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Social-Bots haben oft Zwilinge. Montage von Ben Nimmo.

Artikel

Aus Russland mit #Hass?

Wie funktioniert ein Bot-Angriff? Der Experte Ben Nimmo erklärt, wie die automatisierten Accounts arbeiten. Und vor allem fragt er: für wen?

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von Sarina Balkhausen , Ben Nimmo

Am 24. August 2017 veröffentlichte ein angeblich russischer Twitter-Account mit nur 74 Followern namens „Lizynia Zikur“ (Handle @kirstenkellog_) einen wütenden Tweet, der die US-Nachrichtenseite „ProPublica“ als „Alt-left #HateGroup- und #FakeNews-Website“ verunglimpft. Dieser Post wurde innerhalb weniger Stunden über 23.000 Mal verbreitet. Ein weiterer Account folgte diesem Muster mit einem ähnlichen Angriff auf „ProPublica“ am darauffolgenden Tag.

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Die Analyse zeigt, dass beide Tweets massiv retweeted wurden. Dahinter liegt ein großes, vermutlich gemietetes Netzwerk an mutmaßlichen Bot-Accounts, die den Tweet verstärkten. Der Ursprung der Bots ist unbekannt.

Dem Profil, das den ursprünglichen Tweet veröffentlichte, folgten Konten, die in russischer Sprache aufgesetzt waren; es liegt nahe, dass diese Accounts tatsächlich russischsprachigen Ursprungs gewesen sind. Das Konto, das sich im zweiten Tweet als Russisch sprechend darstellte, scheint jedoch Google Translate benutzt zu haben.

Die große Verbreitung wurde durch Botnetze durchgeführt, deren Hauptzweck offenbar kommerziell zu sein scheint. Ihr Ursprung kann und sollte allerdings nicht Gruppen zugeordnet werden, ohne dafür entsprechende Beweise zu haben.

Englischer Tweet, russisches Profil

Der Artikel, der wahrscheinlich den Angriff ausgelöst hat, war einer, in dem ProPublica das russische und „Alt-right“-Engagement im Netz nach den Unruhen in Charlottesville unter die Lupe nahm. Nach der Recherche des DFR Labs zog die Schlagzeile „Pro-russische Bots nehmen den Rechtspopulismus nach Charlottesville auf“ teilweise die Aufmerksamkeit auf die Nachrichtenseite. „ProPublica“ teilte daraufhin einen Tweet des Angriffs mit dem DFR Lab.

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Die erste Frage ist die nach der Identität des „Lizynia“-Kontos, auch, ob es wahrscheinlich ist, dass es aus der russisch- oder englischsprachigen Welt stammt. Da das Profil auf einen Artikel reagiert hat, der sowohl die „Alt-Right“-Bewegung als auch Russland kritisiert, ist theoretisch beides möglich.

Der Ton des von „Lizynia“ auf Englisch abgesetzten Tweets ist charakteristisch für die „Alt-Right“-Bewegung. Die Sprache des Kontos an sich ist Russisch, zudem weist es als Ortsangabe die Stadt Bagrationovsk aus, die in Russland in der Region Kaliningrad liegt, nahe Polen und Litauen.

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Es gibt keinen Mechanismus, der es uns ermöglicht, den Standort oder die Identität zu überprüfen. Eine umgekehrte Suche des Profilbildes hat keine weiteren Ergebnisse ergeben. Die Google-Suche nach dem Account-Namen ergab nur Ergebnisse auf den abgesetzten Tweet.

Ein kleiner Hinweis auf einen fremdsprachigen Ursprung ist die Formulierung „ProPublica ist „alt-left“ #Hassgruppe“. Ein Muttersprachler oder eine Muttersprachlerin hätte dem Satz den Artikel „ein“ hinzugefügt. Das Weglassen von Artikeln ist charakteristisch für Russischsprechende, allerdings auch für andere Sprachgruppen. Doch grammatisch inkorrekte Formulierungen lassen sich leicht fälschen, zur gezielten Verwirrung.

Eine Sache, die gesagt werden kann, ist, dass das Konto „Lizynia“ zurückhaltend agiert. Bis zum 24. August 2017 veröffentlichte das Konto seit seiner Eröffnung vor drei Jahren lediglich zwölf Tweets. Davon wurde nur einer in der Chronik angezeigt, was darauf hindeutet, dass die elf anderen Tweets gelöscht wurden. An sich ist dieser Umstand bemerkenswert, denn er erschwert eine Beweisführung.

Lernen Sie die „B“-Team-Bots kennen

Von „Lizynias“ Anhängerschaft kann hingegen mehr abgeleitet werden. Die meisten scheinen automatisierte „Bots“ eines kleinen Netzwerks zu sein. Diese sind darauf programmiert, Online-Nachrichten zu verstärken; zudem scheint gerade dieses Netzwerk aus der russischsprachigen Welt zu stammen.

DFR Lab sah sich die Follower des Kontos an, bevor es suspendiert wurde und bemerkte dabei ein merkwürdiges Muster: Mit nur einer Ausnahme (ein Konto, das „Lizynia“ nach der Veröffentlichung des letzten Tweets folgte) hatte jeder einzelne der 76 Follower im Profil einen Nachnamen angegeben, der mit den Buchstaben A, B oder C begann. Die meisten Angaben begonnen mit B.

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Die Seite mit „Lizynias“ Followern wurde archiviert, dadurch konnten einige der Namen bewahrt werden, darunter: Marly Brideaux, Demi Bangs, Ona Buesnel, Jos Blofeld, Cilla Backshill, Juhana Blowin, Justinas Blunsom, Julijana Bloy, Hyacinth Bigby, Manel Breeton, Katlyn Boich, Eleanore Batch, Cedar Augie, Silas Cafe, Kelleigh Bollum, Jacinda Blackley und Kelebek Bollon.

Diese Accounts haben eine Reihe von Merkmalen gemeinsam. Sie wurden im Jahr 2014 eröffnet. Sie behaupten, aus dem Vereinigten Königreich zu stammen. Sie verfügen nur über ein paar Dutzend Tweets in der Chronik, folgen allerdings hunderten von Konten. Außerdem stimmen ihre Namensangaben im Profil nicht mit dem Twitter-Handle überein.

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Das Bild von „Marly Brideaux“ entspricht dem eines russischen Posts, der 2014 auf „Pikabu.ru“ geteilt wurde, dem russischen Equivalent des US-amerikanischen „Reddit“. Die Verwendung eines Bilds an anderer Stelle ist oftmals ein Zeichen für einen Fake-Account:

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Ein anderes Profil aus der Bot-Gruppe namens „Kelebek Bollon“ schrieb innerhalb von vier Stunden sagenhafte 1610 Tweets:

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Ungleich wichtiger ist, dass diese Accounts viel ähnlichen Inhalt veröffentlichen, unter der häufigen Verwendung von Emojis. Viele jener Tweets teilen sich Botschaften einer Reihe von Twitter-Accounts, die mit den Handle-Buchstaben „@Con“ beginnen. Die meisten davon sind mittlerweile deaktiviert worden.

Ihre Beiträge teilen sich oftmals eine identische Formulierung, aber unter Verwendung verschiedener Emojis.

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Zusammengenommen zeigen diese Faktoren, dass die Konten — die wohlgemerkt alle „Lizynia“ folgten — Teil eines kleinen und relativ inaktiven Botnetzes sind.  Sie automatisieren Beiträge, um andere, englischsprachige Konten zu verstärken.

Verstärker

Allerdings hatte die größte Verstärkung von „Lizynias“ Tweet einen anderen Ursprung. Diese Verstärkung war erstaunlich hoch: „Lizynia“ hatte zum Zeitpunkt des Tweets lediglich 74 Follower und folgte selbst keinem Account. Das Erreichen von über 23.000 Retweets innerhalb weniger Stunden unter diesen Voraussetzungen ist ein phänomenal unwahrscheinliches Vorkommen.

DFR Lab hat darum die Konten unter die Lupe genommen, die den „Lizynia“-Tweet retweeteten.

In diesem Fall reichte ein kurzer Blick aus, um Gewissheit zu haben, dass der Tweet durch Bots verstärkt wurde. Drei der Konten, die ihn kürzlich retweeteten, waren scheinbar attraktive Blondinen mit den Namen „Shelly Wilson”, „Bernadette White” und „Julia James”.

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„Shellys“ Twitter-Handle ähnelte zumindest dem Profilnamen (@ShellyW38433328), allerdings ergänzt um einer zufälligen Anreihung von Zahlen. Hingegen hatten sowohl „Bernadette“ als auch „Julia“ Handles aus zufälligen alphanumerischen Reihen (@KDpdX3QORYWWt5b und @4yML2iZDKEdpPJ0).

Diese Indizien sind ist ein klassisches Zeichen für ein großformatiges Botnet, bei dem die Benennung von Fake-Konten durch einen zufälligen Generator automatisiert wird.

Der Beweis liegt vor, da es sich bei den drei vermeintlichen Frauen nicht um drei einzelne Konten, die drei schöne Profilbilder hatten, handelt. Die Profilbilder zeigen ein und die selbe Person, wovon eines gespiegelt wurde. Alle Konten wurden zwischen Juni und Juli 2017 erstellt. Alle drei verbreiteten fast ausschließlich Retweets. Passend dazu die regelmäßige Verlinkung mittels URL-Shortener.

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Das sind eindeutig Konten eines Botnets — ein Netzwerk von gefälschten Konten, das dazu eingerichtet wurde, unter Anschein des Menschseins Tweets anderer zu verstärken.

Gleiches Netz, anderer Tweet

Die schiere Anzahl an Retweets, die der Post von „Lizynia“ erhalten hat, gibt einen Hinweis auf die Größe des Botnetzes. Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus einem separaten Tweet, der vom Twitter-Konto von Julia Davis (@JuliaDavisNews) abgesetzt wurde. Sie, eine Expertin für russische Desinformation und Propaganda, machte DFR Lab auf diesen separaten Tweet aufmerksam.

Julia Davis hat etwas mehr als 20.000 Anhänger auf Twitter. Ihre Posts weisen üblicherweise zwischen einigen Dutzend oder Hundert Retweets auf. Jedoch erhielt einer ihrer Tweets innerhalb weniger Stunden über 7000 Retweets:

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Die Konten, die den Tweet verstärkten, weisen große Ähnlichkeit mit denen „Lyzinias“ auf.

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So wie zuvor wurden die Konten im Raum von ein paar Tagen erstellt, ihre Handles waren ausschließlich alphanumerisch, ebenfalls wiederholten sich Profilbilder, auch kam deren Spiegelung zum Einsatz. Aufgrund dieser Merkmale können diese Accounts nur Produkt einer sogenannten „Bot-Fabrik“ sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach zählen dazu Tausende von Konten.

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Bots zur Miete?

Es scheint sich jedoch nicht primär um ein politisches Botnetz zu handeln.

Der „Lizynia“-Tweet griff einen Artikel an, der die Beteiligung pro-russischer Konten an der Reaktion auf „ProPublicas“ Charlottesville-Artikel vermutete. Der Tweet von Julia Davis legte Angriffe des russischen Militärs auf die Ukraine offen. Ein solcher Bericht ist kaum Grund, von pro-russischen Bots verstärkt zu werden, außer hinter ihnen liegt ein simpler Mechanismus, der auf Hashtags wie #Russland und #Ukraine reagiert.

Es ist wahrscheinlich, dass es sich bei diesem Botnet um ein kommerzielles Netzwerk handelt, sozusagen ein „Netzwerk zur Miete“. Es könnte zur Verstärkung von Werbeinhalten gekauft worden sein oder dazu umprogrammiert worden zu sein, per Zufall mehrsprachige Tweets zu verstärken. Auch beides ist möglich.

Allerdings gibt es keinen Aufschluss auf seinen Ursprung. Die Konten sind kürzlich erstellt worden. Deren sprachliche Mischung ist so breit gefasst, sodass es nicht möglich ist, eine Schlussfolgerung über den Account-Ursprung ziehen zu können. Die account-eigenen Tweets sind gering, jedoch kryptisch und nicht informativ. Ihr Verhalten scheint mit dem eines Retweets-zur-Miete- oder einem Folgen-zur-Miete-Netzwerks übereinzustimmen. Zu dieser Vermutung gehört auch, dass die geographische Herkunft des Netzwerks nicht anhand von verfügbaren Open-Source-Informationen abgeleitet werden kann.

Die nächste Runde

ProPublica meldete den Twitter-Angriff, daraufhin wurde der „Lizynia“-Account suspendiert. Wenige Stunden später erfolgte jedoch ein weiterer Angriff, wieder in vermeintlich russischer Sprache:

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Dieser Account ist älter als „Lizynia’s”, denn er wurde im März 2012 aufgesetzt. Er ist jedoch genauso inaktiv gewesen, da er lediglich sechs Tweets veröffentlichte, und zwar alle am 25. August:

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Er zielte auf „ProPublicas“ Account ab und verwendete aggressive Formulierungen auf vermeintlichem Russisch und Englisch:

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Als Ort des Profils war Kaliningrad angegeben, ebenfalls der Biografie-Zusatz „Der Süden wird sich wieder erheben“ — eine Referenz auf den US-amerikanischen Bürgerkrieg. Neben der üblichen grammatischen Fehler ist ein Tweet auffallend, der anstößige Sprache enthält. Er lässt vermuten, dass es sich bei diesem Profil nicht um ein russisches handelt, sondern um eines, das so tut als ob.

Der PostУ меня 1 миллион ботов“ ist grammatisch korrektes Russisch für „Ich habe eine Million Bots“. Allerdings schreibt der Post zuvor „удар мой член“ , was im Russischen absolut sinnfrei ist. Er verbindet das russische Wort für Gegenschlag oder Schlag, удар, mit dem Nominativ „mein Mitglied“.

Wenn man diese Formulierung in Google Translate eingibt, kommt im Ergebnis auf Englisch „Lutsch meinen Schwanz“ („Blow my dick“) heraus. Umgekehrt kommt im russischen Ergebnis das Kauderwelsch „удар мой член“ des Tweets heraus. Darum ist es wahrscheinlich, dass die Person hinter dem Profil „Victor Thawnzgauk“ ein Englischsprecher verbirgt, der Google Translate benutzt, um sich als russischsprechend auszugeben. Mittlerweile (Stand 18. September) ist „Viktors“ Account gesperrt.

Sein Angriff auf ProPublica erzielte über 12,000 Retweets. Obwohl die retweetenden Accounts nicht so offensichtlich zum gleichen Botnetzwerk gehören, weisen sie das gleiche Verhalten auf. Sie veröffentlichten Posts in mehreren Sprachen zu einer Vielzahl an Themen. Viele darunter wurden Ende Juni 2017 eröffnet und teilten den angreifenden Post in der fast gleichen Reihenfolge, was ein typisches Symbol für Automatisierung ist:

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Anzahl der Retweets von “Victors” Post. Zu beachten ist die fast identische Anzahl an Likes und und Retweets, sowie die perfekte Übereinstimmung der Accounts beider Gruppen

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Alle Hinweise lassen darauf schließen, dass es sich bei diesen Accounts um ein weiteres Botnetz handelt, das darauf angesetzt wurde, „ProPublica“ zu belästigen.

There has been a general alignment of narratives between the alt-right and pro-Kremlin commentators, meaning that a Russian identification cannot be ruled out; however, there is no reliable evidence which would confirm such an identification. Zwischen der „Alt-Right“-Bewegung und Pro-Kreml-Kommentatoren gibt es eine allgemeine Überschneidung. Dies bedeutet, dass eine russische Beteiligung nicht ausgeschlossen werden kann. Allerdings sind die Beweise dafür nicht stichhaltig genug, das zu bestätigen.

Schlussfolgerung

Der Tweet, der ProPublica angegriffen hat, kann durchaus der russischsprachigen Welt entstammen. Der Account, der ihn veröffentlichte, präsentierte sich in russischer Sprache. Ihm folgte ein Netzwerk von Konten, die ihren Ursprung im russischsprachigen Raum hatten. Es ist anzumerken, dass dies nicht das gleiche ist wie „ihren Ursprung in Russland hatten“. Die früheren Tweets jener Konten betrafen Ereignisse in der ehemaligen UdSSR, nicht nur in Russland.

Obgleich solche Zuordnungen gefälscht werden können, ist es durchaus möglich, dass dieser Teil des Twitter-Angriffs von Russisch-Sprechenden ausgeübt wurde.

Jedoch scheint sich das „Victor“-Konto Google Translate zu bedienen, um russisch zu erscheinen. Dies kann natürlich ein gewisses Maß einer Doppelfälschung beinhalten, aber es wäre unklug, dieses Konto dennoch als „russisch“ zu identifizieren, lediglich auf der Grundlage der verfügbaren Indizien. Darum ist es korrekter, es als „pseudo-russisch“ zu bezeichnen.

Sowohl die Tweets von „Lizynia“ als auch „Victor“ wurden durch einen großen Einsatz von Bots verstärkt. Die verwendeten Netzwerke sind jünger, aktiver, weniger unauffällig und vor allem größer. Während ihr Bot-Ursprung klar ist, ist es ihre Herkunft nicht. Vernünftigerweise ist zu vermuten, dass das gesperrte „Lizynia“-Konto aus der russischsprachigen Welt stammte. Die Botnetze, die den Account verstärkten als auch „Victor“ scheinen dagegen nicht politischen, aber kommerziellen Ursprungs zu sein. Auch ihre geographische Herkunft ist fragwürdig.

Ben Nimmo ist Senior Fellow für Nachrichtenabwehr beim digitalen Forschungslabor des Atlantic Councils (@DFRlab). Übersetzt wurde Bens Artikel von Sarina Balkhausen, Fellow bei #Wahlcheck17, einem Pop-Up-Newsrooms zur Bundestagswahl, einer Initiative von CORRECTIV, First Draft, Google News Lab und Facebook. Weder Ben noch Sarina sind Bots.

Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung von „Medium“.

Copy, Paste! Der Rohrkrepierer

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von Sarina Balkhausen , Lisa-Marie Eckardt

Die AfD fährt im Wahlkampf amerikanische Geschütze auf. Mit der Seite „Angela Merkel, die Eidbrecherin” setzt die Partei auf Negative Campaigning im Stil von Donald Trumps Lock-her-up-Kampagne gegen Hillary Clinton – Nachhilfe gab es von der US-Agentur Harris Media inklusive. Aber wie erfolgreich ist diese Strategie eigentlich?

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Die AfD macht mit einer eigenen Kampagne im Netz Stimmung gegen Angela Merkel

Ein flackerndes Bild wie in einem Fahndungsvideo, Angela Merkel blickt verschämt nach unten – auf ihrer düsteren Kampagnenwebsite „Die Eidbrecherin“ inszeniert die AfD die Kanzlerin wie eine Verbrecherin. Als die Seite Merkeldieeidbrecherin.com ab Montagabend verbreitet wurde, wirkte sie wie der Startschuss zu einer neuen Dimension des Wahlkampfs. Vier Tage später bleibt der virale Effekt überraschend aus. Bislang.

Unterdessen scheint die Aktion in die zweite Runde zu gehen. Auf Twitter kursieren Fotos vom Kanzleramt, das offenbar in der vergangenen Nacht mit einem verfremdeten Portrait von Angela Merkel angestrahlt wurde. Wie lange die Lichtprojektion tatsächlich zu sehen war, ist unklar. Auch das Bundeskanzleramt sagt auf Anfrage, dass sie von dieser Aktion nichts bemerkt hätten.

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Ein Foto der Anti-Merkel-Aktion wird vom Twitter-Account der AfD Hamburg-Nord verteilt.

Facebook funktioniert anders als Twitter

Copy, Paste! Negative Campaigning – Schmutzkampagne – nennen Werbeexperten diese aus den USA kopierte Wahlkampfstrategie. Dort hat Donald Trump mit seiner Lock-Her-Up-Kampagne („Sperrt sie ein“) gegen Hillary Clinton Front gemacht. Zu seinem Umfeld gehörte Harris Media, eine US-Agentur, die nun im Bundestagswahlkampf 2017 auch die AfD berät.

Bisher setzte die AfD vor allem auf Facebook, um ihre Inhalte zu streuen. Doch das allein reicht nicht aus. „Wer in Deutschland eine politische Kampagne im Netz fährt, muss Twitter nutzen, um eine Message in die Presse zu bekommen“, sagt Werbeexperte Gerald Hensel, Initiator von #KeinGeldfürRechts und Gründer der NGO Fearless Democracy. Facebook erreicht demzufolge die Massen, Twitter die medialen Multiplikatoren in den Redaktionen von Rundfunk und Presse.

„Die AfD muss Geschwindigkeit in den Sozialen Medien aufnehmen, das macht sie jetzt mit negativen Kampagnen, in welchen sie ihre Inhalte so unappetitlich wie möglich verpackt“, erklärt Hensel. „Emotional befeuerte Wut teilt sich leichter.“

Die digitale Verbreitung ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Auf Twitter lassen sich Social Bots nutzen, automatisierte Twitter-Accounts, die sich als reale Personen ausgeben. Diese Methode lässt sich auf Facebook nicht ohne Weiteres umsetzen, auf Twitter wiederum tummeln sich viele solcher Accounts, die auch populistische Inhalte verbreiten.

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Der virale Effekt dieser Form des digitalen Wahlkampfs scheint vorerst auszubleiben. Die vorgefertigten Grafiken werden bisher kaum geteilt. Auch erste Analysen mit Google Trends oder Trendolizer, weisen nicht auf eine erhebliche Reichweite hin. 

Negative Campaigning begleitet von Anzeigen im Netz

Der Twitter-Account @DieEidbrecherin hat bislang lediglich fünf Follower und einen Tweet abgesetzt. Ob demnächst Social Bots zum Einsatz kommen könnten, lässt sich nicht absehen. Hensel ist sich sicher: „Die AfD will in den letzten Tagen vor der Wahl Begriffe kapern, um so mit simplen Botschaften negative Nachrichten auf den letzten Metern in die Trending Topics zu bringen.“

Die rechtspopulistische AfD-These von der Eidbrecherin ist nicht neu. „Aber mit einer eigenen Website streut sie sich besser. So lassen sich Botschaften einfacher verbreiten“, sagt Hensel. Nicht allein die aggressive Tonalität der Kampagne ist neu. Für die Verbreitung ihrer Schmutzkampagne kaufte die AfD einen prominent platzierten Anzeigenplatz bei Google ein. Bei der Suche nach Angela Merkel landete die Kampagnenseite am Dienstag in der Trefferliste der Suchmaschine ganz oben.

Wahrscheinlich erreichte die Anzeige eine von der AfD bei Google zuvor ausdrücklich vordefinierten Bevölkerungsgruppe. Das ist auf Google ebenso möglich wie in sozialen Medien wie Twitter und Facebook. Konkrete Zielgruppen können zum Beispiel über ihren Wohnort, ihr Alter aber auch ihre politischen Ansichten angesprochen werden. So ist es möglich, dass auch Wahlwerbung sehr personalisiert zugeschnitten werden und nur dieser Gruppe angezeigt werden kann.

© Odd Andersen /AFP

Artikel

Alice Weidel und ihre rassistische Mail

Alice Weidel versucht sich gern moderat zu geben. Nun belegt eine vier Jahre alte E-Mail, dass sich die AfD-Frontfrau schon früher radikalisert haben könnte. Noch ist Weidels Urheberschaft nicht eindeutig geklärt. „Die in E-Mails verwendete Sprache ist anders als jene in Texten und Artikeln, bei denen man sich genau überlegt, was man schreibt“, sagte der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper zu CORRECTIV. Eine erste Zwischenbilanz.

von Sarina Balkhausen , Carla Reveland

Die Mail sorgte für Wirbel. Die „Welt am Sonntag“ veröffentlichte am Wochenende eine aufsehenerregende E-Mail mit rassistischen und verschwörungsideologischen Aussagen. Sie sollen von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel stammen. Doch die Urheberschaft ist umstritten. „Die in E-Mails verwendete Sprache ist anders als jene in Texten und Artikeln, bei denen man sich genau überlegt, was man schreibt“, sagte der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper CORRECTIV. Kemper hatte in seinen Arbeiten zuletzt belegt, dass der Thüringer AfD-Frontmann Björn Höcke unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ in NPD-Publikationen rechtsextremes Gedankengut verbreitete.

In dem nun aufgetauchten Schreiben, welches Weidel im Februar 2013 an einen ehemaligen Vertrauten in einem Debattenzirkel in Frankfurt am Main gesendet haben soll, heißt es wörtlich: „Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden.“ Und damit nicht genug. Im weiteren Verlauf wird die Souveränität Deutschlands angezweifelt, und regierende Politiker werden als „Schweine“ und „Marionetten“ bezeichnet. Dies sind ungewöhnlich deutlich rassistische Aussagen und Verschwörungstheorien für die als Vertreterin des neoliberalen Wirtschaftsflügels geltende AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel.

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Ein Tweet von Stern-Herausgeber Andreas Petzold mit der inkriminierten E-Mail.

Während die AfD Weidel als Verfasserin der brisanten E-Mail ausschließt, versichert die „Welt am Sonntag“, dass ihr eine eidesstattliche Versicherung des Empfängers vorliege. Belege dafür liefert die Zeitung jedoch nicht. Nur eine ist sich bei der unübersichtlichen Sachlage schon definitiv sicher, die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige AfD-Wahlkämpferin Erika Steinbach.

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Erika Steinbach kennt die Richtung.

Auch AfD-Vize Alexander Gauland, der Weidels Aufstieg protegiert hatte und sich lange mühte mit Breitcord, Tweed-Sakko und Krawatte ein altkonservativ-bürgerliches Biedermaier-Image der nach rechts abdriftenden Post-Lucke-Partei zu retten, zweifelt die Echtheit der Aussagen an. „Diese E-Mail ist nicht ihre Sprache, passt garnicht zu ihr“. Es handele sich hierbei um eine „erbärmliche Kampagne“ gegen die AfD, um den Einzug der Partei in den Bundestag zu verhindern.

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So die Reaktion der AfD.

Im Netz verbreiten sich dazu konkrete Anschuldigungen. Das rechtsgesinnte Online-Medium „PI-News“ wittert beispielsweise einen „Verleumdungs-Tsunami“, der von FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner und seiner Ehefrau, Dagmar Rosenfeld, der stellvertretenden Chefredakteurin von „Welt/N24“, gestützt werde. Auch die AfD greift diese These mittlerweile auf. Die Journalistin hatte entsprechende Vorwürfe schon früh von sich gewiesen und auf ihre berufliche Autonomie verwiesen.

Technikexperten konnten am Montag nicht eindeutig die Herkunft der E-Mail klären. „Es ist technisch möglich, E-Mails zu verschicken und beliebige E-Mail-Adressen als Absender*in anzugeben“, teilte der Chaos Computer Club (CCC) mit. Auch Wissenschaftler mochten sich nicht eindeutig festlegen. „Das ist eine Sprache, die man von Alice Weidel in den letzten Jahren in dieser Form nicht gehört hat“, sagte der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper. Nichts desto trotz „ist es nicht ausgeschlossen, dass Weidel diese Mail von sich gegeben hat. Was da gesagt worden ist in der E-Mail, ist normal für die AfD“. Viel schlimmer seien aber die faschistischen und NS-verherrlichenden Aussagen Höckes, sagt Kemper.

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Kemper hatte zuletzt belegt, dass der offen rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke hinter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ steckt. Dies wurde auch in einem juristischen Gutachten der Bundes-AfD belegt. Ladig/Höcke hatten ihre Thesen in NPD-Publikationen veröffentlicht.

Kemper sagte zu Correctiv: „Ich sehe in Alice Weidel eine Neoliberale, die sich aus opportunistischen Gründen völkisch radikalisiert hat.“

Mehr lesen: Das vollständige Interview mit Andreas Kemper

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Artikel

„Völkisch radikalisiert“

Der Publizist Andreas Kemper befasst sich mit dem extremen Gedankengut der AfD. Aufsehen erregte er mit seinem Nachweis, dass AfD-Frontmann Björn Höcke unter dem Pseudonym Landolf Ladig in NPD-Organen veröffentlichte. Eine Analyse der Radikalisierung der AfD und der Sprache Alice Weidels.

von Sarina Balkhausen , Carla Reveland

Der Publizist und Sozialwissenschaftler Andreas Kemper befasst sich intensiv mit der AfD. Er hat herausgefunden, dass der Thüringer AfD-Frontmann Björn Höcke unter dem Namen Landolf Ladig in Publikationen der rechtsextremen NPD publiziert. Ein Gespräch über rechtes Gedankengut, verräterische Sprache und die Debatte um eine E-Mail Alice Weidels.

Herr Kemper, stimmen der Duktus der Sprache der E-Mail, die der Welt am Sonntag“ vorliegt mit der Sprache von Alice Weidel überein?

Kemper: Erstmal nicht. Das ist eine Sprache, die man von Alice Weidel in den letzten Jahren in dieser Form nicht gehört hat. Mittlerweile hat sie sich dem „Flügel“ Björn Höckes angenähert, darum ist es grundsätzlich nicht auszuschließen. Die in E-Mails verwendete Sprache ist anders als jene in Texten und Artikeln, bei denen man sich genau überlegt, was man schreibt.

Was lässt sich über eine mögliche Urheberschaft der Mail durch Alice Weidel sagen?

Gegen eine Urheberschaft Weidels spricht, dass sie aus einem neoliberalen Umfeld kommt und die dortigen Themen nicht sehr völkisch diskutiert werden. Dafür spricht, dass es auch dort fließende Übergänge gibt, Menschenverachtung hat auch im Neoliberalismus Wurzeln. Ebenfalls dafür spricht, dass Weidels Doktorvater Peter Oberender, der Gründungsmitglied der „Wahlalternative 2013“ ist, mit seiner Aussage „Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben“ bekannt wurde. Dieses menschenverachtende Bild, das in Weidels Umfeld propagiert wird, findet sich auch im Faschismus wieder.

Können Sie anhand der öffentlichen Aussagen Alice Weidels eine Radikalisierung feststellen?

Ich sehe in Alice Weidel eine Neoliberale, die sich aus opportunistischen Gründen völkisch radikalisiert hat. Sie zitierte im Rahmen ihres Beitritts ihren Doktorvater Oberender, der die AfD lobpries und ebenfalls Parteimitglied wurde. Weidels Themenfeld war vornehmlich das Rentensystem, das Gesundheitswesen und die Euro-Problematik. Hiermit war sie auf der Linie des Neoliberalen Bernd Lucke. Im Zuge dessen Abgangs 2015 wunderte mich, dass Weidel ihm nicht folgte. Sie sprach sich gegen Björn Höckes rassistische Aussagen aus und war auch an beiden Anträgen zu dessen Ausschlussverfahren beteiligt. Ihre völkische Radikalisierung setzte ein als sie mit Alexander Gauland Spitzenkandidatin wurde und Frauke Petry in den Rücken fiel. Mich wundert es, dass diese E-Mail jetzt aufgetaucht ist.

Ist der Vorwurf Alexander Gaulands berechtigt, dass mit der Veröffentlichung des E-Mail-Abdrucks versucht würde, eine Kampagne gegen die AfD zu führen?

Nein, der Vorwurf ist nicht berechtigt. Im Hinblick auf das Gutachten der Bundes-AfD, Björn Höcke stehe aufgrund seiner Sprache hinter dem Neonazi-Pseudonym Landolf Ladig, ist seine Aussage in Bezug auf Weidels vermeintliche E-Mail aufgrund der unterschiedlichen Sprache eine Farce. Wenn Gauland mit der Sprache argumentiert und Höcke trotz des Gutachtens unterstützt, ist das hinsichtlich des rassistischen Inhalts, der auch in der vermeintlichen E-Mail Weidels zu finden ist, widersprüchlich. Gauland sollte klar machen, ob ihm Sprache wichtig ist oder nicht.

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Was spricht für eine Koordination innerhalb des AfD-Parteivorstands bezüglich Gaulands Aussage, Höcke sei die Seele der AfD? Könnte das im Zusammenhang mit der jetzt veröffentlichten angeblichen E-Mail von Weidel stehen?

Das weiß ich nicht. Ich denke, die jetzt aufgetauchte E-Mail stammt aus dem Umfeld der Frankfurter Neoliberalen. Diese haben die Position von Weidel und Lucke geteilt. Bernd Lucke steht auf einer Linie mit Thilo Sarrazin, einem Rassisten. Das heißt, es gab sowohl bei Lucke als auch den Menschen aus diesem neoliberalen Umfeld natürlich auch rassistische Positionen. Das spräche dafür, dass Weidel sich tatsächlich so geäußert hat. Es ist möglich, dass das jetzt aus diesem Umfeld heraus öffentlich gemacht wurde, um kurz vor der Bundestagswahl vor Weidel zu warnen. Wenn es tatsächlich jemanden gibt, der den Inhalt der E-Mail eidesstattlich versichert, dann kann es sich nicht um eine Kampagne handeln, die sich jemand aus den Fingern gesogen hat. Ich glaube nicht, dass Leute so weit gehen würden, denn eine eidesstattliche Falschaussage steht unter Gefängnisstrafe.

Das bedeutet, dass sich die Redaktion der „Welt am Sonntag“ für das eidesstattliche Argument juristisch hat absichern lassen?

Auf jeden Fall. Zumal die „Welt“ in Bezug auf die Geschichte um Landolf Ladig sehr viel vorsichtiger ist. Sie hat sich zur Authentizität jener Geschichte nicht geäußert. Die Landolf Ladig-Geschichte um Björn Höcke ist viel gravierender als die Aussagen, die Weidel in ihrer E-Mail geschrieben haben soll. Es ist ein Unterschied, ob man sich rassistisch äußert und die Regierungsmitglieder „Schweine“ nennt oder ob man sagt, man strebe eine Revolution an, um den Nationalsozialismus wiederherzustellen.

Wie lautet Ihr Fazit hinsichtlich dieser vermeintlichen E-Mail?

Ich denke, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Alice Weidel diese E-Mail tatsächlich von sich gegeben hat. Im Vergleich finde ich allerdings, dass das, was Weidel gesagt hat, sehr viel harmloser ist als das, was Björn Höcke gesagt hat. Es ist wahrscheinlicher, dass Höcke Landolf Ladig ist als dass die E-Mail von Weidel geschrieben wurde. Vor allem, wenn man Gaulands Argument mit der verwendeten Sprache ernst nimmt und Höcke ja tatsächlich so wie Ladig spricht, wohingegen Alice Weidels Sprache nicht mit jener in der vermeintlichen E-Mail übereinstimmt. Es kann sein, dass Weidel die Urheberin ist. Aber es ist auch anzumerken, dass der Inhalt dieser vermeintlichen E-Mail normaler Sprachgebrauch in der AfD ist. Die Höcke-Ladig-Geschichte finde ich im Vergleich sehr viel schlimmer und sie wird von den Medien nicht aufgegriffen. Darüber schreiben weder „Welt“, noch „Spiegel“, noch „FAZ“. Im Gegenteil, der ehemalige „Welt“-Reporter Günther Lachmann, der für die „Welt“ über die AfD geschreiben hat, betrieb einen Blog, an dem jemand mitschrieb, der im Vorstand der AfD Thüringen sitzt und Höcke-Fan ist. Lachmann hat aus dieser Position heraus die AfD „groß“ geschrieben und wurde 2015 abgesetzt, nachdem klar wurde, dass er sich von der AfD hat kaufen lassen wollen. Heute arbeitet Günther Lachmann als Medienberater Höckes. Hier wäre eine Aufarbeitung der „Welt“ selbst notwendig, welche Journalisten sie einsetzt.

Was bedeutet das in Bezug auf den Vorwurf, der derzeit in rechten Kreisen im Netz kursiert, dass Alice Weidel von FDP-Chef Christian Lindner und seiner Frau Dagmar Rosenfeld, stellvertretende Chefredakteurin von „Welt/N24“, diffamiert würde?

Dieser Vorwurf einer lancierten Kampagne wird ad absurdum geführt, da die „Welt“ sich schützend vor Höcke gestellt hat, und das jahrelang. Ich glaube nicht, dass die „Welt“ tatsächlich eine starke Haltung gegen die AfD hat. Dazu müsste sie die Landolf Ladig-Geschichte aufarbeiten, denn diese ist sehr viel schwerwiegender als die vermeintliche E-Mail Alice Weidels. Ich denke, dass diese E-Mail der „Welt“ zugespielt wurde, die Redaktion hat sie juristisch überprüft und dann überlegt, ob sie darüber berichten kann oder nicht. Sie ist dann das Risiko eingegangen, dafür juristisch Ärger bekommen zu können. In anderen Fällen entscheidet sie nicht so. Wenn sie tatsächlich etwas gegen die AfD machen wollen würde, dann würde sie die Geschichte um Björn Höcke aufgreifen.
Eine andere Sache noch: Alice Weidel ist im linken Umfeld aufgetreten. Das würde eher dagegen sprechen, dass sie sich so krass wie in der der „Welt“ vorliegenden E-Mail äußert. Sie war bis 2016 im linken Umfeld mit ihrer Lebenspartnerin in der Schweiz unterwegs. In dieser Szene sind Töne wie Überfremdung nicht üblich.

Mit Andreas Kemper sprachen Sarina Balkhausen und Carla Reveland.

Jetzt wird’s schmutzig

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Screenshot: afd.de

von Sarina Balkhausen , Carla Reveland , Simon Wörpel , Karolin Schwarz

Die USA haben es vorgemacht. Schmutzkampagnen stehen dort im Drehbuch vor Wahlen. Jetzt kopiert die AfD die schmutzige Strategie. Kein Zufall. Trumps Stratege Vincent Harris führt heimlich Regie.

Angela Merkel die Eidbrecherin.“ Diese Seite wird seit Montag­abend prominent auf der AfD-Website beworben sowie von diversen AfD-Partei-Accounts in den sozialen Netzwerken verbreitet. Darauf zu sehen ist Angela Merkel, die in Sepia-Tönen über die Seite rauscht. Daneben in roter Schrift: „Die Eidbrecherin“. Dem Aufruf, die „Eidbrecherin“ mit bereitgestellten Bildern zu stoppen, sind zahlreiche Nutzer nachgekommen. Bilder und Website trenden innerhalb von kurzer Zeit im AfD-Umfeld. Merkel als Gesetzesuntreue, das Bild ist nicht neu. Erst in der Vorwoche hatte AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel der Kanzlerin mit einer Klage gedroht. „Lock her up“ – sperrt sie ein, diese Forderung war im US-Wahlkampf gegen Hillary Clinton laut geworden.

Die Parallele ist kein Zufall. Wie kürzlich bekannt wurde, hat sich die AfD für die heiße Wahlkampfphase Hilfe aus den USA geholt: die Agentur Harris Media. Gründer der Agentur ist der Rechtskonservative Vincent Harris, der sich weltweit um die Internet-Kampagnen von rechten Populisten kümmert. Im US-Wahlkampf hat er Donald Trump beraten. In Großbritannien unterstützte Harris Media die EU-feindliche Ukip-Partei von Nigel Farage. Stets provokant. Stets aggressiv. Jetzt wird’s schmutzig – auch in Deutschland.   

 

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Die neue Netzkampagne der AfD

Die AfD setzt auf negative Campaigning, gezielte Schmutzkampagnen gegen den politischen Gegner. „Negative Campaigning ist im deutschen Wahlkampf nichts Neues,” sagt Thomas Praus. Die Intensität sei in den USA jedoch eine andere. Praus hat einst für Gerhard Schröder Wahlkampf gemacht, jetzt betreibt er in Berlin eine eigene PR-Agentur. Auch die emotionalisierte Darstellung Angela Merkels als Eidbrecherin verwundert ihn nicht. „Das Gefühl, dass die Regierung sich nicht mehr an Gesetze hält, eint die Anhänger der AfD, auch über die Asylpolitik hinaus.”

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Die AfD macht im Netz mobil

Die AfD ruft derzeit massiv zu Spendengeldern auf, die ihren Netzwahlkampf finanzieren. Ihr Ziel ist es eine Million Euro zu sammeln. Mit einer Million Euro könne man auf Facebook bis zu 15 Millionen Nutzer sogar mehrfach erreichen, sagt Thomas Praus. Nur die AfD und die FDP würden seiner Einschätzung nach signifikante Summen einsetzen, um Werbung in sozialen Medien zu schalten.

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die jüngste Anti-Merkel-Kampagne die erste gemeinsame Großoffensive von AfD und Harris Media ist. Im August hat die AfD ihre Netzkampagne gestartet und die Attentate in Europa mit Merkels Flüchtlingspolitik verknüpft. Damals noch im traditionellen Blau der Partei gehalten.

 

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Der Anfang der AfD-Kampagne

Nun werden die Farben weicher, aber die Positionen härter. Zu den Themen Merkel, Union und „Lügenpresse“ bietet die Seite „merkeldieeidbrecherin.com“ vorgefertigte Memes, die im Internet verbreitet werden sollen. Alles AfD-Themen, aber die rechtspopulistische Partei gibt sich nur im kleingedruckten Impressum zu erkennen. Noch andere Verbindungen sind eklatant. So ist in Bezug auf die Kampagne brisant, dass sich AfD-Bundesvorstandsmitglied Julian Flak um den Zeitpunkt der Registrierung der Webseite Anfang September in den USA aufhielt. Dies vermochte CORRECTIV-Kollege Marcus Bensmann aufgrund eines Kommunikationsverlaufs mit Flak zu rekonstruieren.

Nach CORRECTIV-Recherchen wurde die Domain erst am 1. September registriert, die dazugehörige Facebook-Seite besteht seit dem 7. September. Angemeldet wurde die Domain über die gleiche US-Firma, über die Harris Media seine Domain registriert hat. Die anderen AfD-Seiten dagegen sind in Deutschland angemeldet. Außerdem liegen beide Webseiten, die von Harris Media und die der AfD-Kampagnenseite, auf dem gleichen Webserver eines professionellen WordPress-Anbieters. Dort gibt es einige weitere Websites, darunter eine Pro-Fracking-Seite und die Kampagnen-Website eines republikanischen Gouverneurs-Kandidaten.

Anfragen ließ die AfD bislang unbeantwortet.

Update, 13. September, 15:00 Uhr:
Eine weitere Domain, merkeldieeidbrecherin.de, wurde ebenfalls am 1. September angemeldet. Hier ist der Anmelder allerdings nicht verschleiert: die Adresse ist registriert auf die Harris Media LLC.

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Screenshot: Sam Dubberley