchie baut kilometerlange Solar-Anlagen in der Wüste. Die sogenannte Noor-Anlage beispielsweise ist das größte Solarwerk der Welt, zieht sich über 25 000 Hektar und wird knapp 1,2 Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner mit Strom versorgen.

Schließlich hat das Land keine fossilen Bodenschätze zum Verbrennen – aber dafür sehr viele Sonnenstunden im Jahr. Allerdings vollzieht Marokko keine dezentrale Energiewende, wie es in Deutschland vielerorts angestrebt wird, sprich, die Wind- oder Solaranlagen verteilen sich nicht kleinteilig auf verschiedene Dörfer. Akzeptanz und Bürgerbeteiligung stehen in Marokko hinten an. Stattdessen werden die Solarpanele gleich zentral und hektarweise aufgebaut.

Für Marokko sind die Erneuerbaren Energien günstiger, als Kohle oder Gas zu importieren. „Das Land nimmt seine Chance wahr“, sagt Jan Burck von Germanwatch. Er hat das Klima-Ranking der Umwelt -NGO mitgeschrieben.

CHINA übertrifft seine Prognosen

Viele kennen die Bilder von Menschen, die sich im dichten Smog und mit Atemschutzmaske durch chinesische Großstädte kämpfen. Regelmäßig erscheinen Chinas Metropolen im Ranking der am meisten verschmutzten Städte unter den Top 30. Auch die Menge an klimaschädlicher Kohleenergie wuchs in 2018 weiter an. Und auch wenn das Land für seine Politik insgesamt, etwa bei politischen Dissidenten, sicherlich kein Vorbild ist, ist es ein Überraschungskandidat bei bestimmten Klimaschutzmaßnahmen.

„China hat sich von den ganz hinteren Plätzen Jahr für Jahr nach oben gearbeitet und ist nun etwa auf einem Level im Klimaschutz-Ranking mit Deutschland“, sagt Burck von Germanwatch. (China war 2018 auf Platz 41, 2019 auf Platz 33,  Deutschland rutschte vom 22. auf den 27. Platz) Insofern ist für viele Klimaexperten die Tendenz entscheidend: Verschiedene Klima-NGOs bewerten China zwar nach wie vor als großen Verschmutzer, sehen seine künftige Rolle aber als positiv. „Wenn die chinesische Regierung auf Elektroautos setzt, dann hat das sofort Folgen für die ganze Welt“, sagt Hanna Fekete von der weltweiten NGO „Climate action tracker.“ Einige ihrer Entscheidungen könnten andere Länder anspornen.

China übertrifft – im Gegensatz zur Bundesregierung, die ihre eigenen Ziele verfehlt – inzwischen seine eigenen Vorgaben. Als Schwellenland mit geringerem Lebensstandard hatte China laut dem Pariser Klimaabkommen das Recht, seinen CO2-Ausstoß noch zu steigern – so wie alle Länder, die historisch deutlichweniger emittierten als die historische Industrieländer wie Deutschland oder Großbritannien. China gab damals an, erst ab 2030 seine Emissionen zu senken. Nach neueren Studien aber wird China voraussichtlich schon zwischen 2021 und 2025 weniger klimaschädliche Gase emittieren – und damit seine Ziele, ganz im Gegensatz zu Deutschland, übertreffen. Wie kommt das?

Für die vielversprechende Bilanz sind laut der Weltenergieagentur EIA Erneuerbare Energien verantwortlich. In keinem Land der Erde wachsen Sonne- Wind- und Wasserkraft so schnell wie in China. Im Jahr 2023, so die EIA, wird China voraussichtlich mehr Erneuerbare produzieren als die gesamte EU. Vor allem aber ist China dabei, seinen Verkehr vom fossilen Benzin zu befreien und auf den öffentlichen Nahverkehr umzustellen: Das Ziel: 2020 sollen 30 Prozent der Menschen in Großstädten mit Bus und Bahn fahren. Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Das „Transit Metropolis“-Programm von 2011 baute den öffentlich subventionierten Nahverkehr in China zu einer Auto-Alternative aus. Die Metro-Linien im Land sind heute doppelt so lang wie noch 2012. Aktuell fahren knapp 6000 Kilometer unterirdische Bahnen und weitere 6000 Kilometer sind geplant. Zum Vergleich: In Europa existieren zur Zeit rund 3000 Kilometer unterirdische Bahnen.

Hinzu kommt: China produziert Millionen Produkte, die wir hier billig einkaufen: Telefone, Legosteine, Computer, Badehosen. Die Emissionen werden derzeit den Produzenten zugeschrieben. Wenn das nicht so wäre und die Emissionen auch den hiesigen Käufern zugerechnet würden, sähe Chinas Bilanz noch besser aus. Und unsere noch schlechter.

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DÄNEMARK gibt Fahrradfahrern Vorrang

Dänemark hat einige Klima-Nachteile: Das nordische Land baut die Erneuerbaren Energien zu langsam aus und bohrt weiterhin nach Öl und Gas in der Nordsee. Trotzdem rutscht Dänemark in den Rankings immer weiter nach oben, beispielsweise durch mehr Windkraft und das Verbot von Benzin-Autos ab 2030. Aber vor allem aus einem Grund darf Dänemark in dieser Liste nicht fehlen: Sein Angebot für Fahrradfahrer und -fahrerinnen ist weltweit einmalig. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen gilt vielen Stadtplanern inzwischen als Vorbild für die Verkehrswende. Schon jetzt legen ihre Einwohnerinnen und Einwohner mehr als 33 Prozent der Wege zur Arbeit oder zur Schule auf dem Fahrrad oder zu Fuß zurück.

Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Warum? Weil die Stadt einen konkreten Plan umgesetzt hat, Fahrradfahrern immer und überall Vorrang zu gewähren. Dazu gehört, dass Autos an Ampeln hinter den Radfahrerinnen stoppen müssen und die Radwege so breit sind, dass sie in eine schnelle und eine langsamere Spur unterteilt sind. Bis 2025 werden die straßenbreiten Radwege weiter ausgebaut, Straßen zu Einbahnstraßen für Autofahrer degradiert oder ganz gesperrt, an Kreuzungen Reparatur- und Aufpumpstationen aufgebaut und überall für sichere Abstellplätze gesorgt. Und: Radwege werden künftig genauso schnell von Schnee befreit wie Autostraßen.

Fazit:

Die Weltkarte der Klima-Sünder und -Retter hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. „Die Länder, die traditionell viel ausstoßen, bleiben dabei. Die Länder, die nur in geringem Maße für den Klimawandel verantwortlich sind, tun mehr für die Welt“, sagt Hannah Fekete vom NewClimate Institute. Auch einen Frontrunner, also ein Land, das in allen Bereichen gut abschneidet, gibt es bei keinem dieser Rankings.

Deshalb bleiben bei dem „Climate Change Performance Index“ der NGO Germanwatch seit Jahren die ersten drei Plätze frei: Der Index rankt die Gesetze und Projekte von den 60 stärksten Emittenten der Welt. „Die Länder der Welt sind lethargisch und wenig einfallsreich“, sagt Jan Burck, Projektleiter des „Performance index“ von Germanwatch. Größtes Manko: Die Energie einzusparen. Bislang setzen die meisten darauf, die Energie mit Wind und Sonne und Biomasse herzustellen – was gut ist. Den Energie-Verbrauch zu senken hat bislang allerdings kaum ein Land geschafft. Dabei ist die Kilowattstunde am klimafreundlichsten, die erst gar nicht produziert werden muss.

Leider ist das Fazit: Kein klimaschädliches Land erreicht bislang die Pariser Klimaziele. Kein industrialisiertes Land der Erde verringert seinen Verbrauch ausreichend, um die Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und damit Dürren, Überschwemmungen und den Meeresanstieg einzudämmen. Ja, die aktuellen Prognosen für die Länder führen zu einer drei Grad heißeren Erde – das eine Grad mehr aber hat große Folgen: „Für viele Lebewesen, von Meeres-Schildkröten bis zu Korallenriffen, bedeutet schon ein halbes Grad mehr den Tod. Und für uns Menschen? Hunderte Millionen mehr werden unter dem Klimawandel leiden,“ schreibt die Weltraumbehörde NASA. Es ist also ein großer Unterschied, der sich bei jedem Fieber nachvollziehen lässt: Wir fühlen uns wohl bei einer Körpertemperatur um 36,7 Grad Celsius, schwach bei 38 und sind bettlägerig bei 39 Grad.