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Jugend & Bildung

Neuer Ärger ums Abi: FDP-Schulministerin bekommt Gegenwind von G9-Eltern

Auch nach dem Regierungswechsel geht das G8/G9-Gerangel in NRW weiter: Das neue Schulministerium will zurück zum alten Abi nach neun Jahren. Allerdings erst zum Schuljahr 2019/2020. Das ist viel zu langsam, kritisiert die Elterninitiative „G9-jetzt-NRW“.

von Miriam Bunjes

Zum Schuljahr 2019/2020 sollen die Schüler am Gymnasium wieder in neun Jahren Abitur machen. Darauf hat sich die schwarz-gelbe Koalition schon im Sommer geeinigt. Das ist viel zu langsam, kritisiert die Elterninitiative „G9-jetzt-NRW“ – die Eltern, die zu Jahresbeginn NRWs erstes Volksbegehren seit 39 Jahren gegen das achtjährige Abitur gestartet haben. In Opposition zur damals grünen Schulministerin.

Kein vernünftiger Grund, warum das nicht gehen sollte

Jetzt bekommt auch die neue Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ihren Gegenwind zu spüren: „Mehr als 200.000 Kinder werden so von den Verbesserungen am Gymnasium ausgeschlossen, obwohl der Wechsel zu G9 politisch beschlossen und versprochen ist“, sagt Gregor Schmitz, einer der neun Mitgründer des Vereins hinter dem Begehren. „Das Bundesland Niedersachsen hat den Wechsel auch innerhalb eines Jahres hinbekommen, als einmal die politische Entscheidung gefallen war“, sagt Schmitz. „Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum das hier nicht gehen sollte.“

Der pensionierte Gymnasiallehrer aus Menden hat deshalb eine Online-Petition gestartet. Mehr als 12.000 Menschen haben bereits unterschrieben. „Es ist aber diesmal schwieriger, die Menschen zu bewegen“, sagt Schmitz. Viele Eltern im Land hielten das Thema nach einem vom Abi-Streit geprägtem Wahlkampf für erledigt – schließlich kommt ja mit dem Regierungswechsel das G9 zurück an die Gymnasien. Aber eben erst in zwei Jahren. „Auch für die jetzigen Fünftklässler bleibt es beim G8-Stress“, sagt Schmitz.

Qualität vor Tempo

Tatsächlich will Schulministerin Gebauer bei ihrem Zeitplan bleiben: „Auch bei diesem Thema gilt: Qualität vor Tempo“, sagt Ministeriumssprecher Jörg Harm. Umgestellt werde zum Schuljahr 2019/2010 für die Jahrgänge 5 und 6. Damit können auch die heutigen Viertklässler nach 13 Schuljahren am Gymnasium Abitur machen. Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Schulkonferenz kann eine Schule aber auch beim G8 bleiben – auch, wenn die Ministerin selbst davon ausgeht, dass 90 Prozent aller Schulen zum G9 übergehen werden.

Aber eben erst in zwei Jahren. „Eine so tiefgreifende Umstellung muss rechtlich und schulfachlich abgesichert sein“, sagt Gebauers Sprecher. Zum Beispiel müssten die Lehrpläne für die „ganz überwiegende Zahl der Fächer” angepasst werden.

„Lehrpläne werden doch sowieso alle paar Monate aktualisiert“, meint dazu Gregor Schmitz von der Elterninitiative, dessen Enkel gerade in die fünfte Klasse eines Gymnasiums gekommen ist – und damit in G8. „Das ist kein richtiges Argument für diese verspätete Einführung: Uns fehlen klare Antworten der Ministerin.“ Auf die hofft Schmitz am heutigen Mittwoch, 11. 10. 2017, um 17.30 Uhr. Dann wird er der Schulministerin im Düsseldorfer Landtag eine Mappe mit Unterschriften überreichen. „Ich hoffe, unser Druck wirkt.“

Das Thema ist mit dem Regierungswechsel nicht erledigt

Im noch laufenden Volksbegehren wird das aktuelle Schuljahr 2017/2018 als Eintrittsdatum für den Beginn von G9 gefordert — für alle, die dann die fünfte bis achte Klasse besuchen. Ist das Begehren erfolgreich, wird sich die Landesregierung mit diesem Detail auf jeden Fall auseinandersetzen müssen – auch, wenn sie grundsätzlich zu G9 zurückgekehrt ist. Denn der Text eines Volksbegehrens kann im Verfahren nicht verändert werden. Entweder der Landtag stimmt der Vorlage im Wortlaut zu oder er lehnt ab. Dann muss es einen Volksentscheid geben.

Die Amtseintragung für das Volksbegehren endete bereits am 7. Juni: Rund 142.000 gültige Stimmen meldete der Wahlleiter in NRW. Eine Hochrechnung der Initiative im Mai ging zu diesem Zeitpunkt von 400.000 weiteren Stimmen aus, die Eltern überall im Land gesammelt haben. Das Begehren läuft noch bis zum 4. Januar 2018 und braucht 1,1 Millionen Stimmen von Wahlberechtigten, um das Parlament zu einer Entscheidung zu zwingen. „Das Thema ist mit dem Regierungswechsel nicht erledigt“, findet Schmitz. „Dafür lässt sich Frau Gebauer viel zu viel Zeit und gibt fadenscheinige Antworten.“

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Jugend & Bildung

Rückkehr zu G9-Abitur in NRW wird realistischer

Nun kommt der Abi-Streit auf die neue Landesregierung zu: Seit Januar hat die Elterninitiative „G9 Jetzt NRW“ schon mehr als 400.000 Unterschriften für die Rückkehr zum neunjährigen Abitur gesammelt. Der Erfolg des ersten Volksbegehrens seit 39 Jahren scheint möglich.

von Miriam Bunjes

Rund 1,1 Million Stimmen wahlberechtigter NRW-Bürger braucht die Elterninitiative für ihre Gesetzesänderung zum Abitur an Gymnasien. Ein Jahr lang hat sie dafür Zeit. Und die Chancen auf einen Erfolg stehen gut: Ende April hatten die Eltern nach eigenen Angaben bereits 400.000 Unterschriften zusammen. „Es ist damit realistisch, dass wir das Begehren trotz der hohen Hürden durchkriegen“, sagt Initiativen-Sprecher Marcus Hohenstein.

Bis zum 4. Januar 2018 müssen mindestens 1.060.963 Stimmen vorliegen. Sie müssen allerdings auch von den Wahlämtern der jeweiligen Heimatkommune der Unterzeichner bestätigt sein. Und das ist gar nicht unproblematisch. „Einige Wahlämter lassen sich dafür Monate Zeit“, sagt Hohenstein, der dem Landtag bereits 2014 fast 100.000 gültige Unterschriften für die Volksinitiative überreichte. Dieses Mal will die Initiative bereits Ende Oktober damit beginnen, die Unterschriftenlisten an die Kommunen zu schicken.

Bleiben also noch gut fünf Monate zum Weitersammeln. Mit immer mehr Helfern: Rund 5.400 Menschen haben sich auf der Webseite des Elternvereins registriert. „Auch das lässt hoffen“, sagt Hohenstein.

Mehr jedenfalls als die Ergebnisse aus der Amtseintragung: Noch bis zum 7. Juni sollen Listen in Rathäusern und Bürgerbüros ausliegen. Doch auch dort gibt es Probleme, berichtet Hohenstein. „Wir kriegen im ganzen Land Rückmeldungen darüber, dass es in den Rathäusern nicht gut läuft.“ Dass die Listen in den Ämtern schlecht zu finden seien zum Beispiel. „Mancherorts ziehen Bürger Wartemarken, warten stundenlang und hören dann, dass der Zuständige jetzt aber zu Tisch ist“, sagt er. „Wir müssen wohl voll auf unsere eigene Sammlung setzen.“

Initiative will mitreden in der Politik

Bereits die Schwesterninitiative „G9 jetzt HH“ habe diese Probleme gehabt. „Sie haben nur etwa fünf Prozent ihrer Stimmen in den Rathäusern bekommen“, sagt der Physiklehrer aus Siegen. Die Initiative scheiterte schließlich 2014 an zu wenigen Unterschriften. Ein Schicksal, das die NRW-Initiative nicht teilen möchte. Sie möchte schon jetzt mitreden in der Politik. Hohenstein hat bereits um einen Gesprächstermin beim Wahlsieger CDU gebeten. Bisher allerdings ohne Rückmeldung.

„Wir hoffen, dass wir mit der neuen Landesregierung besser ins Gespräch kommen“, sagt Hohenstein. Rot-Grün habe die Initiative regelrecht blockiert. Aber die Bundestagswahl sei schließlich nahe. „Das Thema kann jetzt nicht vier Jahre lang ausgesessen werden.“ Bildungspolitik und vor allem auch die G8-Kritik habe bei der NRW-Wahl eine große Rolle gespielt – insbesondere für das schlechte Abschneiden der Grünen. „Für ein gutes Bundestagswahlergebnis können die Wünsche der vielen Eltern in NRW und anderen Bundesländern nicht ignoriert werden.“

Doch noch ist er auch bei CDU und FDP skeptisch.

Bei der Parlamentsentscheidung, die Volksinitiative 2015 abzulehnen, hatten sich die Christdemokraten enthalten. Und vor der aktuellen Wahl hatten sie als letzte einen Vorschlag zum Abitur-Streit präsentiert. Demnach soll sich die Schulkonferenz einer Schule für die Rückkehr zu G9 entscheiden können, „und dann kann die Schulbehörde der Kommune das aber auch ablehnen“, sagt Hohenstein. 

Auch die Aussage der FDP zur „Wahlfreiheit des Abiturs“ sieht Hohenstein kritisch. „Vor allem gibt es unter den FDP-Politikern sehr viele G8-Befürworter, die nur durch ihre Mitgliederbefragung von ihrem strikten G8-Kurs abgekommen sind.“ Bei einer Befragung der Parteibasis in 2016 hatten 70 Prozent der FDP-NRW-Mitglieder für eine Wahlfreiheit der einzelnen Gymnasien zwischen einer acht- oder neunjährigen Schulzeit plädiert. „Auch bei der neuen politischen Konstellation können wir auf Einsicht nur hoffen: Da ist sie noch nicht“, sagt Hohenstein. Und sowieso darauf hoffen, dass 15 Prozent der Stimmberechtigten die Vorstellungen der Elterninitiative vom Abitur in NRW unterschreiben und die Regierung zu dieser Entscheidung zwingen.

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In den Rathäusern liegen die Eintragungslisten für das Volksbegehren noch bis zum 7. Juni aus. Die Ämter sind am 28. Mai zum letzten Mal auch sonntags geöffnet. Die Initiatoren des Volksbegehrens müssen bis zum 4. Januar 2018 mindestens 1.060.963 von den Wahlämtern der Kommunen bestätigte Unterschriften vorlegen. Stimmberechtigt sind deutsche Staatsbürger, die mindestens 18 Jahre alt sind und ihren Hauptwohnsitz in NRW haben.

Update 22.5.2017 – 9:29 Uhr:

Zu einer Stundenverteilung in der Oberstufe hat die CDU keine Aussage im Programm gemacht. In Interviews hat sie sich für eine Rückkehr zum „echten G9“ ausgesprochen. In der ursprünglichen Version des Textes hatte es geheißen „Die Stundenverteilung in der Oberstufe soll nach dem CDU-G9-Modell so bleiben wie beim derzeitigen G8“.

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Jugend & Bildung

G8 oder G9: Aufstand der Bildungsbürger

Ihr Thema ist eines der großen im Wahlkampf geworden, bringt Regierung wie Herausforderer ins Schlingern – und Menschen auf die Straße. Hinter der Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ und ihrem Verein stehen Hausfrauen, ehemalige Rennfahrer und Stadtangestellte, langjährige Umweltschützer, Konservative und überzeugte Marxisten. Zusammen haben sie das erste nordrhein-westfälische Volksbegehren seit 39 Jahren auf den Weg gebracht: Für eine Rückkehr zu neun Jahren Gymnasium nach den alten Spielregeln. Die fünfte Folge unserer Serie „G8 oder G9“.

von Miriam Bunjes

Und wieder hat Gregor Schmitz bis nach Mitternacht am Rechner gesessen und „gepfefferte Briefe“ geschickt, diesmal an SPD-Ortsverbände. „Die Penetranz und Aggressivität, mit der unsere Initiative angegangen wird, hat mich überrascht“, sagt der pensionierte Gymnasiallehrer aus Menden im Sauerland. „Im ganzen Land kursieren Unterstellungen, offenbar gezielt gestreut.“ Der 65-Jährige hat den Verein „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend“ als einer von Neun mitgegründet. Im Ruhestand hat er Zeit für politische Arbeit  – für ein Thema, das er als Lehrer von innen kennt: die verkürzte Schulzeit für Gymnasiasten, G8 genannt.

Den Verein gibt es erst seit 2016. Die viel bekanntere Elterninitiative dahinter, „G9 jetzt NRW“, ist schon drei Jahre älter. Bereits 2015 hatte sie eine Volksinitiative gegen die verkürzte Schulzeit am Gymnasium mit rund 100.000 gesammelten Unterschriften in den Landtag gebracht. Ihr Thema, für das der Sauerländer Pensionär mehrmals in der Woche Leserbriefe tippt: Kinder am Gymnasium brauchen mehr Zeit zum Lernen, kein Zwang zum Ganztag. 

Kritik und Gegenwind bleiben nicht aus. Im Wahljahr arbeitet die Initiative an NRWs erstem Volksbegehren seit 39 Jahren – einem großen politischen Druckmittel mit entsprechend hohen Hürden: 1,1 Millionen Unterschriften von wahlberechtigen NRW-Bürgern müssen auf Papier gesammelt werden. Selbstorganisiert und selbstfinanziert. Deshalb auch die Vereinsgründung.

Auf der Straße stehen und Unterschriften sammeln, Menschen ansprechen und überzeugen, neue Helfer rekrutieren und betreuen, Pressearbeit, Spendenakquise, Austausch mit Parteipolitikern, Gegenwind aushalten – wer macht das heutzutage in seiner Freizeit und warum? Wer sind die Menschen hinter dem Volksbegehren, das überall im Land für Wirbel sorgt, das Thema in alle Parteiprogramme gehievt hat?

Menschen, über die manche auch in diesem Ton diskutieren: „Bei einer Veranstaltung (…) kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Propagandisten des Volksbegehrens ‘G9 jetzt’ und einem Vertreter der integrierten Schulen.“ Gegen die die NRW-Grünen schon kurz nach dem Start ihren Ortsverbänden Argumentationshilfe anbot.

CORRECTIV.Ruhr hat sich auf Spurensuche unter den Aufständischen der Gymnasien-Eltern gemacht – und ein politisch bunt gemischtes Sammelbecken gefunden: Fast alle haben Kinder am Gymnasium, haben sie und ihre Freunde gestresst erlebt. Einige sind Hausfrauen, andere selber Lehrer, Selbstständige, pensionierte Opelaner, Verwaltungsangestellte. Einer war schon mal CDU-Mitglied, ein anderer findet die Piraten gut, dann gibt es überzeugte Umweltschützer, Bundeswehroffiziere und einen Marxisten, während wieder andere hier zum ersten Mal Politik machen.

In einer gemeinsamen politischen Partei fänden sie sich diese Vereinsmitglieder nicht unbedingt wieder. Es eint: Die Kritik an der gymnasialen Bildungspolitik der Landesregierung, die sie als Eltern oder Lehrer selbst erlebt haben. Und die Entschlossenheit, als Bürger gegen sie vorzugehen. Genug, um die etablierte Politik durcheinanderzuwirbeln.

„Erstaunlich viel Wut“

Für manche der Vereinsgründer ist es das erste Mal, dass sie sich politisch engagieren. Zum Beispiel für Sabine Wiederhöft aus Dortmund. Inzwischen hat sie sowas wie ein „eigenes Politbüro“ im Haus, sagt die 54-Jährige. Die Inneneinrichtungsberaterin ist selbstständig, verheiratet mit einem ebenfalls selbstständigen Handwerker. Die vier Kinder waren oder sind alle Gymnasiasten: „zweimal G9, zweimal G8“. Ihr Politbüro passt in die Handtasche, kommt mit in den Supermarkt, wenn sie einkaufen geht: ein Klemmbrett mit Unterschriftenliste. Sie dreht sich in Warteschlangen um, spricht Menschen an, sie zückt es im Gespräch mit Bekannten.

Samstags stellt sie sich auf den Wochenmarkt in die Dortmunder City und hört sich „erstaunlich viel Wut an“. Die Wut kann sie verstehen. Auch sie macht „dieses Thema unglaublich wütend, von Anfang an“. Dass die wütenden Eltern nicht schon vor Jahren vorm Landtag standen, versteht sie nicht. „Die Menschen sind so zornig, erzählen von schlimmen Erfahrungen.“

Sie selbst konnte es schon vor vier Jahren nicht mehr aushalten, nichts gegen G8 zu tun. Warum? Aus Prinzip. Und aus Wut. Mit vier Kindern könnte sie „eine Liste von hier bis Düsseldorf mit diversen Missständen im Schulsystem machen“. Auch, wenn die eigenen „G8er“ keine großen Probleme hatten. Es geht ihr um das große Ganze: „Alle Schüler zahlen einen zu hohen Preis.“

Und der regt sie auf: „Es gab nie einen pädagogischen Grund für G8, keinen!“ Dass sie das inzwischen jeden Tag mehrfach sagt, nimmt nicht die Leidenschaft aus ihrer Stimme. Die Argumente sprudeln im mobilen Politbüro: Etwas auszuprobieren, ohne bewertet zu werden – ginge nicht mehr.

„Alle werden auf Effizienz getrimmt.“ Dass man so schlechter lernt, sei Allgemeinwissen – „aber um gutes Lernen geht G8 ja nicht“. Jugendliche haben auch ein Recht auf Langeweile, findet sie – ohne freie Zeit stiehlt man ihr Entwicklungspotenzial. Sie hat Bekannte mit Burnout, erzählt sie: „Wollen wir das wirklich auch für unsere Kinder? Genau dafür schaffen wir mit G8 die besten Voraussetzungen.“

Zu „G9 jetzt“ kam sie durch einen Radiobeitrag über die Online-Petition einer Dortmunder Schülerin. Und wieder durch Wut: Eltern sollten mitmachen, fand sie, rief bei der Landeselternschaft der Gymnasien an und erfuhr vom damaligen Vorstand, „dass man uneingeschränkt G8 befürwortet“. Ohne die Eltern befragt zu haben, „obwohl die doch deren Meinung vertreten sollen“. Die Wut nach diesem Telefonat spürt sie heute noch. Sie trieb sie an, andere Elternvertreter zu suchen. Sie fand „G9 jetzt“, frisch gegründet vom Siegener Lehrer Marcus Hohenstein. Die Wut blieb, weil auch G8 blieb – trotz Kritik.

Keine Pfadfinder, keine Musikschule

Auch Sabine Specker aus Heinsberg-Karken hatte nie vorher Politik gemacht: 48 Jahre alt, Hausfrau, alleinerziehend – und derzeit mehrere Stunden am Tag für „G9 jetzt“ aktiv. Mit Mails an Elternvertreter, Vereine, Freiwillige aus anderen Städte und mit Klemmbrett und Kuli im Landkreis. Ihr Schlüsselerlebnis vor zwei Jahren, ein Satz ihrer – wütenden – Tochter: „Die Schule ist ein Gefängnis.“ Gerade zwei Wochen war sie da am Gymnasium. Dem gleichen, in das Sabine Specker selbst bis zum Abitur ging – „allerdings bis mittags, danach haben wir Kinder uns verabredet“.

Ihre Tochter lebt anders, hat es schlechter, sagt ihre Mutter: Das Kreisgymnasium Heinsberg hat heute einen gebundenen Ganztag, verpflichtend für alle Schüler, entstanden nach der G8-Reform. „Wir wohnen auf dem Dorf, die Kinder sollten Zuhause essen und dann draußen spielen, statt im Zwangsganztag drinnen zu sitzen“, findet sie.

Ihre Tochter geht nicht mehr zu den Pfadfindern – die Treffen sind zu früh. Auch zur Musikschule schafft sie es nicht mehr. Freunde treffen, „vielleicht mal nach 17 Uhr“, das isoliere die Gymnasiasten auch von den Realschülern vor Ort. „Die Vereine hier gehen kaputt, weil es vielen so geht“, sagt die Hausfrau.

Von „G9 jetzt NRW“ las sie im Netz, bot sofort Hilfe an, „weil man sich nur landesweit wehren kann“. Schon für die Volksinitiative 2015 sammelte sie Unterschriften. Was sie antreibt? Die Erfahrungen mit ihrer Tochter und das Gefühl, für die Mehrheit zu stehen und trotzdem in der Politik nicht berücksichtigt zu werden. „Beim Sammeln haben erst zwei Mal Leute gesagt, dass sie G8 gut finden.“ 40 Stimmen pro Stunde mit Klemmbrett, ist ihr Schnitt. „Die Leute wollen G9 zurück“, ist sie sicher. „Es gehen auch viele selbst mit Listen los.“

4.800 Unterschriftensammler in NRW

4.800 – das ist der aktuelle Stand der registrierten Helfer, berichten die Vereinsmitglieder. Ihre Post trudelt bei Markus Scholmann in Gummersbach ein, dem Schatzmeister des Vereins: 46 Jahre alt, Angestellter in der Stadtverwaltung Gummersbach, Abteilung Wirtschaftsförderung, zwei Kinder am Gymnasium, verheiratet mit einer Realschullehrerin und Fan der Piraten-Partei, weil „die als einzige uneingeschränkt unseren G9-Weg fordern“.

Sein zentrales Politikthema – auch für ihn ist der Kampf gegen G8 die erste aktive Politikerfahrung. Für die hat er im Januar seinen Keller umgebaut: Der enthält jetzt ein Regal mit 396 Postfächern. Für jede Kommune eins. Jeden Tag kommt Post aus ganz NRW ins Einfamilienhaus: die Listen der Helfer aus den verschiedenen Städten. Im Schnitt sind es tausend Unterschriften pro Woche. „Gerade kommen täglich hunderte aus Bocholt, warum auch immer“, sagt Scholmann. Viele kommen aus Kinderarztpraxen und von Psychologen, hat er festgestellt und kommentiert: „Überrascht mich nicht, sie behandeln ja die gestressten Kinder.“

Auch er hat einen vollen Alltag durch den Abitur-Kampf: Zum 75-Prozent-Job – wegen der Kinder – kommt jetzt die Vereinsarbeit, auch wegen der Kinder: „So engagiert habe ich mich noch nie für ein Thema.“ Wobei er einer ist, der sich bei Elternabenden meldet, wenn jemand für Förderverein und Klassenpflegschaft gesucht wird. „Das habe ich schon in der Kita gemacht.“ Und er fährt seine Kinder in den Nachbarort zum Gymnasium.

Das Ganztagsgymnasium in Gummersbach probierte Scholmanns älteste Tochter nur bis zu den Herbstferien aus: „Es fehlte die Zeit für alles, sie war auch nur noch müde und erschöpft – und konnte sich nichtmals mehr im Fußballverein abreagieren“, sagt der Vater. Auch ohne gebundenen Ganztag fühlt er zuhause die Folgen von G8. „Die Kinder merken sich den Stoff nicht langfristig, weil er zu gedrängt ist. Immer wieder müssen wir Grundlagen wiederholen, weil das in der Schule eben nicht gemacht werden kann.“

Vielen geht das so, das hört Scholmann von den Kindern, die zu Besuch kommen, an den Fußballplätzen – und nun auch beim Unterschriften sammeln. Seine Initialzündung: Er besuchte eine „G9 jetzt“-Veranstaltung in Gummersbach – und blieb. Scholmann machte schon die Volksinitiative mit. Davon hat er noch ein Banner, das wickelt er jetzt wieder um sein Auto, wenn er einen Stand auf dem Marktplatz aufbaut.

Meist begegnet ihm „breite Zustimmung“, sagt Scholmann. „Dass wir elitär sind und Ganztagsschulen kaputt machen, habe ich da noch nicht gehört.“ Stimmt auch so nicht, findet er. „40 Prozent der Kinder gehen zum Gymnasium: Wo ist da das Elitäre? Das Gymnasium ist eine Schule für alle mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie Inklusion und mehr.“

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Und über den Ganztag solle jede Familie selbst entscheiden können.

„Grüne Schulpolitik komplett widersinnig“

So sieht das auch Petra Rieker aus Rheda-Wiedenbrück. Nur, dass sie eben doch Feindlichkeit gegen das Volksbegehren erlebt hat. Petra Rieker ist nicht ihr echter Name. Mit dem will sie nicht im Artikel auftauchen – dafür sei die Stimmung unter Gesamtschuleltern in der ostwestfälischen Kleinstadt zu aufgeheizt.

Auf der Straße Unterschriften sammeln und mit Menschen diskutieren, tut sie trotzdem. „Aber aktiv in den Medien auftreten, das könnte als Schlechtreden der Gesamtschule aufgefasst werden“, sagt Rieker. „Das könnte dann gegen meine Tochter gehen, die sich dazu erklären muss oder mit der sich dann vielleicht keiner verabreden will.“

Rieker, 49 Jahre, Hausfrau, eine Tochter am Gymnasium, eine an der Gesamtschule. Gerade erst neu, wegen G8. Im Mailverteiler der neuen Schule las Rieker „aggressive Hetze“ gegen die „Initiative G9 jetzt“, wie sie beschreibt. Dazu eine weitergeleitete Pressemitteilung der Landeselternschaft der integrierten Schulen, „angereichert mit dem Hinweis, das seien die Eltern, die sich und ihre Kinder für etwas Besseres als Gesamtschüler halten würden“.

Ihre Älteste ist gerade erst vom Gymnasium an die Gesamtschule der Stadt gewechselt. An diesem Kind habe sie „die ganze Problematik G8 sehen können“: Ihre Tochter sei ein Lerntyp, der das System sprengt, sehr intelligent. Das hat Rieker im Laufe der anstrengenden Karriere am Gymnasium sogar testen lassen – aber „der visuelle Lerntyp“. Soll heißen: „Sie vertieft sich in Themen, fragt nach, fügt eigene Erfahrungen dazu.“ Nicht möglich am Gymnasium: „Dafür war keine Zeit, Themen werden angerissen, abgehakt, dann kommt das Nächste.“

Durch die eigenen hohen Ansprüche, habe ihre Tochter schlechte Noten geschrieben – „für mich unfassbar“. Und ein Grund, für das Thema Politik zu machen. Rieker ist seit der Geburt der Kinder nicht berufstätig. „Unsere Familie braucht keinen Ganztag.“ Sie hat immer Ehrenämter an den Schulen ihrer Kinder übernommen, war durchgehend Pflegschaftsvorsitzende, weil sie es wichtig findet, dass Bürger Missstände nicht einfach hinnehmen, sondern sie nach außen tragen können. „Ich weiß, dass das für Doppelverdiener mit Kindern zeitlich schwierig ist, aber für uns geht es.“ Durch die Elternarbeit weiß sie seit Jahren, „wie viele Eltern G8 Sorgen haben“.

Auch zu Umweltthemen hat sie in Rheda-Wiedenbrück ehrenamtlich gearbeitet – das ist ihr Herzensthema, seit Jahren. „Die grüne Schulpolitik ist für mich komplett widersinnig: Wer die Umwelt schützt, kann nicht den nachwachsenden Generationen die Zeit nehmen, sich in dieser Umwelt aufzuhalten.“

Klassenkämpfer, Rallyefahrer

Auch andere Vereinsmitglieder haben langjährige Erfahrung mit politischer Arbeit. Zum Beispiel: Michael Hillebrandt aus Recklinghausen, 75 Jahre, bis 2006 Biologielehrer am Städtischen Gymnasium Herten, alleinstehend, keine Kinder, überzeugter Marxist. Weil er Arbeiter „als entscheidende Säule der Gesellschaft“ sieht, engagiert er sich seit Jahren in einer Gruppe Ex-Opelaner aus Bochum und bei Dortmunder Envio-Arbeitern – Envio ist die Firma, die am Dortmunder Hafen PCB-haltige Stoffe entsorgte und dabei Angestellte und Gelände verseuchte.

Außerdem versucht er, die Antirassismus-Arbeit in Recklinghausen zu vernetzten, hat einen runden Tisch für die Flüchtlingshilfe aufgebaut. „Seit 1967 bin ich politisch aktiv, da habe ich gemerkt, dass sich die Perspektiven ändern, wenn man Dinge hinterfragt.“ Nach der sehr linken Studentenzeit, bekam er zunächst Berufsverbot, „weil auf ein paar kommunistischen Veranstaltungen meine Personalien aufgenommen wurden“. Er klagte sich fünf Jahre durch die Instanzen. G8 fand er von Anfang an falsch.

Ein elitäres Thema für einen Klassenkämpfer? Ein bisschen schon, sagt er selbst. „Mit dem Widerspruch gehe ich auf der Straße ganz offen um.“ Denn auch ihm geht es ums Prinzip: „Unterricht entwickelt sich, überspitzt ausgedrückt, in Richtung Stadt-Land-Fluss auf höherem Niveau und G8 verschärft das, weil oberflächliches Wissen schneller geht.“ Es habe aber gesellschaftlich negative Folgen, wenn gerade das Problemlösungswissen fehlt, sagt der ehemalige Biologielehrer.

Gerade bei den Naturwissenschaften werde gekürzt: „Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung sind die Zukunftsprobleme und sehr komplexe ungelöste Themen.“ Aber gerade für Zusammenhänge fehle die Zeit am Gymnasium. „In Zeiten globaler Kriege und allgemeinem Rechtsruck ist diese Oberflächlichkeit eine gesellschaftliche Gefahr.“ Ein Vollzeit-Aktivist, aber „ein Mann der Straße“. Das Parkett der etablierten Politiker überlasse er anderen aus der Initiative – da fühle er sich nicht wohl.

Das ist bei Andreas Graf Praschma aus Haltern am See anders: 71 Jahre, freier Journalist und Media-Berater, ehemaliger Opel-Pressesprecher, langjähriger Renn- und Rallyefahrer, eine Tochter in der Oberstufe des Haltener Gymnasiums. Über sie ist er in die Initiative gekommen – wie fast alle Vereinsmitglieder.

Auch er ging in die Elternpflegschaft, ließ sich gleich auch in die Landeselternschaft der Gymnasien wählen. Von Anfang an ging es ihm dabei um G8. „Ich hatte ja die ganzen Eltern am Telefon, die von Stress berichten, psychosomatischen Beschwerden, fehlender Freizeit und dass sich alles nur um Schule dreht.“ Das muss man landesweit angehen, fand er sofort.

Neue Konzepte „nur Augenwischerei“?

„Man sieht doch jetzt an Bayern, dass die Landespolitik G9 einfach beschließen kann, dazu müssen wir sie hier auch bringen.“ Und sie hat sich schon bewegt, sagt er – auch wenn viele Konzepte „nur Augenwischerei“ seien. „An dem Thema kann durch das Volksbegehren niemand mehr vorbei. Im Schulausschuss nach der Volksinitiative sind wir noch regelrecht beschimpft worden.“ Aufgeben lässt ihn das nicht: „Meine zentrale Politik-Erfahrung war ja Opel und da habe ich einiges erlebt.“

Politikverdrossen machte ihn das nicht, „es bestärkte mich nur darin, selber den Mund aufzumachen, wenn ich etwas falsch finde“. Er kennt viele Politiker und Verbandsvertreter – aus der Opel-Zeit, aus der Zeit als Stadtredakteur der WAZ in Essen. „Das bringe ich in die Initiative ein und spreche jeden auf das Thema an, der mir über den Weg läuft.“ Seien es die alten Rennfahrer-Kollegen, die Redaktion der Jägerzeitschrift oder Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis. Er war selbst schon mal CDU-Mitglied.

Auf anderes politisches Engagement angesprochen, fällt ihm aber sofort die Bundeswehr ein: Als Reserve-Offizier ließ er sich bis zum 60. Lebensjahr immer wieder zu Einsätzen im Kosovo oder Dschibuti einziehen. Die Abiturzeitverkürzung ist für ihn ein Thema, für das er brennt: „Wir versündigen uns an unseren Kindern“, hörte er die Landtagspräsidentin NRW, Carina Gödecke (SPD), vor Jahren zum Thema G8 sagen. „Genau so sehe ich es auch“, sagt Praschma. „Und das werde ich nicht auf sich beruhen lassen.“

So wie der Mendener Deutsch- und Philosophielehrer Gregor Schmitz vom Anfang der Geschichte. Die Kritik an den Zielen der Initiative will er nicht auf sich beruhen lassen, auch, wenn seine Frau kürzlich sagte: „Da hast Du wieder eine Vollzeitstelle.“ Er hat in der 68er Zeit in Münster Publizistik studiert, hat damals „für alles Mögliche demonstriert, die ganz großen Welt-Themen“. Jetzt hat er wieder eins.

Die Amtseintragung für die Unterschriften gegen G8 in den Rathäusern und Bürgerbüros läuft noch bis 7. Juni, die freie Unterschriftensammlung bis 4. Januar. Die Macher der Volksinitiative haben nach eigenen Angaben 4.800 registrierte Helfer, die im ganzen Land Unterschriften sammeln. Erreichen müssen sie rund 1,1 Millionen Unterschriften von Wahlberechtigen mit Wohnsitz in NRW.

© Miriam Bunjes

In eigener Sache

Straßenkinder: Leben in Scherben

Parkbank statt Bett, Bahnhofsvorplatz statt Schule: Bis zu 20.000 Jugendliche leben in Deutschland auf der Straße. Das deutsche Kinder- und Jugendhilfegesetz gilt als eines der weitreichendsten der Welt. Dennoch fallen viele durch das Hilfenetz. Warum? Kann das „Housing first“-Konzept eine Alternative sein, erst Unterbringen, dann das mühsame Einüben von Regeln?

von Miriam Bunjes

Hinweis: Eine lange Version dieser Recherche ist als eBook erschienen und kann über diesen Link heruntergeladen werden.



Miriam Bunjes: Straßenkinder. Ein Crowdfunding (1,6 MB)

Drei Frettchen, eine Sporttasche mit T-Shirts und einem gerahmten Bild ihrer Mutter: Das ist Sandras Fluchtgepäck, zusammengeworfen in der Nacht zuvor in Hamburg. Jetzt steht die 19-Jährige am Dortmunder Hauptbahnhof und schüttet Scherben aus der Tasche. Das Glas des Rahmens ist zerbrochen, am Foto ihrer Mutter und an der Todesanzeige aus der Zeitung klebt altes Fleisch, das sie für die Frettchen gekauft hat. Und auch Sandras Leben liegt in Scherben.

„Ich musste weg von allem“, sagt die 19-Jährige. Weg von den Erinnerungen an die Mutter, weg von der gesetzlichen Betreuerin, die ihr das Familiengericht nach deren Tod zugeteilt hat. Und die will, dass Sandra in die Psychiatrie geht. „Ich halte es aber nicht aus, eingesperrt zu sein“, sagt Sandra. Auch mit dem Jugendamt will Sandra nichts mehr zu tun haben: „Das bringt alles nichts, das kenne ich zu gut.“ Deshalb will Sandra jetzt untertauchen, im Ruhrgebiet, drei Zugstunden von Hamburg entfernt, und ein Leben auf der Straße beginnen. Nicht zum ersten Mal.

Bis zu 20.000 Jugendliche in Deutschland leben so, teilweise oder ganz auf der Straße. Offizielle Statistiken dazu gibt es nicht, denn vermisst gemeldet werden längst nicht alle. Dabei gilt Deutschlands Jugendhilfegesetz als eines der weitestgehenden der Welt: Jugendliche haben ein „Recht auf Erziehung“, auf Förderung durch den Staat, falls die Eltern dieser Aufgabe nicht nachkommen, um sich zu einer „eigenverantwortlichen Persönlichkeit“ zu entwickeln. Und das laut Gesetz sogar bis zum 27. Lebensjahr. Unter-18-Jährige ohne „Obhut“ darf es nach diesem Gesetz gar nicht geben: Versagen die Eltern, übernimmt das Jugendamt.

Dennoch gibt es Tausende Kinder, die auf der Straße leben. Warum?

Ein anderes Beispiel. Naomi aus Essen floh von daheim, weil ihr Vater sie schon als Kleinkind schwer misshandelte. Verbrennungen und blaue Flecke schienen weder den Lehrern noch den Ärzten verdächtig. Sie selbst schwieg aus Angst vor den Eltern. Schon als Grundschulkind kam sie nur zum Schlafen nach Hause, unsichtbar für staatliche Hilfe.

Sandra hingegen hat eine wahre Odyssee durch die diversen Jugendhilfeeinrichtungen hinter sich: vom Heim in die Psychiatrie ins betreute Wohnen und wieder zurück zur Mutter… Sandra lebt so, seit sie 12 ist. In wie vielen verschiedenen Einrichtungen sie war, kann sie nicht mehr sagen. Sie hat eine Borderline-Störung, Nähe kann bei ihr schlagartig in Feindseligkeit kippen, immer wieder war sie in Schlägereien verwickelt, hat geklaut, hat Drogen genommen, ist abgehauen – ein extrem schwieriges Kind, dessen Problemen keiner Herr wurde.

Von solchen Einrichtungs-Odysseen erzählen viele Straßenkinder. „Viele sind schwer traumatisiert von Gewalt und Vernachlässigung in zerrütteten Elternhäusern“, sagt Jörg Richert, Vorstand des Bündnisses für Straßenkinder in Deutschland, einem Zusammenschluss von 20 Organisationen. Viele Einrichtungen sortierten die ganz schwierigen Fälle aber aus, hätten starre Konzepte mit vielen Verhaltensregeln. Wer sie nicht einhält, muss gehen. 

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„Hilfe wird an Bedingungen gekoppelt, die einige Kinder nicht einhalten können, weil sie zu tief in Problemen stecken“, sagt Richert, der zudem Geschäftsführer des Berliner Vereins Karuna – Hilfe für Kinder in Not ist. Sie betreibt Einrichtungen für drogenabhängige Jugendliche. Die Suche nach individuellen Wegen funktioniere aber in Deutschland nur schlecht – auch, weil die Jugendlichen selbst viel zu selten mitbestimmen könnten, sagt Richert. 

Zwar steigt seit Jahren die Zahl der Hilfsmaßnahmen für Kinder, das zeigt die Jugendhilfestatistik, ein beträchtlicher Kostenfaktor für die Kommunen. Werden die Kinder dann aber hilflos von einer Einrichtung zur anderen geschickt und scheitern, führt das zu einer Abwehrhaltung gegen das ganze System Jugendhilfe. Und hinaus auf die Straße – wie im Fall von Sandra. 

Und: Anders als das Gesetz es vorsieht, ist mit 18 oft Schluss mit der Jugendhilfe. Stattdessen schieben die Gemeinden die teuren Jugendhilfefälle zum Jobcenter. Auch in Heimen Betreute werden in vielen Kommunen „entgegen jeder pädagogischen Vernunft“  in eigene Wohnungen gesteckt, stellte erst im Juni eine Studie des deutschen Jugendinstituts fest. Auch das endet nicht selten in Obdachlosigkeit: Mit der neuen Freiheit kommen viele nicht zurecht, überschulden sich, feiern Parties, verpassen Termine – und weil für Unter-25-Jährige in Hartz IV schneller und härter sanktioniert wird, ist die neue Wohnung oft schnell wieder weg.

„Housing first“ fordert deshalb die Ständige Vertretung der Straßenkinder, ein Zusammenschluss von Jugendlichen, die mit eigener Stimme für die Belange der Straßenkinder sprechen wollen. Das Konzept kommt aus den USA und setzt darauf, Obdachlose schnell und ohne Bedingungen betreuten Wohnraum zu vermitteln. Sie müssen weder drogenabstinent sein, noch sofort an den Ursachen ihrer Probleme arbeiten, sondern sollen erst bedarfsgerecht versorgt und stabilisiert werden – und dann in Ruhe einen individuellen Weg finden. „Wer mit Hunger, Sucht und Angst von der Straße kommt, kann nicht sofort in einer verregelten Einrichtung an seiner Wohnfähigkeit arbeiten und sie beweisen“, sagt Jörg Richert.

Vier Monate später. Sandra hat in diesen 120 Nächten auf vielen verschiedenen Schlafcouchs von irgendwelchen Zufallsbekanntschaften übernachtet, in Parks oder vor den Bahnhöfen, sie hat gehungert und Handtaschen geklaut, sie hat Hoffnung geschöpft und wieder verloren, ist noch nicht bereit, sich wieder helfen zu lassen vom Staat, der in ihren Augen versagt hat.

Naomi hingegen, die als Kind von ihrem Vater misshandelt wurde, hat es wohl geschafft. Sie lebt inzwischen in einem Wohnheim für obdachlose Frauen und macht eine Traumatherapie. Noch immer quälen sie Flashbacks, schlagartig katapultieren die sie zurück in jene Momente, in denen ihr Vater sie misshandelte. Aber allmählich lernt sie, mit dem Schmerz zu leben, sie hat den festen Willen, ihr Leben zu ändern, sie sagt: Es gibt immer einen Weg zurück.


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G8 oder G9: Volksbegehren gegen das Turbo-Abi gestartet

Seit dem heutigen Donnerstag müssen alle nordrhein-westfälischen Kommunen Unterschriftenlisten gegen das Turbo-Abitur auslegen. Mit dem ersten Volksbegehren in NRW seit 39 Jahren will die Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ mehr als eine Millionen NRWler bewegen, zu einer Frage Stellung zu beziehen, die Politiker wie Bürger spaltet: Wie lange sollen Gymnasiasten bis zum Abitur lernen dürfen? Die erste Folge unserer Serie zum G8-G9-Gewackel in NRW.

von Miriam Bunjes

Zusammen wiegt das Papier 810 Kilogramm – und machte schon Monate vor dem Drucktermin schweren Druck auf die nordrhein-westfälische Schulpolitik. „Abitur nach 13 Jahren: Mehr Zeit für gute Bildung“ steht über den Unterschriftenbögen, die jetzt in Rathäusern und Bürgerbüros aller Kommunen in NRW liegen. Zur „Amtseintragung“ wie es im Behördendeutsch heißt. Jeder Wahlberechtigte kann ab sofort und bis zum 7. Juni mit Personalausweis und Unterschrift einem Volksbegehren zum Erfolg verhelfen, das die größte Reform des Bildungssystems rückgängig machen will: G8 – die verkürzte Zeit zum Abitur am Gymnasium.

Und das auch kann, wenn acht Prozent des Wahlvolks in NRW wirklich für das neunjährige Gymnasium unterschreibt – genau 1.060.963 Personen. Lehnt das Landesparlament dann ab, müsste es selbst einen Volksentscheid zum Thema auf den Weg bringen – und das Ergebnis akzeptieren und übernehmen.

Schulpolitik – gemacht im Keller

Für die 810 Kilogramm an Unterschriftenbögen hatte der Siegener Studienrat Marcus Hohenstein seinen Samstag in einem Gummersbacher Keller verbracht und mit ein paar Mitstreitern aus der Elterninitiative „G9 Jetzt! NRW“ 65.000 solcher Papierbögen in 396 Pakete gepackt. Schulkampfstoff. Und Post für 396 nordrhein-westfälische Städte und Gemeinde. Das Volksbegehren ist Schulpolitik. Gemacht im Keller, in Wohnzimmern und auch in Garagen. Von Eltern, die wie Marcus Hohenstein kein G8 mehr für ihre Kinder und die Kinder künftiger Eltern am Gymnasium wollen.

Dafür hatten die Eltern im April 2015 mit 112.355 genügend Unterschriften für eine Volksinitiative gesammelt. Der Landtag musste sich mit ihren Forderungen beschäftigten, lehnte eine Rückkehr zu G9 aber ab. „Ich gebe nicht auf“, schwor sich sich damals Marcus Hohenstein, Lehrer für Physik und evangelische Religion. „Wir kommen wieder“, sagte er Mitstreitern, Politikern und Journalisten noch auf den Treppen des Düsseldorfer Landtags. „Das Thema lässt mich nicht mehr los. Es ist so unübersehbar falsch, was mit den Kindern am Gymnasium gemacht wird.“

Zurück zu G9

Die Forderungen der Elterninitiative entsprechen den Regelungen des alten neunjährigen Weges zum Abitur am Gymnasium. Was die Bürger per Volksbegehren erzwingen wollen: eine Sekundarstufe 1 von der 5. bis zur 10. Klasse, nach der die Schüler dann einen mittleren Schulabschluss haben. Die zweite Fremdsprache ab Klasse 7. Und danach eine dreijährige Oberstufe. Maximal 180 so genannte Jahreswochenstunden sollen die Schüler in der Sek 1 haben dürfen, 90 in der Oberstufe.

An diesen Stunden und ihrer Verteilung auf die Schuljahre hängt viel des G8-Streites, der überall in der Bundesrepublik geführt wird. In ihm geht es um Druck auf die Kinder, psychische Belastung, fehlende Freizeit, veränderte Kindheit und das deutsche Bildungsniveau – große Werte also mit entsprechend großem Empörungspotenzial.

80 Prozent der Eltern gegen das Turbo-Abi

Schwarz-gelb hatte G8 eingeführt, so überhastet, dass es am Anfang nicht einmal Schulbücher für alle gab. Rot-grün hat Teile abgeändert, es aber weitergeführt. Schulen haben andere Lehrpläne, Schulbücher, Abläufe – ein G9-Volksbegehren im Wahljahr ist daher mehr als unbequem. 80 Prozent der Gymnasialeltern in NRW lehnen laut Studien des Bielefelder Bildungsforscher Rainer Dollase G8 ab.

An den Umfragen im Auftrag der Landeselternschaft beteiligten sich 50.000 Menschen. Auch unter Grundschuleltern, Schülern und Lehrern ist die Ablehnung ähnlich hoch. Den Rücklauf auf die Umfragen beschrieben die Forscher ebenfalls als „ungewöhnlich groß“ und folgern entsprechend viel „Mobilisierungspotenzial“. Das Thema bewegt – vielleicht sogar eine Millionen Wähler. Klar und ausschließlich für G8 ist deshalb keine Partei mehr: zu unpopulär.

Wie viel Zeit dürfen Gymnasiasten zum Abitur brauchen?

Gymnasiasten müssen 265 Jahreswochenstunden absolvieren, das ist bundesweit festgelegt. Durchschnittlich 33,1 Schulstunden pro Woche haben damit Schüler beim achtjährigen Weg zum Abitur. 29,4 waren es im G9. In der Regel sechs Unterrichtsstunden am Tag, Schulschluss um 13.20 Uhr. Manchmal kommt in den höheren Klassen eine siebte Stunde hinzu, die aber mit der G8-Reform 2005 verboten wurde. Stattdessen gibt es nach einer Zeitstunde Pause Nachmittagsunterricht. „Zwang zum Ganztag“, nennt das Hohenstein. Und setzt sich ein für „ein Recht auf Halbtagsschule“.

Für die Fünft- und Sechstklässler gibt es wegen der Kritik von Eltern, die es seit der Einführung von G8 durch die schwarz-gelbe Landesregierung 2005 gab, inzwischen im nachgebesserten G8 nur noch an einem Tag pro Woche Nachmittagsunterricht. Danach sind es zwei Nachmittage. Aber auch in der immer noch dreijährigen Oberstufe wird insgesamt mehr unterrichtet, um weiter auf 265 Jahreswochenstunden zu kommen.

Das Gleiche nur schneller

Die Idee von G8 ist auch gleichzeitig die Kritik der Elterninitiative: G8 ist das Gleiche nur in einem Jahr weniger – damit die deutschen Gymnasiasten international wettbewerbsfähig bleiben, nicht weiterhin ein Jahr älter sind als die meisten Schüler in anderen Ländern, früher studieren, früher ins Berufsleben eintreten können. „Von Anfang an keine pädagogische Idee“, sagt Hohenstein. „Der Preis ist Stress für die Kinder, eine verdichtete Kindheit, eine schlechtere Bildung.“

Hintergrund: Das sagt die Schulstatistik

Die Schulen und Schüler:

Es gibt in NRW insgesamt 625 Gymnasien. An 167 Gymnasien gibt es einen Ganztagsbetrieb. 13 Gymnasien bieten im Rahmen eines Schulversuches einen neunjährigen Weg zum Abitur an. Es gibt 532.522 Schülerinnen und Schüler, 44.777 Lehrerinnen und Lehrer. Die Daten sind aus dem Schuljahr 2015/2016.

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Die Noten:

Die Abiturdurchschnittsnoten der Schüler haben sich durch G8 in NRW nicht verschlechtert. 2016 lagen sie bei 2,45. Seit 15 Jahren steigen sie mit minimalen Abweichungen: 2002 lagen sie bei 2,68 – zeigen die Daten des nordrhein-westfälischen Schulministeriums. 2013 gab es einmalig einen doppelten Abiturjahrgang mit den ersten G8-Abiturienten: Sie erreichten zusammen ebenfalls 2,45. Die G8er waren sogar minimal besser.

Die Freizeitgestaltung:

Über die Auswirkungen von G8 auf Schüler gibt es unterschiedliche und widersprüchliche Studien, die im Streit um G8 von allen Seiten zum Einsatz kommen. So sieht eine Studie der Universität Tübingen, die G8- und G9-Jahrgänge in Baden-Württemberg vergleicht, kaum Unterschiede bei der Freizeitgestaltung der Gymnasiasten. Sie würden genauso viele Vereinsangebote wahrnehmen oder Musikinstrumente lernen. Nur würden sie seltener Freunde treffen und seltener fernsehen. Auf diese Studie beruft sich auch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) im Interview mit Correctiv.Ruhr.

Zudem habe man einvernehmlich mit einem Runden Tisch, an dem auch Vertreter von außerschulischen Bildungsangeboten saßen, Entlastungsmöglichkeiten vereinbart – zum Beispiel, dass Schüler einfacher freigestellt werden können, wenn sie an einem Wettbewerb teilnehmen und dies zudem auf Zeugnissen anerkannt wird.

Der Stress:

Ein schwieriges Thema. Die G8er zeigen in vielen Studien mehr körperliche Stresssymptome als ihre Vorgänger, andere Studien belegen dies wieder. Es gibt Studien, die einen Anstieg der Nachhilfestunden bei G8-Schülern erfassen. Einige zeigen höhere Stresswerte. Einige Studien wieder bessere Leistungen von G8-Schülern in einzelnen Fächer und eine gleiche Studierfähigkeit – was Vertreter der Hochschulverbände in vielen Presseinterviews anders einschätzen. Diese Einschätzung wird wiederum durch die Zahl von Vorbereitungskursen für Abiturienten an Universitäten untermauert.

Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW kommt in einer Übersichtsstudie zum Ergebnis, dass es kaum verlässliche empirische Befunde gibt, weil auch noch andere Veränderungen im Bildungssystem auf Schüler einwirken.

Die Stimmung:

Einzig eindeutig ist tatsächlich die Ablehnung von G8 in Umfragen: Eltern, Schüler, Lehrer und außerschulische Lehrkräfte waren in der NRW-Umfrage für die Landeselternschaft eindeutig und deutlich gegen das Turbo-Abi.

Service: So funktioniert das Volksbegehren

Ab dem 2. Februar bis zum 7. Juli 2017 kann sich jeder Wahlberechtigte im Rathaus seiner Kommune nach Vorlage des Personalausweises in die Unterschriftsliste eintragen. In größeren Städten liegen die Listen auch in mehreren Bürgerämtern aus. Diese Büros sind zusätzlich an vier Sonntagen geöffnet: 19.2., 26.3., 30.4. und 28.5. Zudem werden frei Unterschriften gesammelt. Dafür ist Zeit bis zum 4. Januar 2018. Unterschreiben können deutsche Staatsbürger ab 18 mit Hauptwohnsitz in NRW.

Unterschriftenlisten und Blätter für körperlich Beinträchtige können auch bei der Elterninitiative heruntergeladen werden.

Das Begehren muss 1,1 Millionen Stimmberechtigte vereinen. Dann muss der Landtag entscheiden. Lehnt er es ab, kommt es zum Volksentscheid. Beim letzten NRW-Volksbegehren 1978 lenkte das Parlament allerdings vorher ein und nahm das Volksbegehren an.

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CORRECTIV.Ruhr

G8 oder G9: Das wollen die Parteien, das die Betroffenen

Der Streit um das Turbo-Abi G8 in NRW ist kurz vor den Landtagswahlen im vollen Gang. Alle Parteien haben mittlerweile ihre Konzepte zum Thema vorgestellt. Hinter ihnen steckt mal ein verändertes G8, mal eine Doppellösung oder eine ganz andere Art Gymnasium. Und was wollen eigentlich die direkt Betroffenen – die Schüler, Lehrer und Eltern in NRW? Hier ein Überblick über die verschiedenen Positionen. Die zweite Folge unserer Serie zum G8-G9-Gewackel in NRW.

von Miriam Bunjes

Die Betroffenen:

Die Schüler

„Weg vom Ganztag wollen wir Schüler gar nicht“, sagt Luca Samlidis vom Vorstand der Landesschülervertretung. „Der ist gar nicht unser Problem.“ Der 17-jährige Gymnasiast aus Ennepetal steht nicht hinter den Forderungen der Elterninitiative, den Ganztag kompromisslos abschaffen zu wollen. „Das ist auch der Nachteil des Volksbegehrens. Bei aller Kritik an G9, die auch wir haben.“

Gegen G8 sind die Schüler dagegen entschieden. „Die Mehrheit von uns ist extrem gestresst davon, wie übervoll die Lernpläne sind“, sagt Samlidis. „Gerade für das Sprachenlernen braucht man Zeit zum Sprechen und nicht nur zum Pauken.“ Die Schülervertretung plädiert für eine inklusive Gesamtschule – im Ganztag: „mit Pausen, Lernformen, die auch mal vom Schreibtisch wegführen, einer Schule, die alle mitnimmt in ihrer individuellen Leistungsfähigkeit.“

Hier geht es zum Konzept der Schüler.

Die Eltern

Am Willen der Eltern kann keiner mehr vorbeikommen – ob das Volksbegehren nun durchkommt oder nicht, sagt Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. „Das hat unsere Umfrage überdeutlich gemacht. Und für dieses Ergebnis werden wir uns einsetzen.“ Die klare Mehrheit der Eltern will G9. „Nur ungefähr 20 Prozent wollen es nicht. Für sie muss es eine tragfähige Begabtenförderung und den Weg zu einem kürzeren Abitur geben.“ Die Basis sei aber G9, „weil das einfach das ist, was Eltern, Schüler und auch Lehrer besser finden.“

Gegen den Ganztag seien die Eltern aber auch nicht kategorisch. Die Elternvertretung fordert ein offenes Ganztagsangebot mit verlässlichen Angeboten – „für alle, die das wünschen.“ Mit reformiertem Konzept. Verpflichtenden Fachunterricht am Nachmittag in der Unterstufe dagegen wollen sie nicht. Außerdem soll die Verteilung der Unterrichtstunden auf die Fächer geprüft werden und gute Konzepte zu Lehrplänen übernommen werden. Das Volksbegehren werden viele unterschreiben, erwartet Cohnen. „Der Wille zu G9 ist da, und viele sind auch bereit, sich für Veränderung in der Schulpolitik einzusetzen.“

Hier geht es zu den Forderungen der Eltern.

Die Lehrer

Auch Peter Silbernagel, NRW-Vorsitzender des Philologenverbandes – Lehrerverband der Gymnasiallehrer, glaubt, dass viele das Volksbegehren unterstützen werden. „Es wird sich schon nach der Wahl etwas am Schulweg des Gymnasiums in NRW ändern. Dafür ist der Druck der Eltern einfach zu groß.“ Das Problemgefühl der Eltern könne man einfach nicht mehr weg reden, sagt Silbernagel, der selber eher „mit G8 sympathisiert“. Das Volksbegehren spiele dabei eine Rolle. Die zentrale übernehme aber die Umfrage der Elternvertretung. Es sei überdeutlich, dass Eltern G9 wollen, „deshalb präsentieren jetzt auch alle Akteure ihre Ideen, die alle G9 im Namen führen.“

Es sei subjektiv, dass sich die Situation der Kinder an den Schulen stark verschlechtert habe, findet er. Die meisten Gymnasien in NRW wollen keine Veränderung, weil sie sich jetzt auf G8 eingestellt haben. „Auf keinen Fall wollen sie aber selbst entscheiden, ob sie G8 oder G9 anbieten“, sagt der Verbandschef. „Wir brauchen einen politischen Rahmen, der die Verantwortung für eine Regierungsentscheidung zum Thema übernimmt.“ Überlässt man jeder Schule die Wahl, führe das zu Konkurrenz zwischen Stadt und Land, wo man in dünnbesiedelten Regionen nicht innerhalb einer Schule beides anbieten könne. Oder es führe zum Buhlen um Schüler innerhalb einer Stadt und „auch zu nie endenden Diskussionen innerhalb der Schulen, die das mit jedem neu gewählten Schulgremium auch wieder ausfechten müssen“.

Vor allem müsste man bei jeder Entscheidung ehrlich sein: Bei G8 sei zu Beginn der Unterrichtsstoff einfach verdichtet, statt sortiert und neu konzeptioniert worden. „G9 darf dann auch nicht der jetzt verwendete G8-Stoff mit mehr Zeit sein, sondern muss dann auch wieder mehr und anders aufgebauter Inhalt darstellen.“ Das sei aufwändig, „deshalb haben die NRW-Bildungspolitiker das Thema auch lieber nicht angegangen.“ Die Hälfte der mehr als 40.000 Lehrer am Gymnasium kenne nur noch G8. Viele Schulen haben Konzepte erarbeitet, die auf die Turbo-Abi-Probleme reagieren. „Beide Modelle sind nicht automatisch besser“, sagt Silbernagel. „Ein politischer Schlingerkurs ist ein Leidensweg für alle.“

Die Parteien:

SPD: G8, aber flexibel

Die NRW-SPD will die Sekundarstufe 1 am Gymnasien wieder auf sechs Jahre verlängern und sieht die generelle Schulzeitverkürzung als „gescheitert“. Damit will sie laut ihrem – noch nicht beschlossenen – Regierungsprogramm „jüngere Schüler entlasten“. Die sollen nach der zehnten Klasse wieder einen Schulabschluss in der Tasche haben. Das zehnte Schuljahr wird zudem zu einem flexiblen Jahr, in dem die Schüler sich für ein Abitur nach zwölf oder dreizehn Jahren entscheiden: Indem sie entweder zusätzliche Kurse wählen oder ein zusätzliches Vertiefungsjahr. Die Oberstufe wäre so zweijährig – und wahlweise auch die zehnte Klasse.

(Die Ideen zu den Gymnasien finden sich im Parteiprogramm auf Seite 41.)

Grüne: individuelle Lernzeiten statt G8

Die amtierende Schulministerin Sylvia Löhrmann hat G8 von der schwarz-gelben Vorgängerregierung übernommen und war in ihrer Oppositionszeit erklärte Gegnerin der Schulzeitverlängerung. Während ihrer Amtszeit hat sie das zwölfjährige Gymnasium mehrfach in Details verändert. Jetzt schlagen die Grünen ein Modell vor, das keine feste Unterscheidung zwischen G8 und G9 vorsieht, sondern eine „individuelle flexible Lernzeit“, die auch für andere Schulformen gelten soll. Die zweite Fremdsprache soll in allen weiterführenden Schule wieder erst in Klasse 7 starten. Die Sekundarstufe 1 soll bis zur Klasse 9 oder bis zur Klasse 10 dauern – mit individuellen Lernzeiten, in denen Schüler ihren eigenen Lernfortschritt steuern, entweder einen schnellen oder einen langsameren Weg geht. Die Oberstufe soll weiter drei Jahre lang dauern.

Das im Volksbegehren der Initiative „G9-jetzt-NRW“ geforderte G9 lehnt die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, klar ab: als „längst überholte Halbtagsschule mit entsprechendem Familienbild und Schulverständnis“. Schulen, die sich bei der Entwicklung für einen Ganztag entschieden haben, sollten nicht zurückgedreht werden, denn dieser ermögliche ein „anderes Lernen“. Schamlos fordere die Elterninitiative, dass in allen Schulformen Stunden in der Sek 1 gekürzt werden, „die der individuellen Förderung“ dienen, quasi als „Gegenfinanzierung“ des alten Halbtagsgymnasium. „Eine Rolle rückwärts“, findet Beer.

Dass sich bei der Schulzeit am Gymnasium etwas ändern müsse, sei aber eindeutig: Mit dem grünen Modell könnten Eltern an jedem Gymnasium G8 oder G9 wählen, nachdem die Erprobungsstufe in Klasse 6 zu Ende ist. Kinder, die schneller und leichter lernen, „sollten nicht zwangsweise ein Jahr länger in der Schule bleiben“. Heute würden aber viele nach der Erprobungsstufe das Gymnasium verlassen, weil G8 eine zu große Herausforderung ist. „Deshalb sollten alle Gymnasien beide Lernzeiten anbieten.“

CDU: G8 oder „echtes G9“ – das entscheiden die Schulen

Die CDU hat als letzte Partei ihr Schulkonzept vorgestellt – dass sie selbst, zusammen mit der FDP, das umkämpfte Turbo-Abi nach NRW gebracht hat, macht Politik zum Thema kompliziert.

Sie will nun den Gymnasien die Möglichkeit geben, „ein echtes G9 einzuführen“, sagt die schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Petra Vogt. Die Forderungen im Volksbegehren seien berechtigt. Alle Verbesserungsversuche am G8 hätten „keine spürbaren Erfolge“ gezeigt. Weil G8 aber an vielen Schulen so gut funktioniert, „dass die Eltern zufrieden sind“, wolle die CDU diese nicht zu G9 zwingen. Die Entscheidung für G9 könne jede Schule durch einen Beschluss der Schulkonferenz herbeiführen.

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Das Volksbegehren habe gute Aussichten auf Erfolg, sagt Vogt und verweist darauf, dass „etwa 80 Prozent der Bevölkerung G8 ablehnen“. Schulpolitik könne auf Dauer nicht gegen eine Mehrheit der Eltern erfolgreich sein, daher müsse Politik Rahmenbedingungen für guten Unterricht in beiden Formen schaffen.

Linke: G9, aber ohne dreigliedriges Schulsystem

Die Linke in NRW will auf jeden Fall zurück zu G9 und hält auch nichts davon, die Entscheidung den Schulen zu überlassen: „Es muss eine grundsätzliche Entscheidung darüber auf Landesebene geben“, sagt Landessprecherin und Spitzenkandidatin der Linken, Özlem Demirel. Die Entscheidung, die Schulzeit zu verkürzen, sei von Anfang an ein Fehler gewesen, vor dem sie immer gewarnt hätten. Junge Menschen sollten so schnell wie möglich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und weltweit um Stellen konkurrieren, „das waren die erklärten Ziele von G8 und auch der Bachelor-Master-Reform an den Hochschulen: Kinder und ihre Bildung kommen dabei zu kurz.“

Auf dem existierendem G8-Modell aufbauen will Demirel dabei nicht, sondern einen Schulabschluss nach Klasse 10. „Auch die Kürzungen und Verdichtungen aus der Sekundarstufe 1 müssen zurückgenommen werden.“

Die Linke möchte „grundsätzlich über Bildung und das Schulsystem diskutieren“ und befürwortet „eine Schule für alle Kinder – ohne Selektion in unterschiedliche Schulformen – bis zur zehnten Klasse, wie es sie auch in vielen skandinavischen Ländern gibt.“ Sie ist für gebundene Ganztagsschulen mit „kulturellen, sozialen und sportlichen Angeboten und auch der Möglichkeit über Unterricht hinaus sich weiterzubilden.“ Einen Widerspruch zum G9 sieht sie im Ganztag nicht, „für echte Bildung braucht es mehr Zeit für Bildung der Schüler aber auch für Weiterbildung der Lehrer.“

FDP: Wahlfreiheit zwischen G8 und G9

Schulen sollen sich zwischen G8 und G9 entscheiden können. Schulen in G9 sollen eine Sekundarstufe von der 5. bis zur 10. Klasse haben. Die zweite Fremdsprache soll wieder in Klasse sieben beginnen, und nach der 10. Klasse haben Gymnasiasten auch in diesem Modell einen Schulabschluss. Auch die Jahreswochenstunden sollen sich wie im früheren G9 verteilen.

„Nachmittagsunterricht muss bei entsprechender Stundenplangestaltung nicht stattfinden“, sagt die bildungspolitische Sprecherin Yvonne Gebauer. Vorschreiben will die FDP die im Volksbegehren geforderten maximal 180 Jahreswochenstunden in der Sekundarstufe 1 aber nicht, „weil dadurch an anderen Schulformen sowie bei schwächeren Schülerinnen und Schülern Unterrichtsstunden zwangsweise gestrichen würden.“

Die Diskussion um G8 oder G9 solle vor allem als Qualitätsdebatte geführt werden. Die nationale und internationale Vergleichbarkeit von Chancen für Jugendliche, die Möglichkeit früher in den Beruf oder ins Studium zu gehen oder ein Jahr für Spracherwerb und Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen, sieht sie als Vorteil von G8. Da aber viele Eltern den Stoff in G8 als zu gedrängt sehen, Verkürzungen in den Kernfächern kritisieren und gerade an Gymnasien keinen Nachmittagsunterricht wollen, will die FDP Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten anbieten.

AfD: Zurück zu G9

Die AfD will zurück zu neun Jahren Gymnasium – „unabhängig von der Volksinitiative“, wie ihr bildungspolitischer Sprecher Helmut Seifen betont. In Rückgriff auf die Ideen des Humanismus solle die Schulpolitik den einzelnen Menschen und nicht seine Verwertbarkeit in den Mittelpunkt des Bildungsprozesses stellen.

Dazu will die AfD sich für die zweite Fremdsprache ab der Klasse 7 einsetzen und in der Sekundarstufe 1 „mindestens 180 und höchstens 188“ Jahreswochenstunden. Nachmittagsunterricht lasse sich damit von Klasse 9 an nicht vermeiden, beschränke sich aber in Klasse 9 und 10 auf einen Nachmittag. Die AfD will, „wie das früher auch schon war, einzelnen besonders begabten Schülern das Überspringen einer Klassenstufe ermöglichen“, so Seifen. Es gebe kein tragfähiges Konzept, um G8 zu verbessern, findet die AfD. Das zeige auch die Tatsache, dass mehrfach in den letzten zehn Jahren nachgebessert werden musst. Jetzt fehle in der Sek 1 ein Jahr Geschichte und Physik, „das und noch einiges mehr ist ein eklatanter Bildungsabbau, der als Fortschritt und Modernität verkauft wird.“

Die Piraten: Rückkehr zu G9

Die Piraten fordern eine flächendeckende Rückkehr zu G9 und kämpfen an der Seite der Landeselternschaft Gymnasien und der Bürgerinitiative „G9 jetzt!“ für eine Rückkehr zu G9 schon im Schuljahr 2017/2018. Die Piraten beteiligen sich auch an der Unterschriftensammlung.

Es gebe keine pädagogischen Argumente für G8, betont Piraten-Bildungspolitikerin Monika Pieper. Die Schulzeitverkürzung in der der Sekundarstufe müsse sofort fallen. Mit Konzepten für eine flexible Oberstufe wollen sich die Piraten aber auch beschäftigen. Die individuelle Lernzeit, die jetzt die Grünen ins Gespräch bringen, ist Piratenposition seit 2010. Pieper betont: „So eine Umstrukturierung ist aber realistisch nur mittel- bis langfristig umsetzbar und nutzt in der aktuellen Debatte genau – gar nichts.“ Schulministerin Löhrmann wirft sie vor, „Nebelkerzen zu werfen.“

Hier geht es zu einem Gastbeitrag von Monika Pieper auf CORRECTIV.Ruhr.

Marcus Hohenstein, Sprecher und Gründer der Elterninitiative „G9 jetzt NRW“.© Correctiv.Ruhr/Bunjes

CORRECTIV.Ruhr

G8 oder G9: Die Menschen hinter dem Volksbegehren

Vergangene Woche startete in NRW das erste Volksbegehren seit fast 40 Jahren. Mit rund 1,1 Millionen Unterschriften will die Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ ihrer Forderung Nachdruck verleihen und die Politik zu einer Rückkehr zum G9er-Abitur an nordhein-westfälischen Gymnasien bewegen. Doch wer steckt hinter dieser Initiative? Die dritte Folge unserer Serie zum G8-G9-Gewackel in NRW.

von Miriam Bunjes

„Mehr Zeit für Kindheit und Jugend“ heißt der Verein, den der Siegener Marcus Hohenstein gegründet hat – um die Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ zu stützen und Spenden sammeln zu können für die politische Arbeit gegen G8. Allein die 810 Kilogramm bedrucktes Papier für die Unterschriftenbögen haben um die 4.000 Euro gekostet. Die Unterschriften aus der Amtseintragung müssen aus den 396 Kommunen auch wieder abgeholt werden. Dazu kommt die freie Unterschriftensammlung, die wieder bei den Gemeinden geprüft werden muss. „Für die Volksinitiative haben wir das alles über Privatkonten bezahlt. Für über eine Millionen Unterschriften entstehen aber so hohe Ausgaben, dass wir das trennen wollten“, sagt Hohenstein.

Deshalb wurde „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend e.V.“ mit neun Mitgliedern gegründet. Die Elterninitiative selbst hat rund 2.500 Beteiligte, die vor allem in Mailverteilern vernetzt sind. Der Name des Vereins ist Programm. Den G8-Schülern fehlt Zeit, erklärt Hohenstein, der selbst Vater einer Sechstklässlerin ist, die zum Gymnasium geht. Eine Einser-Schülerin, sagt er, „aber das ändert gar nichts daran, dass ich mir auch als Vater um G8 Sorgen mache.“

Kinder stehen unter Druck

„Ich kann nicht mehr“, schrieb eine seiner besten Schülerinnen kürzlich unter die Physikleistungskursklausur. Darauf angesprochen, brach sie in Tränen aus. Berichtete, dass sie bis spät abends lernt, sich nichts mehr merken kann, immer das Gefühl hat, dass das nicht reicht. Marcus Hohenstein beugt sich vor am Cafétisch in Dortmund, wenn er das erzählt – an seinem freien Tag unter der Woche, den er hat, weil er auf halber Stelle arbeitet. Eigentlich hatten er und seine Frau sich das bei der Geburt ihrer Tochter überlegt – um mehr Zeit füreinander zu haben. Jetzt braucht er seine Freizeit fürs Politikmachen, trifft Journalisten, Politiker, Verbandschefs, andere Eltern.

„Dieses Mädchen ist kein Einzelfall, das macht G8 mit so vielen Kindern“, sagt Hohenstein. „Grundlagen können nicht mehr so erarbeitet werden und erst Recht nicht vertieft. Gerade leistungsstarke und ehrgeizige Schüler setzt das unter Druck, weil sie ja merken, dass sie den Stoff nicht wirklich durchdringen. Andere werden davon faul, weil es eh kaum zu schaffen ist.“ Gute Noten, die trotzdem geschrieben werden, sind für Hohenstein nur bedingt aussagekräftig. „Das Bildungsniveau ist dennoch schlechter, weil man durch die Inhalte rast. Um besorgten Eltern Sand in die Augen zu streuen, wurde dann noch ein paar Stunden in den Nebenfächern weggekürzt – zulasten der Inhalte.“

Keine Zeit, sich zu entwickeln

Hohenstein fasst den Bildungsbegriff weiter. Die Muße für Bücher jenseits des Pflichtprogramms fehle, erklärt der Sprecher der Elterninitiative. Die Zeit für Hobbies werde knapper „und damit die Zeit, sich als Persönlichkeit zu entwickeln und zu bilden.“ Der erzwungene Ganztag nehme Familien die Zeit für gemeinsame Mittagessen, dränge Familien Zeitabläufe auf, die gemeinsame Unternehmungen schwieriger machen, weil die Kinder Zeitpläne wie Berufstätige haben „und dann keiner mehr füreinander Zeit hat.“

Auf der Webseite versammelt Hohenstein auch Stimmen von Verbänden wie dem Kanu-Verein NRW, dem Deutschen Tonkünstlerverband oder dem Olympischen Sportbund, die im G8 die Gefahr sehen, dass die Jugendlichen schlicht keine Zeit mehr haben, Vereinssport zu machen, ein Musikinstrument zu lernen – oder sich ehrenamtlich zu engagieren. „Im ganzen Land berichten das Eltern“, sagt Hohenstein.

Eine bundesweite Bewegung

Die Elterninitiative ist tatsächlich gut vernetzt: 16 Ansprechpartner nennt sie, verteilt überall in NRW. In den sozialen Medien wenig präsent, funktioniert das Netzwerk über Bekannte, über Mundpropaganda in Schulen, Kirchengemeinden, auf Marktplätzen, in Cafés. Marcus Hohenstein ist seit der Gründung 2013 Sprecher der Initiative. Er hat sie gegründet, weil er die Petition der Dortmunder Schülerin Merle Ruge gegen G8 las. „Über die wurde damals im Landtag nur gelächelt“, sagt er. „Wir sind kein Experiment“, hatte die Siebtklässlerin geschrieben, alle seien gestresst von dem Arbeitspensum, G9 soll zurück.

„G9 Jetzt“-Elterninitiativen gibt es auch in Schleswig-Holstein, Hamburg, im Saarland, Berlin und Baden-Württemberg. „Wir kennen uns und tauschen uns aus“, sagt Hohenstein. Ein Volksbegehren ist aber Premiere in der Bewegung. In NRW gab es das letzte vor 39 Jahren. Es hieß „Stop Koop“. Die „Bürgeraktion Volksbegehren gegen kooperative Schulen“ sammelte über drei Millionen Stimmen gegen die Zusammenlegung aller Schulformen zu einer Einheitsschule – die entsprechend nicht kam. Damals unterstützte die CDU die Sammlung.

„Wir sind parteiunabhängig.“

Eine solche Unterstützung einer Partei gibt es diesmal nicht. Parteiunabhängig zu sein, ist für Hohenstein zentral. Von den neun Vereinsmitgliedern sei niemand Parteimitglied. „Wir haben das voreinander offengelegt und würden das bei jedem neuen Mitglied sofort ansprechen“, sagt Hohenstein. Eine „Gesinnungsprüfung“ bei den Eltern in der Initiative gäbe es „natürlich nicht“. Es gibt auch keine Aufnahmeanträge oder offizielle Mitgliedschaften.

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„Wir sind politisch bunt gemischt von links bis konservativ. Es eint uns, dass wir über den Bildungsweg unser Kinder entscheiden wollen, und wir den jetzigen falsch finden“, sagt Hohenstein. Allein deshalb müsse man parteiunabhängig bleiben. „Wir arbeiten ausschließlich an dieser einen Sache, zusammen mit allen, die dafür sind und wollen Bürger in dieser einen Sache bewegen.“

Vor zwei Jahren hatte die AfD Hohenstein angefragt, auf einem Parteitag zu sprechen. Er lehnte ab. Generell mache sich die Bewegung mit keiner Partei gemein – auch, wenn sie ebenso das Ziel G9 verfolgt. „Mit Parteien am extremen Rand ist es für uns als Bewegung besonders problematisch. Wir lassen uns nicht instrumentalisieren“, sagt Hohenstein. „Auf den Unterschriftenlisten darf kein Parteilogo auftauchen.“ Unterstützung beim Volksbegehren schließt das aber nicht völlig aus.

„G8 ist keine Grundlage“

Hilfe beim Unterschriftensammeln hat bislang die Piratenpartei in NRW angeboten. „Wie wir das logistisch alles hinkriegen, weiß ich noch gar nicht genau“, sagt Hohenstein. Nach dem Ende der Amtseintragung, bei der jeder Wahlberechtigte noch bis zum 7. Juni diesen Jahres in den Rathäusern und Bürgerbüros der NRW-Kommunen seine Unterschrift abgeben kann, hat die Initiative noch bis zum 4. Januar 2018 Zeit, selbst Unterschriften zu sammeln. Ob es klappt, „darüber kann auch ich nur spekulieren“, sagt Hohenstein. Er hofft, schon mit der Amtseintragung alle Stimmen zu haben, damit G9 bereits zum Schuljahr 2017/18 zurückkommt.

Die Vorschläge von flexiblen Oberstufen wie sie der SPD vorschweben, aber auch die individuelle Lernzeit der Grünen sieht er nicht als Lösung an. „G8 ist keine Grundlage, an die man jetzt irgendein flexibles Jahr dranbauen kann, und dann hat man wieder ein gutes G9. Wir müssen zurück zu G9. Dann kann man alles Mögliche wirklich verbessern.“ Und wer ein Jahr überspringen will, „der konnte das schon immer.“

Marcus Hohenstein im Interview

© Correctiv.Ruhr

CORRECTIV.Ruhr

G8 oder G9: Kritik am Volksbegehren

Würde das Volksbegehren Erfolg haben und die Forderungen der Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ für die Gymnasien erfüllt, hätte das auch Auswirkungen auf den Unterricht der anderen Schulformen. Ihnen würden die Wochenstunden gekürzt werden, kritisiert unter anderem die Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW. Die vierte Folge unserer Serie „G8 oder G9“.

von Miriam Bunjes

Die zentrale Forderung des Volksbegehrens, den Schülern an den nordrhein-westfälischen Gymnasien wieder mehr Freizeit zum Lernen und Leben einzuräumen, würde auch für Schüler anderer Schulformen weniger Unterricht bedeuten. Das kritisieren jetzt Eltern-, und Schulleitervertretung der Gesamtschulen scharf. Tatsächlich würde der nordrhein-westfälische Landtag nicht nur über den Bildungsweg am Gymnasium entscheiden, wenn das Volksbegehren der Initiative „G9 jetzt NRW“ die im Gesetz geforderten knapp 1,1 Millionen Unterschriften erreicht. Er müsste dann über den gesamten Gesetzentwurf der Bürgerinitiative abstimmen. Und der enthält Passagen, die dann auch für andere Schulformen verbindlich würden.

Konkret: Im Gesetzentwurf des Volksbegehrens wird eine Sekundarstufe 1 mit maximal 180 Jahreswochen gefordert. Diese Obergrenze würde – wird das Volksbegehren tatsächlich Schulgesetz – dann auch für alle weiterführenden Schulen gelten.

Verlust von Lernzeit

Gesamt-, Real- und Hauptschüler haben aber 188 Jahreswochenstunden in den Klassen fünf bis zehn: Zeitgleich mit dem G8 am Gymnasium wurden dort so genannte Ergänzungsstunden eingeführt, in denen Förderunterricht und Angebote wie Berufsvorbereitung oder an Gesamtschulen eine zweite Fremdsprache angeboten wird.

Mehr Unterricht, den vor allem die Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen nicht verlieren wollen. „Sie sind in das Schulprogramm integriert und tragen zur Qualität von Bildung an den Schulen bei“, sagt Ralf Radtke von der Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW. „Unsere Schüler verlieren mit dem Gesetzentwurf des Volksbegehrens Lernzeiten.“

Vor allem an Ganztagsschulen wie den 314 Gesamtschulen in NRW habe man die Stundenpläne so gebaut, dass sich Lern-, Erholungs- und Wiederholungsphasen abwechseln. „Die zusätzlichen Stunden stressen die Schüler nicht, sondern nutzen ihnen“, sagt Radtke. „Auch um Inklusion oder die Integration geflüchteter Schüler hinzubekommen, wäre der Wegfall dieser Ergänzungsstunden für uns eine Verschlechterung.“

Eingriff in die Fördermöglichkeiten

Zusammen mit der Schulleitervereinigung der Gesamtschulen und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschulen hat sich der Elternverein gegen das Volksbegehren positioniert. Die Verbände sehen den Gesetzentwurf als „Eingriff in die Fördermöglichkeiten anderer Schulformen“, die zu einer „Verringerung der Chancengleichheit“ führt. In ihrem Zusammenschluss vertreten die drei Verbände die 324 Gesamtschulen im Bundesland. „Für Gymnasien mag die geforderte Stundenaufteilung eine Verbesserung sein, für andere aber nicht“, sagt Radtke. „Im Volksbegehren wird aber auch über sie abgestimmt.“

Der Gesetzentwurf betrifft in Nordrhein-Westfalen neben den Gymnasien auch die Gesamt-, Haupt- und Realschulen – die wiedrum knapp 60 Prozent aller Schüler in Nordrhein-Westfalen stellen. „Inzwischen schlagen ja alle zur Wahl stehenden Parteien irgendeinen neunjährigen Weg für Gymnasiasten vor“, sagt Ralf Radtke von den Gesamtschuleltern. Diese Vorschläge seien im Gesetzgebungsverfahren anders als das Volksbegehren veränderlich. „Wer G9 befürwortet, muss nicht die Initiative „G9 Jetzt“ unterstützen“, betonen die Gesamtschulverbände in ihrer Pressemitteilung.

Hintergrund: So funktioniert direkte Demokratie

Tatsächlich kann das Volksbegehren diese Stundenplanänderung für die anderen Schulformen in NRW erzwingen. Erreicht es die erforderlichen Unterschriften, stimmt der Landtag nicht nur über einen prinzipiellen Richtungswechsel zu G9 am Gymnasium ab, sondern ob er genau diesen Gesetzentwurf unverändert übernimmt.

III.
Volksentscheid

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§ 22 (2) Der Landtag hat innerhalb von zwei Monaten seit der Unterbreitung darüber abzustimmen, ob der dem Volksbegehren zugrunde liegende Gesetzentwurf unverändert zum Gesetz erhoben werden soll (Nummer 1). Fasst der Landtag innerhalb der vorgesehenen Frist keinen Beschluss, so gilt dies als Ablehnung.

Möchte der Landtag an irgendeiner Stelle Änderungen, bedeutet das rechtlich eine Ablehnung des Volksbegehrens – und das führt zu einem Volksentscheid. Bei dem bekommen dann die wahlberechtigten NRW-Bürger den Gesetzesentwurf des Volksbegehrens und den alternativen der Landesregierung zur Abstimmung präsentiert – und entscheiden dann bindend, welcher kommt. Der Text des Gesetzentwurfes zum Volksbegehren bleibt in jedem Fall unveränderlich.

§ 24 (1) Gegenstand des Volksentscheids ist

1. wenn es sich um ein Volksbegehren nach Artikel 68 Abs. 1 der Landesverfassung handelt, das begehrte Gesetz und, falls der Landtag aus Anlass des Begehrens ein abweichendes Gesetz beschlossen hat, die Frage, ob das begehrte an die Stelle des beschlossenen Gesetzes treten soll.