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Der Farao-Clan soll italienische Restaurants in Deutschland gezwungen haben, ihre Produkte aus Kalabrien zu kaufen.© Alina Sofia / unsplash.com

Mafia

„Ich lasse ihn eine Salsiccia-Wurst kaufen“

Diese Woche gingen Ermittler in Großrazzien gegen die Mafia vor. CORRECTIV hat jetzt die italienischen Justizakten zu der Aktion ausgewertet. Sie zeigen, dass die italienische Mafia längst in der deutschen Wirtschaft zu Hause ist.

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von Giulio Rubino , Margherita Bettoni , Cecilia Anesi

Jahrelang sammelten sie Beweise, hörten Telefonate ab, beobachteten Clan-Mitglieder.  Zu Beginn der Woche führten Ermittler in Deutschland und Italien schließlich eine der größten Aktionen gegen die italienische Mafia in den letzten 20 Jahren durch. Die Polizei nahm etwa 170 Personen fest, elf davon in Deutschland. Die Vorwürfe reichen von der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung bis hin zu versuchtem Mord und Erpressung.

Die Razzien zielten vor allem auf den Farao-Clan, der zur kalabrischen Mafia-Gruppierung ‘Ndrangheta gehört. Aus italienischen Justizakten zu den jüngsten Razzien geht hervor, wie der Clan mit Hilfe des Lebensmittelhandels in Deutschland seinen Einfluss ausweiten konnte. Unter den Mafia-Clans sind die Faraos etwas Besonderes: nur dank seiner starken Präsenz in Deutschland stieg er in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der mächtigsten Clans in Italien auf.

Zu den in dieser Woche Verhafteten zählt auch der Gastronom Mario L., der bei Stuttgart ein italienisches Restaurant betrieb. Aus den Unterlagen geht hervor, dass L. Kontakt zu hochrangigen Mitgliedern des Farao-Clans hatte. L. habe seinen Einfluss in Deutschland konsolidiert, „insbesondere in der Gastronomie und in den Gebieten Frankfurt und Offenbach und in Baden-Württemberg“.

Ein besonderer Wein-Produzent

L. ist nicht das erste Mal im Visier von Ermittlungen. Anfang der 1990er Jahre brachte er den CDU-Politiker und ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger in Bedrängnis. Oettinger besuchte oft das Stuttgarter Restaurant von Mario L., der ihn „seinen Minister“ nannte. Für die CDU-Landtagsfraktion organisierte Mario L. in seinem Restaurant „kalabresische Abende“. Gegen Oettinger wurde nicht ermittelt.

Italienische Restaurants sind ein wichtiger Bestandteil der Mafia-Logistik. Sie dienen der Geldwäsche und Treffen zwischen Clanmitgliedern. Die Lebensmittellieferungen können Kokainschmuggel tarnen. Ermittler rechnen bislang etwa 15 Restaurants und Eisdielen in Deutschland dem Farao-Clan zu. Im Laufe der aktuellen Ermittlungen könnte diese Zahl noch steigen.

Doch nicht nur das: der Farao-Clan nutzte den Lebensmittelhandel dazu, anderen italienischen Restaurants in Deutschland die eigenen Produkte aufzuzwingen. „In Deutschland kontrollierte der Farao-Clan den Handel von Produkten aus der kalabrischen Stadt Cirò, etwa Wein, Zitrusfrüchte, Öl und Zutaten für Pizza“, sagt der italienische Staatsanwalt Vincenzo Luberto.

Das zeigt, dass die Mafia in Deutschland nicht nur mit Kokain handelt und ihr Geld mit dem Drogengeschäft verdient, sondern längst in der deutschen Wirtschaft angekommen ist.

Der Farao-Clan gab sich als ganz normaler Wein-Produzent aus Italien. Mit einem Unterschied: Er verschickte seine Flaschen ungefragt an die Restaurants – in einem Fall 200 Kisten. Der Clan lieferte auch Zutaten für Pizzateig sowie Käse und Wurst aus der süditalienischen Region Kalabrien – ohne dass sie bestellt waren. Anschließend besuchten die Mafia-Mitglieder die Gastronomen, um sie zur Annahme und Bezahlung der Waren zu zwingen.

„Ich lasse ihn eine Salsiccia-Wurst und eine Schweinskopfsülze kaufen und in der ersten Aprilwoche gehst du da vorbei“, sagt Mario L. am Telefon einem der Söhne von Clan-Chef Giuseppe Farao. Denn Gastronomen, die sich nicht erpressen lassen wollten, erhielten hochrangigen Besuch aus Italien: die Söhne der Clan-Chefs reisten nach Deutschland an, um sie einzuschüchtern.

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„Denk an Duisburg“

Nicht nur italienische Restaurantbesitzer wurden Opfer des Clans. Das mutmaßliche Mafia-Mitglied Vincenzo B. soll 2013 auch einen deutschen Unternehmer bedroht haben. Der Geschäftsmann wollte in Hessen eine Eisdiele in einem Ladenlokal eröffnen, auf das auch Vincenzo B. ein Auge für die Eisdiele seiner Tochter geworfen hatte: „Wenn er meine Tochter beschädigt, beschädige ich ihm seine Frau, seine Tochter. Ich zerstöre alles“, sagte Vincenzo B. in einem abgehörten Gespräch.

Über einen italienischen Angestellten des Unternehmers soll B. ihm dann eine Bedrohung zukommen lassen haben: „Sag ihm, er soll an Duisburg denken, so dass er einschätzen kann, wie er enden wird“, sagte B. am Telefon. In Duisburg waren 2007 sechs Italiener im Rahmen einer Mafia-Fehde vor einem Restaurant erschossen worden. CORRECTIV konnte den Anwalt von B. nicht erreichen.

Unter anderem an die Mitglieder des 2009 in Offenbach gegründeten Verein Armig – eine Vereinigung von kalabrischen Gastronomen in Deutschland – soll L. nach Ansicht der italienischen Staatsanwaltschaft „Produkte von Unternehmen zugestellt haben, die auf den Clan zurückzuführen waren“.  Ein Anwalt für Mario L. war zunächst nicht zu erreichen.

Auf der Internetseite von Armig ist Mario L. als einfaches Mitglied aufgeführt. Italienische Ermittler gehen jedoch davon aus, dass L. eine bedeutendere Position in der Vereinigung hatte. 

„Das, was passiert ist, hat mich völlig überrascht“, sagt Armig-Vorsitzender Cristofaro Amodeo. Der Verein, so Amodeo, könne nicht die „Moral der Menschen überprüfen, die dem Verein beitreten wollen“. Der Verein, der selber keine Produkte vertreibt, fühle sich vom „absurden Geschehen“ beschädigt. „Wie ich auch arbeiten viele Kollegen, ob Mitglieder von Armig oder nicht, den ganzen Tag und haben nichts mit Kriminalität und Vergehen zu tun.“

Der Standort Deutschland

Beim Bundeskriminalamt sind etwa 570 in Deutschland lebende Mafia-Mitglieder aktenkundig. 350 davon gehören der kalabrischen Mafia ‘Ndrangheta an, die stärkste Mafia-Gruppierung. Zählt man auch die Helfer der Mafia dazu, sind der Mafia in Deutschland eher 5.000 Personen in Deutschland zuzuordnen. Früher war Deutschland nur ein Rückzugsort für Mafiosi, die sich Festnahmen oder Fehden entziehen wollten. Heute ist Deutschland ein wichtiger Standort für die Geschäfte der Mafia.

Die Clans aus der ‘Ndrangheta-Hochburg San Luca sind vor allem in Nordrhein-Westfalen und über Dresden bis nach Osteuropa präsent. Der Farao-Clan beherrscht vor allem Hessen und Baden-Württemberg. Der Clan gründete sich in den 1970er-Jahren in der kalabrischen Stadt Cirò. Zunächst hatte er in der Hierarchie der ‘Ndrangheta kaum Bedeutung. Denn seine Bosse waren Außenseiter in der Welt der Mafia: es waren Dreißigjährige, die keine Mafia-Vergangenheit hinter sich hatten.

Bereits in den 1980er-Jahren schmuggelten Mitglieder, die in Hessen und Baden-Württemberg lebten, zunächst Heroin und später Kokain nach Deutschland und verkauften die Drogen im Raum Kassel und Stuttgart. Heute zählt der Farao-Clan zu den mächtigsten in Italien. Das zeigt: Deutschland ist inzwischen so wichtig für die italienische Mafia, dass Clans ohne ein starkes Deutschland-Geschäft ins Hintertreffen geraten können.

Und bis zu den Razzien in dieser Woche konnte der Farao-Clan seine Stellung weitgehend ungestört ausbauen. Am 4. März 2014 unterhält sich der Gastronom Mario L. mit einem seiner Cousins im Farao-Clan, einem Sohn von Clan-Chef Giuseppe Farao. Sie diskutieren über ein Lager, das sie in der Nähe von Kassel für Lebensmittel aus Kalabrien erworben haben. Und dann lässt Farao diesen Satz fallen: „In Deutschland können wir alles machen“.

Update am 12.01.2018: Wir haben den Text mit einer Stellungnahme des Vereins Armig aktualisiert.

Im Oktober wurde Salvatore Rinzivillo verhaftet. Der Clan hatte Deutschland fest im Visier.

Mafia

Das verpatzte Comeback

Im Oktober verhafteten Ermittler in Deutschland die rechte Hand eines hochrangigen Mafiabosses aus Sizilien. Aus Justizunterlagen geht jetzt hervor, wie die Gruppe Deutschland erobern wollte. Es sind die gleichen Elemente, mit denen sie den Süden Italiens kontrollieren: Zugang zu Banken, Baufirmen zur Geldwäsche und Kontakte zu Justiz und Polizei.

von Giulio Rubino , Floriana Bulfon

Der Strand von San Vito lo Capo an der Spitze einer entlegenen Landzunge ganz im Westen Siziliens ist einer der schönsten Strände Italiens. Doch der prominenteste Urlauber des nahegelegenen Ortes war dort kaum zu sehen. Salvatore Rinzivillo, einer der wichtigsten Clanführer der sizilianischen Mafia, blieb lieber in seiner für den Sommer gemieteten Villa.

Bis zu seiner Verhaftung im Oktober soll er laut Ermittlern die Interessen seines Clans in einem Gebiet von Norditalien bis nach Marokko gelenkt haben. Rinzivillo überragte die Landschaft wie der Fels, der den Strand von San Vito lo Capo bestimmt.

Die Brüder von Rinzivillo sitzen schon lange im Gefängnis. Auch deswegen bereitete er sein Geschäft auf einen Generationenwechsel vor: immer wieder besuchte ihn seine rechte Hand in der Villa. Noch nicht einmal 40 Jahre alt, ist er bei den Justizbehörden anders als die Rinzivillos noch nicht im Visier. Doch der Assistent ist kein Junge aus der Nähe: Ivano M. lebt im fernen Köln.

 

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Strand und Felsen von San Vito lo Capo: hier plante der Mafia-Clan seine Aktivitäten in Deutschland.

Von der Villa aus planten Rinzivillo und Ivano M., Deutschland zu erobern. Das geht aus Unterlagen der italienischen Justiz hervor, die CORRECTIV ausgewertet hat. Im Oktober wurden Salvatore Rinzivillo und Ivano M. verhaftet. M. ist inzwischen nach Italien ausgeliefert. Die beiden konnten ihre Pläne also nicht umsetzen. Anwälte von Rinzivillo und Ivano M. wollte sich gegenüber CORRECTIV nicht äußern.

Aus den Unterlagen geht nicht immer hervor, wie konkret die Pläne waren. An vielen Stellen fehlen Details. Doch das Muster ist klar: der Clan setzte auf die gleichen Elemente, mit denen die Mafia Teile Italiens beherrscht.

Ein Problem, vor dem die Mafia ständig steht: sie muss die Erlöse aus Verbrechen wie zum Beispiel Drogenhandel in den legalen Geldkreislauf bekommen. Dazu unterhält sie ihre eigenen Firmen, zum Beispiel Restaurants oder Handelsfirmen. Oder die Bauwirtschaft.

Stuttgart 21 im Visier?

Und laut Justizunterlagen hatten Rinzivillo und seine Mitarbeiter ihr Auge auf das derzeit größte deutsche Bauprojekt geworfen: Stuttgart 21. Nach dem aktuell laufenden Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs soll dort, wo Gleise unter die Erde verlegt werden, ein neuer Stadtteil entstehen.

Und hier wollten die mutmaßlichen Mafiamitglieder sieben Häuser bauen. Dazu soll M. mit einem Bauunternehmer aus dem norditalienischen Brescia in Kontakt gestanden haben, der die Arbeiten ausführen sollte. Dessen Unternehmen stehen in Italien bereits auf einer schwarzen Liste von Firmen, die sich wegen Verbindungen zur Mafia nicht mehr an öffentlichen Aufträgen beteiligen dürfen.

Warum die Mafiosi schon so konkret von sieben Häusern sprachen, die sie in Stuttgart bauen wollten, ist unklar. Das Bauprojekt Stuttgart 21 befindet sich noch in einer frühen Phase: es gibt noch nicht einmal Architektenpläne für die zukünftigen Wohnimmobilien.

Fisch aus Marokko

Auch über den Handel nahmen sie die deutsche Wirtschaft ins Visier. Aus den Unterlagen geht hervor, dass sie eine Probe Fisch im Wert von 50.000 Euro nach Deutschland schickten, mit der sie in das Zulieferersystem eines großen Discount-Supermarktes in Deutschland aufgenommen werden wollten.

Ein Partner-Clan der Rinzivillos besitzt laut den Unterlagen eigene Firmen in Marokko, die dort Fisch produzieren. Der Rinzivillo-Clan verteilt ihn dann in Sizilien. Jetzt wollte er mit diesem Teil der Geschäfte offenbar ins Ausland expandieren. Das hätte den Rinzivillos gegenüber anderen Clans deutlich mehr Geltung verschafft.

Doch vor allem bemühte sich M. aus Köln, die rechte Hand des sizilianischen Paten, laut den Unterlagen um Zugang zu Banken. Auch hier ist nicht ganz klar, was genau die Gruppe plante. Es dürfte um Geldwäsche gegangen sein.

Geldwäsche

Dazu soll M. zum Schein Firmen und Projekte aufgebaut haben, mit denen er bei Banken für einen sogenannten „Letter of Credit“, eine Bankgarantie vorstellig werden konnte. Was genau M. mit einer solchen Garantie plante, ist unklar. In einem von den Ermittlern abgehörten Telefonat sagte M., eine solche Garantie könne man „auf hunderte verschiedene Weisen nutzen“.

Tatsächlich gibt es bei Bankgarantien viele Missbrauchsmöglichkeiten. Sie können weiterverkauft werden oder dazu genutzt werden, bei einer weiteren Bank einen Kredit aufzunehmen.

„Wenn eine Bank die Herkunft meiner Gelder nicht hinterfragt, kann ich so dreckiges Geld als Sicherheit für die Garantie hinterlegen, damit eine weitere Bank mir dann einen Kredit gibt“, sagt der italienische Geldwäsche-Experte Gian Gaetano Bellavia. „In diesem Moment habe ich dann sauberes Geld, mit dem ich machen kann, was ich will.“

Anschließend lassen die Täter die zum Schein aufgebauten Firmen platzen. Die Bank behält das als Sicherheit hinterlegte, dreckige Geld und die Täter haben mit dem Kredit einer zweiten Bank sauberes Geld. Ein derartiges Schema könnte M. laut Ermittlungsunterlagen mit mehreren deutschen und schweizerischen Geschäftspartnern aufgesetzt haben. Dann kamen die Verhaftungen dazwischen.

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Kontakte zu Freimauerlogen?

Die dazugehörigen Verträge soll ein deutscher Anwalt aufgesetzt haben. Doch dessen Rolle ging laut den Ermittlungsunterlagen weit über das Formulieren von Verträgen hinaus.

Der Anwalt sollte offenbar Kontakte zu deutschen Freimaurerlogen herstellen. Die italienische Mafia setzt immer wieder Kontakte zu Freimaurerlogen ein. Sie helfen ihr, mehr als eine kriminelle Vereinigung zu sein und politischen und wirtschaftlichen Einfluss auszuüben. Besonders die kalabrische Mafia ‘Ndrangheta setzt gezielt auf Beziehungen zu Freimaurerlogen.

Die Bemühungen des Rinzivillo-Clans, in Deutschland Kontakt zu Freimaurern aufzunehmen, könnten einer der ersten Versuche dieser Art im Ausland sein.

„Onkel Toto“, sagte M. am Telefon zu Rinzivillo „weißt Du, was ich machen musste, um da reinzukommen? Um diesen Anwalt als Freund zu haben? Ich habe mir den Hintern abgearbeitet und nicht einmal zehn Minuten eigenes Leben gehabt.“

Die mutmaßlichen Mafiosi-Mitglieder planten, 50 Millionen Euro in die Hand zu nehmen, um Zugang zu der Freimaurerloge zu bekommen. Diese sei in der Lage, große Investitionen in Europa und im Nahen Osten zu tätigen. 50 Millionen Euro – das hört sich nach einer abenteuerlichen Zahl an. Die Cosa Nostra hat allerdings in der Vergangenheit Deals in dieser Größenordnung umgesetzt.

Alles auf eine Karte

Und vielleicht ist die sizilianische Mafia immer stärker bereit, alles auf eine Karte zu setzen, um endlich ein Comeback hinzulegen. Denn besonders die kalabrische Mafia, die ‘Ndrangheta, hat der Cosa Nostra in jüngster Zeit das Wasser abgegraben.

Der Abstieg der sizilianischen Mafia begann, als sie den Staat mit Attentaten auf Staatsanwälte und Politiker zu stark herausforderte. Der Staat sah sich zu einer ernsthaften Reaktion gezwungen und antwortete mit intensiven Ermittlungen. Zudem reduzierte Rom die Ausgaben der öffentlichen Hand in Sizilien, von denen sich die Mafia ernährte.

Den härtesten Schlag verpasste der Cosa Nostra jedoch eine andere Mafia-Gruppe: der kalabrischen ‘Ndrangheta gelang es, weite Teile des lukrativen Kokainschmuggels aus Südamerika nach Europa unter ihre Kontrolle zu bringen.

Laut italienischen Ermittlern versuchte der Rinzivillo-Clan, den eigenen Kokainhandel zwischen Italien und Deutschland wiederzubeleben. Dabei soll der Clan auch Kontakt zu Antonio S. aufgenommen haben, vor dessen Restaurant in Duisburg 2007 sechs Menschen erschossen wurden. S. wurde am Jahresende in der Nähe von Duisburg verhaftet.

Gescheiterte Stabübergabe

Bereits am 4. Oktober verhafteten Ermittler 37 Personen in Italien sowie zwei in Köln lebende Italiener, einer von ihnen Ivano M.. Er ist inzwischen nach Italien ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft Köln teilte mit, bei den Vorwürfen handele es sich um Drogenhandel, Geldwäsche und Geldfälschung.

Laut Unterlagen der italienischen Justiz, die CORRECTIV ausgewertet hat, sollte der deutsche Anwalt für die Mafia-Gruppe auch versuchen, Helfer in einer Behörde in Köln sowie bei der Kriminalpolizei in Düsseldorf anzuwerben. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln wollte sich auf Anfrage nicht äußern, ob diese Kontaktanbahnungen in den Ermittlungen eine Rolle spielen.

Die italienische Mafia bemüht sich ständig darum, Polizei- und Justizbeamte für ihre Reihen zu gewinnen. Vor allem um herauszufinden, welche Mafia-Mitglieder gerade im Visier der Justiz sind.

Ein Beispiel: Rinzivillo soll in Italien Marco Lazzari angeworben haben, den „Helden von Nassiriya“. Als ein Stützpunkt italienischer Carabinieri in der irakischen Stadt im Jahr 2003 von einem Selbstmordattentäter angegriffen wurde, überlebte Lazzari knapp und suchte in den Trümmern nach weiteren Überlebenden. Im Oktober zählte er zu den in Italien Verhafteten. Er soll aus Polizeidatenbanken Informationen über Erpressungsopfer besorgt haben. Am Telefon vertraute er einem Freund seine Hoffnung an, dass der ins Alter gekommene Rinzivillo mit ihm und Ivano M. eine neue Generation aufbauen wolle.

Das hat fürs erste nicht geklappt.

Mitarbeit: Margherita Bettoni

Auch in Baden-Württemberg waren Polizisten gegen die Mafia im Einsatz.© correctiv.org

Mafia

Mutmaßliche Mitglieder der ‘Ndrangheta aus Deutschland verhaftet

Deutsche und italienische Ermittler gehen in einer gemeinsamen Aktion gegen die kalabrische Mafia vor: sie vollstreckten heute Nacht etwa 170 Haftbefehle, darunter etwa ein Dutzend mit Bezug zu Deutschland. Zu den Verdächtigen zählt auch ein Stuttgarter Wirt, der einst Günther Oettinger in Bedrängnis brachte.

von Giulio Rubino , Margherita Bettoni , Cecilia Anesi

Heute Nacht sind Ermittler in Italien und Deutschland gegen etwa 170 mutmaßliche Mafia-Mitglieder vorgegangen. Dies teilten italienische Behörden am Dienstag mit. Ziel der Aktion war vor allem der ‘Ndrangheta-Clan Farao, der auch in Deutschland präsent ist. Unter den Verhafteten befindet sich auch Mario L. Der Wirt aus Baden-Württemberg brachte einst den ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger in Bedrängnis. Mario L. wird jetzt vorgeworfen, ein Mitglied der italienischen Mafia zu sein.

In Deutschland verhafteten Ermittler elf mutmaßliche Mafiosi in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Das teilte das Bundeskriminalamt (BKA) mit. Ihnen wird Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Erpressung und Geldwäsche vorgeworfen.

Die Verhaftungen seien „der größte Schlag gegen die Mafia in Deutschland in den letzten 20 Jahren,“ sagte Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung schwere und organisierte Kriminalität beim Bundeskriminalamt dem Fernsehsender RTL.

Die ‘Ndrangheta erzielt mit ihren geschätzt mehr als 50.000 Mitgliedern und Unterstützern den größten Umsatz aller Gruppierungen der organisierten Kriminalität. Laut Schätzungen setzt sie jährlich etwa 50 Milliarden Euro um. Ihre Erlöse aus kriminellen Geschäften wie Kokainhandel oder dem Schleusergeschäft mit Flüchtlingen wäscht die Mafia mit Hilfe von Firmen in der realen Wirtschaft.

„Kalabresische Abende“

„In Deutschland kontrollierte der Farao-Clan den Handel von Produkte aus der kalabrischen Stadt Cirò, etwa Wein, Zitrusfrüchte, Öl und Zutaten für die Pizza“, sagte Staatsanwalt Vincenzo Luberto zu CORRECTIV. Der Clan habe ungefragt mehrere Kisten Wein an ein Restaurant geliefert. Clan-Mitglieder hätten dann den Wirt besucht und ihn gezwungen, den Wein zu behalten. „Die Gastronomen hatten keine Wahl“, sagt Luberto. Nicht nur italienische Gastronomen sondern auch afrikanische seien davon betroffen.

Die Erpressungen habe unter anderem Mario L. mithilfe einer Vereinigung von Gastronomen aus dem kalabrischen Dorf Mandatoriccio durchgeführt. „Der Verein Armig e.V führte durch Mario L. und (einen weiteren Verdächtigen) die Erpressungen durch“, sagte Luberto.

Armig (Associazione Ristoratori Mandatoriccesi e Italiani in Germania) mit Sitz in Offenbach wurde 2009 gegründet. Die Vereinigung besteht aus Gastronomen in verschiedenen Bundesländern, unter anderem Baden-Württemberg und Hessen. Offizielles Ziel des Vereins ist es „die italienische Küche in Deutschland aufzuwerten, zu fördern und zu stärken“. Armig reagierte am Dienstag nicht auf eine schriftliche Anfrage.

Die italienische Mafia sammelt in Deutschland Gelder oft über den Handel mit Lebensmitteln ein, etwa Wein oder Öl. Sie liefert italienischen Gastronomen Produkte, die sie nie bestellt haben und zwingt sie zur Annahme. Dies ist eine subtilere Art der Erpressung als die klassische Bedrohung, die für Ermittler schwieriger aufzuklären ist. 

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Italienische Staatsanwälte auf einer Pressekonferenz in Catanzaro.

Cecilia Anesi

Zwei Ermittler bezeichneten gegenüber CORRECTIV Mario L. als „die Nummer eins der ‘Ndrangheta in Süddeutschland“. Aus Justizunterlagen, die CORRECTIV einsehen konnte, lässt sich die Vergangenheit von L. ein Stück weit rekonstruieren. In seinem Umfeld sollen sich immer wieder Menschen mit Bezügen zur kalabrischen Mafia ‘Ndrangheta bewegt haben. Sogar Bosse habe man bei ihm gesichtet. Bislang schaffte es Mario L., aus Ermittlungen unbescholten herauszukommen. Heute Nacht durchsuchten Ermittler seine Wohnung sowie die Pizzeria, die er in der Nähe von Stuttgart gepachtet hat.

Mario L. fiel deutschen Kriminalbeamten bereits in den 1990ern-Jahren auf. Damals ermittelten italienische Behörden wegen internationalem Drogenhandel gegen den Farao-Clan, der zur ‘Ndrangheta angehört.

Ermittler verdächtigten Mario L. damals, für hochrangige Mitglieder des Farao-Clans aktiv gewesen zu sein. Die Ermittlungen wurden mangels Tatverdacht später eingestellt. Im Zuge dieser Ermittlungen geriet damals auch der baden-württembergische CDU-Politiker Günther Oettinger ins Visier der Fahnder.

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Oettinger wurde später Ministerpräsident des Bundeslandes, wechselte dann nach Brüssel, wo er seitdem EU-Kommissar ist. Oettinger besuchte oft das Stuttgarter Restaurant von Mario L., der ihn „seinen Minister“ nannte. Für die CDU-Landtagsfraktion organisierte Mario L. in seinem Restaurant „kalabresische Abende“.

In aus dem Restaurant von L. geführten Telefonaten war immer wieder Oettingers Stimme zu hören, aber die Unterhaltungen gaben keinen Anlass für Ermittlungen gegen den Politiker. Teile der Aufzeichnungen wurden vernichtet. Der damalige Justizminister Baden-Württembergs Thomas Schäuble hatte Parteikollege-Oettinger damals unter vier Augen informiert, dass sein Name bei Abhörmaßnahmen in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die Mafia aufgetaucht sei.

Ein späterer Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag kam zu dem Ergebnis, dass Schäubles Verhalten rechtens gewesen sei. Er habe so verhindert, dass Parteifreund Oettinger von der Mafia instrumentalisiert wurde. Günther Oettinger betont seitdem regelmäßig, keinen Kontakt mehr zu Mario L. zu haben.

Feier in Stuttgart

Auch italienische Ermittler gingen im Rahmen von Ermittlungen gegen den Farao-Clan gegen Mario L. vor:  In den 90er-Jahren forderte ein Richter sechs Jahre Haft für Mario L. wegen Geldwäsche und Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung. Doch das Berufungsgericht Cosenza sprach ihn 1999 frei. Der dortige Richter hielt es zwar für erwiesen, dass Mario L. illegale Beziehungen zu der Führungsspitze des Clans unterhielt. Allerdings fehlte der Beweis, dass „der Angeklagte mit Hilfe eines Rituals in die kriminelle Vereinigung aufgenommen wurde“.

Im Jahr 2010 taucht Mario L. dann wieder in italienischen Ermittlungsakten auf. Die Staatsanwaltschaft Rom ermittelte gegen den Politiker Nicola Di Girolamo, der unter Verdacht stand, mit Hilfe eines Wahlbetrugs in den Senat gelangt zu sein. Ein Clan der kalabrischen Mafia hatte in mehreren deutschen Städten Blanko-Wahlzettel der dort lebenden Italiener eingesammelt und zu Girolamos Vorteil ausgefüllt.

Einer der involvierten Männer ließ in abgehörten Telefonaten keinen Zweifel, wo der Wahlerfolg gefeiert werden sollte: in Stuttgart. Denn dort besitze ein Mann, der ihnen von einer Vertrauensperson geschickt wurde, viele Restaurants. Italienische Ermittler gingen davon aus, dass es sich dabei um Mario L. handelte.

‘Ndrangheta: 300 Mitglieder in Deutschland

Der Wirt aus Stuttgart taucht auch in den Akten eines jüngsten italienischen Ermittlungsverfahren aus dem Jahr 2015 gegen den ‘Ndrangheta-Clan Grande Aracri auf. Ermittler hatten im Rahmen des Verfahrens das Auto eines Unternehmers verwanzt, der eng mit dem Clan-Boss vertraut war.

In einem Gespräch berichtete der Unternehmer über Mario L. und bezeichnet ihn als „Freund, der in Deutschland immer schöne Lokale hatte“ und der „vier Jahre für seine Freunde im Knast saß“. Die kalabrischen Bosse Farao seien „seine Onkel“. L. habe ihn den Volkswagen Passat geliehen, in dem die Männer fuhren. Tatsächlich konnten Ermittler überprüfen, dass der Wagen auf Mario L. zugelassen war.

In Deutschland sind Ermittlern etwa 300 ‘Ndrangheta-Mitglieder bekannt. Die tatsächliche Zahl dürfte allerdings viel höher sein. Insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen ist die kalabrische Mafia stark. Die Mafia profitiert in Deutschland auch davon, dass die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung keine Straftat ist und die Hürden für eine Abschöpfung illegal erlangter Vermögen bis vor kurzem sehr hoch waren.

Die Mafia nutzt in Deutschland Häfen wie Bremerhaven und Hamburg zum Schmuggel von Kokain und wäscht über ihre Firmen in Gastronomie, Immobilien und Handel ihre Erlöse.

Arbeiter im Hafen der westafrikanischen Stadt Abidjan. Ermittler vermuten, dass die 'Ndrangheta den Ort als Umschlagplatz für den Kokainhandel benutzt.© Abidjan013 von RomainSeafunter Lizenz CC BY-SA 2.0

Mafia

Das Mädchen in Abidjan

Westafrika ist ein bedeutender Umschlagplatz für Kokainlieferungen von Südamerika nach Europa. Insbesondere die Elfenbeinküste könnte ein neuer Knotenpunkt im Schmuggelnetzwerk der ‘Ndrangheta-Mafia werden. Dort lebt die Tochter eines Mafia-Bosses, die Italien wegen einer unglücklichen Liebesbeziehung verlassen musste. Doch Familienbande gehen tief – wer einmal dabei ist, der kann sich den Wünschen des Clans schwerlich entziehen, wie diese Recherche zeigt.

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von Cecilia Anesi , Giulio Rubino

Es ist Anfang Oktober 2015, mehr als 27.000 Container kommen pro Tag durch den belgischen Hafen in Antwerpen. Scharenweise Kräne stehen dort, der Hafen ist der zweitgrößte in Europa. Die Kräne bewegen sich 40 Mal pro Stunde, ständig nehmen sie einen von tausenden Container auf, die sich kaum voneinander unterscheiden. Polizei und Zoll können nur einen Bruchteil der Fracht inspizieren. Das ist der Grund dafür, dass an einem Tag im Oktober 2015 eine bestimmte Ladung unentdeckt den Hafen passieren kann.

Einige Wochen später, immer noch im Oktober, nahe der süditalienischen Küstenstadt Siderno. Ein Mann läuft durch ein Feld in den Hügeln über der Stadt. Er schiebt eine Schubkarre mit zerbrochenen Ziegeln vor sich her. Er ist auf dem Weg zu einem kleinen Lager, wo normalerweise alte Autoreifen liegen. Dorthin bringt er eine weiße Plastiktüte, die er wenig später dem Fahrer eines Jeeps gibt. Was die beiden nicht wissen: die Polizei beobachtet die Übergabe. Kurz danach halten Polizisten den Jeep an, durchsuchen ihn und finden weißes Pulver, als Brocken zusammengepresst: ungefähr ein Kilogramm pures Kokain.

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Kokain-Übergabe, nahe der Stadt Siderno.

Polizia di Stato

Die Bedeutung der Drogen

Dank diesem Fund kann die Polizei später rekonstruieren, auf welchem Weg die Drogen in die süditalienische Region Kalabrien kamen, dorthin, wo die mächtige ‘Ndrangheta -Mafia zu Hause ist. Das Kokain aus dem Jeep war Teil einer größeren Lieferung aus Südamerika, die das europäische Festland kurz zuvor über den Hafen in Antwerpen erreichte, ein paar Wochen bevor die Polizei den Jeep durchsuchte. Der Container kam aus Abidjan, einer Hafenstadt an der Elfenbeinküste.

Für die ‘Ndrangheta ist der Kokainschmuggel die Haupteinnahmequelle. Die Gruppe beherrscht Kalabrien, an der Stiefelspitze Italiens. Andere Mafia-Gruppen sind die Cosa Nostra in Sizilien und die Camorra in der Region um Neapel.

Schätzungen zufolge kontrolliert die ‘Ndrangheta 40 Prozent des globalen Kokain-Schmuggels und ist Europas Hauptimporteur. Die Gruppe soll so mehr als 25 Milliarden Euro einnehmen. Dieses Geld waschen sie über eigene Unternehmen im Baugewerbe, im Handel und Tourismus. Insbesondere Deutschland und die Schweiz sollen dabei Umschlagplätze sein, weil Anti-Geldwäsche und Anti-Mafia-Gesetze in den beiden Länder so schwach sind.

Die Clans in Siderno

Viele Mitglieder der ‘Ndrangheta kommen aus der kalabrischen Stadt Siderno. Es sind so viele, dass eine wichtige Untergruppe der ‘Ndrangheta nach ihr benannt ist: die Siderno-Gruppe. Dank dem Narco-Geld gibt es in der Stadt mehr Reichtum als in Beverly Hills. Einige der reichsten Männer Italiens treffen sich hier in Waschsalons und heruntergekommenen Garagen. Ihre Entscheidungen beeinflussen die Kokain-Preise weltweit, und haben Auswirkungen auf Kokain-Bauern im weit entfernten Lateinamerika.

Das Syndikat von Siderno besteht aus vier Familien: Commisso, Aquino-Coluccio, Crupi und Figliomeni. Welche der Familien aufsteigt, und welche vom Glück verlassen wird, hängt stark davon ab, wie viele ihrer Mitglieder im Gefängnis sitzen. Oft betreiben die Frauen der Familie die kriminellen Geschäfte weiter, wenn die Männer hinter Gittern sind.

Frauen, die in die ‘Ndrangheta hinein geboren werden, haben wenige Freiheiten und müssen sich den Entscheidungen der männlichen Angehörigen beugen. Regeln der Dynastie bestimmen, wer wen heiratet, und eine Frau, die sich ihren Lebensgefährten aussuchen will, muss entweder fliehen oder für einen Skandal sorgen.

Die Liebe der Juliana

Die Skandal-Variante hat Juliana im Jahr 2009 gewählt. Juliana heißt eigentlich anders. Damals ist sie Mitte 30, studiert an einer Universität in Mailand, spricht fließend Englisch und Französisch.

Sie ist die Tochter eines ehemaligen Spitzenbeamten der Regierung Sidernos, und stammt aus einer der mächtigsten ‘Ndrangheta-Familien der Stadt. Im Jahr 2009 verliebt sie sich in einen Mann, der aus ‘Ndrangheta-Sicht der Falsche ist: er ist ein Verwandter vom Chef des Siderno-Syndikats. Dieser Chef wird U´Mastru genannt – „der Meister“. Der wütende U´Mastru beschuldigte Julianas Vater, seine Tochter nicht genug unter Kontrolle und das Verhältnis nicht verhindert zu haben.

Italienische Ermittler glauben, dass dieser Streit die Beziehung zwischen den Familien zunächst schwer beschädigte. Doch am Ende hätten die gemeinsamen Geschäftsinteressen die Emotionen übertrumpft.

Noch etwas half dabei, die Situation zu entspannen. Julianas Vater wurde im Dezember 2010 verhaftet. Ihm werden Korruption und Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung vorgeworfen. Laut Staatsanwalt Nicola Gratteri war Julianas Vater gerade dabei, sich nach Australien abzusetzen, als die Polizei ihn festnahm. Dort wohnte Juliana zu der Zeit. Sie kehrte daraufhin für kurze Zeit nach Italien zurück, jedoch nur, um ihre Sachen endgültig zu packen. Im April 2011 zieht Juliana nach Abidjan, wo sie bis heute lebt. Ein Gericht verurteilte Julianas Vater zu zwölf Jahren Haft, allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Familie für immer

Am Freitag, den 12. Februar 2014, ist Claudio Spataro seit ein paar Tagen in Abidjan. Nun ruft er einen seiner Geschäftspartner in Italien an.

„Wie geht es dem Mädchen? Führt sie dich herum?“, fragt der Mann in Italien. Das geht aus den Mitschriften von abgehörten Telefongesprächen hervor, die CORRECTIV eingesehen hat.

„Ja, ja, sie arbeitet hart“, gibt Spataro zur Antwort. „Wenn sie nicht wäre, wären wir verloren. Hier verstehe ich die Sprache nicht. Ich weiß gar nichts.“ Anscheinend ist er froh, dass ihm jemand hilft, sich in dem fremden Land zurecht zu finden.

Staatsanwälte meinen, dass Spataro, Mitte 50, eine Art Leutnant von U´Mastro aus Siderno ist. Er sei zuständig für die Logistik des Kokain-Schmuggels nach Europa, und für die Lieferung an Käufer in Siderno. Um die Logistik aufzubauen, soll U´Mastro ihn ins Ausland geschickt haben. Offiziell hat Spataro in Siderno eine Tankstelle betrieben und mit alten Autoreifen gehandelt. Er war es, der jenes Kilo Kokain im Oktober 2015  in der Lagerhalle in den Hügeln platzierte. Jenes Kokain, das in einem Container aus Abidjan über Antwerpen gekommen war. Das Mädchen, das ihm in Abidjan half, war Juliana.

Vielleicht hatte sie nichts dagegen, vielleicht hasste sie es. Aber ihre Familie hatte sie um Hilfe gebeten und es war ihr nicht möglich gewesen, sich von den Geschäften ihrer Familie loszusagen. Sie war nicht die einzige. Gerichtsakten zeigen, dass Spataro die Telefonnummer seines Bruders nutzte, um sich ein Flugticket zu buchen.

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Das Syndikat in Afrika

In den vergangenen zehn Jahren ist Westafrika, wo Abidjan liegt, ein wichtiger Umschlagplatz für die ‘Ndrangheta geworden. Denn direkte Schiffsverbindungen aus Südamerika erregen an europäischen Häfen mehr Aufsehen als solche aus Westafrika. Außerdem gibt es dort kaum Zollkontrollen, und selbst wenn: Bestechung ist verbreitet.

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Kokainschmuggler nutzen den westafrikanischen Hafen in Abidjan, um Drogen von Südamerika nach Europa zu bringen.

Die Anwesenheit der italienischen Mafia hat verheerende Folgen für die Region. Der Drogenmissbrauch hat zugenommen an Orten, an denen es vorher kaum einen Markt für Kokain gab. Außerdem untergräbt Bestechung die Rechtsordnung in Ländern, in denen die Zahlungen der Mafia weitaus höher sind als die Gehälter, die der Staat zahlt.

Die ersten großen Kokain-Knotenpunkte in der Region waren Guinea-Bissau und Ghana. Außerdem soll die italienische Mafia inzwischen im Senegal präsent sein, und auch am Handel mit marokkanischem Haschisch beteiligt sein. Und nun scheint der Kokainhandel über die Elfenbeinküste zuzunehmen.

Abgehörte Telefonate

Aus Abidjan berichtet Spataro seinen Kollegen per Telefon, dass Juliana sich drei Tage frei genommen habe, um ihm zu helfen. Nach Ansicht der Ermittler schildert Spataro im weiteren Verlauf des Gesprächs auf kryptische Weise, wie der Schmuggel ablaufen soll. So müssten die Kosten für den Container herausgefunden werden. Es gehe um den Handel mit gebrauchten Autoreifen. Aber die Ermittler meinen, dass dies ein Code für den Kokainschmuggel ist. Die Mitglieder der ‘Ndrangheta wissen, dass die italienische Polizei ihre Telefone abhört.

„Die Telefonmitschnitte scheinen zu belegen, dass Spataro an der Elfenbeinküste war, um Drogenhandel zu organisieren“, heißt es in den Polizeiakten. Sie sind Teil der Ermittlungen über den Commisso-Clan des Syndikats von Siderno. Die Aufzeichnungen enthalten auch einen anderen Telefonmitschnitt, diesmal ist es ein Gespräch zwischen Spataro und Juliana. Zurück in Italien telefoniert Spataro lange mit ihr. Es geht um die Installierung einer mysteriösen Sand-Säuberungs-Maschine, die jedenfalls nichts mit dem Autoreifen-Geschäft zu tun hat.

Auf Anfrage sagt Juliana zunächst, sie fühle sich „geehrt“ und wünsche sich, „zum Kampf gegen die ‘Ndrangheta in ihrem Heimatland beizutragen“. Doch dann antwortet sie nicht mehr. Auch nicht auf eine Liste mit Fragen, die wir ihr vor der Veröffentlichung dieses Artikels zugeschickt haben.

Spataro wurde im vergangenen Jahr festgenommen. Wegen Lagerung und Verkauf von Kokain in Siderno im Auftrag von U´Mastru. Spataros Anwalt reagierte nicht auf unsere Anfrage.

In ihren Ermittlungen entdeckte die Polizei, dass Spataro nicht nur an die Elfenbeinküste gereist sei, sondern auch mehrmals nach Brasilien, einem bedeutenden ‘Ndrangheta-Stützpunkt.

U´Mastro im Zentrum

„Nachdem wir mehr als zwei Jahre mitgehört hatten, konnten wir belegen, dass U´Mastru Anführer eines extrem einflussreichen Drogen-Rings in Südkalabrien war“, sagt Staatsanwalt Antonio De Bernado. „Er ist eine Art Feudalherrscher durch dessen Hände der gesamte illegale Handel fließen musste, inklusive, natürlich, der Drogen.“

Die italienische Polizei meint, dass U´Mastro Claudio Spataro den Auftrag gegeben hatte, für den Commisso-Clan eine Schmuggelroute aufzubauen, die Abidjan mit Siderno verbindet. Der Hafen von Antwerpen und das umliegende Flandern waren dabei eine wichtige Station.

Und die Gerichtsakten zeigen, dass das Siderno-Syndikat dort Helfer hatte, die noch auf freiem Fuß sind. Ein enger Vertrauter U´Mastrus erhielt häufig Anrufe eines Geschäftspartners, der sich zuletzt in der Stadt As in Flandern aufhielt. Die beiden besprachen verschiedene Import-Export-Geschäfte, wohinter die Ermittler den Handel mit Drogen vermuten. In einem der letzten Telefonmitschnitte erwähnt der Geschäftspartner einen gewissen niederländischen Mann. Er sei ein „großer Fisch“ und besitze eine Firma, die „als Brücke“ genutzt werden könne – für einen „Standard-Posten“ der „250 Einheiten“ wiegt.

Der Fall des unbekannten, niederländischen Mannes zeigt, dass die ‘Ndrangheta ein Netzwerk von Helfern hat, das weit über die Landesgrenzen hinausgeht. Das sind auch Menschen wie Juliana, die unter der Kontrolle der ‘Ndrangheta sind, und die der kriminellen Organisation erlauben, Drogen durch die ganze Welt zu bewegen.

Deutsche Version: Tania Röttger

Am 4. Oktober nehmen Ermittler in Deutschland und Italien mutmaßliche Mafiamitglieder fest. Hier eine Razzia in Sizilien.© Polizia di Stato

Mafia

Der Kölner Vertraute des Mafia-Paten

In Köln hat die Polizei vergangene Woche zwei mutmaßliche Drogenhändler verhaftet. CORRECTIV hat zu dem Fall Ermittlungsunterlagen aus Italien ausgewertet. Sie zeigen, dass die Spitze der sizilianischen Mafia eine unmittelbare Präsenz in Deutschland hat.

weiterlesen 5 Minuten

von Giulio Rubino , Margherita Bettoni , Floriana Bulfon

„Du weißt, dass wir den Käse 2,4 bezahlen, oder?“, fragt Ivano M. am Telefon.

Der 36-Jährige Italiener ahnt im Juni 2015 vermutlich nicht, dass er von Ermittlern abgehört wird, während er mit seinem 57-Jährigen Landsmann Paolo R. spricht. Die zwei Männer unterhalten sich über Parmesankäse, den sie in Italien für „2,4“ kaufen und für „3,3“ pro Kilo weiterverkaufen möchten. Dabei geht es in Wahrheit nicht um Käse, sondern um Kokain, das die zwei Italiener vermutlich für 24.000 Euro kaufen und für 33.000 Euro weiterverkaufen wollen.

Seit Anfang 2016 arbeiten Polizei und Staatsanwaltschaften in Karlsruhe und Köln eng mit den italienischen Behörden zusammen. Anfang Oktober führten die deutschen Ermittler mehrere Verhaftungen und Razzien in Köln, Leverkusen und München durch. CORRECTIV liegen die Akten der italienischen Ermittler vor, sie zeigen das Ausmaß der mafiösen Netzwerke in Deutschland. Demnach steht Ivano M., der in Nordrhein-Westfalen lebt, einem wichtigen sizilianischen Mafiaboss sehr nahe. Die deutschen Gesetzgeber haben inzwischen reagiert: Seit Juli diesen Jahres sollen schärfere Gesetze die Strafverfolgung von Mitgliedern der Mafia in Deutschland ermöglichen.

Ivano M. und Paolo R. wurden am 4. Oktober im Rahmen einer Anti-Mafia Aktion in Köln festgenommen. Ermittler werfen ihnen Kokainhandel vor. Ivano M. beschuldigen sie zudem der Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung. Im Rahmen derselben Aktion nahmen italienische Ermittler weitere 35 Menschen in Italien fest, darunter auch ein Anwalt und zwei Polizisten. Im Zentrum der Ermittlungen stand der Clan Rinzivillo, aus dem Süden Siziliens.

Kontakte nach Deutschland

Der Clan gehört zur sizilianischen Mafia Cosa Nostra und verdient sein Geld mit Drogenhandel und krummen Deals mit Lebensmitteln. Der Clanchef Salvatore Rinzivillo lebt zur Zeit in Rom, doch er soll auch Geschäfte im Ausland betreiben: In den USA, in afrikanischen Ländern und in Deutschland. Rinzivillo saß bis 2013 in Haft, und soll nach seiner Freilassung auch Kontakt mit in Deutschland lebenden Sizilianern aufgenommen haben. Darunter Ivano M. und Paolo R.

In den Akten der italienischen Ermittler, die CORRECTIV vorliegen, wird Ivano M. als ein „extrem Vertrauter“ des Clanchefs Salvatore Rinzivillo dargestellt. Ivano M., der als Kind mit den Eltern aus Sizilien nach Deutschland auswanderte und in Nordrhein-Westfalen lebte, soll eine „Spitzenfigur für die Aktivitäten des Clans in Deutschland“ gewesen sein. Dabei sei es nicht nur um Drogenhandel gegangen, sondern auch um „legale Aktivitäten, zum Beispiel in der Immobilienbranche“.

M. sei gut ins „ökonomische und politische Leben in Deutschland integriert“. Er habe an wichtigen Treffen mit Rinzivillo und anderen Mafiosi auf Sizilien teilgenommen, und sogar mit Rinzivillo Urlaub gemacht. Schließlich soll er dem Rinzivillo-Boss so nah gekommen sein, dass dieser ihn zum Firmpaten seines Sohnes machte. In der Welt der Mafia ist das ein wichtiges Zeichen des Vertrauens. Ivano M. und Paolo R. sitzen derzeit in Auslieferungshaft. CORRECTIV konnte ihre Anwälte für eine Stellungnahme nicht erreichen.

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Fehlende Beweise

Ein weiterer Mann mit Kontakten zu dieser Gruppe ist weiter auf freiem Fuß. Dieser Mann, nennen wir ihn Giovanni Zanetti, saß in den 1990er Jahren wegen Mitgliedschaft in der italienischen Mafia-Organisation Stidda im Gefängnis. CORRECTIV hat 2016 über dessen Immobiliengeschäfte berichtet. Die jetzt verhafteten Ivano M. und Paolo R. sollen laut den italienischen Justizunterlagen Zanetti Drogen beschafft haben.

Zanetti hatte telefonischen Kontakt zum Rinzivillo-Clanchef, sein Sohn soll diesen im Frühjahr 2015 in Italien getroffen haben. Aus abgehörten Telefonaten von Mai 2015 geht hervor, dass Giovanni Zanetti „durch die Mediation von Paolo R. und Ivano M. drei Kilo Kokain gekauft haben“ soll.

Die italienischen Ermittler konnten allerdings nicht beweisen, dass Zanetti die drei Kilos Kokain in Italien kaufte. Deswegen beantragten sie gegen Zanetti keinen EU-Haftbefehl. Auf die Frage, ob deutsche Behörden gegen den Mann ermitteln, wollte das Polizeipräsidium Karlsruhe keine Auskunft geben. CORRECTIV konnte Zanetti für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Neue Gesetzgebung in Deutschland

Über 550 Mafiosi von allen fünf italienischen Mafia-Gruppierungen sind den deutschen Ermittlern bekannt. Dies sind allerdings nur die aktenkundigen Mafiosi. Um sie herum bewegen sich Komplizen und Kleinkriminelle. Und Personen wie Ivano M., die den Fahndern in Deutschland und Italien vor ihren Ermittlungen unbekannt waren. Sie haben in Deutschland zunehmend mit einer Mafia zu tun, die in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten ist. Und deren Präsenz der deutschen Öffentlichkeit kaum bewusst ist.

Der Fall Zanetti mag in eine Lücke in der Kooperation deutscher und italienischer Ermittler geraten sein. Doch bei der Anti-Mafia-Gesetzgebung hat sich in diesem Jahr in Deutschland einiges getan. So trat am 1. Juli 2017 das reformierte Gesetz über die Vermögensabschöpfung in Kraft. Ein Kernaspekt der Neufassung ist die sogenannte Umkehr der Beweislast. Dadurch kann Vermögen von unklarer Herkunft eingezogen werden, auch ohne den Nachweis einer konkreten Straftat. Mutmaßliche Kriminelle müssen dann nachweisen, dass ihr Vermögen aus legalen Quellen stammt. Das Gesetz ist ein Fortschritt. Kriminalbeamte sagen jedoch, dass man die Anwendbarkeit in der Praxis abwarten muss.

Außerdem gibt es seit Juli 2017 im Strafgesetzbuch einen Paragrafen, der dem italienischen Mafia-Artikel 416bis ähnelt. Bislang mussten Ermittler den mutmaßlichen Mafiosi neben der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung weitere Straftaten nachweisen. Doch seit Juli 2017 ist laut Paragraf 129 bereits die reine Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung strafbar.


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Ende der Fahrt: nach der Beschlagnahmung durch die Staatsanwaltschaft erreicht das Schiff „Iuventa“ Anfang August den sizilianischen Hafen Trapani.© AFP / Bellina Francesco

Flucht & Migration

Rendezvous auf dem Mittelmeer

Das Verhältnis zwischen italienischen Behörden und internationalen Hilfsorganisationen ist stark belastet. Der Vorwurf: manche Helfer stehen in Kontakt mit Schleppern. Unterlagen der sizilianischen Staatsanwaltschaft untermauern diesen Vorwurf jetzt erstmals konkreter. Im Fokus steht die deutsche NGO „Jugend Rettet“.

weiterlesen 12 Minuten

von Margherita Bettoni , Giulio Rubino

Am 18. Juni 2017, um 11 Uhr vormittags, spielt sich vor der libyschen Küste eine Szene ab, die das Verhältnis zwischen italienischen Behörden und privaten Seenotrettern stark belasten sollte. Ein verdeckter Ermittler der italienischen Polizei beobachtet, wie ein grünes Schlauchboot, das zum Schiff „Iuventa“ gehört, auf die libysche Küste zufährt. Die „Iuventa“ ist ein privates Rettungsschiff, das der deutschen NGO „Jugend Rettet“ gehört.

Ein zweites Schiff nähert sich dem Schlauchboot der „Iuventa“, an Bord – so schreibt es die Staatsanwaltschaft in der sizilianischen Hafenstadt Trapani – könnten Schlepper sein. Und sie nehmen angeblich direkt Kontakt auf. Das grüne Schlauchboot dreht in Richtung „Iuventa“ um, das andere Schiff setzt Kurs auf Libyen. Kurz darauf kehrt das mutmaßliche Schlepperschiff in Begleitung eines Schlauchbootes voller Migranten zurück. Sie steuern die „Iuventa“ an.

Während die Besatzung der „Iuventa“ den Migranten aus dem Schlauchboot hilft, entfernen die mutmaßlichen Schlepper dessen Motor, um ihn vermutlich noch einmal einsetzen zu können. Bevor ihr Boot sich mit dem Motor entfernt, verabschiedetet sich ihre Besatzung mit einer gehobenen Hand von der Mannschaft der „Iuventa“.

Absprachen mit Schleusern?

So schildert es die Staatsanwaltschaft Trapani. Folgt man deren Darstellung, so ist diese Begegnung ein Grenzüberschritt. Diese Grenze ist nicht der Übergang von Afrika nach Europa, sondern der schmale Grat zwischen Gesetz und Gerechtigkeit, zwischen Behörden und Aktivisten. Es ist der Grat zwischen der Suche nach Flüchtlingen in Seenot und dem direkten Kontakt mit Schleppern. Um Absprachen mit den Schleusern zu treffen. Um ihnen ihre Ausrüstung und Schiffe zurückzugeben.

Auf dem Mittelmeer unterstützen internationale Hilfsorganisationen seit Jahren die Rettungsarbeit der italienischen Küstenwache und europäischer Marineeinheiten. Sie haben Tausende von Menschenleben gerettet. Unter ihnen finden sich kleine NGOs, die wie „Jugend Rettet“ nur ein Schiff betreiben und sich erst vor kurzem gegründet haben. Sie sind eine spontane Reaktion der Zivilgesellschaft Europas auf die steigenden Flüchtlingszahlen und das Leiden der Migranten. Daneben finden sich auch etablierte Organisationen wie zum Beispiel „Ärzte ohne Grenzen“.

Es ist schwierig, unabhängige Informationen über das Geschehen auf dem Meer zu erhalten. Sowohl die Behörden als auch die spendenabhängigen Hilfsorganisationen schildern jeweils nur ihre Sicht der Dinge. Fest steht: In den letzten Monaten, aber vor allem in der ersten Augusthälfte, hat sich das Verhältnis zwischen italienischen Behörden und den privaten Seenotretter erheblich verschlechtert. Mehrere Hilfsorganisationen weigerten sich, einen Verhaltenskodex zu unterschreiben, den das Innenministerium in Rom Ende Juli vorschlug. Insbesondere zwei der 13 vorgeschlagenen Punkte sind umstritten: die Anwesenheit, bei Bedarf, von Polizeikräften an Bord der Schiffe und das Verbot, anderen Schiffen Migranten zu übergeben.

„Jugend Rettet“ weist Vorwürfe zurück

Im August kündigte zudem die libysche Regierung an, ihre Hoheitsgewässer auszudehnen und forderte die Hilfsorganisationen auf, sich von dieser Zone fernzuhalten. Die libyschen Behörden wollen angeblich selbst eine Such- und Rettungszone einrichten und den Zugang der NGOs zu diesen Gewässern einschränken. Die Küstenwache begründete dies mit dem Verdacht, NGOs würden mit Schleppern kooperieren. Seit der Ankündigung haben mehrere Hilfsorganisationen ihren Einsatz im Mittelmeer erstmals ausgesetzt.

Am 2. August 2017, acht Wochen nach den Beobachtungen des verdeckten Ermittlers, beschlagnahmen italienische Behörden das Rettungsschiff „Iuventa“. Der Verdacht: Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Die Staatsanwaltschaft Trapani, die die Beschlagnahmung des Schiffes beantragte, ermittelt derzeit gegen Unbekannt.

Im Mai wies „Jugend Rettet“ bei einer Anhörung im italienischen Parlament den Vorwurf zurück, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. In einem Telefonat äußerte eine Sprecherin der NGO „Jugend Rettet“ Unverständnis für das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Zu schriftlichen Fragen von CORRECTIV zu drei Vorfällen, die die Staatsanwaltschaft in ihren Unterlagen anführt, äußerte sich die Organisation trotz Nachfragen über mehrere Tage hinweg nicht.

Verdeckte Ermittler

Alle drei Fälle deuten darauf hin, dass die NGO in einer Weise Kontakte zu Schleppern unterhält, die gegen italienische Gesetze verstoßen könnte. Die NGO „Jugend Rettet“ gründete sich 2015 in Berlin. Die Organisation baute ein Fischereiboot für Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer um: die „Iuventa“, benannt nach der römischen Göttin der Jugend.

Die Ermittlungen der italienischen Ermittler stützen sich auf Zeugenaussagen von den Mitarbeitern privater Sicherheitsdienste, die sich an Bord der Rettungsschiffe befinden, abgehörten Telefonaten sowie dem Einsatz verdeckter Ermittler an Bord der Schiffe.

Ein solcher Ermittler beschreibt in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft detailliert einen weiteren Vorfall vom 18. Juni. An diesem Tag befand sich die „Iuventa“ bei Sonnenaufgang zunächst in der Nähe der libyschen Stadt Zwuara. Der Ermittler befand sich an Bord eines Schiffs der NGO „Save the Children“, das sich ebenfalls vor Ort befand. Laut seinen Aussagen brachte die Besatzung der „Iuventa“ drei Holzschiffe, auf denen sich Migranten befanden, in Richtung libysche Küste zurück. Das soll es Schleppern ermöglicht haben, zumindest eines der Boote noch einmal einzusetzen. Am 26. Juni wurden Migranten noch einmal aus dem Boot gerettet.

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Dieses Foto aus Justizunterlagen soll das Beiboot der „Iuventa“ zeigen, wie es Holzboote von Schleppern zusammen bindet.

Screenshot italienische Justizunterlagen

Auch zwei Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes, die an Bord des Schiffes von „Save The  Children“ waren, erzählten den Ermittlern, wie die „Iuventa“ einmal Migranten direkt von Schleppern abgeholt habe. Dies soll sich bereits im vergangenen ereignet haben. So hätten nach der Übergabe zwei Männer das Schlauchboot der Migranten wieder in Richtung libysche Küste gesteuert. „Das waghalsigste (Schiff) war das „Iuventa“, das oft, wie ich auf dem Radar beobachten konnte, bis zu 13 Meilen Entfernung von der libyschen Küste segelte – was ja gefährlich sein kann“, schlussfolgerte der Chef des privaten Sicherheitsdienstes.

Es sei vorgekommen, dass die Mannschaft der „Iuventa“ Schlauchboote an die Besatzung kleinerer Schiffe zurückgab, die in der Nähe der Rettungszone warteten.

Die Aussagen dieser Zeugen und ihre Glaubwürdigkeit lassen sich kaum überprüfen. Die Firma, für die die beiden Sicherheitsleute arbeiteten, könnte zumindest sehr lose Verbindungen zu Rechtsextremen haben. Laut einem Bericht der  italienischen Zeitschrift „Familia Cristiana“ ist Gian Marco Concas, ein Sprecher der rechtsextremen Gruppe „Generazione Identitaria“ Mitglied der geschlossenen Facebook-Gruppe der Sicherheitsfirma. Mit ihrem Schiff „C-Star“ wollen die Rechtsextremen Migranten an der Überfahrt nach Europa hindern.

„Als gehörte ihnen das Meer“

Aus den Unterlagen der Staatsanwaltschaft geht eine sehr feindselige Haltung der Mannschaft der „Iuventa“ gegenüber italienischen Behörden hervor. So soll die Mannschaft einen Befehl der italienischen Küstenwache verweigert haben und ein Plakat mit der Aufschrift „Fuck IMRCC“ an das Schiff gehängt haben. IMRCC ist die Koordinierungsstelle der Küstenwache in Rom.

Intern gelte bei „Jugend Rettet“ der Grundsatz, dass Fotos von Schleppern nicht an die italienischen Behörden weitergegeben werden. Diese Vorwürfe stützen sich auf Abhörprotokolle, die CORRECTIV vorliegen. „Als wäre das Mittelmeer ihr Besitz“, beschreibt ein Journalist in einem abgehörten Telefonat mit dem Mitarbeiter einer anderen NGO das angebliche Gebaren von „Jugend Rettet“.

Interessant ist auch ein Vorfall vom 4. Mai 2017. An diesem Tag soll sich die „Iuventa“ der Aufforderung der italienischen Küstenwache verweigert haben, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen. Stattdessen näherte sie sich bis auf wenige Meilen dem Schiff „Shada“ an. Aufgrund der Routen der beiden Schiffe vermuten die Ermittler ein Rendezvous, ein geplantes Treffen auf dem Meer.

Das Ziel: Menschenleben retten

Die Ermittler bezeichnen die „Shada“ als Phantomschiff. CORRECTIV hat mithilfe von Schiffsdatenbanken die Vergangenheit des Schiffes rekonstruiert. Bis 2014 hieß das Schiff „Al Entisar“ und war in illegale Geschäften im Mittelmeer verwickelt. Im April 2013 durchsuchten zum Beispiel türkische Ermittler in Istanbul das Schiff: An Bord fanden sie 1.400 Gewehre und Pistolen sowie 30.000 Patronen. Laut dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen waren die Waffen, die aus Nordkorea kamen, für Syrien bestimmt. Damals gehörte die „Al-Entisar“ einer libyschen Firma. Am 3. Oktober 2015, das Schiff hieß jetzt bereits „Shada“, durchsuchten Behörden auf Malta das Schiff und fanden illegalen Tabak.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Schiffe, die zunächst mit illegalen Waren wie Waffen oder Drogen oder Schmuggelgut wie Tabak oder Treibstoff auffallen, dann auch im Transport von Menschen eingesetzt werden. Dies ergab eine Recherche von CORRECTIV über 14 Frachtschiffe, die im Winter 2014 Italien mit Tausenden syrischen Flüchtlingen an Bord erreichten. Auch über Namensänderungen und Besitzerwechsel hinweg sind es immer die gleichen Schiffe, die mit verschiedenen Schmuggelgütern im Mittelmeer auftauchen.

Alle diese Vorfälle erhärten den Verdacht, dass die „Iuventa“ auf dem Meer mit Schleppern in Kontakt war. Dass die Helfer den Schleppern dabei halfen, ihre Boote und ihre Ausrüstung mehr als einmal einzusetzen. Das Ziel der Helfer war wohl, möglichst viele Menschen zu retten. In ihrer Zusammenfassung schreiben die Ermittler im sizilianischen Trapani, dass die Mitglieder der deutschen NGO nicht als Angehörige der kriminellen Gruppierungen aus Libyen anzusehen seien, „da sie mit ihnen weder Methoden noch Ziele gemein haben“.

Trotzdem gehen die Ermittler weiter dem Verdacht nach, dass internationale Helfer auf dem Mittelmeer nicht nur Flüchtlingen, sondern auch Schmugglern helfen.

Giuseppe Giorgi wurde nach 24 Jahren Flucht in seiner kalabrischen Heimat San Luca verhaftet. Bildnachweis: Italienische Carabinieri

Mafia

Mächtiger Drogenhändler der kalabrischen Mafia verhaftet

Giuseppe Giorgi arbeitete für den ‘Ndrangheta-Clan Romeo-Pelle, der auch in Deutschland aktiv ist

von Giulio Rubino , Margherita Bettoni , Cecilia Anesi

Die italienische Polizei hat am Freitag den seit über zwei Jahrzehnten untergetauchten Mafia-Boss Giuseppe Giorgi verhaftet. Giorgi, den Ermittler auch in Deutschland vermuteten, arbeitete für die kalabrische Mafia, die ‘Ndrangheta.

Giorgi, 56, zählte zu den gefährlichsten Mafiosi auf freiem Fuß und lebte seit 1994 auf der Flucht. Fünf Stunden lang durchsuchten die Carabinieri seine Wohnung im kalabrischen Dorf San Luca, ehe sie ein Geheimversteck über einem Kamin fanden, in dem sich der Boss versteckte.Als die Carabinieri den Boss aus seiner Wohnung ausführten, küssten ihn einige Bürger, die sich auf der Straße versammelt hatten, die Hand. 

Giorgi, genannt U Capra (Deutsch: Die Ziege), ist ein wichtiger Drogenhändler, der eng mit den kolumbianischen Drogenkartellen zusammen arbeitete. Er gehört zum Clan Romeo aus San Luca, der mit dem Pelle-Clan verbündet ist. Der Clan Pelle-Romeo zählt zu den mächtigsten der kalabrischen Mafia und ist sowohl in Norditalien als auch in Nordeuropa sehr aktiv.

Etliche Clan-Mitglieder unterhalten seit langer Zeit enge Verbindungen nach Deutschland und Holland. Clan-Mitglieder sind unter anderem in Erfurt und Duisburg aktiv. Italienische Ermittler gingen lange Zeit deswegen davon aus, dass auch Giorgi sich in Deutschland verstecken konnte.

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Giorgi hatte unter anderem eng mit dem ‘Ndrangheta-Mann Bruno Pizzata gearbeitet, der 2011 in einer Pizzeria in Nordrhein-Westfalen festgenommen worden war. Pizzata galt als einem der prominentesten Drogenhändlern der Welt.  

Giorgi erwarten fast 30 Jahre Haft wegen internationalen Drogenhandels.

Die kalabrische ‘Ndrangheta ist die aktivste italienische Mafia-Gruppierung in Deutschland. Ermittler zählen rund 300 aktenkundige ‘Ndrangheta-Mitglieder. Die tatsächliche Zahl dürfte viel höher sein, und etwa bei 3000 liegen. ‘Ndrangheta-Clans sind vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen aktiv.


Mehr zur ‘Ndrangheta in unserem im Frühjahr 2017 veröffentlichten Buch:

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Mafia in Afrika

Der Bankier der Mafia

Vito Roberto Palazzolo hat die kleine sizilianische Cosa Nostra umgewandelt in eine Mafia AG. Millionen, Milliarden hat er von Südafrika aus hin und her geschoben. Jetzt sitzt er ein in Einzelhaft. Wird er reden?

von Cecilia Anesi , Giulio Rubino

Er ist jetzt fast immer allein, eingesperrt in einer winzigen Zelle. Kein Kontakt zu anderen Gefangenen. Keine E-Mails, keine handgeschriebenen Briefe. Nur Stille und Schweigen, und einmal pro Monat darf ein Verwandter kommen, der dann hinter dickem Panzerglas sitzt und über einen Telefonhörer mit ihm spricht.

„41bis“ ist das härteste Gefängnisregime, das es in Italien gibt; manche sagen, die Einzelhaft verstoße gegen die Menschenwürde. Einst kerkerte der Staat so linke Terroristen ein, bis heute werden gefährliche Mafiosi auf diese Weise inhaftiert – damit ja keine Order von ihnen nach außen dringt, sie ja keinen weiteren Schaden anrichten.

41bis: Das ist das Regime, unter dem auch Vito Roberto Palazzolo seit anderthalb Jahren im Gefängnis von Mailand einsitzt. Er steht weit oben in der Hierarchie der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia: Er gilt als einer ihrer wichtigsten Bankiers. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die kleine sizilianische Mafia umzuwandeln in eine Mafia AG, präsent auf den internationalen Finanzmärkten.

Millionen, Milliarden hat Palazzolo hin und her geschoben zwischen den Steueroasen dieser Welt, hat das schmutzige Geld der Mafiosi erst gewaschen und dann eingeschleust in die Kreisläufe der legalen Wirtschaft. Geld aus Drogengeschäften, Prostitution, Erpressung, das investiert wurde in Diamantenminen und Luxusimmobilien, das verschoben wurde in Trusts und in Funds, von Liechtenstein auf die British Virgin Islands nach Südafrika, hin und her und her und hin, so lange, bis selbst die gewieftesten Ermittler dessen Spur verlieren.

Palazzolo selbst ist darüber unermesslich reich geworden. Ein kleines Heer von Helfern sorgt dafür, sein Vermögen vor Beschlagnahmung zu retten. Doch noch viel wertvoller sind die Informationen in Palazzolos Kopf. Sein Wissen über die Konten der Mafia, über Finanzströme, über die Verbindungen in Wirtschaft und Politik. Sagte er aus, es würde Italien erschüttern. Mit Nachbeben in etlichen anderen Ländern. Weil Palazzolo so viele korrumpiert hat, bis hinauf zu Ministern, bis hinauf zum Staatspräsidenten.

2006 verurteilte ihn ein Gericht in Palermo in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft wegen Geldwäsche. Der Oberste Gerichtshof in Rom bestätigte das Urteil 2009. Doch Südafrika, wohin Palazzolo Mitte der 1980er Jahre geflohen war, weigerte sich beharrlich, ihn auszuliefern, obwohl Italien insgesamt neun Auslieferungsanträge stellte. Palazzolo hatte die Mächtigen Südafrikas glänzend geschmiert und konnte weiter sein Luxusleben führen.

Bis zum März 2012. Da griff Interpol den weltweit Gesuchten auf, am Flughafen von Bangkok, und überstellte ihn nach Italien. Wo er seither in Einzelhaft einsitzt. 41bis. Zunächst schwieg Palazzolo zu den Fragen der Ermittler, anderthalb Jahre lang. Ende 2014 begann er auszuagen. Worüber er mit den Staatsanwälten redet, ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass es jene Staatsanwälte sind, die die Verflechtung zwischen der Mafia und dem italienischen Staat untersuchen.

Monatelang sind wir Palazzolos Spuren gefolgt, in Italien, Deutschland, Südafrika, Angola, um erstmals den ganzen Umfang seiner Geschäfte aufzudecken. Wir: Das ist ein internationales Investigativteam aus den Recherchebüros IRPI, Italien, ANCIR, Südafrika, CORRECTIV, Deutschland und Quattrogatti, Großbritannien.

Ein Näschen für gute Deals

Was zuerst auffällt an Vito Palazzolo — oder an „Robert von Palace-Kolbatshenko“, wie er sich in Südafrika nannte – sind seine grün-grauen Augen, die aus einem breiten Gesicht leuchten, das nichts von seiner sizilianischen Herkunft verrät. Für jemanden von mittelgroßer Statur hat er eine überraschend tiefe Stimme. Alles an ihm strahlt die verfeinerte Weltläufigkeit eines Investmentbankers aus. Am liebsten trägt er helle Baumwollhosen und leinene Hemden, „perfekt“ – sein Lieblingswort –für die heißen afrikanischen Sommer. Er isst gern Fisch zu Salat, hat eine Vorliebe für schöne Frauen und alten Whiskey, liebt seine Mercedes-Limousinen und kann, ganz Sizilianer, nicht ohne die Nähe des Meeres leben. Seine Penthouses liegen an der Promenade von Kapstadt, an der atemberaubend schönen Clifton Bay, einige Kilometer weiter, oder am Strand von Swakopmund in Namibia.

In einem fort spricht er in sein Handy und fädelt Deals ein, auf Italienisch, Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Französisch. Er ist der perfekte Gastgeber: stets freundlich, stets aufmerksam, und wagt es jemand, ihm vorzuhalten, er sei einer der wichtigsten Männer in der Cosa Nostra, dann antwortet er lachend: Wenn das wahr wäre, warum sollte er dann noch jeden Tag arbeiten, weit jenseits der 60?

„Kronzeugen aus Sizilien behaupten, das ich Mafia-Imperien in Venezuela, Brasilien, Mexiko, Kanada, ja sogar im Fernen Osten unterhalte“, hat Palazzolo einmal zu Protokoll gegeben. „Ich bin vielleicht intelligent und habe einige Fähigkeiten, aber sie gehen ganz sicher nicht so weit, dass ich die Finanzen der Mafia von meinem Haus in Franschhoek aus verwalten könnte.”

Doch genau das hat er getan.

Die Pizza-Connection

Glaubt man den Ermittlern, dann unterzog sich Palazzolo der Punciuta, dem Ritual, das die Zugehörigkeit zur „Familie“ besiegelt, bereits gegen Ende der 1970er Jahre. Man stach ihm in eine Fingerkuppe, verschmierte einige Tropfen Blut auf einem Heiligenbild und verbrannte es, während er seinen Eid sprach. So wurde er zu einem “Mann der Ehre”, der zunächst nach Deutschland entsandt wurde. Er machte eine Lehre bei der Deutschen Bank in Hamburg und arbeitete dann im Diamanten- und Edelsteinbusiness, bei Firmen in Pforzheim und in Konstanz.

1981 hatte er genug gelernt. Seine sizilianischen Bosse beorderten ihn in die Schweiz, wo er fortan ein Team von Bankern anleitete, die Drogengeld waschen sollten – Gewinne aus dem schwunghaften Heroinhandel, den die Cosa Nostra in jenen Jahren betrieb, zwischen der Türkei und den USA. Bis zu vier Tonnen Heroin verschiffte die italienische Mafia pro Jahr aus Europa in den Hafen von Newark, unweit von New York.

1984 flog diese „Pizza Connection“ auf – und zog eines der längsten Gerichtsverfahren nach sich, das es in den USA bis dahin gegeben hatte. 1987 wurden 21 Mafiosi zu zum Teil hohen Haftstrafen verurteilt. Und alle Welt konnte sehen, wie weit der Arm der italienischen Mafia inzwischen reichte.

Schweizer Ermittler konzentrierten sich auf die Geldflüsse der Pizza Connection und wiesen nach, dass mindestens 47 Millionen Dollar Drogengeld in der Schweiz gewaschen worden waren. Palazzolo hatte in den USA Treuhandkonten eröffnet, über die die Drogengewinne in die Schweiz überwiesen werden konnten, von wo aus das Geld dann investiert wurde, vor allem in Immobilien, in New York und Miami, Puerto Rico und Monte Carlo.

Im September 1985 wurde Palazzolo zu drei Jahren Haft wegen Geldwäsche verurteilt. Doch schon ein gutes Jahr später, zu Weihnachten 1986, nutzte er einen 36-stündigen Freigang zur Flucht – und setzte sich ab nach Südafrika, dem Land, in das bereits etliche andere Cosa Nostra-Gangster Zuflucht gefunden hatten.

Ein Wirtschaftsimperium

Palazzolo fasste schnell in Südafrika Fuß. Sogleich machte er sich daran, der örtlichen Elite Gefallen zu erweisen und sich so ihrer Loyalität zu versichern. Allen voran hatte er es auf Roelof Frederik “Pik” Botha abgesehen, den langjährigen Außenminister Südafrikas, eine zentrale Figur im südlichen Afrika, mit seinen Kriegen, seinen Diamantenminen. Palazzolo hatte sich den richtigen Freund gewählt: 1995 half ihm Botha, die südafrikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, obwohl der Mafiosi damals längst auf der von Interpol geführten Liste der weltweit meistgesuchten Verbrecher stand. (Pik Botha bestreitet, dass er Palazzolo half.)

Palazzolo heiratete in Südafrika zum zweiten Mal und kaufte eine Farm, La Terra de Luc, in dem fruchtbaren, malerischen Franschhoek-Tal, ein weitläufiges Anwesen, mit Eichen, Pflaumen- und Birnbäumen, mit Gästehäusern, Pools und allem erdenklichen Luxus. Auf La Terra de Luc, konnte Palazzolo den mondänen Gastgeber geben und seine Gäste, mächtige Männer von Welt, erlesen bewirten: die südafrikanische Elite aus Wirtschaft und Politik, südafrikanische Gangster, Bürgermeister aus Italien, und natürlich seinen besten Freund, den italienischen Graf Riccardo Agusta, Erbe der berühmten Hubschrauber-Fabrikanten-Dynastie, wir werden auf diese Verbindung zurückkommen.

Nach außen war Palazzolo in jenen Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann. In seinem zweiten, verborgenen Leben aber war er der Bankier der Cosa Nostra, zuständig für Offshore-Banking und Geldwäsche. Bargeld, das die italienische Mafia in Italien oder sonstwo erpresst, erdealt, erzielt hatte, floss über eine kleine Bank im malerischen Franschhoek-Tal nach Liechtenstein, nach Manhattan, zu den Brititsh Virgin Islands, vermehrte sich unterwegs um immer neue Summen, um Mafia-Geld, um privates Vermögen von Palazzolo, um am Ende dieser Reise um die Welt wieder daheim anzukommen, in der Von Palace Kolbatshenko Familiestiftung, im Franschhoek Tal, in Südafrika.

1995 begann die italienische Polizei, die Machenschaften der italienischen Mafia in Südafrika zu untersuchen, zunächst unterstützt von der dortigen Regierung; Staatspräsident Nelson Mandela richtete 1996 eine entsprechende Sondereinheit ein, die PITU Presidential Investigative Task Unit, angeleitet von einem Sergeant namens Andre Lincoln.

Die Ermittler stießen rasch auf Ungeheuerliches: Etliche Politiker und Polizisten standen auf Palazzolos Gehaltsliste, wesentliche Schaltstellen der regierenden Partei ANC hatte er korrumpiert. Er hatte Beamte der südafrikanischen Anti-Drogen-Polizei gekauft, den Interpol-Abgesandten Südafrikas in London und, man höre und staune, den Leiter der südafrikanischen Ermittlungseinheit gegen organisierte Kriminalität.

Sergeant Lincoln ermittelte unter strengster Geheimhaltung, es gelang ihm sogar, eine persönliche Beziehung zu Palazzolo aufzubauen. Aber dann sickerte doch durch, was er vorhatte, und viele einflussreiche Leute begannen, sich Sorgen zu machen. 1998 wurde Sergeant Lincoln der Korruption, des Diebstahls und des Betrugs angeklagt, und er musste zurücktreten. Zehn Jahre später wurde er freigesprochen, doch die Untersuchung – wie sehr die Mafia das Establishment durchdrungen hatte – wurde nicht weiter geführt.

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1999 ermittelte die südafrikanische Polizei erneut gegen Palazzolo, dieses Mal wegen Geldwäsche, und fand heraus, dass Millionen Rand von Südafrika über Liechtenstein und wieder zurück geflossen waren, über Konten in den USA, Großbritannien und mehrere tropische Steuerparadiese. Aber auch diese Ermittlungen führten zu nichts: 2001 sprach der Oberste Gerichtshof in Südafrika Palazzolo vom Vorwurf der Geldwäsche frei — warum auch immer.

Das Geld aus dem Offshore-Banking legte Palazzolo klug an. Nicht nur, dass er zig Luxusimmobilien und hochwertige Farmen im südlichen Afrika kaufte.

Er gründete auch eine Abfüllanlange für hochwertiges Mineralwasser, La vie de Luc, daheim im Franschhoek-Tal – mehrere Fluglinien, darunter South African Airways, servieren das Mafia-Wasser bis heute ihren Gästen.

Diamonds are forever

Ähnlich wie in Südafrika machte sich Palazzolo Angola untertan – erst kaufte er die lokalen Eliten, dann machte er dort seine Geschäfte, zum Schaden des Landes. Das südliche Afrika erwies sich für den Mafioso aus Europa als eine Art kriminelles Paradies.

Angola ist ein Land, in dem lange Krieg herrschte. Nach der Unabhängigkeit von Portugal 1975 begann ein verheerender Bürgerkrieg, der letztlich bis 2002 dauerte.

1994, nach einem ersten Friedensabkommen, begannen wagemutige Unternehmen wieder im Land zu investieren – unter ihnen Palazzolo. Sein Trick: Er besetzte die Aufsichtsräte der von ihm gegründeten Unternehmen mit der Crème-de-la-Crème des angolanischen Establishments, mit Generälen, Ministern, ja, mit Präsidenten Eduardo Dos Santos selbst. Auf diese Weise gelang es ihm, fünf Konzessionen für Diamantenabbau in Lusaka Nord zu erwerben, jener angolanischen Provinz, die traditionell die beste Edelsteinqualität hervorbringt.

Wie viel Umsatz, wie viel Gewinn die Minen abwerfen, ist unbekannt. Aber eine Zahl gibt es: der Wert der Lagerstätten. Er wird mit rund 280 Millionen US-Dollar beziffert.

Diamantenminen und Offshore-Banking erwiesen sich als perfekte Kombination: Palazzolo konnte so im Verborgenen agieren – bislang war nicht bekannt, das er diese Minen besaß – und konnte zudem in großem Stil Steuern hinterziehen, wie ein bislang nicht veröffentlichter Fall von 1996 zeigt.

1996 erwarb Palazzolo Anteile an der russischen Lemonosov-Mine, der größten Diamantenmine in Europa. Zuvor hatte er, über eine Scheinfirma auf den British Virgin Islands, gemeinsam mit dem australischen Bergbau-Riesen Ashton Mining ein ein Joint-Venture gegründet; gemeinsam brachten sie 2,5 Millionen Dollar ein in die russische Mine. Mafia-Geld, über Steueroasen eingespeist in legale Investitionen: Willkommen in der weltweit agierenden Mafia AG.

Vergiss nicht, woher du kommst

1996 beherbergte Palazzolo einige Mafiosi, die aus Italien geflohen waren, allen voran Giovanni Bonomo, Chef eines mandamento, eines großen Gebietes der Cosa Nostra, jener Gruppe, der auch Palazzolo angehörte. Bonomo übernachtete auf Palazzolos Farm in Südafrika, ehe er sich in dessen Mercedes hinüber nach Namibia stahl – und sich dort auf einer von Palazzolos Farmen versteckte.

Bonomo blieb in Namibia von 1996 bis Anfang 2002 – genau zu jener Zeit, in der die Cosa Nostra die Küste von Namibia nutzte, um einen schwunghaften Kokainhandel zu betreiben, zwischen Kolumbien und Italien. 2004 wurde Bonomo im Senegal festgenommen.

Ein Makler für Finmeccanica

Es gibt einen Konzern in Italien der ist besonders. Finmeccanica heißt er — einer der größten Industriekonzerne Italiens. In die ehemalige Staatsholding wurden in den 1990er Jahren fast alle italienischen Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtunternehmen eingegliedert. Sein Umsatz über 15 Milliarden Euro. Der größte Aktionär: Italien selbst.

Und ausgerechnet dieser besondere Konzern pflegte Kontakte zum Sizilianer.

2009 gab der italienische Botschafter in Angola ein Ehrendinner für eine Delegation italienischer Industrieller in seiner Residence in Luanda. Unter den anwesenden Managern, eine Gruppe der Waffenschmiede Finmeccanica.

Sie hatten ein besonders Angebot im Gepäck. Den Hubschrauber Westland „Lynx“, der Marke Agusta Westland. Er gilt als einer der schnellsten Hubschrauber der Welt. Armeen aus 13 Ländern benutzen die Höllenmaschine. Darunter Deutschland und Großbritannien.

Palazzolo hatte eine frühe Beziehung zum Hubschrauber-Fabrikanten. Der Vater von Palazzolos Freund, Graf Riccardo Agusta, hat das Unternehmen gegründet, es hat Niederlassungen in Südafrika.

Auf dem Ehrendinner in Luanda war, Vito Roberto Palazzolo Ehrengast. Es heißt, er sei von der Südafrikanischen Niederlassung von Agusta Westland eingeladen worden. Der Mafia-Flüchtling saß mitten unter den Waffen-Managern. Und schwärmte von einem grandiosen Flottengeschäfte, erinnern sich Teilnehmer des Treffens.

Zuvor soll Palazzolo einige Tage mit Finmeccanica-Managern in Pretoria verbracht haben, der Hauptstadt von Südafrika. Sie haben ihn herumgeführt, und ihn vorgestellt als „ großartigen Agenten für gute Geschäfte südlich der Sahara.“ Sie sagten, er habe dem Unternehmen ein Vermögen eingbracht. Aber von welchem Vermögen, von welcher Flotte ist hier die Rede?

Tatsächlich hatte AgustaWestland im Jahr 1999 etwas zu feiern gehabt. Das Unternehmen hatte der südafrikanischen Armee Waffen und Helikopter im Wert von 300 Millionen Euros verkauft.

Alle Konkurrenten konnte AgustaWestland aus dem Markt schlagen. Und wie? Die Italiener heuerten früheren Generälen der südafrikanischen Armee an, um für sie Lobbyarbeit zu betreiben. Die südafrikanischen Justiz nennt das Korruption und ermittelt in Sachen AgustaWestland. Italien hat sich angeschlossen. Auch hier untersuchen Ermittler den Deal – nachdem ein AgustaWestland-Manager offenherzig davon gesprochen hat, einen „schwarzen Topf“ aufgestellt zu haben, um Afrikanische Minister zu bestechen.

Hat Palazzolo bei diesem Deal geholfen? Ist er involviert in den Fall? War das der Deal mit der „Flotte“, bei dem ein „Vermögen“ gemacht wurde, von dem die Rede war, bei dem Ehrendinner in Luanda? Die Szene ist jedenfalls bestechend: Auf einer Party stoßen im Kerzenschein Top-Manager einer der größten Waffenschmiede der Welt mit einem Mafioso an und feiern beim Champagner ihre Fähigkeiten Vermögen zu verdienen. Während daheim die Ermittler versuchen, den Flüchtling zu fassen.

Finmeccanica sagt, das Unternehmen weiß von keinen „Gerichtsdokumenten“ zu dem Fall und verweigert deswegen jeden Kommentar.

Palazzolo hat eine Fähigkeit. Als damals 1992 der Pakt zwischen Staat und Mafia in die Luft gesprengt wurde, war er einer der wenigen, der die Gefahr kommen sah und denen es gelang, dem Feuer zu entkommen.

Nun im Knast redet er wieder. Er scheint wie ein gehetztes Tier, dass verzeifelt einen Weg sucht, erneut den Flammen zu entgehen.

Autoren: Giulio Rubino, Cecilia Anesi

Redaktion: Ariel Hauptmeister

Zusätzliche Recherche: John Grobler

Italienischer Schinken© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Intransparente Resistenz

Italien hat ein ernstes Problem mit Antibiotikaverbrauch und resistenten Keimen. Doch die Behörden weigern sich, das Problem zu beleuchten.

von Cecilia Anesi , Giulio Rubino

In Italien sind multiresistente Erreger auf dem Vormarsch. Das berichtet das European Center for Disease Prevention and Control, das Daten aus Europas Krankenhäusern sammelt und vergleicht. Danach gehört Italien zu den Spitzenreitern in der Statistik.  Zum Beispiel ist etwa jeder zweite getestete Darm-Keim E. coli unempfindlich gegen das wichtige Mittel Fluoroquinolon – europaweiter Negativrekord. Insgesamt gehört das Land zu den Spitzenreitern in der Statistik.

Auch beim Verbrauch liegt das Land nach einer Studie von 2013 vorn: Ein Patient in Italien nimmt im Schnitt etwa 50 Prozent mehr Antibiotika als ein EU-Durschnittsbürger – hinter Frankreich der zweithöchste Wert. Ähnlich ist die Situation in der Tiermast: Pro Kilo Fleisch werden hier doppelt so viel Antibiotika eingesetzt wie im Schnitt – nur in Zypern sind es noch mehr.

Warum werden gerade in Italien so viele Antibiotika geschluckt und damit resistente Erreger gezüchtet? Ein Grund ist, dass das Gesundheitssystem des Landes stark regionalisiert ist. In der Gesundheitspolitik können die 21 Provinzen Italiens viele Dinge selbst entscheiden. Das erschwert koordinierte Aktionen gegen Antibiotikaresistenzen.

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Und: Es fehlen verlässliche Daten, um die Lage auszuwerten. Selbst für Wissenschaftler sind sie unzugänglich. Etwa 50 Krankenhäuser melden Vorkommen von resistenten Erregern an das National Institute of Health und an das Gesundheitsministerium. Theoretisch sind diese Daten auch für Journalisten und die Öffentlichkeit im allgemeinen zugänglich. In der Praxis rücken die Behörden allerdings so gut wie nie Statistiken heraus. 

In Italien haben Bürger keine weitgehenden Auskunftsrechte, anders als in den USA, Großbritannien oder auch Deutschland. Selbst Open-Data-Aktivisten, die systematisch Anfragen an den Staat stellen, berichten, dass nur jede Dritte innerhalb der vorgeschriebenen Frist von 30 Tagen beantwortet wird. Das administrative Schweigen umfasst Behörden aller Ebenen und wird rechtlich nicht geahndet.

Im September 2015 hat CORRECTIV eine Anfrage an das italienische Gesundheitsministerium geschickt. Wir fragten, wie die Behörde resistente Krankheitserreger erfasst, wie viele Infektionen mit diesen sie in den letzten Jahren registriert hat, wie viele Todesfälle es gab, und so weiter.

Trotz wiederholter Nachfragen und Anrufe haben wir auch sechs Monate später immer noch keine Antwort erhalten.

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Mafia

Mafia in Pforzheim

Um aus dem sonnigen Sizilien nach Pforzheim zu ziehen, braucht man einen guten Grund. Einige suchen Arbeit. Andere folgen Verwandten. Oder ihrer großen Liebe. Wieder andere haben Dreck am Stecken und suchen nun ein ruhiges Plätzchen, eine gänzlich unauffällige, mittelgroße Stadt in Baden-Württemberg, um in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen. So, wie Giovanni Zanetti*.

von Olaf Lorch-Gerstenmaier , David Schraven , Margherita Bettoni , Giulio Rubino , Cecilia Anesi

Diese Recherche erscheint in Kooperation mit der Pforzheimer Zeitung und dem RTL-Nachtjournal.

Giovanni Zanetti*, ein Mann Mitte 40, saß in Italien über zehn Jahre in Haft wegen illegalen Waffenbesitzes und Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung. Sein Bruder, ebenfalls wegen Mafia-Delikten verurteilt, war mindestens sechs Jahre im Knast.

2007 ziehen die beiden nach Pforzheim. Und nun geht es plötzlich steil aufwärts. Innerhalb weniger Jahre kaufen die Brüder Wohnungen und Häuser im Wert von mindestens 1,5 Millionen Euro. Das belegen Akten, die CORRECTIV vorliegen. Unter anderem besitzen sie ein Hotel mitten in der Stadt.

Ist das alles? Ein Informant der Polizei berichtet, die Zanettis hätten untergetauchten Mafiosi „Unterschlupf gewährt“. Giovanni Zanetti, sagt uns im Gespräch, er sei nach Deutschland gekommen, weil er sich im Knast verändert habe, weil er das „Negative“ hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen wollte. Das sei ihm in Deutschland gelungen.

Auch Roberto Totti* zieht es ins schöne Pforzheim. Der Polizei-Informant sagt, Totti sei ein Cousin von Zanetti. Einige Jahre zuvor hatte man Totti in Panama mit einem Koffer voll Kokain gefasst. Nun folgt er Zanetti, lebt sogar eine Weile in einer seiner Wohnungen. Heute handelt Totti mit Früchten. Zanetti sagt, er kenne diesen Cousin Roberto nur flüchtig. „Es gibt so viele Robertos hier.“

Heimstatt für Mafiosi

Das Bundeskriminalamt schätzt, dass etwa 550 Mafiosi in Deutschland leben. Das sind die aktenkundigen Kriminellen, Männer wie Zanetti Aber neben ihnen gibt es viele andere. Leute, die sich in Deutschland der Mafia angeschlossen haben, Strohmänner, Helfer der organisierten Banden, die ohne Akzent sprechen und zum Teil deutsche Nachnamen tragen. Es wäre falsch zu behaupten, es gebe nur 550 Mafiosi in Deutschland. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen.

Sie alle profitieren von der deutschen Gesetzgebung. Gewinne der Mafia werden nicht automatisch beschlagnahmt, die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung ist in Deutschland keine Straftat. Erst vor einigen Monaten wurden mehrere Mafiosi trotz Auslieferungsantrag aus Italien in Deutschland laufen gelassen. „Die Mafia könnte in Deutschland ein Vereinsheim eröffnen“, sagt ein Ermittler, „das wäre nicht strafbar“.

Deshalb ist auch Pforzheim so beliebt bei verurteilten Mafiosi.

Die Revolte der Stiddari

Die kriminelle Karriere von Giovanni Zanetti beginnt in Sizilien, in der Stadt Canicattì. Die flachen Dächer der ockerfarbigen Häuser erstrecken sich über mehrere Hügel der sizilianischen Provinz Agrigento. Dazwischen wachsen Palmen. In Canicattì existiert die Mafia seit Generationen. Sie heißt hier Cosa Nostra. Zanettis Familie gehört dazu.

Doch in den 80er und den 90er Jahren rebellieren junge Mafiosi aus Canicattì gegen die alten Bosse und gründen die Stidda. Ihre eigene Mafia. Bis zu 5000 Mann sollen teilweise dazu gehören. Blutige Kämpfe brechen aus, zwischen der alten Cosa Nostra und den Rebellen der Stidda. Über 300 Menschen sterben.

Stidda bedeutet auf sizilianisch „Stern“. Denn die Stiddari tätowieren sich oft einen kleinen, fünfzackigen Stern zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Als Erkennungszeichen.

In den Prozessakten der damaligen Fehde tauchen die Namen von Zanetti und dessen Bruder häufig auf. 1991, nach einem gescheiterten Anschlag auf einen Cosa-Nostra-Boss, flieht Giovanni Zanetti zusammen mit seinem Bruder nach Mannheim. Sie eröffnen eine Bar. Bald wird sie der Treffpunkt der Stiddari in Süddeutschland.

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Ermittler hören die Mafiosi ab – und werden Zeuge, wie Zanetti und Co. im Mafia-Jargon über Waffenschmuggel sprechen. 1992 hält eine Polizeistreife Giovanni Zanetti in seinem Alfa Romeo an, um ihn und zwei Freunde zu kontrollieren. Im Kofferraum liegt eine schwarze Tasche. Als die Polizisten die Tasche öffnen wollen, überwältigen die drei Männer die Beamten, entwenden ihnen die Dienstwaffen und fliehen.

Die Polizei verfolgt die Brüder Zanetti nach Saarbrücken, ein Jahr später werden die beiden festgenommen. Sie werden an Italien ausgeliefert und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Aus der Haft nach Deutschland

Nach 13 Jahren kommt Giovanni Zanetti frei. Prompt zieht er zurück nach Deutschland. Die Vergangenheit in der Mafia will er hinter sich gelassen haben.

Aber geht das? Wer der Mafia betritt, schwört eigentlich Treue bis zum letzten seiner Tage. Wer aussteigen will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder kooperiert er mit der Justiz – oder er wird erschossen. Giovanni Zanetti lebt noch. Und er hat nicht mit der Justiz zusammengearbeitet.

Einige Zeit hatten Ermittler einen Informanten, einen sogenannten V-Mann, in der Nähe von Giovanni Zanetti platziert. Dieser vermutet, dass die beiden mit ihren Immobilien Mafia-Geld waschen. „Wenn du Geld wäschst, verdienst du ja auch. Du investiert und verdienst Geld, wirst immer reicher“, sagt der V-Mann. Es laufe immer gleich. Es gebe Männer, die nach Italien fahren und zurück. Sie würden das Geld holen. Belegt ist diese Aussage nicht.

Wir treffen Giovanni Zanetti in seinem Haus. Ein freundlicher Mann in grauer Arbeitskleidung mit einem festen Händedruck und kurzen Haaren. Er lädt uns ein, Platz zu nehmen. Müssen wir über das „Negative“ reden, fragt er. Giovanni Zanetti weist jeden Verdacht weit von sich. Die Immobilien seien durch ehrliche Arbeit verdient. Gerade erst sei er auf einer Baustelle gewesen. Er sagt, er habe das Geld für die Wohnungen, die Häuser zusammen mit Freunden aufgetrieben. Zunächst hätten sie kleine Wohnungen gekauft, renoviert und weiter vermietet. Dann größere Immobilien. Die Kredite der Bank würden durch die Mieteinnahmen mehr als gedeckt.

Bisher konnte ihm die deutschen Behörden nichts nachweisen: Es gab auch Finanzermittlungen gegen ihn, aber sie konnten den Verdacht der Geldwäsche nicht erhärten.

Stumpfe Waffen gegen die Mafia

„In Deutschland haben die Mafiosi ihr Mekka gefunden“, sagt der sizilianische Journalist Franco Castaldo, der den jungen Mafioso Giovanni Zanetti noch aus Canicattì kennt. Um hier ein Ermittlungsverfahren in Deutschland zu eröffnen, müssen zuerst kriminelle Handlungen nachgewiesen werden. Und das ist schwierig, wenn man mit organisiertem Verbrechen zu tun hat.

Den deutschen Ermittlern fehlt zudem das wichtigste Instrument, das in Italien zum besten Mittel im Kampf gegen die Mafia wurde: Das Abhören von Telefonaten. Dies wird nur in selten zugelassen. Und wenn es dazu kommt, sind die Kosten oft so hoch, dass nur über sehr kurze Zeit abgehört wird. Übersetzer, die nicht nur Italienisch verstehen, sondern auch noch sizilianische oder kalabresische Dialekte, sind teuer. Spricht man mit deutschen Ermittlern über ihren Kampf gegen die Mafia, hört man vor allem Frust.

Die Mafiosi schätzen Deutschland, weil hier ihr Vermögen sicher ist. In Italien muss ein verurteilter Mafioso beweisen, dass er sein Geld und seine Häuser legal erworben hat. In Deutschland ist es genau anders herum. Die Ermittler müssen nachweisen, aus welcher Straftat der Besitz stammt. Das ist fast unmöglich. So gibt es in etlichen Städten Ex-Knackis und Pizzabäcker mit Millionenvermögen. Eine Gesetzesänderung soll es bald leichter machen, Mafia-Vermögen zu beschlagnahmen. Noch dauert die parlamentarische Beratung an.

Der Mafia liegt viel daran, in Deutschland nicht aufzufallen. Soll jemand umgebracht werden, dann werden die Opfer nach Italien gelockt und dort erschossen. Die Mafia hat verstanden: So lange sie in Deutschland nicht tötet, gibt sie Politikern keinen Grund, sich Gedanken über härtere Anti-Mafia-Gesetze zu machen.

Zanetti will von all dem in seinem Hotel in Pforzheim nichts wissen. Die Vergangenheit müsse man ruhen lassen. Das alles sei vorbei. Er wolle jetzt in seine Zukunft investieren. Derzeit baut er das ehemalige Arbeitsamt von Pforzheim zu einem Wohnkomplex um.

*Namen geändert

2014 versucht Nicola Assisi mit diesem falschen Pass nach Europa zu reisen.© Guardia di Finanza

Mafia

Der Drogenhändler der Mafia

Niemand weiß, wie viel Kokain Nicola Assisi schon nach Europa verschifft hat. Es dürften Tonnen sein. Assisi ist der wichtigste Drogeneinkäufer der italienischen Mafia. Seit zwei Jahrzehnten spielt er Katz und Maus mit den Ermittlern. Dies ist seine Geschichte – dank einer monatelangen Recherche von CORRECTIV und dem Investigative Reporting Project Italy zum ersten Mal vollständig erzählt.

weiterlesen 20 Minuten

von Cecilia Anesi , Giulio Rubino

Es ist Nacht im Hafen, und der Mann, der das Kokain abholen soll, wird langsam panisch.

„Was zum Teufel zwingt ihr mich zu tun“, tippt er in sein Handy. Seine Männer liegen gefesselt vor ihm. Er tippt: „Sie behaupten sie sind unschuldig.”

197 Kilo Kokain will Rosario Grasso in dieser Nacht für die ‘Ndrangheta in Empfang nehmen, eine der mächtigsten Gruppen der weltweiten Organisierten Kriminalität – im Hafen von Gioia Tauro, im Süden Italiens. Grasso und seine Helfer haben einen Hafenbeamten bestochen, genannt „Il Porco“, das Schwein, damit er ihnen Zugang gewährt zu jenem Container, in dem das Kokain versteckt ist. Doch so oft Grasso den Container auch durchsucht: Er findet die Drogen nicht. Das Kokain, mit einem Straßenverkaufswert von rund 20 Millionen Euro, ist verschwunden.

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Der Drogenkurier Rosario Grasso vor dem Container, in dem das Kokain NICHT war.

Guardia di Finanza

Haben seine Leute ihn verraten? Oder die Mittelsmänner in Brasilien es gewagt, ihn zu hintergehen?

Grasso erhält eine Nachricht auf seinem Handy: das Foto von einem Holzstück, hineingeschnitzt die Nummer MSC U356 5753. Grasso sieht nach, ein weiteres Mal: Er steht neben dem richtigen Container, mit eben dieser Kennung. Aber er ist leer.

„Sag ihnen, dass ich jetzt richtig wütend bin, nicht sie“, schreibt er an den Mittelsmann in Brasilien. „Es ist 3 Uhr nachts, ich habe die halbe Welt in Bewegung gesetzt, ich habe meine Familie seit drei Tagen nicht gesehen, ich habe seit drei Tagen nicht geduscht.“ Es nützt nichts.

Am nächsten Tag kehrt Grasso noch einmal in den Hafen zurück, um den Container Zentimeter für Zentimeter abzusuchen. Und wieder: kein Kokain.

Doppelte Hierarchie

Ermittler gehen davon aus, dass die ‘Ndrangheta rund 40 Prozent des weltweiten Kokainhandels kontrolliert; die Mafia aus Kalabrien, dem Absatz des italienischen Stiefels. Die Einnahmen, geschätzte 25 Milliarden Euro pro Jahr, werden dann im legalen Firmengeflecht der Mafia gewaschen, gerade auch in Deutschland und der Schweiz, Ländern mit laschen Anti-Geldwäsche- und Anti-Mafia-Gesetzen.

Um sich vor Strafverfolgung zu schützen, haben die ‘Ndrangheta-Bosse eine doppelte Hierarchie aufgebaut – sie selbst sind abgekoppelt vom eigentlichen Handel. Anstatt die eigenen Männer den Risiken des Drogengeschäfts auszusetzen, stützen sich die Bosse auf Dutzende von Mittelsmännern in der ganzen Welt – Männer, die in direktem Kontakt mit den Drogenkartellen stehen und für den reibungslosen Transport des weißen Pulvers nach Europa sorgen.

Es heißt, den besten Mittelsmännern gelingt es, ein Kilo Kokain für gerade einmal 1200 Euro von den Kartellen in Südamerika zu kaufen. An die ‘Ndrangheta verkaufen sie es dann für rund 30.000 Euro das Kilo. Was immer noch viel billiger ist, als das Kokain über viel Umwege auf europäischem Boden zu kaufen. Kein Wunder, dass Beziehungen zu solchen Mittelsmännern von höchstem Wert sind für die Mafia-Bosse.

Der mächtigste Drogen-Broker unserer Zeit ist Nicola Assisi. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist ihm die Polizei auf den Fersen, stets vergeblich. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen arbeitet er von Lateinamerika aus, nah an den Quellen des Kokains.

Wir haben Nicola Assisis Weg in monatelanger Recherche rekonstruiert, gestützt auf bislang unzugängliche Akten. Seine Geschichte soll hier zum ersten Mal vollständig erzählt werden.

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Nicola Assisi kauft das Kokain direkt bei den Kartellen in Brasilien und Peru — und erhöht so die Profite der Mafia.

Ivo Mayr/Guardia di Finanza

Die verwanzte Telefonzelle

Assisi wurde 1958 in der süditalienischen Stadt Grimaldi geboren. Über seine jungen Jahre ist nur wenig bekannt. Im Frühjahr 1997 geriet er erstmals ins Visier der italienischen Ermittler. Sie waren hinter einer Gruppe kalabrischer Drogenhändler her, die von Barcelona aus Kokain nach Turin und Rotterdam verschifften.

„Die Drogenhändler verwendeten damals keine Handys, sondern sprachen von öffentlichen Telefonzellen aus miteinander“, sagt Gianni Abbate, einer der Ermittler. „Uns gelang es, zwei Telefonzellen in Turin zu verwanzen, die von den Drogenringen regelmäßig verwendet wurden.“

In den Morgenstunden des 16. Mai 1997 fing die Polizei den Anruf eines Mannes ab, der ein Treffen mit Nicola Assisi arrangierte. Die Polizei folgte ihm und dessen Männern zu einem Treffpunkt nördlich von Turin. Dort sollten sie einen Lastwagen in Empfang nehmen, in dem 200 Kilo Kokain versteckt waren.

Eine Gruppe von Polizisten drängte Assisi in die Enge. Er versuchte das Unmögliche: „Er lief in Richtung der Polizeiwagen, schlug einen Beamten nieder und wollte mit einem der Autos fliehen“, erzählt Abbate. Es misslang, die Polizisten überwältigten Assisi.

Das Schneckentempo der italienischen Justiz verhalf ihm nur ein Jahr später zur Freiheit. Noch immer war er nicht angeklagt worden, ein Richter weigerte sich, seine Untersuchungshaft zu verlängern. Und Nicola Assisi, der Drogenhändler der ‘Ndrangheta, spazierte aus dem Gefängnistor. Und tauchte ab.

Streit bricht aus

Rosario Grasso, am Hafen von Gioia Tauro, war unterdessen weder von seinen Leuten verraten worden noch von den Mittelsmännern in Brasilien. Das Kokain, das er vergeblich suchte, war unterwegs von der spanischen Polizei beschlagnahmt worden. Dann hatten die Beamten den Container wieder versiegelt und ihn weiter seinen Weg nach Italien nehmen lassen. Sie wollten wissen, wer dort auf ihn wartete.

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Der Hafen von Gioia Tauro. Nirgendwo werden in Italien mehr Container umgeschlagen.

Guardia di Finanza

In den Wochen darauf herrschte Streit zwischen der ‘Ndrangheta und den Mittelsmännern in Brasilien. Nicola Assisi gelang es, ihn zu schlichten: Er vermutete gleich, dass die Polizei ihre Finger im Spiel hatte. „Ich besorge allen neue Handys, diese hier scheinen ein bisschen verbraucht”, schrieb er.

In der Tat war es der italienischen Polizei gelungen, die verschlüsselten Blackberry-Nachrichten des Assisi-Rings zu knacken. Prompt stellte Sohn Patrick den Ermittlern eine Falle und schickte einen Container mit einer kleinen Menge Kokain auf die Reise nach Gioia Tauro. Doch die Polizei ließ ihn passieren. Sie wollte die Überwachung nicht gefährden. Erfolgreich.

Der Mentor stirbt

Im Jahr 2002 nahm Assisis Karriere einen unerwarteten Aufschwung. Pasquale Marando war verschwunden, der mächtigste Drogenhändler der ‘Ndrangheta, zugleich seit langem ein Mentor von Nicola Assisi. Marando war der erste, der direkt mit den kolumbianischen Drogenkartellen verhandelte, unter Umgehung sämtlicher Mittelsmänner – was den Profit der Mafia weiter nach oben schraubte.

Marandos Leiche wurde nie gefunden. Gut möglich, dass er bei einer internen Fehde erschossen wurde. Nun rückte Nicola Assisi nach. Denn Marando hatte ihm einen höchst wertvollen Schatz vermacht: sein Telefonbüchlein, mit Kontakten zu den mächtigsten Waffen- und Drogenhändlern jener Zeit. Darunter die Gewährsmänner der lateinamerikanischen Kartelle.

2007, genau zehn Jahre zu spät, erging in Turin das Urteil gegen Nicola Assisi: Er erhielt eine Haftstrafe von 14 Jahren. „Zehn Tage vor dem Urteil flüchtete er nach Spanien und von dort wahrscheinlich weiter nach Lateinamerika“, sagt Gianni Abbate, jener Polizeibeamte, der den Fall Assisi in den 1990er Jahren untersuchte.

Für viele Jahre verschwand Nicola Assisi, ohne eine Spur zu hinterlassen. Dann betritt sein Sohn Patrick die Bühne des weltweiten Drogenhandels.

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Der Sohn betritt die Bühne

Es ist ein kalter Wintertag in Turin, als Patrick Assisi die Tür zu einem vornehmen Fischrestaurant unweit des Pos aufdrückt. Assisi trägt Turnschuhe, Jeans und einen Mantel, das übliche Outfit der jungen Männer Turins. Gegen Patrick lag in Italien kein Haftbefehl vor; offenbar fungierte er als der verlängerte Arm seines Vaters.

Er wird begrüßt von Abgesandten des Aquino-Coluccio-Clans, einer der mächtigsten ‘Ndrangheta-Familien. Es ist ein Geschäftsessen, man bestellt Fisch, Pizza und Wein. Und dann diskutieren die Männer die Details. Zum Abschied umarmen sie sich. Der Deal steht.

Nachdem sie Patrick Assisi bei jenem Treffen in Turin beobachtet hatten, heftete sich die italienische Polizei erneut an die Fersen der Familie. Die Familie versteuerte keinerlei Einkommen, lebte aber im Luxus, man fuhr BMW X3 und mietete ein Sommerhaus in Portugal, das 10.000 Euro pro Monat kostete.

Wohin mit dem Bargeld?

Ermittler fanden auch heraus, was mit den immensen Mengen an Bargeld geschieht, das beim Drogenhandel anfällt. Für den Drogenring der Assisis brachten Kuriere das Geld zu einer Tankstelle in der Nähe von Turin, wo es von Gewährsmännern abgeholt und nach Brasilien geschickt wurde, Hunderttausende Euro pro Lieferung.

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Wer Drogen verkauft, schwimmt in Bargeld. 4 Millionen Euro Cash finden Ermittler in der Villa der Assisis.

Guardia di Finanza

Dennoch beklagte sich Assisi Ehefrau – sie war laut den Ermittlern die Kassiererin des Drogenrings – einmal bei ihrem Sohn darüber, dass ihr Haus in Turin keinen Platz mehr hatte, um noch mehr Geld zu bunkern. Als Polizisten später die Villa stürmten, entdeckten sie rund 4 Millionen Euro.

Das Geschäft der Assisis floriert. In immer größeren Mengen verschiffen sie Kokain von Lateinamerika nach Europa. Viel spricht dafür, dass sie es vom Primer Comando Capital (PCC) kaufen, dem wichtigsten Drogenkartell Brasiliens, und von den kolumbianischen Kartellen in Peru. Und immer häufiger taucht auch Paraguay in den Ermittlungsakten auf, ein wichtiges Transitland für das Kokain auf dem Weg nach Europa.

„Ich bin gerade in Paraguay, für die Telefone, für die Arbeit“, schreibt Nicola Assisi in einem Chat, den die Polizei abfängt. „Ich bereite neue Sachen vor.“

Die Assisis tun alles, um ihre Kommunikation geheim zu halten. Die Drogenverkäufer schicken den Assisis ein Holzstück, hinein geschnitzt die Nummer des Containers und der Code, mit dem man ihn öffnen kann. Die Assisis leiten diese Informationen über verschlüsselte Mobiltelefone dann weiter an ihre Kontakte in Kalabrien.

Im Frühjahr 2014 gelingt es der italienischen Polizei, erneut in das Kommunikationssystem der Drogenhändler einzudringen. Sie können das Telefons eines engen Vertrauten der Assisis in Italien anzapfen und so deren Handys identifizieren.

Assisi wird verhaftet

Nun gelingt den Beamten Schlag auf Schlag gegen den Drogenring: Binnen vier Monaten beschlagnahmten sie eine halbe Tonne Kokain. Und am 27. August 2014 wird Nicola Assisi am Flughafen von Lissabon verhaftet, als er, aus Brasilien kommend, den Pass eines gewissen Javier Varela aus Argentinien mit sich führend, versucht, heimlich nach Europa einzureisen.

Gut möglich, dass Assisi das Risiko der Reise auf sich genommen hatte, um neue Wege auszuloten, das Kokain nach Europa zu verschiffen. Laut den Ermittlungsakten wollte die Gruppe einen Langstrecken-Privatjet vom Typ Falcon 50 chartern, um das Kokain zur Landebahn einer privaten Flugschule in Deutschland zu transportieren. Von dort sollten die Drogen per Lastwagen weiter nach Italien gebracht werden. Man weiß nicht, ob der Plan umgesetzt wurde.

Während die Drogenhändler über alle Grenzen hinweg arbeiten, ist die Zusammenarbeit der europäischen Justiz lückenhaft – um es freundlich zu sagen. Ein portugiesisches Gericht stellt Nicola Assisi unter Hausarrest, nachdem man ihn am Flughafen von Lissabon verhaftet hat. Und während die italienischen Behörden unter Hochdruck daran arbeiten, Nicola Assisis Auslieferungsantrag durchzubringen, überzeugt der ein portugiesisches Gericht, ihn von seiner elektronischen Fußfessel zu befreien.

Und verschwindet erneut.

Die letzte Spur

Auch die Falle, die von der italienischen Polizei am Hafen von Gioia Tauro gelegt wurde, schnappt nicht zu. Im Gegenteil: Den Assisis ist nun klar, dass sie ihre Kommunikation zuverlässiger verschlüsseln müssen. Sohn Patrick kauft neue Smartphones, mit einem Android-Betriebssystem, dessen verschlüsselter Chat von italienischen Ermittlern bis heute nicht geknackt wurde.

Rosario Grasso, der Mann, der die Drogen aus dem Container holen sollte, sitzt derweil im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. „Il Porco“, der korrupte Hafenbeamte, konnte bis heute nicht identifiziert werden. Nicola Assisi und seine Söhne sind weiter aktiv in Brasilien, wohin sich offenbar auch Assisis Ehefrau geflüchtet hat.

Es ist nicht bekannt, wie Nicola Assisi heute aussieht. Passbilder, die er zuletzt verwendet hat, zeigen ein freundliches, plumpes Gesicht.

Sohn Patrick Assisi steht derweil ebenfalls auf den Fahndungslisten der italienischen Polizei. 2015 registriert er über eine Anwaltskanzlei in Ferraz de Vasconcelos, einem Slum in Sao Paulo, ein Handelsunternehmen namens Poli Pat 9. Die Gegend wird vom PCC-Kartell bevorzugt genutzt, um dort  Drogengeld zu waschen.

Seitdem hat niemand mehr etwas gehört von den Assisis.

This investigation is a cooperation between CORRECTIV and IRPI.eu with the support of the Flanders Connect Continents Grant. Additional reporting by Giuseppe Legato in Turin, Juan Carlos Lezcano of ABC in Asunción, Micael Pereira of Expresso in Lisbon, Aramis Castro of Convoca in Lima and Alana Rizzo in São Paulo.
Übersetzung: Ariel Hauptmeier
Editor: Frederik Richter

Der Flüchtlingsfrachter Blue Sky M

Der Flüchtlingsfrachter Blue Sky M© Nunzio Giove/AFP

Flucht & Migration

Die schwarze Flotte

Auf See ist der Mensch nur eine Ware unter vielen. Die Schmuggler des Mittelmeers füllen ihre Frachter mit Drogen, Waffen – und Flüchtlingen. Wir haben uns auf die Suche gemacht nach ihren Schiffen und ihren Briefkastenfirmen. Die Spuren führen über Syrien und die Türkei bis nach Piräus und Hamburg.