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Günther Reimann schaut der Heilerin Sabine Rohwer zu. Er zahlte ihr fast 300.000 Euro für die Behandlung seiner krebskranken Freundin.© Sven Döring

Artikel

Die Unheilerin

Diese Geschichte endet mit einer Geistheilerin, die eine Hochzeit verhindert. Mit einer Frau, die an Krebs stirbt. Mit einem Schweinskopf, der vor einer Tür liegt. Sie beginnt 2002 mit einer hoffnungsvollen Beziehung.

weiterlesen 18 Minuten

von Hristio Boytchev

Dies ist eine gemeinsame Recherche mit RTL. Mehr zum Thema am 27.11. im RTL Magazin Extra um 22.15 Uhr und im RTL Nachtjournal um 00:00 Uhr (Direkt zum Film). Die Recherche ist zudem auf Welt Online veröffentlicht.

Maria Signer ist damals 35 Jahre alt, groß und schlank, langes blondes Haar. Radiomoderatorin. Auf der Suche nach einer Wohnung lernt sie Günther Reimann kennen. Reimann ist verheiratet. Er hat einen behinderten Sohn, um den er sich kümmert. Reimann und Signer (Namen geändert) werden ein Paar, ziehen zusammen.

Reimann ist heute Ende 40, drahtig und energetisch. Er spricht schnell und hitzig, er möchte lieber anonym seine schmerzlichen Erinnerungen an die vergangenen 15 Jahre erzählen. Er tritt bescheiden auf. Wie wohlhabend er mit seinen Immobiliengeschäften geworden ist, ahnt man erst, wenn man den Maserati und den Mercedes vor seinem Einfamilienhaus sieht.

Als Maria Signer und er sich kennenlernen, hatte sie weniger Glück und Erfolg gehabt. Eine schwere Kindheit, ein schweres Leben. Ihre Mutter erkrankte an Krebs, Signer kümmert sich. Die Mutter stirbt.

Die Angst vor dem Krebs

Günther Reimann sagt heute, seine Freundin sei immer rastlos gewesen, auf der Suche. Ein schwieriger Charakter. An anderen Menschen habe sie schnell etwas auszusetzen gehabt. Aber er habe ihr Temperament geliebt: „Je mehr Kanten ein Diamant hat, umso mehr funkelt er“. Er will sie glücklich machen. Als sie ein Cabrio will, kauft er ihr einen blauen Audi A3. Als sie ein Jahr später etwas Unauffälligeres möchte, tauscht er ihn gegen einen Kombi.

Trotzdem sucht Maria Signer ihr Glück außerhalb der Beziehung – in der Spiritualität. Paartherapie, Persönlichkeitscoaching, Energiearbeit. Dann lernt sie Sabine Rohwer kennen, eine Koryphäe der Geistheiler-Szene. Mit deren Hilfe will sie die Traumata ihres Lebens aufarbeiten – und die Angst vor dem Krebs bekämpfen.

Die Geistheilerei habe ihn schon am Anfang irritiert, sagt Reimann, ihm schien es, dass die Ängste nicht weggingen, im Gegenteil. Singer wird ängstlicher. Eigentlich mag sie Spa-Urlaube, aber plötzlich fürchtet sie sich vor angeblich krebsauslösenden Pilzen im Schwimmbad. Sie trinkt kein Wasser mehr aus Plastikflaschen. Sie hat Angst vor Strahlung: Das Handy muss im Auto aus bleiben. Fernsehen wird tabu, das gemeinsame Tatortschauen fällt aus. Reimann wird das zu viel. Er zieht aus.

Fasten gegen den Krebs

Im Jahr 2012 erkrankt auch Maria Signers Schwester an Krebs. Signer kümmert sich, aber am Ende des Jahres stirbt sie. Signer ist von der wissenschaftlichen Medizin enttäuscht.

Im Oktober wird auch bei ihr selbst Krebs diagnostiziert. Brustkrebs. Sie will es anders machen als Mutter und Schwester und wendet sich an die Alternativmedizin. Der Tumor aus ihrer rechten Brust wird zwar entfernt. Doch Chemotherapie, Hormonbehandlung oder Bestrahlung lehnt sie ab. Mindestens eines davon wäre angebracht gewesen, sagt heute Gerhard Ehninger, Professor für Innere Medizin am Uniklinikum Dresden, der mit dem Krankheitsverlauf vertraut ist. Stattdessen entschließt sich Signer, gegen den Krebs zu fasten – bei der Geistheilerin Sabine Rohwer.

Das Fasten dauert drei Monate. Signer glaubt, dass es erfolgreich war, dass der Krebs besiegt ist. Sie kehrt zurück, geht kaum zu den Nachsorgeuntersuchungen. Wenn Reimann sie danach fragt, wechselt sie das Thema.

2014 sind Reimann und Signer wieder zusammen. Ende des Jahres entdeckt sie Hubbel an Schulter und Kopf. Sie geht zu ihrer Heilerin. Sie hat ohnehin einen Termin: Sie soll auf einer Veranstaltung im Zentrum über ihre Erfahrung mit dem vermeintlich besiegten Krebs berichten. Anschließend glaubt Signer, dass die Hubbel unproblematisch sind, von einer Übersäuerung des Körpers rühren. Sie reibt sich mit Lauge ein. Die Hubbel bleiben.

Eine Villa in Norddeutschland

Januar 2015. Signer hat einen Zusammenbruch, einen Anfall, wird ohnmächtig. Signer und Reimann gehen in die Notaufnahme. Ein Blick des Onkologen reicht aus, es ist ernst. Der Brustkrebs ist zurück, ist auf die Haut, in Lymphknoten, Lunge und Gehirn vorgedrungen. Die Hubbel sind Metastasen.

Signer weint, Reimann will kämpfen. Wenn irgendwas hilft, versichert er seiner Freundin, dann wird das gemacht, egal was es kostet.

Reimann denkt an die weltbesten Spezialisten.

Signer denkt an Sabine Rohwer.

Reimann gibt nach. Er hofft, dass seine Partnerin im Zentrum der Heilerin wohnen und neben der Alternativmedizin auch schulmedizinische Behandlungen bekommen kann. Schließlich schreibt die Heilerin auf ihrer Webseite, sie sei „stets im Austausch mit Ärzten“. In ihrem Team sei auch ein Arzt.

Ausgelassene Stimmung

Das Zentrum heißt Animata Charité. Eine Villa in der norddeutschen Kleinstadt Eutin, eine Autostunde nördlich von Lübeck. Das Haus war früher einmal ein Virenforschungsinstitut. Seit 2012 wird hier Geistheilung getrieben. Im Erdgeschoss ein lichter Empfangssaal, Parkettboden. Im Keller die Küche, in der die Gäste bekochen werden. Im zweiten Stock sind vier Studios für die Patienten, mit den Namen: „Rose“, „Sonnenschein“, „Seeblick“ und „Morgenröte“.

Im ersten Stockwerk wohnt Sabine Rohwer: Mitte 50, langes blondes Haar. Eine charismatische, respekteinflößende Person.

Als Reimann und Signer ankommen, ist die Stimmung ausgelassen, wie auf einer Geburtstagsfeier. Endlich etwas Positives. Doch als Reimann nachfragt, wie die Behandlung ablaufen soll, wird er rausgeschickt, er soll mal mit Signers Hund Bono spazieren gehen, sagt Reimann. Zurück in der Villa sagt ihm die Heilerin nach seiner Darstellung, seine kritische Einstellung störe. Er solle vertrauen. Er will es versuchen.

Reimann übernimmt die Kosten, zunächst niedrige Summen, die allmählich steigen. Über den ganzen Zeitraum gerechnet überweist er etwa 18.000 Euro im Monat. Er will das Beste für seine Freundin tun.

Andere Welt

Schon bald aber hat Reimann den Eindruck, dass die Heilerin andere Behandlungen als die ihren unterbinden will. Dass er immer hinterher sein muss, damit seine Freundin die richtigen Medikamente bekommt, Keppra gegen die epileptischen Anfälle, Cortison gegen Schwellungen. Er versucht Ärzte zu organisieren, die die Behandlung unterstützen sollen. Von der Heilerin fühlt sich Reimann bei diesen Bemühungen behindert.

Ab und zu fährt Signer zu ärztlichen Untersuchungen, bei Notfällen etwa, wenn sie mal wieder ohnmächtig geworden ist. Als der Krebs weiter vordringt, lässt sie sich bestrahlen. Die Tumore gehen zurück, doch Signer bricht die Behandlung vorzeitig ab. Stattdessen: Geistheilung, Naturheilkunde, „Homöopathische Krebstherapie“.

Nach und nach verschärft sich die Lage. Einmal sieht Reimann im Heilzentrum eine Patientin, der es schlecht geht. Sie war über Weihnachten in einer Klinik. Reimann erinnert sich, die Geistheilerin habe gesagt, dass das eben davon komme, wenn man sich schulmedizinisch behandeln lasse.

Warum spielt Günther Reimann weiter mit?

In der Animata Charité sei er wie benebelt gewesen, sagt er. Die Heilerin redet ihm laut seiner Darstellung ein: Seine negative Einstellung störe die Heilung. Er müsse daran glauben – oder sich fernhalten.

Reimann will glauben. Daran, dass er richtig gehandelt hat. Dass die Liebe seines Lebens gesund wird. Den Geldhahn abzudrehen, bringt er nicht übers Herz.

Ein Keil zwischen Patient und Angehörigen

Im April 2015 regt Sabine Rohwer an, dass die beiden heiraten. Reimann ist begeistert, bestellt Ringe, kauft einen neuen Anzug, macht beim Notar einen Ehevertrag. Ihm ist wichtig, dass sein Sohn versorgt ist. Signer scheint der Vertrag nicht zu interessieren. „Hase, ich vertraue Dir“, sagt sie. Doch einen Tag vor der Hochzeit will die Heilerin den Vertrag sehen.

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Signer soll einmalig 300.000 Euro bekommen, falls Reimann etwas zustößt, plus 10.000 Euro im Monat als Rente. Rohwer rät Signer, den Ehevertrag nicht zu unterschreiben. Die Hochzeit platzt. Reimann rastet aus, wirft den Esstisch um, beschimpft die Heilerin. Rohwer erteilt ihm Hausverbot.

Bei Kritik würden Heiler häufig einen Keil zwischen Patienten und Angehörigen treiben, sagt Sabine Riede von der Beratungsstelle „Sekteninfo NRW“. Dadurch werde der Patient isoliert. Je mehr der Angehörige dann auf Konfrontation geht, desto mehr treibt er den Patienten in die Arme des Scharlatans.

Eingeschüchtert

Maria Signer liefert sich ganz der Heilerin aus. Nur einige Tage nach dem geplanten Hochzeitstermin lässt sie die Heilerin beim Notar als Erbin einsetzen, erteilt ihr dazu medizinische und finanzielle Vollmachten.

Reimann vermutet, dass Rohwer den Ehevertrag boykottiert hat, weil sie sich selbst bereichern wollte. Er kann seine Freundin nicht mal mehr besuchen, sagt er heute. Und doch zahlt er weiter.

Als es Signer in den nächsten Monaten schlechter geht, sucht Reimann eine Pflegerin aus und lässt sie im Heilzentrum arbeiten. Die beiden Frauen verstehen sich auf Anhieb, freunden sich an. Die Pflegerin berichtet, dass Maria Signer im Heilzentrum leidet, aber es aus Angst draußen früher zu sterben nicht verlässt. Dass sie in Anwesenheit der Heilerin total eingeschüchtert ist. Und dass Sabine Rohwer die Nähe zwischen Pflegerin und Patientin zu stören scheint. Es kommt zum Konflikt, Rohwer erteilt der Pflegerin Hausverbot.

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Die Patientin Maria Signer mit einer Krankenpflegerin im Zentrum der Heilerin Sabine Rohwer.

privat

Stattdessen kommt eine andere Helferin, von der sich Signer aber bedroht fühlt. Der Streit eskaliert, ein Freund Signers ruft die Polizei. Erst jetzt verlässt Signer das Heilzentrum Animata.

Die Heiler verlieren ihre wichtigste Kundin. 16 Monate ist sie geblieben, die längste Zeit über war sie die einzige Patientin, die dort langfristig war, sagt Reimann.

Es ist mittlerweile Mai 2016, Signer ist todkrank. Zusammen mit ihrem Partner irrt sie durch Kliniken in Deutschland und der Schweiz. Im Juli schlägt Signer zunächst auf eine Kombination aus Hormon- und Immuntherapie an. Doch die Ärzte müssen die Behandlung abbrechen, weil die Patientin an einer Infektion leidet. Die Ärzte vermuten einen Portkatheter als Ursache. Wie aus medizinischen Unterlagen ersichtlich, hat sie durch ihn in dem Heilzentrum etwa Vitamin C verabreicht bekommen.

Erst Miete zahlen

Jetzt versucht sich Maria Signer von ihrer Heilerin zu lösen. Doch sie schafft es nicht. Am 25. August, im Hospiz, will sie ein letztes Mal Sabine Rohwer sehen. Nachdem sich die beiden unterhalten haben, bekommt Reimann eine Rechnung über 4000 Euro. Am selben Tag bekommt er eine E-mail: Die Heilerin werde, wie mit Signer besprochen, noch „ein paar Dinge für sie organisieren“. Vorher müsse jedoch die Juni-Miete in Höhe von 4000 Euro überwiesen sein.

Am 30. August 2016 stirbt Maria Signer.

Die Bilanz: Reimann hat fast 290.000 Euro an die Animata GmbH und die Animata Charité in 16 Monaten bezahlt. Für das gefährliche Vitamin B17 und zahllose alternative Mittel. Für Unterkunft und Verpflegung seiner Freundin, ihrer Pflegerin und ihm selbst, wenn er mal zu Besuch ist. Für Beratungen und Gespräche. Für die Hundepauschale.

Maria Signer war spätestens seit der Tumor ins Hirn metastasierte wohl nicht mehr heilbar. Eine angemessene Chemotherapie und Bestrahlung aber hätten ihr Leben um Monate oder Jahre verlängert, sagt der Onkologe Gerhard Ehninger. Hätte sie nach der ersten Diagnose 2012 ihre Krankheit konsequent behandelt, hätte es sogar eine Chance auf Heilung gegeben.

Gerechtigkeit

Schwarze Schafe gibt es überall. Aber Sabine Rohwer ist mehr als das. 2015 und 2016, als sich die Tragödie abspielt, ist sie Vorsitzende des „Dachverbands Geistiges Heilen e.V.“, der wichtigsten Organisation von Geistheilern Deutschlands, mit nach eigenen Angaben 5000 Mitgliedern. Sie hat viele Heiler selbst ausgebildet, ist eine zentrale Figur der Szene. Sie fordert, Naturheilkunde solle zur dritten Säule des Gesundheitssystems werden – neben Ärzten und Heilpraktikern.

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Webseite des Dachverbandes Geistiges Heilen: Für Experten sind Heiler eine unterschätzte Gefahr.

Screenshot Website „Dachverband Geistiges Heilen e.V.“

Reimann will Gerechtigkeit. Er sagt, es gehe ihm nicht ums Geld, er wolle, dass Rohwer niemandem mehr schaden kann. Er erstattet Strafanzeige, wegen gewerbsmäßigen Betruges, Wuchers, Misshandlung Schutzbefohlener, unterlassener Hilfeleistung und vorsätzlicher Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt.

Für die Sektenkennerin Sabine Riede sind Geistheiler eine unterschätzte Gefahr. Die Problemfälle, die an ihr Büro gemeldet werden, häufen sich. 2009 waren es noch 42, 2016 schon 78. Offizielle Statistiken fehlen.

Die Branche ist gesetzlich kaum geregelt, zuständig für sie sind nicht die Gesundheits-, sondern die Gewerbeaufsichtsämter. Die Sektenexpertin kennt keinen Fall, in dem einem Geistheiler aufgrund unseriöser Arbeitsweise die weitere Gewerbeausübung untersagt wurde.

„Ungeklärte Sachlage“

Um sich rechtlich abzusichern, reicht es, wenn die Geistheiler in ihren Räumen ein Schild aufstellen, dass sie nicht vom Arztbesuch abraten und keine Diagnosen durchführen. Was dem Patienten im Gespräch suggeriert wird, weiß niemand. Die Branche will sich selbst regulieren: Der Dachverband der Geistheiler hat sich einen Ethikkodex auferlegt. Dort heißt es etwa: „Klienten dürfen nicht getäuscht, manipuliert oder subtil beeinflusst werden“.

Reimann wendet sich mit einem Brief an den Verband. Hat Rohwer nicht klar gegen den Kodex verstoßen? Der Verband antwortet: Man sei nicht zuständig, da Rohwer persönlich beim Verband Mitglied ist, nicht die Animata GmbH. Auf den Vorgang angesprochen, antwortet die heutige Vorsitzende, dass „die Sachlage bis dato nicht geklärt werden konnte“.

Reimann findet keine Ruhe, ist an seine Grenzen gekommen, geistig, körperlich, finanziell. Heute braucht er therapeutische Hilfe. Gegen ihn wird zwischenzeitlich ermittelt, er soll einen Schweinskopf auf das Animata-Anwesen gebracht und die Einrichtung mit Blut besudelt haben.

Sabine Rohwer praktiziert immer noch. Zu der Geschichte Reimanns hat sich die Heilerin nicht geäußert. Sie ist nun Geschäftsführerin eines neuen Zentrums, Holistic Care GmbH in bester Lage Hamburgs. Auf der Webseite präsentiert sie sich als „anerkannte Heilerin nach den Richtlinien des Dachverbands Geistiges Heilen e.V.“.

Als Anwendungsbereiche werden alle möglichen Krankheiten genannt: Herzprobleme, Rheuma, Multiple Sklerose, Demenz. Weitere auf Anfrage.


Gemeinsam mit „RTL“ zeigen wir in einem Film, wie Geschäfte mit der Krankheit gemacht werden. So zocken einige Geistheiler ihre Patienten ab.

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad© Christian Baars

Gefährliche Keime

Eine TV-Dokumentation zeigt, wie prächtig sich multiresistente Erreger im Abwasser von Pharmafabriken vermehren

Journalisten des NDR sind gemeinsam mit Infektionsforschern nach Indien gefahren, um das Abwasser bei Pharmafabriken zu untersuchen. In der Stadt Hyderabad fanden sie hohe Konzentrationen von Antibiotika ebenso wie antibiotikaresistente Bakterien. Die Auswertung der Wasserproben wurde auch in einer wissenschaftlichen Studie in der Fachzeitschrift „Infection“ veröffentlicht

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von Hristio Boytchev

Das Team aus Wissenschaftlern und Journalisten hatte im November 2016 an insgesamt 28 Standorten in Hyderabat Wasserproben entnommen und anschließend untersucht, ob darin Bakterien vorkommen, gegen die viele Antibiotika wirkungslos sind. Die Proben wurden unter anderem aus Leitungswasser, Bohrlöchern, Seen, Flüssen und Reisfeldern entnommen. Nur eine einzige Probe aus einem Vier-Sterne-Hotel enthielt keine resistenten Bakterien.

Gleichzeitig testete das Team 16 der Proben auf Rückstände von Arzneimitteln. Alle Umweltproben enthielten Antibiotika oder Pilzmittel. Negativer Rekordhalter war das Wasser aus einem Abflusskanal, das eine extrem hohe Konzentration des Pilzmittels Flucanazol enthielt. Die Konzentration war etwa eine Million mal höher als ein vorgeschlagener Grenzwert und das zwanzigfache dessen, was sich im Blut eines Patienten vorfindet, der das Medikament bekommt.

Schon aufgrund dieser hohen Konzentrationen folgern die Wissenschaftler, dass die Arzneistoffe höchstwahrscheinlich aus Abfällen von Pharmawerken stammen. Hyderabad ist als ein zentraler Produktionsstandort für Antibiotika weltweit bekannt. Mehr als 40 Fabriken haben die Autoren in der Umgebung der Stadt entdeckt.

NDR Journalist Christian Baars

NDR Journalist Christian Baars

Tilo Gummel / NDR

Die Wissenschaftler können nicht nachweisen, dass die gefundenen Antibiotika-Reste in den untersuchten Gewässern die Resistenzen verursacht haben. Die äußerst widerstandfähigen und deshalb gefährlichen Bakterien könnten etwa auch von Menschen oder Tieren stammen, die zuvor mit Antibiotika behandelt wurden. Es sei aber zumindest klar, dass diese hohen Konzentrationen in der Umwelt „nicht helfen“, sagte Christoph Lübbert, Infektionsmediziner am Uniklinikum Leipzig, der die wissenschaftliche Untersuchung verantwortete.

Die Arbeit bestätigt ältere Studien, die in Indien sowohl hohe Konzentrationen von Antibiotika, als auch resistente Erreger nachgewiesen haben. CORRECTIV hatte darüber im Oktober 2016 berichtet. Christian Baars vom NDR, einer der TV-Autoren, sagt, das Neue ihrer Untersuchung sei insbesondere das gefundene Pilzmittel. 

Von großer Relevanz sind die Befunde auch für Deutschland, denn Antibiotikaresistenzen, die in Indien entstehen, breiten sich global aus und werden etwa von Touristen auch nach Deutschland gebracht. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern kehren 90 Prozent aller Indien-Reisenden als Träger resistenter Bakterien zurück, in den meisten Fällen aber ohne daran zu erkranken. Zudem wird mittlerweile ein Großteil der Antibiotika weltweit in Indien und China hergestellt. Auch viele Medikamente, die in Deutschland in der Apotheke verkauft werden, stammen aus einem der beiden Länder.

Osnmania Hospital in Hyderabad

Osnmania Hospital in Hyderabad

Britta von der Heide / NDR

Kritiker fordern daher strengere Umweltstantards für importierte Arzneimittel. Tim Eckmanns, Leiter des Fachbereichs Nosokomiale Infektionen am Robert-Koch-Institut in Berlin, sieht mittlerweile genug Gründe, bessere Umweltstandards zu fordern. Würden die Pharmawerken weniger Abfälle produzieren, würden das Problem der Antibiotikaresistenzen zwar nicht verschwinden, allerdings könnte man damit die Probleme zumindest auf einfache Weise reduzieren, sagte Eckmanns. Dass es aber immer mehr Bakterien gibt, die sich unbeeindruckt von Antibiotika zeigen, liegt auch daran, dass viele Ärzte zu leichtfertig Antibiotika verordnen und auch Bauern die Medikamente zu häufig bei ihren Tieren einsetzen. Dazu kommen Hygienemängel in Kliniken und Tierställen.

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In einer ersten Reaktion auf den Film erklärte der Bundesverband des Pharmazeutischen Industrie (BPI), dass man den Bericht zum Anlass nehmen werde „auf die Einhaltung vereinbarter Umweltrichtlinien stärker einzuwirken“. Allerdings habe die Industrie, so BPI-Geschäftsführer Norbert Gerbsch, „keinen Einfluss auf die von den jeweiligen Ländern gesetzten Umweltstandards.“

Gegenwärtig gibt es auf EU-Ebene Vorschriften zur „Guten Herstellungspraxis“ von importierten Medikamenten, die aber nur die Qualität der Arzneistoffe regeln und keine Umweltaspekte umfassen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte gegenüber der ARD, das solle auch weiterhin so bleiben. „Mit einem erhobenen Zeigefinger“ und der Androhung, die Hersteller vom europäischen Markt auszuschließen, werde man das Problem nicht lösen. Indien und China müssten „ein eigenes Interesse bekommen, die Wirksamkeit der medizinischen Versorgung ihrer großen Bevölkerung nicht zu gefährden“, sagte Gröhe.

Hier geht es zur Dokumentation „Der unsichtbare Feind“ nach einer Recherche des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung.

Tania Gabriele Baudson, Mitinitiatorin des deutschen „March for Science“

Tanja Gabriele Baudson, Mitinitiatorin des deutschen „March for Science“

Artikel

Warum am Samstag in 22 deutschen Städten Wissenschaftler beim „March for Science“ auf die Straße gehen

In den USA marschieren am Wochenende mehr als 100.000 Wissenschaftler, und auch in Deutschland findet am Samstag in mehr als 20 Städten der „March for Science“ statt. Wir haben mit der Mitinitiatorin in Deutschland, der Bildungsforscherin Tanja Gabriele Baudson, über die Beweggründe gesprochen und warum sich Wissenschaftler plötzlich in der Defensive fühlen.

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von Hristio Boytchev

CORRECTIV: Wie ist die Bewegung für einen „March for Science“ in Deutschland entstanden?

BAUDSON: Wir haben die sozialen Medien in den USA beobachtet. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump gab es dort etwa den „Women’s March“ für Frauenrechte. Danach kam aus der wissenschaftlichen Community die Idee für eine ähnliche Bewegung, um gegen die antiwssenschaftliche Haltung Trumps zu protestieren.

Sie meinen, dass Trump das Budget der Umweltschutzbehörde beschnitten hat, den Klimawandel anzweifelt oder durch falsche, impfskeptische Aussagen auffällt? 

Genau. Die Idee für einen „March for Science“ war geboren. Und dann gab es einen Tweet von einem der amerikanischen Organisatoren, der fragte, ob Wissenschaftler in Europa auch mitmachen wollen. Als ich das gelesen habe, saß ich mit meinem Partner, dem Mitinitiator Claus Martin, am Küchentisch. Wir haben kurz überlegt und uns gesagt: Lass uns das machen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben einen Twitter-Account angemeldet: ScienceMarchGER. Und dann kamen wahnsinnig viele Zuschriften von Menschen, die mitmachen wollten. Wir haben ihnen geholfen, sich lokal zu vernetzen. Jetzt gibt es 22 lokale Veranstaltungen. Die größten wohl in München, Berlin und Frankfurt. Und die kleinste auf Helgoland.

Demonstriert man nun auch in Deutschland gegen Trump?

Nein, das ist nicht unser primärer Fokus. Für uns ist es eine Veranstaltung für die Freiheit der Wissenschaft, gegen Populismus und gegen alternative Fakten. Wenn Politiker Entscheidungen treffen, ist es besser, wenn sie auf gesicherte wissenschaftliche Befunde zurückgreifen als auf gefühlte Wahrheiten. Trump ist da nur ein Symptom.

Wie stark ist die antiwissenschaftliche Strömung in Deutschland?

Uns geht es sicher vergleichsweise gut im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Aber es ist wichtig, Solidarität zu zeigen. Und auch, aufmerksam zu bleiben. In Deutschland hat das Wissenschaftsbarometer 2016 gezeigt, dass erschreckend viele Menschen der Aussage zustimmen, dass wir zu sehr der Wissenschaft vertrauen und zu wenig den Gefühlen oder dem Glauben. Und im wissenschaftlichen Betrieb gibt es auch Probleme: etwa die prekären Arbeitsverhältnisse von Nachwuchswissenschaftlern.

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Das sind sehr vielfältige Ziele.

Sie eint das Anliegen: Wir brauchen eine starke Wissenschaft, um uns Populismus und alternativen Fakten entgegen stellen zu können.

Sind auf den Märschen nur Wissenschaftler willkommen?

Auf gar keinen Fall! Wir wollen alle erreichen, denen die Werte der Wissenschaft wichtig sind. Wir haben von allen möglichen Menschen Zuschriften erhalten, von Studenten, Kindergärtnern, Elektrikern. Es ist ein Marsch für die Wissenschaft, kein Marsch der Wissenschaftler.

Es gibt auch Kritiker, die behaupten: So eine Demonstration schadet der Wissenschaft, weil es sie parteiisch erscheinen lässt.

Das sehe ich nicht so. Wissenschaft ist nicht isoliert von der Gesellschaft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man sich in einen Elfenbeinturm zurückziehen kann. Wenn alternative Fakten an Bedeutung gewinnen, ist das eine existenzielle Bedrohung für die Wissenschaft.

Ist das Problem mit einer solchen Veranstaltung gelöst?

Nein, das soll kein Event werden, nach dem wir uns auf die Schulter klopfen und die Sache dann abhaken. Wir wollen langfristig weitermachen, dafür sammeln wir gerade auf unserer Webseite Ideen.

Wo werden Sie am Sonnabend sein?

In Dortmund, wo ich lebe, wird es keine Veranstaltung geben. Einen lokalen Marsch neben der übergreifenden Organisation zu stemmen wäre nicht möglich gewesen. Ich werde an dem Marsch in Bonn teilnehmen. Mit einem Plakat, auf dem Artikel 5 des Grundgesetztes aufgedruckt ist: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

Hygienemängel im Krankenhaus Mannheim© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Uniklinik Mannheim: Strafanzeigen im Hygieneskandal

Laut einer Recherche der Funke-Mediengruppe wurde jetzt gegen leitende Mitarbeiter der Uniklinik Mannheim Strafanzeige gestellt. Sie hatten offenbar jahrelang wissend in Kauf genommen, dass mit nicht-sterilen OP-Bestecken operiert wurde

weiterlesen 2 Minuten

von Hristio Boytchev

Der Skandal um mangelhafte Hygiene an der Uniklinik Mannheim weitet sich aus. Laut einer Recherche der Funke-Mediengruppe ist in der vergangenen Woche bei der Staatsanwaltschaft Mannheim eine Strafanzeige eingegangen. Der Vorwurf einer „fahrlässigen bzw. vorsätzlichen Körperverletzung in hoher Anzahl“ richte sich gegen zwei ehemalige und einen aktuellen Geschäftsführer, zwei Ärztliche Direktoren und drei Aufsichtsratsmitglieder.

Der Funke-Gruppe liegen Dokumente vor, wonach die Klinikleitung immer wieder über die katastrophale Hygiene informiert wurde. Ärzte beschwerten sich etwa über Reste von Blut oder Gewebe auf vermeintlich sauberem Operationsbesteck und schickten als Beleg Fotos und Videos – scheinbar ohne Wirkung.

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Die Hygieneprobleme setzten sich offenbar bis zum Oktober 2014 fort, als aufgrund einer Anzeige und Ermittlungen der Operationsbetrieb auf ein Notfallprogramm heruntergefahren wurde. Daraufhin trat auch der damalige Geschäftsführer des Krankenhauses, Alfred Dänzer, zurück. Er hatte damals noch behauptet, keinerlei Hinweise auf die Probleme, die zur Anzeige geführt hatten, bekommen zu haben.


Wir hatten im vergangenen Jahr über multiresistente Bakterien und Hygieneprobleme in Krankenhäusern berichtet. Habt Ihr selbst Erfahrungen mit mangelnder Hygiene oder Keimen gemacht? Meldet Euch bei uns, wir recherchieren weiter zum Thema.

Den Krebs durch Handauflegen besiegen – mit Hilfe einer „Geistheilung“

Den Krebs durch Handauflegen besiegen – mit Hilfe einer „Geistheilung“© Andreas Labes

Aktuelle Artikel

Die Unheiler

Unser Reporter hat sich als Krebspatient ausgegeben und acht Alternativpraxen besucht. Was er erlebt, ist schockierend: Die empfohlenen Therapien sind meistens sehr teuer, unnütz und manchmal sogar lebensgefährlich

weiterlesen 30 Minuten

von Hristio Boytchev

Diese Reportage findet sich auch in der Dezember-2015/Januar-2016-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Enorm“. Sie ist zudem in unserem Bookzine, in der „Stuttgarter Zeitung“, im „Tagesspiegel“, in der „Technology Review“, auf „Apotheken Umschau online“, im „Magazin der Brandenburgischen BKK“ und im „Skeptiker“ Magazin erschienen.


Hallo, mein Name ist Niko Scholze, ich bin 33 Jahre alt und habe Krebs. Genauer: Ein Hodgkin-Lymphom, einen Tumor, der die Lymphknoten befällt. Vor einem Jahr habe ich eine Chemotherapie gemacht. Der Krebs verschwand, doch nun ist er zurückgekehrt, ungewöhnlich für diese Art von Tumor, aber es kommt vor. Wobei es mir gut geht, ich habe keine Symptome. Mein Arzt drängt auf eine neue Chemotherapie, höher dosiert.

Das ist zum Glück alles nur ausgedacht. In Wirklichkeit heiße ich Hristio Boytchev und bin Wissenschaftsjournalist. Ich bin gesund, sieht man einmal von meiner Kurzsichtigkeit ab. An Krebs leide ich zum Schein, um Deutschlands Alternativmediziner auf die Probe zu stellen. Was raten Geistheiler und Neugermanische Doktoren, Schamanen und Heilpraktiker einem, der mit einem aggressiven Tumor zu ihnen kommt?

Brennende Kerzen

Der Patient ist Schuld am Krebs, und die Krise des Körpers enthält eine Lektion – das unterstellen viele Heiler. Doch helfen solche Annahmen jemandem?

Andreas Labes

Alternative Medizin boomt. Kaum eine Apotheke, die keine homöopathischen Zuckerkügelchen verkauft, auf Kongressen und in Bestsellern preisen Gurus ihre esoterischen Mittel an. Die Deutschen geben dafür geschätzt mehrere Milliarden Euro im Jahr aus und sind überzeugt von der heilenden Wirkung. Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu jeder zweite Krebspatient davon in irgendeiner Form Gebrauch macht. Dennoch wissen Behörden und Ärzte erstaunlich wenig darüber, was abseits der Krankenhäuser passiert. Wer den Pfad der Schulmedizin verlässt, verschwindet aus dem Blick.

Wir – meine vorgebliche Studienfreundin Claudia Ruby, tatsächlich ist auch sie Wissenschaftsjournalistin, und ich – haben uns daher auf den Weg quer durch Deutschland gemacht, zu acht Heilern, die den Ruf haben, Krebs auch ohne Schulmedizin heilen zu wollen. Große Zentren sind dabei, die selbst Menschen aus dem Ausland anziehen, genau wie kleine Praxen von Heilpraktikern und Ärzten. Claudia Ruby hat die Recherche verfilmt, für ihren Dokumentarfilm „Krebs — das Geschäft mit der Angst“. Sie hat die Besuche organisiert, den Diagnosebrief, den ich immer mitführe, genauso wie eine DVD mit Computertomografien. Darauf sieht man, dass der Tumor jetzt auch die Milz befallen hat.

Auf der Reise werde ich viel Widersprüchliches und Wirres über mich hören, werde Gedichte vorgelesen bekommen und mich einer Geistheilung unterziehen. Und ich werde eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, Angst zu haben. Die Angst, die Krebs mit sich bringt. Die Angst davor, todkrank zu sein – und eine Entscheidung fällen zu müssen, wem ich glauben soll.

BIOLOGISCHE KREBSMEDIZIN

In dem kleinen Ort Greiz, am Rand des Erzgebirges, befindet sich die „Klinik im Leben“, die auf ihrer Webseite vielversprechend mit „Biologischer Krebsmedizin“ wirbt. Tatsächlich ist die „Klinik“ ein unscheinbares, gelbes Mehrfamilienhaus und nur schwer zu finden; wir fragen uns durch. Das Wartezimmer ist mit Möbeln vollgestellt, die aus DDR-Zeiten zu stammen scheinen, alte Damen sitzen darauf. Mittendrin gluckert ein beleuchteter Springbrunnen. Dazu passend dudelt „Turn back time“ von Cher.

Der Arzt Uwe Reuter bittet uns herein. Er sitzt hinter einem iMac, auf dem er mir manchmal Bilder zu seinen Therapien zeigt. Er ist um die 50, groß und hager, sein Gesicht wirkt durch eine rahmenlose Brille besonders ernst. Mit hartem Thüringer Akzent fragt er: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich erzähle ihm meine Geschichte.

Die Heilung muss „vom Inneren her kommen“

Er hört aufmerksam zu, und dann wirkt es eine Weile, als könne er sich nicht entscheiden, was er mir raten soll. Schließlich hat er es: Ich soll zunächst eine „Diagnosereihe“ in seiner Klinik machen, drei oder noch besser fünf Tage, für rund 1.000 Euro. Da seien „elektromagnetische Messungen“ für den „Energiehaushalt einzelner Organe“ gleich mit inbegriffen. Erst dann könne er bestimmen, welche Therapie bei mir angezeigt sei. „Hypnose, Homöopathie, Vitamin B17-Infusionen“ werden wohl eine Rolle spielen, sagt Reuter, und eine „Fiebertherapie“, bei der ich abgestorbene Bakterien gespritzt bekomme. Zusätzlich zur Chemotherapie oder allein?, frage ich. Diese Entscheidung könne er mir nicht abnehmen, sagt der Arzt, ich soll sie von meinem „Inneren her“ treffen. Ich müsse begreifen, dass meine Krankheit nicht von außen komme, und dass Therapien nur unterstützend wirkten – die Heilung „muss vom Inneren her kommen“.

Fieberthermometer

Reuter schlägt eine „Fiebertherapie“ vor, bei der abgestorbene Bakterien gespritzt werden. Er rät dazu, die – dringend nötige – Chemotherapie zu verschieben

Andreas Labes

Er sagt das alles beiläufig, mit dem monotonen Nuscheln, mit dem er die ganze Zeit spricht. Aber verbirgt sich in diesen Worten nicht die Unterstellung, dass ich Schuld sei an meiner Erkrankung? Nicht eine Zelle ist mutiert und zum Tumor gewuchert – sondern etwas Grundlegendes stimmt nicht mit mir, mit meinem Leben, meiner Herkunft, meiner Einstellung, was auch immer. Ein Denkmuster, das typisch ist für die Alternativmedizin – und auf das ich bei meiner Reise immer wieder stoßen werde.

Je teurer, desto glaubwürdiger

Am Ende schlägt Reuter vor, die Chemotherapie um ein Vierteljahr zu verschieben und mit Hilfe seiner Therapie „all das beiseite zu schieben, was die Heilung verhindert“ – Giftstoffe, Ablenkungen und Ängste. Die Kosten? Rund 10.000 Euro für die gesamte Therapie. Bedrückt fahre ich mit dem Regionalzug nach Hause. Später sagt Hans Josef Beuth, Mikrobiologe an der Uni Köln und einer der führenden Experten zur Alternativmedizin: Ein hoher Preis erhöhe paradoxerweise die Glaubwürdigkeit der Heiler. Je mehr ein Patient zahle, desto mehr habe er das Gefühl, dass die Therapie ernst zu nehmen sei. Herr Reuter muss ein sehr ernst zu nehmender Heiler sein.

Nach dem Ende der Recherche haben wir alle Heiler kontaktiert und sie darüber aufgeklärt, dass wir nicht als Patienten, sondern als Undercover-Journalisten bei ihnen waren – und sie gebeten, schriftlich Stellung zu beziehen. Uwe Reuter hat nicht die ihm gestellten Fragen beantwortet, sondern hat unsere Vorgehensweise in Frage gestellt. „Inwieweit in unserem Bereich diese Recherche ethisch und wahr ist, müssen Sie mit sich selbst ausmachen.“

MIT WÄRMESTRAHLEN GEGEN KREBS

Teuer wird es auch bei unserem nächsten Termin. Wir sind bei dem bekannten alternativen Arzt Klaus Maar in Düsseldorf. Die Praxis wirkt einladend, im Wartezimmer steht eine Schüssel mit frischem Obst. Ein Gästebuch liegt aus, in dem ehemalige Patienten den Doktor mit Lob überschütten. Klaus Maar strahlt Zuversicht aus. In seinem runzligen Gesicht thront eine große Nase, sein Haar ist beneidenswert dicht und schwarz für einen Mann seines Alters. „Na“, sagt er mit seiner tröstlichen Stimme, „dann schildern Sie doch mal, was bei Ihnen war“. Ich bin nervös. Wird er mir abnehmen, dass ich todkrank bin? Ich erzähle stotternd meine Geschichte. Er glaubt sie und deutet wohl meine Nervosität als Angst vor der Krankheit. Hört mir zu, schaut mich an, antwortet ruhig, nimmt sich Zeit – eine Aufmerksamkeit, die sich heute die wenigsten Schulmediziner leisten können, was einer der Gründe ist, der die Menschen in die Arme der alternativen Heiler treibt.

8000 Euro kostet die Behandlung

Schließlich rät Maar zu einer „Wärmetherapie“, bei der der Tumor lokal erhitzt wird. Dabei ist Klaus Maar noch einer der seriöseren Heiler. Er rät nicht direkt ab von der Chemotherapie, mahnt aber vor den Nebenwirkungen. Am Ende empfiehlt er, sie zwei Wochen lang aufzuschieben, und möglichst umgehend mit der 8000 Euro teuren Hitzebehandlung zu beginnen. „Aber nicht rauszögern, nicht, dass Sie mir die Schuld geben und sagen, ich habe die Chemotherapie verzögert“, sagt Maar. So will er sich wohl absichern: Würde er mich erfolgreich von der Chemotherapie abbringen, könnten meine Hinterbliebenen ihn dereinst verklagen. Diese wachsweichen Formulierungen, auch sie begegnen mir immer wieder.

Als wir uns verabschieden, legt er seine Hand väterlich auf meine Schulter. „Jetzt strahlt er“, sagt er. Auch Klaus Maar hat sich im Nachhinein nicht für seine Behandlungsmethode gerechtfertigt. Sondern per Fax mitgeteilt, die Kosten der Behandlung „ergeben sich aus einer 3wöchigen täglichen Behandlung von MO-FR täglich ca. 4 Stunden und werden analog zur GÖA berechnet“, der Gebührenordnung für Ärzte. Wahrscheinlich hätte ich diese Behandlung überlebt. Meine Brieftasche war in Gefahr, nicht aber mein Leben. Das ändert sich beim nächsten Besuch.

DIE KRANKE STADT BERLIN: WAS DIE GERMANISCHE NEUE MEDIZIN RÄT

Die Heilpraktikerin Ursula Stoll hat sich auf die „Germanische Neue Medizin“ spezialisiert. Ryke Geerd Hamer, ehemaliger Arzt, hat die Lehre Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die „jüdische“ Schulmedizin begründet. Kein Wunder, dass sie sich in völkischen Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Hamers abstruse und gefährliche Theorien führten zum Entzug seiner ärztlichen Zulassung. Er praktizierte aber illegal weiter, mehrere seiner Patienten starben. Er wird international von der Polizei gesucht, in Deutschland liegt gegen ihn ein Haftbefehl wegen Volksverhetzung vor. 2007 floh Hamer nach Norwegen, wo er bis heute als Rektor einer Scheinuniversität auftritt und Bücher verlegt.

Homöopathie-Kügelchen

Bei Heilpraktikerin Stoll stehen homöopathische Fläschchen. Sie rät, der Patient solle zurück zu den Eltern ziehen. Die Großstadt Berlin mache ihn krank.

Andreas Labes

Selbst Ursula Stoll hält ihn für verrückt – nicht aber seine Theorie. Deren Kern: Alle Krankheiten seien Ausdruck eines Konfliktes. Hamer veranschaulicht das mit Beispielen aus dem Tierreich: Ein Hirsch, der aus seinem Revier verdrängt wird, erhöht den Blutdurchfluss zum Herzen, um Kraft zu haben und sein Gebiet zurückzuerobern. Dem Menschen ergeht es ähnlich, wenn er eine Erniedrigung erlebt. Doch er kann seine aufgestaute Energie nicht, wie das Tier, im Kampf freisetzen. Die sinnvolle Überschuss-reaktion führt zum Herzinfarkt.

Die meisten Heiler, die sich der Germanischen Neuen Medizin verschrieben haben, halten sich bedeckt und werben nur in einschlägigen Foren. Ursula Stoll jedoch hat kein Problem damit, auf einer Website für jedermann sichtbar ihre Dienste anzubieten.

Stoll praktiziert in Öhringen, einem idyllischen Städtchen im Norden von Stuttgart, in ihrem unscheinbaren Einfamilienhaus. In den Regalen des Behandlungszimmers stehen medizinische neben parapsychologischen Lehrbüchern, daneben eine Vitrine mit homöopathischen Fläschchen. Stoll trägt ein weißes Hemd und eine Hornbrille, die braunen Haare hat sie zu einem Zopf zusammen gesteckt, eine akkurate Gouvernante mit strengem Blick.

„Krebs gibt es nicht“

Auch ihr erzähle ich von meinem Leiden, doch sie unterbricht mich schnell: „Was ist Krebs?“, fragt sie. Man müsse sich von dem Begriff verabschieden. Krebs als solchen gebe es nicht. Ich habe erstmal nur eine Schwellung der Lymphknoten am Hals. Punkt.

Die Ursache: Eine Selbstabwertung, und zwar beruflicher Art, ich hätte mir immer wieder gesagt, ich schaffe mein Studium nicht. Wären die Lymphknoten unter der Achsel angeschwollen, hieße das, dass ich mich als Partner abgewertet hätte. Bei mir käme noch eine existentielle Angst dazu, und wie ein Fisch an Land lagere ich Wasser in meinen Körper ein, um zu überleben. Daher die geschwollenen Lymphknoten.

Metastasen? Gebe es nicht. Den ärztlichen Befund? Überfliegt sie beiläufig.

Stattdessen fragt sie: Haben Sie geschwitzt, als Sie krank waren? Hat der Schweiß gerochen? Hatte er eine Farbe? Wo genau war der Juckreiz?

Ich soll lernen, mich zu lieben

Ich erzähle ihr von einem Vortrag, der meinem Chef nicht gefallen hat. Ja! Das könne der Grund der Krebserkrankung sein. Meine Symptome seien eine Reaktion auf diese Kränkung, mein Körper versuche, sich selbst zu heilen, doch die erste Chemotherapie habe den Vorgang unterbrochen und gestört.

Ihr Rat, um den Krebs zu besiegen: Ich soll wieder zu meinen Eltern ziehen, das Leben als Single überfordere mich, Berlin sei ohnehin eine furchtbare Stadt. Und ich soll lernen, mich selbst zu lieben.

Wir fragen noch einmal nach der Chemotherapie. „Ich persönlich würde das nicht machen“, sagt sie, „und für meine Kinder und meine Eltern würde ich genauso entscheiden.“ Da ist sie wieder, diese windelweiche Formulierung, mit der sich die Heiler aus der rechtlichen Verantwortung stehlen.

Zur Sicherheit noch eine Rückfrage: Ist es nicht gefährlich, auf die Chemotherapie zu verzichten?

Die Heilpraktikerin Ursula Stoll: „Der Mensch hält viel aus.“

Ein tödlicher Ratschlag

Was ich gehört habe, ist äußerst gefährlich. Hodgkin ist heilbar, eine Paradeerkrankung für die Schulmedizin, die Heilungschancen stehen in meinem Fall sehr gut. Deshalb ist er so ausgedacht. Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Option. Verweigert man sich dieser – zugegeben höchst unangenehmen – Behandlung, geht die Überlebenschance aber gegen Null. Niko Scholze wäre an diesem Rat verstorben.

Wie rechtfertig Ursula Stoll ihr Vorgehen? In einer ergreifenden E-Mail wiederholt sie ihre Standpunkte. Sie bleibt dabei, dass eine Chemotherapie mehr schadet „als sie nützlich sein kann“. Fragt: „Warum sollte ein Zellgift die Fähigkeit besitzen zu heilen?“ Hält daran fest: Krankheit kann „als eine Selbstregulation verstanden werden“. Wiederholt, dass „die Wörter Krebs und Metastasen keine Aussagekraft haben“.

Wie gefährlich solche Aussagen sind, das scheint Frau Stoll nicht bewusst zu sein.

„WIR BRAUCHEN KEINE HEILPRAKTIKER“

Ob als Impfgegner oder Verfechter unbewiesener Praktiken: Immer wieder fallen Heilpraktiker wie Stoll negativ auf. Die Ausbildung ist kaum geregelt, so gut wie jeder kann ohne praktische Kenntnisse Heilpraktiker werden. Der Berufsstand ist weltweit einmalig. Er existiert nur in Deutschland – und seit kurzem in der Schweiz.

Ernste Krankheiten dürfen Heilpraktiker eigentlich nicht allein behandeln – außer der Patient willigt ausdrücklich ein. „Wir brauchen diesen Berufsstand nicht“, sagt Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Prävention und Integrative Medizin in der Onkologie“ der Deutschen Krebsgesellschaft. Es besteht aber offenbar Bedarf nach Behandlern, die sich Zeit für Patienten nehmen und sanft behandeln. Doch die Rolle könne besser von besonders ausgebildeten Pflegern oder Arzthelfern übernommen werden, sagt Hübner.

Alternativmedizinexperte Hans Josef Beuth gibt als positives Beispiel sogenannte Breast Care Nurses an, Arzthelferinnen, die Patientinnen und Angehörige bei Brustkrebs beraten und begleiten. Doch so lange die Schulmedizin nicht genügend kompetente Ansprechpartner anbietet, die sich Zeit für ausführliche Beratung und eine empathische Beziehung zum Patienten nehmen, solange werden charismatische Heiler ihr Publikum finden.

„KRANKHEIT IST EINE HEILIGE ZEIT“, SAGT DIE GEISTHEILERIN

Seit die Geistheiler Wolfgang Bittscheidt und Teresa Schuhl vorteilhaft in einigen Fernsehreportagen besprochen wurden, erfreut sich ihre Praxis in Siegburg bei Bonn großer Beliebtheit: Termine werden nur Monate im Voraus vergeben. Wir kommen pünktlich, müssen aber eine halbe Stunde warten und setzen uns im Hinterhof des unscheinbaren Mehrfamilienhauses auf eine Bank. Als wir in das Behandlungszimmer gebeten werden, ist es dunkel, die Rollos sind halb geschlossen. Auf dem dunklen Holzschreibtisch brennt eine Kerze.

Teresa Schuhl ist blond, hat blaue Augen und wirkt kühl und unnahbar, gestikuliert seltsam mit ihren Händen. Sie flüstert mehr, als dass sie spricht, ich muss mich vorbeugen, um sie zu verstehen. Ich schildere ihr meine fiktive Krankengeschichte, sie schaut mir in die Augen, während sie zuhört. „Es gibt Dinge, die spreche ich aus, weil ich die Erfahrung habe, seit 14 Jahren“, sagt sie dann, „mir kann keiner erzählen, dass eine Chemotherapie heilt“.

Ihr Rat? „Wenn Sie jetzt mein Sohn wären, dann würde ich sagen: Finger weg von der Chemo! Mach es nicht.“ Für sich selbst würde sie auch so entscheiden. „Eine Möglichkeit ist Vitamin B17. Haben Sie schon was davon gehört?“

Das „Vitamin“ ist eigentlich ein Gift

Ich habe davon gehört. Das sogenannte Vitamin B17 ist in Wahrheit überhaupt kein Vitamin, sondern ein giftiger Stoff, mit Blausäure verwandt. Er erlebt in der alternativen Szene gerade einen Boom und hat keinen nachgewiesenen Nutzen bei Krebs. Mehrere Menschen sind an einer Überdosis gestorben.

Schuhl stochert nun rum in meinem Seelenleben und im Verhältnis zwischen mir und meinen Eltern. Fragt, wer denn „bei uns in der Familie so viele Ängste hat?“ Auch sie vermutet hinter meinem Krebs ein Trauma. „Die Schilddrüse steht für das Hormonelle. Das Gleichgewicht zwischen männlich und weiblich. Wissen Sie, wo Sie hingehören? Männlich oder weiblich?“

Was will sie damit sagen?

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„Ich komme aus Tadschikistan“, holt die Geistheilerin aus, „da sagt man: Krankheit ist eine heilige Zeit. Wenn Du krank bist, spricht Gott mit Dir. Er sagt Dir, was das Leben wirklich ist. Was wir leben, ist kein Leben, das ist ein Scheiß. Es ist kein Leben, es ist ein Funktionieren, es ist ein Hetzen. Die Krankheit fordert uns auf, etwas zu verändern.“

„Der Tod ist das Schönste was es gibt“

Und weiter: „Ich habe den Tod gesehen, glauben Sie mir, ich würde Ihnen, wenn ich könnte, all meine Jahre schenken und sagen: Ich gehe. Der Tod ist das Schönste was es gibt. Wie eine Reise in die Karibik. Warum fürchten wir uns davor? Auf diesem Folterplaneten hier?“

Nach dieser Vorrede dreht sich mir der Kopf, dabei beginnt nun erst die eigentliche Behandlung. Die Geistheilung. Ich lege mich auf eine Liege. Schuhl streicht mit ihren Händen über meinen Bauch, hält meine Schulter. Dabei spricht sie Gebete. Sie wechselt in eine fremde Sprache, später erfahre ich, dass es das ausgestorbene Aramäisch ist, das manchmal in christlichen Gottesdiensten genutzt wird. Dann lässt sie mich allein.

Nach vielleicht einer Viertelstunde betritt ihr Partner den Raum, approbierter Arzt. Er müsste es eigentlich besser wissen, aber auch er hat sich der Geistheilung verschrieben. Er reibt seine Hände aneinander, hält sie über mich und betet. Schließlich sagt er mit einer unheimlichen Stimme: „Ich bin’s, der andere Heiler. Ich empfehle Ihnen drei Sachen.“ Ich soll mich über Vitamin B17 informieren, einmal im Monat zu ihnen kommen und in einer Kölner Kirche eine Kerze anzünden.

Ich laufe benebelt aus der Praxis. Später mit dem Gesagten konfrontiert, antworten die beiden nicht. Warum legt ihnen niemand ihr gefährliches Handwerk?

WARUM ALTERNATIVHEILER MEIST UNGESCHOREN DAVONKOMMEN 

Maia Steinert, Fachanwältin für Medizinrecht in Köln, hat oft die Hinterbliebenen von Kranken vertreten, die sich in ihrer Not an Alternativmediziner gewandt hatten und gestorben sind – obwohl sie durch die Schulmedizin hätten gerettet werden können.

Wer einem jungen Menschen mit Heilungschancen von über 50 Prozent von einer rettenden Therapie abrät, wie in meinem konstruierten Fall, macht sich der arglistigen Täuschung und Körperverletzung strafbar, sagt Steinert. Allein bei Patienten, bei denen die Möglichkeiten der Schulmedizin enden, sei eine alternative Therapie vertretbar – wenn nicht zu horrenden Kosten nutzloses Zeug angedreht wird.

Doch es ist sehr schwer, vor Gericht eine Strafe durchzusetzen, sagt Steinert. In der Regel sagten die Richter: „Selbst Schuld“, wer sich sehenden Auges von einer etablierten Therapie abwende. „Es ist sehr schwierig, einem leidenschaftslosen Juristen beizubringen, dass es Niederungen des Menschen gibt.“ Dass man bei Todesangst besonders anfällig ist für das Charisma und die Überzeugungskraft der Alternativmediziner, die auch ich erlebt habe.

Zudem sind deren Patienten häufig labile Menschen, vor Gericht wenig glaubwürdig. Oder der Patient ist bereits verstorben, und den Angehörigen fehlt in ihrer Trauer die Kraft, um vor Gericht zu ziehen. „Das ist das schwerste für die Familie: Sie versucht immer wieder, den Patienten von dem Scharlatan abzubringen. Und schafft es am Ende nicht.“

Die Behandler sichern sich juristisch ab. Sie lassen die Patienten Verträge unterzeichnen, in denen steht, dass der Patient über die Schulmedizin aufgeklärt wurde und diese eigenwillig ablehne, auch wenn die Aufklärung oft nicht der Rede wert ist. Was wäre die Lösung?

Die Anwältin Maia Steinert will keine Verschärfung der Gesetze. Sie wünscht sich, dass den Alternativheilern der Boden entzogen wird – etwa indem Arztgespräche besser von den Krankenkassen honoriert werden. „Die Medizin besteht heute oft nur noch aus einem Handschlag, einem Rezept und hochtechnischen Geräten.“

ES GEHT AUCH ANDERS – WENN MAN GLÜCK HAT

Es gibt zum Glück auch ungefährliche Alternativpraxen. Von den acht, die wir besucht haben, hat uns nur die Stadtwaldpraxis Köln ganz korrekt beraten. Die Möbel im Wartezimmer sind aus schwarzem Ebenholz, in der Mitte thront eine goldene Engelsstatue. Auch hier wird ein ganzes Arsenal alternativer Behandlungen angeboten. Doch es wird unser kürzester Besuch. Die Ärztin sagt schnell und direkt: Bei Hodgkin ist Chemotherapie die einzig sinnvolle Behandlung, der Arzt, der mir die Diagnose ausgestellt hat, sei eine Koryphäe.

Wie gesagt: eine Ausnahme. Der Arzt Achim Schuppert in Bonn vermutet Handystrahlung als Ursache meines Tumors und will meine magnetische Aura messen. Ihm war es wichtig, „Elektrosmog als möglichen Schädigungsfaktor auszuschließen“, schreibt er später.

TODESSEHNSUCHT IN HEIDELBERG

Lothar Hollerbach, ein weißhaariger Arzt, der eine Alternativpraxis in einer Heidelberger Stadtvilla betreibt, sagt gleich, dass er nicht viel von einer Chemotherapie halte. Und hält stattdessen einen philosophischen Vortrag. „Wir sind geistige Wesen und nur für kurze Zeit in einem Wohnmobil, das wir Körper nennen“, sagt er. Jede Krise sei eine Lektion, vielleicht sei diese Lektion aber für das nächste Leben bestimmt. Also für die Zeit nach unserer Wiedergeburt. Er empfiehlt mir zur Gesundung die Vorträge von Rudolf Steiner, ein Gedicht von Hermann Hesse und das Buch eines brasilianischen Mediums.

Notizen über obskure Therapien

Der Arzt Lothar Hollerbach empfiehlt als Therapie die Vorträge von Rudolf Steiner, ein Gedicht (sieht Bild) und das Buch eines brasilianischen Mediums

Andreas Labes

Wie viele Patienten hat er erfolgreich behandelt? Er zähle sie nicht, winkt Hollerbach ab. Und es gehe schließlich nicht nur darum zu überleben. Manche seiner Patienten seien in kurzer Zeit zu unglaublichen Erkenntnissen gelangt und hätten „bei der nächsten Inkarnation“ ein total anderes Leben führen können. „Wir dürfen unser Leben nicht so kurz sehen.“ Wer sich nach dem Tod sehnt – dem sei seine Praxis sehr ans Herz gelegt. Eine Stellungnahme von Lothar Hollerbach ging nicht ein.

QUARK GEGEN KREBS 

Im 3E-Zentrum in Remshalden schließlich, malerisch im Nordosten von Stuttgart gelegen, wieder der ganze Hokuspokus von Schuld und Sühne. Die „medizinische Leitung“ Elke Tegel, eine blonde Heilpraktikerin, führt mich durch das lichte Haus, zeigt mir den „Innenweltreiseraum“, in dem traumatische Situationen bearbeitet werden, den Raum, in dem „Heilmusik“ abgespielt werde, und auch die beeindruckende Maschine für die „Hochfrequenztherapie“, bei der den Zellen elektrische Energie zugeführt werde. Gesamtkosten: 13.670 Euro für fünf Wochen

Krebs, sagt die Heilpraktikerin, sei „unterdrückte Wut und unterdrückter Ärger“, gerade bei einem Hodgkin-Lymphom gehe es um Schuld. Sie fragt: „Wo fühlen Sie sich schuldig? Schuldig, ein Mann zu sein?“

„Bei uns geht es nicht nach Diagnose“

Später, im Bibliotheksraum, rät Tegel zu einer „biologischen Chemotherapie“, also hoch konzentriertem Vitamin C. Das sei einer herkömmlichen Chemo weit überlegen, von der Tegel überzeugt ist, dass ich sie nicht brauche. Die Krönung: Die Heilerin verwechselt mein gut behandelbares Hodgkin-Lymphom mit dem grundsätzlich unterschiedlichen Non-Hodgkin-Lymphom. Und sagt zur Rechtfertigung: „Bei uns geht es nicht nach Diagnose, das interessiert nicht.“

Klaus Pertl, Geschäftsführer des 3E-Zentrums, verteidigt sich später schriftlich damit, dass wir nur eine „Hausführung“ gemacht und kein Beratungsgespräch bekommen hätten. Der Preis beinhalte „das gesamte 5-Wochen-Programm plus Abholung von Stuttgart, plus Infusionen und Nahrungsergänzungsmittel.“ Therapieempfehlungen könnten nur die zwei Ärzte des Hauses aussprechen und mit denen hätte ich ja nicht gesprochen. „Wir sind keine medizinische Praxis und kein Krankenhaus. Das bedeutet ganz automatisch, dass Sie bei uns auch keine medizinische Beratung erhalten können!“, schreibt Petrl. Das Haus sei lediglich ein „Seminarzentrum“.

Die Hoffnung ist gewaltig

Die Patienten sehen das ganz offensichtlich anders. Wir essen mit ihnen zu Mittag, bekommen wie sie die „Öl-Eiweiß-Kost“ aus Quark und Nüssen, die den Tumor bekämpfen soll. Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint durch die Fenster, wir schauen auf den idyllischen Garten voll blühender Obstbäume. Doch es wird der bedrückendste Moment auf meiner Reise. Tischgespräch ist die Hoffnung auf die Therapie, die Heilmusik, die Innenweltreisen, die Darmspülungen. „Ich habe vieles versucht“, sagt eine Patientin, „aber ich habe endlich das Gefühl, am richtigen Platz zu sein“. Eine andere hat lange gespart, um sich die Therapie hier leisten zu können.

Ich fühle mich schäbig, will etwas sagen. Aber wer bin ich denn, diesen Menschen die Hoffnung zu nehmen? Kann es denn nicht sein, dass ein Ort wie dieser der richtige ist? Kann ein Tumor denn nicht durch Willenskraft verschwinden? Kann man das denn sicher wissen?

Wunschdenken, Anekdoten, Angst

Natürlich ist die Schulmedizin nicht allmächtig, auch sie scheitert ständig an der Krankheit Krebs. Sie ist menschlich, macht Fehler, hat finanzielle Interessen, ist teils schroff und arrogant zu ihren Patienten. Sie verwirft sicher Geglaubtes, verleibt sich Neues ein, manchmal sind es auch die Theorien von Außenseitern. Doch das geschieht, der Idee nach zumindest, nach ausgiebiger Prüfung und Forschung. Die alternativen Methoden entbehren dagegen meist jeglicher Plausibilität. Sie stützen sich auf Wunschdenken und Anekdoten – und vor allem auf die Angst.

Es ist diese Angst, die ich in den dürren Gesichtern meiner Tischgenossen sehen kann, die lähmende Angst, die eine Krebsdiagnose mit sich bringt. Es ist die menschliche Angst vor dem Tod, die es macht, dass wir uns an jede scheinbar einleuchtende Erklärung klammern, an jeden möglichen Sinn, an jede noch so vage Hoffnung auf Heilung. Es ist diese Angst, an der sich andere Menschen bereichern.

WEGWEISER DURCH DIE ALTERNATIVMEDIZIN

Krebspatienten haben das große Bedürfnis, selbst tätig zu werden. Empfehlenswert ist das Buch „Gesund ohne Pillen“ von Simon Singh und Edzard Ernst, in dem sich die beiden Autoren tiefgreifend mit verschiedenen Methoden der Alternativmedizin beschäftigen. Auch wir haben daraus Informationen übernommen. Verlässlich ist auch die Website Krebsinformationsdienst und die Broschüre „Komplementäre Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen“ der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen.

SCHULMEDIZIN

Bedeutet eigentlich: an den Universitäten gelehrte, in Praxen und Krankenhäusern praktizierte Heilkunde, deren Wirksamkeit belegt ist. Aus dem Mund von Alternativmedizinern klingt das Wort allerdings wie ein Kampfbegriff.

ALTERNATIVMEDIZIN 

Umfasst ein weites Feld von Methoden, die häufig auf magischen Vorstellungen beruhen und sich rühmen, „ganzheitlich“ zu sein, also den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen. Die Wirksamkeit ist meist nur anekdotisch, nicht aber durch wissenschaftliche Studien belegt. Behandlungen, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde, können in den Kanon der Schulmedizin aufgenommen werden – wie etwa Akupunktur zur Schmerzbehandlung. Dabei musste sie ihren magischen Mantel abstreifen: Man erklärt die Wirkung damit, dass die Nadeln Schmerzrezeptoren beeinflussen, nicht einen Energiefluss „Qi“ im Körper.

PLACEBOEFFEKT 

Tatsächlich verbessert allein der Glaube, ein wirksames Medikament zu bekommen, bei vielen Krankheiten die Befindlichkeit. Die genauen Ursachen des Placeboeffektes werden bis heute erforscht. Ritualisierte Behandlungen, wie etwa eine Geistheilung, können einen besonders starken Placeboeffekt auslösen. Es ist wahrscheinlich, dass ein Großteil der vermeintlichen Erfolge der Alternativmedizin diesem Effekt zuzuschreiben ist.

HOMÖOPATHIE 

In den vergangen Jahrzehnten hat sich die Homöopathie besonders in Europa zu einer der populärsten Formen alternativer Medizin entwickelt. Sie geht davon aus, dass Wasser ein Gedächtnis hat und sich damit an Stoffe erinnere, die längst nicht mehr darin gelöst sind. Diese Ansicht hat keinerlei wissenschaftliche Plausibilität. Die Homöopathie arbeitet mit höchst verdünnten Lösungen, die sich chemisch nicht von Wasser unterscheiden. Patienten berichten immer wieder von einer Wirkung, doch eine überwältigende Anzahl von Studien kommt zu dem Schluss, dass dies allein dem Placeboeffekt zuzuschreiben ist. In der Krebsmedizin wird Homöopathie von vielen Ärzten als begleitende Therapie geduldet, weil sie den Patienten das Gefühl gibt, etwas Gutes für sich zu tun – und keinen Schaden anrichtet. Denn anders als sonstige alternative Behandlungen können die Kügelchen, da sie lediglich aus Wasser und Zucker bestehen, keinerlei Nebenwirkungen entfalten, die die Krebsmedikamente beeinflussen könnten.

NATURHEILKUNDE 

Naturheilkundler sind von der heilenden Kraft der Natur überzeugt. Sie verwenden Kräuter, Wasserkuren, Hitze und andere natürliche Mittel zur Heilung. Etliche Ratschläge, wie gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung, sind gut. Problematisch wird es immer dann, wenn Naturheilkundler dogmatisch werden – und ihr Wirken auch bei schweren Erkrankungen als Alternative zur Schulmedizin anpreisen.

ALTERNATIVE DIAGNOSEVERFAHREN 

„Bioresonanztests“ sollen elektromagnetische Strahlungen aus dem Körper aufzeichnen. Bei der „Kirlianfotografie“ entstehen farbenprächtige Bilder des Körpers, die alles Mögliche aussagen sollen. Diese Diagnosemethoden sind unwissenschaftlich – und ziehen oft wirkungslose oder sogar schädliche Behandlungen nach sich.

HYPERTHERMIE 

Bei der sogenannten lokalen Wärmetherapie wird der Tumor durch Anlegen von warmen Geräten erwärmt, um ihn zu zerstören. Tatsächlich gibt es bei bestimmten Tumoren erste Studien, die eine Wirksamkeit besonders zusammen mit Chemotherapie oder Bestrahlung zeigen. Für Morbus-Hodgkin liegen solche Ergebnisse nicht vor.

GEISTHEILUNG 

Hier soll eine „Energie“ über den Heiler in den Patienten gelangen – die diesen in die Lage versetzt, sich selbst zu heilen. Es gibt etliche Studien zur Geistheilung. Einige zeigten anfangs positive Resultate, stehen aber unter Manipulationsverdacht. Spätere Tests ergaben, dass die angebliche Wirkung der Geistheilung mit dem Placeboeffekt erklärt werden kann.

DARMSPÜLUNG 

Die Vorstellung, bei der Verdauung entstünden schädliche Abfallprodukte, „Schlacken“ und so weiter, erscheint vielen Menschen plausibel. Dabei ist sie falsch. Bei der Darmspülung, auch Kolonhydrotherapie genannt, wird ein Schlauch ins Rektum eingeführt und eine beträchtliche Menge Flüssigkeit eingeleitet. Ein Nutzen ist nicht belegt, Schäden durch Darmdurchstiche oder Elektrolytverlust sind nicht unwahrscheinlich.

SPONTANHEILUNG 

Immer wieder berufen sich alternative Krebsheiler auf Anekdoten, laut denen sich ein Tumor ohne schulmedizinischen Eingriff zurückgebildet haben soll. Werden solche Fälle überprüft, können sie in überwältigender Mehrheit nicht bestätigt werden. Entweder hatte es sich um eine Fehldiagnose gehandelt – der Patient hatte gar keinen Tumor –, oder der Patient vergaß zu erwähnen, dass er neben einer alternativen auch eine schulmedizinische Behandlung erhalten hatte. Wobei: Manche Spontanheilungen lassen sich tatsächlich nachweisen. Offenbar kann das Immunsystem Tumore tatsächlich zur Rückbildung zwingen. Die Grundlagen dafür werden derzeit intensiv erforscht. Dieser Vorgang ist aber extrem selten. Man sollte sich niemals darauf verlassen.

Kontakt: hristio.boytchev@correctiv.org

© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Antibiotika-Resistenzen – ein Überblick

Ist es nötig, dass Europas Schlachtvieh mehr Antibiotika bekommt als Europas Menschen? Warum gibt es so viele Resistenzen in Südeuropa? Bricht ein post-antibiotisches Zeitalter an, in dem wir wieder an einem kleinen Schnitt sterben können? Die wichtigsten Fragen zum Thema

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von Hristio Boytchev

Im Mai 1944 prangt der schottische Bakteriologe Alexander Fleming auf der Titelseite des amerikanischen „Time“-Magazins. Die Titelzeile: „Sein Penicillin wird mehr Menschen retten als der Krieg vernichten kann.“ Fleming ist ein Star jener Zeit. Ein Jahr später, im Dezember 1945, erhält er in Stockholm den Medizin-Nobelpreis – für seine Rolle bei der Entdeckung der Antibiotika. 

Doch Fleming ist weit davon entfernt, den Durchbruch zu bejubeln. Seine Preisrede ist nachdenklich. Er spricht von den Gefahren, die drohen, sollten Bakterien resistent werden gegen Antibiotika. „Die Zeit kann kommen“, sagt er, „in der jeder Penicillin im Geschäft kaufen kann“. In der ein Mann einen resistenten Keim in sich heranzüchte und damit seine Gattin anstecke – die daran sterbe.

Seit Flemings Rede sind fast auf den Tag genau 70 Jahre vergangen. Seine Vorahnungen haben sich als prophetisch erwiesen: Die Gefahren, die der Menschheit durch resistente Keime drohen, nehmen zu. Inzwischen erhält das Thema große Aufmerksamkeit. Es gibt einen European Antibiotic Awareness Day und eine World Antibiotic Awareness Week. Selbst Angela Merkel und Barack Obama diskutierten dieses Jahr beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau über resistente Keime.

Manche Experten beschwören bereits Verhältnisse wie im Mittelalter herauf: Dass schon bald mehr Menschen an resistenten Keimen sterben werden als an Krebs, bis zu zehn Millionen pro Jahr. Weil gegen tödliche Keime nichts mehr helfe, kein Antibiotikum, nichts. Gewiss: Solch düstere Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen, basieren sie doch auf einer dünnen Faktenbasis.


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Welche sind wichtigsten resistenten Keime der Welt? Und wo verbreiten sie sich am häufigsten?


Dennoch: Die Zahl resistenter Keime nimmt weltweit zu. Und es wird immer schwieriger, neue, wirksame Antibiotika zu entwickeln. Paradoxerweise hat auch der Erfolg der Antibiotika sie selbst unrentabel gemacht – heute sind Infektionen durch sie in vielen Ländern deutlich seltener geworden. Viele Pharmafirmen scheuen die großen Forschungsinvestitionen – auch, weil sie vielleicht ein Arzneimittel entwickeln, das ein eingebautes Verfallsdatum hat, weil der attackierte Keim sich wieder ändert und dann auch das neue Antibiotikum unwirksam ist.

Steuern wir also tatsächlich auf eine Zeit zu, in der kein Antibiotikum mehr wirkt, in der wir an entzündeten Zähnen sterben? An einem Schnitt mit dem Küchenmesser?

Infektionen haben viele Ursachen

So einfach ist es nicht. Nicht alle Bakterien entwickeln Resistenzen. Und resistente Erreger seien nicht per se gefährlicher als ihre nicht-resistenten Artgenossen, sagt Gerd Fätkenheuer, Infektionsforscher an der Uni Köln. Wie das berüchtigte MRSA, dessen nicht-resistenter Cousin MSSA genauso gefährlich sei. Beide Keime ließen sich ähnlich gut behandeln. Überhaupt zieht Fätkenheuer ein insgesamt positives Fazit aus den vergangenen Jahren: „Wir hatten früher weniger und schlechtere Medikamente zur Behandlung. Das hat sich geändert.“

Der britische Infektionsforscher Hugh Pennington weist in seinem neuen Buch „Have Bacteria Won?“ darauf hin, dass es keineswegs die Antibiotika allein waren, die einst die Zahl der Infektionen drastisch reduzierten. Eine ebenso große Rolle habe die immer bessere Ernährung gespielt, die immer bessere Hygiene und ein saubereres Trinkwasser. Infektionen seien bereits vor der Einführung von Antibiotika auf dem Rückzug gewesen, so Pennington, einer der prominentesten Bakteriologen Großbritanniens, der viele Infektionsausbrüche untersucht und bekämpft hat. Er räumt auch mit dem Mythos auf, ohne Antibiotika wäre jede Operation lebensgefährlich. Das sei „Panikmache“, die auf verzerrten Prognosen beruhe.

Was wir wissen

International sammeln verschiedene Initiativen Daten zur Resistenz. Sie werden etwa organisiert von der WHO und in Europa von dem „European Antimicrobial Resistance Surveillance Network“. Das umfasst alle EU-Länder, Norwegen sowie Island und überwacht acht Keime. Auch Länder, die davon nicht erfasst werden, bekommen jetzt ein ähnliches System: „Central Asian and Eastern European Surveillance of Antimicrobial Resistance“. Ein anderes Netzwerk sammelt Daten über Keime, die auf Lebensmitteln übertragen werden.

Die europäische Verbreitung in Krankenhäusern der laut WHO wichtigsten resistenten Bakterien haben wir hier in Karten dargestellt. Ohne zu wissen, wie verbreitet einzelne resistente Keime sind, kann man weder die Ursachen der Resistenz erforschen, noch wissen, welche Maßnahmen dagegen wirken.

Verteilung der Resistenz

Wie häufig es in Europa resistente Bakterien gibt, unterscheidet sich stark von Land zu Land und von Keim zu Keim. Trends lassen sich schwer erklären. So geht etwa das berüchtigte MRSA in Deutschland und Europa seit Jahren zurück. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Dagegen nimmt die Resistenz bei den Krankenhauskeimen Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae zu. Das bereitet den Behörden Sorgen.

Ebenfalls ungeklärt: Warum gibt es in Südeuropa mehr Resistenzen als im Norden des Kontinents? Einer der Gründe ist vermutlich der weniger strenge Umgang mit Antibiotika dort. In Griechenland zum Beispiel kann sich jede und jeder Antibiotika in der Apotheke kaufen, ohne Rezept. Je sorgloser Antibiotika eingesetzt werden, desto stärker können sich die Bakterien anpassen.

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Schlechte Datenlage

Die Klarheit dieser Karten ist verführerisch, doch das täuscht. Die Daten sind unvollständig: Sie werden auf freiwilliger Basis erhoben. Es gibt große Unterschiede, wie viele Krankenhäuser in den einzelnen Ländern dabei sind. Das kann zu Verzerrungen führen, wenn etwa in kleinen Ländern vor allem Unikliniken mitmachen, die für die schwereren Fälle verantwortlich sind – und deshalb vermutlich mehr Patienten mit resistenten Bakterien behandeln.

Zudem sind die Daten räumlich nur grob aufgelöst. Wie viele Resistenzen es in einzelnen Regionen gibt, in Städten oder gar in jedem einzelnen Krankenhaus, ist öffentlich kaum bekannt. Dass die Datenlage selbst im reichen Europa so schlecht ist, gibt zu denken.

Verbrauch bei Mensch und Tier

Wie viele Antibiotika werden eingesetzt bei Menschen und bei Tieren? Die Datenlage ist ähnlich dünn wie bei der Verbreitung der Keime – es gibt kaum detaillierte Angaben. Oft werden Zahlen nur freiwillig mitgeteilt. Dabei ist der Verbrauch von Antibiotika äußerst wichtig, um Resistenzen zu verstehen – und zu bekämpfen. Anfang 2015 hat die Europäische Kommission deshalb einen umfassenden Bericht veröffentlicht, der den Antibiotikaverbrauch bei Mensch und Tier verglichen hat.

Der Bericht geht zum ersten Mal systematisch der Frage nach, wie wichtig der Faktor Tier für die menschliche Resistenz in Europa ist. Das Ergebnis: Die Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen dem Verbrauch einiger Antibiotika in der Tierzucht und dem Vorkommen von gegen sie resistente Bakterien beim Menschen. Die genaue Wirkweise und die Relevanz für die menschliche Gesundheit haben die Forscher bisher allerdings noch nicht entschlüsselt.

Antibiotika in der Tiermast

Der Masseneinsatz von Antibiotika in der Tierzucht ist gesellschaftlich höchst kontrovers. So werden Antibiotika zum Teil zur Mästung genutzt. Denn die Arzneimittel haben in niedriger Dosis die rätselhafte Wirkung, bei Tieren und wohl auch bei Menschen das Gewicht zu erhöhen. Anders als etwa in den USA ist der Einsatz zur Mästung in der EU mittlerweile verboten, findet aber unter dem Mantel der Krankheitsprävention offenbar weiterhin statt. Zudem verdienen Tierärzte zum Beispiel in Deutschland am Verkauf der Arzneimittel mit. Sie sind Apotheker und Arzt zugleich. Sogenannte Reisetierärzte machen oft einen Großteil ihres Umsatzes über den Verkauf der Antibiotika. Derartige Fehlanreize sind Mitschuld an am lockeren Einsatz von Antibiotika in deutschen Ställen.

In der EU bekommen dem Bericht zufolge Tiere mehr Antibiotika als Menschen. Pro Kilogramm Körpergewicht und Jahr bekamen Tiere zuletzt im Schnitt 144 Milligramm Antibiotika, beim Menschen waren es 116 Milligramm. Dabei gab es starke Unterschiede zwischen einzelnen Staaten: In 15 EU-Ländern war der Antibiotikaverbrauch bei Tieren niedriger als bei Menschen, in drei Ländern ähnlich hoch, in acht Ländern war der Verbrauch bei Tieren höher als bei Menschen.

Besonders viele Antibiotika bei Tieren verbrauchen Deutschland, Italien und Spanien mit jeweils mehr als 1500 Tonnen im Jahr. Auch im Vergleich mit der Masse an produziertem Fleisch sind diese Länder Spitzenreiter, ergänzt um Frankreich und Zypern. Auch solche Antibiotika, die für Menschen besonders wichtig sind, wurden bei Tieren häufig eingesetzt. Der Pro-Kopf-Einsatz von Antibiotika bei Menschen war in Frankreich und Italien am höchsten.

Sogar diese EU-Daten haben Schwächen: Die Forscher haben verschiedenste Antibiotika zusammengefasst, bei manchen Ländern haben sie den Verbrauch aus Krankenhäusern nicht berücksichtigt, zudem waren Daten für verschiedene Tierarten nicht einzeln verfügbar. Und auch hier gibt es ein Transparenzproblem: Die Öffentlichkeit weiß nicht, welcher Tierfabrikant besonders viele Antibiotika verbraucht, wer also besonders viele Resistenzen provoziert.

Resistenzen bekämpfen

Sich ein klares Bild über das Ausmaß resistenter Keime zu machen, ist schon schwer – noch schwerer sind Empfehlungen, wie man Resistenzen verhindern kann, wie man die Ausbreitung der gefährlichen Keime eindämmen kann. Mehr Pflegepersonal, das sich um Infektionen kümmert, ist teuer. Patienten mit Verdacht auf Resistenz sofort zu isolieren, ist aufwändig und kann den Patienten schaden, weil ihre medizinische Versorgung schwieriger wird.

Eines ist jedoch klar: Je weniger Antibiotika wir benutzen, desto länger bewahren sie ihre Wirksamkeit. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Und oft ist die Resistenz auch umkehrbar, wenn ein Arzneimittel wieder seltener eingesetzt wird. Treffen Bakterien seltener auf einen Wirkstoff, lohnt es sich für sie nicht, sich gegen den Wirkstoff zu wehren. Die Resistenz-Gene gehen zurück.

Deshalb sollte der Einsatz der Antibiotika bedacht werden. Doch zwischen Vorsatz und Realität klafft eine gewaltige Lücke, vor allem bei der Bevölkerung selbst. Trotz aller Kampagnen und Mahnungen denkt etwa jeder zweite Europäer, dass Antibiotika auch bei Grippe und Erkältung helfen, und will womöglich damit behandelt werden. Doch Grippe und Erkältung werden in den allermeisten Fällen durch Viren verursacht. Und dagegen sind Antibiotika vollkommen nutzlos.


Du erreichst unseren Reporter Hristio Boytchev per E-Mail: hristio.boytchev@correctiv.org

Titelfoto: Ivo Mayr

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Gefährliche Keime

Warum wir über resistente Keime berichten

Resistente Keime, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken, sind weltweit auf dem Vormarsch. In einem auf zwei Jahre angelegten Rechercheprojekt widmet sich CORRECTIV dem Problem der „superbugs“

weiterlesen 2 Minuten

von Hristio Boytchev , Daniel Drepper

Wir wollen das Problem verständlich machen und langfristig darüber berichten. Wir wollen Lösungen diskutieren – und Panikmache vermeiden.

Viele Fragen sind offen:

  • Welche Rolle spielen Antibiotika, die in der Massentierhaltung eingesetzt werden, für Infektionen beim Menschen?
  • Wie kann die Hygiene in Krankenhäusern langfristig verbessert werden?
  • Wie können wir die Vergabe von Antibiotika besser kontrollieren?
  • Wer soll in Zukunft Wirkstoffe gegen resistente Bakterien entwickeln?

Diese Recherche ist auf zwei Jahre angelegt und wird gefördert von der Adessium Foundation aus den Niederlanden. Wir arbeiten mit Journalisten aus ganz Europa zusammen. Wir wollen voneinander lernen, denn Keime machen nicht an Landesgrenzen halt. Jeder Staat hat eigene Probleme – und Lösungsansätze. Wir werden dieses Wissen zugänglich machen, damit am Ende alle profitieren.

Wir möchten mit Euch zusammenarbeiten, ganz gleich, ob Journalisten seid oder interessierte Leser. Habt Ihr Erfahrungen gemacht mit resistenten Bakterien? Wollt ihr unsere Texte weiterverbreiten? Dann meldet Euch bei uns.

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Auf correctiv.org/keime werden wir ab sofort über Forschungsergebnisse berichten, Dokumente und Daten veröffentlichen, Fallgeschichten erzählen, politischen Diskussionen folgen.

Mein Name ist Hristio Boytchev. Ich betreue das Projekt „Gefährliche Keime“.

Ich freue mich über Euer Feedback: hristio.boytchev@correctiv.org.

 

Titelfoto: Ivo Mayr

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Gefährliche Keime

Keimeatlas Europa

Welche Bakterien, welche Antibiotika-Resistenzen werden von der Weltgesundheitsorganisation als besonders bedrohlich eingestuft? Und wo in Europas Krankenhäusern kommen sie vor? Eine Übersicht - als Teil unseres auf zwei Jahre angelegten Rechercheprojektes "Gefährliche Keime"

von Hristio Boytchev

Was sind MERS und E.coli und worin unterscheiden sie sich? Welche resistenten Keime sind besonders gefährlich und in welchen europäischen Ländern kommen sie am häufigsten vor? Wie breiten sie sich aus, welche Menschen sind besonders anfällig? In unserem Keimeatlas erklären wir die Grundlagen der berüchtigten Antibiotikaresistenz anschaulich und stellen die verschiedenen Akteure vor. Den Start machen neun Keime, die die WHO als besonders wichtig einstuft. 

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© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Reserve-Antibiotikum wirkt zum Teil nicht mehr

Im November haben Forscher eine Resistenz gegen das wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin entdeckt. Seither überschlagen sich Ereignisse. Der Wirkstoff droht auch in Deutschland als Notfall-Medikament auszufallen. Wahrscheinliche Ursache ist der massenhafte Einsatz des Antibiotikums in der Massentierhaltung

von Hristio Boytchev

Wer sich mit Darmbakterien infiziert, mit bösartigen E. coli oder Klebsiellen, dem kann bislang das Antibiotikum Colistin das Leben retten. Forscher haben den Wirkstoff 1947 entdeckt, seit den 1980er Jahren wird er nur selten bei Menschen verwendet. Denn Colistin hat zum Teil heftige Nebenwirkungen – unter anderem kann es den Nieren schaden. Gerade diese Nebenwirkungen haben den Stoff so wertvoll werden lassen: Durch den seltenen Einsatz haben sich bislang kaum Resistenzen beim Menschen gebildet. Die Arznei kann eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen, etwa Cephalosporine und Carbapenem. 2012 setzte die WHO Colistin auf die Liste der „kritisch wichtigen Antibiotika“.

Der Keimeatlas

Die Verbreitung der Resistenz gegen einzelne Antibiotika seht Ihr in unserem Keimeatlas.

Ganz anders in der Massentierhaltung: Da ist Colistin seit Jahren eines der am meisten verwendeten Antibiotika. Tierärzte verabreichen es etwa gegen Durchfallerkrankungen. Weltweit, schätzen Experten, werden in der Massentierhaltung pro Jahr fast 12.000 Tonnen Colistin verbraucht.

Die Rechtfertigung: Bei Menschen wird das Antibiotikum ja kaum genutzt. Zudem beschränken sich Resistenzen auf jene Keime, die nur Tiere befallen. Man ging davon aus, dass Colistin eines der wenigen Antibiotika sei, dessen Resistenz-Gene nicht von Keim zu Keim springen.

Diese Argumentation ist in den vergangenen Wochen von chinesischen Wissenschaftlern über den Haufen geworfen worden. Sie waren stutzig geworden, weil sie immer mehr Colistin-resistente Erreger in der Tiermast beobachtet hatten. Und fragten sich: Gibt es vielleicht doch ein Resistenz-Gen, dass von Keim zu Keim springen kann?

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Ja, gibt es: Die chinesischen Wissenschaftler sammelten den Darmkeim E. coli in Schweineställen und konnten dann im Labor nachweisen, dass die Bakterien die Resistenz weitergeben, über Artgrenzen hinweg. Der Übeltäter: Ein Gen namens mcr-1, das die Struktur der Bakterienhülle verändert, so dass das Antibiotikum Colistin nicht mehr daran andocken kann. Die Forscher fanden heraus, dass mcr-1 bei Tierkeinem weit verbreitet ist. Besonders beunruhigte sie, dass sie die Resistenz auch bei einigen Erregern fanden, die Menschen befallen.

Im Dezember 2015 überschlugen sich die Ereignisse: Die Europäische Arzneimittelbehörde gab bekannt, dass sie ihre Empfehlungen über den Einsatz des Mittels in der Tiermast überdenken wird. Und Forscher machten sich weltweit daran, das Resistenz-Gen in ihren Regionen nachzuweisen. In Thailand, Dänemark, Holland und Frankreich wurden die Wissenschaftler fündig – und Anfang Januar auch in Deutschland. Das Bundesinstitut für Risikobewertung untersuchte alte Proben und fand das neu entdeckte Resistenz-Gen mcr-1 am häufigsten bei E. coli im Mastgeflügel.

Auch eine andere Forschungsgruppe war erfolgreich. Sie fand das neue Gen in vier Proben. Drei davon stammten aus Schweinen, eine aus einer menschlichen Wunde.

 

Wer zahlt für die Entwicklung neuer Antibiotika?© Ivo Mayr

Gefährliche Keime

Pokern um Profite

Die Pharmaindustrie fordert: Die internationale Gemeinschaft solle zahlen für die Entwicklung neuer, hochwirksamer Antibiotika. Es stimmt: Am Markt rechnen sich diese Wirkstoffe kaum. Die Forderung ist berechtigt

von Hristio Boytchev

Das Thema Antibiotika-Resistenzen ist auf den ganz großen Bühnen angekommen. Kaum ein internationales Politikertreffen vergeht, ohne dass das Problem angesprochen wird. Der Tenor: Wir brauchen mehr, wir brauchen neue Antibiotika.

Jetzt hat die Pharmaindustrie den Ball zurückgespielt. Fast 100 Vertreter der Pharma- und Medizintechnikindustrie haben anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels in Davos eine gemeinsame Resolution veröffentlicht. Schwergewichte wie Pfizer, Merck und Bayer sind dabei genau wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller.

Die Kernaussage: Ja, wir entwickeln gern neue Antibiotika. Aber ihr Politiker zahlt bitte die Rechnung.

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In der Resolution steht sehr konkret, was die Interessen der Pharmaindustrie sind: Antibiotika seien erstens zu billig. Zweitens seien die Forschungsanstrengungen gewaltig und damit teuer. Traditionelle Entwicklungsmethoden hätten größtenteils versagt. „Wir rufen die Regierungen auf, die Mittel bereitzustellen, die einen nachhaltigen und vorhersehbaren Markt ermöglichen“, schreiben die Industrievertreter. Verbrauch und Bezahlung von Antibiotika sollten entkoppelt werden. Eine Möglichkeit: Es solle nicht mehr nur pro Packung abgerechnet werden, sondern wie bei einer Flatrate. Zur Zeit sei es so, als würde die Feuerwehr pro Feuer bezahlt, erklärte John Rex, einer der Bosse des Pharmakonzerns AstraZeneca. Das sei nicht nachhaltig.

Die Pharmabranche steht wegen ihrer Gier und Maßlosigkeit bei Bürgern und Politikern in Verruf. Aber in diesem Fall ist die Forderung nach mehr Geld begründet. Es macht Sinn, über alternative Finanzierungswege für neue Arzneien nachzudenken. Wenn Politiker auf neue Medikamente beharren, die sich am Markt nicht rechnen – die neuen Antibiotika sollen ja gerade möglichst wenig eingesetzt werden –, dann müssen sie auch Geld in die Hand nehmen.

Das ist das eine. Andererseits: Wie realistisch sind die von immer mehr Politikern und Forschern gemalten Untergangsszenarien? Wie stichhaltig ist das Geraune von einem postantibiotischem Zeitalter, in dem kein Antibiotikum mehr wirkt und jede Schnittwunde oder Blasenentzündung lebensgefährlich sein kann? Nüchtern betrachtet, sind solche Szenarien nach heutigem Wissen wohl überzogen, die Daten dünn, auf denen sie sich stützen. Vielleicht brauchen wir also in absehbarer Zeit nicht massenweise neue Wundermittel. Was wir auf jeden Fall brauchen, sind eine bessere Erforschung der Resistenzen, Besonnenheit und einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Antibiotika, die wir heute haben. In den Ställen, in den Arztpraxen und Krankenhäusern.

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Gefährliche Keime

Kurze Ärmel gegen Keime

Öffentlichkeitswirksam haben die Asklepios-Kliniken in diesen Tagen den langärmeligen Ärztekittel eingemottet. Weil dadurch weniger Keime übertragen würden. Experten sind skeptisch, ob das etwas bringt

von Hristio Boytchev

Unter großem Medienecho hat der Klinikbetreiber Asklepios angekündigt, dass man sich vom klassischen Ärztekittel verabschieden will – künftig würden die hauseigenen Ärzte in kurzen Ärmeln ihre Arbeit verrichten. Weil sich Krankheitserreger auf der Kleidung des medizinischen Personals einnisten und so von Patient zu Patient springen können. 

Asklepios zitiert Empfehlungen des Robert Koch Instituts (RKI) und der WHO zu kurzärmeliger Kleidung. Angenehme Nebenwirkung: Man werde jährlich mehrere Millionen einsparen, kurzärmelige Kittel sind einige Euro billiger.

Vorteile allerorten. Warum ist man dann nicht viel eher auf diese Idee gekommen, in viel mehr Krankenhäusern?

Weil Ärzte an ihren langärmeligen Kitteln hängen. Sie sind eine Konvention. Es ist ihre Uniform, sie verleiht ihnen Sicherheit und Autorität. Und weil die Sache mit den Keimen viel weniger klar ist, als es zunächst den Anschein hat. 

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Das sagt etwa Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité. Sie verweist auf eine Studie von 2010. Darin gehen die Wissenschaftler davon aus, dass kurze Ärmel keine nachgewiesenen Vorteile für die Hygiene brächten. Zudem würden deren Träger von Patienten als weniger professionell eingeschätzt – und als weniger hygienisch, im Sinne von: geschützt gegen Keime. Auch das Robert Koch Institut sagt auf Nachfrage, dass es keine entsprechende Empfehlung für kurze Ärmel ausgesprochen hat. 

„Die deutschen Krankenhäuser würden gut daran tun, zunächst Maßnahmen durchzusetzen, deren Wirksamkeit gut bewiesen ist“, sagt Gastmeier. Kurzärmelige Ärztebekleidung gehöre nicht dazu. „Ich bin nicht dagegen“, schließt die Hygienikerin, „aber ich bin gegen den Hype“.


Nachtrag 4. Februar 2016, 11 Uhr

Im Wortlaut heißt es in der Pressemeldung von Asklepios, der Anlass für die Entscheidung sei „eine Empfehlung von Experten des Robert-Koch-Instituts“. Asklepios zitiert auf Anfrage Arne Simon, Vorsitzender der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention des RKI. Darauf das RKI: Simon habe sich „in einzelnen Medien positiv zum Kurzkittel geäußert, als Professor der Universität Homburg“.

Asklepios verweist zudem auf eine Mitteilung des RKI. Dort heißt es aber, die vorliegenden Daten seien „nicht ausreichend für eine Empfehlung“ kurzer Ärmel.

Nachtrag 4. Februar 2016, 16 Uhr

Die dpa hat eine nachträgliche Berichtigung verteilt. Die Stelle, in der von einer RKI-Empfehlung gesprochen wird, sei zu streichen. Ursprünglich hatte die dpa geschrieben: „Der Konzern folge damit Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Weltgesundheitsorganisation (WHO)“.

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Gefährliche Keime

Ansteckende Hähnchen

In der Hähnchenzucht Großbritanniens hat der Verbrauch eines für Menschen wichtigen Antibiotikums im letzten Jahr um 59 Prozent zugenommen. Das zeigt eine investigative Recherche des gemeinnützigen Londoner Büros TBIJ, mit dem correctiv.org bei der Berichterstattung über resistente Keime zusammenarbeitet.

von Hristio Boytchev

Es ist bekannt, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast auf lange Sicht resistente Keime schafft – die womöglich auch Menschen befallen können. Daher bemüht man sich, möglichst wenig Antibiotika in der Tierhaltung einzusetzen, auch in Großbritannien. Laut unseren britischen Kollegen vom The Bureau of Investigative Journalism sank der Antibiotikaverbrauch in der Hähnchenzucht in den Jahren 2013 und 2014 tatsächlich um rund 30 Prozent. Das gilt aber nicht für alle Antibiotika: Ausgerechnet der Verbrauch des für Menschen extrem wichtigen Fluorquinolons nahm um 59 Prozent zu.

Auch in Deutschland lässt sich das beobachten: Neue Regulierungen sollen den Gesamtverbrauch reduzieren. Deshalb steigt der Verbrauch von hochpotenten Stoffen, die schon in geringer Konzentration wirken. Die aber, wie Fluorquinolon, für die Humanmedizin von extrem wichtiger Bedeutung sind. Die WHO führt die Arznei auf der Liste der „kritisch wichtigen Antibiotika“.

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Der zunehmende Einsatz von Fluorquinolonen ist beunruhigend. Denn diese Antibiotika gehören zu den Substanzen der „letzten Abwehr“, die helfen, wenn kein anderes Mittel mehr wirkt. Sie haben zudem den Vorteil, dass sie – anders als vergleichbare Präparate – oral eingenommen werden können. Unter anderem können sie Menschen retten, die sich mit den Durchfallkeimen E. coli infiziert haben. Oder mit Salmonellen und Campylobacter, zwei Keime, die vor allem übertragen werden beim Verzehr von befallenem Fleisch. Also beispielsweise, weil sich jemand nach dem Berühren von rohem Fleisch in der Küche nicht die Hände gewaschen hat. Oder die Salattomaten mit dem gleichen Messer wie das Hühnchenfleisch geschnitten hat.

Es gibt Hinweise darauf, dass Resistenzen von tierischen Keimen auf Keime überspringen können, die Menschen befallen. Das heißt: Resistenzen, die man Tieren heranzüchtet, kommen langfristig auch zum Menschen. 

Jetzt fordert etwa der Verband „Alliance to Save Our Antibiotics“, Fluoroquinolone in der Hähnchenzucht zu verbieten. In den USA ist der Einsatz bereits seit 2005 untersagt.