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© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Der Doktor und sein Sponsor

Die Pharmaindustrie rühmt sich dafür, dass sie ihre Zahlungen an Ärzte und Spitäler veröffentlicht. Aber: Bei fast der Hälfte dieser Gelder bleibt intransparent, wer sie bekommt.

von Sylke Gruhnwald , , Oleg Lavrovsky , Stefan Wehrmeyer

Dieser Text erscheint auch beim Schweizer Beobachter und begleitet die Aktualisierung unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank für die Schweiz.


Rund 155 Millionen Franken zahlten Pharmafirmen in der Schweiz im vergangenen Jahr an Ärzte, Spitäler und Gesundheitsorganisationen. Das sind gut 16 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Solche Pharmazuwendungen an Ärzte sind problematisch. Sie beeinflussen den Entscheid, welche Medikamente verschrieben werden. Das haben verschiedene Studien klar nachgewiesen. 

Die 59 in der Schweiz tätigen Pharmafirmen haben den sogenannten Pharma­Kooperations­Kodex unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich, alle Geldzahlungen an medizinisches Personal und Einrichtungen offenzulegen. Mit diesem Kodex kamen sie einer gesetzlichen Regelung zuvor. Jetzt wurden die Zahlen zum zweiten Mal publiziert. 

Doch wer wissen möchte, ob sein Arzt oder sein Spital Zahlungen von der Pharma entgegengenommen hat, muss fast 60 Websites aufrufen und sich durch jede einzelne durchackern. Denn jede Firma publiziert die Zahlen für sich. Aus diesem Grund hat der Beobachter in Zusammenarbeit mit der Stiftung für Konsumentenschutz und dem deutschen Recherchezentrum CORRECTIV alle Zahlen, Namen und Bezeichnungen zusammengetragen. In der Datenbank kann man die Schweizer Zahlen ab sofort nachschlagen. 

Ärzte kassieren Millionen

9,4 Millionen Franken flossen 2016 direkt an insgesamt fast 5.000 Ärzte in der Schweiz. Novartis, Pfizer, Roche & Co. zahlten etwa Gebühren für Fachtagungen oder übernahmen Reise­- und Übernachtungskosten sowie andere Spesen. Geld gab es auch, wenn Ärzte als Referenten auftraten oder Pharmafirmen beraten haben – zum Beispiel in einem sogenannten Advisory Board, einem Beirat. 

Wie viele Ärzte an der Transparenzoffensive mitmachen und die Pharmagelder veröffentlichen lassen, ist allerdings unklar. Die Industrie regelt das so kompliziert, dass es nicht rekonstruiert werden kann. Bekannt ist nur, dass zusätzlich 4,6 Millionen Franken an geschätzt 3.500 namentlich nicht genannte Ärzte fließen. Sie weigerten sich, mit ihren Namen zu den Geldern zu stehen. 

Rund ein Viertel der Ärzte wollten ihren Namen geheimhalten, sagt der Branchenverband Scienceindustries. Die Auswertungen des Beobachters und des Konsumentenschutzes legen aber den Schluss nahe, dass dieser Anteil höher ist. Demnach dürfte fast jeder dritte Arzt nicht mit seinem Namen dazu stehen, dass er von der Pharmaindustrie Geld nimmt. 

Jürg Granwehr, Leiter Pharma bei Scienceindustries, zieht trotzdem ein positives Fazit: „Was den Anteil der Zuwendungsempfänger betrifft, die ihren Namen veröffentlichen, stellen wir eine positive Entwicklung fest. Trotzdem sind wir noch nicht flächendeckend am Ziel. Nach wie vor müssen wir Überzeugungsarbeit leisten.“ 

Sponsorengelder für Institutionen

Der grösste Teil der Gelder – 92 Millionen Franken – ging aber an Spitäler sowie an Organisationen wie Ärztenetzwerke, Weiterbildungsveranstalter oder Patientenorganisationen. In den meisten Fällen handelt es sich um sogenannte Sponsorengelder. Wofür sie genau eingesetzt wurden und wer im Einzelnen davon profitiert hat, ist nicht klar. Immerhin sind bei 4.148 Zahlungen die Institutionen namentlich aufgeführt. In mehr als 900 Fällen aber haben Organisationen verhindert, dass ihr Name publik wird. 

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Das führt teils zu skurrilen Situationen. So legt Pfizer Sponsorenbeiträge an Spitäler und Institutionen im Umfang von mehr als drei Millionen Franken nur anonymisiert offen. Und der Schweizer Ableger der Pharmafirma Servier zahlte einer nicht bekannten Institution 123.394 Franken Reisekosten und Übernachtungsspesen. Ob für eine oder mehrere Personen, ist unbekannt. 

Mit Transparenz hat das wenig zu tun. Das findet auch Walter Reinhart, ehemaliger Chefarzt des Kantonsspitals Graubünden. „Wenn die Reisespesen das Zehnfache des Vortragshonorars betragen, wirft das Fragen auf“, sagt der Vorsitzende der Kommission Zusammenarbeit Ärzteschaft – Industrie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Er engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Transparenz. Trotzdem will Reinhart der Selbstregelung der Pharmaindustrie die Chance zugestehen, sich zu verbessern. Er erwarte grundsätzlich vollständige Transparenz, sagt er. Aber: „Wenn sich der Anteil der offengelegten Zahlungen nicht verbessert, wird die Transparenz­initiative zur Alibiübung.“ 

Leidiges „Forschungsgeheimnis“

Die Pharmaindustrie macht nur halbherzig mit. Nur bei rund 85 der 155 Pharmamillionen legt sie die Empfänger offen. Denn in den Listen der Industrie gibt es neben den anonym ausgewiesenen Geldern für Ärzte und Gesundheitseinrichtungen eine weitere Rubrik: „Forschung und Ent­wicklung“. Darunter fallen 48,7 Millionen Franken, die an nicht namentlich bekannte Spitäler, Organisationen und Institutionen geflossen sind. 

Bei der Pharmabranche heisst es dazu, man könne das wegen des Forschungsgeheimnisses nicht einzeln offenlegen. Unter „Forschung und Entwicklung“ fallen aber nicht nur klinische Studien, sondern auch die für Marketingzwecke gern benutzten ärztlichen „Erfahrungsberichte“ oder „Anwendungsbeobachtungen“ – sprich: unwissenschaftliche Erhebungen. 

Dabei erkundigen sich die Ärzte bei ihren Patienten im Zuge einer Therapie nach Wohlbefinden und Nebenwirkungen. Was die Patienten nicht wissen: Den Fragebogen liefert die Pharmafirma, der Arzt wird entschädigt. Wie viel Geld in wissenschaftliche Studien und wie viel in Marketingerhebungen fließt, verschweigen die Pharmafirmen. 

Auch wenn Zuwendungen an Institute und Organisationen gehen, bleiben Fragen offen. Die Europäische Lungenliga (ERS, in Lausanne) etwa erhält 2,3 Millionen Franken, die Europäische Krebs­Gesellschaft (ESMO, in Lugano) gar 10,3 Millionen. Welche Ärzte profitieren letztlich davon? Werden mit diesen Geldern Kongresse und Tagungen für Ärzte vergünstigt? Oder Beratungs-­ und Referentenhonorare an Mediziner verschleiert? 

Furcht vor dem Transparenzgesetz 

Jürg Granwehr vom Branchenverband Scienceindustries sagt dazu lediglich: „Wir sehen gewisse Herausforderungen.“ Man wolle mit „adäquatem Aufwand möglichst große und verlässliche Transparenz“ schaffen. Der Branchenverband prüfe, die eigene Regelung zu  „optimieren“.

Einige Pharmafirmen beginnen umzudenken. Sie geben nur noch Gelder, wenn Ärzte und Spitäler namentlich dazu stehen. Das tun sie nicht ganz freiwillig. Im Hintergrund droht eine gesetzliche Regelung, falls mit der Selbstregulierung keine wirksame Transparenz durchsetzbar ist. Wie etwa in den USA, wo alle Pharmazuwendungen in einer zentralen Datenbank veröffentlicht werden. Einer solchen Regelung möchten Pharmafirmen in der Schweiz zuvorkommen. 

Die Stiftung für Konsumentenschutz hat eine klare Forderung. „Die Pharmafirmen müssen alle Empfänger aufführen, auch wenn diese nicht einverstanden sind“, verlangt Ivo Meli, Leiter Gesundheit. „Leider hat die Selbstregulierung zu viele Schlupflöcher.“ Deshalb müsse der Bund nun eine verbindliche Regulierung ein­führen. Intransparente Geldflüsse im Gesundheitswesen seien besonders heikel, weil nicht nur die Gesundheit von Patienten betroffen sein könne, sondern auch die Sozialkosten der Allgemeinheit.

Weitere Mitarbeit: Anina Frischknecht, Elio Bucher, Romain Ghibellini (Stiftung für Konsumentenschutz) und Datalets.ch.

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Euros für Ärzte

Nur jeder vierte Arzt legt Zahlungen offen, die er von Pharmafirmen erhält

Im Jahr 2016 haben die Pharmakonzerne 562 Millionen Euro an Mediziner und Kliniken in Deutschland gezahlt. Als die Firmen anschließend gefragt haben, ob sie diese Zuwendungen veröffentlichen dürfen, hat nur jeder vierte Arzt zugestimmt. Im Jahr zuvor waren noch 31 Prozent mit einer Veröffentlichung einverstanden. In unserer Datenbank könnt ihr ab jetzt suchen, ob euer Arzt transparent ist oder zu den Heimlichtuern gehört – oder ob er Zahlungen der Industrie grundsätzlich ablehnt.

von Stefan Wehrmeyer , Irene Berres , Christina Elmer , Patrick Stotz , Heike Le Ker , Markus Grill

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Wenn ein Arzt einem kranken Menschen helfen möchte, verschreibt er häufig Medikamente. Der Patient erwartet, dass sein Arzt nötige Präparate nach bestem Wissen und Gewissen auswählt. Doch Mediziner können in einen Interessenkonflikt geraten, wenn sie zugleich finanzielle Verbindungen zu Herstellern bestimmter Medikamente haben.

2016 finanzierten die Pharmaunternehmen Tausenden Ärzten Besuche auf Kongresse, bezahlten sie für ihre Vorträge bei Tagungen, erstatteten ihnen Hotelrechnungen und zahlten Honorare für Studien. Bei der freiwilligen Initiative FSA legen 54 Pharmafirmen, die nach eigenen Angaben 75 Prozent des Gesamtmarktes abdecken, ihre Zahlungen offen.

Sie allein haben 2016 insgesamt rund 66.000 Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufler sowie rund 6020 Institutionen wie Kliniken und Praxen finanziell unterstützt. Die Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 562 Millionen Euro.

  • 356 Millionen Euro erhielten die Empfänger für sogenannte Anwendungsbeobachtungen (AWB) und klinische Studien.
  • 105 Millionen Euro bekamen einzelne Ärzte, Apotheker und Heilberufler für Vorträge, Fortbildungen und Beratung.
  • 101 Millionen Euro empfingen Krankenhäuser und andere Einrichtungen für Sponsoring, Beratung und Veranstaltungen.

Nicht jede Verbindung zwischen der Industrie, Kliniken und Ärzten ist zu verteufeln. So ist es zum Beispiel wichtig, dass praktizierende Ärzte Unternehmen bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten. Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn.

Diese verschiedenen Interessen können die unabhängige Urteilskraft von Ärzten beeinflussen, müssen es aber natürlich nicht. Studien haben allerdings gezeigt, dass Mediziner mit vielen Verbindungen zur Pharmaindustrie Gefahr laufen, Nebenwirkungen eher herunterzuspielen oder eher teure Medikamente verschreiben.

Die US-Regierung reagierte bereits 2010 auf die Problematik und schuf ein Gesetz, das die Offenlegung aller Pharma-Zahlungen an Mediziner vorschreibt. Um eine solche Regelung in Deutschland zu verhindern, starteten die Lobbyorganisationen VfA und FSA 2015 den Transparenzkodex. Dieser sieht vor, dass die 54 Mitgliedsunternehmen neben Gesamtsummen jeweils eine Liste mit den Namen einzelner Ärzte und den an sie gezahlten Leistungen veröffentlichen.

Das Problem: Die Firmen nennen die Namen nur, wenn Zahlungsempfänger der Veröffentlichung zugestimmt haben. Im vergangenen Jahr waren dazu 31 Prozent der Empfänger bereit, in diesem Jahr lag die Quote nur noch bei 25 Prozent — also nur bei jeder vierten Person, die Pharmaleistungen empfangen hat. Anders gesagt: Drei Viertel aller Betroffenen wollen die Zahlungen geheim halten. Trotz des geringen Anteils liefern die Dokumente die Namen von mehr als 16.500 Personen, die zusammen Leistungen im Wert von knapp 24 Millionen Euro erhalten haben.

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Offengelegte Zahlungen an HCPs 2016

Um auf Basis dieser Daten eine größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat CORRECTIV gemeinsam mit dem Datenteam von „Spiegel Online“ die Informationen aus den Dokumenten zusammengefasst und die Datenbank „Euros für Ärzte“ 2016 erstellt. Darin lassen sich die Summen für jene Ärzte und Fachkreisangehörige suchen, die einer Namensnennung zugestimmt haben. Auch die Institutionen, Organisationen und Kliniken sind auffindbar samt erhaltener Summe. Außerdem gibt es so genannte „Null-Euro-Ärzte”, die Pharmazahlungen laut eigenen Angaben ablehnen

Die meisten der aufgeführten Ärzte und sogenannten Fachkreisangehörigen bekamen weniger als 1000 Euro, wie die folgende Auflistung verdeutlicht:

  • Anteil der Personen, die unter 100 Euro erhalten haben: 9,1 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 500 Euro erhalten haben: 47,4 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 1000 Euro erhalten haben: 70,4 Prozent 

Daneben gab es jedoch auch Einzelpersonen mit enorm hohen Beträgen. Rund 1,3 Prozent der Ärzte kam auf mehr als 10.000 Euro. Dem Spitzenreiter der Liste ließen Pharmafirmen sogar eine Summe von knapp 200.000 Euro zukommen. Er ist allerdings der einzige Arzt in der Datenbank, bei dem die Summe die 100.000-Euro-Marke überstieg. Gezahlt wurden die Gelder vor allem für Beratungs- und Dienstleistungshonorare sowie Reise- und Übernachtungskosten im Zusammenhang mit Fortbildungen.

Diese Pharmafirmen zahlten 2016 die größten Geldsummen an Mediziner, Fachkreisangehörige und Institutionen: 

  1. Novartis Pharma: 23,6 Millionen Euro
  2. Bayer: 17 Millionen Euro 
  3. MSD: 12,1 Millionen Euro
  4. Berlin-Chemie: 11,7 Millionen Euro 
  5. Bristol-Myers-Squibb: 11,2 Millionen Euro

Die im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgeschlüsselten Daten bedeuten eine Zäsur. Noch nie erhielt die Öffentlichkeit einen so detaillierten Einblick in die finanziellen Verbindungen von Medizinern, Kliniken und der Industrie. Dennoch krankt das aktuelle System neben dem Prinzip der Zustimmung für eine Offenlegung noch an einem weiteren Punkt: Es klammert einen Großteil der Zahlungen aus.

Firmen mit den schlechtesten Veröffentlichungsquoten bei Fachkreisangehörigen

Veröffentlichungsquoten Pharmafirmen 2016

Umstrittene Anwendungsbeobachtungen

Die detailliert aufgeschlüsselten Angaben umfassen aktuell nur Leistungen im Zusammenhang mit Beratung, Fortbildung oder etwa Sachspenden. Welche Personen und Institutionen wie viel Geld im Zusammenhang mit Forschungsprojekten bekommen haben, halten die Unternehmen weiterhin geheim. Damit verschweigen sie Details über eine Summe von 356 Millionen Euro — mehr als 60 Prozent der Gesamtzahlungen.

Kritiker sehen darin Kalkül, da die Unternehmen so Ausgaben für eine umstrittene Praxis verschweigen können. Neben wichtigen klinischen Studien, bei denen potenzielle neue Medikamente vor ihrer Zulassung erprobt werden, enthält die Summe von 356 Millionen auch Zahlungen für sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei erhalten Mediziner Geld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnet haben und anschließend einen Fragebogen etwa zur Verträglichkeit ausfüllen.

Die wissenschaftliche Qualität der Anwendungsbeobachtungen sei äußerst schlecht, wird oft kritisiert. Statt dem Wohl der Patienten dienen sie demnach vor allem dazu, die Ärzte für die Verordnung des neuen Mittels zu bezahlen und die Behandelten langfristig an das Präparat zu binden. Die Unternehmen hingegen rechtfertigen die Untersuchungen als wichtige Praxisprobe — und wollen deshalb auch bei der Veröffentlichung der Zahlen keine Unterscheidung zwischen diesen und gesetzlich vorgeschriebenen klinischen Studien machen.

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Irene Berres, Christina Elmer, Heike Le Ker und Patrick Stotz sind Redakteure von „SpiegelOnline”.

Pharmaverband VfA stellt die Zahlungen an Ärzte im Jahr 2016 vor; von links: Holger Diener (FSA), Birgit Fischer und Jochen Stemmler (beide VfA).© Markus Grill

Euros für Ärzte

Pharmakonzerne haben 562 Millionen Euro an Ärzte gezahlt

Bis Ende dieses Monats wollen die Arzneimittelhersteller wieder die Namen von Ärzten veröffentlichen, die im vergangenen Jahr Geld bekommen haben. Doch immer mehr Ärzte lehnen das Transparenzprojekt ab: Waren im vergangenen Jahr noch 31 Prozent der Geldempfänger bereit, dass ihr Name im Internet veröffentlicht wird, sind es in diesem Jahr nur noch 25 Prozent. Die Pharmaindustrie bezeichnet diesen Rückgang als „erwartbar“. In den USA ist die Veröffentlichung der Zahlungen seit 2013 für alle Ärzte verpflichtend.

von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Die 54 größten Pharmaunternehmen haben im Jahr 2016 insgesamt 562 Millionen Euro an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige in Deutschland bezahlt. Das teilte der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), die Lobbyorganisation der Pharmaindustrie, heute in Berlin mit.

Das meiste Geld (356 Millionen Euro) floss dabei als Honorar für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen (AWBs). 105 Millionen Euro bekamen Ärzte als Vortragshonorar und für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen. Mit weiteren 101 Millionen Euro sponserte die Industrie Veranstaltungen und Institutionen.

Eine Unterscheidung zwischen Zulassungsstudien und AWBs lehnt die Industrie ab, obwohl AWBs unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf haben, weil sie häufig dazu dienen, Ärzte mit finanziellen Anreizen dazu zu bringen, ihren Patienten ein ganz bestimmtes Präparat zu verordnen. Die Unternehmen wollen aber weder verraten, wie hoch der Anteil der AWBs unter den Studienhonoraren sind, noch welche Ärzte genau an AWBs teilnehmen.  

FSA und vfa Transparenzkodex: Zahlungen in den Bereichen im Vergleich

Die Gesamtausgaben der Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige liegen insgesamt rund zwei Prozent unter den Werten des Jahres 2015. Damals hatte die Industrie noch 575 Millionen Euro an insgesamt 70.000 Ärzte in Deutschland gezahlt. Nach Angaben des VfA waren im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte bereit, dass die Zahlungen an sie mit der konkreten Summe und der Namensnennung des Arztes auf der Website des Pharmaunternehmens veröffentlicht werden darf. In diesem Jahr erteilten nur noch 25 Prozent ihr Einverständnis, die Daten zu veröffentlichen.

FSA und vfa Transparenzkodex: Zustimmungsquote

Dass die Zahl der Ärzte dieses Jahr deutlich niedriger sei als im letzten Jahr, liegt nach Ansicht der Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands, Birgit Fischer, an den Medien. „Es ist schlecht, dass Ärzte, die den Weg der Transparenz gehen, an den Pranger gestellt werden. Im Vorjahr ist das zu unserem Bedauern geschehen“, sagte die VfA-Chefin, ohne die Vorwürfe zu konkretisieren. „Hier liegt ein Grund, dass die Zustimmungsquote der Ärztinnen und Ärzte zur namentlichen Veröffentlichung von rund einem Drittel im Vorjahr auf rund ein Viertel in diesem Jahr gesunken ist.“

Als im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte ihre Zustimmung erteilt hatten, erklärte Frau Fischer noch, dass die Zahl in den nächsten Jahren steigen werde. „Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Ärzte der Transparenz zustimmen werden“, sagte Fischer im Juni 2016 und ergänzte: „Heute ist, glaube ich, ein Wert von einem Drittel ein ganz guter Beginn. Die Zustimmungsrate wird sich in Zukunft noch verändern.“

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Holger Diener von der pharmaeigenen „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ (FSA) erklärte heute nun, dass ein Rückgang der Transparenz „natürlich zu erwarten“ gewesen sei, dennoch liege die Zustimmungsrate „immer noch im erwartbaren Rahmen“.

In den USA hatte die Regierung unter Barack Obama im Jahr 2010 ein Gesetz beschlossen, dass die Veröffentlichung der Pharmazahlungen an Ärzte verpflichtend festschreibt. Seit 2013 müssen die Firmen diese Zahlungen veröffentlichen und Patienten können zum Beispiel nachschauen, wie viel Geld ihr Arzt im vergangenen Jahr von welchem Unternehmen bekommen hat

In Europa versucht die Pharmaindustrie seit mehreren Jahren ein solches Gesetz zu verhindern, indem sie auf eine freiwillige Transparenz pocht – was angesichts einer Zustimmungsquote von mittlerweile nur 25 Prozent aber immer fraglicher erscheint. Intern hört man aus der Branche immer wieder, dass man mit einem entsprechenden Gesetz wie in den USA auch in Deutschland gut leben könne. Weil damit klare und gleiche Bedingungen für alle gelten würden. Und nicht nur für jene Firmen, die sich im Pharmaverband VfA zusammen geschlossen haben. Denn die kleinen und mittleren Unternehmen, die im Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) zusammen geschlossen sind, veröffentlichen bisher ebenso wenig ihre Zahlungen an Ärzte wie die großen Generikafirmen oder auch die Homöopathie-Unternehmen. Das Gesundheitsministerium unter Hermann Gröhe (CDU) zeigt bisher aber kein Interesse an einem Transparenzgesetz für Ärzte in Deutschland. 

Ähnlich wie in den USA haben CORRECTIV und „Spiegel-Online“ mit den freiwillig veröffentlichten Daten der großen Pharmaunternehmen eine Datenbank gebaut, in der jeder Nutzer gezielt nach seinem Arzt suchen kann

In den kommenden Tagen – bis zum 30. Juni 2017 – wollen die VfA-Firmen nun die einzelnen Namen jener 25 Prozent der Ärzte veröffentlichen, die der Transparenz zugestimmt haben.

Weiterlesen: „Die Schein-Forscher“ – Warum Anwendungsbeobachtungen an Patienten so oft unseriös sind

Homöopathie-Anhänger schwören auf kleine Zuckerkügelchen, in denen häufig kein Wirkstoff nachweisbar ist© Ivo Mayr / Correctiv

Euros für Ärzte

„Es ist nicht gut, Kinder mit Hilfe von Globuli an Pillen zu gewöhnen“

Vom 14. bis 17. Juni findet in Leipzig der Homöopathische Weltkongress statt. Der Leiter des Medizin-Prüfinstituts IQWiG, Jürgen Windeler, ärgert sich, dass viele Krankenkassen inzwischen alternativmedizinische Verfahren bezahlen. Sie glauben zwar selbst nicht an den Nutzen, wollen damit aber bestimmte, medizinkritische Kunden anlocken. Diese Doppelbödigkeit sei unglaubwürdig, sagt Windeler: „Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen – und gleichzeitig erstatten die Kassen Homöopathie.“

weiterlesen 5 Minuten

von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

CORRECTIV: Was stört sie an der so genannten Alternativmedizin, Herr Windeler?

Windeler: Ich habe mich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Mein Anliegen ist, dass die Forderung nach Evidenz in der Medizin überall in gleicher Weise gelten muss. Bereiche, die sich der Überprüfung entziehen oder Ergebnisse der Überprüfung ignorieren, sind heute nicht mehr akzeptabel – nirgendwo in der Medizin.  Und Begriffe wie alternativ, komplementär oder integrativ markieren eine angebliche Sonderstellung, die nicht zu rechtfertigen ist und die ich nicht akzeptiere.

Portrait von Prof_Dr_med_Juergen Windeler

Jürgen Windeler leitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

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Krankenkassen bewerben ja gerne derartige Leistungen.

Windeler: Das ist richtig. Doch Krankenkassen glauben ja selber nicht an den Nutzen dieser Verfahren, sondern machen das in einem missverstandenen Wettbewerb oder zur „Kunden“-Bindung. Aber diese Form von Wertschätzung von Therapien, über die man entweder wenig weiß oder von denen man inzwischen sehr wohl weiß, dass sie keinen Nutzen haben, ist schädlich, und daher stört sie mich generell – sowohl bei Krankenkassen als auch bei Ärzten, Apothekern oder Politikern.

Welcher Schaden entsteht durch die Übernahme derartiger Therapien Ihrer Meinung nach?

Windeler: Da muss man natürlich unterscheiden: Es gibt zweifellos Therapien, die direkt schaden können. Bei Homöopathika oder Bachblüten muss man sich in Bezug hierauf normalerweise keine Gedanken machen. Doch bekannt und belegt ist wie beim aktuellen Todesfall in Italien, dass teils andere, wichtige Behandlungen unterlassen werden. Wenn ich anfange, Hirnhautentzündung oder Ebola mit Homöopathika zu behandeln oder Herzinfarkt mir „Rescue“-Tropfen, dann wird es lebensgefährlich. Auch werden viele Kinder mit Homöopathie behandelt, zum Beispiel, wenn sie sich nur gestoßen haben. Selbst wenn das vielleicht nicht direkt schadet, ist es nicht gut, Kinder in dieser Weise an Pillen zu gewöhnen. Es bringt zum Ausdruck, dass Probleme primär mit Pillen gelöst werden können – diesen Eindruck sollte man nicht vermitteln.

In der Bevölkerung gibt es ja eine recht große Nachfrage nach Homöopathie und Co.

Windeler: Diese Nachfrage ist ein erstaunliches und faszinierendes Phänomen – insofern ist der politische Wille, daran etwas zu ändern, bisher sehr begrenzt gewesen. Im Moment scheint es ein gewisses Interesse zu geben – vom Ärztetag, der sich zu Heilpraktikern geäußert hat, aber auch von Seiten der Politik. Irgendwann müssen wir aufhören, mit zweierlei Maß zu messen. Wir können nicht einerseits das hohe Lied der evidenzbasierten Medizin singen und sagen, wir orientieren uns an Daten und Wissenschaft – und andererseits zum Beispiel mit der Homöopathie einen Bereich dulden, wo jeder wissen kann, dass da wissenschaftlich nichts zu holen ist. Der fehlende Nutzen ist vielfach nachgewiesen: Da kann man die Bücher drüber schließen. Meines Erachtens sollte man sich weitere Forschung sparen.

Wie hat sich die Akzeptanz der Homöopathie in den letzten Jahrzehnten verändert?

Windeler: Das ist schwer zu sagen. Es gibt immer wieder Umfragen, nach denen die Homöopathie im Kommen sei – aber ich glaube diesen Ergebnissen nicht. Wenn Menschen gefragt werden, ob sie Homöopathie oder andere alternativmedizinische Verfahren nutzen, wissen die meisten vermutlich nicht, was das jeweils überhaupt ist. Sie denken bei Homöopathie an wohlriechende Kräuter und nicht an zerquetschte Bienen oder Arsen. Ich sehe aktuell keinen besonderen Boom. Und das jemand sich mal Globuli einwirft, ist ja nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass er an Homöopathie glaubt oder dass er das bei ernsten Erkrankungen auch nehmen würde.

Wären von der Forderung nach mehr Evidenz nicht beispielsweise auch viele pflanzliche Arzneimittel oder andere traditionell angewandte Therapien betroffen, für die es kaum Studien gibt?

Windeler: Selbstverständlich. Die S3-Leitlinie zu Schlafstörungen stellt 2017 lapidar fest: „Für Baldrian und andere Phytopharmaka kann aufgrund der unzureichenden Datenlage keine Empfehlung zum Einsatz in der Insomniebehandlung gegeben werden“. Es gibt aber keine Gründe, warum man nicht Studien machen könnte, und keine Gründe, warum man nicht genauso nach Nutzen und Schaden fragen müsste wie bei anderen Verfahren.

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Wie stehen Sie zu Heilpraktikern, die aktuell unter Beschuss stehen?

Windeler: Der Deutsche Ärztetag hat sich hier sehr gut und klar geäußert. Man sollte aber zwischen Verfahren der so genannten Komplementärmedizin und der Berufsausübung von Heilpraktikern unterscheiden – ich würde beides ungerne in einen Topf werfen. Beim einen geht es um den fehlenden oder nicht untersuchten Nutzen von Methoden, bei Heilpraktikern gibt es viel grundlegendere Qualifizierungsprobleme.

Würden Sie wie der Ärztetag Heilpraktikern invasive Methoden verbieten? 

Windeler: Ich kann mir eine Übergangsphase vorstellen, in der man die Möglichkeiten von Heilpraktikern einschränkt, wie es der Ärztetag beschrieben hat. Gleichzeitig sollte die Anbindung im Sinne einer Weisung durch Ärzte verstärkt werden. Aber mittelfristig gibt es für Heilpraktiker neben den anderen Gesundheitsberufen eigentlich überhaupt keinen Platz.

Diese Forderungen werden von Heilpraktikern wie auch vielen Patienten wohl scharf zurückgewiesen werden.

Windeler: Das kann sein. Aber man muss auf den Widerspruch und Anachronismus hinweisen. Wir können nicht sagen, dass wir die Evidenz, den Nutzen und auch die Qualität ganz wichtig finden – Krankenhäuser müssen zum Beispiel regelmäßig umfangreiche Berichte zu ihrer Qualität liefern. Und dann drehen wir uns um und drücken in einem anderen Bereich beide Augen zu. Das kann man nicht vertreten, ohne rot zu werden. Diese Doppelbödigkeit macht auch Krankenkassen unglaubwürdig, die einerseits auf Qualität bestehen und andererseits Therapien ohne nachgewiesenen Nutzen bezahlen. Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen, ohne die sie nicht Autofahren können – und gleichzeitig erstatten Kassen Homöopathie. Mir ist wichtig, dass wir in der Medizin mit einem Maß messen – das betrifft die Evidenz und den Nutzen. Und dann reden wir von einer Medizin und von Methoden und Mitteln, deren Nutzen belegt ist – oder eben nicht.


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© Collage von Ivo Mayr/Correctiv

Euros für Ärzte

Neue CORRECTIV-Datenbank zeigt erstmals Ärzte in Deutschland, die kein Geld von der Pharmaindustrie annehmen

71.000 Ärzte in Deutschland haben im vergangenen Jahr Zuwendungen von der Pharmaindustrie erhalten. Aber nur 29 Prozent von ihnen sind bereit, das offenzulegen. Wird ein Arzt nicht genannt, kann das zweierlei bedeuten: Er will die Honorare gegenüber seinen Patienten oder Kollegen verschweigen. Oder er hat kein Geld angenommen. Jetzt sorgt CORRECTIV für Transparenz – und startet eine „Null-Euro-Ärzte“-Datenbank.

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von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Hier können Sie sich in die Datenbank für Null-Euro-Ärzte eintragen.


575 Millionen Euro haben Pharmakonzerne in Deutschland im Jahr 2015 an Ärztinnen und Ärzte gezahlt. Das Geld floss für Vortragshonorare, Reisespesen, für Anwendungsbeobachtungen oder als Honorar für die Durchführung von Studien. Im Juni 2016 veröffentlichten die Pharmaunternehmen erstmals die Namen von Ärzten und Heilberuflern, die Geld oder geldwerte Vorteile erhalten hatten. Um zu zeigen: Seht her, wir sind transparent, an unseren Zahlungen ist nichts anstößig, jeder Verdacht der Korruption ist an den Haaren herbeigezogen.

So ganz freiwillig war die Veröffentlichung allerdings nicht. Zahlungen von Pharmaunternehmen an Mediziner sind weithin umstritten. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass Ärzte, die Gelder von den Konzernen annehmen oder sich einladen lassen zu Kongressen und anderem, häufiger zum Rezeptblock greifen und zudem teurere Medikamente verordnen.

2010 beschloss die US-Regierung unter Barack Obama, dass Pharmaunternehmen ihre Zahlungen an US-Mediziner jedes Jahr namentlich veröffentlichen müssen – den „Sunshine Act“. Eine solche Regelung wollen die Konzerne in Europa um jeden Preis verhindern. Deshalb erklärten sie im vergangenen Jahr flugs, diese Transparenz hierzulande nun freiwillig zu leisten. Und veröffentlichten die Zahlungen.

Nur 29 Prozent der Ärzte sind transparent

Das Problem: Ärzte in Europa können, müssen aber nicht offenlegen, ob sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen. Wer sich an der Transparenzinitiative nicht beteiligen wollte, für den blieb alles beim Alten. Und die Ärzte nutzten diese Möglichkeit reichlich. Unter jenen, die Zahlungen erhalten, stimmten nach Berechnungen von CORRECTIV nur 29 Prozent einer Veröffentlichung zu. Man darf davon ausgehen, dass es sich dabei vor allem um solche Mediziner handelt, deren Einnahmen unbedenklich waren. Heißt im Umkehrschluss: Von 71 Prozent der Ärzte, die Zuwendungen erhalten hatten, haben wir keine Daten. Ebenso wenig von Ärztinnen und Ärzten, die null Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhalten. 

Bei allen Ärzten, die nicht in der Datenbank stehen, kann dies zweierlei bedeuten. Erstens: Der Arzt, die Ärztin hat kein Geld erhalten. Oder, zweitens, er oder sie will nicht, dass die Pharma-Honorare bekannt werden und hat einer Veröffentlichung widersprochen. Ein Außenstehender weiß also nicht, ob die Ärztin besonders redlich ist und keinerlei finanzielle Beziehungen zur Pharmaindustrie hat – oder ob der Arzt sich besonders gern einladen und honorieren lässt, aber nicht will, dass das bekannt wird.

Im vergangenen Jahr hat CORRECTIV die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht. Danach meldeten sich viele Ärzte. Sie sagten, sie würden auch gern in dieser Datenbank auftauchen – mit dem Eintrag „null Euro“. Weil sie Wert darauf legten, vor Kollegen und Patienten zu dokumentieren, kein Geld von den Konzernen anzunehmen.

Die Pharmaindustrie selbst hat für dieses Problem keine Lösung, denn sie kennt nur die Namen jener Ärzte und Heilberufler, denen sie Geld überweist.

Deshalb startet CORRECTIV jetzt das Projekt „Null-Euro-Ärzte“. Hier können sich jene Mediziner eintragen, die im zurückliegenden Jahr KEIN Geld von der Pharmaindustrie für Vorträge und Fortbildungen angenommen haben. Diese Ärzte erscheinen künftig in unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank mit dem Betrag „0 Euro“.

MEZIS und VDÄÄ unterstützen das Projekt

Mehrere Ärzteorganisationen unterstützen das CORRECTIV-Projekt von Beginn an. Darunter MEZIS, das steht für: Mein Essen Zahl Ich Selbst, eine Initiative kritischer Ärzte. Genau wie der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VdÄÄ).

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

CORRECTIV bietet ab sofort allen Medizinern und Fachkreisangehörigen in Deutschland an, sich in die neue Datenbank einzutragen. Die helfen soll, dass Patientinnen und Patienten eine informierte Entscheidung bei der Auswahl ihres Arztes treffen können.

Update 31.5.2017: In den ersten zwei Tagen seit der Veröffentlichung der neuen Datenbank haben sich mehr als 400 Null-Euro-Ärztinnen und Ärzte eingetragen, darunter so bekannte Mediziner wie Prof. Dr. Michael M. Kochen, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und Prof. Dr. Peter Schönhöfer, langjähriger Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Uniklinikum Bremen-Mitte.  

Update 7.6.2017: Seit gestern unterstützt auch die „Weisse Liste“ das Projekt auf ihrer Homepage, außerdem wirbt der Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“ (IPPNW) unter seinen Mitgliedern für die Teilnahme. Stand heute haben sich bereits mehr als 500 Medizinerinnen und Mediziner als Null-Euro-Ärzte registriert.  

FAQ: Die wichtigsten Fragen für interessierte Ärztinnen und Ärzte

Ich bin Arzt, wie überprüfen Sie, ob mein Name und meine Adresse stimmen?

Zunächst müssen wir überprüfen, ob Sie tatsächlich der sind, für den Sie sich ausgeben. Dazu müssen Sie Ihre Anschrift und eine Email-Adresse angeben. An diese Email-Adresse bekommen Sie ein pdf-Dokument zugeschickt, das Sie bitte ausdrucken und unterschreiben. Wenn Sie eine eigene Arztpraxis haben, versehen Sie es bitte mit Ihrem Praxisstempel. Dieses Dokument senden Sie an uns per Post oder Fax zurück.

Wie überprüft CORRECTIV, ob meine Angaben richtig sind?

Wir nehmen Sie beim Wort. Sie versichern, dass Sie im Jahr 2015 oder 2016 keine finanziellen Zuwendungen bekommen haben von einem Pharmaunternehmen, das der Freiwilligen Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie (FSA) angehört. Nach dem aktuell gültigen FSA-Kodex können nur Honorare für Vorträge, Spesen und Fortbildungen veröffentlicht werden. Wenn Sie ankreuzen, in diesen Bereichen keine Zuwendungen erhalten zu haben, überprüfen wir, ob Ihr Name in den Veröffentlichungen der FSA-Firmen auftaucht. Wenn Sie zum Beispiel für das Jahr 2016 doch in der FSA-Liste aufgelistet sind, können Sie nicht gleichzeitig in der Liste der Null-Euro-Ärzte auftauchen. Denkbar ist aber, dass Sie 2015 in der FSA-Liste auftauchen, 2016 aber in der Null-Euro-Liste.

Ich habe nur an einer Fortbildungsmassnahme teilgenommen, bei der die Referenten von einer Pharmafirma bezahlt wurden. Zählt das als Zuwendung bei mir? 

Grundsätzlich zählen pharmagesponserte Fortbildungsveranstaltungen dazu. Ob das Unternehmen dies als Zuwendung für Sie persönlich wertet, erkennen Sie daran, ob das Unternehmen (sofern es Mitglied im FSA ist) Sie gefragt hat, ob es diese Zuwendung (geldwerten Vorteil) mit der Nennung Ihres Namens individualisiert veröffentlichen darf.  

Muss ich auch Honorar angeben, das ich für Anwendungsbeobachtungen erhalten habe?

Die im FSA-Kodex zusammengeschlossenen Firmen veröffentlichen keine Namen von Ärzten, die Honorar für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen (AWB) bzw. Nicht-Interventionellen-Studien (NIS) erhalten haben. Dies wird zwar häufig kritisiert, weil gerade AWBs umstritten sind, da ihr Zweck meist darin besteht, einem Arzt dafür Geld zukommen zu lassen, dass er ein bestimmtes Medikament seinen Patienten verordnet. Aber die Industrie bleibt beim Thema AWBs intransparent. Das heißt: Wenn Sie als Arzt im vergangenen Jahr 10.000 Euro für AWBs bekommen haben und dann noch mal an einer Fortbildungsveranstaltung im Wert von 200 Euro teilgenommen haben, veröffentlichen die Pharmaunternehmen unter Ihrem Namen nur die 200 Euro. Wir halten dieses Vorgehen für fragwürdig und ermöglichen es Ärztinnen und Ärzten deshalb, zusätzlich anzugeben, dass sie auch kein Honorar für AWBs angenommen haben.

Ich bin kein Arzt, sondern Krankenschwester oder Apotheker. Kann ich mich auch eintragen in Ihre Liste?

Ja, denn die Pharmafirmen schließen in ihr Transparenzprojekt ausdrücklich Angehörige der Fachkreise ein. Dazu gehören auch Pflegekräfte, Apotheker und sogar Mitarbeiter von Krankenkassen. Der FSA definiert Fachkreisangehörige wie folgt: „,Angehörige der Fachkreise’ sind die (…) hauptberuflich tätigen Ärzte und Apotheker sowie alle Angehörigen medizinischer, zahnmedizinischer, pharmazeutischer oder sonstiger Heilberufe und sämtliche andere Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Humanarzneimittel verschreiben oder anwenden oder mit diesen in erlaubter Weise Handel treiben. Hierzu zählen auch Mitarbeiter öffentlicher Stellen oder Mitarbeiter der Kostenträger, die bei dieser Stelle dafür verantwortlich sind, Arzneimittel zu verschreiben, zu beziehen, zu liefern, zu verabreichen oder über die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln zu entscheiden, sowie Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen, die neben ihrer Tätigkeit für das Unternehmen hauptberuflich als praktizierende Ärzte, Apotheker oder andere Angehörige der Fachkreise tätig sind, nicht aber diejenigen Ärzte, Apotheker oder andere Angehörigen der Fachkreise, die für Mitgliedsunternehmen hauptberuflich tätig sind.“

Ab wann wird CORRECTIV die Daten veröffentlichen?

Wir haben mit der Veröffentlichung der Namen der „Null-Euro-Ärzte“ bereits begonnen und werden die Liste fortlaufend aktualisieren.

Hier können Sie als Arzt oder Angehöriger der Heilberufe beim Projekt Null-Euro-Ärzte mitmachen

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Die Schein-Forscher

Pharmakonzerne bezahlen Ärzte dafür, dass sie beobachten, wie gut ihre Patienten ein bestimmtes Medikament vertragen. Wissenschaftlich sind diese „Anwendungsbeobachtungen“ wertlos. Doch Ärzte bekommen dafür im Schnitt 669 Euro – pro Patient. Eine neue CORRECTIV-Datenbank zeigt erstmals, welches Ausmaß die umstrittenen Studien erreicht haben – und welche Präparate vor allem in den Markt gedrückt werden.

von Markus Grill

Bei dieser Recherche haben wir mit der Süddeutschen Zeitung, dem NDR („Panorama“) und dem WDR kooperiert. Sie erscheint außerdem auf tagesschau.de, in der Sächsischen Zeitung, der Badischen Zeitung, der Berliner Morgenpost, im Hamburger Abendblatt, in der WAZ und in der Braunschweiger Zeitung.


Krebs ist eine Tragödie. Und ein glänzendes Geschäft. Mit einer einzigen Chemotherapie-Infusion kann ein Pharmaunternehmen locker tausend Euro verdienen. Entsprechend umkämpft sind die Ärzte, die darüber entscheiden, welches Präparat zum Einsatz kommt. Sie erhalten Einladungen zu Kongressen, Beraterverträge – und dürfen bei Anwendungs­beobachtungen mitmachen.

Bei diesen angeblich wissenschaftlichen Studien können Ärzte erstaunlich viel Geld nebenher verdienen, wenn sie ein bestimmtes Medikament verschreiben und anschließend ein paar Formblätter ausfüllen.

Die Antikorruptions-Organisation Transparency International hat schon vor Jahren gefordert, Anwendungs­beobachtungen zu verbieten. Weil sie „legalisierte Korruption“ seien, „eine Gefahr für Patientinnen und Patienten“. Doch passiert ist seither nichts. Die Schein-Studien erfreuen sich anhaltender Beliebtheit.

Starten Pharmaunternehmen eine Anwendungs­beobachtung, müssen sie dies unter anderem der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Krankenkassen melden. Dort werden die Meldungen zur Kenntnis genommen und archiviert. Mit anderen Worten: gelesen, gelacht, gelocht. Aus der Meldepflicht folgt – nichts (siehe „Organisiertes Nichtwissen“). 

CORRECTIV hat sich nun mit Hilfe des Presserechts die mehr als 14.000 Meldungen der Jahre 2009 bis 2014 besorgt, sie in eine computerlesbare Datenbank überführt und die Einträge in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, des NDR und des WDR ausgewertet.

Erstmals wird nun das Ausmaß dieser umstrittenen Studien deutlich:

  • Allein im Jahr 2014 haben 16.952 Ärztinnen und Ärzte teilgenommen, darunter rund 12.000 niedergelassene. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung haben damit zehn Prozent aller niedergelassenen Ärzte Geld von der Pharmaindustrie erhalten.
  • Für jeden Patienten haben die Ärzte im Jahr 2014 im Schnitt 669 Euro Honorar erhalten. Betrachtet man den längeren Zeitraum 2009 bis 2014 beträgt das durchschnittliche Honorar 474 Euro pro Patient.
  • Im gesamten Zeitraum 2009 bis 2014 wurden Anwendungs­beobachtungen an 1,7 Millionen Patientinnen und Patienten geplant.
  • Insgesamt verteilte die Pharmaindustrie auf diese Weise rund 100 Millionen Euro an Deutschlands Ärzte – pro Jahr.

Wobei die Zahl der beteiligten Ärzte und der beobachteten Patienten dabei jeweils als Untergrenze zu verstehen sind. In vielen Fällen lassen Pharmaunternehmen die Angaben zu Ärzten und Patienten einfach weg.

Darmkrebs? Brustkrebs? Egal!

Die meisten dieser umstrittenen Studien werden bei Krebspatienten gemacht. Wolf-Dieter Ludwig leitet die Klinik für Onkologie und Hämatologie am Helios-Klinikum Berlin-Buch. Der Krebsspezialist beobachtet seit Jahren die unseriösen Angebote, mit denen die Industrie ihn und seine Kollegen zu ködern versucht – gerade auch mit Anwendungs­beobachtungen. 

Prof.Dr.med.Wolf-Dieter Ludwig

Krebsmediziner Ludwig

„Ich vermute, dass man mit Anwendungsbeobachtungen Ärzte auf einzelne Hersteller einschießen will.“

Lopata/AkdÄ

So hat zum Beispiel das Pharmaunternehmen Roche in den vergangenen Jahren mindestens zehn verschiedene Anwendungs­beobachtungen zu seinem Präparat Avastin gemacht. Den Ärzten hat Roche dafür bis zu 1260 Euro pro Patient bezahlt. „Als Avastin im Jahr 2005 zugelassen wurde, haben alle Analysten gedacht, das wird ein Blockbuster, mit mehreren Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr“, sagt Ludwig. „Heute sieht man die Sache nüchterner: Als einzige Indikation, bei der man Avastin mit einigermaßen gesicherten Erkenntnissen für einen patientenrelevanten Zusatznutzen einsetzen kann, ist das kolorektale Karzinom (Darmkrebs, d.Red.) geblieben.“ 

Doch schaut man in die Datenbank, macht Roche Anwendungs­beobachtungen für Avastin auch bei Brustkrebspatientinnen, bei Nierenkrebs und bei Lungenkrebs. „Bei diesen Tumoren verordnen nur wenige onkologische Kollegen, die ich kenne, Avastin“, sagt Professor Ludwig. „Ich vermute, die ganzen Anwendungs­beobachtungen bei Avastin verfolgen vor allem den Zweck, die Ärzte zu motivieren, Avastin auch jenseits von Darmkrebs häufiger einzusetzen.“ Und das, „obwohl die Ergebnisse aus medizinischen Studien bei diesen Anwendungsgebieten wenig überzeugend sind“.

Meldepflicht der Ärzte

Roche weist diese Kritik zurück. Auch bei Lungen-, Brust und Nierenkrebs habe Avastin einen Vorteil für Patienten. Die Anwendungs­beobachtungen und Honorarzahlungen an Ärzte streitet das Unternehmen nicht ab. Man habe damit „weitere Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit von Avastin unter Praxisbedingungen“ gewinnen wollen.

Meist geht es so vonstatten: Ein Pharmareferent kommt in die Arztpraxis und fragt den Doktor, ob er an einer Anwendungs­beobachtung für Präparat X teilnehmen will. Das Präparat, das der Arzt dann seinen Patienten verordnet, bezahlt sowieso die Krankenkasse. Er füllt zusätzlich aber noch ein paar elektronische Formblätter aus, fragt den Patienten vielleicht, wie er das Medikament verträgt, schickt die Datei anschließend an das Pharmaunternehmen und bekommt im Gegenzug für eine Handvoll Patienten ein Honorar von oft mehreren tausend Euro.

Die Pharmaunternehmen verteidigen diese Beobachtungen unisono mit dem gleichen Argument wie auch Roche: Wir wollen Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Medikamenten auch nach der Markteinführung überwachen. Doch dazu bräuchte es eigentlich keine Anwendungs­beobachtungen. Denn jeder Arzt ist auch so verpflichtet, Nebenwirkungen und sonstige Auffälligkeiten bei Medikamenten dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn zu melden.

„Die Studien sind wertlos“

Wozu braucht es diese Beobachtungen also? Deutschlands oberster Medizinprüfer zuckt mit den Schultern. Er weiß es auch nicht. Professor Dr. Jürgen Windeler leitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG – sprich: Ickwick), im Jahr 2004 von der Bundesregierung eingerichtet, um die Qualität der Patientenversorgung in Deutschland zu verbessern.

Portrait von Prof_Dr_med_Juergen Windeler

IQWiG-Chef Windeler

„Diese Studien sind wissenschaftlich wertlos.“

Iqwig

Unter anderem bewertet das Institut jedes neue Medikament. Je nachdem, wie das Urteil ausfällt, zahlen die Krankenkassen den Pharmaunternehmen dann einen hohen oder nicht ganz so hohen Preis. Windeler und sein Institut testen Medikamente nicht selbst, sondern werten alle öffentlich zugänglichen, wissenschaftlichen Studien aus; dazu Unterlagen, die ihnen die Pharmakonzerne zur Verfügung stellen. Anwendungs­beobachtungen gehören nicht dazu.

„Diese Studien sind wissenschaftlich wertlos“, sagt IQWiG-Chef Windeler. „Sie liefern uns keinerlei Informationen über den Nutzen und die Wirksamkeit eines Medikaments. Deshalb schauen wir sie uns auch nicht an.“

Vitamin C testen

Als Windeler einen Blick in unsere Datenbank wirft und die Titel einiger Anwendungs­beobachtungen anschaut, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – so sehr amüsiert ihn der pseudowissenschaftliche Unsinn. So hat die Firma Pascoe in den Jahren 2009 und 2010 beobachten lassen, wie ihr Vitamin C-Präparat „bei Patienten mit viralen Infektionskrankheiten“ wirkt.

„Es ist sicher schon tausend Mal untersucht worden, ob Vitamin C gegen virale Infektionskrankheiten wirkt“, sagt Windeler. „Und für Fragen, die bereits beantwortet sind, braucht man keine Studien mehr zu machen.“

Dennoch konnten Ärzte, die an der Anwendungs­beobachtung für das Vitamin-C Präparat Pascorbin mitmachten, laut den Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bis zu 180 Euro pro Patient verdienen.

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Bei Anwendungs­beobachtungen kommen nach Ansicht des IQWiG-Chefs drei Dinge zusammen, die jeden skeptisch machen sollten: „Erstens sind sie nicht gut zu begründen. Zweitens kann man mit den Ergebnissen nichts anfangen. Und drittens sind die Rahmenbedingungen merkwürdig, weil Ärzte relativ viel Geld bekommen für das, was sie da tun.“

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) weist die Kritik an Anwendungs­beobachtungen zurück. Sie seien ein unverzichtbares Instrument für die Arzneimittelforschung. Anders als bei klinischen Studien würden hier Informationen über Arzneimittel unter Alltagsbedingungen gewonnen, also dann, wenn beispielsweise die Therapietreue wesentlich das Ergebnis mit beeinflusse.

Schein-Innovationen

Eine Auswertung der 50 größten Anwendungs­beobachtungen ergibt, dass darunter vor allem Analogpräparate zu finden sind, deren medizinischer Zusatznutzen fraglich ist. So finden sich in der Liste der 50 Anwendungsbeobachtungen mit den meisten Patienten in den Jahren 2009 bis 2014 nur acht Medikamente der Kategorie A (neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz), aber mehr als doppelt so viele, genau 17 Präparate der Kategorie C (Analogpräparate mit keinen oder nur marginalen Unterschieden zu bereits eingeführten Präparaten). Auch dies legt den Verdacht nahe, dass mit Hilfe von Anwendungs­beobachtungen vor allem jene Medikamente in den Markt gedrückt werden, die im Verdacht stehen, Scheininnovationen zu sein. 

Unter den Top-Präparaten finden sich auch einige, zu denen es günstigere Alternativen gibt. So sollten im Zeitraum 2009 bis 2014 mehr als 20.000 Patienten das Antidepressivum Valdoxan in Rahmen einer Anwendungs­beobachtung bekommen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Valdoxan beliefen sich im Jahr 2013 auf 44,5 Millionen Euro. Hätten die Ärzte stattdessen das gleichwertige Venlafaxin AbZ verordnet, hätten die Krankenkassen 35,9 Millionen Euro sparen können.

Auch Uralt-Präparate werden getestet

Am dubiosesten aber: Anwendungs­beobachtungen für Medikamente, die seit Jahren auf dem Markt sind, deren Patentschutz abgelaufen ist und die als deutliche günstigere Generika erhältlich sind – als wirkstoffgleiche Kopien. 

So hat zum Beispiel die Krebsmittelfirma Onkovis insgesamt 23 Anwendungs­beobachtung an die Kassenärztliche Bundesvereinigung gemeldet mit jeweils 100 bis 400 Patienten. Unter anderem gab es Beobachtungen zu den hauseigenen Präparaten Docetaxel, Paclitaxel oder Epirubicin für die die Ärzte 500 Euro pro Krebspatient bekommen konnten. 

In den Jahren 2012 bis 2015 hat Onkovis unter anderem eine Anwendungs­beobachtung beauftragt mit geplant 500 Patienten und einem Honorar von 340 Euro Patienten. In der Meldung heißt es: „Ziel dieser nicht-interventionellen Studien ist es, systematische Erkenntnisse über Risiken und Nebenwirkungen sowie die Wirksamkeit bei der Anwendung von Paclitaxel Onkovis im Alltagseinsatz unter Praxisbedingungen zu gewinnen.“

Für Prof. Dr. Jürgen Windeler ist so eine Anwendungs­beobachtung „schlichter Blödsinn“. „Zwanzig Jahre nach der Zulassung von Paclitaxel erhalte ich mit 500 Patienten keine neuen systematischen Erkenntnisse über Risiken und Nebenwirkungen. Da bin ich anschließend keinen Deut schlauer.“

Onkovis-Geschäftsführer Josef Kröger beantwortete bis Redaktionsschluss keine an ihn gestellte Frage, weder nach dem Zweck der Onkovis-Anwendungsbeobachtungen, noch nach dem gezahlten Honorar, der Gesamtzahl an Patienten oder ob die Ergebnisse veröffentlicht wurden.

„Auf einzelne Hersteller einschießen“

Auch die von Apothekern betriebene Pharmafirma Omnicare hat mehrere Anwendungsbeoachtungen zu den alten Wirkstoffen Docetaxel, Paclitaxel oder Epirubicin in Auftrag gegeben. Die Ärzte konnten dafür laut den Meldungen an die Kassenärztliche Bundesvereinigung jeweils 1250 Euro pro Krebspatient bekommen.

„Ich kann mir keinen medizinischen oder wissenschaftlichen Nutzen einer solchen AWB vorstellen“, sagt Onkologe Wolf-Dieter Ludwig, „Ich vermute, dass man mit Hilfe der Anwendungs­beobachtungen Ärzte auf einzelne Hersteller einschießen will.“

Omnicare-Geschäftsführer Oliver Tamimi teilt auf Anfrage mit, Ziel sei gewesen, Daten über „den Gebrauch, die Effizienz und die Sicherheit der von Omnicare eingesetzten Wirkstoffe zu gewinnen.“ Das tatsächliche Honorar für die 18 teilnehmenden Ärzte habe zusammen 28.770 Euro betragen, umgerechnet seien das 230 Euro pro Patient gewesen. Die Höhe des Honorars erfolgte sogar „in Absprache mit der AOK Niedersachsen“, wie Tamimi per Email mitteilt. Allerdings seien zu wenige Patienten bei dieser Anwendungs­beobachtungen zusammen gekommen, deshalb seien die Studien abgebrochen worden. „Von der weiteren Publikation der Studienergebnisse wurde abgesehen.“

„Patienten rekrutieren“

Es gibt nur wenig Politiker, die sich mit Anwendungs­beobachtungen befasst haben. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gehört nicht dazu. Auf Seiten der SPD gibt es immerhin Karl Lauterbach, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion, ein Mediziner, der an mehreren Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre beteiligt war.

Lauterbach macht sich zumindest keine Illusionen über den eigentlichen Zweck der Scheinstudien. „Es ist ganz klar Ziel der Pharmaindustrie, über diese Anwendungs­beobachtungen Patienten zu rekrutieren“, sagt er. „Wenn ein Arzt zwei Produkte zur Wahl hat, dann entscheidet er sich häufig für jenes, wo er die Anwendungs­beobachtung durchführen kann, weil er dann ein Zusatzeinkommen hat.“ Das Problem: „Der Patient bekommt nicht das Produkt, das besser für ihn wäre, sondern das, an dem der Arzt besser verdient.“

Lauterbach fordert, dass „Anwendungs­beobachtungen beschränkt werden müssen auf das notwendige Maß.“ Das bisherige Gesetz stelle das nicht ausreichend sicher. Deshalb fordert der Gesundheitspolitiker: Anwendungs­beobachtungen dürfen nur noch stattfinden, wenn sie „von dritter und unabhängiger Stelle geprüft und genehmigt werden“. Nach heutigem Stand vertritt Lauterbach damit aber eine Minderheitenposition in der derzeitigen Bundesregierung. 
 

Mitarbeit: Christian Baars (NDR), Christina Berndt (Süddeutsche Zeitung), Ben Bolz (NDR), Hristio Boytchev (correctiv.org), Daniel Drepper (correctiv.org), Denise Friese (WDR), Lisa McMinn (correctiv.org).

Datenbank: Stefan Wehrmeyer.
Layout: Simon Jockers.
Foto: Ivo Mayr.
Textchef: Ariel Hauptmeier.

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Organisiertes Nichtwissen

Die Vorschriften sind löchrig. Missbrauch wird nicht angezeigt. Und so dürfen Pharmakonzerne jedes Jahr nahezu unkontrolliert hundert Millionen Euro verteilen. Die Ärzte freut's. Die Interessen der Patienten bleiben dabei auf der Strecke.

weiterlesen 8 Minuten

von Hristio Boytchev , Daniel Drepper

Mehr als 100 prall gefüllte Aktenordner. Tausende Seiten Papier. Briefe, Beschreibungen, Formulare, ausgedruckte E-Mails, Zahlenreihen – bis 2012 war das die Grundlage, aufgrund derer die gesetzlichen Krankenkassen kontrollierten, ob Deutschlands Ärzte rechtmäßig hunderte Millionen Euro von der Pharma-Industrie erhielten. Erst dann stellte der Dachverband der Kassen auf ein elektronisches System um. Das zu bauen, hatte drei Jahre gedauert. 

Genützt hat es nichts. Kontrollen gibt es auch heute nicht. 

Alle großen Pharma-Unternehmen bezahlen Ärzte für Anwendungsbeobachtungen. Jeder zehnte deutsche Arzt macht jedes Jahr mit und erhält Geld von der Pharma-Industrie, im Schnitt der letzten Jahre 474 Euro pro Patient.

Auf dem Papier gibt es Vorschriften. Kontrollen. Regulierungen. Aber sie sind wirkungslos. Aus drei Gründen: 

Erstens: Die Daten sind unvollständig, die Pharmafirmen schlampen bei den Meldungen – und kommen damit durch

Wir haben auf Grundlage des Landespressegesetzes von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eine Übersicht aller Anwendungsbeobachtungen seit 2009 angefordert, insgesamt 14.000 Meldungen. Die Daten sind lückenhaft. Mal wird das Honorar nicht genannt, mal die Zahl der behandelten Patienten oder der teilnehmenden Ärzte. Häufig ist nicht klar, ob die Ärzte für ihr Honorar tatsächlich etwas leisten mussten oder nur schnell ein paar Kreuzchen gesetzt haben. Wie sollen die Behörden so prüfen, ob die Entlohnung rechtmäßig war – und nicht reine Korruption?

Neben den allgemeinen Kennzahlen der Anwendungsbeobachtungen müssen die Pharma-Konzerne auch die Abschlussberichte der Projekte veröffentlichen. Diese landen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und beim Paul-Ehrlich-Institut, zuständig für Impfstoffe und Seren. 

Wir haben uns alle Berichte aus den vergangenen Jahren kopieren und zuschicken lassen. Insgesamt 359 von 2009 bis 2014. Auch hier treffen wir auf Wildwuchs. Die Abschlussberichte sind extrem unterschiedlich. Manche haben nur wenige Seiten, andere sind daumendick. Sie sind kaum miteinander zu vergleichen. 

Wir haben in einer Stichprobe getestet, ob die Pharma-Konzerne ihre Anwendungsbeobachtungen tatsächlich wie vorgeschrieben vollständig melden. Ergebnis: Nein, sie tun es nicht. 

Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren sind mehrere Dutzend Anwendungsbeobachtungen weder beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte noch beim Paul-Ehrlich-Institut gemeldet worden. Jede dieser nicht gemeldeten Anwendungsbeobachtungen ist ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Bestraft wurden diese Verstöße bisher nicht.

Insider vermuten, dass die lückenhafte Meldung eine Strategie der Pharma-Konzerne sein könnte, um die Prüfung ihrer Millionenzahlungen zu erschweren. Das würde ins Bild passen. So geben die Konzerne zum Beispiel die Namen der beteiligten Ärzte grundsätzlich nicht an die Öffentlichkeit. Ein Patient weiß also nicht, ob sein Arzt ein Präparat aus medizinischen Gründen verschrieben hat oder weil er seinem Geldbeutel folgt.

Zweitens: Niemand kontrolliert, ob die Ärzte ihre Verschreibungsgewohnheiten ändern

In den Regeln zu den Anwendungsbeobachtungen ist vorgeschrieben, dass Ärzte nicht verleitet werden dürfen, bestimmte Medikamente häufiger zu verschreiben. Aufwandsentschädigungen „sind nach ihrer Art und Höhe so zu bemessen, dass kein Anreiz für eine bevorzugte Verschreibung oder Empfehlung bestimmter Arzneimittel entsteht“, heißt es im Gesetz. 

Darüber soll etwa die kassenärztliche Bundesvereinigung wachen, die die Daten weitergibt an die kassenärztlichen Vereinigungen der Länder. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern etwa bekam im vergangenen Jahr Informationen über 50 Anwendungsbeobachtungen, an denen bayerische Ärzte teilgenommen haben. Die Daten seien ausreichend, sagen die Verantwortlichen. „Damit können die Prüfgremien erkennen, ob Ärzte sich durch die Kassenärztliche Vereinigung im Verordnungsverhalten beeinflussen lassen“, sagt Birgit Grain, von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns

Ist das wirklich so? 

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Das Prüfgremium wird nur darüber informiert, ob ein Arzt an einer Anwendungsbeobachtung teilgenommen hat. Es sieht nicht, ob er seither andere Medikamente verschreibt – weil er nun von einer Pharmafirma Geld bekommt.

Drittens: Die Pharmaindustrie gibt vor, sich selbst zu kontrollieren. Doch das ist Augenwischerei. 

Dass die Zahlungen der Pharma-Konzerne so gut wie nicht geprüft werden, ist besonders irritierend, weil einige Beteiligte ein großes Interesse daran haben sollten, die Millionen-Zahlungen einzudämmen. Allen voran die gesetzlichen Krankenversicherer. Schließlich zahlen sie am Ende die Zeche, wenn Ärzte überteuerte Präparate verschreiben. Doch sie unternehmen – ebenfalls nichts. 

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen will nicht mal verraten, wie viele Mitarbeiter sich mit Anwendungsbeobachtungen beschäftigen. „Ungern möchten wir der Pharmaindustrie Hinweise geben“, sagt Pressesprecher Florian Lanz. Vermutlich sind es sehr wenige. Die Daten aufbereiten? Analysieren? Missbräuche melden? Das sei offiziell nicht Aufgabe der Kassen.

Ebenfalls nicht zuständig, Missbrauch zu melden: das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). 

Die Aufgabe des Instituts: „Nur das Dokumentieren“, sagt Pressesprecher Maik Pommer. Das BfArM untersuche lediglich, ob die eingereichten Studien unter die Kategorie Anwendungsbeobachtungen fallen. Die Abschlussberichte werden nummeriert, abgeheftet und seit August 2013 im Internet veröffentlicht. Doch das heißt noch lange nicht, dass sie jemals irgendwer liest.

Bisher darf sich die Pharmaindustrie selbst kontrollieren, über den Verein FSA „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“. Der Verein hat nach eigenen Angaben ein Regelwerk aufgestellt, das „über die gesetzlichen Bestimmungen bewusst noch hinausgeht“. Der Kodex des Vereins fordert, dass jede Studie einen wissenschaftlichen Zweck verfolgt und die Ärzte nach der allgemeinen Gebührenordnung bezahlt werden, nicht darüber hinaus. Ein Jahr nach Abschluss der Studie soll zudem eine Zusammenfassung der Ergebnisse veröffentlicht werden. 

„Der FSA stellt durch seine Richtlinien und sein Durchgreifen bei Verstößen gegen den Kodex sicher, dass der medizinische Nutzen im Mittelpunkt steht“, lobt FSA-Sprecher Holger Diener sich und seine Kollegen.

Greift die Industrie also durch, wenn die Behörden es schon nicht tun? Beim genauen Hinsehen lautet die Antwort –  ebenfalls nein. In den vergangenen fünf Jahren hat der FSA ganze zwei Anwendungsbeobachtungen geprüft. Und nur bei einer fanden die Prüfer Probleme. Die Pharmafirma verpflichtete sich darauf hin, die Anwendungsbeobachtung doch nicht durchzuführen. Strafe? Selbstverständlich keine.

Was geschehen müsste

Um einen Missbrauch von Zahlungen zu verhindern, bräuchte man vier Dinge:

  • Klare Regeln, unter welchen Bedingungen Anwendungsbeobachtungen zulässig sind.
  • Eindeutige Berichte darüber, wer von wem wie viel Geld für welche Gegenleistung erhalten hat.
  • Eine systematische Prüfung dieser Berichte.
  • Sanktionen für jene, die sich nicht an die Regeln halten. 

In Deutschland gibt es nichts davon.

Viel Hoffnung liegt nun auf einem geplanten Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen. Dann kann Bestechung von niedergelassenen Ärzten – man glaubt es kaum – erstmals bestraft werden. Ärzte könnten nach dem neuen Gesetz Probleme bekommen, wenn sie für zu wenig Arbeit zu viel Geld annehmen. Wobei: Anwendungsbeobachtungen sind dem Entwurf zufolge immer noch wünschenswert – „sofern sie nicht dem reinen Marketing dienen.“ 

Doch wer wird das schon überprüfen?

Mitarbeit: Christian Baars (NDR), Christina Berndt (Süddeutsche Zeitung), Ben Bolz (NDR), Denise Friese (WDR), Markus Grill (correctiv.org), Lisa McMinn (correctiv.org).
Datenbank: Stefan Wehrmeyer.
Layout: Simon Jockers.
Foto: Ivo Mayr.
Textchef: Ariel Hauptmeier.

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Licht ins Dunkel

Ist es unanständig, wenn man wissen will, wie viel Geld ein Arzt von der Pharma­industrie erhält? In den USA ist das seit zwei Jahren Normalität: Der „Sunshine Act“ als Teil von Obamas Gesundheits­reform zwingt jeden Pharma­konzern dazu, jährlich aufzulisten, an welchen Arzt er wie viel Geld für Vorträge oder Studien zahlt. Auf der Website des US-Recherche­büros ProPublica kann seither jeder Bürger den Namen seines Arztes eintippen und nachschauen, auf wessen Gehaltsliste er steht.

von Markus Grill

Bisher ist solche Transparenz undenkbar in Deutschland. Aber hoffentlich nicht mehr lange.

Erstmals hat CORRECTIV die Daten aller Anwendungsbeobachtungen der Jahre 2009 bis 2014 in einer Datenbank zusammengeführt. Diese Anwendungsbeobachtungen haben seit langem einen schlechten Ruf. Unter dem Deckmäntelchen wissenschaftlicher Studien dienen sie dazu, Ärzten Geld zu bezahlen, wenn diese ein bestimmtes Präparat bevorzugen.

In unserer Datenbank kann ab sofort jeder den Namen seines Medikaments eingeben. Und sehen, wie viele Patientinnen und Patienten dieses Präparat im Zusammenhang einer Anwendungsbeobachtung erhalten sollten, wie viele Ärzte mitmachen und wie viel Geld jeder Arzt pro Patient bekommen sollte.

Diese Daten hat uns die Kassenärztliche Bundesvereinigung gegeben.

Was sie uns verweigert hat, sind die Namen der Ärzte.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Wir akzeptieren das nicht. Wir werden um die Herausgabe der Namen kämpfen. Nicht, weil wir den Ärzten ihren Nebenverdienst nicht gönnen würden. Sondern weil für Patientinnen und Patienten diese Transparenz wichtig ist: Bekommen Sie ein bestimmtes Medikament aus medizinischen Gründen? Oder weil Ihr Arzt Geld vom Hersteller erhält, wenn er dieses Präparat verordnet?

Sie können unseren Kampf für Ihr Recht auf Information unterstützen, indem Sie Mitglied im Recherchezentrum Correctiv werden.

Herzliche Grüße!

Markus Grill

Chefredakteur CORRECTIV

023valdoxan

Euros für Ärzte

Top 50 Präparate

In einer Auswertung der 50 größten Anwendungsbeobachtungen finden sich vor allem Analogpräparate, deren medizinsicher Zusatznutzen fraglich ist. Mehr als 485.000 Patientinnen und Patienten wurden angeblich für Kontrastmittel beobachtet, die zum Teil schon mehr als 20 Jahre auf dem Markt sind.

von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Schaut man sich die unten stehende Liste der 50 Anwendungs­beobachtungen mit den meisten Patienten in den Jahren 2009 bis 2014 an, fällt auf, dass dort nur acht Medikamente der Kategorie A (neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz) auftauchen, aber mehr als doppelt so viele, genau 17 Präparate der Kategorie C (Analogpräparate mit keinen oder nur marginalen Unterschieden zu bereits eingeführten Präparaten). Auch dies legt den Verdacht nahe, dass mit Hilfe von Anwendungs­beobachtungen vor allem jene Medikamente in den Markt gedrückt werden, die im Verdacht stehen, Scheininnovationen zu sein. 

Unter den Top-Präparaten finden sich auch einige, zu denen es günstigere Alternativen gibt. So sollten im Zeitraum 2009 bis 2014 mehr als 20.000 Patienten das Antidepressivum Valdoxan in Rahmen einer Anwendungs­beobachtung bekommen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Valdoxan beliefen sich im Jahr 2013 auf 44,5 Millionen Euro. Hätten die Ärzte stattdessen das gleichwertige Venlafaxin AbZ verordnet, hätten die Krankenkassen 35,9 Millionen Euro sparen können.

Direkt zur Tabelle

Auch das Parkinson-Medikament Neupro findet sich in der Liste der Top-50-Präparate. Die Krankenkassen gaben dafür im Jahr 2013 51,7 Millionen Euro aus. Hätte die Ärzte das gleichwertige Pramipexol axcout verordnet, hätten die Krankenkassen nach Berechnungen des Arzneiverordnungsreports 2014 bei diesem Medikament 42,6 Millionen Euro sparen können.

Die medizinischen Klassifikationen (A, B, C, D) orientieren sich am „Taschenbuch der Arzneibehandlung. Angewandte Pharmakologie“, herausgegeben von Hasso Scholz und Ulrich Schwabe, 13. Auflage, Berlin, Heidelberg 2005. 

Die Angaben zu den neueren Präparaten nach Erscheinen der letzten Auflage hat einer der Herausgeber, Prof. Dr. Ulrich Schwabe, extra für diese Tabelle vorgenommen. 

A = Innovative Struktur bzw. neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz. 

B = Verbesserung pharmakodynamischer oder pharmakokinetischer Eigenschaften bereits bekannter Wirkprinzipien.

C = Analogpräparat mit keinem oder nur marginalen Unterschieden zu bereits eingeführten Präparaten.

D = Nicht ausreichend gesichertes Wirkprinzip oder unklarer therapeutischer Stellenwert.

Die Tabelle

Präparat Beschreibung Anzahl Patienten Anzahl AWBs Höchstes Honorar pro Patient Zulassungs­jahr Hersteller Bewertung
Xenetix Röntgen Kontrastmittel 150.000 2 10,00 € 1996 Guerbet C
Dotarem MRT Kontrastmittel 135.030 5 100,00 € 2004 Guerbet C
Multihance MRT Kontrastmittel 104.691 4 20,00 € 1998 Altana B
Imeron Röntgen Kontrastmittel 52.000 4 15,00 € 1996 Bracco C
Magnegita MRT Kontrastmittel 45.000 2 15,00 € 1988 Agfa A
Lucentis Makuladegeneration 35.000 8 1.045,00 € 2007 Novartis A
Iopamigita Röntgen Kontrastmittel 30.000 2 15,00 € 2003 AGFA
Visipaque Röntgen Kontrastmittel 26.500 2 35,00 € 1995 Amersham Buchler C
Seebri COPD 24.000 2 455,00 € 2012 Novartis
Lantus Diabetes 22.580 6 200,00 € 2000 Sanofi B/C
Valdoxan Antidepressivum 20.400 6 150,00 € 2009 Servier A/D
Lumigan Grüner Star 20.000 3 75,00 € 2002 Pharm Allergan C
Duotrav Grüner Star 20.000 3 80,00 € 2006 Alcon
Pegasys Hepatitis C 19.808 7 1.762,00 € 2002 Roche C
Sevikar Bluthochdruck 19.500 3 90,00 € 2008 Daiichy Sankyo C
Daxas COPD 17.500 2 200,00 € 2010 Takeda B/D
Prohance MRT Kontrastmittel 16.803 2 20,00 € 1995 Altana C
Vocado Bluthochdruck 15.000 3 50,00 € 2008 Berlin Chemie
Rasilez Bluthochdruck 15.000 2 100,00 € 2007 Novartis A/C
Procoralan Herzmittel 13.250 4 190,00 € 2006 Servier A
Azarga Grüner Star 12.800 2 30,00 € 2008 Alcon
Oralair Antiallergika 12.100 6 675,00 € 2008 Stallergenes
Galvus Diabetes 12.000 3 240,00 € 2008 Novartis C
Gilenya Multiple Sklerose 11.100 5 3.135,00 € 2011 Novartis A/D
Eklira COPD 11.000 2 200,00 € 2012 AstraZeneca C
Humira Antirheumatika 10.109 20 4.609,00 € 2003 Abbott B
Taflotan Grüner Star 10.000 1 35,00 € 2008 Santen C
Efient Blutverdünner 10.000 2 50,00 € 2009 Lilly B
Clexane Blutverdünner 10.000 2 75,00 € 1989 Sanofi
Pradaxa Blutverdünner 9.744 4 1.300,00 € 2008 Boehringer Ing. B
Epiduo Akne 9.466 2 120,00 € 2008 Galderma
Avastin Krebs 9.200 10 1.260,00 € 2005 Roche A
Grazax Antiallergika 8.794 7 380,00 € 2006 Alta Abello
Aranesp Epo-Präparat 8.217 13 1.678,00 € 2001 Amgen B
Enbrel Antirheumatika 8.000 6 2.010,00 € 2000 Wyeth A
Adenuric Gichtmittel 8.000 1 50,00 € 2010 Berlin Chemie A/C
Tysabri Multiple Sklerose 7.846 8 3.108,00 € 2006 Biogen A/D
Vesikur Urologika 7.750 5 200,00 € 2004 Yamanouchi C
Lyxumia Diabetes 7.500 1 100,00 € 2013 Sanofi C
Blopress Bluthochdruck 7.390 4 75,00 € 1997 Takeda C
Herceptin Krebs 6.700 6 1.900,00 € 2000 Roche A/D
Spasmex Urulogika 6.250 2 139,00 € 1996 Pfleger
Intratect Immuntherapeutika 6.000 5 75,00 € 2012 Biotest
Bonviva Oesteoporose 6.000 1 240,00 € 2004 Roche C
Neupro Parkinsonmittel 5.514 7 825,00 € 2006 UCB C
Pascorbin Vitamin C 5.500 2 180,00 € 2005 Pascoe
Dymista Allergische Rhinitis 5.500 1 50,00 € 2013 Meda Pharma
Roactemra Rheumatoide Arthritis 5.450 6 1.100,00 € 2009 Roche/Chungai A/C
Protelos Osteoporose 5.050 2 100,00 € 2004 Servier A
Spedra Erektile Dysfunktion 5.000 1 100,00 € 2013 Berlin Chemie C

Eine Übersicht über alle Präparate findet sich in unserer Datenbank.

Mitarbeit: Christian Baars (NDR), Christina Berndt (Süddeutsche Zeitung), Ben Bolz (NDR), Hristio Boytchev (correctiv.org), Daniel Drepper (correctiv.org), Denise Friese (WDR), Lisa McMinn (correctiv.org).
Layout: Simon Jockers.
Foto: Ivo Mayr.
Textchef: Ariel Hauptmeier.

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© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Es kommt. Es kommt nicht. Es kommt…

Solange Bestechung von Ärzten nicht verboten wird, blühen die zweifelhaften Marketingmethoden der Pharmafirmen. Dazu gehören auch Anwendungsbeobachtungen. Karl Lauterbach (SPD) und Kathrin Vogler (LINKE) sind enttäuscht, dass die Bundesregierung das nötige Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen nicht endlich zum Ziel führt. AOK will die Namen der AWB-Ärzte.

von Hristio Boytchev , Daniel Drepper , Christina Berndt , Markus Grill

Diese Recherche erscheint gleichzeitig in der „Süddeutschen Zeitung“ und auf tagesschau.de.


So schnell wird es nichts mit höheren Hürden für die Bestechung von Ärzten. Kurz nachdem durch umfassende Recherchen von correctiv.org, NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ bekannt geworden ist, wie nötig stärkere Kontrollen der Geldflüsse im Gesundheitswesen sind, heißt es nun aus Berlin, das geplante Antikorruptionsgesetz für das Gesundheitswesen verzögere sich. Eigentlich sollte das Gesetz, das bereits Ende 2015 die erste Lesung im Bundestag passiert hat, im ersten Quartal dieses Jahres verabschiedet werden, nun ist vom Sommer die Rede.

„Ich persönlich kann das nur schwer nachvollziehen“, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach säuerlich. Schärfer wird Kathrin Vogler, Gesundheitspolitikerin der Linken: „Ich finde das unglaublich, wir diskutieren ja nicht erst seit gestern über dieses Gesetz.“ Nachbesserungen hätten längst stattfinden können, so sie denn nötig wären. Vogler hat einen anderen Verdacht: „Wir erleben sehr rege Lobbytätigkeit der Pharma- und der Ärzteverbände. Ich habe die Befürchtung, dass da einige eingeknickt sind, um dieses ohnehin nicht besonders scharfe Gesetz noch ein bisschen aufzuweichen.“

Dem widerspricht der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA): Pharmafirmen stünden einem Antikorruptionsgesetz  nicht im Wege, betont VFA-Geschäftsführerin Birgit Fischer: Es gebe vielmehr „von vielen Beteiligten wie auch dem Deutschen Richterbund noch Hinweise auf verfassungsrechtliche Fragen“. Der Pharma-Verband weist auch den Vorwurf von sich, dass Firmen durch Anwendungsbeobachtungen (AWB) Ärzte dazu bringen, ihre Medikamente zu verschreiben. 

Am Donnerstag hatten Recherchen enthüllt, in welch großem Umfang die Pharmaindustrie Ärzte im Rahmen von AWB dafür bezahlt, dass sie ihren Patienten ausgesuchte Medikamente verschreiben und dann Daten an die Firmen weitergeben.  Mehr als 100 Millionen Euro investieren Pharmafirmen demnach jedes Jahr dafür, zwischen 2009 und 2014 sollten rund 1,7 Millionen Patienten daran teilnehmen – in der Regel ohne dass sie davon wussten.

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Vor diesem Hintergrund fordert die Deutsche Stiftung Patientenschutz, den Entwurf des Antikorruptionsgesetzes zu verschärfen. „Jeder Patient muss darauf vertrauen können, dass seine bestmögliche Therapie im Vordergrund steht, wenn ihm ein Medikament verordnet wird“, sagte Vorstand Eugen Brysch der Neuen Osnabrücker Zeitung. Wenn aber pro Jahr Hunderttausende Patienten in der Regel ohne ihr Wissen an Arzneimittel-Studien beteiligt würden, könne das bezweifelt werden. Der Entwurf des Antikorruptionsgesetzes, in dem nur weich gefordert wird, dass AWB „nach ihrer Art und Höhe so bemessen“ zu sein haben, „dass kein Anreiz für eine bevorzugte Verschreibung bestimmter Arzneimittel entsteht“, biete nicht genügend Schutz, so Brysch. 

Dem stimmt auch Kathrin Vogler zu. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linken regt an, „Studien zur Praxisanwendung ganz der Pharmaindustrie aus der Hand zu nehmen“. Die meisten AWB seien wissenschaftlich sinnlos. „Aber die, die man braucht, sollten von unabhängigen Institutionen untersucht werden“, so Vogler.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert stärkere Beschränkungen, als sie bisher im Rahmen des Antikorruptionsgesetzes geplant sind. „Es geht um die Patientensicherheit“, sagt er. Schließlich bestehe die Gefahr, dass die bezahlten Anwendungsbeobachtungen für Ärzte ein Anreiz sind, Patienten schlechtere oder nebenwirkungsreichere Medikamente zu geben. „Hier muss dringend etwas passieren.“ Allerdings sollten schärfere Regeln für AWB seiner Meinung nach unabhängig vom Antikorruptionsgesetz ausformuliert werden. Dieses regle zunächst das Grundsätzliche.

Der AOK-Bundesverband bedauerte, dass den Krankenkassen die Namen der an AWB teilnehmenden Ärzte nicht bekannt seien. Wäre dies der Fall, „könnten wir bei Verordnungsauffälligkeiten nachhaken und zumindest Rückfragen an Vielverordner richten“, sagte ein Sprecher.

Mitarbeit: Christian Baars (NDR), Ben Bolz (NDR), Denise Friese (WDR), Lisa McMinn (correctiv.org).
Datenbank: Stefan Wehrmeyer.
Layout: Simon Jockers.
Foto: Ivo Mayr.
Textchef: Ariel Hauptmeier.

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Pharmaindustrie hat weiter freie Hand

Die Enthüllungen von CORRECTIV und SZ/NDR/WDR über Anwendungsbeobachtungen (AWB) für Medikamente beschäftigen auch die Politik. Die Bundesregierung hat jetzt auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Fraktion geantwortet. Darin verteidigt sie die bisherige Praxis. Die Grünen wollen dagegen eine Änderung des Arzneimittelgesetzes. Experten fordern, dass Patienten künftig zumindest informiert werden, ob sie in einer AWB beobachtet werden.

von Hristio Boytchev

Bei dieser Recherche haben wir mit der „Süddeutschen Zeitung“ kooperiert.


Im März hatte CORRECTIV gemeinsam mit dem Rechercheverbund aus NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ aufgedeckt, welches Ausmaß die Ärzte-Korruption bei sogenannten „Anwendungsbeobachtungen“ erreicht hat. Demnach beteiligt sich jeder zehnte Arzt an Scheinstudien. Offiziell dienen diese AWBs dazu, wissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu sammeln, wie gut Patienten bestimmte Medikamente vertragen. Tatsächlich ermöglicht diese Praxis der Pharmaindustrie aber, teure und nicht selten überflüssige Medikamente in den Markt zu drücken, weil die Ärzte für die „Beobachtung“ ihrer Patienten ein oft hohes Honorar bekommen.  

Die Bundesregierung sieht darin jedoch nichts Verwerfliches. „Durch verschiedene gesetzliche Regelungen sind in den letzten Jahren die Voraussetzungen für eine Verbesserung der Qualität der AWB und für die Verhinderung eines Missbrauchs zu Marketingzwecken geschaffen worden“, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage der LINKEN. 

Die Antwort zeigt aber auch, dass der Bundesregierung gar nicht klar ist, welches Ausmaß die AWBs inzwischen haben und worum es im Detail geht. Wiederholt finden sich in dem Schreiben Formulierungen wie: „Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.“ Etwa dazu, wie viele der Scheinstudien in den einzelnen Bundesländern durchgeführt werden. Oder: Bei welchen Krankheiten sie besonders beliebt sind. Oder: Ob die Zuwendungen an die Ärzte zugenommen haben. 

CORRECTIV hatte berichtet, dass Ärzte für eine Anwendungsbeobachtung bis zu 7280 Euro pro Patient bekommen können. Auch darin sieht die Bundesregierung offenbar kein Problem. Sie schreibt, dass „Art und Höhe der Entschädigungen in der Regel im Verhältnis zum dargestellten Aufwand“ stehen. 

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Insgesamt beharrt die Bundesregierung auf dem Nutzen der Studien: „Mit Hilfe der AWB können Erkenntnisse aus der Praxis über zugelassene oder registrierte Arzneimittel gewonnen werden“, schreibt sie. Dabei hatten wir berichtet, dass Scheinstudien nur selten veröffentlicht werden – und Wissenschaftler sie nicht ernst nehmen. 

Am Mittwoch hatte der Gesundheitsausschuss des Bundestags auf Antrag der Grünen über die neuen AWB-Veröffentlichungen debattiert und hörte dazu Experten vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) und Bundesärztekammer. Konsens lautete nach Angaben von Teilnehmern darüber, dass Patienten künftig informiert werden sollen, wenn ein Arzt sie im Rahmen einer AWB beobachtet. Laut einer Auswertung der KBV finden Anwendungsbeobachtungen demnach vor allem für teure Präparate statt: Die Medikamente, die dabei untersucht werden, betreffen demnach zwar nur 2 Prozent aller Verschreibungen, verursachen aber 25 Prozent aller Kosten. Auf Anfrage wollte die KBV diese Zahlen weder bestätigen noch dementieren. Sie verwies darauf, dass die Expertengespräche im Gesundheitsausschuss nicht für die Öffentlichkeit bestimmt seien. 

Am heutigen Donnerstag will das Parlament ein Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen verabschieden. Erstmals sollen dann auch niedergelassene Ärzte, die Schmiergeld von der Pharmaindustrie kassieren, bestraft werden können. Auch solche Anwendungsbeobachtungen, bei denen es nur um ein Honorar geht, um den Umsatz der eigenen Medikamente zu fördern, können dann vom Straftatbestand der Bestechung und Bestechlichkeit erfasst werden. Staatsanwälte müssen künftig bei einem Verdacht auf Korruption handeln. 

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht davon aus, dass das neue Gesetz auch die Auswüchse der Anwendungsbeobachtungen korrigiere. Er habe sich das Gesetz im Einzelnen strenger gewünscht, aber insgesamt sei es ein „großer Wurf“. Nun liege der Ball bei den Gerichten. Die ersten Urteile gegen korrupte Ärzte hätten sicherlich einen Abschreckungseffekt. 

Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der LINKEN, kann sich Lauterbachs Begeisterung für das neue Gesetz nicht anschließen. Sie bemängelt, dass es weiterhin keine systematische Überwachung bei den Scheinstudien geben wird. „Die Zahlen von CORRECTIV machen klar, dass hier eine korruptive Industrie entstanden ist.“ Die meisten Anwendungsbeobachtungen dienten dazu, „das Verbot von offener Ärzteschmierung durch Pharmakonzerne zu umgehen.“ Und weiter: „Es ist erschreckend, dass die Bundesregierung das große Problem der Pseudo-Studien kaum zur Kenntnis nimmt.“

Kordula Schulz-Asche, arzneimittelpolitische Sprecherin der Grünen, pflichtet ihr bei. Beim Antikorruptionsgesetz habe man es versäumt, die AWBs zu regeln. Sie will sich nun dafür einsetzen, die Scheinstudien im Arzneimittelgesetz zu kontrollieren, das demnächst neu verhandelt wird. Schulz-Asche: „Da muss was passieren.“

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Pseudo-Transparenz

Auf diesen Moment hatte die Pharmaindustrie seit Jahren hingearbeitet: Nach all den Skandalen um Urlaubsreisen für Ärzte, iPods für Top-Verordner und kaum getarnte Schmiergeld-Vereinbarungen wollte die Industrie am 30. Juni 2016 ein neues Kapitel im Umgang mit der Öffentlichkeit aufschlagen.

von Markus Grill

Transparenz solle ab jetzt herrschen, verkündete die Chefin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer, auf einer Pressekonferenz in Berlin. 54 der namhaftesten Pharmakonzerne haben seither ihre Zahlungen an Ärzte veröffentlicht. Das ist grundsätzlich ein Fortschritt.

Aber die Art und Weise, wie die Veröffentlichung erfolgt, diskreditiert das Bemühen vom Start an. Denn die Pharmakonzerne präsentieren die Daten in einer Weise, die klar macht, dass sie am besten keiner lesen soll.

  1. Jedes Unternehmen versteckt seine Zahlungen an Ärzte in PDFs, die in vielen Fällen nicht computerlesbar sind. Die Ärzte sind in diesen Dokumenten häufig nur nach Vornamen sortiert, die Orte, in denen die Praxen liegen, tragen keine Postleitzahlen. Manche Firmen wie Grünenthal verbieten es sogar ausdrücklich, die Daten zu nutzen.
  2. Die Pharmafirmen haben von nicht mal 30 Prozent der Ärzte die Einwilligung erhalten, ihren Namen zu veröffentlichen. Dies liegt auch am mangelnden Engagement mancher Unternehmen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass bei GlaxoSmithKline 90 Prozent der Ärzte einverstanden waren mit der Veröffentlichung ihrer Namen, bei Sanofi-Aventis aber nur 16 Prozent? 
  3. Der allergrößte Teil der Zahlungen, die Honorare für die umstrittenen Anwendungsbeobachtungen (AWB) und andere Studien, bleiben auch weiter eine Black Box – die Unternehmen verweigern jede Auskunft, wie viel Geld an welche Ärzte für AWBs floss. Das Argument, dass hiermit Geschäftsgeheimnisse geschützt würden, zieht nicht. Denn alle Kern-Daten über AWBs sind ohnehin bekannt und werden auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht. Einzig die Namen der Ärzte, die dabei mitmachen, bleiben auch künftig im Dunkeln.

Wir wollten uns mit dieser Pseudo-Transparenz nicht abfinden. Wir haben gemeinsam mit den Kollegen von „Spiegel Online“ die PDFs der Pharmafirmen ausgewertet, die Informationen extrahiert und in eine eigene Datenbank überführt. Dort kann nun jeder Patient selber nachschauen, ob sein Arzt im vergangenen Jahr Geld oder geldwerte Vorteile von der Pharmaindustrie erhalten hat. Es ist eine frei zugängliche Datenbank, in der jeder Internetnutzer nach dem Namen, dem Ort oder der Postleitzahl unter mehr als 20.000 Ärzten suchen kann.

Wir freuen uns, auch als kleines Recherchebüro der großen Pharmaindustrie helfen zu können auf ihrem Weg zu mehr Transparenz.

Wenn Ihr uns bei dieser Arbeit dabei unterstützen wollt, könnt ihr Fördermitglied von CORRECTIV werden.

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Euros für Ärzte

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von Christina Elmer , Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Link direkt zur Datenbank.

Es war ein Kulturbruch: Ende Juni legten 54 Pharmakonzerne erstmals offen, wie viel Geld sie an Ärzte in Deutschland zahlen. 575 Millionen Euro flossen demnach im vergangenen Jahr an mehr als 71.000 Ärzte, Fachkreisangehörige und medizinische Einrichtungen. Ein knappes Drittel dieser Ärzte hat zugestimmt, dass die an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht werden dürfen. Nach einer gemeinsamen Auswertung der Daten veröffentlichen CORRECTIV und „Spiegel Online“ nun erstmals eine Datenbank mit den Namen von 20.489 Mediziner, die im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben. Jeder Internetnutzer kann in dieser Datenbank nun Ärzte nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen.

Spitzenreiter unter den namentlich bekannten Geldempfängern war ein Arzt in Essen: Dr. Hans Christoph Diener hat im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Euro für Vorträge, Fortbildungen, Beratungshonorar und Spesen erhalten. Auf Platz zwei folgt der Bonner Mediziner Dr. Jürgen Rockstroh mit 148.000 Euro, auf Platz drei der Diabetologe Dr. Michael Albrecht Nauck aus Bochum mit 128.000 Euro und auf Platz vier der Diabetologe Dr. Thomas Forst aus Mainz mit 100.000 Euro. 

Dass diese Ärzte an der Spitze stehen, heißt nicht, dass sie deutschlandweit auch die meisten Zuwendungen bekommen haben. Sie sind nur die Ranglistenführer jener Ärzte, die sich freiwillig an der Initiative beteiligen.

Der Internist Jens Schreiber aus Magdeburg, erhielt Zuwendungen von elf verschiedenen Pharmaunternehmen im vergangenen Jahr, auch dies ein Rekord. Am meisten erhielt Schreiber von Novartis: 24.000 Euro.

Überhaupt ist Novartis Spitzenreiter bei den Zuwendungen an Ärzte: Insgesamt 12,2 Millionen Euro zahlte der Konzern im Jahr 2015 an Ärzte allein für Vorträge, Fortbildungen, Spesen oder als Beratungshonorar.

Das Transparenzprojekt hat einen Haken

„Die Veröffentlichung wird das Verständnis für die Zusammenarbeit zwischen Arzneimittelherstellern und Ärzten und ihre Akzeptanz in der Öffentlichkeit erhöhen“, lobte Birgit Fischer anlässlich der Vorstellung der Daten. Sie ist Hauptgeschäftsführerin der Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), der Lobby von Big Pharma in Berlin. „Auf Basis allgemein zugänglicher Zahlen kann die Öffentlichkeit nun nachvollziehen, wie Ärzte und Pharmaunternehmen im Gesundheitssystem zusammen arbeiten.“

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VfA-Chefin Birgit Fischer und FSA-Geschäfsfrüher Holger Diener (li.): „Mehr Vertrauen in die Pharmaindustrie“

Markus Grill

Das Transparenzprojekt hat allerdings einen Haken: Die Daten sind für Patienten nahezu unlesbar. Die 54 Unternehmen stellten die Dokumente mit zum Teil mehreren tausend Ärztenamen einfach irgendwo auf ihre Websites. In vielen Fällen waren die PDFs nicht computerlesbar, waren die Ärzte nur nach Vornamen sortiert, wurden die Orte ohne Postleitzahlen angegeben. Zusammengeführt wurden die Daten nirgends, durchsuchbar sollten sie nicht sein. „Eine solche Datenbank ist nicht geplant“, bestätigte FSA-Geschäftsführer Holger Diener. 

Manche Firmen verbieten sogar ausdrücklich, die Daten zu nutzen. Das Pharmaunternehmen Grünenthal etwa, einst Hersteller des schädlichen Contergan, schreibt auf seiner Webseite: „Die Veröffentlichung dieser Daten stellt keine Erlaubnis für Sie als Leser dar, diese Daten zu verarbeiten oder zu nutzen.“ Auch UCB Pharma warnt: „Die Veröffentlichung stellt unsererseits keine Erlaubnis für den Besucher der Website dar, die Daten weiterzuverarbeiten.“

Eine Datenbank mit 20.000 Namen

CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben sich davon nicht abschrecken lassen – und die Daten der 54 Pharmaunternehmen aufbereitet, eingelesen und in eine frei durchsuchbare Datenbank überführt. Es ist die erste derartige Datenbank in Deutschland, die Zahlungen der Pharmaindustrie an mehr als 20.000 Ärzte mit Namen und genauen Summen auflistet.

119 Millionen Euro haben die Pharmafirmen im vergangenen Jahr für Vortragshonorare, Fortbildungen und Reisespesen an Ärzte bezahlt. Allein aus diesem Topf flossen im Schnitt 1646 Euro an jeden der Ärzte. 

Dazu kommen insgesamt 366 Millionen Euro als Honorar für Anwendungsbeobachtungen und andere medizinische Studien, zu denen die Firmen aber alle detaillierten Angaben verweigern. „Man differenziert nicht weiter im Forschungsblock“, rechtfertig Birgit Fischer vom VfA auf Nachfrage die bestehende Intransparenz bei Anwendungsbeobachtungen. „Das ist eine Entscheidung, die gemeinsam getroffen wurde.“

Die Pharmaindustrie argumentiert immer wieder, dass es sich bei AWBs um Forschung handelt. Doch Arzneimittelprüfer wie Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) können darüber nur milde lächeln. „Diese Studien sind wissenschaftlich wertlos“, sagt der IQWiG-Chef. „Sie liefern uns keinerlei Informationen über den Nutzen und die Wirksamkeit eines Medikaments. Deshalb schauen wir sie uns auch gar nicht an.“

Die Zahlungen beeinflussen Ärzte

Seit Jahren streiten Experten darüber, welchen Einfluss die Zahlungen der Pharmaindustrie auf die Mediziner haben. Die meisten Ärzte glauben, dass sie unbestechlich seien, auch wenn sie sich von der Industrie sponsern lassen. Legendär ist mittlerweile eine Studie aus einem Krankenhaus in Kalifornien. Dort wurden die Ärzte gefragt, ob sie bei der Auswahl von Medikamenten durch Pharmareferenten beeinflusst werden. 61 Prozent gaben an, sie ließen sich „gar nicht“ beeinflussen. Dann wurden die gleichen Ärzte gefragt, ob sich ihre Kollegen durch Pharmavertreter beeinflussen lassen. Diesmal waren 84 Prozent der Ansicht, dass sich die anderen gelegentlich bis häufig beeinflussen lassen.

In Deutschland untersucht unter anderem Klaus Lieb den Einfluss der Zahlungen. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Mainz und sagt: „Wir Ärzte haben bezüglich Interessenskonflikten einen blinden Fleck. Wir lassen uns von der Pharmaindustrie einladen und glauben dennoch, wir seien unabhängig.“

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Klaus Lieb, Uniklinik Mainz: „Ärzte, die auf pharma-gesponserte Fortbildungen gehen, verordnen im Schnitt höherpreisige Präparate.“

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In der Fachzeitschrift „Plos One“ hat Lieb eine Untersuchung veröffentlicht, die zeigt, dass Ärzte, die häufig Pharmareferenten empfangen, auch mehr Medikamente verschreiben. „Dazu kommt, dass Ärzte, die auf pharma-gesponserte Fortbildungen gehen, im Schnitt höherpreisige Präparate verordnen.“ Zudem betonten industrienahe Ärzte die Vorteile von Medikamenten und neigten dazu, Risiken herunterzuspielen. „Für all diese Erkenntnisse gibt es mittlerweile eine ganz gute Datenbasis“, sagt Lieb.

Vorbild: ein Gesetz aus den USA

Nach Berechnungen von CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben nur 29 Prozent der Ärzte einer Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt. Lieb bedauert diese geringe Zahl. „Transparenz sieht anders aus“, sagt er. „Damit kann man auf der individuellen Ebene im Vergleich zum Sunshine Act nicht viel anfangen.“

Der „Physician Payments Sunshine Act“ ist ein Gesetz der US-Regierung unter Barack Obama aus dem Jahr 2010. Es verpflichtet alle Pharmaunternehmen, Summe und Namen der Ärzte zu veröffentlichen, an die sie im vergangenen Jahr Geld gezahlt hatten – und zwar ohne, dass die Ärzte zustimmen müssen.

„Keine Gesetze geplant“

Auf die Frage, ob der geringe Anteil von offenlegungswilligen Ärzten in Deutschland irgendwelche Konsequenzen haben sollte, lässt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mitteilen: „Neben den bereits bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Transparenz und Korruptionsbekämpfung sind zurzeit keine weiteren Gesetze geplant.“ Obamas Sunshine-Act lehnt Gröhe für Deutschland ab: „Die Regelungen in den USA stoßen teilweise auf Kritik. Es wird angeführt, dass sie geeignet seien, aufgrund der kontextlosen Darstellung der Zahlungen, Ärzte und Unternehmen grundsätzlich unter den Verdacht der Korruption zu stellen“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit.

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Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz sieht in der Veröffentlichung der Geldströme an die Ärzte immerhin einen Fortschritt. „Wenn man diese Zahlungen öffentlich macht, nimmt der Arzt seine eigenen Interessenskonflikte plötzlich wahr, er blickt auf sie drauf und hat dann eine gewisse Distanz. Das hilft ihm, aus dem Blinden-Fleck-Problem heraus zu kommen.“

Peter Sawicki, als Leiter des IQWiG viele Jahre lang Deutschlands oberster Arzneimittelprüfer, widerspricht. Er hält den Transparenzkodex der Pharmaindustrie für puren Aktionismus. „Das ist eine weitere Maßnahme, um sich der Öffentlichkeit als sauber zu präsentieren.“ Auch er betont, dass die Zahlungen der Pharmaindustrie die Ärzte massiv beeinflussten. Das sei durch eine Vielzahl von Studien erwiesen. „Es wird endlich Zeit, dass wir aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen und eine pharma-unabhängige Fortbildung für Ärzte begründen“, sagt er. „Aber dazu fehlt der politische Wille.“

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