Bildung

Schülervertretung zu Protesten in Frankreich: „In Deutschland wird die Wut der Jungen unterschätzt”

Schüler protestieren in Frankreich für bessere Bildung. Bild: Picture Alliance

von Alexandra Ringendahl

In Frankreich protestieren Schüler und Studenten für bessere Bildungsbedingungen.
In Frankreich demonstrieren Schüler für bessere Bedingungen an den Schulen. Bild: Picture Alliance

In Deutschland hat es den ersten Schülerprotest nach dem Vorbild Frankreichs gegeben. Mit Müllcontainern, Warnbaken und E-Scootern haben die Schüler des französischen Gymnasiums in Berlin-Mitte am Montag den Eingang ihrer Schule blockiert. Anschließend zogen die Schülerinnen und Schüler eines der traditionsreichsten Schulen der Stadt mit Plakaten zum Pariser Platz am Brandenburger Tor zu einer Abschlusskundgebung. So wollten sie ihre Solidarität mit den Schülerinnen und Schülern in Frankreich ausdrücken, die gerade zu Hunderttausenden für bessere Schulen auf die Straßen gehen. 

„Das, was die Schülerinnen und Schüler in Frankreich aufgreifen, das sind auch unsere Themen“, sagt Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz in Deutschland, gegenüber CORRECTIV. Auch wenn die Lage in Frankreich deutlich gravierender ist: Von Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall über marode Schulen bis zu der massiven Beeinträchtigung der mentalen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern gebe es viele Gemeinsamkeiten. Auch die Bundesschülervertretung bekundet ihre Solidarität mit den Demonstrierenden in Frankreich und distanzierte sich gleichzeitig von der Gewalt. 

GEW solidarisiert sich mit den Protesten

Darüber hinaus treibt das Gremium, das die Interessen aller Schüler auf Bundesebene vertritt, längst eine andere Frage um: Ob sich das Momentum und die Dynamik des Protests nicht auch in Deutschland nutzen ließe, um Bildung und die Lage der Jugendlichen endlich sichtbar auf die Straße zu bringen. Gerade berate die Bundesschülerkonferenz, wie sie als „überparteiliches Gremium treibende Kraft eines Bildungsprotestes der jungen Generation in Deutschland werden kann“.

In Frankreich ist der Protest innerhalb weniger Wochen zu einer landesweiten Bewegung geworden, an der sich inzwischen auch Studierende, Lehrkräfte und Gewerkschaften beteiligen. Auch die deutsche Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) solidarisiert sich mit der französischen Partnergewerkschaft. Von der Gewalt distanziere man sich klar, betont GEW-Chefin Maike Finnern. Aber die Inhalte, die die Streikenden vertreten, seien „extrem wichtig, auch für Deutschland“. Den „wirklich großen Bedarf“ eines solchen Protestes und Drucks auf der Straße sieht Finnern auch für Deutschland. 

Bildungsstudien sorgen eher für „Ermüdung als für Aufbruch“

Zumal man bei der GEW konstatiert, dass in Deutschland gerade genau Gegenteiliges passiert, obwohl im Wochenrhythmus Bildungsstudien wie die Pisa und die OECD-Studie sowie der deutsche Bildungsmonitor veröffentlicht wurden. Die Masse an Studien mit immer denselben noch schlechteren Ergebnissen sorge hierzulande aber „eher für Ermüdung als für Aufbruch“, sagt Finnern. Öffentlichkeit und Politik stumpften eher ab. 

So kamen beim bundesweit in vielen Städten angesetzten Protest der „Bildungswende jetzt“ – einem breiten gesellschaftlichen Bündnis von fast 200 Organisationen und Verbände – im September so wenige, dass weder auf der Homepage des Bündnisses noch in irgendwelchen Medien überhaupt eine Zahl genannt wurde. Und das, obwohl der Protest zehn Tage nach der verheerenden Pisa-Studie terminiert war.

In Deutschland gelinge es eben bislang nicht, genug Druck auf die Politik auszuüben, wirklich was zu ändern, kritisiert die Bundesschülerkonferenz. „Schülerinnen und Schüler sind keine Wähler“, benennt Kirchhoff als Hauptgrund. Auch Eltern machten einen viel zu kleinen Teil der Wählerschaft aus. Da könne Kanzler Friedrich Merz bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises vor einer Woche zu Tränen gerührt sein und betonen, wie wichtig das Thema Bildung sei, sagt sie. „Das mindert nicht das Gefühl, dass wir da gerade allein gelassen werden.“ Und dass die Kürzungen etwa bei der Jugendhilfe oder beim Schüler-Bafög eine andere Sprache sprächen. 

Bundesschülerkonferenz warnt vor Frust der jungen Generation

Dabei geht es in Frankreich nicht nur um Unterrichtsausfall, marode Gebäude und ungleiche Bildungschancen. Es entlädt sich in den Protesten ein Frust der Jugendlichen, die sich in ihren Sorgen von der Politik nicht ernst genommen fühlen. Die Proteste seien gewissermaßen das  „Symbol einer verzweifelten Jugend“, analysierte die Soziologin Agnès van Zanten gegenüber dem ZDF.

Auch wenn die Zustände in Frankreich – gerade in den Vororten – mit Deutschland nicht vergleichbar sind: Die Bundesschülerkonferenz warnt davor, auch hierzulande die Wut der Jungen zu unterschätzen: „Da sammelt sich gerade in unserer Generation ein ungeheurer Frust“, warnt Kirchhoff. Zu Ängsten und Unsicherheit komme das Grundgefühl, „dass wir mit unseren Anliegen nicht gesehen und gehört werden“. Obwohl es doch diese Generation sei, die von Klimawandel bis Rente, Verteidigung, Pflege und Folgen von KI alle Probleme lösen müsse. 

Aufgenommen wird das Gefühl des Frustes auch von den „Schulstreiks gegen Wehrpflicht“, die zuletzt stetig steigenden Zulauf hatten. Ende September gingen bereits bundesweit 45.000 Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um gegen die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht zu demonstrieren. Bei der GEW schaut man laut Finnern mit Interesse auf die wachsenden Proteste, die sich mit den Streiks an Fridays for Future anlehnen. „Vielleicht ist das ein Weg der Mobilisierung, wenn die Bewegung auch das Thema Bildung integriert“, so ihre Hoffnung.

Schulstreik gegen Wehrpflicht als Ventil?

Für die Bundesschülerkonferenz ist das keine Option: Sie werde sich den Schulstreiks gegen Wehrpflicht nicht anschließen, betont Kirchhoff auf Anfrage. Zum einen, weil es eben um die Wehrpflicht gehe und nicht explizit um Bildung. Zum anderen aber sieht die Bundesschülerkonferenz dort die Überparteilichkeit nicht gewährleistet. Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ gibt vor, eine spontane Schülerbewegung zu sein. Eine Analyse des Hessischen Rundfunks zeigt jedoch, dass die Deutsche Kommunistische Partei und ihre Jugendorganisation SDAJ maßgeblich auf das bundesweite Netzwerk einwirken. Demnach sehen auch die hessischen Verfassungsschützer eine zentrale Rolle der Kommunisten bei der Mobilisierung für die Schülerstreiks.

In Frankreich, wo die Gewalt sowohl auf Seiten der Polizei als auch der Protestierenden eskaliert, kämpfen die Schülerinnen und Schüler längst auch damit, dass ihr Protest politisch vereinnahmt wird. Die Regierung wirft der linksradikalen Partei La France Insoumise (LFI) die Proteste zu instrumentalisieren. Was diese als Verschwörungstheorie zur Unterdrückung der Bewegung zurückweist. Soziologin van Zanten sieht eine Unterwanderung von sogenannten Black Blocks, also Gruppen, die mit der Absicht kommen, zu zerstören.

Auch in Berlin ringen die Schülerinnen und Schüler damit, dass ihre Solidaritätsaktion am Montag teilweise von Radikalen instrumentalisiert wurde. Schon kursieren im Netz Videos, in denen der friedliche Protest vor dem Brandenburger Tor so dargestellt wird, als habe es dort große Tumulte gegeben. 

Redigat und Faktencheck: Lena Köpsell