Screenshot: afd.de

von Sarina Balkhausen , Carla Reveland , Simon Wörpel , Karolin Schwarz

Die USA haben es vorgemacht. Schmutzkampagnen stehen dort im Drehbuch vor Wahlen. Jetzt kopiert die AfD die schmutzige Strategie. Kein Zufall. Trumps Stratege Vincent Harris führt heimlich Regie.

Angela Merkel die Eidbrecherin.“ Diese Seite wird seit Montag­abend prominent auf der AfD-Website beworben sowie von diversen AfD-Partei-Accounts in den sozialen Netzwerken verbreitet. Darauf zu sehen ist Angela Merkel, die in Sepia-Tönen über die Seite rauscht. Daneben in roter Schrift: „Die Eidbrecherin“. Dem Aufruf, die „Eidbrecherin“ mit bereitgestellten Bildern zu stoppen, sind zahlreiche Nutzer nachgekommen. Bilder und Website trenden innerhalb von kurzer Zeit im AfD-Umfeld. Merkel als Gesetzesuntreue, das Bild ist nicht neu. Erst in der Vorwoche hatte AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel der Kanzlerin mit einer Klage gedroht. „Lock her up“ – sperrt sie ein, diese Forderung war im US-Wahlkampf gegen Hillary Clinton laut geworden.

Die Parallele ist kein Zufall. Wie kürzlich bekannt wurde, hat sich die AfD für die heiße Wahlkampfphase Hilfe aus den USA geholt: die Agentur Harris Media. Gründer der Agentur ist der Rechtskonservative Vincent Harris, der sich weltweit um die Internet-Kampagnen von rechten Populisten kümmert. Im US-Wahlkampf hat er Donald Trump beraten. In Großbritannien unterstützte Harris Media die EU-feindliche Ukip-Partei von Nigel Farage. Stets provokant. Stets aggressiv. Jetzt wird’s schmutzig – auch in Deutschland.   

 

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Die neue Netzkampagne der AfD

Die AfD setzt auf negative Campaigning, gezielte Schmutzkampagnen gegen den politischen Gegner. „Negative Campaigning ist im deutschen Wahlkampf nichts Neues,” sagt Thomas Praus. Die Intensität sei in den USA jedoch eine andere. Praus hat einst für Gerhard Schröder Wahlkampf gemacht, jetzt betreibt er in Berlin eine eigene PR-Agentur. Auch die emotionalisierte Darstellung Angela Merkels als Eidbrecherin verwundert ihn nicht. „Das Gefühl, dass die Regierung sich nicht mehr an Gesetze hält, eint die Anhänger der AfD, auch über die Asylpolitik hinaus.”

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Die AfD macht im Netz mobil

Die AfD ruft derzeit massiv zu Spendengeldern auf, die ihren Netzwahlkampf finanzieren. Ihr Ziel ist es eine Million Euro zu sammeln. Mit einer Million Euro könne man auf Facebook bis zu 15 Millionen Nutzer sogar mehrfach erreichen, sagt Thomas Praus. Nur die AfD und die FDP würden seiner Einschätzung nach signifikante Summen einsetzen, um Werbung in sozialen Medien zu schalten.

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die jüngste Anti-Merkel-Kampagne die erste gemeinsame Großoffensive von AfD und Harris Media ist. Im August hat die AfD ihre Netzkampagne gestartet und die Attentate in Europa mit Merkels Flüchtlingspolitik verknüpft. Damals noch im traditionellen Blau der Partei gehalten.

 

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Der Anfang der AfD-Kampagne

Nun werden die Farben weicher, aber die Positionen härter. Zu den Themen Merkel, Union und „Lügenpresse“ bietet die Seite „merkeldieeidbrecherin.com“ vorgefertigte Memes, die im Internet verbreitet werden sollen. Alles AfD-Themen, aber die rechtspopulistische Partei gibt sich nur im kleingedruckten Impressum zu erkennen. Noch andere Verbindungen sind eklatant. So ist in Bezug auf die Kampagne brisant, dass sich AfD-Bundesvorstandsmitglied Julian Flak um den Zeitpunkt der Registrierung der Webseite Anfang September in den USA aufhielt. Dies vermochte CORRECTIV-Kollege Marcus Bensmann aufgrund eines Kommunikationsverlaufs mit Flak zu rekonstruieren.

Nach CORRECTIV-Recherchen wurde die Domain erst am 1. September registriert, die dazugehörige Facebook-Seite besteht seit dem 7. September. Angemeldet wurde die Domain über die gleiche US-Firma, über die Harris Media seine Domain registriert hat. Die anderen AfD-Seiten dagegen sind in Deutschland angemeldet. Außerdem liegen beide Webseiten, die von Harris Media und die der AfD-Kampagnenseite, auf dem gleichen Webserver eines professionellen WordPress-Anbieters. Dort gibt es einige weitere Websites, darunter eine Pro-Fracking-Seite und die Kampagnen-Website eines republikanischen Gouverneurs-Kandidaten.

Anfragen ließ die AfD bislang unbeantwortet.

Update, 13. September, 15:00 Uhr:
Eine weitere Domain, merkeldieeidbrecherin.de, wurde ebenfalls am 1. September angemeldet. Hier ist der Anmelder allerdings nicht verschleiert: die Adresse ist registriert auf die Harris Media LLC.

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Screenshot: Sam Dubberley

Unfall in Bulgarien im Jahr 2016
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

von Sarah Thust

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von einem Unfall in Bulgarien. Es zeigt einen schwarzen PKW am Straßenrand mit deutschem Kennzeichen. Angeblich werden Familienangehörige gesucht. Doch das Foto stammt aus dem Jahr 2016.

Auf Facebook kursiert ein Foto von einem schwarzen PKW mit einem deutschen Kennzeichen, das mit den Buchstaben MTK (Main-Taunus-Kreis) beginnt. Das Bild zeigt einen Unfall in Bulgarien, heißt es in einem Beitrag, der Anfang Juli veröffentlicht wurde. Bei dem Unfall sei ein Mann gestorben, eine Frau liege schwer verletzt im Krankenhaus. Nun werden angeblich Familienangehörige gesucht. Deshalb bittet die Facebook-Nutzerin darum, das Foto zu teilen. 

Der Beitrag vom 7. Juli wurde bereits mehr als 10.000 Mal geteilt. Ein Faktencheck zeigt jedoch: Der Aufruf führt in die Irre. Er suggeriert, dass der Unfall aktuell sei. Er liegt jedoch vier Jahre zurück.

Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook.
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

Der Unfall in Bulgarien ereignete sich 2016

In dem Beitrag heißt es: „In Bulgarien hat ein PKW kennzeichen MTK […] schweres Unfall gehabt. Mann ist verstorben, Frau liegt Schwerferletzt im Spital, bitte soviel wie Möglich TEILEN Familien angehörige werden gesucht [sic!]“ Das Bild wird aktuell auch mit einem anderen Text geteilt, wie die Faktenchecker von Mimikama am 7. Juli berichteten

Das Foto wurde demnach bereits im Jahr 2016 in den Sozialen Netzwerken verbreitet – mit dem Aufruf, dass Angehörige gesucht werden. Eine Bilder-Rückwärtssuche ergibt für diesen Zeitraum dazu zwar keine Treffer, aber die Polizei Westhessen hat am 17. Juni 2016 auf Facebook bestätigt, dass das Bild echt ist und es den Unfall gab. Allerdings bat sie schon damals darum, das Foto nicht weiterzuverbreiten.

Polizei schrieb 2016 auf Facebook, die Angehörigen seien bereits informiert

„Unsere Polizeistationen im Main-Taunus-Kreis erreichen momentan zahlreiche Anrufe und persönliche Besuche. Grund ist die Sorge von Menschen, dass bei dem schweren Unfall in Bulgarien ihre Familie betroffen sein könnte“, hieß es in dem Beitrag der Polizei. „Bitte teilt die Unfallbilder NICHT weiter. Solltet Ihr sie sehen, würde es uns helfen, wenn Ihr sie entsprechend kommentiert: Die Angehörigen sind bereits informiert!“

Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten.
Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch 2016 hatte Mimikama schon darüber berichtet. Die Meldung über den Unfall wurde damals offenbar auch in türkischen Medien verbreitet, wie aus einem Tweet der Polizei Westhessen hervorgeht.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es wird suggeriert, es handele sich um einen aktuellen Unfall. Er geschah jedoch 2016.

steinmeier collage
Unter anderem die Webseite „Politikstube“ veröffentlichte das Foto von Frank-Walter Steinmeier in Südtirol. Ein Sprecher des Bundespräsidenten bestätigte uns die Echtheit. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Mehrere Webseiten veröffentlichten kürzlich ein Foto, auf dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier inmitten mehrerer Menschen ohne Abstand oder Maske zu sehen ist. Das Foto entstand tatsächlich kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür.

„Steinmeier macht Urlaub in Südtirol – natürlich ohne Maske und Abstand“, schreibt die Webseite „Politikstube“ in der Überschrift zu einem Artikel vom 3. August. Dazu zu sehen: Ein Foto des Bundespräsidenten inmitten mehrerer Menschen, offensichtlich dicht aneinander stehend und ohne Mund-Nasen-Schutz. 

Auch der Blog Tichy’s Einblick berichtete über das Foto, der Kolumnist Jan Fleischhauer teilte es ohne Quellenangabe ebenfalls auf Twitter. 

Mehrere Nutzer meldeten uns die Artikel von Politikstube und Tichy’s Einblick bei Facebook als mögliche Falschmeldungen. Die Berichte stimmen jedoch: Sie entstanden tatsächlich während Steinmeiers Sommerurlaub in Südtirol. Er traf sich dort laut der Webseite der Südtiroler Landesverwaltung am 22. Juli mit Landeshauptmann Arno Kompatscher. Das Foto ist dort ebenfalls zu sehen, Kompatscher steht ganz links.

Steinmeier entschuldigt sich für den Vorfall im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung

Laut der Südtiroler Landesregierung galt zu diesem Zeitpunkt nach wie vor eine Abstandspflicht von einem Meter, sowie eine Maskenpflicht, wenn dieser Abstand nicht eingehalten werden kann, und zwar „überall im Freien und in geschlossenen Räumen“. Mehrere Medien berichteten über den Vorfall, darunter die Süddeutsche Zeitung. Steinmeier sagte gegenüber der Zeitung: „In meinem Urlaub bin ich beim Verlassen einer Bergalm dem spontanen Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft nachgekommen.“ Dabei sei jedoch die Abstandsregel nicht eingehalten worden. „Fünf Sekunden Unaufmerksamkeit, die ich mir selbst vorwerfe und die nicht hätte passieren dürfen“, sagte Steinmeier der Süddeutschen Zeitung. „Das tut mir leid.“

Gegenüber CORRECTIV teilte ein Sprecher des Bundespräsidialamts per E-Mail mit, dass der Bundespräsident auch im Urlaub darauf achte, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. An Orten, an denen das nicht möglich sei, trage er eine Mund-Nasen-Bedeckung. „Dass das nicht immer ideal klappt, zum Beispiel wenn der spontane Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft entsteht, zeigt umso mehr: Es ist sehr wichtig, dass wir alle uns jeden Tag aufs Neue darauf besinnen, vorsichtig und achtsam zu sein“, sagte der Sprecher.

Unsere Bewertung:
Richtig. Das Foto entstand kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür, den Abstand nicht eingehalten zu haben.

Collage ohne Titel
Screenshot des auf Facebook und Twitter geteilten Zeitungsausschnitts, in dem unter anderem das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Wohneigentumsquote von Deutschland, Italien und Frankreich verglichen wurden. (Quelle: Facebook, Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Deutschland habe im Vergleich zu Italien und Frankreich ein niedrigeres Rentenniveau, eine niedrigere Wohneigentumsquote, ein niedrigeres mittleres Vermögen pro Kopf und ein höheres Renteneintrittsalter – das legt ein auf Facebook verbreitetes Foto nahe. Jedoch lassen sich die Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder kaum miteinander vergleichen.

In Sozialen Netzwerken kursiert ein abfotografierter Zeitungsausschnitt, in dem jeweils bezüglich Deutschland, Italien und Frankreich das mittlere Vermögen pro Person, die Wohneigentumsquote, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter einander gegenübergestellt werden. Das Bild wurde auf Facebook und Twitter insgesamt über 23.000 Mal geteilt.Verbreitet wurde es unter anderem vom Facebook-Account der AfD Offenbach Land und Russlanddeutsche für die AfD.

Der auf Facebook und Twitter geteilte Zeitungsausschnitt. (Quelle: Facebook)

Der Ausschnitt stammt offenbar aus der Regionalzeitung „Neues Gera“, wie eine Google-Suche nach dem Text zeigt. In der Ausgabe vom 5. Juni 2020 findet sich der Abschnitt unter dem Titel „Ist Deutschland wirklich so reich?“ auf Seite 9. 

Mittleres Vermögen pro Person liegt in Deutschland bei 35.313 US-Dollar

Laut des Berichts „Global Wealth Databook 2019“, den die Schweizer Bank Credit Suisse herausgab, liegt das durchschnittliche Vermögen eines Deutschen bei knapp 217.000 US-Dollar und hat sich somit seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Werte für Frankreich und Italien lagen bei 276.121 (Frankreich) und 234.139 (Italien) US-Dollar pro Person (PDF zum Download; Seite 20). 

Die Zahl aus dem Facebook-Bild bezieht sich dagegen nicht auf das durchschnittliche Vermögen, sondern offenbar auf das mittlere Vermögen, also auf den Median, wie er im „Global Wealth Databook“ angegeben ist. Dieser Wert lag im Jahr 2019 in Deutschland demnach bei 35.313 US-Dollar pro Person, in Italien bei 91.889 und in Frankreich bei 101.942 (Seite 108). Die Zahlen in dem Beitrag stimmen also mit den offiziellen Daten überein und scheinen aktuell zu sein.

Zum Vermögen werden auch Eigentumswohnung und -häuser gezählt, daher erklärt sich der Unterschied des mittleren Vermögens zwischen den Ländern zum Teil aus dem nächsten Punkt, der Wohneigentumsquote:

Wohneigentumsquote in Deutschland im Vergleich am niedrigsten

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die nicht zur Miete, sondern in Eigenheimen wohnten, im Jahr 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. Die Zahlen in dem auf Facebook geteilten Beitrag sind also korrekt. Potenzielle Gründe für diese Unterschiede werden jedoch nicht genannt weder im Screenshot, noch im Ursprungsartikel

Auszug der Aufstellung der Wohneigentumsquote in Europa laut Eurostat. (Quelle: Eurostat, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Mögliche Gründe für die niedrige Wohneigentumsquote und dem Reiz zum Mieten in Deutschland zählt die Bundesbank in einem Beitrag auf: „Höhere Grunderwerbsteuern machen Immobilien zu einem teureren und weniger liquiden Vermögenswert; die fehlende Abzugsmöglichkeit für Hypothekenzinsen für Eigennutzer ist zwar steuersystematisch schlüssig, verteuert aber die Finanzierungskosten, und das Mieten von Sozialwohnungen bietet, sofern verfügbar, eine kostengünstige Alternative zum Wohneigentum.“ 

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in Deutschland würden sich damit „in besonderer Weise“ von denen in anderen Ländern unterscheiden. Dieser Kontext fehlt in dem Beitrag, der auf Facebook geteilt wird.

Rentenniveau (netto) liegt in Deutschland bei 48,1 Prozent

Laut Webseite der Deutschen Rentenversicherung zeigt das Rentenniveau die „Relation zwischen der Höhe einer Rente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines durchschnittlichen Einkommens) und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers“. Die aktuellste Information auf der Webseite stammt aus dem Jahr 2016. Damals lag das Rentenniveau bei 48,1 Prozent netto.

Dass Rentensysteme unterschiedlicher Länder in Beiträgen in Sozialen Netzwerken miteinander verglichen werden, kommt immer wieder vor. Jedoch lassen sich die unterschiedlichen Systeme kaum vergleichen, da sie sehr unterschiedlich sein können – je nachdem wie groß oder klein beispielsweise der Anteil der gesetzlichen Rente am gesamten Altersvorsorgekonzept ist. Ist dieser Anteil hoch, ist auch die Abgabe an die Rentenversicherung höher als in einem Land, in dem der Anteil geringer ist; etwa weil dort die private Altersvorsorge stärker subventioniert wird. 

Außerdem ist die Angabe des Rentenniveaus nie aktuell, sondern bezieht sich auf Personen, die gerade erst ins Arbeitsleben einsteigen, wie wir bereits für einen früheren Faktencheck recherchiert haben

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Für diese frühere Recherche hatte CORRECTIV beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales angefragt und die Antwort erhalten, dass die unterschiedlichen Rentensysteme auch deshalb nur bedingt vergleichbar seien, weil die deutsche Rente lohnbezogen sei, was auf viele andere Länder nicht zutreffe. Auch etwaig vorhandene Grund- oder Mindestrentensysteme sind ein wichtiger Parameter. „Ferner ist zu beachten, dass bei solchen Betrachtungen weder der Haushaltskontext noch weitere Einkommensquellen berücksichtigt werden und somit nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Einkommenssituation im Alter gezogen werden können“, heißt es in der E-Mail.

Screenshot der E-Mail einer Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Blick in einen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2017 zeigt, dass das Rentenniveau, das im Bericht „Nettoersatzquote“ heißt, tatsächlich stark variiert – nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Einkommensgruppe zu Einkommensgruppe. 

 So hatte im Jahr 2017 ein deutscher Rentner, der vorher Geringverdiener war, ein höheres Rentenniveau (54,7 Prozent) als eine Person mit überdurchschnittlichem Gehalt (49,8 Prozent). Das Rentenniveau eines ehemaligen Durchschnittsverdieners lag 2017 in Deutschland bei 50,5 Prozent, in Italien bei 93,2 Prozent und in Frankreich bei 74,5 Prozent.

Auszug aus dem OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“ mit den Rentenniveaus für Gering-, Durchschnitts- und Besserverdiener. (Quelle: OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“, S. 119, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Die Angabe des Rentenniveaus allein sagt aber nichts über die tatsächliche Versorgung im Alter aus. So liegt die durchschnittliche Rente in Italien laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.197 Euro (Seite 16), in Deutschland dagegen bei 864 Euro (West) (Seite 34/35 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“) und 1.075 Euro (Ost) (Seite 36/37 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“). Der Unterschied ist also nicht so groß, wie der Unterschied des Rentenniveaus zunächst vermuten lässt.

Renteneintrittsalter lag in Deutschland 2018 bei durchschnittlich 65,5 Jahren

Für Personen, die 1964 oder später geboren wurden, liegt die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt in Deutschland bei 67 Jahren. Im Moment liegt das Durchschnittsalter noch leicht darunter: Laut eines Berichts des OECD aus dem Jahr 2019 lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter im Jahr 2018 in Deutschland bei 65,5 Jahren. In Frankreich lag es durchschnittlich bei 63,3 Jahren und in Italien bei 67 Jahren (Männer) und 66,6 Jahren (Frauen).

Übersicht des durchschnittlichen Rentenalters im Jahr 2018 aus dem OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“. (Quelle: OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“, S. 139, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Um grundsätzlich Anspruch auf die gesetzliche Altersrente zu haben, muss man in Italien 67 Jahre alt sein und 20 Jahre eingezahlt haben. In Frankreich liegt das Mindestalter für Personen, die ab 1955 geboren wurden, bei 62 Jahren.

Fazit: Die Zahlen allein stimmen zum größten Teil, jedoch wird relevanter Kontext in dem Zeitungsausschnitt weggelassen. Einzelne spezifische Werte des Renten- und Wirtschaftssystems unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, ist nicht sinnvoll, weil diese einzelnen Punkte einander beeinflussen und bedingen. So hat Italien etwa eine deutlich höheres Rentenniveau, was sich aber nicht in deutlich höheren Rentenzahlungen niederschlägt. Zudem hängen Zahlen wie das Rentenniveau oder die Wohneigentumsquote von vielen anderen Faktoren ab, wie der wirtschaftlichen Situation eines Landes oder wohnungspolitischen Maßnahmen.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Zahlen selbst stimmen, aber es fehlt Kontext – Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder lassen sich nicht sinnvoll vergleichen.

Symbolbild Grippeschutzimpfung
Ein Patient wird zur Vorbeugung gegen eine Krankheit geimpft. (Symbolbild: Katja Fuhlert / Pixabay)

von Sarah Thust

Einer der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2, der derzeit an Menschen getestet wird, ist der Impfstoff mRNA-1273. In einem Artikel wird behauptet, dass viele Probanden davon „ernsthaft krank“ geworden seien. Dabei zeigten nur vier von 45 Probanden stärkere Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.

Zu mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 kursieren mehrere Falschbehauptungen im Internet. Eine davon bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273, der seit März an einigen Probanden getestet wird. Die Bloggerin Niki Vogt behauptete in einem Text für den Schild- Verlag am 26. Mai: Jeder fünfte der Impfprobanden sei „ernsthaft krank“ geworden. 

Das stimmt so nicht. Zudem wird in dem Text die Wirkweise des Impfstoffs falsch erklärt. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal auf Facebook geteilt – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen“.

Wir haben die Behauptungen zum Impfstoff mRNA-1273 geprüft. Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Proband „ernsthaft krank“ geworden ist. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg.

Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt.
Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung: „Jeder fünfte der Impfprobanden wurde ernsthaft krank“

Die Kernbehauptung steht in der Überschrift des Textes. Die Behauptung bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273 vom US-Hersteller Moderna. Angeblich habe das Unternehmen am 3. März „zusammen mit Dr. Fauci eine Versuchsreihe an Freiwilligen in Seattle“ gestartet. Dabei seien bei 20 Prozent der Probanden „ernste Komplikationen” aufgetreten.

Eine Recherche von CORRECTIV ergab: Die Studie gibt es, doch die Ergebnisse werden verzerrt dargestellt. Zudem sind einige Details und Erklärungen zur Studie falsch.

Der mRNA-Impfstoff wird derzeit getestet

Der Impfstoff mRNA-1273 befand sich bis Ende Mai in der ersten Phase der klinischen Prüfung, wie aus einer Pressemitteilung von Moderna vom 18. Mai hervorgeht. Das heißt, er wird an Menschen getestet. „Die klinische Prüfung von Impfstoffen ist ein zentraler Schritt bei der Entwicklung von Impfstoffen“, heißt es in einem Dokument des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Institut ist in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig.

Was in der ersten Phase der klinischen Prüfung geschieht, beschreibt zum Beispiel das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline auf seiner Internetseite: „Ein neues Arzneimittel oder ein neuer Impfstoff wird bei der ersten Prüfung am Menschen in der Regel nur einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verabreicht.“

Phasen der klinischen Prüfung von GlaxoSmithKline
Ein Screenshot zeigt eine Übersicht über die Phasen der klinischen Prüfung vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Autorin suggeriert hingegen in ihrem Text über den Impfstoff mRNA-1273, dass die Auswahl gesunder Probanden eine „Vorsichtsmaßnahme“ von Moderna gewesen sei. Dann bezieht sie sich auf die Pressemitteilung des Konzerns vom 18. Mai, in der Moderna vorläufige positive Testergebnisse für Phase 1 verkündet hat. Die Mitteilung belegt die Aussage, dass „jeder fünfte Proband ernsthaft krank“ wurde, jedoch nicht.

Vier Probanden von 45 zeigten „Symptome der Stufe 3“, das ist nicht jeder fünfte

Durchgeführt wurde die klinische Phase-1-Studie für den Impfstoff am Kaiser Permanente Washington Health Research Institute in Seattle. Laut der Pressemitteilung von Moderna gab es drei Kohorten (Gruppen) mit jeweils 15 Probanden. Sie waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Die Probanden bekamen entweder eine Dosis von 25 Mikrogramm, 100 Mikrogramm oder 250 Mikrogramm verabreicht. Alle wurden jeweils zweimal geimpft. Die höchste Dosis war mit den meisten Impfreaktionen („unerwünschte Ereignisse“) verbunden.

Bei rund 21 Prozent der Probanden in der dritten Kohorte (drei von 15 Personen, die die Dosis 250 Mikrogramm erhielten) traten nach der zweiten Impfung „systemische Symptome der Stufe 3“ auf. Die gesamte Versuchsgruppe war aber viel größer: Von insgesamt 45 Probanden berichteten vier Personen „Symptome der Stufe 3“. Das sind rund 8,9 Prozent.

Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273
Ein Screenshot zeigt einen Absatz aus der Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Überschrift des Artikels beim Schild-Verlag führt also in die Irre, denn sie suggeriert, dass bei 20 Prozent aller Probanden ernste Komplikationen aufgetreten sind. Das stimmt nicht. Die Information, dass sich die 20 Prozent nur auf die dritte Kohorte und die zweite Impfung beziehen, folgt erst später und weit unten im Text.

„Systemische Symptome“ sind zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen

Welche Symptome konkret auftraten, ging aus der Pressemitteilung nicht hervor. Das erwähnt auch die Autorin des Artikels, schreibt aber: „‘Systemische Symptome der Stufe 3’ bedeutet laut Definition der FDA: ‘Verhinderung täglicher Aktivitäten und die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention’.“ Dann behauptet sie: „Dabei handelt es sich also nicht um ein bisschen Temperatur oder Schnupfen. Diese drei Probanden wurden ernsthaft krank.“

Die Einordnung ist irreführend, weil sie auslässt, welche Art von Symptomen gemeint sind.

Die Autorin hat zur „Definition der FDA“ keine Quelle verlinkt, also haben wir gesucht und ein Dokument von 2007 gefunden: die Skala zur Toxizitätseinstufung der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA). Demnach gehören zu „systemischen Symptomen der Stufe 3“ theoretisch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Müdigkeit oder Muskelschmerzen, die stark genug sind, um tägliche Aktivitäten zu verhindern oder die Einnahme von Schmerzmitteln nötig machen.

Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen
Ausschnitt aus der Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen. (Quelle: US Food and Drug Administration / Screenshot: CORRECTIV)

Die am 14. Juli veröffentlichte Studie zum Impfstoff mRNA-1273 zeigt, dass mit den „schweren systemischen Symptomen“ Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopf- oder Muskelschmerzen gemeint waren. Sie traten nach der zweiten Impfdosis bei der Gruppe mit der höchsten Dosierung auf. Die Einstufung der Symptome erfolgte laut einer Fußnote im Anhang der Studie ebenfalls auf Grundlage der Toxizitätsskala der FDA.

Nach der ersten Impfung hatte laut der Studie keiner der 45 Probanden Fieber. Nach der zweiten Impfung trat leichtes Fieber bei sechs Personen der zweiten Kohorte und acht Personen der dritten Kohorte auf. In einem Fall wurde das Fieber mit 39,6 Grad als „schwer“ eingestuft.

Diagramm: Klinische Prüfung von mRNA-1270 - Häufigkeit der Symptome
Screenshot zweier Diagramme: Hier haben die Forscher die Häufigkeit der Symptome grafisch dargestellt. Die gelben Abschnitte markieren Symptome der Stufe 3. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hersteller Moderna schrieb dazu in der Pressemitteilung vom 18. Mai: „Alle unerwünschten Ereignisse waren vorübergehend und verschwanden von selbst. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse des Grades 4 oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gemeldet.“ 

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut erklärte CORRECTIV, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

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„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden.

Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.
Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text für den Schild-Verlag wird außerdem behauptet, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen dauerhaft verändern könnte. Sie könnten sogar vererbt werden, heißt es dort. Es gibt für diese Aussage jedoch keine Belege. 

Das sei kaum vorstellbar, sagte Susanne Stöcker CORRECTIV am Telefon. „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ Und: Könnten diese Eigenschaften weitervererbt werden? „Nein.“

Faktenchecker der DPA haben Veränderungen in der DNA nach einer mRNA-Impfung als nach Einschätzung von Experten „extrem unwahrscheinlich“ eingestuft. Ein Faktencheck von MDR Wissen kam zu dem Schluss, dass so ein Prozess nicht die gesamte menschliche DNA erfassen könnte, sondern nur einzelne Zellen.

mRNA-1273 ist einer von sechs RNA-Impfstoffen, die derzeit klinisch geprüft werden

Mehrere Impfstoff-Kandidaten gegen SARS-CoV-2 befinden sich laut Robert-Koch-Institut in der Entwicklungsphase. Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 31. Juli 2020 zeigte, trifft das auf 139 Impfstoffe zu. 26 Impfstoffe wurden zu diesem Stichtag in klinischen Studien an Menschen untersucht, sechs davon sind RNA-Impfstoffe.

Die erste Phase der klinischen Prüfung für mRNA-1273 war Ende Mai, als der Text beim Schild-Verlag erschien, noch nicht abgeschlossen. Im April war die Studie auf Erwachsene über 55 Jahre ausgeweitet worden, teilte das Forschungsinstitut Kaiser Permanente in einer Pressemitteilung am 14. Juli mit. Phase 2 der klinischen Prüfung hat Ende Mai begonnen, Phase 3 läuft seit dem 27. Juli.

„Die Daten zu Nebenwirkungen und Immunreaktionen bei verschiedenen Impfstoffdosen gaben Aufschluss darüber, welche Dosen in den klinischen Studien der Phase 2 und 3 des Prüfimpfstoffs verwendet werden oder für den Einsatz geplant sind“, hieß es weiter in der Mitteilung.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg. Insgesamt wurden weniger Probanden krank als in der Überschrift behauptet.

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Stare sitzen auf einer Leitung. (Symbolfoto: Сергей Шабанов / Pixabay)

von Till Eckert

In einem Blog-Artikel wird suggeriert, dass 120 Stare im Schweizer Kanton Thurgau wegen 5G-Strahlung tot vom Himmel gefallen seien. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass Mobilfunkstrahlung Tieren gefährlich werden könnte – die zuständige Vogelwarte geht von einer anderen Todesursache aus.

Immer wieder wird im Netz behauptet, Tiere würden wegen des neuen Mobilfunkstandards 5G sterben. So sollen in Sierra Madre etwa hunderte Bienen tot vom Himmel gefallen sein, in Nordwales und Kroatien Vögel. All diese Fälle haben wir bereits in Faktenchecks widerlegt.

In einem Artikel des Blogs Legitim.ch vom 11. März mit der Überschrift „STOPPT ENDLICH DAS 5G–MASSAKER! 120 Stare fallen im Thurgau tot vom Himmel !!!“ wird an mehreren Stellen suggeriert, 5G sei die Todesursache der Vögel gewesen. So steht etwa im Text, die Vögel hielten „diese Last“ der Strahlung nicht aus und würden „gegrillt“ und innerlich „verbluten“.

Unterhalb der 5G-Grenzwerte keine belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren

5G ist im Schweizer Kanton Thurgau zwar seit über einem halben Jahr flächendeckend verfügbar, jedoch ändere sich die Gesamt-Strahlen-Exposition – also die Einwirkung von Strahlung auf Lebewesen – in der Region dadurch nicht, wie das zuständige Umweltamt mitteilte. Das deutsche Bundesgesundheitsministerium teilte CORRECTIV für einen früheren Faktencheck außerdem mit, dass es unterhalb der gängigen Grenzwerte „keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren“ durch 5G-Mobilfunkstrahlung gebe. Das Bundesamt für Strahlenschutz bestätigte das uns gegenüber. Dass die Tiere also aufgrund von 5G-Strahlung innerlich „verbluteten“, ist unwahrscheinlich. 

Wir haben zur Todesursache außerdem bei der zuständigen Vogelwarte Sempach und dem Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin an der Universität Bern angefragt, wo einige der toten Vögel untersucht wurden. Es zeigt sich: 5G ist auch hier nicht Schuld am Tod der Vögel.

Vogelwarte: Bei den Vögeln wurden Schädeltraumata und Lungenblutungen festgestellt – wie nach dem Zusammenprall mit einem Fahrzeug

Marie-Pierre Ryser, Professorin am Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern, teilte auf CORRECTIV-Anfrage per E-Mail mit, dass im Zentrum einige der toten Vögel untersucht wurden. 

„Unsere Untersuchung bestand aus einer pathologischen Sektion, um herauszufinden, woran die eingesandten Vögel (es waren natürlich nicht alle) gestorben waren. Da es klare Hinweise auf ein stumpfes Trauma gab, hatten wir keinen Grund, weitere Untersuchungen einzuleiten“, sagte Ryser. 

Die Ursache des Traumas hätten die Forscher aufgrund der Befunde nicht eruieren können. Aber: „Mir sind keine nachweisbaren organischen Veränderungen bekannt, die durch 5G-Strahlung verursacht werden. Wir haben einfach Blutungen an verschiedenen Körperstellen beobachtet“, sagt Ryser. 

E-Mail von Marie-Pierre Ryser, Professorin am Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern. (Screenshot: CORRECTIV)

Livio Rey, Sprecher der Vogelwarte Sempach, teilte per Mail mit, Schädeltraumata und Lungenblutungen seien „typische Verletzungen bei einem Aufprall“, zum Beispiel mit einem Gebäude oder Fahrzeug. „Die plausibelste Erklärung in diesem Fall ist deshalb der Zusammenprall mit einem Fahrzeug wie einem Lastwagen“, sagt Rey. 

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Dass in einem kleinen Gebiet manchmal sehr viele tote Vögel gefunden würden, sei laut Rey schon länger bekannt: „Die letzten mir bekannten Fälle (unter anderem Triboltingen, Barcelona, Den Haag) betreffen hauptsächlich den Star. Dass es sehr oft Starengruppen sind, die tot gefunden werden, liegt an ihrer Biologe. Sie sind oft in dichten Schwärmen und der Nähe von Menschen unterwegs. Dies begünstigt das Auftreten dieser scheinbar ‘mysteriösen’ Vogeltode.“  

Hätten 5G-Emissionen Einfluss auf Vögel, müssten auch andere Vogelarten betroffen sein

Wenn elektromagnetische Strahlung für den Tod der Vögel verantwortlich wäre, bliebe laut Rey die Frage, weshalb Stare stärker betroffen sein sollten, als etwa Tauben, Segler oder Sperlinge, die ebenfalls häufig in Siedlungen vorkommen würden. 

Die Vogelwarte führe außerdem ein jährliches, systematisches und landesweites Monitoring der Schweizer Brutvögel durch. „Die Schweiz wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit einem flächendeckenden Netz von Funksendern überzogen. Hätten die Emissionen all dieser Sender einen messbaren Einfluss auf Vögel, so müssten in unseren systematischen Kartierungen entsprechende Auswirkungen sichtbar sein. Wir finden jedoch in unseren umfassenden und landesweiten Daten keine Hinweise darauf, dass Mobilfunkstrahlung ganze Vogelpopulationen oder Arten beeinflusst“, sagt Rey.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Vögel wegen 5G starben – die zuständige Vogelwarte geht von einem Zusammenprall mit einem Fahrzeug aus.

Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor.
Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor. (Symbolbild: Pixabay / fernando zhiminaicela)

von Sarah Thust

Hat die EU mit einer Ausnahmegenehmigung einen mRNA-Impfstoff „mit genmanipulierten Organismen” gegen Covid-19 erlaubt, wie derzeit in Sozialen Netzwerken behauptet wird? Nein. Bei dem Erlass geht es nicht um mRNA-Impfstoffe. Genetisch veränderte Organismen enthalten sie auch nicht. 

Ein Aufruf zum Protest, Vorwürfe gegen Angela Merkel und wütende Worte gegen das „System“: Die Bloggerin Anja Heussmann behauptete in einem Video auf Facebook am 16. Juli, die Europäische Union (EU) habe mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit „genmanipulierten Organismen“ erlaubt. Ihr Video wurde bisher mehr als 5.300 Mal geteilt. 

Ähnliche Behauptungen stellt auch eine Facebook-Nutzerin in einem Beitrag vom 15. Juli auf. Die Ausnahmeregelung sei „viel schlimmer als der Virus“, heißt es darin. Denn „der neue geplant und in der Prüfung stehende Corona Impfstoff ist von einer Art, die nicht mehr korrigierbar ist. Es handelt sich um einen mRNA Impfstoff, der unseren genetischen Code verändert.“ 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Die EU-Verordnung ist keine Zulassung für einen mRNA-Impfstoff, und solche Impfstoffe enthalten keine „genmanipulierten Organismen“. Beide Beiträge sollen offenbar Stimmung gegen Impfungen machen.

Behauptung: EU-Ausnahmeregelung erlaube „mRNA-Impfstoff mit genmanipulierten Organismen“ 

Anja Heussmann fordert im Beitragstext zum Video den „Rücktritt der gesamten Regierung“. Im Video sagt sie nach 25 Sekunden: „In der EU erlassen sie jetzt die Ausnahmeregelung für den Covid-19-Impfstoff. Denken Sie eigentlich, dass wir Menschen verblödet sind, oder was? Wissen Sie was? Man sollte Sie endlich entmündigen.“ Mit „Sie“ ist offenbar Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint.

Anja Heussmann spricht im Video über einen mRNA-Impfstoff
Anja Heussmann behauptet in ihrem Video vom 16. Juli, dass eine EU-Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit genmanipulierten Organismen erlaubt haben soll. (Quelle: Facebook-Seite „Lovestorm People“ / Screenshot am 29. Juli: CORRECTIV)

Das Video von Heussmann besteht hauptsächlich aus Meinung und Spekulationen. Und für die einzige überprüfbare Behauptung – nämlich die,dass die EU angeblich mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2 erlaubt habe und dieser genetisch veränderte Organismen enthalte –, nennt sie keine Belege.

mRNA-Impfstoff enthält keine gentechnisch veränderten Organismen

Eine Ausnahmeregelung hat die EU tatsächlich am 15. Juli erlassen, doch darin geht es nicht um die Zulassung eines Impfstoffes. Stattdessen geht es um eine Vereinfachung im Entwicklungsprozess. Die Regelung betrifft „Humanarzneimittel“, die gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten oder daraus bestehen, und deren Wirkung am Menschen geprüft werden soll („klinische Prüfung“). Das betrifft laut einer Pressemitteilung der EU auch einige Impfstoffe, die zum Beispiel mit genetisch veränderten abgeschwächten Viren arbeiten.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

mRNA-Impfstoffe enthalten jedoch keine GVO. Das bestätigte das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland unter anderem für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, gegenüber CORRECTIV. „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO. Sie werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen (Bei SARS-CoV-2 für das SPIKE-Protein oder Teile davon)“, schrieb Pressesprecherin Susanne Stöcker per E-Mail.

E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts
E-Mail der Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland: „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO.“ (Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

EU-Verordnung bezieht sich laut Behörden nicht auf mRNA-Impfstoffe

Die Umweltverträglichkeitsprüfung gelte hingegen nur für Impfstoffe, die GVO enthalten. „Da weder mRNA-Impfstoffe noch DNA-Impfstoffe vermehrungsfähige Organismen darstellen, sind sie weder von der Prüfung noch von der Ausnahmeregelung betroffen“, so Stöcker.

Ein Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland bestätigte CORRECTIV ebenfalls: „Der Verzicht auf die Umweltverträglichkeitsprüfung bezieht sich auf Medikamente zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19, die mithilfe von GVOs entwickelt werden. mRNA-Impfstoffe sind keine GVOs.“ Ob bestimmte Impfstoffe mit Hilfe von GVO hergestellt würden, könne er nicht sagen; das hänge von dem jeweiligen Impfstoff ab.

Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten.
Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten. (Quelle: CORRECTIV)

Was bedeutet die Ausnahmeregelung für die Covid-19-Medikamente?

Gentechnisch hergestellte Arzneimittel gab es schon vor Covid-19. Dazu gehört laut dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland VFA unter anderem die Schutzimpfung gegen Hepatitis B.

Bevor klinische Prüfungen mit Arzneimitteln mit genetisch veränderten Organismen beginnen können, müssen zahlreiche Tests durchgeführt werden. Einer davon ist die Umweltverträglichkeitsprüfung, bei der es um die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt geht. 

Die neue EU-Regelung erlaubt nun, dass vor klinischen Prüfungen von Medikamenten zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19 keine solche Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen muss. 

Auszug aus der EU-Verordnung
Auszug aus der EU-Verordnung 2020/1043. (Quelle: Amtsblatt der Europäischen Union / Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

Durch die Ausnahmeregelung soll der Prozess der Entwicklung eines Impfstoffes beschleunigt werden. Denn die Umweltverträglichkeitsprüfung sei komplex und nehme viel Zeit in Anspruch, heißt es in der Verordnung. „Es ist von allergrößter Bedeutung, dass klinische Prüfungen mit GVO enthaltenden oder aus GVO bestehenden Prüfpräparaten zur Behandlung oder Verhütung von COVID-19 in der Union […] sich nicht wegen der Komplexität der unterschiedlichen nationalen Verfahren […] verzögern.“

Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut schreibt uns, die EU-Verordnung bedeute „keine Abstriche in der Sicherheitsbewertung“, sondern solle die Verfahrensabläufe beschleunigen.

Die Ausnahmeverordnung soll laut einer Pressemitteilung des EU-Rats vom 14. Juli nur gelten, solange „die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Covid-19 als Pandemie betrachtet oder ein Durchführungsrechtsakt der Kommission gilt, wonach eine gesundheitliche Notlage aufgrund von Covid-19 besteht.“

Pressemitteilung
In einer Pressemitteilung vom 14. Juli informiert der Rat der Europäischen Union über die Verordnung. (Quelle: Internetseite vom Rat der EU / Screenshot: CORRECTIV)

Was ist ein mRNA-Impfstoff?

Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf seiner Webseite: „mRNA-Impfstoffe enthalten Teile des Erbmaterials der Viren, die Baupläne für das Oberflächenprotein des Coronavirus-2 oder einem Teil davon umfassen.“ Die genetische Information des Virus könnte demnach durch die Impfung in einige Körperzellen des Geimpften gelangen. Die Zellen produzieren dann die entsprechenden Proteine. Das Immunsystem reagiert auf diese Proteine und bildet Abwehrstoffe wie Antikörper gegen das Virus. Die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen wird auch hier vom Science Media Center erklärt.  

Auszug Presse-Briefing PEI
Aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die mRNA werde nicht in „Trägerviren“ transportiert, sondern in flüssigen Fetttröpfchen. „Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden

Es ist nicht sicher, ob es für Covid-19 einen mRNA-Impfstoff geben wird

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steht bisher kein Impfstoff zur Verfügung, der vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützt, somit auch kein mRNA-Impfstoff.

Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, befanden sich am 31. Juli 139 Impfstoff-Kandidaten in der Entwicklung. 26 weitere Impfstoff-Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien an Menschen untersucht. Dazu zählen auch sechs mRNA-Impfstoffe.

Fazit

Anders als in den Beiträgen von Anja Heussmann und hier auf Facebook dargestellt, geht es in der EU-Ausnahmeregelung nicht um die Zulassung einer bestimmten Substanz oder eines mRNA-Impfstoffes. Das Paul-Ehrlich-Institut und ein Sprecher der Europäischen Kommission bestätigten CORRECTIV, dass mRNA-Impfstoffe keine genetisch veränderten Organismen enthalten.

Die Behauptung auf Facebook, der „geplante Impfstoff“ sei ein mRNA-Impfstoff, ist ebenfalls falsch. Es steht noch nicht fest, welche Art von Impfstoff letztlich für Covid-19 zugelassen wird – es werden verschiedene Varianten geprüft.

Beiträge werden im Netzwerk der „Corona Rebellen“ verbreitet

Beiträge wie dieser von Anja Heussmann werden häufig in Facebook-Gruppen der „Corona Rebellen“ verbreitet, wie hier oder hier zu sehen ist. Die Bloggerin produziert seit Jahren Videos, die auf der Facebook-Seite von „Lovestorm People“ und auf Youtube veröffentlicht werden. In einem etwa drei Jahre alten Video von ihr heißt es, „Lovestorm People“ sei ein soziales Kunstprojekt. Im Impressum der Internetseite wird Heussmann als Verantwortliche genannt.´

Anja Heussmann hat in ihrem Video über den mRNA-Impfstoff und in weiteren Beiträgen auf Facebook eine Demonstration in Berlin am 1. August 2020 beworben, bei der das angebliche „Ende der Pandemie“ ausgerufen wurde. Laut Medienberichten wurde anschließend Kritik laut, weil tausende Menschen dort ohne Masken und ohne Abstand demonstrierten.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Mit der EU-Ausnahmeregelung wurde kein mRNA-Impfstoff erlaubt – und solche Impfstoffe enthalten keine gentechnisch veränderten Organismen.

Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf.
Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In einem Beitrag eines türkischen Nachrichtensenders, der auch in deutscher Übersetzung verbreitet wird, wird behauptet, Kinder würden entführt, um ihnen Haut und ein Stoffwechselprodukt zu entnehmen, womit sich Erwachsene die Haut verjüngen ließen. Das ist falsch.

„Ich habe Ihnen gesagt, die heutigen Nachrichten werden Sie erschüttern“ – mit diesen Worten beginnt die deutsche Übersetzung eines Beitrags des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber auf Youtube. Der Sender gilt als regierungsnah. Sechs Minuten lang zeigt der Nachrichtensprecher Fotos von Prominenten und von einem Kleinkind mit schwarz-blau unterlaufenen Augen. 

Im Video ist immer wieder die Rede davon, dass Kinder in Angst versetzt würden, um ihnen Adrenochrom, ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, zu entnehmen. Dieses werde dann Prominenten als Verjüngungs- und Hautsstraffungsmittel gespritzt. 

CORRECTIV hat den Beitrag geprüft, die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche ist korrekt. Der Inhalt ist jedoch fragwürdig. Wann die Nachrichtensendung ausgestrahlt wurde, ist nicht ersichtlich. Das Video mit der deutschen Übersetzung wurde am 28. Juni auf Youtube veröffentlicht und bisher mehr als 177.000 Mal aufgerufen und mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google ergibt keine Treffer vor dem 28. Juni. Es finden sich zudem auch Übersetzungen des Videos in andere Sprachen, zum Beispiel Englisch. Auf der Webseite des Senders selbst oder seinen Youtube-Kanälen ist das Video nicht zu finden, das Studio und der Moderator weisen aber darauf hin, dass das Video wirklich von TGRT Haber stammt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass die Behauptungen im Beitrag in die Irre führen und einen bekannten Verschwörungsmythos wiederholen. 

1. Behauptung: Prominente würden sich mit „Hautfetzen von koreanischen Babys“ die Haut verjüngen

Zu Beginn des Beitrags (ab Minute 00:58) wird ein Ausschnitt aus der US-amerikanischen Talkshow The Ellen DeGeneres Show von Mitte Mai 2018 gezeigt. Dort sprach Schauspielerin Sandra Bullock darüber, dass sie Fan der sogenannten Penis Facial-Methode sei. Weltweit berichteten Medien (zum Beispiel hier oder hier) bereits seit März 2018 darüber, dass sich Prominente wie Sandra Bullock oder Cate Blanchett mit dieser Methode die Gesichtshaut behandeln lassen würden.

Der Sprecher des türkischen TV-Senders kommentiert dazu (ab Minute 1:47): Wie unschuldig sie es doch erzählen. Was ist es? Hautfetzen von koreanischen Kindern, die unter die Gesichtshaut injiziert werden, um jung und schön zu bleiben.“ Damit stellt er den Sachverhalt irreführend dar. Es werden keine Hautfetzen injiziert, sondern Stammzellen.

Die von Sandra Bullock angeführte Schönheitsbehandlung existiert tatsächlich. Angeboten wird sie Medienberichten zufolge in New York von der Kosmetikerin Georgia Louise. Sie hat sich auf Gesichtsbehandlungen spezialisiert und betreibt ein Studio in Manhattan.

Bullock ließ sich in einem  Kosmetikstudio in New York mit Microneedling und EGF-Serum behandeln

Die Behandlungsmethode nennt sich The Hollywood EGF Facial. Auf der Webseite von Georgia Louise ist zu lesen, dass es sich um eine TCA-Peel-Microneedling-Behandlung handelt. Es werde ein Epidermal Growth Factor (EGF)-Serum aufgetragen, um die Bildung von Kollagen und Elastin zur Straffung und Festigung der Haut zu unterstützen“.

Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)
Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)

Microneedling beziehungsweise Mesotherapie wird beispielsweise bei Durchblutungsstörungen, Rheuma, Arthrose oder Rückenschmerzen angewandt. Aber auch in der Dermatologie und in der ästhetischen Medizin wird Microneedling eingesetzt. Wirkstoffe und Medikamente werden dabei mit winzigen Nadeln direkt in die Haut gespritzt. 

Die Kommission für kosmetische Mittel des Bundesinstituts für Risikobewertung schreibt in einem Protokoll von Mai 2013, die Methode sei kritisch zu bewerten, da Infektionen oder allergische Reaktionen auftreten können.

EGF epidermale Wachstumsfaktoren – spielen eine wichtige Rolle bei der Wundheilung, indem sie die Heilung der äußeren Zellschicht der Haut stimulieren. Auch bei der Behandlung von Krebs spielen Therapien, die epidermale Wachstumsfaktoren einsetzen, eine Rolle. EGF-Serum findet aber auch in der Kosmetikindustrie Verwendung, zahlreiche Hersteller verkaufen das Serum als Anti-Aging-Produkt oder bieten es in Kombination mit einer Mesotherapie an.

Die Stammzellen für die Gesichtsbehandlung werden angeblich aus der Vorhaut von Babys gewonnen

Gewonnen werden die EGF aus Stammzellen. Auf der Webseite von Georgia Louise sind dazu nicht direkt in der Behandlungsbeschreibung Details zu finden, aber auf der Webseite wird ein Artikel des People-Magazins verlinkt. Darin bestätigt eine Angestellte des Kosmetikstudios Sandra Bullocks Ausführungen, dass das Serum von der Vorhaut koreanischer Babys extrahiert werde. Die Angestellte von Georgia Louise erklärt People: Ja, sie hat recht. Das Serum wird aus der Vorhaut des Penis eines Babys gewonnen. […] EGF werden aus den Vorläuferzellen (Anm. d. Red.: Abkömmling einer Stammzelle) menschlicher Fibroblasten (Anm. d. Red.: Hauptbestandteil des Bindegewebes) von der Vorhaut koreanischer Neugeborener gewonnen.

Fremde Haut wird vom Körper abgestoßen, nicht jedoch embryonale Stammzellen

Professor Lukas Prantl, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen Chirurgen, erklärt im Gespräch mit CORRECTIV, dass selbst die Transplantation kleinster Hautpartikel eigentlich vom Körper abgestoßen werde. Die Haut ist ein Immunorgan mit verschiedenen Abwehrspezialisten. Immer wenn ich Zellen von fremden Personen nehme, kommt es zu  einer Abstoßungsreaktion. 

Anders sei das jedoch bei embryonalen Stammzellen. In Deutschland ist die Verwendung embryonaler Stammzellen streng reglementiert und wird als ethisch bedenklich eingestuft. Aber grundsätzlich besitzen sie ein hohes Potenzial zur Regeneration zum Beispiel von Sehnen, Knorpel oder der Verbesserung von Hautstrukturen. Eine Alternative bieten hier die Stammzellen aus dem Fettgewebe, sagt Prantl.

Im Zusammenhang mit der Penis Facial-Methode ist die Rede davon, dass dafür Stammzellen aus der Vorhaut bei der Beschneidung Neugeborener verwendet würden. Facharzt Prantl berichtet zudem davon, dass die Zellen auch entnommen werden könnten, wenn ein Embryo im Mutterleib stirbt und ausgeschabt werde.

Fazit: Hier fehlt wesentlicher Kontext. Es werden keine Hautfetzen von Babys injiziert. Es stimmt aber, dass eine Gesichtsbehandlungs-Methode existiert, bei der embryonale Stammzellen in Form eines Serums verwendet werden. Die Behauptung, dass diese von der Vorhaut koreanischer Babys stammen könnten, lässt sich lediglich in Medienberichten über ein Kosmetikstudio in New York wiederfinden. 

2. Behauptung: Kinder würden in Stress- oder Angstsituationen versetzt, um ihnen Adrenochrom zu entnehmen und dieses dann zur Verjüngung zu verkaufen

Im Beitrag spricht der Moderator des türkischen TV-Senders immer wieder davon, dass Kindern Adrenochrom entnommen werde und sie dazu in außerordentliche Stresssituationen versetzt würden. Denn Adrenochrom entstehe bei Kindern, wenn sie Schmerz oder Angst verspüren würden (zum Beispiel ab Minute 2:20). Es werde an Reiche und Berühmte teuer verkauft, behauptet er weiter. Zu diesem Zweck würden angeblich täglich weltweit tausende Kinder entführt, gefoltert und getötet, um ihnen im Augenblick des Todes das Blut zu entnehmen und das Hormon den Reichen zu verkaufen (ab Minute 5:32). 

Zur Stützung der Behauptung werden immer wieder Fotos von Prominenten und das Foto eines Kleinkindes mit Blutergüssen unter den Augen gezeigt. Eine Bilder-Rückwärtssuche des Kinderfotos führt lediglich immer wieder zum Video des türkischen TV-Senders. Der genaue Ursprung lässt sich nicht ausmachen.

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Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin ­ Erwachsene und Kinder produzieren es gleichermaßen

Die Behauptung, Kinder müssten Schmerz oder Angst verspüren, um Adrenochrom zu produzieren, ist falsch. Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin. Adrenalin  produziert jeder Mensch, wenn er unter psychischem oder physischem Stress steht. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene produzieren dann in geringen Mengen Adrenochrom, erklärt Lukas Prantl im Gespräch mit CORRECTIV. Adrenalin ist ein Hormon, und dieses Hormon hat eine feste chemische Struktur und die ist bei einem Kind nicht besser oder schlechter als bei einem Erwachsenen. Es ergebe folglich rein biologisch keinerlei Sinn, Adrenochrom nur in Zusammenhang mit Kindern zu betrachten. 

Dass Adrenochrom genutzt werden könnte, um die Haut zu verjüngen und beispielsweise über Microneedling zu injizieren, ist dem Facharzt nicht bekannt. Und ich wüsste auch nicht, welchen Nutzen das haben sollte. Zudem gibt es viele andere gute Möglichkeiten, wie die Anwendung von körpereigenen Vorläuferzellen aus dem Fettgewebe oder Blutplättchen.

Der Verschwörungsmythos um Adrenochrom hat seinen Ursprung in antisemitischen Motiven

Immer wieder kursieren Behauptungen im Netz, die die angebliche Entführung von Kindern mit Adrenochrom und einem vermeintlichen Verjüngungselixier in Verbindung bringen. Sie sind Teil des weltweiten QAnon-Verschwörungsmythos. Deren Anhänger glauben unter anderem daran, dass eine satanistische Elite die Welt beherrsche. Diese entführe Kinder, halte sie in unterirdischen Gefängnissen und versuche mit ihrem Blut, das eigene Leben zu verlängern und sich aufzuputschen. CORRECTIV hat schon in mehreren Faktenchecks gezeigt, dass diese Theorien auf falschen Annahmen beruhen (zum Beispiel hier, hier und hier).

Die Behauptungen über Adrenochrom und das Entführen von Kindern hat seinen Ursprung auch in alten antisemitischen Motiven. Ein Vorläufer sei der antisemitische Mythos der „Hexensalbe“, wie Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt. „In Werken wie dem Nürnberger ‘Formicarius’ von 1430 wurde vor allem Frauen vorgeworfen, gemeinsam mit Juden und Teufeln den ‘Hexensabbat’ zu begehen und aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige Salbe herzustellen“, sagt Blume. 

Fazit: 

Der türkische Fernsehbeitrag vermischt Informationen über eine umstrittene Gesichtsbehandlung mit embryonalen Stammzellen mit einem Verschwörungsmythos über Adrenochrom. Beides hat jedoch nichts miteinander zu tun.

Dafür, dass Kinder entführt und in Angst versetzt würden, um ihnen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu entnehmen und es als Verjüngungsmittel an Prominente zu verkaufen, gibt es keine Belege. Auch aus medizinischer Sicht ergibt das laut einem Experten für Plastische Chirurgie keinen Sinn.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der türkische Fernsehbeitrag verbreitet einen Verschwörungsmythos über entführte, gefolterte Kinder und Adrenochrom.

Screenshot Video Header
In diesem Video explodiert angeblich ein Elektroauto auf der A8. Tatsächlich zeigen die Bilder aber einen Lastwagen, der Gasflaschen geladen hatte, und stammen aus Frankreich. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Eine auf Facebook verbreitete Aufnahme eines brennenden Fahrzeugs stammt angeblich von Ende Juli aus Süddeutschland. Tatsächlich ist die Aufnahme schon drei Jahre alt und zeigt – anders als behauptet – kein brennendes Elektroauto.

Am 23. Juli hätten „die umweltfreundlichen Elektroautos auf der A8 ihr wahres Gesicht gezeigt“, behauptete ein Facebook-Nutzer in einem Beitrag vom 26. Juli. Dazu teilte er ein Video eines Fahrzeugbrands und mehrerer Explosionen auf einer Autobahn. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch: Die Aufnahmen stammen weder aus Deutschland, noch sind sie aktuell, noch stehen sie in Zusammenhang mit Elektroautos.

Es ist zwar zutreffend, dass am 23. Juli auf der A8 in der Nähe des Kreuz Stuttgart laut der örtlichen Feuerwehr ein Fahrzeug brannte, es war aber kein Elektroauto. Und das Facebook-Video hat mit diesem Ereignis nichts zu tun. Ein Faktencheck von Mimikama kam zu dem Ergebnis, dass die Aufnahmen aus Frankreich stammen und im September 2017 entstanden. 

Video ist von 2017 aus Frankreich und zeigt kein Elektroauto

Tatsächlich wurde das Video am 19. September 2017 mit französischer Beschreibung von der Webseite Break For Buzz auf der Videoplattform Daily Motion hochgeladen. Die Schlagzeile dazu lautet: „Explosion eines mit Gasflaschen beladenen Lastwagens auf der Autobahn RN10“. Der Vorfall ereignete sich einem Bericht der Lokalzeitung Charente Libre vom 18. September 2017 zufolge in der Nähe der französischen Kleinstadt Chevanceaux in der Region Charente-Maritime. 

Ein Screenshot des Videos wurde auch von der Webseite Journalistenwatch als „Symbolbild“ für einen am 29. Juli veröffentlichten Artikel über einen Unfall verwendet, bei dem laut Medienberichten eine junge Frau in ihrem Elektroauto verbrannte.

Experten: Brandgefahr bei Elektroautos nicht größer als bei normalen PKW

Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen über brennende oder explodierende Elektroautos. Über die Herausforderungen für die Feuerwehr, einen brennenden Akku zu löschen, haben wir bereits einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht. Experten bestätigten, dass ein solcher Brand mit herkömmlichen Mitteln gelöscht werden kann, aber sehr lange gekühlt werden müsse. 

Im November 2019 kam ein Forschungsprojekt der Dekra Unfallforschung und der Verkehrsunfallforschung der Universitätsmedizin Göttingen zu dem Ergebnis, dass die getesteten Elektrofahrzeuge bei sogenannten Crash-Tests den „vergleichbaren konventionell angetriebenen Fahrzeugen bei der Sicherheit in nichts nach[stehen]“. Es sei auch bei starker Deformation der Batterien kein Brand ausgebrochen. 

Dass die Brandgefahr mit der eines normalen PKW vergleichbar sei, bestätigte im Dezember 2019 auch der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, Karl-Heinz Knorr, in einem Interview mit dem Spiegel.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aufnahme zeigt den Brand eines mit Gasflaschen beladenen LKW, der 2017 auf einer Autobahn in Frankreich explodierte.

Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer.
Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

von Uschi Jonas

Am vergangenen Samstag protestierten in Berlin Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. Über die Zahl der Teilnehmer an der Demonstration und der anschließenden Kundgebung gibt es in Sozialen Netzwerken unterschiedliche Angaben. Manche behaupten, es seien 500.000 bis 3,5 Millionen Menschen gewesen. Das ist falsch.

Update, 6. August: Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass wir in unserem Text die Kundgebung auf der Straße des 17. Juni falsch verortet hatten. Die Polizei hatte uns mitgeteilt, dass der Hauptbereich auf Höhe des Sowjetischen Ehrendenkmals gelegen habe. Das ist nicht richtig. Der Bereich der Kundgebung lag zwischen der Yitzhak-Rabin-Straße und dem Großen Stern. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen und haben den Text überarbeitet. Die Gesamtbewertung dieses Faktenchecks veränderte sich dadurch nicht.

„Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ – unter diesem Motto protestierten am vergangenen Samstag organisiert von der Initiative „Querdenken 711“ Menschen gegen die Corona-Maßnahmen in der Hauptstadt. Laut der Polizei Berlin fanden sich zunächst gegen 11 Uhr Unter den Linden Menschen für einen Demonstrationszug zusammen. Anschließend gab es ab 15.30 Uhr eine Kundgebung auf der Straße des 17. Juni.

Doch vor allem die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgt im Nachgang für Diskussionen. In Sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Behauptungen und Vergleiche mit früheren Veranstaltungen wie der Love Parade, die von den offiziellen Angaben der Polizei abweichen. CORRECTIV hat einige dieser Behauptungen überprüft. Sie alle übertreiben die realistische Teilnehmerzahl bei der Kundgebung um ein Vielfaches. 

Behauptung 1: Luftaufnahme zeigt Teilnehmer der Anti-Corona-Kundgebung

In Sozialen Netzwerken tauchen zahlreiche Fotos auf, die die Anti-Corona-Kundgebung am vergangenen Samstag mit der Teilnehmerzahl bei der Techno-Veranstaltung Love Parade in Bezug setzen. In einem Facebook-Beitrag wird zum Beispiel mit einer Luftaufnahme behauptet, die Kundgebung habe auch rund um den Großen Stern und die Siegessäule stattgefunden, die Straßen seien in alle Himmelsrichtungen voller Demonstranten gewesen.

In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google ergibt jedoch, dass das verwendet Foto nicht die Kundgebung vom vergangenen Samstag zeigt. Stattdessen stammt es von der Love Parade am 21. Juli 2001, aufgenommen von einem Fotografen der Presseagentur AP. Die Polizei zählte damals laut Medienberichten 800.000 Besucher, die Veranstalter sprachen von rund einer Million. 

Fotos zeigen Kundgebung kurz nach ihrem Beginn

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher der Polizei Berlin am Montag, dass die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ für den Bereich auf der Straße des 17. Juni zwischen dem Sowjetischen Ehrendenkmal bis zum Brandenburger Tor angemeldet gewesen sei. Im weiteren Verlauf sei die Demonstration bis zur Yitzhak-Rabin-Straße erweitert worden. Der Bereich bis zum Großen Stern sei nur aus Sicherheitsgründen ebenfalls abgesperrt gewesen. 

Luftaufnahmen zeigen jedoch, dass das nicht stimmen kann. Ein Foto der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zeigt, dass sich für die Kundgebung Menschen auf der Straße des 17. Juni versammelten. An einer Stelle ist die Strecke durch mehrere Kastenwagen der Polizei getrennt. Klar zu sehen ist, dass die Hauptkundgebung westlich von der Absperrung stattgefunden hat – zu erkennen ist eine große Bühne mit dem Banner der Initiative „Querdenken“.

Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)
Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

Beim Hineinzoomen in die Luftaufnahme ist östlich von der Polizei-Absperrung eine Statue zu erkennen: „Der Rufer“. Wie Google Maps zeigt, steht diese Statue zwischen Brandenburger Tor und dem Sowjetischen Ehrendenkmal und somit östlich von der Yitzhak-Rabin-Straße. Zu erkennen ist ebenfalls, dass die Polizeiwagen in der Nähe von Ampeln platziert sind. Daher ist es plausibel, dass sie etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße stehen.

Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/Christoph Soeder/dpa, Markierung: CORRECTIV)
Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Markierung: CORRECTIV)

Die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ fand folglich im Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule statt. CORRECTIV hat die Polizei Berlin am Donnerstag damit konfrontiert, doch keine Rückmeldung mehr erhalten. 

Das Ende der Menschenmenge ist zwar auf dem Foto der DPA nicht ersichtlich, aber es ist zu erkennen, dass sich die Menschenmenge am unteren Rand des Fotos Richtung Siegessäule bereits ausdünnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die DPA mit, dass die Luftaufnahme des Fotografen Christoph Soeder zwischen 16:03 und 16:10 Uhr entstanden sei. Da die Kundgebung laut Polizei rund 30 Minuten zuvor um 15:30 Uhr begann, ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Teilnehmer zum Zeitpunkt des Fotos anwesend war. Es existieren zudem keine Aufnahmen, die zeigen, dass die Kundgebung bis zum Großen Stern reichte oder gar darüber hinaus. 

Eine andere Luftaufnahme, die von der Tagesschau veröffentlicht wurde, bestätigt, dass die Menschenmenge nicht bis zur Siegessäule reichte. Ein Tagesschau-Redakteur wies uns darauf hin, dass das Foto von Imago Images stamme. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte der Imago-Fotograf Christian Spicker mit, dass das Foto um 15:39 Uhr entstanden sei, also kurz nach dem offiziellen Beginn der Kundgebung. Ein größerer Ausschnitt des Fotos bei der Tagesschau zeigt ebenfalls, dass sich die Menge deutlich ausdünnt und zumindest zum Zeitpunkt des Fotografierens  nicht bis zur Siegessäule reichte.

Fazit: Falsch. Ein Foto, das Menschenmassen rund um den Großen Stern zeigt, stammt nicht von der Anti-Corona-Kundgebung am 1. August in Berlin, sondern von der Love Parade im Jahr 2001. Luftbilder der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ am 1. August zeigen deutlich geringere Menschenmengen.. 

Behauptung 2: Die Teilnehmerzahl bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor habe nicht etwa 20.000, sondern 500.000 bis über eine Million Menschen betragen

In einer Pressemitteilung teilte die Berliner Polizei bereits am Samstag, mit, dass sich bei der Kundgebung 20.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. 17.000 hätten an der davor stattgefundenen Demonstration, also dem Aufzug, der durch die Stadt führte, teilgenommen. Der Demonstrationszug war von 11 bis 15:30 Uhr angemeldet und stand unter dem Motto „Versammlung für die Freiheit“, wie ein Polizeisprecher CORRECTIV am Telefon erläuterte. 

Der Zug sollte eigentlich bis zur Straße des 17. Juni gehen, aber kam schon zuvor zum Ende, so der Polizeisprecher. Gestartet sei er Unter den Linden 74 bis 76 und zog dann über die Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthaler Straße, Weinmeisterstraße, Münzstraße, Memhardstraße, Karl-Liebknecht-Straße, Spandauer Straße, den Molkenmarkt, Leipziger Straße, Glinkastraße, Dorotheenstraße und die Ebertstraße. Er endete noch vor der Straße des 17. Juni. 

Am Montag sagte der Pressesprecher der Polizei CORRECTIV, dass sich an der Schätzung der Teilnehmerzahl nichts geändert habe. Weiter erklärte er, es sei üblich, dass die Polizei bei Großlagen wie bei der Veranstaltung am vergangenen Samstag in Berlin Polizeihubschrauber einsetze, um die Teilnehmerzahlen abzuschätzen. 

„Der Polizeihubschrauber hat eine Kamera an Bord. Von dort findet eine Direktübertragung der Bilder an den Führungsstab statt. Dieser nimmt anhand der Bilder dann eine Schätzung vor. Gespeichert werden die Bilder jedoch nicht, da dies datenschutzrechtlich verboten ist“, sagte der Pressesprecher CORRECTIV. 

In Sozialen Netzwerken verbreiten sich dennoch zahlreiche Behauptungen, die Teilnehmerzahl habe weitaus höher gelegen und die Medien würden lügen. So heißt es beispielsweise in einem Artikel des rechtspopulistischen Magazins Compact, es seien 500.000 bis eine Million Teilnehmer bei der Kundgebung anwesend gewesen. 

Sind 500.000 oder eine Million Menschen plausibel?

Auf Facebook wird in zahlreichen Beiträgen behauptet, es seien mindestens eine Million Teilnehmer gewesen (zum Beispiel hier, hier oder hier). Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese Behauptungen nicht richtig sein können. 

Immer wieder sind die Straßen im Tiergarten Schauplatz für Großveranstaltungen in Berlin. Ein Vergleich mit den Aufnahmen und den Informationen über die Teilnehmerzahl der Love Parade zeigt deutlich, dass bei der Kundgebung am Samstag nicht eine Million oder mehr Menschen anwesend gewesen sein können. 

Zwischen 1996 und 2003 fand die Veranstaltung rund um den Großen Stern im Tiergarten statt, 2004 und 2005 fiel sie aus, 2006 fand sie ein letztes Mal in Berlin statt. Auf Nachfrage von CORRECTIV konnte die Polizei Berlin keine Teilnehmerzahlen nennen; das Archiv reiche nicht so weit zurück. 

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Laut dem Online-Portal Statista, das sich als Quelle auf die Veranstalter der Love Parade beruft, betrug die Teilnehmerzahl im Berliner Tiergarten in den Jahren 1996 bis 2006 zwischen 750.000 und maximal 1,5 Millionen (1999).

Bei der Love Parade feierten die Teilnehmer dicht gedrängt nicht nur (wie am vergangenen Samstag bei der Anti-Corona-Kundgebung) auf dem Abschnitt zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule, sondern auf der ganzen Strecke zum Brandenburger Tor und auch auf allen Straßen rund um den Großen Stern. 

Das zeigen Fotos wie das bereits erwähnte Luftbild der Presseagentur AP von dem Event 2001, bei dem die Veranstalter von einer Million Menschen sprachen und die Polizei von 800.000. Immer wieder kommt es vor, dass Veranstalter höhere Angaben machen als die Polizei. Dennoch ist es nicht möglich, dass bei der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ ähnlich viele Menschen anwesend waren wie bei der Love Parade.

Schätzungen zeigen, es hätten dicht gedrängt maximal rund 173.600 Menschen bei der Anti-Corona-Kundgebung Platz gehabt

Das Online-Tool „Mapchecking“ ermöglicht es, die maximale Anzahl stehender Personen in einem bestimmten Gebiet zu schätzen. Das Tool bietet die Möglichkeit, bis maximal sieben Personen pro Quadratmeter die Größe einer Menschenmenge zu schätzen. Das Maximum liege bei fünf Menschen auf einem Quadratmeter; alles darüber hinaus sei ein großes gesundheitliches Risiko, zeigt eine Analyse zu Sicherheit und Risiko von Menschenansammlungen von Keith Still. Still ist ein Mathematik-Professor, der auch ein Gutachten zur Love Parade 2010 erstellt hat, bei der es zu einer Massenpanik kam.

So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)
So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)

Selbst bei der Annahme von fünf Personen pro Quadratmeter beträgt die Schätzung des Tools „Mapchecking“ lediglich rund 173.600 Personen, die auf dem Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule Platz hätten.

Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

In Sozialen Netzwerken kursiert zudem die Behauptung, die Polizei habe nicht alle Protestierenden, die zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ auf die Straße des 17. Juni wollten, auch dort hin gelassen. Stattdessen seien zahlreiche Menschen in Seitenstraßen und rund um den Großen Stern geleitet worden. 

Dies verneinte der Pressesprecher der Polizei gegenüber CORRECTIV: „Wir haben alle, die zu dieser Kundgebung wollten, auch in den Kundgebungsbereich hineingelassen.“ Hinter der Yitzhak-Rabin-Straße oder rund um den Großen Stern seien keine Menschen umgeleitet worden, auch habe es dort keine weiteren Versammlungen gegeben. Die Behauptung ist also unbelegt.

Rund um das Brandenburger Tor fanden andere Kundgebungen statt

Lediglich – wie auch auf Luftaufnahmen zu erkennen – rund um das Brandenburger Tor und den Pariser Platz habe es einen weiteren abgesperrten Bereich gegeben, so der Polizeisprecher. 

Wie auf Fotos erkennbar ist, war dieser Bereich von der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ durch die Kastenwagen der Polizei abgetrennt. „Es waren Teilnehmer anderer Kundgebungen“, sagte der Polizeisprecher. Um das Brandenburger Tor hätten im Tagesverlauf weitere Kundgebungen stattgefunden, die von anderen Veranstaltern angemeldet worden seien. 

„Dort hatten wir zeitgleich eine Versammlung unter dem Motto ‘Reform 3000  – Stolperstein auf der Querdenker-Demo’, die angemeldet war von 10:30 bis 18 Uhr. Und ebenfalls auf dem Pariser Platz eine Kundgebung ‘Gegen Rassismus, Antisemitismus – kein Fußbreit den Verschwörungstheoretikern’ von 10:30 bis 17:30 Uhr“, so der Sprecher. Die Angaben der Polizei von 20.000 Teilnehmer beziehen sich auf die große Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“.

Zur Teilnehmerzahl der anderen Kundgebungen um das Brandenburger Tor und auf dem Pariser Platz macht die Polizei keine Angaben. Großzügig mit dem „Mapchecking“-Tool berechnet hätten dort dicht gedrängt (fünf Personen pro Quadratmeter) 88.200 Menschen Platz.

Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

Jedoch ist auf Fotos zu sehen, dass die Menschen auch dort nicht dicht gedrängt versammelt waren.

Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)
Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Es haben nicht 500.000 bis über eine Million Menschen an der Kundgebung auf der Straße des 17. Juni teilgenommen. Die Polizei spricht von 20.000, Schätzungen zufolge würde die Fläche zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule maximal rund 173.600 Menschen dicht gedrängt zulassen. So dicht standen die Menschen am Samstag Luftaufnahmen zufolge jedoch nicht. Diese entstanden kurz nach Beginn der Veranstaltung. Selbst wenn später noch zahlreiche weitere Menschen zu der Kundgebung hinzugestoßen wären, sind Zahlen von 500.000 oder mehr Teilnehmern nicht realistisch. 

3. Behauptung: Die Polizei habe selbst von 800.000 Teilnehmern beim Demonstrationszug gesprochen

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe von 800.000 Menschen bei der Anti-Corona-Demonstration gesprochen, die durch die Stadt zog. Auch Daniel Wald, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt verbreitet diese Behauptung auf Facebook.

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte die Polizei Berlin diese Behauptung. Telefonisch bestätigte ein Sprecher die in einer Pressemitteilung am Samstag veröffentlichten Zahlen. Demnach nahmen höchstens 17.000 Personen an der Demonstration teil, die am Samstag gegen 11 Uhr Unter den Linden begann und gegen 14 Uhr noch vor der Straße des 17. Juni endete.

In einem Tweet teilte die Polizei Berlin bereits am 1. August mit, dass sie die „exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll“ nicht bestätigen könne.

Fazit: Falsch. Die Polizei sprach nicht von 800.000 Teilnehmern bei der Demonstration, sondern von 17.000.

4. Behauptung: Die Polizei habe getwittert, es seien 3,5 Millionen Teilnehmer bei der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigt

Auf Facebook wird außerdem ein angeblicher Tweet der Polizei Berlin verbreitet. Demnach habe die Polizei getwittert: „Auf der ‘Tag der Freiheit’ Demonstration können wir zurzeit mindestens 3,5 Millionen Teilnehmer bestätigen.“ 

Sowohl der Twitter-Account-Name als auch das Logo des Accounts „Polizei Berlin Einsatz“ des Screenshots des angeblichen Tweets stimmen mit dem verifizierten Account der Berliner Polizei überein. Dort ist ein solcher Tweet aber nicht zu finden. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte ein Sprecher der Polizei Berlin, dass die Polizei zu irgendeinem Zeitpunkt einen solchen Tweet veröffentlicht habe.

Eine Google-Suche nach dem Text des Tweets führt zu keinen relevanten Treffern. Der Screenshot des Tweets ist also eine Fälschung.

Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die Polizei hat nicht getwittert, sie könne 3,5 Millionen Teilnehmer auf der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigen.

Update, 5. August 2020: Zunächst hatten wir geschrieben, dass uns die Quelle der Luftaufnahme bei der Tagesschau unbekannt sei; diese Information haben wir ergänzt. Zudem haben wir den Text um Passagen über die angebliche Aufspaltung des Demonstrationszuges durch die Polizei ergänzt und erklärt, dass die Menschen rund um das Brandenburger Tor nicht zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ gehörten. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Angaben von 500.000 oder bis zu 3,5 Millionen Menschen bei dem Protest in Berlin sind falsch.

Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington.
Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine Gruppe Mediziner, die sich „America’s Frontline Doctors“ nennen, ziehen weltweit Aufmerksamkeit mit der unbelegten Behauptung auf sich, Covid-19 könne mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin geheilt werden. Ärztin Stella Immanuel verbreitet schon seit Jahren unwissenschaftliche Mythen.

In weißen Kitteln steht eine Gruppe Menschen vor dem US Supreme Court in Washington. Sie nennen sich America’s Frontline Doctors und sprechen davon, dass niemand an Covid-19 erkranken müsse. Es gebe ein Heilmittel, das Erkrankte gesund mache und Gesunde präventiv vor einer Erkrankung schütze: Hydroxychloroquin. Alle Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus seien zudem hinfällig und nutzlos. 

Hydroxychloroquin ist ein Medikament, das gegen Malaria eingesetzt wird, entzündungshemmend wirkt und auch gegen rheumatologische Erkrankungen helfen soll. Doch: Seit Monaten warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gibt keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet ist. Das Video der „Frontline Doctors“ verbreitete sich trotzdem rasant in mehreren Ländern auch weil sich prominente Unterstützer fanden.

Am 27. Juli war die rechtspopulistische Nachrichtenseite Breitbart News laut Medienberichten live auf Facebook und übertrug die Pressekonferenz der „Frontline Doctors“. Unterstützt wurde die Veranstaltung von den „Tea Party Patriots“, einer rechtskonservativen politischen Organisation. Der Republikaner Ralph Norman eröffnete die Pressekonferenz. 

Youtube, Facebook und Twitter löschten Videos der „America’s Frontline Doctors“

Auch wenn das Video der Pressekonferenz mittlerweile von Youtube gelöscht wurde, findet sich auf dem Youtube-Kanal der „Tea Party Patriots“ noch ein über dreistündiges Video des sogenannten Gipfeltreffens der „Frontline Doctors“. Das Video tauchte auch in Deutschland auf: Die Pressekonferenz ist auf der Webseite „Corona-Datencheck“ zu finden. Ein Ausschnitt des Videos findet sich unter anderem mit deutscher Beschreibung auf der Plattform Bittube. Das Video dort trägt das Logo der Jugendorganisation „Turning Point USA“, die Donald Trump im Wahlkampf nahesteht.  

Nicht nur auf Youtube wurden die Videos der Pressekonferenz gelöscht, auch Facebook und Twitter löschten laut Medienberichten Posts, die Videos der „Frontline Doctors“ verbreiteten ­ darunter auch Tweets von US-Präsident Donald Trump und seinem Sohn Donald Trump Jr.. Auch Musikerin Madonna, die laut den Berichten schon häufiger Falschinformationen während der Corona-Pandemie verbreitete, veröffentlichte Botschaften der Gruppe und bezeichnete Stella Immanuel, eine der Ärztinnen im Video, als ihre Heldin

Facebook begründete die Löschung der Videos dem US-Nachrichtensender CNN zufolge damit, dass das Video falsche Informationen über die Heil- und Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 verbreite. Bevor das Facebook-Live-Video auf Breitbart News von Facebook gelöscht wurde, sei es mehr als 20 Millionen Mal angeklickt worden, schreibt NBC-Reporterin Brandy Zadrozny auf Twitter

Donald Trump verteidigte erneut den Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid-19

Auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses am 28. Juli verteidigte Donald Trump die Tatsache, dass er das Video und das Statement einer der auftretenden Ärztinnen, Stella Immanuel, geteilt hatte: Sie sagte, sie habe enormen Erfolg bei hunderten von verschiedenen Patienten und ich hielt ihre Stimme für eine wichtige Stimme, aber ich weiß nichts über sie. Erneut betonte er, dass er selbst 14 Tage lang im Mai präventiv Hydroxychloroquin eingenommen habe und es ihm gut gehe. Immer wieder pries Donald Trump in den vergangenen Monaten das Malaria-Medikament als Heilmittel gegen Covid-19 an.

Doch wer sind die „Frontline Doctors“? Die Webseite der Gruppierung ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Sie sei vom Website-Host Squarespace am 28. Juli gelöscht worden, schreibt eine der Ärztinnen auf Twitter. In der archivierten Version der Webseite ist zu lesen, dass die Mediziner ankündigten, einen Weiße-Kittel-Gipfel abzuhalten, um „die Amerikaner zu ermächtigen, nicht länger in Angst zu leben“. Die US-Bürger seien angeblich Opfer einer „massiven Desinformationskampagne“ geworden. Spätestens bei dem öffentlichen Auftritt am vergangenen Montag vor dem Supreme Court wurde deutlich, dass es ihnen dabei um den Umgang mit der Corona-Pandemie ging. 

Ärztin Stella Immanuel behauptet, Hunderte Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin geheilt zu haben

Besonders eindrücklich sind dabei die Worte von Stella Immanuel. Sie gibt an, Ärztin in Houston, Texas zu sein und Medizin in Nigeria studiert zu haben. Bei der Liveübertragung vor dem Supreme Court redete sie sich regelrecht in Rage: Ich habe persönlich mehr als 350 Menschen mit Covid behandelt. Patienten, die die Diabetes haben, die Bluthochdruck haben, Patienten die Asthma haben. Ich habe ihnen Hydroxy gegeben, ich habe ihnen Zink gegeben, ich habe ihnen Zithromax gegeben, und es geht ihnen allen gut. 

Zudem habe sie sich selbst, medizinischen Angestellten und vielen anderen Ärzten auch Hydroxychloroquin zur Prävention gegeben. Niemand müsse krank werden, niemand müsse sterben, sagt Immanuel: Für dieses Virus gibt es Heilung. Und das sind Hydroxychloroquin, Zink und Zithromax. 

Studien, die vor Hydroxychloroquin warnten, seien gefälschte Wissenschaft und das Tragen von Schutzmasken und Abstandhalten bringe nichts, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, behauptet Immanuel weiter. Belege für diese Behauptungen liefert sie keine.

Seit Monaten gibt es Diskussionen über die Anwendung des Malaria-Medikaments im Kampf gegen Covid-19

Zu Beginn der Corona-Pandemie häuften sich weltweit Meldungen, das Malaria-Medikament könne bei der Behandlung von Covid-19 helfen. So hatte die U.S. Food and Drug Administration (FDA), die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, im März eine Notfallgenehmigung für den Einsatz von Hdydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 erteilt. 

Auch in anderen nicht-europäischen Ländern wurden ähnliche Regelungen erlassen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Hinweispapier zum Umgang mit Covid-19-Erkrankten schreibt. Doch die Entscheidung fußte laut der Behörde lediglich auf Einzelfallberichten und Beobachtungsanalysen, die zu uneinheitlichen Ergebnissen führten, was die Sicherheit und Wirksamkeit von Hydroxychloroquin anbelangt. 

Im Mai sorgte dann eine Studie für Aufsehen, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden war. Dort wurde nicht nur die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Frage gestellt, sondern behauptet, das Medikament würde schwere Nebenwirkungen hervorrufen und das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde massiv kritisiert, drei der vier Autoren gaben laut Medienberichten ihren Rückzug aus der Studie bekannt.  

Trotz Zweifeln an der Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Daten führte die Studie jedoch zum Widerruf der Notfallgenehmigung im Juni durch die FDA, wie das RKI schreibt

Inzwischen wurden einige klinische Studien zu Hydroxychloroquin wieder aufgenommen, wie auch in einem Papier des RKI zur Erkennung, Diagnostik und Therapie von Covid-19 vom 22. Juli zu lesen ist (Seite 12).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine Belege für eine Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19. Auch die WHO rät von einer Einnahme ab, weil sie gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar zum Tod führen könne.

Laut Stella Immanuel löschte Facebook ihre private Seite

Zahlreiche Medien berichten davon, dass Stella Immanuel dubiose, unwissenschaftliche Überzeugungen vertrete und verbreite. 

Immanuel arbeitet im Rehoboth Medical Centre in Houston, Texas. Online zu finden ist lediglich eine Facebook-Seite der Privatklinik, Facebook löschte die private Seite der Ärztin offenbar. Auf Twitter schrieb sie dazu: Wenn meine Seite nicht wiederhergestellt wird, wird Facebook im Namen Jesu zusammenbrechen. In ihrer Twitter-Biografie schreibt sie über sich selbst, sie sei unter anderem Ärztin, Autorin, Rednerin sowie Gottes Streitaxt und Kriegswaffe”. 

Immanuel verteufelt Masturbation und glaubt an Dämonen sowie Reptilien, die die Welt regieren

Außerdem predigt sie in der Fire Power Ministry. Dahinter verbirgt sich offenbar eine missionarische, religiöse Organisation. Die Website der Organisation ist nur in einer archivierten Version verfügbar. Aber auf Immanuels Youtube-Kanal finden sich seit 2009 Videos, in denen sie beispielsweise 2011 behauptete, wer masturbiere und Sexträume habe, rufe Dämonen, was wiederum die Ursache für zahlreiche gynäkologische Krankheiten sei.

Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)
Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

2015 behauptete sie in einem Video, DNA von Aliens werde in medizinischen Behandlungen genutzt. Wissenschaftler würden einen Impfstoff entwickeln, um Menschen daran zu hindern, religiös zu sein und Reptilien säßen anstatt Menschen in der Regierung. Auch verbreitete sie die Behauptung, Illuminati und Dämonen würden die Weltordnung bestimmen. Lediglich die Kirche habe den Auftrag, diese Rolle zu übernehmen. Der Glaube daran, dass „Reptiloide“, also Echsenmenschen, die Länder der Welt anführen würden, ist ein Verschwörungsmythos. 

Fazit: Unbelegte Heilsversprechen einer umstrittenen Ärztin

Seit Beginn der Pandemie wird an der Wirksamkeit und den Folgen der Behandlung mit Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten weltweit diskutiert und geforscht fest steht bislang, dass die Anwendung des Medikaments keine Wirksamkeit bei der Heilung oder Prophylaxe gegen das Coronavirus zeigt. 

Für die Behauptung von Stella Immanuel, sie habe Hunderte Patienten mit dem Medikament geheilt, gibt es keine Belege. Immanuel, deren Aussagen bei der Pressekonferenz der „Frontline Doctors“ auch im Weißen Haus diskutiert wurden, berief sich in der Vergangenheit bei vielen ihrer Äußerungen nicht auf wissenschaftlich fundierte Fakten, sondern auf religiöse Ansichten und verbreitete teils Verschwörungsmythen.

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Ein Corona-Test am 15. Juli in Sacramento in den USA. (Symbolbild: picture alliance/ZUMA Press)

von Cristina Helberg

In einem Artikel wird spekuliert, die Aufregung um das Coronavirus sei „ein riesiger Fake“. Denn in den USA könnten zehntausende Menschen fälschlich als Covid-19-Todesfälle deklariert worden sein. Damit solle die Sterberate angeblich „künstlich nach oben getrieben werden“. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine Belege.

Die Webseite Schweizer Morgenpost behauptet in einem Artikel, dass in den USA zehntausende Menschen als „falsche Coronatote“ gezählt worden sein könnten. „In amerikanischen Städten und Bundesstaaten wird offenbar die Sterblichkeit unter den am Coronavirus erkrankten Menschen künstlich nach oben getrieben“, heißt es weiter. Zudem wird behauptet, es sei eine „bekannte Tatsache“, dass positiv auf das Coronavirus getestete Menschen auch dann als Coronatote zählen, wenn sie bei einem Unfall oder durch andere Erkrankungen sterben würden. 

Der Artikel vom 21. Juli wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.600 Mal geteilt. Die Webseite Schweizer Morgenpost hat in der Vergangenheit wiederholt Falschmeldungen verbreitet, die wir geprüft haben. (Zum Beispiel hier, hier und hier)

Wir haben die Behauptungen zur Zählweise der Covid-19-Todesfälle in den USA geprüft. Es gibt keine Belege, dass die Zahlen viel zu hoch sind.

Anweisung des CDC widerspricht der Behauptung

Auf seiner Webseite schreibt das US-amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) deutlich: „Wenn COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben wird, wird die Angabe codiert und als Tod aufgrund von COVID-19 gezählt. COVID-19 sollte nicht auf dem Totenschein angegeben werden, wenn es den Tod nicht verursacht oder dazu beigetragen hat.“ Der Hinweis ist dort mindestens seit dem 28. Mai zu lesen, wie eine archivierte Version der Webseite zeigt. 

Schon am 3. April 2020 veröffentlichte das CDC außerdem eine detaillierte Anleitung, wie Totenscheine im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgefüllt werden sollen. Dort steht: „Zweck dieses Berichts ist es, Sterbebeglaubigern eine Anleitung für die ordnungsgemäße Bescheinigung der Todesursache in Fällen zu geben, in denen bestätigte oder vermutete Covid-19-Infektionen zum Tod geführt haben.“ Weiter wird in dem Dokument deutlich gemacht, dass im oberen, ersten Teil des Totenscheins die „unmittelbare Ursache für den Tod“ anzugeben sei. Bei einem tödlichen Unfall, wäre das demnach die tödliche Unfallverletzung und nicht eine eventuell vorliegende Coronavirus-Infektion. 

CDC weist auf mögliche spätere Änderungen hin 

Das CDC weist auf seiner Webseite außerdem daraufhin, dass es zwei Zählweisen der Covid-19-Todesfälle gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst laufen vorläufige Zählungen der Todesfälle bei der Behörde ein und werden veröffentlicht. Diese provisorischen Zählungen werden laufend überprüft und aktualisiert und können sich deshalb erhöhen oder verringern, wenn neue Daten zu Sterbeurkunden übermittelt wurden. Mit Stand 29. Juli 2020 zählte das CDC 148.866 Covid-19-Todesfälle in den USA.

Bundesstaat Washington änderte Zählweise im Juni 

Soweit die Anweisungen der Bundesbehörde. Allerdings wurden in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten offenbar trotzdem eine Zeitlang alle positiv getesteten Personen automatisch zu den Covid-19-Todesfällen gezählt. Die Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaat Washington veröffentlichte am 20. Juni eine Ankündigung, die Zählweise zu ändern. „Bisher haben wir alle Menschen, die starben und zuvor positiv auf Covid-19 getestet wurden, gezählt. Diese Methode identifiziert Personen, die das Virus hatten, sagt uns aber nicht, ob Covid-19 ihren Tod verursacht hat“, heißt es darin. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Als Grund für diese Vorgehensweise gibt die Behörde an, sie habe versucht, von Beginn des Ausbruchs an, Daten möglichst in Echtzeit zu veröffentlichen, um dem Gesundheitssystem und der Politik Zugang zu den aktuellsten Informationen zu ermöglichen. Der reguläre Prozess für die Erhebung der Daten dauere bis zu 18 Monate. 

Im Zuge der Umstellung der Zählweise Mitte Juni löschte die Behörde im Staat Washington am 17. Juni sieben Todesfälle aus der Corona-Statistik: zwei Suizide, drei Tötungsdelikte und zwei Todesfälle durch Überdosis. Außerdem wurden in der Statistik neue Kategorien eingeführt: „bestätigter Covid-19-Tod“, „große Wahrscheinlichkeit auf Covid-19-Tod“, „Verdacht auf Covid-19-Tod“ und „kein Corona-Tod“ (Beispiele dafür sind Mord, Überdosis, Selbstmord, Autounfall oder Krankheit mit klarem Ausschluss einer Covid-19-Erkrankung). 

Opfer eines Motorradunfalls in Florida als Covid-19-Todesfall gezählt?

Die Schweizer Morgenpost nennt in ihrem Artikel nur zwei Einzelfälle als angebliche Belege für „zehntausende“ falsch zugeordnete Todesfälle. Zum Beispiel den Fall eines Motorradunfalls in Florida: Ein dabei getöteter Mann sei wegen eines vorherigen positiven Corona-Tests als Coronatoter gezählt worden. Als Quelle bezieht sich die Seite auf die Berichterstattung des Fernsehsenders FOX35. Erst nach deren Berichterstattung sei der Mann von der Liste der Coronatoten genommen worden. 

Die US-Faktenchecker von Lead-Stories haben in einem Faktencheck analysiert, dass der Sender FOX35 den Fall aufgebauscht hatte. Die Faktenchecker schreiben: „Ein Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, den FOX35 mit den Worten aufzeichnete, er wisse nicht, ob der Tod des Motorradfahrers in die Covid-19-Zählung aufgenommen wurde oder nicht, ist nicht die Person, die die Todesursache bestimmt. Staats- und Bundesbeamte sagen, dass der Tod nicht zur Gesamtzahl der Todesfälle des Staates addiert wurde.“ 

Familie in Oklahoma streitet um Todesursache 

Außerdem verweist die Schweizer Morgenpost auf einen Bericht der Webseite The Oklahoman über einen Mann, der an Alzheimer erkrankt war und positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Familie glaubt laut dem Bericht, er sei an Alzheimer gestorben, weil seine Coronavirus-Symptome schon abgeklungen waren. Auf seinem Totenschein gab ein Arzt jedoch das Coronavirus als Todesursache an. 

Aus diesen beiden Einzelfällen zieht die Schweizer Morgenpost den Schluss: „Mittlerweile befürchten viele Amerikaner, dass Zehntausende auf den Todeslisten stehen könnten, die zwar am Coronavirus erkrankt waren, aber nicht daran gestorben sind. Das könnte auch in Europa der Fall sein und das Chaos um das Virus als einen riesigen Fake entlarven.“ 

Sterbefallzahlen werden offenbar eher unterschätzt 

Auch wenn in Einzelfällen die Frage, ob Personen an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, streitig sein kann, gibt es keinerlei Belege, dass „zehntausende Menschen“ in den USA falsch als Corona-Tote deklariert worden sein könnten und die Corona-Sterberate damit „künstlich“ nach oben getrieben werden soll. Stattdessen sind die US-Behörden offensichtlich darum bemüht, möglichst genaue Daten zu dokumentieren und arbeiten deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. 

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In Deutschland werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) auch Todesfälle in die Statistik aufgenommen, die nicht an, aber mit dem Virus gestorben sind. Wir haben einen ausführlichen Faktencheck dazu veröffentlicht. Eine Sprecherin des RKI teilte uns mit, Fälle, in denen ein Infizierter zum Beispiel durch einen Unfall sterbe, seien sehr selten, so dass die Statistik nicht verzerrt werde. Obduktionen von verstorbenen Covid-19-Patienten in Hamburg zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich an Covid-19 starb.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit Corona eher unterschätzt werden. Das sagte zum Beispiel der RKI-Chef Lothar Wieler am 3. April, als er auf die Kritik an der Zählweise in einer Pressekonferenz angesprochen wurde.Für Italien bestätigen diese Vermutung auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die kürzlich veröffentlicht wurden. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Corona-Todeszahlen in den USA „künstlich“ in die Höhe getrieben werden.

Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen
Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen (Symbolbild: Picture Alliance/ Robin Utrecht)

von Uschi Jonas

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Corona-Test schädige die Blut-Hirn-Schranke und könne zu Infektionen im Gehirn führen. Das ist falsch. Ein Neurologe erklärt, warum.

Wer engen Kontakt zu einer mit Covid-19 infizierten Person hatte, Symptome zeigt oder in einer Risikoregion war, sollte sich auf das Coronavirus testen lassen. So sieht es die Nationale Teststrategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) vor. 

Doch auf Facebook kursieren mehrere Beiträge (zum Beispiel hier, hier und hier), in denen behauptet wird, die Einführung des Stäbchens für den Test in die Nase würde eine hämato-enzephalitische Barriereschädigung der Schädeltiefe verursachen. Weiter wird behauptet, die Schädigung sei auch der Grund, weswegen das Einführen des Stäbchens schmerzen würde. Zudem diene der Test lediglich dazu, einen „direkten Eingang zum Gehirn für jede Infektion zu schaffen

Insgesamt wurden die Beiträge bislang mehr als 8.800 Mal auf Facebook geteilt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptungen sind falsch. Durch den Abstrich für den sogenannten PCR-Test kann es zu keinen Verletzungen kommen. Dass das Einführen des Stäbchens schmerzhaft sein kann, liegt an der Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut.

Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Für einen adäquaten Corona-Test empfiehlt das RKI Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen

Um auf das Coronavirus zu testen, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, dass möglichst Proben parallel aus den oberen und den tiefen Atemwegen entnommen werden. Diese dienen der PCR-Diagnostik zum direkten Erregernachweis. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und ist eine Methode, die zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt wird.

Für die Entnahme der Proben schlägt das RKI jeweils verschiedene Möglichkeiten vor. Für die oberen Atemwege solle entweder ein Rachenabstrich (Oropharynx) oder ein Nasenrachenabstrich (Nasopharynx) oder eine Nasenrachenspülung erfolgen. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeige, dass ein Nasenrachenabstrich einem Rachenabstrich vorzuziehen sei, denn „die Erregerkonzentration im Abstrich des Nasenrachens (Nasopharynx) [ist] im Vergleich 10 bis 100-fach höher“.

Nasenrachenabstriche wurden auch 2018 bei der Diagnostik des Coronavirus MERS-CoV durchgeführt und sind auch bei Influenza üblich. Dafür müssen Tupfer entlang der Nasenscheidewand tief in die Nase bis zur Rachenwand eingeführt werden, dann dort wenige Sekunden belassen und in rotierender Bewegung herausgezogen werden, wie das RKI schreibt. 

Neurologe: Corona-Test birgt kein Verletzungsrisiko für Schädeldecke oder Gehirn

Wider den Behauptungen in den Facebook-Beiträgen sei daran nichts gefährlich, schreibt Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, CORRECTIV in einer E-Mail. Schmerzhaft könne das Einführen des Stäbchens für den Nasopharynx-Abstrich zwar sein: Die Nasenschleimhaut ist empfindlich, vor allem bei Entzündungen. Aber der Test könne keinerlei Schaden verursachen, erklärt Berlit.

Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine wie in den Facebook-Beiträgen beschriebene „hämato-enzephalische Barriere“ gebe es nicht, so Berlit. „Es gibt eine Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgt, dass Blutbestandteile nicht in den Nervenwasser-Raum gelangen können.“ Diese befinde sich aber nicht in der Nase, erklärt der Neurologe. 

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Auch könne der Corona-Test keine Schädigung der Schädeldecke verursachen: Zwischen Gehirn und Nase sind unter anderem Knochen und Hirnhaut eine Schädigung durch Abstrichröhrchen ist unmöglich. 

Lediglich bei einer Verletzung der Schädelbasis, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall, könne es zu einer Verbindung zwischen Nasen- und Nervenwasserraum kommen. Dies birgt das Risiko von Hirnhautentzündungen. Eine solche Beschädigung könne nur dann dazu führen, dass Bakterien ins Gehirn gelangen, wenn der Knochen kaputt sei und ein Leck entstehe nicht durch den Abstrich mit einem Stäbchen für den Corona-Test, sagt der Neurologe.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Corona-Test kann keine Verletzung der Schädelbasis verursachen. Auch kann der Test nicht dazu führen, dass Bakterien direkt ins Hirn gelangen.