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„Blauer“ Wasserstoff: Wie eine mächtige Lobby um ihr Gas kämpft

Die Lobbyisten der Gasindustrie arbeiten auf Hochtouren. Denn die Branche kämpft ums Überleben. Sie will die Wiederaufbaumittel der EU nutzen, um sich unabdingbar zu machen: Wasserstoff soll nicht nur mit erneuerbaren Energien, sondern auch mit Gas produziert werden. Über Einfluss und zu große Hoffnungen auf einen vermeintlich sauberen Energieträger.

von Annika Joeres , Katarina Huth , Giulio Rubino , Carlotta Indiano , Francesca Cicculli

Wasserstoffauto tankt H2 Wasserstoff an einer H2 Wasserstofftankstelle, Herten, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Klimafreundliches Tanken mit Wasserstoff? Das ist bisher teuer und ineffizient. Inwieweit Wasserstoff als künftiger Energieträger verwendet wird, diskutiert aktuell die Europäische Kommission. (Foto: Rupert Oberhäuser / picture alliance)

Wer über den Lobbyismus rund um die Wasserstoff-Förderung und die Rolle eines Politikers recherchiert, erhält Antwort von einem Anwalt: Er könne „gegenwärtig keinen Berichterstattungsanlass erkennen“, schreibt Medienanwalt Christian Schertz an CORRECTIV. Er habe seinem Mandanten dem CDU-Abgeordneten Joachim Pfeiffer empfohlen, zu seinen konkreten unternehmerischen Tätigkeiten keine Erklärung abzugeben. Dabei wollten wir nur wissen, welche Rolle Pfeiffer, jahrelang energiepolitischer Sprecher der CDU, bei der Wasserstoffstrategie in seiner Heimatregion Stuttgart gespielt hat. 

Wasserstoff ist die Hoffnung der energieintensiven lndustrie wie etwa Stahl oder Zement, trotz zunehmender Klimaschutzmaßnahmen weiter produzieren zu können. Denn eigentlich sind die Tage der fossilen Industrien gezählt: Im European Green Deal setzt sich die EU das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, das heißt, keinerlei Treibhausgase mehr auszustoßen und entstehende auszugleichen. Sie bleibt darin jedoch vage, wie Wasserstoff produziert werden soll und spricht von „sauberem Wasserstoff“. Doch Wasserstoff kann nicht alle Hoffnungen bedienen. Denn bei großer Nachfrage ist jede Art von Wasserstoff aus Klimasicht umstritten: Blauer Wasserstoff aus fossilem Gas verursacht sehr viele Emissionen, grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Energien benötigt zu viele Windräder und Solaranlagen, um zeitnah zu funktionieren. 

Ein deutsch-italienisches Team von CORRECTIV und IRPIMedia hat recherchiert, wie Wirtschaftslobbyisten die EU beeinflussen, um Wasserstoff als Energie der Zukunft zu verkaufen. Sie setzen sich vor allem dafür ein, dass die EU Wasserstoff aus klimaschädlichen Quellen, der so genannte blaue Wasserstoff, als „sauber“ bezeichnet und fördert. Außerdem soll auch Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, die für die Klimaziele zurzeit ohnehin zu wenig produziert werden, mit Steuergeldern finanziert werden. Es stehen Milliarden auf dem Spiel Milliarden für die Förderung von Pipelines für den Transport von Wasserstoff, aber auch viel Geld für Firmen, die diese Technologie entwickeln. Und nicht zuletzt Milliarden, die klimaschädliche Energieproduktion bedienen könnten. 

Auch im Schwabenland, Heimat von Joachim Pfeiffer, steht Wasserstoff längst auf der politischen Agenda. Christdemokrat Pfeiffer, der erst kürzlich wegen seiner 27 Nebentätigkeiten von der Kandidatur zur Bundestagswahl Abstand genommen hat, setzte sich mit zahlreichen Anträgen als Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Regionalverbandes Stuttgart dafür ein, dass der Verband Stuttgart 20 Millionen Euro in die Technologie, etwa in die für die Wasserstofftechnik benötigten Brennstoffzellen, investiert.

Bei dieser Technologie gebe es „erhebliche Wachstumspotentiale“, schrieb Pfeiffer dazu. Er setzte sich sowohl für eine „technologieoffene Förderung“ ein sowie für synthetische Kraftstoffe für Autos, die ebenfalls auf Wasserstoff basieren.

Neben seinem Job als Bundestagsabgeordneter war Joachim Pfeiffer bis Ende 2020 im Beirat der kanadisch-malischen Firma Hydroma, die Wasserstoff aus Entwicklungsländern in Westafrika nach Deutschland exportiert. Hydroma hält nach eigenen Angaben das größte natürliche Wasserstoff-Feld in Mali. Auf unsere Anfrage hat die Firma nicht reagiert.

„Es ist anzunehmen, dass Herr Dr. Pfeiffer als politischer Türöffner im Rahmen seiner Beratertätigkeit viel Geld verdient hat“, sagt Peter Rauscher, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Die Linke/Piraten in Stuttgart. Pfeiffer könne zu befangen sein, um in der Regionalversammlung über öffentliche Mittel für Wasserstoff zu entscheiden. Pfeiffer beantwortet uns unsere Frage, wieviel er bei Hydroma verdient hat, nicht. Doch sein Anwalt schreibt: „Die politischen Entscheidungen meines Mandanten waren zu keinem Zeitpunkt durch seine Nebentätigkeiten beeinflusst.“

Deutschlands Wasserstoffstrategie auch für blauen Wasserstoff offen

Pfeiffer war langjähriger energiepolitischer Sprecher der CDU, der Mann also, der für die Politik der Regierungspartei für Gas, erneuerbare Energien und Kohle eine wichtige Rolle spielte. Mehrfach lobte er die nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung, die das Bundeskabinett letztes Jahr beschloss. Ihr Inhalt: Deutschland will einen globalen und nationalen Wasserstoffmarkt etablieren. Dazu will die Bundesregierung vor allem auf grünen Wasserstoff setzen und bis 2030 große Mengen gemeinsam mit Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee mit Windkraft aus Offshore-Anlagen produzieren. Vorübergehend müssten Industrien wie die Stahl- und Chemieindustrie allerdings auch sogenannten blauen Wasserstoff verwenden. Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas produziert und das dabei entstehende Kohlendioxid gespeichert, die umstrittene Technik nennt sich Carbon Capture and Storage, kurz CCS. Laut Wasserstoffstrategie werden die bestehenden Gasnetze darauf geprüft, ob durch sie auch Wasserstoff geleitet werden kann. 

Bei der Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie wird die Bundesregierung vom Wasserstoffrat beraten. Er besteht zum Großteil aus Experten und Expertinnen mit wirtschaftlichen Interessen: Zu den 26 Mitgliedern gehören 15 Gasunternehmen und -netzbetreiber, der Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, sieben Personen aus der Wissenschaft und zwei aus Nichtregierungsorganisationen. „Die industrielastige Zusammensetzung birgt die große Gefahr, dass weniger die Rolle von Wasserstoff für den Klimaschutz diskutiert wird – sondern eher, wie die verschiedenen Industrien von ihm profitieren können“, sagt Nina Katzemich von der NGO Lobbycontrol. 

Grüner Wasserstoff, blauer Wasserstoff

Wasserstoff ist potentiell ein sauberer Kraftstoff, weil bei seiner Verbrennung nur Wasser oder Wasserdampf übrig bleiben. Allerdings kommt Wasserstoff in reiner Form nur sehr selten in der Natur vor, er muss vor dem Verbrennen hergestellt werden – ein teurer Prozess. Wasserstoff wird nur dann ohne Ausstoß von Treibhausgasen produziert, wenn er aus Wasser mit Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Bei dieser sogenannten Elektrolyse entsteht dann grüner Wasserstoff. In Deutschland haben wir jedoch nicht genügend Strom aus erneuerbaren Energien, um den Bedarf an grünem Wasserstoff zu decken. Wenn alle Stahlkonzerne auf grünen Wasserstoff umsteigen, würden die Windräder in Deutschland nur für sie laufen. Unternehmen wie Thyssenkrupp wollen daher grünen Wasserstoff in Ländern wie Saudi-Arabien mit billigem Ökostrom produzieren und dann nach Deutschland importieren wofür der Konzern mit 1,5 Millionen Euro vom Bund gefördert wurde. Allerdings fehlen bislang die Pipelines für den Wasserstoff und der Transport verursacht Emissionen.

Blauer Wasserstoff hingegen wird aus Erdgas hergestellt und erzeugt große Mengen Treibhausgase. Die Abscheidung und Speicherung des erzeugten Kohlendioxids (CCS) wäre die einzige Lösung, um diesen Prozess laut seiner Befürworter „sauber“ zu machen. Die Technologie wird schon seit Jahrzehnten gefördert, bleibt aber extrem teuer und funktioniert bislang nicht. Längst ist sich die Europäische Union der Ineffizienz von CCS bewusst: Zwischen 2008 und 2017 finanzierte sie mit 424 Millionen Euro sechs CCS-Projekte fünf davon scheiterten, eines konnte viel weniger einlagern als versprochen.

Schwammige Vorgaben

Anfang April hat die EU-Kommission ihren Entwurf vorgelegt, in welche Branchen und Industrien öffentliche EU-Gelder fließen dürfen. Und genau bei der Definition der Wasserstoff-Produktion bleibt der Entwurf schwammig: Die EU „favorisiere“ die Produktion von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Das bedeutet auch: Blauer Wasserstoff, aus Erdgas produziert, ist weiterhin möglich. 

Diese von der Öffentlichkeit nur wenig beachtete Entscheidung wird aber letztendlich darüber bestimmen, ob in Europa hunderte Kilometer neue Pipelines gebaut werden und ob das klimaschädliche Gas weiterhin aus Steuergeldern gefördert wird. 

Doch wie positionieren sich die Parteien in Deutschland? Einige haben ihre Wahlprogramme für die Bundestagswahl im September bereits veröffentlicht. So schreibt die Linke in ihrem Entwurf, sie wolle ausschließlich grünen Wasserstoff produzieren und keinen „nicht-ökologischen“ Wasserstoff importieren. Die Grünen wollen ebenfalls nur grünen Wasserstoff einführen. Die FDP hingegen will explizit auch auf blauen und türkisen Wasserstoff der über die Spaltung von Methan entsteht setzen. Sie begründet dies so: „Nur so erreichen wir kurzfristig große Mengen zu bezahlbaren Preisen.“ Die SPD schreibt in ihrem Programm schwammig von „sauberem Wasserstoff”, den sie importieren möchte.

AfD und CDU haben ihre Wahlprogramme bisher nicht veröffentlicht. Wie die CDU zum Thema Wasserstoff steht, lässt sich allerdings erahnen: Ende 2019 setzte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) grünen und blauen Wasserstoff gleich und beendete den Dialogprozess „Gas 2030“ mit den Worten „Gas ist sexy“. Altmaiers  Staatssekretär Thomas Bareiß (CDU) äußert sich laut Lobbycontrol seit Jahren „abfällig bis kritisch über Klimaschutzmaßnahmen“ und sprach sich in der Vergangenheit für den Import von blauem Wasserstoff aus. Klar ist: Zurzeit setzt vor allem die Union auf Wasserstoff. „Wasserstoff ist nicht der Champagner der Energiewende, sondern das Tafelwasser, daran arbeiten wir“, verkündete Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Dabei widerspricht er explizit der Forschung: Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft spricht von Wasserstoff als Champagner der Energiewende. „Wasserstoff ist nicht das neue Öl, wie manche behaupten“, sagt sie. 

Unternehmen wollen Entscheider in Brüssel beeinflussen 

Bislang lag das Zentrum der Lobbyarbeit in Brüssel. Während im Frühsommer 2020 Europa im Lockdown lag, kämpfte die Gasindustrie um ihr Überleben in der Klimakrise. Am 22. Mai 2020 erreichte ein von Choose Renewable Hydrogen unterzeichnetes Schreiben die Büros von Frans Timmermans, Vizepräsident der Europäischen Kommission. Choose Renewable Hydrogen ist eine gemeinsame Initiative der wichtigsten europäischen Energieunternehmen und Lobbyverbände wie etwa SolarPower Europe, Enel und WindEurope. In dem Schreiben forderte sie Investitionen in grünen Wasserstoff. Er sei „der beste Weg, um bis 2050 eine vollständige Klimaneutralität zu erreichen“ – das Ziel des European Green Deal. 

Frans Timmermans, Vizepräsident der Europäischen Kommission, während einer Pressekonferenz in Brüssel im Juli 2020. (Foto: Virginia Mayo / picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Einen Monat später kam dort ein weiterer Brief an. Diesmal unterzeichneten die führenden europäischen Öl- und Gasunternehmen. Wasserstoff sei ein Schlüsselelement der Energiewende, sie forderten jedoch Investitionen in blauen Wasserstoff, der aus Erdgas mit CO2-Abscheidung und -Speicherung hergestellt wird. „Aus Erdgas mit Kohlenstoffabscheidung erzeugter Wasserstoff schafft die Voraussetzungen, um den Markt wettbewerbsfähig zu machen“, heißt es in dem Brief. Die Industrie argumentiert vor allem mit den Kosten. „Derzeit sind die Kosten für mit Gas erzeugten Wasserstoff zwei- bis fünfmal geringer als die aus erneuerbaren Energien.“

Wie blauer Wasserstoff in die europäische Energiestrategie aufgenommen wurde

Im September 2019 tauchte ein neuer Eintrag im Transparenzregister der Europäischen Kommission auf, einer Datenbank für Lobbyisten: der Verband Gas for Climate. Die 2017 gegründete Gruppe von zehn europäischen Gasunternehmen, darunter ONTRAS und Open Grid Europa (Deutschland), Snam (Italien) und Swedegas (Schweden) kämpft dafür, Gas und seiner Infrastruktur eine Schlüsselrolle in der europäischen Dekarbonisierung zu geben. 

Gas for Climate traf sich mehrmals mit der Kommission und gründete im März 2020 die Europäische Wasserstoffallianz, in der Interessengruppen, staatliche, institutionelle und industrielle Partner zusammenkamen. Die Allianz definierte eine Übergangsphase, in der blauer Wasserstoff erzeugt werden solle. „Wir haben darum gekämpft, als NGO in diesem Prozess gehört zu werden, aber wir haben offensichtlich eine untergeordnete Rolle gespielt“, sagt Davide Sabbadin vom Europäischen Umweltbüro (EEB), einem Verband, der Europas führende Umwelt-NGOs vereint.

Die italienische Umweltorganisation „Re:Common“ legt in ihrem Bericht „Der Wasserstoffschwindel“ dar, dass Umwelt-NGOs nur 37 Treffen mit EU-Beamten hatten, im Gegensatz zu den 163 Treffen, die die Europäische Wasserstoffallianz erhielt.

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Gas for Climate erscheint nicht in der offiziellen Mitgliederliste der Allianz, doch ihre Mitglieder tun es. Wir finden neben anderen Hydrogen Europe, eine Vereinigung, der mehr als hundert Industrieunternehmen und Mitglieder des Europäischen Parlaments angehören, die zusammenarbeiten, um Wasserstoff zu fördern. Laut Re:Common ist Hydrogen Europe „eine öffentlich-private Partnerschaft, die von der Kommission gegründet wurde, um die Kommission im Namen der Industrie zu beeinflussen“.

Im Frühsommer 2020 wurde veröffentlicht, welche Vorschläge Unternehmen der Europäischen Kommission unterbreitet haben, darunter auch die von Gas for Climate. Ihr Ziel wurde deutlich: Sie behaupteten, dass die derzeitige EU-Infrastruktur die wachsende Nachfrage nach Wasserstoff nicht befriedigen könne, wenn nur grüner Wasserstoff hergestellt werde. Es sei mittelfristig notwendig, blauen Wasserstoff zu nutzen und weiter in Gas zu investieren. Aus diesem Grund setzen die Unternehmen auch auf Bündnisse mit Russland, Norwegen und nordafrikanischen Ländern wie Algerien, da diese bereits über die Gasinfrastruktur verfügen.

Dabei ist die Aussage der Industrie, es bräuchte für den Übergang blauen Wasserstoff, nicht belegt. Die Internationale Agentur für erneuerbare Energien schreibt in einem Bericht, dass grüner Wasserstoff bis 2030 preislich mit blauem Wasserstoff mithalten kann. Die Zunahme von erneuerbaren Energien würde es ermöglichen, dass grüner Wasserstoff zügig zu einer günstigen Lösung wird.

Der Trick, um weiterhin Gas zu verkaufen

Die Wasserstoffstrategie wurde am 8. Juli 2020 von der EU-Kommission offiziell vorgestellt. Die Kommission bestätigte nicht nur das Vorhaben, blauen Wasserstoff zu produzieren, sondern kündigte auch an, dass die European Hydrogen Alliance bei der Planung der Wasserstoffinfrastruktur dabei sein solle.

Gas for Climate nutzte die Gelegenheit: Knapp eine Woche später unterzeichnete der Verband den European Hydrogen Backbone Report, der sich auf Infrastruktur für Wasserstoff konzentriert. Das Konsortium stellt ein Wasserstoffnetz vor 23.000 Kilometer sollen bis 2040 erreicht werden , das die künftigen Zentren für Angebot und Nachfrage nach Wasserstoff in ganz Europa verbindet.

Der entscheidende Punkt des Projekts ist laut seinen Befürwortern, dass 75 Prozent des Netzwerks aus nachgerüsteten Gaspipelines bestehen werden. Die Idee ist, die bestehenden Gaspipelines so umzubauen, dass zusätzlich zum immer weniger verbrauchten Gas auch Wasserstoff transportiert werden kann. Die Kosten für dieses Netzwerk werden auf 27 bis 64 Milliarden Euro geschätzt.

Die Unternehmen, die den Bericht unterzeichnet haben, testen seit Jahren den Transport von Wasserstoff in Gasleitungen durch Beimischung von Methan. Dank dieser Lösung ist es laut dem italienischen Gasunternehmen Snam möglich, maximal 20 Prozent Wasserstoff zu transportieren, der mit 80 Prozent Methan gemischt ist. Bei einem höheren Prozentsatz müssten die Rohre angepasst werden das Programm wäre also vor allem ein Förderprogramm für Gasnetze. 

„Wenn die Gasunternehmen über den Verkauf von 20 Prozent Wasserstoff sprechen, wollen sie eigentlich 80 Prozent des Gases verkaufen“, sagt Davide Sabbadin. „Wasserstoff eine Ausrede, um uns weiterhin Methan zu verkaufen.“

Auf Anfragen dazu haben Gas for Climate und die Europäische Wasserstoffallianz nicht genatwortet.  

Die Zukunft des Wasserstoffs

Für Wasserstoff steht noch eine weitere Geldquelle zur Verfügung: Für die Zeit nach der Pandemie hat die Europäische Union einen komplexen Aufbauplan entwickelt. Der Next Generation EU-Fonds stellt 672,5 Milliarden Euro bereit. Für dieses Geld muss jede Nation ihren eigenen Plan aufstellen und 35 Prozent der Mittel investieren, um bis 2050 klimaneutral zu werden. 

Ob die nationalen und internationalen Wasserstoff-Konzepte das Klima schützen, ist unklar. Klar ist nur: Deutschlands Konzerne wie Thyssenkrupp und Siemens sind die sicheren Gewinner. Sie profitieren von ihren Produkten für Gaspipelines für den blauen Wasserstoff und sind zugleich auch größte Hersteller von Elektrolyseuren Maschinen zur Herstellung von Wasserstoff aus Wasser, also grünem Wasserstoff. 

„Ohne einen Überschuss an erneuerbarer Energieerzeugung ist jedes Gespräch über Wasserstoff nur zum Vorteil der Gasunternehmen“ sagt Massimiliano Varriale, Energieexperte des WWF. 

 

Die Produktion dieser Recherche wurde mit einem Zuschuss aus dem Investigative Journalism for Europe (IJ4EU) Fonds unterstützt.

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