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In dieser Anlage der Firma Renova werden auch alte Teppiche verbrannt.© Will Rose

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Wie die Teppichindustrie versucht, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen

Alte Teppiche werden in Deutschland in aller Regel verbrannt. Einige Teppichhersteller brüsten sich nun mit Nachhaltigkeitskonzepten und erwecken den Eindruck, dass sie alte Teppiche recyceln. Doch nach CORRECTIV-Recherchen werden weniger als fünf Prozent der Teppiche tatsächlich recycelt, die Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Recycling-Werbung als „Greenwashing". Die EU fördert die Hersteller dennoch mit Millionen-Beträgen.

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von Benedict Wermter , Amanda Chaparro , Delphine Reuter

Die niederländische Firma Desso und das amerikanische Unternehmen Interface sind die Marktführer unter den Teppichherstellern in Europa. Jeder zweite ausgelegte Teppich wird in den Fabriken einer der beiden Firmen hergestellt. Sie sind außerdem die einzigen Unternehmen der Branche, die mit Nachhaltigkeitsstrategien werben.

So will die Firma Desso nach eigenem Bekunden soziale Verantwortung tragen und erneuerbare Energien nutzen. Vor allem wirbt der Teppichproduzent damit, gebrauchte Teppichböden zu recyceln und Schadstoffe zu vermeiden. Für das Recycling betreibt Desso eine Anlage in den Niederlanden. „Unternehmen müssen in der Lage sein, die Materialströme zu bestimmen, wenn das Produkt nach seiner Nutzung zurückgegeben wird“, schreibt Desso auf seiner Internetseite.

Außerdem preist Desso seine Cradle-to-Cradle Zertifikate. Diese hat das Unternehmen von der Umweltberatungsfirma EPEA aus Hamburg dafür erworben, dass einige seiner Produkte auf Umweltschädlichkeit und Recyclingfähigkeit überprüft worden sind. So haben einzelne Produkte ein Gold- oder Silberzertifikat für ihre Schadstoffarmut bekommen.

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Fabrik des Marktführers Desso.

Zigtausende Quadratmeter Teppich stellen die Niederländer her. Doch nur ein Bruchteil davon wird wieder recycelt.

Will Rose

Cradle-to-Cradle heißt „von der Wiege zur Wiege“. Nach dieser Philosophie gibt es keinen Abfall, sondern Unternehmen und Kunden dürften „intelligent verschwenden“ – solange Stoffströme geschlossen sind. Diese Denkschule geht auf den deutschen Chemiker Michael Braungart zurück, der mit Unterstützung seiner Ehefrau, der Ex-Umweltministerin Monika Griefahn, weltweit mehrere Beratungs- und Lizenzfirmen betreibt. „Im Mittelpunkt der Cradle to Cradle-Philosophie steht die Idee ,Abfall ist Nahrung’. Im Falle von Teppichböden hat Desso also eine Technologie entwickelt, mit der Teppiche zurückgenommen und deren Materialien recycelt oder wiederverwendet werden können.“ So beschreibt Desso selbst seinen Beitrag zur Cradle-to-Cradle-Denkschule.

Konkurrent Interface verfolgt seit 1994 einen Null-Abfall-Plan, „Mission Zero“ genannt, den das Unternehmen bis 2020 umgesetzt haben will. Kernelemente des Plans sind ähnlich wie bei Desso Müll vermeiden, erneuerbare Energien einsetzen, und den Stoffkreislauf schließen, also gebrauchte Teppiche zurücknehmen, die in einer eigenen Anlage in den Niederlanden in ihre Einzelteile zerlegt werden sollen.

Das grüne Image beider Teppichhersteller zahlt sich offenbar aus. Die Firmen gelten nicht nur als Branchenpioniere in Sachen Umweltschutz. Vor allem sind sie wirtschaftlich erfolgreich: Desso verkauft europaweit 187 Millionen Quadratmeter pro Jahr, Interface 208 Millionen – wie viel davon sie in Deutschland absetzen, wollen beide Hersteller auf Anfrage nicht verraten. Zum Vergleich: Die größten deutschen Firmen wie Vorwerk produzieren laut Branchenverband etwa 2,5 Millionen Quadratmeter.

Nur 3 Prozent der Teppiche landen wieder beim Hersteller

Doch: Wie CORRECTIV-Recherchen zeigen, nehmen die Marktführer nur kleine Mengen ihrer Teppiche tatsächlich zurück. Im Jahr 2015 hat Interface gerade einmal 900 Tonnen in Europa eingesammelt – das entspricht 1,5 Prozent der im selben Jahr verkauften Menge. Von einem Null-Abfall-Plan kann dabei nicht die Rede sein. Desso habe im selben Jahr 1342 Tonnen in Europa zurückgenommen, teilt die Firma nach zähem Hin und Her mit. Das entspricht nur 3 Prozent der verkauften Menge. 

Interface antwortet nur vage und teilt mit: „Trotz der oft komplexen und technischen Herausforderungen haben wir uns dazu verpflichtet, nachhaltigere Geschäftsaktivitäten voranzutreiben.“ Konkurrent Desso reicht die Verantwortung an seine Kunden weiter und schreibt: „Desso handelt aktiv, um Marktbedingungen zu verbessern, und ermutigt seine Kunden zu Pro-Recycling-Verhalten.”

Eine Studie der Deutschen Umwelthilfe hat ergeben, dass in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt rund 180 Millionen Quadratmeter verkauft wurden, der Branchenumsatz liegt bei 12 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland der größte Absatzmarkt in Europa für Teppichhersteller. Etwa die Hälfte der Teppiche wird an private Haushalte verkauft, 40 Prozent in gewerblichen Räumen verlegt, der Rest landet auf Schiffen, Messen, oder in Flugzeugen. Einmal ausgerollt und verlegt liegen diese Kunststoff-Mischungen bis zu zehn Jahre; je nachdem, wie stark sie beansprucht werden, und ob sich in der Zwischenzeit Stilrichtungen ändern oder Räume anders genutzt werden.

Desso trennt in seiner „Refinity“ Fabrik in den Niederlanden Teppichfasern von anderen Schichten. Die benutzen Fasern schickt der Hersteller in die Werke der Firma Aquafil nach Italien oder Slowenien, erst dort wird aus dem alten Teppichgarn Nylon zurückgewonnen. Schon bei Dessos Internetauftritt fällt auf: Rückenbeschichtungen werden an den Straßenbau weiterverkauft, andere Komponenten zur Verbrennung an die Zementindustrie weitergegeben. Sehen geschlossene Kreisläufe nicht anders aus?

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Wertvolles Nylon:

Teppichgarn kann man recycelt. Doch dazu müssen sich die Hersteller auf einheitliche Produktionsmodelle einigen.

Will Rose

Die eigene Refinity Anlage wird sogar seit 2010 von der Europäischen Union mit Steuergeldern unterstützt. Desso hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2013 in Europa mindestens 16.000 Tonnen gebrauchter Teppiche zurückzubekommen. Im Gegenzug hat das Unternehmen von der EU die Hälfte der 1,5 Millionen Euro teuren Anlage bezahlt bekommen. Auf Anfrage von CORRECTIV bei der Umweltabteilung der EU teilt eine Sprecherin mit, dass sie zufrieden seien mit Dessos Leistung: Die Anlage laufe gut, sogar die niederländische Königin Beatrix habe dort schon vorbei geschaut.

Zudem hat Desso im Jahr 2012 ein Leasingsystem eingeführt, bei dem die Firma Eigentümer des Teppichs bleibt. Doch selbst wenn das Programm noch nicht lange läuft und Desso seinen Kunden beim Abtransport hilft, räumt der Teppichhersteller ein, dass „das Rücknahme System doch noch nicht wirklich bedeutsam ist.“

Das mag auch daran liegen, dass Desso offenbar keinen Plan dafür hat, wie die Teppiche vom  Privatmarkt zurückgenommen werden sollen. Denn das Rücknahmesystem bezieht sich hauptsächlich auf den Verkauf von Teppichfliesen im gewerblichen Bereich. Wie groß der Verkauf auf dem Privatmarkt ist, will Desso nicht verraten. CORRECTIV hat alle Vertragshändler von Desso in Berlin kontaktiert. Das Ergebnis: Keiner der Teppich-Händler hat gesagt, von dem Rücknahmesystem etwas gehört zu haben.

Umwelthilfe wirft den Firmen Greenwashing vor

Verpassen sich die Marktführer Desso und Interface also grüne Siegel, die die Realität verschleiern? „Desso und Interface arbeiten im Vergleich zu anderen Herstellern mehr am Recycling. Doch vieles steckt hier noch in den Kinderschuhen“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Das würde sich beim Marketing der beiden Unternehmen allerdings nicht bemerkbar machen: die Firmen würden den Eindruck erwecken, Kreislaufstrukturen seien voll aufgebaut, während Recycling in der Praxis kaum stattfinde. „Die Diskrepanz zwischen Darstellung und Realität kann man als Greenwashing bezeichnen“, sagt Fischer.

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Edmund Vankann ist einer, der sich auskennt mit Teppichböden. Er ist der Kopf des Branchenverbands Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichboden (GUT), in dem sich nach eigenen Angaben 95 Prozent der Hersteller versammeln. Auch er kritisiert Cradle to Cradle als ein unrealistisches Konzept in Zusammenhang mit Recycling: „Ein Goldzertifikat draufkleben, ist einfach. Es bleibt die Fragen, wie lässt sich die Rücknahme für alle umsetzen?“ Die GUT überlege, wie man die verschiedenen Produktionsmodelle der Hersteller so vereinheitlichen kann, dass ein branchenübergreifendes Recycling möglich ist. Bisher ohne Ergebnis, und so plädiert Edmund Vankann für die Verbrennung: „Teppiche brennen gut, denn die Rückenbeschichtungen enthalten viel Kreide.“

Gegen den Vorwurf des Greenwashings wehren sich die Unternehmen Desso und Interface. Desso schreibt: „Wir denken, dass die Menge von 20.000 Tonnen erreicht werden kann, auch wenn es länger dauert, als erwartet. Die Anschuldigung des Greenwashings ist völlig falsch und unbegründet mit Bezug auf das, was die Firma täglich leistet.“ Interface teilt mit: „Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben.“

Im Jahr 2016 wurden europaweit 1,6 Millionen Tonnen gebrauchter Teppichböden vernichtet. Wie viele Tonnen davon auf Deutschland fallen, ist unklar. Letzte Schätzungen gehen auf die Jahrtausendwende zurück, da wurde mit 400.000 Tonnen gerechnet. Da das Vergraben von gebrauchten Teppichen seit 2005 verboten ist, werden seither Teppichreste verbrannt. Benjamin Bongardt, Experte für Abfall beim Umweltverband Naturschutzbund, sagt, Müllverbrennung in Zementwerken und Verbrennungsanlagen sei heute eine weitgehend saubere und sichere Technik. Aber: Bei jeder Müllverbrennung würden wertvolle Ressourcen in der Luft aufgehen, und Kohlenstoffdioxid würde freigesetzt.

Deutschland wurde von Umweltverbänden lange als „Müllstaubsauger Europas“ bezeichnet. Denn hierzulande stehen über 100 Anlagen, die zusammen fast 25 Millionen Tonnen Abfall jährlich verbrennen. Lange waren die Anlagen nicht ausgelastet, noch im vergangenen Jahr musste etwa eine Million Tonnen Müll importiert werden. Kritiker sagen, dies sei ein Grund für niedrige Verbrennungspreise, die Anreize zum Recycling herabsetzen würden.

Wer verstehen will, warum alte Teppiche heute verbrannt werden, muss einen Blick zurück auf die Jahrtausendwende werfen. Im Brandenburgischen Premnitz wurde im Jahr 1999 Europas größte Teppichrecycling-Fabrik gebaut, die Polyamid 2000. Nur fünf Jahre nach dem Start wurde die Polyamid 2000 zerschlagen und verkauft. Heute steht auf dem Gelände eine Müllverbrennungsanlage.

André Karutz ist Chemiker in Rente, früher war Karutz bei Polyamid 2000 für den Ankauf gebrauchter Teppiche verantwortlich. Karutz sagt, die Fabrik scheiterte aus zwei Gründen. Erstens: Er konnte nicht genügend Teppiche besorgen, die Nylon enthielten. Die Betreiber der Fabrik hätten sich da verschätzt, er habe vergeblich in verschiedenen anderen Produkten nach einer Nylonsenke gesucht, schließlich musste er einen Großteil gebrauchter Teppiche aus den USA importieren. „Das war natürlich völlig unrentabel.“

Der zweite Grund für das Scheitern der Anlage wiegt schwerer: André Karutz sagt: „Die Fabrik war schlicht nicht in der Lage, die Teppiche zu recyceln.“ Wenn gebrauchte Teppiche zu viel Wasser enthielten, etwa weil sie im Regen gelagert wurden, mussten ganze Ladungen abgewiesen werden. Neben Problemen bei der Lagerung gab es auch Probleme bei der Identifikation der Teppiche, welche Inhaltsstoffe genau enthalten sind. Schließlich konnten die Teppiche nicht ausreichend in ihre Einzelteile zerlegt werden. Besonders die Trennung verschiedener Schichten und Kleber zwischen Fasern und Rücken bereitete den Chemikern Probleme.

Eine Überarbeitung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes verspricht jetzt neue Hoffnung für das Teppichrecycling: Da Teppiche so gut brennen, weisen sie hohe Brennwerte aus, die es der Entsorgungsindustrie erlaubten, die ersten Stufen der Abfallhierarchie zu ignorieren und mit dem Müllauto unmittelbar zur Verbrennungsanlage zu fahren. Diese Heizwertklausel wurde Ende des vergangenen Jahres gestrichen. Ab Sommer 2017 sollen Entsorger alte Teppiche nach den ersten Stufen der Hierarchie behandeln.

Gefährliche Keime

Undercover in der Charité

Zwölf Tage lang war unser Reporter Benedict Wermter verdeckt in der Berliner Charité. Als Pflegepraktikant hat sich Benedict im September in das größte Universitäts-Krankenhaus Europas eingeschleust. Wie geht die Charité mit Hygiene und Keimen um? Nicht immer sauber.

von Benedict Wermter

Vor der Stationsküche sehe ich Maria Müller* am Kaffeetisch stehen. Sie füllt ein Glas mit Kakao. Müller ist Patientin in der Charité, sie hat einen multiresistenten Keim. Damit sie keine anderen Patienten anstecken kann, wird sie eigentlich in ihrem Zimmer isoliert. Trotzdem läuft sie auf der Station herum. Sie benutzt auch die Behindertentoilette auf dem Gang. Nachts, erzählen die Schwestern, sei sie oft stundenlang im ganzen Haus unterwegs.

Bis zu 15.000 Menschen sterben nach offiziellen Zahlen jährlich in Deutschland an Krankenhaus-Infektionen. Tatsächlich sind es wohl viel mehr, haben Recherchen von DIE ZEIT, ZEIT ONLINE, der Funke-Mediengruppe und CORRECTIV ergeben. Als verdeckter Reporter von CORRECTIV bin ich zwölf Tage lang auf der Gastroenterologie der Charité im Berliner Wedding unterwegs. Auf dieser Station liegen vor allem Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder der Leber. Ich will herausfinden, wie die hygienische Versorgung im größten Universitätsklinikum Europas funktioniert.

Ich bewerbe mich als Praktikant und kann sofort anfangen. Offenbar brauche ich keine offizielle Einweisung in Pflege und Hygiene. Auf meiner Station spiele ich den tollpatschigen Spätzünder, der um einen Ausbildungsplatz in der Krankenpflege kämpft.

Knapp drei Wochen später werte ich aus, was ich erlebt habe. Ich habe zahlreiche verkeimte Patienten frei auf der Station herumlaufen sehen. Das Personal hat sich und andere nicht immer vor resistenten Erregern geschützt. Viele meiner Kollegen wirkten in ihrem Arbeitsalltag überfordert. Gleichzeitig habe ich Besucher und Patienten oft schlecht informiert erlebt. Viele infizierte Patienten habe ich auf die Keime angesprochen. Die meisten hatten entweder keine Ahnung oder verdrängten das Problem.


Hier gibt es unsere Reportage auch in lesefreundlicher Variante als eBook, für jeden kostenlos zum Download:

eBook – Undercover Charité, etwa 82 Seiten

Eine Kurzversion der Recherche ist heute bei den Kollegen der Berliner Morgenpost gedruckt worden.

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[*alle Namen von Patienten sind zu deren Schutz geändert worden]

Montag, Schwesternzimmer, Tag 1

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Meine erste Morgenbesprechung. Es riecht nach Kaffee und Krankheit. An der Wand hängen Urlaubspläne. Auf dem Tisch steht Sekt und Süßes, geschenkt von den Patienten. Worte wie Teerstuhl oder Sammelurin geben einen Ausblick auf die kommenden zwölf Frühschichten.

Die Nachtschwester übergibt: Wir tragen Zimmer, Name, Diagnose in die Formulare ein. Meine größte Sorge sind die offenen Wunden, bei deren Anblick mir schwindelig wird. Ein Patient wird die nächsten Tage nicht überleben, gibt uns die Schwester mit auf den Weg. Bei einer Frau funktioniert der Harnkatheter nicht. Jemand spuckt Blut, ein gebrochener Zeh und ein gezogener Zahn. Raus geht es auf die beiden Gänge A und B, eine Einweisung gibt es für mich nicht.

Mir machen die ersten Tage in der Charité doppelt zu schaffen. Ich habe erstens noch nie in der Pflege gearbeitet und zweitens muss ich aufpassen, nicht aufzufliegen. Als Mann falle ich in der Pflege ohnehin schon auf. Meine Angst und mein Ekel helfen da nicht. Warum will jemand in die Pflege, der Probleme mit Blut und Wunden hat? Mein angelesenes Wissen zu multiresistenten Keimen muss ich einsetzen, um die richtigen Fragen zu stellen. Gleichzeitig darf ich nicht zu sehr bohren, nicht zu viel Wissen zeigen. Wenn die Schwestern misstrauisch werden, platzt die komplette Recherche.

Etwa jeder fünfte Deutsche trägt MRSA auf seiner Haut, den wohl bekanntesten multiresistenten Erreger. Durch offene Wunden, einen Katheter oder eine Operation dringen die Keime in die Blutbahn ein. Sind sie im Blut, ist man infiziert. Vor allem sehr junge, alte und schwache Patienten sterben an den Keimen. Bakterien wie MRSA sind resistent gegen die meisten Antibiotika. Sie sterben bei einer Behandlung nicht mehr ab, sondern fressen sich durch krankes Gewebe oder vergiften das Blut. Die Keime entstehen, weil in Krankenhäusern, bei ambulanten Ärzten und in der Tiermast zu viele Antibiotika benutzt werden.

Die tödlichen Keime verbreiten sich immer stärker. Das liegt auch an der mangelnden Hygiene in Krankenhäusern. Deshalb gehe ich als verdeckter Reporter in die Charité. Das, was ich hier als Pfleger hautnah erlebe, finde ich nur als Beteiligter heraus. Als jemand, der sich vorher alles zum Thema Hygiene angelesen hat, kann ich die Pfleger, Schwestern und Ärzte nicht nur beobachten – ich kann auch testen, wie viel sie über tödliche Keime und Hygieneregeln wissen.

Als Ort meiner verdeckten Recherche habe ich mir bewusst die Berliner Charité ausgesucht. Im Mittelalter ein riesiges Pesthaus, ist sie jetzt das größte Universitäts-Krankenhaus Europas. Vier Berliner Standorte, mehr als 3000 Betten, 13.000 Mitarbeiter, jedes Jahr 140.000 stationäre und 640.000 ambulante Fälle, mehr als eine Milliarde Euro Jahresumsatz.

Dienstag, Gänge A und B, Tag 2

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Ich teile Essen aus, fülle hunderte Spritzen, Kanülen und Katheter in passende Behälter. Dazu messe ich Blutzucker und Vitalwerte wie Druck und Puls. Die ganze Zeit arbeite ich unkontrolliert in direktem Kontakt mit den Patienten.

Die Keimzimmer sind mit einem gelben Warnschild im DIN A4-Format gekennzeichnet. Buchstaben darauf stehen für die Keime, die der Patient hat: Ein M steht für MRSA, ein V für VRE, ein 3M oder 4M für die Keime, die gegen drei beziehungsweise vier von vier Antibiotikasorten resistent sind. Über den Buchstaben steht: Vor dem Betreten bitte beim Personal melden. Während meiner Zeit besuchen dutzende Menschen die isolierten Patienten. Die meisten kommen täglich vorbei. Dass sich jemand beim Personal meldet, sehe ich kein einziges Mal.

Die Charité schreibt auf Anfrage von CORRECTIV im Anschluss an meine verdeckte Recherche, „alle Besucher sind dazu angehalten, sich vor dem Betreten von Isolierzimmern beim Personal zu melden.“

Die Keime machen mir Angst. In den ersten Tagen frage ich gewissenhaft nach Symptomen und Infektionswegen. Eine Schwester sagt mir, ich solle mich erst um die Keime kümmern, wenn ich die Berufswahl getroffen habe. Es kämen so schnell so viele neue Keime hinzu, dass niemand genau wisse, was gerade los ist. Eine andere Schwester sagt, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen: „So schnell geht das nicht. Nur die Patienten — da haben es manche heute nicht und morgen schon.“

Kein Betriebsarzt, keine offiziellen Dokumente helfen mir anfangs im Umgang mit den Keimen. Nur eine Auszubildende gibt sich Mühe: „Die Gefahr, sich anzustecken, ist gering. Viel wichtiger ist es, die Keime nicht auf der Station zu verteilen.“ Die Charité setze auf Eigenverantwortung der Patienten. Die sollen angeblich selbst für Hygiene sorgen. So richtig sprechen möchte mit mir niemand über das Problem.

Die Aufgaben meiner Kollegen kann ich schnell an der Farbe ihrer Leibchen erkennen. Die Putzkräfte tragen rosa, Auszubildende grün, die Schwestern und Pfleger weiß oder blau. Die Ärzte tragen steifes, langes weiß. Die Haut der Patienten schimmert unter ihren Hemdchen gelb. Viele haben Probleme mit der Leber, Krebs, Hepatitis oder Zirrhosen. Wen ich schon vor der Schicht morgens um 6 Uhr vor dem Gebäude rauchen sehe, der hat meist einen langen Leidensweg. Andere hat es mitten aus dem Alltag über die Notaufnahme auf die Station verschlagen. Neben den Putzleuten, Pflegern und Ärzten kommen und gehen im dritten Stock auch Physiotherapeuten, Krankentransporter, Sozialarbeiter, Personalmanager und Besucher. Theoretisch müssen alle die Hygieneregeln befolgen, um sich und andere vor den Keimen zu schützen. Doch die Einhaltung wird so weit ich es beobachten kann von niemandem kontrolliert.

Mittwoch, auf den Zimmern, Tag 3
Mein Weg zur Arbeit führt mich auf dem Rad entlang der Osloer- und der Seestraße bis zum Virchow Klinikum, wo das Personal der Charité die U-Bahn verlässt und sich schweigend auf die Stationen verteilt. Im dritten Stock sammelt sich nach dem Umziehen das Team der Frühschicht im Schwesternzimmer. Um 6.30 Uhr geht es in die offizielle Morgenübergabe. Da ich keinen Dienstplan habe, weiß ich nie, mit wem ich zusammen arbeite. Die Schicht geht bis um 14.48 Uhr, auf die Minute genau. Mich schlaucht die Arbeit sehr. Am Nachmittag muss ich immer noch in die Redaktion, um die Beobachtungen mit den Kollegen zu teilen. Meist kann ich um 14 Uhr gehen, wenn die Schwestern es erlauben.

Ich messe Blutdruck, Puls, Temperatur und Blutzucker. Jetzt bin ich in direktem Kontakt mit den Keim-Patienten in den isolierten Zimmern. Die Auszubildende hat mir gezeigt, wie man mit der Stichlanzette den desinfizierten Finger des Diabetikers punktiert. Mit einem Ein-Weg-Teststreifen, der an das digitale Blutzuckermessgerät angeschlossen ist, ermittle ich einen Wert. Die Azubi legt Wert auf Handschuhe. Schließlich gehe es um Blut. Einen Tag vorher habe ich sie beim Blutzucker messen begleitet. Gegen Ende der Runde trägt sie keine Handschuhe mehr. Sie desinfiziert sich weder die Hände, noch desinfiziert sie das Gerät. Sie weiß, dass die Teststreifen eigentlich in den dafür vorgesehenen Behälter und nicht in den Mülleimer kommen.

Die Charité schreibt: „Das Tragen von Handschuhen bei möglichem Kontakt mit Blut, Sekreten und Exkreten ist eine grundlegende Forderung des Personalschutzes, die auch in der Charité konsequent umgesetzt wird.“

Im Schwesternzimmer liegt ein Hygieneordner, knapp 100 Seiten dick. Die Anweisungen an die Schwestern kommen von der Chef-Hygienikerin der Charité, Professor Petra Gastmeier. Das Wichtigste: Bei direktem Kontakt mit Patienten in Isolation und bei Kontakt mit seiner „unmittelbaren Umgebung“ müssen das Personal und ich immer Schutzkleidung tragen, Kittel und Handschuhe. Das bezieht sich auf Oberflächen und Gegenstände. Den Mund-Nasenschutz müssen wir tragen, wenn mit einer „möglichen Kontamination“ zu rechnen ist. Wenn der Patient beispielsweise hustet oder niest. Das sollen wir Patienten und Besuchern erklären. Die Umgebung des isolierten Patienten muss täglich wischdesinfiziert werden. Auch beim Transport sollen isolierte Patienten Schutzkleidung tragen.

Ich behandele die Patienten auf den isolierten Zimmern völlig unkontrolliert. Ich versuche mich dabei an die hygienischen Vorschriften zu halten, die ich ungenau finde. Erst viel später sagt mir jemand, dass ich das Blutzuckermessgerät eigentlich mit einem Handschuh schützen muss. Oder dass ich die Manschette vom Blutdruckmesser, die dem Patienten um den Arm gebunden wird, gelegentlich desinfizieren sollte. Und dass ich diese Gegenstände nicht auf das Bett der Patienten legen darf.

Die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) gibt einen Hygieneleitfaden zur Blutzuckermessung heraus: Dort stelle ich erst nach meinem Praktikum fest: Für das Antiseptikum des Fingers gibt es eine Mindesteinwirkzeit, die nicht unterschritten werden darf. Auf Desinfektion der Hände und des Gerätes nach jeder Anwendung wird dort extra hingewiesen. Außerdem auf das Tragen von Handschuhen. Einen Handschuh als sterilen Schutz für den Blutzuckermesser erwähnt die DGKH dagegen nicht.

Handdesinfektion sei sehr wichtig, betonen verschiedene Schwestern mir gegenüber. Wie genau ich mir die Hände desinfizieren soll, sagt mir niemand. In den isolierten Zimmern sollen immer Handschuhe getragen werden, manchmal auch Kittel und Mundschutz, sagen die einen. „Ich habe den Patienten nicht berührt“, antwortet eine Schwester auf meine Frage, warum sie sich nicht die komplette Schutzkleidung angezogen habe, wenn sie doch in der unmittelbaren Umgebung des Patienten ist. Das hänge vom Kontakt mit dem Patienten und vom Keim ab.

Eine Auszubildende hält sich anders an die Vorgaben. Sie sagt: „Wir müssen uns vor jedem isolierten Zimmer den Schutz anziehen. Manche machen das und manche nicht. Das ist das Problem.“ Sie mache es, um sich daran zu gewöhnen. Sie könne schließlich jederzeit schulisch geprüft werden. Ich beobachte eine Schwester auf mehreren isolierten Zimmern komplett ohne Schutzkleidung. Auf meine Frage, ob wir uns nicht zumindest die Handschuhe anziehen sollten, antwortet sie: „Na, eigentlich immer, weißt du doch“.

An der Uniklinik in Essen hat eine Studie vor fünf Jahren die durchschnittlich zu verwendende Menge an Desinfektionsmitteln pro Patient mit dem tatsächlichen Verbrauch verglichen. Das Ergebnis: Der Verbrauch liegt weit unter der eigentlich nötigen Menge.

„Handdesinfektion ist die entscheidende Maßnahme, um einen Transfer von Keimen auf den Patienten zu verringern“, sagt Dr. Peter Walger, Sprecher der DGKH. Vor jedem Patientenkontakt und jeder sensiblen Handlung wie Katheter legen müssten die Hände desinfiziert werden. Wenn ich Dinge anfasse, die der Patient auch hätte anfassen können, wie Auffangbehälter oder das Bett, muss ich mir erst die Hände desinfizieren, bevor ich den Patienten anfasse. Dazu braucht es „gut erreichbare und feste Installationspunkte für Desinfektionsmittel in der unmittelbaren Umgebung des Patienten“, sagt Walger.

In der Praxis läuft es oft anders. Die anderen Pfleger und ich drücken das Desinfektionsmittel vor dem Patientenzimmer, fassen die Klinke an und helfen dann den Patienten aus dem Bett – ohne eine weitere Desinfektion. Mal desinfizieren wir uns vor, mal nach dem Patienten, manchmal gar nicht. In bester Erinnerung: Die unzähligen, kleinen Desinfektionsfläschchen im Arbeitsraum, die nach meinen Beobachtungen kaum jemand bei sich trägt. An den „festen Installationspunkten“ in den Zimmern steht zwar tragbares Desinfektionsmittel, in meiner Anwesenheit sehe ich Schwestern dieses aber nur benutzen, wenn die Behandlung unter die Haut geht.

Die Charité schreibt, die Händedesinfektion gemäß dem Modell der Weltgesundheitsorganisation WHO sei Grundlage jeder Patientenverorgung der Charité. „Alle Mitarbeiter werden hierin im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Fortbildungen geschult.“ Dort werde auch vermittelt, wie wichtig die Mindesteinwirkzeit der Desinfektionsmittel ist „und es wird routinemäßig auf deren Einhaltung im Stationsalltag geachtet.“

Ich traue mich nicht, andere auf Hygiene-Regeln hinzuweisen. Die Hackordnung ist klar. Die Stationsleitung hat mit Ihrer kräftigen Stimme das Sagen über die Schwestern, die teilweise schon mehr als zehn Jahre gemeinsam Dienst leisten. Der Kern der Mannschaft wirkt wie eine Familie. Darunter folgen die Pfleger, die so weit ich sie beobachten konnte ihre Arbeit ruhig machen, wenig sagen. Sie scheinen sich damit abgefunden zu haben, wenig Beachtung zu finden unter all den Frauen, die täglich über Brustkrebs oder Shopping diskutieren. Ganz unten in der Hackordnung kümmern sich die Servicekräfte um Essen und Material. Die Putzfrau, noch darunter, kommt nur selten ins Schwesternzimmer.

Irgendwo dazwischen kämpfen die Auszubildenden um Anerkennung. Noch in der ersten Woche gibt es Kompetenzgerangel: Eine ehrgeizige Auszubildende nimmt alles extra genau und möchte sich klar von mir – dem Praktikanten – abheben. Sie korrigiert mich wieder und wieder. Hier habe ich vergessen, das Licht auszumachen, dort vergessen, Material nachzufüllen. Mal war ich zu langsam, mal zu blöd.

Donnerstag, Isolierzimmer eins, Tag 4

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Ein neuer isolierter Patient. Der Mann hat ein Ganzkörperödem – überall sammelt sich Wasser. Er ist außerdem mit VRE in einer offenen Stelle am Steiß infiziert. Ich betrete das Zimmer, um den Blutzucker zu messen. Der Patient sagt, ich solle das Fenster öffnen. Er sei zum Sterben auf die Station gekommen. Vielleicht blendet mein Unterbewusstsein den Satz in diesem Moment aus, ich jedenfalls gehe ohne zu antworten aus dem Zimmer und schaue die nächsten Stunden bei der OP eines anderen Patienten zu.

„Der Kranke, der aus dem Bett fiel und starb“ ist kein Titel einer skandinavischen Komödie, sondern bittere Realität: Ein paar Stunden später, zurück auf der Station, berichten mehrere Schwestern von einem lauten Knall. Sie finden den über 100 Kilo schweren Mann auf der Seite liegend neben seinem Bett. Er muss notoperiert werden, trägt innere Blutungen davon und wird nie wieder nach einem geöffneten Fenster fragen. Vier Tage später sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Leiche. Man sagt, dass der Tod sich ankündigt. Die Vorstellung, der Patient habe sich absichtlich aus dem Bett fallen lassen, verfolgt mich bis in meine Träume.

Ich lerne, dass ein Gitter am Bett die Patienten dazu motiviert, aus dem Bett zu klettern. Eine kritische Fallhöhe, die man vermeiden will – mit offensichtlich dramatischen Kollateralschäden. Der bewusstlose Mann wird von seiner Frau und bis zu drei weiteren Angehörigen in seinen letzten Tagen fast unentwegt begleitet – ohne Schutzkleidung. Einige Schwestern berichten sogar, die Ehefrau des Patienten dusche ihn und übernachte in seinem Zimmer. Den Raum verlassen die Angehörigen nur, um sich am Kaffeetisch der Station zu bedienen. Bei Patientenkontakt – wie der Hilfe am Bett – müssen sich eigentlich auch die Besucher schützen. Ohne Schutzkleidung wird jede Hilfe am geliebten Ehemann oder Vater zur Gefahr für alle anderen.

Die Charité schreibt mir: „Besucher, die auf eigenen Wunsch pflegerische oder pflegeähnliche Tätigkeiten bei den Patienten durchführen, haben dieselben Schutzmaßnahmen einzuhalten, wie unsere Mitarbeiter. Die Besucher werden entsprechend aufgeklärt.“

Während der zwölf Tage, die ich verdeckt in der Charité unterwegs bin, stirbt noch ein anderer Patient. Der Mann hat mit Anfang 60 gesundheitlich „noch eine Chance bekommen“, sagt mir eine Schwester. Er ist stark depressiv und will nicht mehr leben. Nur noch das tägliche Capri-Eis scheint den „sterbenden Schwan“, wie eine Schwester ihn nennt, zu beglücken. Überraschend stirbt er während einer Untersuchung. Er hatte die Behandlung vorher mündlich verweigert, erst seine Frau hatte ihn überredet, den Eingriff doch machen zu lassen. Aus der Vollnarkose sei er nicht wieder aufgewacht, berichtet mir eine Schwester.

Beide nun toten Männer waren mit VRE infiziert und wurden isoliert. Bei beiden haben Teile des Personals und der Besucher die Schutzmaßnahmen willkürlich ausgelegt. Ein mit Keimen infizierter Patient lag neben dem Isolierzimmer einer der beiden Männer.

Würde die Arbeitskleidung der Schwestern es hergeben, dann wären die Ärmel hoch gekrempelt. Das eingespielte Team auf der Station packt gemeinsam an. Die Schwestern treffen sich abseits des Schichtdienstes zum Backen, fahren gemeinsam in den Urlaub oder organisieren Partyschiffe für Feiern mit befreundeten Stationen. Ihre Feinde sind schlechte Leasingkräfte, die für die Nachtschichten eingekauft werden, Studenten, die sich nicht ans Bett trauen, oder Physiotherapeutinnen, die unbequeme Patienten ignorieren.

Beim zweiten Frühstück um zehn Uhr sorgt auch schonmal ein Penis für Gelächter: Das Glied eines Mannes hatte sich in den Körper zurückgezogen. So war es für die Schwestern schwierig und lustig zugleich, den Harnkatheter zu legen. Patienten, die alkoholisiert zur Aufnahme erscheinen und in ihr Zimmer getragen werden müssen, machen die Schwestern dagegen richtig böse.

In der ersten Woche bekomme ich großen Respekt vor der Leistung der „kranken Schwestern“, so steht es auf einem Paar weißer Schuhe. Sie arbeiten nachts oder stehen sehr früh auf – jahrelang. Auch wenn einige von Ihnen oft genervt sind und sich derbe Scherze erlauben oder eine Schwester während der Schicht stundenlang Onlinespiele zockt, behandeln sie die Patienten gleich routiniert und wohlwollend, so mein Eindruck. „Das hier ist eine gute Station. Es gibt andere Stationen, da geht es viel heftiger zu. Da hat man keine Zeit für dich“, sagt eine Auszubildende mit erhobenem Finger zu mir.

Eine dieser unliebsamen Stationen liegt eine Etage tiefer. Wenn ich nach Medikamenten frage, die uns oben ausgegangen sind, wirkt das Personal unfreundlich auf mich und kurz angebunden. Es sieht nicht so ordentlich und sauber aus wie bei uns im dritten Stock. Auch im vierten Stock herrscht ein anderer Ton. Ich suche das Bett eines Patienten, der zu uns heruntergekommen ist. Nur kurz auf dem Gang höre ich eine Patientin wüten: „Alles totale Scheiße hier wieder heute mit dem Essen.“

Eine Schwester erzählt mir, sie habe schon im Virchow gelernt, als es noch nicht die Charité war. Damals sei alles wesentlich ruhiger und angenehmer gewesen, auch wegen der besseren Finanzierung. Von einer anderen Schwester bekomme ich den Unterschied zwischen Häusern im Osten und im Westen erklärt: Das Personal im Osten sei viel hierarchischer orientiert und unfreundlicher obendrein.

Auch ich habe schon schlechtere Krankenhäuser gesehen. Die Recherche von CORRECTIV baut auf Recherchen der Funke Mediengruppe auf. Mehrere CORRECTIV-Reporter arbeiteten damals für das Recherche-Ressort der Gruppe. Eine besorgte Pfarrerin hatte sich dort gemeldet. Die Krankenhaus-Seelsorgerin beklagte die Zunahme von MRSA-Fällen in den Häusern der Helios-Gruppe in Westdeutschland. Es gab dort offenbar Tote durch Keime. Helios ist einer der größten Krankenhaus-Konzerne Europas, hat im vergangenen Jahr 3,4 Milliarden Euro Umsatz gemacht.

Damals habe ich mich unter dem Vorwand, meine Großmutter dort behandeln zu lassen, in einem Helios-Haus in Duisburg umgesehen. Man zeigte mir überfüllte Zimmer und dreckige sanitäre Einrichtungen. Auf einer Intensivstation sah ich Ess-Besteck neben Desinfektionsmitteln, leere und volle Betten nebeneinander, einen total chaotischen Arbeitsraum.

Im Gegensatz zu den damals beobachteten Zuständen der Helios-Klinik in Duisburg scheint es auf meiner Charité-Station gut zu laufen. Trotzdem fallen mir mit der Zeit immer mehr Fehler auf. Das liegt sicher auch daran, dass viele Pfleger einfach überlastet sind. In einer Langzeitstudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin fragten die Wissenschaftler im Jahr 2008 die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus ab. Pfleger beurteilen die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit, also Patientenzahl und Dokumentationsaufwand, als gleich bleibend schlecht oder schlechter werdend.

Der Personalrat der Charité, Carsten Becker, bestätigt die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse. Um Hygiene hoch und Infektionen niedrig zu halten, bräuchte es eine Mindestbesetzung an Personal und umfassende Reinigung bei ausreichender Finanzierung. Doch das passiere nicht. Durch befristete Arbeitsverhältnisse sowie den Einsatz von wenig geschultem Personal blieben die Probleme akut.

“Die Zahl der Keimpatienten nimmt zu. Und Desinfektion und Isolation bedeuten natürlich einen Mehraufwand“, sagt Carsten Becker. „Alle hygienischen Vorschriften einzuhalten, ist extrem aufwändig.” Ein Problem: Zu wenige Pfleger pro Patient. Auf Intensivstationen sollte der Personalschlüssel eigentlich ein Pfleger pro zwei Patienten sein. “Ich kenne kein Krankenhaus in Deutschland, dass den stringent vorhält. In der Realität läuft es eher auf ein 1:4 hinaus.“

Überall herrsche Personalmangel. “Deutschland ist bei der Anzahl Patienten pro Pflegekraft das Schlusslicht, die rote Laterne”, sagt Becker. Das erzeuge Druck und Frustration, was dann dafür sorge, dass viele Pflegekräfte den Job wechseln.

Einige Schwestern erzählen mir beim Frühstück von Kolleginnen in anderen Häusern, die einen aggressiven Keim über Jahre nicht loswerden. Die Wäscherei in diesen Krankenhäusern sei nicht mehr in der Lage, die Keime mit speziellem Waschmittel zu bekämpfen. Kleinere Kliniken und Reha-Zentren könnten sich isolierte Räume nicht leisten und würden die Problematik einfach ignorieren. Wenn einige der Schwestern über Keime in Krankenhäusern sprechen, dann sagen sie, die Sache gerate richtig außer Kontrolle. Am besten wäre es, wenn alle Patienten, Personal und Besucher immer die Schutzkleidung tragen würden. Das sei aber zeitlich und ökonomisch nicht umsetzbar.

„Nicht jedes Haus hat genügend Kapazitäten für die Isolation“, sagt Peter Walger, der Sprecher der DGKH. Natürlich dürfe man Patienten eigentlich nicht abweisen oder sich nicht an die Isolation halten. Ausschließen könne man solches Fehlverhalten aber nie. Die Arbeitskleidung würde in der normalen Reinigung der Krankenhäuser nur keimreduzierend und nicht steril gewaschen. „Die Arbeitskleidung muss nicht steril sein, nur keimarm“, sagt Walger. „Die Keime sind nie auf Null.“

Montag, Glaskasten, Tag 6
Ich frage immer wieder nach hygienischen Vorschriften. Erst jetzt bekomme ich den Hygieneordner in die Hand gedrückt, zur Ansicht. In dem Ordner finde ich auch dutzendfach kopierte Informationsblätter für Patienten, die sich infiziert haben. Ich habe nicht gesehen, dass jemand diese Dokumente an Patienten oder deren Angehörige verteilt hat. Im Ordner finde ich Vorschriften für Abstrichserien bei Infizierten und für Screenings bei Kontakt- und Risikopatienten. In dem Ordner steht nicht, was passieren muss, wenn ein isolierter Patient sein Zimmer verlässt. Das ist für mich und offenbar auch für meine Kolleginnen ein großes Problem, wie sich schon bald zeigen wird.

Viele Informationen bekomme ich unter vier Augen zugesteckt. Keime scheinen ein Tabu zu sein. In der Charité höre ich von Problemen in der Chirurgie oder der Infektiologie. Problematisch seien immer Stationen mit vielen isolierten Zimmern oder sehr kranken Patienten, wie die Intensivstationen. Ich versuche für ein paar Tage auf einer Intensivstation zu arbeiten, werde aber abgewiesen. Es sei zu aufwendig, mich noch einmal in die Abläufe einer anderen Station einzuarbeiten. Das könne ich mit meiner Arbeitskraft nicht wett machen. „Ich möchte mich zumindest auf einer Intensivstation umsehen, damit ich bei der Bewerbung für die Ausbildung weiß, wie es dort abläuft“, lautet mein Vorwand für einen Ausflug auf die Intensiv nebenan am nächsten Tag.

Im Anschluss an die Schichten werte ich Sprachnotizen aus, die ich heimlich während der Arbeit im Treppenhaus oder auf einer der Toiletten aufgezeichnet habe. Ich höre mich gehetzt in mein Handy flüstern, wie mir eine Patientin von den Schmerzen durch Keime berichtet oder wie die Putzfrau mit dem Wischer von einem isolierten in ein normales Zimmer übergeht, ohne das Material zu wechseln. Nichts soll mir entgehen. Zusätzlich schreibe ich mit meinem Handy Notizen an meine Freundin.

Aus den Aufnahmen und Notizen schreibe ich das Rechercheprotokoll — ein journalistisches Gedankenprotokoll, das als Grundlage für spätere Texte dient. Jeden Nachmittag besprechen und unterschreiben wir das Protokoll in der Redaktion. Um uns juristisch abzusichern, trage ich die Notizen handschriftlich in einen gebunden Block ein und markiere jede Seite mit dem aktuellen Datum. Wenn wir durch sind, ist es draußen schon wieder dunkel. Abends gehen bei mir um 22 Uhr die Lichter aus. Um fünf Uhr morgens weckt mich mein Handy.

Dienstag, Intensivstation, Tag 7
Auch ich muss klingeln, um Einlass auf der Intensivstation zu bekommen. Niemand nimmt mich in Empfang. Ich sehe mir alles an, ungestört. Die geöffneten Münder in den leblosen Gesichtern, die piepsende Technik. Ohne Einweisung in die Hygiene und ohne offizielle Führung. Ein kurzes Hallo in den Glaskasten der Schwestern genügt.

Die Charité schreibt mir, es sei „nichts daran auszusetzen, wenn Kollegen, die sich auf der Station auskennen und die klar festgelegte Aufgaben haben, nach dem Einlass nicht in Empfang genommen werden.“

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Wieder zurück auf der Station beobachte ich eine Schwester bei einer Neuaufnahme, die isoliert werden muss. Sie sagt dem Mann, wo seine eigene Toilette ist. Was sie ihm nicht sagt: Wie er sich desinfiziert, was er für einen Keim hat, wie die Isolierung funktioniert. Keine Informationszettel aus dem Hygieneordner, die einsam auf ihren Einsatz warten.

Peter Walger von der DGKH sagt, dass keine schriftliche oder mündliche Bestätigung des Patienten erforderlich ist, über Hygiene und Keime aufgeklärt worden zu sein. Zudem gebe es keine einheitliche Vorgehensweise zur Information der Patienten.

Die Charité schreibt mir, es gebe „klar festgelegte Vorgehensweisen und Regeln, um sicherzustellen, dass Patienten und Besucher die grundlegenden Hygiene-Maßnahmen einhalten.“ Dazu seien Flyer zu den spezifischen Hygieneproblemen auf allen Stationen verfügbar „und werden denjenigen Patienten ausgehändigt, die sie betreffen.“

Manchmal laufe ich am Glaskasten des Personals vorbei und spüre die Blicke der Schwestern. Ich frage mich dann, ob sie längst wissen, dass ich ein verdeckter Reporter bin. Und mich trotzdem gewähren lassen. Es sind nur Momentaufnahmen, die mich unsicher machen. Wenn eine Schwester zu der anderen sagt: „Oh Gott, das wusste ich nicht“ und sie verstummen, wenn ich um die Ecke komme. Oder wenn ich gefragt werde, wie ich denn auf diese Station gekommen sei.

Eine Google-Suche mit meinem Namen hätte mich auffliegen lassen: Ganz oben stehe ich in Verbindung mit Recherchen im Krankenhaus aus dem Jahr 2013. Das macht mich unsicher, lässt mich auf den Gängen manchmal die Schwestern meiden. Dann wiederum wird klar, dass niemand einen Verdacht hegt und dass mein Schauspiel als etwas verwirrter Versager, der in der Pflege Fuß fassen will, funktioniert. So erklärt mir eine der Schwestern wie einem Grundschüler, dass man traurig ist, wenn man ins Krankenhaus muss.

Maria Müllers große Leidenschaft sind Tätowierungen. Mit Anfang 20 beginnt sie damit, Farbe in ihren eigenen und in die Körper anderer zu ritzen. Heute ergeben die vielen, kleinen Bilder keinen Sinn mehr – nur der Sensenmann auf dem linken Unterarm ist gut zu erkennen. Seit mehr als 20 Jahren dominieren Drogen Müllers Leben – besonders Heroin. Als ich sie auf der Station treffe, ist sie schon länger als einen Monat dort. Sie hat Krebs, Probleme mit der Leber, Diabetes und nimmt Mittel ein, die Heroin ersetzen. Hinzu kommt ein Abszess unter der Gürtellinie. Dort hat sich VRE eingenistet, der gefährliche, multiresistente Darmkeim.

Ich sehe diese Frau immer wieder im Bademantel und mit weißem Turban über die Station hinken. Sie spricht mit metallischer Stimme, langsam und leise. Ihre Haut schimmert fahl und gelblich, darauf die vernarbten, blassen Tattoos. Das Gesicht ist eingefallen und faltig, aus dem Hals schauen unter einem Pflaster die Venenkatheter hervor. Maria Müller ist Anfang 40.

Eine ältere Dame, die mit zwei multiresistenten Erregern infiziert ist, erzählt mir von großen Schmerzen in der Leiste. Dort attackiere MRSA eine offene Wunde. Den Keim habe sie vom Benjamin Franklin Klinikum mitgebracht, erzählt sie, einem anderen Haus der Charité. Ihre Familie reagiere hysterisch und komme sie nicht mehr besuchen. Die Frau liegt einsam in ihrem isolierten Zimmer, kann sich nicht bewegen und braucht künstlichen Sauerstoff. Dazu hat sie einen Dekubitus, eine wundgelegene Stelle am Gesäß, die mit VRE infiziert ist. Die Dame muss intensiv gepflegt werden.

Ich beobachte, wie der Dame ohne Schutzkleidung das Essen gebracht wird, wie sie dabei berührt wird. Ihre leeren Wasserflaschen kommen in einen Kasten vor der Küche, der für alle frei zugänglich ist. Wenn der Geschirrwagen bereits abgeholt worden ist, legen wir ihr Geschirr auf einen Tisch vor der Küche. Auch Flaschen und Geschirr aus anderen isolierten Räumen wird zum Teil so unkontrolliert gesammelt.

„Man muss sich mindestens die Hände desinfizieren, sollte aber einen Handschuh bei Umgang mit Tablett und Flaschen aus isolierten Zimmern überziehen“, so lautet die offizielle Erklärung des Experten von der DGKH. Peter Walger ist sich am Telefon sicher: „Das Geschirr wird unmittelbar in einem Spülraum entsorgt. Es kann nicht passieren, dass Flaschen in einem Kasten auf der Station gesammelt werden, so wie man es privat auch macht. Die Flaschen werden so entsorgt, dass sie nicht von anderen angefasst werden können.“ Die Gefahr einer Übertragung von Keimen durch Flaschen sei grundsätzlich aber gering.

Die Charité schreibt, benutzte Gegenstände würden grundsätzlich in einer Weise entsorgt, „die Kreuzkontaminationen oder andere Risiken für Mitpatienten weitestgehend ausschließt. Dazu gehören u.a. die Trennung von Versorgungswegen und die Vermeidung einer offenen Zwischenlagerung. In Ausnahmesituationen erfolgt eine gezielte Desinfektion potentiell kontaminierter Flächen.“

Auch Maria Müller, die Frau mit dem Sensenmann-Tattoo, wird wegen des Keimes isoliert. In ihrem Krankenzimmer stapeln sich auf dem Tisch und am Bett Bücher, Süßigkeiten, persönliche Gegenstände. Die Putzfrau sehe ich immer nur den Boden schrubben. Während meines Praktikums sehe ich Müller oft auf den Gängen. Sie sitzt auf den Holzstühlen vor dem Glaskasten oder geht auf die Waage und legt ihren Bademantel auf den Kopierer. Ein anderes Mal sehe ich sie, wie sie die frische Wäsche auf dem Gang nach einem passenden Hemdchen durchsucht. Dann wiederum macht sie sich am Kaffeetisch auf dem Gang zu schaffen. Sie fasst Besteck an, Gläser, den Kakao. Sie hält sich am Geländer auf dem Gang fest, geht auf die Behindertentoilette. Eine Schwester sagt mir, sie könne nachts schlecht schlafen. Sie sei dann stundenlang im ganzen Haus unterwegs.

Nach Aussage unseres Experten ist der Ausgang von isolierten Patienten streng geregelt, aber nicht verboten. „Isolierte Patienten dürfen das Zimmer nicht alleine und unkontrolliert verlassen“, sagt Walger. Die Patienten würden trainiert und informiert. Vom Übertragungsrisiko und vom Keim sei dann abhängig, wie frei sich die Patienten auf der Station bewegen können. Bei Durchfall zum Beispiel sollte man das Zimmer nicht verlassen und im Haus unterwegs sein, wenn keine eigene Toilette in der Nähe ist.

Die Charité schreibt, dass infizierte Patienten nur in seltenen, gut begründeten Ausnahmen „überhaupt ihr Zimmer verlassen“. Bei kolonisierten Patienten, also Keimträgern ohne Infektion, könne man die Bewegungsfreiheit nur im Rahmen der gesetzlichen Grenzen einschränken. „Selbstverständlich erklären wir aber unseren besiedelten Patienten, wie sie sich zu verhalten haben.“ Man erkläre Patienten grundsätzlich, dass sie „sich die Hände zu desinfizieren haben, wenn sie ihr Zimmer verlassen“. Die Patienten bekämen „je nach Erreger und Besiedlungsart spezifische Hygieneregeln mitgeteilt.“

Die Schwestern diskutieren diese Probleme im Glaskasten: „Die Katze beißt sich in den Schwanz, wenn wir uns die Pelle anziehen sollen und die müssen sich nur die Hände desinfizieren, wenn die auf dem Gang sind“, sagt die Schwester aus Jochen Schmidts Zimmer. Andere beharren darauf, dass sich diese Patienten lieber die Hände desinfizieren sollten, statt Handschuhe anzuziehen: „Wer weiß, wo die mit den Handschuhen überall dran waren.“ Wenn ein Patient in Isolation sein Zimmer verlässt, sind einige der Schwestern uneinig, was passieren muss. Sie sind irritiert: Noch vor einigen Wochen hätten die isolierten Patienten die komplette Schutzkleidung tragen müssen.

Die Charité schreibt, alle Mitarbeiter wüssten über die Hygiene-Regeln Bescheid. Unklarheiten in Einzelfällen könnten über den Leitfaden im Intranet und über den Kontakt zur Hygienebeauftragten oder zu Hygienefachkräften geklärt werden.

Ein Patient wundert sich, dass er noch beim letzten Besuch Schutzkleidung tragen musste. Die Stationsleitung beruhigt uns: Sie möchte eine Fortbildung zur Hygiene veranlassen. Fortbildungen finden verpflichtend statt, die Anwesenheit wird schriftlich festgehalten, sagt der Sprecher der DGKH, Peter Walger. „Ob das in der Realität so eingehalten wird, ist eine zweite Frage.“ Die Charité schreibt: „Alle Mitarbeiter unterliegen der Fortbildungspflicht und werden regelmäßig geschult.“ Ein bis zwei Mal im Jahr würden solche Schulungen flexibel in kleinen Gruppen stattfinden. Die Teilnahme, so die Charité, sei in der Regel verpflichtend.

Vor allem immunschwache Patienten können mit multiresistenten Keimen riesige Probleme bekommen. Frank Meier ist unheilbar krank. Der fast 80-Jährige hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, sagt mir eine Schwester. Ich sehe ihn tagelang komatös in seinem Bett liegen. Später, bei Bewusstsein, gibt er sich kämpferisch. Als letzter Überlebender einer von Krebs geplagten Familie will er wieder nach Hause an den Teich mit den Koi-Karpfen. Er atmet sehr schwer. Ich wasche ihn, er bezeichnet mich als seinen „persönlichen Assistenten“.

Meier möchte operiert werden. Eine Schwester sagt: „Wenn die das Messer noch einmal ansetzen, bleibt der auf dem Tisch.“ Die Krankenkasse würde dann die Kosten für die Behandlung nicht übernehmen, so dass die Charité darauf sitzen bleibt.

Meier liegt einfach da in seinem Bett, Venen- und Harnkatheter am Körper, keine Bücher, der Fernseher ist aus. Er starrt aus dem Fenster, sieht eine Krähe auf dem Dach. „Da sitzt mein Freund.“ Meier ist pflegebedürftig. Eine Keiminfektion wäre für die Gesundheit des Mannes wohl lebensbedrohlich. Meier und sein Bettnachbar, dem „die Infizierten“ große Sorgen bereiten, sind umgeben von drei isolierten Zimmern. Meiers Bett wird nach meinen Beobachtungen nicht frisch bezogen, seine „unmittelbare Umgebung“ nicht gereinigt.

Die Charité schreibt: „Wenn jeder Patient in einem eigenen Zimmer isoliert wurde, ist dies aus krankenhaushygienischer Sicht nicht zu beanstanden.“

In der zweiten Woche verliere ich den Respekt der ersten Tage. Ich wundere mich, wie mechanisch und rabiat einige der Schwestern mit den Patienten umgehen. Bei Fragen der Patienten zucken sie zum Teil mit den Achseln oder geben patzige Antworten. Einige Schwestern und Pfleger scheinen extrem genervt zu sein vom Arbeitsaufwand, besonders vom Papierkram.

Ein Pfleger bezeichnet einen Patienten als Alkoholiker und dummen Idioten, weil der nach einem Becher für seine Tabletten fragt. Der Pfleger hatte ihm die Tabletten zuvor blank auf den Tisch geworfen, erzählt mir der Patient. Die Patienten können über einen roten Knopf mit der Pflege kommunizieren. Ich sehe diese Knöpfe oft lange gleichzeitig leuchten. Dann ist es zum Beispiel „nur ein Patient, der Insulin braucht“, damit er essen kann. Dieser Patient wartet dann stundenlang.

Die Charité schreibt, dass „der korrekte Umgang mit oralen Medikamenten“ bereits in der Ausbildung gelehrt und individuelles Fehlverhalten korrigiert werde.

Für die Station gibt es eine eigene Putzfrau. Die sagt, sie habe zuvor auf der Intensivstation geputzt. Für die Arbeit dort sei ihr Herz aber zu schwach. Zu viel Leid und zu viele Tote. Ich frage nach Putzplänen oder offiziellen Anordnungen, an die sie sich halten muss. Es gebe keine Pläne, sie sei für die Station verantwortlich und was sie heute nicht schaffe, müsse sie eben an den anderen Tagen erledigen.

Die Frau durchläuft gründlich abwechselnd isolierte und normale Zimmer – mit dem selben Material. Unterstützt werden die Reinigungskräfte von Desinfektoren, welche die zu isolierenden Räume fachgerecht einrichten und reinigen. Ein Patient in einem isolierten Zimmer regt sich später über einen Pfleger auf, der ihm Tabletten in einer Nierenschale gegeben hätte, die schon vor seinem Einzug in das Zimmer im Raum gelegen hätte. Diese habe der Desinfektor offenbar übersehen.

Die Charité schreibt, die Wischdesinfektion der direkten Patientenumgebung gehöre zu den festen Aufgaben der Reinigungskräfte. Medizinische Geräte würden dagegen „mindestens einmal täglich vom Pflegepersonal wischdesinfiziert“.

Dienstag, Arbeitsraum, noch immer Tag 7

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Eine neu aufgenommene Patientin wird auf der Station wie eine alte Freundin begrüßt. Umarmungen, Küsschen links, Küsschen rechts. Die Station ist ihr Catwalk, den Arbeitsraum kennt sie besser als ich. Sie weiß, in welchem Schrank die besten Pflaster liegen. Ein wenig später folge ich dem massiven Parfumduft der Diva bis an das Ende von Gang A. Verwundert stehe ich vor einem geöffneten Isolierzimmer. Aus dem Zimmer tönt Jazzmusik, bunte Tulpen dekorieren den Tisch am Fenster. Hier finde ich auch den Ganzkörperspiegel, der eigentlich im Arbeitsraum steht. Ich frage sie nach den beiden Keimen, die sie in sich trägt. Sie winkt ab. Keine Auskunft, nicht so wichtig.

Die Charité schreibt mir später, der Zugang zu den Arbeitsräumen sei für alle Patienten eingeschränkt. „Sofern sich Patienten nicht daran halten, werden sie darauf hingewiesen.“

Viele isolierte Patienten sind nur Träger der Keime. Sie haben keine Infektion. Viele wissen nicht, was die Keime bedeuten, die sie in sich oder auf der Haut tragen. Sie kennen oft die Abkürzungen für die Keime nicht oder können die Keime nicht aussprechen. Die Isolation empfinden die von mir beobachteten Patienten als lästig und unangenehm. Sie versuchen, die Problematik herunterzuspielen oder interessieren sich wenig für die Risiken der Keime.

In einem anderen Isolierzimmer treffe ich ein freundliches, älteres, türkisches Ehepaar. Die Frau des isolierten Patienten ist Dauergast in seinem Zimmer und übernachtet dort auch gelegentlich. Das Ehepaar bewegt sich oft auf dem Gang. Besonders gerne bereitet einer der beiden frischen Kaffee am Kaffeetisch auf dem Gang zu. Die Hände desinfizieren sie sich offenbar nicht. In der zweiten Woche sprechen wir: Das Ehepaar weiß nicht, was für einen Keim der Mann hat und wo er Träger des Keims geworden ist. Ich weiß von einer Schwester, dass er unter Verdacht stand, sich VRE eingefangen zu haben. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht und der Mann kam in ein normales Doppelzimmer. Dann stellte sich heraus: Er trägt einen anderen Keim in sich — sein Bettnachbar ist nun Kontaktpatient und muss beobachtet werden. Das Ehepaar erzählt noch, dass ihr Bett seit über einer Woche nicht frisch bezogen worden sei.

Die Charité schreibt, Besucher dürften „grundsätzlich nicht in den Patientenzimmern übernachten. Ausnahmen sind nur bei Kindern und sterbenden Patienten unter Berücksichtigung besonderer Hygienemaßenahmen vorstellbar.“ Beim Verlassen des Zimmers sei die hygienische Händedesinfektion zudem „eine der grundlegenden Forderungen an alle Besucher von Patienten, die mit multiresistenten Keimen besiedelt oder infiziert sind.“ Der Wechsel der Bettwäsche erfolge nach individuellen Kriterien.

Mittwoch, Gang B, Tag 8
Vor mir sitzt ein hagerer Mann mit eingefallenem Gesicht und rundem Rücken auf dem Bett in seinem Zimmer. Jochen Schmidt erzählt mir von seiner Infektion mit dem multiresistenten Keim MRSA. Ich trage Mund-Nasenschutz, Kittel und Handschuhe. Dann betritt eine Krankenschwester das isolierte Zimmer. Sie trägt keine Schutzkleidung, keine Handschuhe, keinen Mundschutz.

Jochen Schmidt erzählt mir seine Keim-Geschichte. Als Schmidts Herz schlapp macht, wird es in der Charité in Berlin ausgetauscht. Bei der Transplantation bekommt Schmidt zu wenig Sauerstoff. Das schädigt seine Nieren, seine Leber stirbt zur Hälfte ab. Er infiziert sich bei der Operation mit multiresistenten Erregern. Niemand bemerkt, dass sich MRSA auf seine Bronchien legt. Eines nachts, erzählt er, wird er wach, kann nicht mehr atmen, wird mit dem Helikopter ins Krankenhaus gebracht und notoperiert.

Seit der Transplantation muss er Immunsuppressiva nehmen. Die schalten das Abwehrsystem des Körpers aus und sollen seinem Körper helfen, das neue Herz zu akzeptieren. Schmidt ist jetzt Risikopatient, darf sich auf gar keinen Fall mit schweren Krankheiten oder weiteren Keimen infizieren. Dennoch, sagt Schmidt, stünden ständig Ärzte ohne Schutzkleidung vor ihm. „Sie glauben doch nicht, dass die Ärzte sich einen Mundschutz anziehen. Die sind doch über alles erhaben.“ Schmidt ist schwach, hat Schmerzen in den Beinen und kann kaum laufen. Sein Gesicht ist frei von Emotionen. Er lacht nicht. Nie.

Die Charité schreibt auf meine Anfrage, es müsse „immer die empfohlene Schutzkleidung getragen werden“ wenn mit „direktem Kontakt zum Patienten oder seiner unmittelbaren Umgebung“ zu rechnen sei. „Wenn mit Kontamination zu rechnen ist, muss grundsätzlich ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Dies ist den Mitarbeitern bekannt und wird grundsätzlich so praktiziert.“ Die Charité schreibt zudem, das „grundsätzlich nicht bei allen immunsuppressiven Patienten eine Umkehrisolierung zu empfehlen“ sei. Dies hänge von der Grunderkrankung, den Therapien und dem Grad der Immunsuppression ab.

Ein junger Patient aus der Intensivstation wird auf die Station geschoben. Noch im Bett liegend weist er auf seine Immunschwäche hin. Stark immunsupprimierte Patienten müssen isoliert werden: Sie kommen in die sogenannte „Umkehr-Iso“, eine präventive Isolation, die sich nicht von der anderen Isolation unterscheidet. In diesem Fall sollen der Mann und alle Kontaktpersonen den Mund-Nasenschutz tragen. Er sitzt eine Stunde später mit seinen Eltern im Aufenthaltsraum – ohne jeden Schutz.

Die Charité schreibt, dass „nicht bei allen immunsupprimierten Patienten eine Umkehrisolierung zu empfehlen“ sei.

Ein anderer Mann steht nachts auf dem Flur, sprachlos wippt er von einem Bein auf das andere. Dann fällt das durchnässte linke Hosenbein des knapp zwei Meter großen Mannes auf. So erzählt es die Nachtschwester am nächsten Morgen. In seinem Zimmer: eine Spur Kot, vom Bett bis zur Tür. Dem Mann sei die Leber „ausgestiegen“, die Leber habe die Funktion zeitweise einstellt. Toxische Stoffe wie Ammoniak haben sich im Körper gesammelt, das hat eine Enzephalopathie ausgelöst — eine reversible Funktionsstörung des Gehirns, bei der der Betroffene verwirrt und hilflos erscheint.

Der Mann ist durch die Enzephalopathie, hohes Fieber und fehlende weiße Blutkörperchen stark immungeschwächt und muss vor den gefährlichen Keimen geschützt werden. Auch er soll in die Umkehr-Iso, bis sich das Fieber gelegt hat und die Leber wieder arbeitet. Er wird isoliert, bis sich seine Werte stabilisiert haben. Dann wird die Isolation aufgehoben, bis sich seine Werte wieder verschlechtern. Mich irritiert, dass der Mann nicht einfach länger in der Umkehr-Iso geblieben ist.

„Zum Teil wird die Notwendigkeit der Umkehrisolierung von Laborwerten […] im Blut abhängig gemacht“, schreibt mir die Charité. „Die Entwicklung dieser Werte ist nicht immer vorhersehbar, weshalb in Einzelfällen eine Wiederaufnahme von Maßnahmen notwendig wird.“

Donnerstag, Arbeitsraum, Tag 9

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Immer öfter spüre ich den Schweiß unter meinem grünen Hemdchen und sehne mich nach einer warmen Mahlzeit zu Hause. Ich muss neben dem Dienst am Bett ständig auf Abruf sein. Das Pflegepersonal erledigt darüber hinaus viel Papierkram, bestellt Material und organisiert die Aufnahmen. Ich sehe meine Kollegen ständig die Patientendaten und Medikamentengaben am Computer digitalisieren und zu den Betten rennen. Dazwischen gibt es lebensmüde Patienten, trauernde Angehörige und Neuaufnahmen, die stundenlang im Wartezimmer hocken und protestieren. Es ist die große Reise nach Jerusalem, die vom Glaskasten aus organisiert werden muss.

Ein großes Problem: Untersuchungen planen. Ich lasse einen schwachen Patienten vor einer Darmspiegelung literweise Abführmittel trinken und verweigere ihm das Essen. Stunden später die Ansage: „Die Untersuchung kann leider heute doch nicht stattfinden.“ An manchen Tagen werden etliche Untersuchungen verschoben. Die Patienten sind frustriert, laufen auf den Gängen auf und ab und fragen nach den Ärzten. „Such dir was anderes für die Ausbildung. Das ist die letzte popelige Klitsche hier“, offenbart mir ein Pfleger in der Umkleide, als wir über die abgesagten Untersuchungen sprechen.

Die Charité schreibt mir, dass in Einzelfällen die Notfälle nunmal vorgezogen werden müssten. „Hierdurch bedingt kann es leider gelegentlich zu Verschiebungen/Verspätungen geplanter Untersuchungen kommen.“

Notaufnahmen, zum Teil offenbar chaotische Organisation – und obendrauf der Aufwand für die Isolation der verkeimten Patienten. Während meines Praktikums sind von den 30 Patienten im Schnitt etwa acht in Isolation. Einige Schwestern blasen bei jedem neuen Keimpatienten erstmal die Backen auf. Wieder dauert es, bis die Räume vorbereitet sind, wieder müssen wir den zusätzlichen Hygiene-Aufwand irgendwie bewältigen.

Montag, Mittelallee, Tag 11

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Auf dem Weg zur Wäscherei berichtet mir eine Auszubildende von einer anderen Station, auf der ausschließlich isolierte Räume sind. „Das ist voll nervig da. Man muss sich vor jedem Raum die Schutzkleidung anziehen. Glaub mir, keiner hat da Bock drauf.“ Besonders ältere Mitarbeiter würden das nicht einhalten. Das habe sie auf verschiedenen Stationen beobachten können. Auch sie habe anfangs Angst vor den Keimen gehabt. Das habe sich aber schnell gelegt.

Auch wenn die Auszubildenden ihre Angst vor den Keimen offenbar schnell verlieren, missfällt einigen der Umgang mit Maria Müller, der isolierten Frau mit den Tätowierungen, die gerne auf der Station unterwegs ist. Selbst wenn isolierte Patienten ihr Zimmer grundsätzlich verlassen dürfen, könne man die Frau so nicht umherlaufen lassen. „Ich würde die ins Zimmer sperren“, sagt eine Schülerin. Einige der jungen Auszubildenden konfrontieren damit auch ältere Schwestern und beschweren sich über die wandernde Keimpatientin.

Während der Morgenbesprechung fordert Müller mit der Krücke an den Glaskasten klopfend ihr Polamidol ein, den Ersatzstoff für Heroin, ohne den sie ruppig wird und der sie müde macht. Ein Pfleger erzählt, dass ein wichtiges Medikament im Wert von tausenden Euro entsorgt werden musste, weil Müller betäubt im Bett liegend die zeitgerechte Einnahme versäumte. Ein Assistenzarzt zeigt mir später die Tests auf Antibiotika, die gegen ihren VRE-Darmkeim wirken. Von über 20 Antibiotikasorten war ihr Keim nur gegen einen Stoff sensibel. Dieser Stoff sei dann sehr, sehr teuer.

In der dritten Woche – gegen Ende meines Praktikums – merke ich, wie ich selbst abstumpfe. Die schwarzen, giftigen Ausscheidungen der Kranken, den Teerstuhl, kann ich problemlos beseitigen. Den beißend riechenden Sammelurin, über den die gesamte Ausscheidungsmenge eines Patienten über eine bestimmte Zeit kontrolliert wird, trage ich unbeeindruckt in den Arbeitsraum. Ich wasche ohne Probleme Menschen im Intimbereich. Auch wird mir nicht mehr schwindelig, wenn ich Nadeln in Arme oder Portkatheter in die Brust wandern sehe. Die Arbeit ist zur Routine geworden. Die Routine, die ich auch bei einigen Schwestern bemerke. Die Routine, die offenbar zur Fahrlässigkeit verleitet.

Erst in den Berichten an meine Kollegen in der Redaktion fällt mir auf, wie unreflektiert ich in der Charité stundenlang in der Pflege versunken bin. Wie ich der Macht der Gewohnheit offensichtlich schon nach wenigen Tagen folge und sich dabei kleine, möglicherweise fatale Fehler einschleichen. Auch ich vergesse ab und zu die Handschuhe und werde nachlässig bei der Handdesinfektion.

Wenn Patienten aus der Isolation die Station verlassen, müssen die nächsten, die sich mit dem Patienten beschäftigen, über die Keimbelastung informiert werden. Dafür gibt es spezielle Formulare. Für den Transport gelten die selben hygienischen Standards wie für isolierte Zimmer. Das ist aufwändig. Deshalb sollen Keimpatienten so selten wie möglich transportiert werden. Einen Krankentransporter beeindrucken die Sicherheitsmaßnahmen in meiner Gegenwart nicht: „Was hat er denn? Einen VRE? Halb so wild. Standard.“

Einige Patienten halten sich eben noch in ihren isolierten Zimmern auf, dann sitzen sie im vollen Aufenthaltsraum neben neuen Patienten, denen von Assistenzärzten Blut abgenommen wird. „Ein solches Vorgehen ist nach unseren Vorgaben und Regeln nicht vorgesehen“, schreibt mir hierauf die Charité.

Dienstag, isoliertes Zimmer Gang A, Tag 12, letzter Tag

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Ich stehe in der Tür zu Maria Müllers Zimmer. Ihre Entlassung steht bevor. Ein Haus für betreutes Wohnen soll die nächste Station sein, für soziale Härtefälle mit dicker Krankenakte. Dort wäre Müller nicht isoliert, im Gegenteil. Sie stünde in Kontakt mit vielen Menschen, die aus der Drogenszene stammen. Sie hat Angst, wieder an die Nadel zu kommen, sagt sie im Dämmerzustand in ihrem Bett. Die Alternative ist ein Platz in einer Reha-Einrichtung in einer anderen Stadt. Doch ihr Zustand verschlechtert sich. Und nicht nur das: Sie hat sich während meiner Zeit mit MRGN infiziert, einem weiteren multiresistenten Erreger. Ich verlasse die Station und blicke in ihr geöffnetes Zimmer. Noch liegt sie da, mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Einige Wochen nach meiner verdeckten Recherche rufe ich eine meiner ehemaligen Kolleginnen an. Die bestätigt mir all meine Beobachtungen, verstärkt sie sogar. Sie sagt, die von mir festgestellten Problem seien keine Einzelfälle. Besucher würden sich niemals beim Personal melden, verkeimte Patienten sich kaum einmal die Hände desinfizieren und die Informationspapiere für Patienten und Besucher habe sie noch nie zu Gesicht bekommen. Die Handdesinfektion des Personals sei mangelhaft, Schutzkleidung würde oft falsch getragen und die Putzkräfte würden isolierte und nicht-isolierte Zimmer stets durcheinander wischen.

Während der Recherche zu den Keimen sind mir einige unwissende Angehörige und renitente Patienten begegnet. Das Personal legt hygienische Vorschriften offenbar zum Teil willkürlich aus und tabuisiert die multiresistenten Keime. Die Charité ist bemüht, die hygienischen und personellen Anforderungen zu bewältigen. Das Personal ist bemüht, sich trotz Routine an die Standards zu halten und dem Arbeitsaufwand gerecht zu werden. Trotzdem habe ich viele Fehler und Probleme gesehen. Mit Keimen besiedelte Patienten und Angehörige werden nicht immer ausreichend über Hygiene informiert. Teilweise gefährden infizierte Patienten und Teile des Personals durch fahrlässigen Umgang mit den Keimen andere Patienten.

Über allem steht das große Tabu. Es mangelt offenbar an Bewusstsein und Mut, sich dem Problem ernsthaft zu stellen. Und das, obwohl in Krankenhäusern ab einer Größe von 400 Betten Hygieniker als ausgebildete Fachärzte gesetzlich verordnet sind. Obwohl Ärzte und Schwestern in Weiterbildungen zu Hygienebeauftragten ausgebildet werden. An der Charité gibt es mehr als 40 hygienebeauftragte Ärzte und mehr als 100 entsprechend fortgebildete Pflegekräfte, schreibt mir die Charité. Den oder die Hygienebeauftragte auf meiner Station, der Gastroenterologie, habe ich mit Sicherheit kennen gelernt. Ich weiß es nur nicht.

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Artikel

Behörden zur Auskunft zwingen: Prosoz ist „Heimlichtuer des Monats“

von Benedict Wermter

Das Bündnis “NRW blickt durch” hat das kommunale Softwareunternehmen Prosoz Herten GmbH zum Heimlichtuer des Monats Dezember 2014 gewählt. Das städtische Unternehmen hatte bei Anfragen von CORRECTIV immer wieder gemauert, deshalb hatten wir zuletzt Auskunftsklage eingereicht. Über diese Klage entscheidet jetzt das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

“NRW blickt durch” ist ein Transparenz-Bündnis aus Bund der Steuerzahler NRW, der Initiative „Mehr Demokratie“ und der Antikorruptionsorganisation Transparency Deutschland. “Mangelnder Einblick in das Treiben von städtischen Eigengesellschaften wird immer mehr zum Problem. Lokalpolitiker, Bürger und Journalisten beklagen seit langem die Undurchsichtigkeit bei den vielen Tochtergesellschaften”, schreibt das Bündnis in der Begründung zur Wahl von Prosoz zum Heimlichtuer des Monats.

“Wieder einmal werden Zeit, Geld und Energie beim jahrelangen Prozessieren um Auskünfte verschwendet, obwohl es mittlerweile ausreichend Entscheidungen von Gerichten gibt, die klarstellen, dass Berichterstattung der Presse auch dann möglich sein muss, wenn Staat oder Kommunen als AG oder GmbH tätig werden”, sagt Heinz Wirz, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler in NRW. Das Bündnis “NRW blickt durch” fordert für NRW ein Transparenzgesetz nach dem Vorbild Hamburgs, in dem Behörden aktiv Informationen veröffentlichen und zur Transparenz verpflichtet werden.

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Das Unternehmen ist zur Auskunft nach dem Presserecht aus zwei Gründen verpflichtet: Erstens gehört Prosoz der Stadt Herten und wird von dieser kontrolliert. Zweitens nimmt es Aufgaben der Daseinsvorsorge war, indem es zahlreiche Kommunen mit Softwareanwendungen für Sozialleistungen und Bauverwaltungen ausstattet.

CORRECTIV hat recherchiert, dass zahlreiche freie Mitarbeiter von Prosoz Geld dafür bekamen, dass sie Schulungen durchführten und die Software des kommunalen Unternehmens pflegten. Das Problem: Diese freien Mitarbeiter waren Mitarbeiter von Behörden, die gleichzeitig Kunden von Prosoz waren. Experten halten diese Praxis für mindestens fragwürdig.

Die Geschäftsleitung von Prosoz hatte auf Fragen keine Auskünfte erteilt. Bei den angefragten Informationen handele es sich um Geschäftsgeheimnisse. Um unserer journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen und die Recherche sinnvoll zu Ende führen zu können, mussten wir den Rechtsweg bestreiten.

Wie man Behörden erfolgreich zur Auskunft zwingt, können Sie auch in unserem eBook „Behörden zur Auskunft zwingen“ nachlesen.

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In eigener Sache

Vielen Dank: CORRECTIV ist Newcomer des Jahres

von Benedict Wermter

Die Branchenzeitschrift “medium magazin” hat heute die Journalisten des Jahres bekannt gegeben. Unser Team ist zum Newcomer des Jahres gekürt worden. Wir freuen uns sehr.

In der Begründung zur Wahl schreibt das Magazin: “CORRECTIV probiert neue Journalismus-Finanzierung und entfachte eine Debatte über die Gemeinnützigkeit journalistischen Tuns. Mit ihren Themen von bundesweiter Bedeutung, die lokal heruntergebrochen werden konnten, legte das Team einen vielversprechenden Start hin.”

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Die Journalisten des Jahres werden jährlich von einer 80-köpfigen Jury gewählt. Zur Journalistin des Jahres kürte das “medium magazin” Golineh Atai, Russland-Korrespondentin von WDR und ARD. Insgesamt vergab das Gremium Preise in acht Fachkategorien, für das Lebenswerk und die Redaktion des Jahres. Die Organisation “Reporter ohne Grenzen” und die Initiative “Hate Poetry” wurden mit Sonderpreisen ausgezeichnet.

Glückwunsch an alle Ausgezeichneten. Wir nehmen den Preis als Ansporn, uns im kommenden Jahr erst recht Mühe zu geben.

Mehr Informationen gibt es auf der Webseite des “medium magazin”.

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Veranstaltung

Behörden zur Auskunft zwingen: Auf geht’s 2015 – #FragAmFreitag

von Benedict Wermter

Informationsveranstaltungen in Hamburg, Düsseldorf und Nürnberg, ein Rap, ein Hashtag auf Twitter und ganz viel Informationsfreiheit: Wir wollen, dass deutsche Behörden 2015 transparenter werden. Und Sie können mitmachen.

Im vergangenen Jahr haben Bürger und Journalisten viele spannende IFG Anfragen gestellt, zum Beispiel zu Lobbyismus, Geheimdiensten, Snowden oder das #Zensurheberrecht. Unser Kooperationspartner fragdenstaat.de hat die interessantesten Anfragen der vergangenen zwölf Monate noch einmal zusammengetragen.

2015 wollen wir noch mehr von solchen Anfragen sehen. Informationsfreiheit ist Bürgerrecht. Jeder hat Anspruch auf Informationen, für die wir alle mit unserem Steuergeld bezahlt haben. Der Staat vertritt unsere Interessen – und ist uns deshalb auch Auskunft schuldig. Im Dezember haben wir erstmals zwei Workshops in Berlin veranstaltet, in denen wir Ihnen die Grundlagen Ihrer Auskunftsrechte vermittelt haben. Beide Veranstaltungen waren ausgebucht. Das hat uns sehr gefreut. Jetzt kommen wir auch in andere Städte. Die ersten drei Veranstaltungen stehen fest: in Hamburg am 26. Januar, Düsseldorf am 2. Februar und Nürnberg am 16. Februar. Nähere Informationen zu den Termine geben wir hier bald bekannt.

#FragAmFreitag
Wir wollen die Informationsfreiheit auch im Netz bekannter machen. Jeden Freitag stellen wir Auskunftsanfragen an Behörden. Dafür nutzen wir das Twitter-Hashtag #FragamFreitag. Machen Sie mit und fragen Sie gemeinsam mit unseren Reportern unter #FragAmFreitag Behörden und andere öffentliche Einrichtungen jeden Freitag nach Informationen. Haben Sie eine Frage zur Informationsfreiheit oder eine spannende Anekdote? Unter #FragAmFreitag diskutieren wir jede Woche zum Thema.

Noch immer halten Behörden Bürger hin oder weisen ihre berechtigten Anfragen ab. Die Haltung der Behörden scheint sich seit der Einführung des Informationsfreiheitsgesetzes des Bundes im Jahr 2006 nur wenig geändert zu haben. Oft wird hingehalten, weitergeleitet oder abgewiesen, wenn es eng wird. Wenn Behörden antworten, dann geben sie oft nur minimal Auskunft. Der Tagesspiegel hat das vor wenigen Tagen noch einmal wunderbar zusammengefasst.

Vor einiger Zeit hat sich Volker Steude aus Bochum an uns gewandt mit einem Beispiel, wie unnötig manche Verwaltungen noch immer Mauern bei den Auskunftsrechten.

Probleme mit der Stadt Bochum
Steude, Ratsmitglied der Stadt Bochum, wollte per IFG-Anfrage von der Bochumer Verkehrsgesellschaft wissen, wie viele Fahrgäste täglich von der Innenstadt zum Ruhrpark befördert werden. Grund für die Anfrage: Steude will eine Verbesserung des ÖPNV zum Ruhrpark vorschlagen. Eine einfache Frage, die schnell von der zuständigen Stelle hätte beantwortet werden können.

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Die Verkehrsgesellschaft antwortete jedoch, dass die Daten nicht direkt herausgegeben würden. Stattdessen würden die Daten an die Stadt weitergegeben, die dann Auskunft erteilt. Nach einer Woche heißt es seitens der Stadt: Der Mann soll seine Anfrage als Ratsmitglied an die Oberbürgermeisterin richten. Eine Antwort hätte Volker Steude dann vier Monate später erhalten – bei der nächsten Ratssitzung.

Die Pressesprecherin der Verkehrsgesellschaft sagt gegenüber CORRECTIV, die Anbindung des Ruhrparks an die Innenstadt sei Sache der Stadt Bochum. Sie frage sich, was der Mann denn damit wolle und sagt, die Daten seien Firmeninterna. Der Leiter des Presseamts der Stadt Bochum rudert zurück und gibt die Unsicherheit der Stadt im Umgang mit dem IFG zu: “Wir üben noch” — man wolle aber helfen.

Steude blieb hartnäckig und zitierte die rechtlichen IFG Grundlagen im Mailverkehr. Er hat am Ende Auskunft erhalten – auch weil er selbst den Vorgang öffentlich gemacht hat. Wie man am sinnvollsten gegenüber Behörden argumentiert, steht in unserem E-Book.

Anfragen leicht gemacht
Eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz ist einfach und schnell formuliert: Sie können Ihre Frage formlos einreichen, sollten dies aber schriftlich tun. Sie sollten vorab so genau wie möglich herausfinden, welche Behörde Informationen zu Ihrer Frage haben könnte. Dann sollten sie die benötigte Information so knapp und klar wie möglich beschreiben, sodass Ihnen die Behörde nicht ausweichen kann. Bestimmte Dokumente erhalten Sie am einfachsten, wenn Sie die genaue Bezeichnung des Dokumentes wissen. Ihre Anfrage müssen sie nicht begründen.

Jeder Bürger kann Auskünfte bei den zuständigen Behördenstellen einfordern und muss „ohne schuldhaftes Zögern“ Antwort bekommen. Wütende Anrufe mit Unterlassungsaufforderungen, wie auch der Bochumer Volker Steude sie erhielt, kann man ignorieren.

Bei unserem Kooperationspartner fragdenstaat.de können sie ganz einfach und automatisiert IFG-Anfragen stellen. Im Dezember haben die Kollegen alle noch fehlenden Bundesländer und Gemeinden ergänzt. Jetzt können Sie überall, wo Informationsfreiheit herrscht, bequem ihre Anfragen stellen.

Wir freuen uns über Ihre Erfahrungen mit der Informationsfreiheit, schreiben Sie uns einfach an info [at]CORRECTIV[punkt] org.

Übrigens: Unser CORRECTIV-Datenjournalist Stefan Wehrmeyer – der auch Gründer von fragdenstaat.de ist – hat beim #31c3, dem jährlichen Kongress des Chaos Computer Clubs, einen Vortrag zum Informationsfreiheitsgesetz gehalten – und dabei ganz am Ende auch gerappt. Hier geht’s zum Video.

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Die Unsichtbaren

Wie leben Unsichtbare in Europa? Teilt unseren Fragebogen

von Benedict Wermter

In Europa leben fünf Millionen Einwanderer ohne gültige Papiere – in der Illegalität, unsichtbar. In einem europaweit einmaligen Projekt sammeln wir Informationen und Geschichten von diesen Menschen. Jetzt haben wir einen Fragebogen erstellt, um die erste länderübergreifende Datenbank zum Thema zu bauen.

Die Unsichtbaren haben keinen Anspruch auf soziale Hilfen, sie haben keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung oder eine Altersversorgung, ihre Kinder können nicht in die Schule gehen. Sie werden oft als billige Arbeitssklaven missbraucht und müssen jederzeit mit Polizeiverfolgung rechnen. Etwa einer von hundert Menschen lebt in dieser Not. „Sie haben Rechte, sie können diese nur nicht umsetzen“, sagt Markus Breuer vom Forum Illegalität. Sie leben unter uns – aber sie bleiben unsichtbar.

Wie leben unsichtbare Migranten? Wer profitiert von ihrer Armut? Welche Betriebe nutzen ihre Arbeitskraft und die Situation der Unsichtbaren aus? Und: Wer hilft ihnen? Wer sind die Helfer und wie kann man sie unterstützen? All diese Fragen wollen wir mit einem Crowdfunding-Projekt beantworten, das Ihr hier unterstützen könnt.

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Heute veröffentlichen wir einen mehrsprachigen Online-Fragebogen. Der soll eine anonyme Datengrundlage schaffen, die als Basis der Diskussion über sogenannte „illegale Migranten“ dienen soll. Bisher ist die Datenlage unübersichtlich: In Deutschland zum Beispiel wird die Anzahl sich illegal aufhaltender Menschen auf Basis der polizeilichen Kriminalstatistik hochgerechnet. Mit den Antworten der Unsichtbaren wollen wir ihre Geschichten zeigen: Erfahrungen, Problemlagen und Bedürfnisse von Illegalisierten wollen wir herausarbeiten und multimedial erzählen.

Wir werden durch unseren Fragebogen diese Menschen sichtbar machen, aber ihre Anonymität wahren. Denn sie werden von den Behörden verfolgt. Menschen, die etwa als Flüchtlinge gekommen sind und in europäischen Ländern nicht geduldet werden. Oder Menschen, deren Papiere in einem europäischen Land abgelaufen sind und die daraufhin untertauchen. Ihre Geschichten sind vielfältig, verbunden sind sie alle durch die Illegalisierung.

Es ist ein Crowdsourcing-Projekt: Wir möchten mit möglichst vielen NGOs, Kirchenverbänden, Juristen, Streetworkern, oder Sozialarbeitern zusammenarbeiten, um möglichst viele Unsichtbare direkt zu erreichen. Dazu brauchen wir Eure Unterstützung. Seid Ihr betroffen? Kennt Ihr Menschen, die in der Illegalität leben? Bitte teilt unser Projekt und leitet den Fragebogen weiter. Für uns zählt jede Geschichte.

Um so viel Zeit und Energie wie möglich in diese Recherche stecken zu können, sammeln wir auf unserer Crowdfunding-Plattform für dieses Projekt. Wir bedanken uns für Eure Unterstützung.

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Die Unsichtbaren

Neue Initiative fordert medizinische Versorgung für “Unsichtbare”

von Benedict Wermter , Florian Bickmeyer

Mit einer überraschenden Änderung im Programm hat Gerhard Trabert am Freitag während des Kongresses „Armut und Gesundheit“ in Berlin die Gründung einer bundesweiten Initiative eingeleitet, die zukünftig Druck auf „ignorante politische Entscheider und Verantwortliche“ ausüben will. Zuvor wurden auf mehr als 100 Veranstaltungen Lösungen gesucht, um sozial bedingte Ungleichheiten im Gesundheitssystem zu beseitigen. Trabert ist Vorsitzender des ausrichtenden Vereins und wollte in einem der Hörsäle der TU Berlin eigentlich nur die Vorstellung von zahlreichen Initiativen und Vereinen moderieren, die benachteiligten Menschen medizinische Versorgung und Hilfe anbieten. Beim Blick ins Publikum erkannte Trabert die Möglichkeit, „endlich einmal mit einer Stimme sprechen zu können“. Dutzende schlossen sich ihm an.

Die Vorstellungsrunde erklärte Trabert kurzerhand zur Gründungsveranstaltung. Das neue Netzwerk, das sich seinen Namen erst noch geben wird, arbeitete unmittelbar einen Forderungskatalog aus:

  1. eine Krankenversicherungskarte für alle – auch für Menschen, die ohne Papiere leben,
  2. die Möglichkeit eines anonymen Krankenscheins,
  3. eine bundesweite Clearingstelle zur Koordinierung,
  4. einen Gesundheitsfonds, aus dem etwa Kosten für Krankenhausaufenthalte und die medizinische Versorgung von Menschen übernommen werden soll, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist,
  5. die Aufklärung der Betroffenen über ihre Rechte in einfacher Sprache.

Letztlich ginge es um „Gesundheit für alle“, sagte Trabert – „oder einfach um die Anwendung der Menschenrechte“.

Trabert erzählte kurz die Anekdote eines Menschen, der papierlos – und damit auch nicht krankenversichert – in Deutschland lebte: „In einem Krankenhaus habe ich einen Patienten erlebt, der hatte ein Bronchialkarzinom. Da hieß es: Den entlassen wir jetzt, weil er keine Krankenversicherung hat – und das in einem kirchlichen Haus!“

Politik ohne Armutskonzept

Das Problem liege im System, sagte Trabert. „Wir brauchen einen Mechanismus für solche Fälle.“ Bisher könnte deren Versorgung nur über Spenden gesichert werden und durch das Engagement von Ehrenamtlichen, Ärzten und Helfern, die sich auch hinsichtlich der Haftung während der medizinischen Behandlung stets in einer Grauzone bewegten. Trabert nennt es einen „Skandal“, dass „politische Entscheider und Verantwortliche bis jetzt kein Armutskonzept vorlegen konnten“.

Um dafür Lösungen zu entwickeln und von der Politik einzufordern, hofft Trabert, dass sich der Initiative auch die Unterstützer der aus dem Gesundheitssystem Ausgegrenzten anschließen, die nicht an der Veranstaltung in Berlin teilgenommen haben. Die bisherigen Unterzeichner tragen die Forderungen nun ins Land hinaus.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Es sind nicht nur die Unsichtbaren, die Papierlosen, die nicht oder nur unzureichend krankenversichert sind. Das Patientenbild ist vielfältig: EU-Bürger, Papierlose oder Asylbewerber gehören genau so zur betroffenen Klientel wie Wohnungslose oder Privatversicherte aus dem Mittelstand, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können.

„Verstoß gegen die Menschenrechte“

„Bis zu 800.000 Menschen sind betroffen. Das ist ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland“, sagte Uwe Denker, Sprecher der Praxen ohne Grenzen aus Norddeutschland. Das Forschungsprojekt „Clandestino“ nannte vor einigen Jahren die Zahl von bis zu einer halben Million Menschen, die papierlos in Deutschland lebten. Genauere Zahlen dazu gibt es nicht. Wir wollen Licht in dieses Dunkel bringen und recherchieren mit unserem Projekt „Die Unsichtbaren“ über Menschen, die ohne Papiere unter uns leben. Wir wollen wissen, wie sie leben, welche Probleme sie haben, wo sie ausgenutzt und ausgebeutet werden. Dazu haben wir etwa einen Fragebogen entwickelt, der anonym ausgefüllt werden kann. Den Fragebogen gibt es in mehreren Sprachen hier: https://correctiv.github.io/theinvisibles/de/

„Dass so viele Menschen keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben, empfinden wir als Verstoß gegen die Menschenrechte. Unser Ziel muss es sein, dass es unsere Organisation eines Tages nicht mehr gibt, sondern dass jeder zu einem Arzt gehen kann. Dazu müssen wir zunächst die Existenz von Betroffenen sichern, damit diese sich selber helfen können. Wir müssen nachhaltig Strukturen verändern, wenn wir etwas erreichen wollen“, sagte Gerhard Trabert, der Initiator des neuen Netzwerks, weiter.

Bisher bleibt die medizinische Versorgung von Menschen, die nicht oder nur unzureichend krankenversichert sind, beinahe ausschließlich Ehrenamtlichen überlassen. Krankenhausaufenthalte und Medikamente werden meist über Spenden finanziert. Auch die Begleitung von Schwangeren ist häufig ein Problem.

Trabert erklärte schließlich, dass sich politische Entscheider konträr zur Stimmung in der Bevölkerung verhielten. So habe eine repräsentative Untersuchung der Caritas ergeben, dass 67 Prozent aller Befragten eine medizinische Grundversorgung für jeden Menschen befürworten. Die Hälfte aller Befragten würde dafür auch einen monatlichen Beitrag von vier Euro zahlen.


Update, 11. Mai, 15 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes hieß es: „Das Forschungsprojekt „Clandestino“ nannte vor einigen Jahren allerdings schon die Zahl von bis zu einer Million Menschen, die papierlos in Deutschland lebten. Dann wären noch deutlich mehr Menschen betroffen. Genauere Zahlen dazu gibt es nicht.

Die Angabe von bis zu einer Million Menschen war jedoch veraltet. Die Migrationsforscherin Dita Vogel bezifferte die Zahl der Unsichtbaren in Deutschland für „Clancestino“ auf 200 000 bis 460 000. Ihr Interview mit CORRECTIV lest Ihr hier: „Hunderttausende sind Unsichtbar“.

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Artikel

„Armut ist kein Problem der südländischen Jugend“

von Benedict Wermter

Tausende junge Menschen strömen jedes Jahr aus Südeuropa nach Deutschland. Sie nennen sich GenerationE und suchen im Norden eine neue Heimat und die Chance auf ein besseres Leben. Doch oft fühlt sich die GenerationE ausgebeutet. Einige wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Sie haben in Berlin die „Grupo de Acción Sindical“ gegründet — zu deutsch: gewerkschaftliche Aktionsgruppe — GAS. Sie streiten für ein besseres Leben.

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Marta Cazorla Rodriguez spricht für die Acción Sindical. Sie sagt, es gehe ihnen nicht nur um bessere Verträge, sondern auch um sozialen Beistand. Denn manchmal ist es schwierig, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Mit uns spricht Marta über alternative Lebensformen, unfähige Gewerkschaften und die Stimmung unter den jungen Einwanderern.

Ist es für die GenerationE eher ein Traum oder ein Alptraum, in der neuen Heimat zu leben?

Traum wäre wohl zu viel gesagt. Es gibt natürlich viele junge Menschen aus Südeuropa, die freiwillig nach Deutschland kommen. Auch ich wäre ohne Krise trotzdem nach Berlin gekommen, weil ich reisen und etwas erleben wollte. Es ist schon eine Art Traum, hier leben zu können. Aber es gibt eben auch die anderen, die nicht aus Spaß hier hingekommen sind, sondern weil sie in ihrer alten Heimat keine Lebensgrundlage gefunden haben, keinen Job und keine Zukunft.
Wir haben Kontakt zu jungen Menschen aus Südeuropa, die in kleinen deutschen Dörfern gelandet sind, weil sie dort endlich einen Job gefunden haben. Und für diese Menschen ähnelt das Leben schon mehr einem Alptraum: Sie sprechen kein Deutsch, sind isoliert und haben kaum Geld.
Die spanische Regierung versucht immer, die Probleme kleiner zu machen, als sie sind. Sie sagt: „Die, die gehen, gehen aus Spaß.“

Manche aus der GenerationE sagen uns, die Einwanderer sollen nicht klagen, sondern froh sein, dass sie in Deutschland leben können. Sind die Klagen berechtigt? Ist die Angst vor Ausbeutung real? Oder jammern da welche auf hohem Niveau?

Wir haben uns für südeuropäische Pflegekräfte eingesetzt, die zwölf Stunden Schichten schieben mussten und 40 Prozent weniger Gehalt bekommen haben, als ihre deutschen Kollegen. Das ist Ausbeutung. Wir wollen dieselben Rechte und auch das gleiche Ansehen wie die deutschen Kollegen. Wir möchten wie sie in unseren Job aufsteigen können. Wir wollen Verantwortung übernehmen dürfen, wenn wir die nötige Ausbildung und das nötige Wissen haben. Doch das wird uns verwehrt. In Spanien muss man mehrere Jahre studieren, um in der Pflege arbeiten zu können. Leider wird aber in Deutschland diese Ausbildung in der Praxis nicht beachtet. Wir werden zu einem geringeren Gehalt angestellt, als uns zusteht. Wir sehen in solchen Strukturen Lohndumping. Das betrifft aber nicht nur uns, sondern den ganzen deutschen Arbeitsmarkt. Wir werden schlecht bezahlt und ersetzen damit gut bezahlte Arbeitsplätze anderer Arbeiter. So wird das ganze Lohnniveau gedrückt.

Welche Gruppen von Südeuropäern leben in Deutschland in besonders schwierigen Verhältnissen?

Wir hören sehr oft, dass viele junge Leute direkt von der Uni nach Deutschland kommen und hier Karriere machen wollen. Sie sind gut motiviert und haben viel Energie. Doch auch sie haben es dann schwer. Daneben gibt es auch ältere Südeuropäer, die mit ihren Familien kommen und sich zurechtfinden müssen. Wir haben mit der GAS gerade 20 Männer zusammengebracht — die meisten von ihnen sind über 40 Jahre alt und leben jetzt in Deutschland mit ihren Frauen und Kindern. Diese Männer sind keine Akademiker, sondern einfache Arbeiter, die aus Not nach Deutschland gekommen sind, weil sie in ihrer Heimat lange Zeit arbeitslos waren.
Armut ist kein Problem der südländischen Jugend. Die Generation E ist nur etwas mehr betroffen, weil die Jugend aus Südeuropa wirtschaftlich und sozial verletzlicher ist. Das heißt aber nicht, dass junge Leute aus Deutschland nicht von Lohndumping betroffen sind. Auch hier gibt es genügend Menschen, die unter Armut leiden.

Gewerkschaften in Deutschland haben eine lange Tradition, Armut zu bekämpfen, vertreten sie auch eure Interessen?

Sicher könnten die Gewerkschaften auch etwas für uns tun. Wenn es sie nur interessieren würde. Ein Mitarbeiter von Ver.di hat uns beispielsweise bei unserem Einsatz für Pflegekräfte sehr geholfen. Er war wirklich sehr engagiert. Pflege ist eben ein wichtiges Thema für Ver.di. Das war eine gute Erfahrung. Wir haben aber auch schlechte gemacht. Zu Details will ich lieber nichts sagen.
Es hängt sehr oft von einzelnen Personen in den Gewerkschaften ab, ob wir gut zusammenarbeiten können. Manchmal gibt es aber auch unterschiedliche Ansichten in der Strategie. Während der Krise vor einigen Jahren zum Beispiel gab es in Spanien und Italien Aufrufe zum Generalstreik. Diese Aufrufe wurden weitgehend befolgt. Auch deutsche Gewerkschaften sollten sich dem Generalstreik anschließen. Aber der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte gar keine Absicht, das zu tun. Wir erleben, dass die meisten deutschen Gewerkschaften zu viel mit der deutschen Wirtschaft kooperieren.

Wie wollt ihr mit Arbeitgebern einen Dialog in Deutschland führen, wenn ihr sehr kämpferisch auftretet?

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Meinst du, unsere linke Identifikation ist ein Problem?

Es löst zumindest bei vielen Arbeitgebern Unbehagen aus. Die denken, ihr seid Krawallmacher. In Deutschland gibt es starke Vorbehalte gegenüber Krawallmachern.

Glaubst du die kennen uns? (lacht) Unsere Botschaft ist einfach: „Gleicher Lohn bei gleicher Arbeit.“ Wir schämen uns nicht und treten für unsere Interessen ein. Wir kämpfen auch gegen solche Klischees wie „linke Krawallmacher“. Wir wollen unsere Zukunft in die Hand nehmen und unsere Arbeitswelt mitgestalten. Wir können es uns einfach nicht leisten, nicht mit Arbeitgebern zusammenzuarbeiten und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Über Politik zu reden, ist einfach, aber man muss auch etwas tun, um seine Anliegen durchzusetzen.

Spanien hat eine große alternative Szene. Warum ist trotzdem eine GenerationE entstanden, die ihre Zukunft in anderen Ländern sucht?

Auch um alternativ leben zu können, braucht man Geld. Es ist schwierig, die Situation in Spanien aus der deutschen Perspektive zu verstehen. In Spanien liegt die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen bei fast 55 Prozent. Einer von zwei jungen Menschen hat keinen Job. Die Leute leben bei ihren Eltern bis sie 30 sind. Das macht niemand aus Spaß. Die Kindheit wird immer weiter verlängert. Du kannst dein Leben nicht gestalten und irgendwann willst du nur noch weg.

Wollen die Menschen nicht in ihrer Heimat etwas verändern?

Sie versuchen es ja. Es gibt Nachbarschaftsinitiativen, es gibt Vereinigungen, die mit Banken verhandeln, damit diese Familien oder jungen Menschen Schulden erlassen. Es gibt außerdem neue Parteien. Viele Menschen haben kreative Ideen und sind auf der Suche nach einer neuen politischen Kultur. Der Slogan einer sehr erfolgreichen Bürgerinitiative gegen Zwangsräumungen von Wohnungen, deren Mieter die Miete nicht mehr zahlen können, lautet: „Si se puede“. Das bedeutet: „Ja man kann.“ Aber ein Problem haben alle: Um etwas neues anzufangen, braucht man Geld.

Warum bleibt ihr, wenn ihr unzufrieden seid?

Wir glauben, wenn wir uns organisieren und versuchen, zu kämpfen, dann wird unser Leben hier besser. Etliche von uns haben es auch schon geschafft. Sie haben gute Jobs. Wir dürfen nur die Hoffnung nicht verlieren.

Interview: Benedict Wermter

Wie leben junge Auswanderer aus Südeuropa in Deutschland?  Was sind ihre persönlichen Hintergründe und Motive? Welche Erfahrungen haben sie in Deutschland gemacht und welche Situationen haben sie besonders beeindruckt? In unserem tumblr kommt die GenerationE zu Wort: Hier veröffentlichen wir die Geschichten der Südeuropäer, die in den Norden gekommen sind.

http://generatione-correctiv.tumblr.com/

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Aktuelle Artikel

Unser tumblr zur #GenerationE

Sie leben weit entfernt von Familie und Freunden und sie versuchen, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen – junge Einwanderer aus Südeuropa: die GenerationE. Wir haben mit einigen von ihnen spannende, überraschende und auch traurige Gespräche geführt.

von Benedict Wermter , Belinda Grasnick

Mit unserem Crowdsourcing-Projekt #GenerationE haben wir über 2000 Südeuropäer nach ihren persönlichen Hintergründen der Wanderung von Süd nach Nord befragt. Auf unserem tumblr erzählen wir seit Mitte Dezember 2014 mehrmals in der Woche die Geschichte eines Menschen der #GenerationE – mit wachsendem Erfolg in den sozialen Netzwerken.

Drei Monate nach dem Start ist es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Was sind Motive der jungen Migranten, den Süden zu verlassen? Welche Erfahrungen haben sie in der neuen Heimat gemacht?

Ein paar Daten: Über 50 Personen haben auf unserem tumblr einen Ausschnitt aus ihrem Leben erzählt. Die ältesten beiden aus der #GenerationE sind 40 Jahre alt, die meisten Portraitierten sind Ende Zwanzig. Am meisten gelesen wurde das Profil von Lola, die zu faul ist, um zurück zu ziehen. Ebenfalls häufig geklickt wurde Rosa. Sie hatte ein spannendes Erlebnis auf einer Party.

Sehr viele junge Migranten aus unserem Blog sind als Studenten gekommen, sie sind motiviert und fleißig. Andere sind vor Armut und Perspektivlosigkeit geflüchtet. Häufig war die #GenerationE enttäuscht von Politik und Gesellschaft in der Heimat. Die politischen Systeme in Südeuropa wurden von vielen der befragten Personen der #GenerationE als unglaubwürdig, veraltet oder korrupt beschrieben. So sind viele voller Hoffnung auf Arbeit und Unabhängigkeit von den Eltern weggezogen.

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David aus Spanien ist vor etwa zehn Jahren aus dem Bauch heraus ausgewandert und hat sich der Künstler- und Partyszene in Berlin angeschlossen. Er war wie viele auf dem Blog neugierig und abenteuerlustig. So auch Marco, der trotz Studium als Koch durch Nordeuropa zieht. Für andere auf unserem tumblr hat persönliches Leid wie ein Verkehrsunfall oder erlebte Gewalt das Ende in der alten Heimat markiert.

Wir waren erstaunt, dass die #GenerationE mehrfach die flachen Hierarchien und die liberale Einstellung von Menschen in Deutschland betont. Trotz aller Bürokratie wird Deutschland als gastfreundlich und als Dienstleistungsparadies empfunden. „Wenn man in Deutschland arbeitet, wird man gebraucht und Wert geschätzt“, sagte Gabriella über den Umgang mit ihren Arbeitgebern.

Fast alle haben uns von unüberwindbaren Sprachproblemen erzählt, ebenfalls problematisch scheint die deutsche Bürokratie im Hinblick auf die Anerkennung von Abschlüssen zu sein. Die #GenerationE tut sich manchmal schwer, Freunde in Deutschland zu finden, wo doch alle so gerne unter sich bleiben. Manchmal haben wir auch von Ausbeutung bei der Arbeit gehört, in Zuschriften und Gesprächen kam aber auch Kritik aus den eigenen Reihen: Man solle die Ärmel hochkrempeln und froh sein, dass man in Deutschland leben kann, hieß es hinter vorgehaltener Hand am Telefon.

Viele vermissen das Essen, die Sonne, das Meer und ihre Familie. Die meisten sind aber froh, im kalten und reichen Deutschland Fuß gefasst zu haben. Sie wollen bleiben. Wir danken denen, die mit uns gesprochen haben, schon jetzt für ihre einzigartigen Geschichten.

Wir möchten Euch alle bitten, mit euren südeuropäischen Freunden über unseren Blog zu sprechen, diesen zu teilen und weiterzuleiten. Uns interessieren auch die Netzwerke junger Migranten in deutschen Städten, Subkulturen oder politische Zusammenschlüsse der #GenerationE. Wir sind gespannt auf viele weitere Geschichten!

Hand zeigt Stopp. Symbolbild für abgewiesene Klage / Mangel an Auskunft© Ivo Mayr

Auskunftsrechte

Erstes Urteil zur Prosoz-Auskunftsklage

Das Amtsgericht Recklinghausen hat am Donnerstag unsere Auskunftsklage in Sachen PROSOZ zurückgewiesen. Wir wollten wissen, wie viele Mitarbeiter von PROSOZ-Kunden gleichzeitig Geld von PROSOZ bekommen, dafür dass sie die Software des Hertener Unternehmens unterrichten. Eine Richterin des Amtsgerichtes in Recklinghausen urteilte nun, die Softwarefirma PROSOZ müsse uns nichts sagen, weil das städtische Unternehmen keine Behörde sei. Erstaunlich.

von Benedict Wermter

Um als Behörde zu gelten, muss eine kommunale Firma nach Urteil des Bundesgerichtshofes unter Kontrolle der Gemeinde stehen – und gleichzeitig Aufgaben der Daseinsvorsorge wahrnehmen. Zumindest letzteres sei nach Ansicht der Richterin im Fall PROSOZ nicht gegeben.

PROSOZ stellt Software her, die in kommunalen Verwaltungen genutzt werden. Die Richterin denkt, dass Software nicht der Daseinsvorsorge dient. Wir sehen das anders. Denn gerade die Software von PROSOZ ist entscheidend für alle Prozesse der Daseinsvorsorge. Sie steuert etwa die Vergabe von Baugenehmigungen, die Auszahlungen von HARTZ IV-Mitteln, die Hilfsleistungen an Jugendliche und sonst alles, was in einem Rathaus gemacht wird.

Unsere Einwände ließ die Richterin leider nicht gelten. Noch bevor wir unsere Sicht der Dinge schildern konnten, hatte sich die Richterin auf den Aspekt der Daseinsvorsorge gestürzt. Sie sagte, die gebe es nicht, weil PROSOZ sich nicht um Daseinsvorsorge kümmert. Sie wollte nicht diskutieren, nichts hören. Dabei machte sie den Eindruck, sie habe die Klage nicht verstanden: Sie sprach von Mitarbeitern der Stadt Herten, die gleichzeitig bei PROSOZ arbeiteten. Davon war nie die Rede. Stattdessen haben wir gesagt, dass PROSOZ Mitarbeiter von Kunden bezahlt.

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Das ganze Verfahren am Gericht in Recklinghausen war absurd. Der Verhandlung ging ein Ringen zwischen dem Amtsgericht Recklinghausen und Verwaltungsgericht Gelsenkirchen voraus. Beide Gerichte schoben sich monatelang die Zuständigkeit für unsere Klage hin und her. Klageschriften gingen verloren und Briefe konnten nicht zugestellt werden. Ein grauenhaftes Ämter-Pingpong.

Wir haben das Softwareunternehmen PROSOZ Ende letzten Jahres auf Auskunft nach Presserecht verklagt, weil die Geschäftsleitung nicht auf unsere Fragen antworten wollte. Nach unseren Recherchen hat PROSOZ in der Vergangenheit mehr als hundert Mitarbeiter von Kommunen in ganz Deutschland beschäftigt. Die Verwalter bekamen Geld für Schulungen der PROSOZ-Software. Pikant: Die Kommunen der Verwalter sind gleichzeitig Kunden von PROSOZ. Kritiker sprechen von Korruption bei diesem Millionengeschäft mit der öffentlichen Auftragsvergabe von Softwarelizenzen.

Das Urteil werden wir anfechten. In der nächsten Runde hoffen wir auf die Möglichkeit, unser Anliegen vollständig begründen zu können. Bis dahin freuen wir uns über jede Unterstützung. Auf die nächste Verhandlung bereiten wir uns unter anderem mit unserem E-Book „Behörden zur Auskunft zwingen“ vor.

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Interviews

Politik macht verrückt

Wer ohne Papiere in Deutschland lebt, ist auf die Gunst einzelner angewiesen. Auf Menschen wie die Sozialarbeiterin Golde Ebding, die bei der Malteser Migranten Medizin in Berlin arbeitet. Dort hilft sie Menschen, die als illegal gelten. Im vergangenen Jahr gründete sie mit Freunden „Flüchtlinge Willkommen“, ein Projekt, das über das Internet Geflüchtete in Wohngemeinschaften unterbringt.

von Benedict Wermter

Benedict Wermter sprach mit ihr über die Idee und über das Leben ohne Papiere: Ohne Notausgang in der endlosen Warteschleife auf eine bessere Zukunft.

Frau Ebding, Sie haben „Flüchtlinge Willkommen“ mitgegründet und helfen auch Menschen, die in der Illegalität leben. Wie erklären Sie Wohngemeinschaften, die einen Geflüchteten aufnehmen würden, wenn es sich um einen Menschen handelt, der als illegal gilt?

Golde Ebding: Theoretisch ist es eine Straftat, die aber seit Jahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird. Es ist ein humanitärer Akt, einer geflüchteten Person zu helfen. Das sieht auch die Justiz so – und das erklären wir den Menschen. 

Portrait Golde Ebding

Golde Ebding

Fragen Sie Menschen, die sie vermitteln wollen, ob ihnen der Aufenthalt in Deutschland gestattet wurde?

Wir müssen den Status klären, um eine geeignete Finanzierung für den Vermittelten zu finden. Ich weiß, dass eine hohe Zahl der Interessenten in die Gruppe derer fällt, die kein Visum mehr haben, kein Asyl bekommen oder schon illegal eingereist sind. In Berlin haben wir viele Menschen, die keinen legalen Aufenthalt haben. Sie werden von den Protestbewegungen in den Großstädten und den großen Communities mit der selben Herkunft angezogen.

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde viel über „Flüchtlinge Willkommen“ berichtet. Es scheint, als hätten Sie viel zu tun und einen Nerv getroffen. Offenbar werden Sie gebraucht.

Das Projekt boomt gerade, weil wieder einmal viele Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Immer dann, wenn große Not medial verbreitet wird, gibt es sehr starke Reaktionen in der Bevölkerung. Viele Bürger wollen ein Zeichen setzen und melden sich bei uns an. Wie gesagt, unser Projekt ist ein humanitärer Akt und keine Aktion um Geld zu verdienen. Da sind dann viele Familien in den ländlichen Gegenden, aber auch erstaunlich viele alleinstehende Mütter mit Kind. In Berlin ist sowieso alles dabei. Wir hatten ein älteres Ehepaar, eine Schwulen-WG und eine Lesben-WG, die jeweils schwule und lesbische Geflüchtete aufgenommen haben. Da gibt es sehr spezielle Kombinationen.

Wie arbeiten Sie im „Flüchtlinge Willkommen“-Team?

Meine Partner machen Öffentlichkeitsarbeit, sie kümmern sich um die Finanzen und vernetzen uns. Ich mache die konkrete Vermittlung: Die Erstkontakte werden vorbereitet, Rechtliches geklärt. Dazu schreibe und telefoniere ich mit denen, die aufnehmen wollen. Leider machen viele Wohngemeinschaften wieder einen Rückzieher, weil sie Angst bekommen. Sie schreiben nicht mehr zurück oder treffen ein paar Geflüchtete und möchten dann doch nicht mehr mitmachen. Oft fürchten Interessierte auch rechtliche Konsequenzen: Manche Leute fragen sich, ob sie ins Gefängnis müssen, wenn sie einen Unsichtbaren aufnehmen.

Welche Probleme erleben Sie mit den Geflüchteten, wenn Sie ihnen helfen?

Die Unmöglichkeit der Integration. Das liegt auch an der Unterbringung in isolierten Lagern. Menschen in Asylverfahren oder mit Duldung haben außerdem keinen Anspruch auf Deutschkurse. So haben sie kaum Kontakt zu Deutschen und lernen auch die Sprache nicht, obwohl viele seit Jahren hier sind. Deutschland glaubt nicht, dass die Geflüchteten bei uns bleiben, sondern dass sie zurück gehen. Der Aufenthalt wird den Geduldeten zusätzlich erschwert, ihre Leistungen manchmal gekürzt. Dabei brauchen wir doch Migration und Integration.

Wir haben von Menschen gehört, die aus laufenden Asylverfahren fliehen oder nach abgelehntem Antrag untertauchen. Wissen Sie von solchen Fällen?

Da fallen mir die sogenannten Dublin-Fälle ein: Geflüchtete, die etwa italienische Papiere haben und hier im Asylerfahren sind. Die bekommen in der Regel eine Ablehnung und müssen innerhalb von sechs Monaten nach Italien überstellt werden. Wenn sie abgeschoben werden sollen, tauchen sie so lange ab, wie Deutschland Zeit gehabt hätte, sie abzuschieben. Danach stellen sie einen neuen Antrag und der muss von Deutschland – wenn auch eingeschränkt – wieder geprüft werden. Geflüchtete fürchten in Italien eine noch krassere Perspektivlosigkeit. Man lebt da faktisch immer auf der Straße. Was in Italien allerdings gut funktioniert, ist die kostenlose europäische Krankenversicherungskarte.

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Und in Deutschland?

Hier bringt die europäische Krankenversicherungskarte meist gar nichts. Jede akute Krankheit muss untersucht und behandelt werden. Viele Ärzte aber weigern sich, in der Sprechstunde zu behandeln. Sprechstundenhilfen füllen erst gar nicht die Bögen der Patienten aus, wenn ihnen der Aufenthaltsstatus unklar ist. Ist ein Deutscher dabei, werden die Geflüchteten angenommen. Wenn sie alleine gehen, nicht. Sie können sich einfach nicht wehren. Dieses Problem erleben sogar viele Italiener in Deutschland.

Das ist sehr erstaunlich. Die europäische Krankenversicherungskarte gibt es ja schon seit Jahren. Was machen die Leute, wenn sie beim Arzt abgelehnt werden?

Entweder nichts – oder sie kommen zum Beispiel zur Malteser Migranten Medizin. Wir schicken sie mit einem rechtlichen Hinweis auf eine Behandlung wieder zum Arzt. Trotzdem werden Geflüchtete oft abgelehnt. Die Ärzte in Großstädten haben genug Patienten und können es sich erlauben, auszuwählen.

Erzählen Sie doch bitte einmal aus dem Leben der Geflüchteten, die Sie treffen. Wie ergeht es ihnen hier?

Viele haben Probleme mit der Psyche. Ich habe mit Menschen aus der Subsahara Kontakt. Dort werden psychische Probleme als solches gar nicht erkannt. Die Leute leiden unglaublich unter ihrer Situation, sind sich aber gar nicht bewusst, woher es kommt. Ich beobachte oft körperliche Erscheinungen: Die Geflüchteten können nicht schlafen, haben Kopfschmerzen oder sind unruhig. Da kann man zusehen, wie die Leute durch die europäische Politik regelrecht verrückt werden. Durch dieses würdelose Leben gehen sie kaputt. Dazu kommt noch der Druck aus Afrika.

Was meinen Sie, wenn sie von „Druck aus Afrika“ sprechen?

Über Europa existieren paradiesische Vorstellungen in Afrika. Es wachsen große Erwartungen: der Stärkste der Familie soll die Angehörigen in der Heimat unterstützen. Ich kenne viele, die zurück wollen, aber nicht können. Die Geschickten müssen ihren Familien etwas mitbringen, sonst gelten sie im Herkunftsland als Versager. Überflüssige Fassaden werden aufrecht erhalten, tolle Posen vom Leben in Deutschland über Facebook verschickt. Die Geflüchteten wollen sich nicht hinstellen und sagen, dass sie versagt haben. Das würde in Afrika niemand glauben. So entsteht eine Abwärts-Spirale: Noch mehr Menschen in Afrika wollen nach Europa. Gleichzeitig bauen sich die Geflüchteten hier ein Leben in der Schattenwelt auf.

Können diese Menschen hier Zufriedenheit finden?

Nach der Hölle in Südeuropa schrauben die Migranten ihre Erwartungen herunter, versuchen mit den Umständen klar zu kommen. Am Mangel an Alternativen zerbrechen viele. Es steht niemand freiwillig in Berlin am Görlitzer Park und verkauft Drogen. Ich habe das Gefühl, dass sich einige daran gewöhnen. Das hängt aber von den Erwartungen ab, die jemand mitbringt. Wer nur überleben wollte, empfindet das Leben hier anders, als derjenige, der versucht sich ein besseres Leben aufzubauen. Letztendlich ist alles auch eine Charakterfrage.

Wenn Sie es sich aussuchen dürften: Was muss sich ändern, um das Leben von Migranten in Deutschland zu verbessern?

Da bin ich keine Visionärin. Die Strukturen und die Denke müssen sich zuerst in der Politik ändern. Das wird nicht von der Bevölkerung kommen, die eher nach rechts abdriftet. Diese Abschottung, die nicht funktioniert, muss beendet werden. Ich glaube unser Projekt kann den Menschen kleine, schöne Momente bringen. Aber ganz oben muss etwas passieren.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

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Interviews

Das Verräter-Gesetz

Das Café 104 liegt mitten in der Stadt, zwischen Hohenzollernplatz und Hauptbahnhof. Dort wird Menschen geholfen, die in aufenthaltsrechtlicher Illegalität. Hier treffen sich Menschen, die gar nicht hier sein dürften. Nicht in München, nicht in Deutschland.

von Benedict Wermter

Vor dem Gesetz gelten die Besucher des Café 104 als illegal, weil sie keinen Aufenthaltstitel haben. Hier werden sie begrüßt von vier Frauen und einem Mann, die ihnen Rechte verschaffen, die diesen papierlosen Menschen vorenthalten werden. Medizinische Versorgung zum Beispiel oder rechtliche Beratung. 

Das Café 104 ist ein Projekt des Bayerischen Flüchtlingsrates und arbeitet seit der Gründung 1998 unabhängig. Es wird mittlerweile durch Gelder aus einem Fonds zur gesundheitlichen Notversorgung von Menschen ohne Versicherung von der Stadt München unterstützt, wovon die Miete für die Einrichtung bezahlt wird. Benedict Wermter sprach mit Birgit Poppert, einer Gründerin, über Gesetze, das Münchener Modell und die Arbeit mit Behörden und anderen Hilfseinrichtungen. 

Frau Poppert, Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, sind für die Behörden letztlich unsichtbar. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, muss diese Menschen bei der Ausländerbehörde anzeigen. Das schreibt das Gesetz vor. Was will der Gesetzgeber mit dieser Übermittlungspflicht erreichen?

Birgit Poppert: Das ist der sogenannte Denunziantenparagraf. Man hatte sich davon versprochen, Illegalisierte leichter aufgreifen zu können. Andererseits wollte man auch erfahren, welche Personen sich aus welchen Gründen illegal in Deutschland aufhalten. Die Ausländerbehörden geben jedoch fast unisono an, dass sie kaum Meldungen erhalten. Das liegt auch daran, dass Unsichtbare diesen Paragrafen sehr wohl kennen und sich hüten, in diese Falle zu tappen. Das bedeutet wiederum, dass sie sich unter anderem viel zu spät in ärztliche Behandlung begeben und dass sie auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ausgebeutet werden, weil sie mit der Angst leben, entdeckt und abgeschoben zu werden. Dieses Gesetz muss bis auf sicherheitsrelevante Kriterien abgeschafft werden.

Portrait von Birgit Poppert

Birgit Poppert

Warum wird es nicht abgeschafft?

Wir sehen die Herausnahme der Bildungsstätten aus dem Paragrafen als ersten Schritt in die richtige Richtung an. Ebenso eine allgemeine Verwaltungsvorschrift, wonach im Notfall ins Krankenhaus eingelieferte illegalisierte Patientinnen und Patienten nicht der Ausländerbehörde gemeldet werden müssen. Wir kennen aber kein schlüssiges Argument, warum hier sonst nichts geändert werden kann. Im übrigen Europa gibt es einen solchen Paragrafen ebenso wenig wie die Tatsache, dass Illegalität eine Straftat darstellt. In den meisten anderen EU-Ländern ist aufenthaltsrechtliche Illegalität eine Ordnungswidrigkeit wie etwa Falschparken. Während man in Frankreich Illegalisierte lediglich zur Ausreise auffordert, wenn sie aufgegriffen werden, inhaftiert man in Deutschland diese Menschen, berechnet eine Geldstrafe nach Tagessätzen für die Dauer des illegalen Aufenthalts und schiebt sie ab.

Sie wollen Menschen helfen, die nicht hier sein dürften. Die Behörden wollen das Recht durchsetzen. Letztlich arbeiten Sie gegeneinander. Wie ist es für Sie, Mitarbeitern von Ausländerbehörden beruflich zu begegnen?

Denen kann man keinen Vorwurf machen. Sie richten sich ja nach den Vorschriften. In München erleben wir ein großes Entgegenkommen der Behörden, es herrscht ein sachlich guter Ton: Die Behörden arbeiten weder gegeneinander, noch gegen uns. Die Münchener Ausländerbehörde hat uns sogar unterstützt, als es um die Unterbringung von illegalisierten Schwangeren ging. Da hatte uns die bayerische Regierung Schwierigkeiten gemacht und wir bekamen Deckung von der Ausländerbehörde. Die Ausländerbehörde selbst ist interessiert an praktikablen Lösungen und wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Ihre Einrichtung, das Café 104, wird von der Stadt München bei der Bezahlung der Miete unterstützt. Es ist selten, dass Städte oder Kommunen ein solches Projekt unterstützen. Wie haben Sie das erreicht?

Seit 2009 zahlt die Stadt München die Miete für die gemeinsame Praxis von Cafe 104 und den Ärzten der Welt. Wir waren zuvor beide beim Bayerischen Flüchtlingsrat untergebracht. Dort wurde es zu eng, weshalb die Ärzte der Welt umziehen wollten. Wir konnten finanziell zunächst nicht mithalten, da wir aus sporadisch eingehenden Spenden keine Miete finanzieren können. Ich habe dann der Stadt das Modell vorgeschlagen. Da die Stadt Wert darauf legte, dass wir mit den Ärzten der Welt zusammen bleiben, übernahm sie die Miete. Das macht die Stadt nicht ohne Eigennutz: Übergänge in die Legalität bedeuten meistens gesichertes Einkommen und damit Steuereinnahmen, und wir nehmen der Ausländerbehörde viel integrative und organisatorische Arbeit ab: Wenn wir etwa mit den Unsichtbaren mit allen erforderlichen Papieren beim ersten Gespräch mit der Behörde erscheinen oder auch Dolmetscher stellen.                   

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Sehen Sie Möglichkeiten, das Münchener Modell auch in anderen Regionen Deutschlands zu etablieren? Oder: Wie können Unterstützer von illegalisierten Menschen bessere strukturelle Bedingungen in ihrer Umgebung erreichen?

Da gibt es kein Patentrezept. Die strukturellen Bedingungen hängen stark von den behördeninternen Verwaltungen der einzelnen Bundesländer ab. Wir haben schon Probleme, unser Modell über die Stadtgrenzen hinaus in Bayern zu etablieren. Auch haben die vielen Organisationen in der Zielsetzung unterschiedliche Meinungen: Wir setzen uns vehement gegen den  Denunziantenparagrafen ein. Die Medinetze dagegen kommen aus der anderen Richtung und befürworten den anonymen Krankenschein, der eine anonyme Behandlung ermöglichen soll. Andere Städte machen andere Fortschritte. Man kann sich überall etwas abgucken. In Hamburg hat man beispielsweise erreicht, dass die Stadt ein bestimmtes Kontingent von Kitaplätzen für illegalisierte Kinder finanziert.

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, die den Unsichtbaren helfen wollen? Gibt es da Konkurrenz oder gar Spannungen? Manche wollen – anders als Sie – kein Geld von der öffentlichen Hand annehmen.

Dafür haben wir Verständnis. In München haben wir das Glück, dass uns die Stadt in überhaupt keiner Weise in die Arbeit hereinredet. Wir erledigen städtische und staatliche Pflichten – außerdem dürfte die Stadt eigentlich keine Institutionen unterstützen, die Straftätern Lebenshilfe gibt. Deswegen nehmen wir die Großzügigkeit der Stadt dankbar an. Wir haben dabei kein Missionsbedürfnis, möchten aber politisch etwas erreichen. Welchen Weg andere wählen, schauen wir uns an.

Wir wollen Menschen, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus oder ohne Aufenthaltspapiere hier leben, bei der Bewältigung ihres Lebens helfen. Zum Beispiel durch gesundheitliche Versorgung, beim Zugang zu Bildungseinrichtungen oder im Umgang mit Behörden. Gleichzeitig ist es uns wichtig, mit politischer Arbeit etwas an der Rechtlosigkeit dieser Klientel zu verändern. Daher machen wir auch Öffentlichkeitsarbeit und sind in diversen städtischen Gremien vertreten: Wir nehmen Teil an Gesprächsrunden oder Arbeitskreisen in Politik und Verwaltung zu Flüchtlingsfragen und Themen, die Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus betreffen. Und wir sind mit den überregionalen Organisationen sehr gut vernetzt.

In München gibt es noch die Malteser, die acht Jahre nach uns auch eine Anlaufstelle aufgebaut haben. Sie haben sich ähnliche Ziele gesteckt und legen wie Ärzte der Welt den Akzent auf die Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Die Malteser aber sind mir – das gebe ich ehrlich zu – zu unpolitisch.

Wie meinen Sie das, zu unpolitisch?

Sie wollen in München rein katholische Medizin mit Einverständnis des Regierungspräsidenten machen und verfolgen keine politischen Forderungen. Sie wollen den „Brüdern und Schwestern im Schatten“ gegenüber barmherzig sein und sagen, Politik sei nicht ihr Thema. Das lehnen wir ab. Wir wollen Menschen helfen, ihre Rechte durchzusetzen. In einem Rechtsstaat soll es keine Rechtlosigkeit geben. Wir sind nicht militant, haben aber klare politische Ziele.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr