Vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am Sonntag ist die Türkei gespalten. Eine Herausforderung für die Faktenchecker des Landes. Es kursieren besonders viele gefälschte Bilder und Videos. Zwei türkische Faktenchecker berichten über ihre Arbeit.

„Die Türkei ist ein polarisiertes Land“, sagt Gülin Çavuş am Telefon. Çavuş arbeitet bei „Teyit“, auf Deutsch „Verifikation“. Sie hat das Faktencheck-Portal im Oktober 2016 mit einem Kollegen gegründet. Morgen, am Sonntag, soll das Land Parlament und Präsident wählen, entscheiden zwischen der AKP, der national-konservativen Partei von Recep Tayyip Erdoğan, der HDP, einer linken, pro-kurdischen Partei, und dem säkularen Überraschungskandidaten Muharrem İnce von der sozialdemokratischen CHP, neben weiteren Parteien.

In diesem Wahlkampf, sagt Çavuş, werden vor allem manipulierte Bilder verbreitet. Manchmal sei nicht klar, ob sie lustig oder ernst gemeint sind. Zum Beispiel, wenn İnce auf einem Fahrrad auf den Roten Platz in Moskau montiert wird oder tanzend in eine Moschee. Die Bilder hätten viele als wahr empfunden und sich darüber empört.

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Screenshot von „Teyit.org“

Opposition hat Chancen

„Erdoğan ist durch die Opposition bedroht“, sagt Can Dündar, der Chefredakteur von #ÖZGÜRÜZ, der türkischsprachigen Schwesterredaktion von CORRECTIV. Wie die Wahl ausgeht, werde eine Überraschung sein, die Ergebnisse der Meinungsumfragen gehen weit auseinander – daher glaube ihnen auch niemand. Doch die Opposition hat diesmal eine Chance.

Besonders viele Falschmeldungen

Während „Teyit“ vor allem falsche Behauptungen auf den sozialen Medien widerlegt, konzentriert sich Baybars Örsek, Gründer von „Doğruluk Payı“ („Genauigkeit teilen“) auf die Aussagen von Politikern.

„Das geringe Vertrauen in traditionelle Medien steigert das Interesse der Leute in Faktenchecks“, sagt Örsek. In der Türkei liegt das Vertrauen in traditionelle Medien laut einem Reuters-Bericht bei 40 Prozent.

Örsek steht in Rom, dort fand diese Woche eine internationale Faktencheck-Konferenz statt. Vor genau vier Jahren, am 20. Juni 2014, gründete er „Doğruluk Payı“. Motiviert von den Protesten im Gezi-Park, mit dem Ziel, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen.

Themen: Wirtschaft, Sicherheit, Gülen

Die Faktenchecker sehen verschiedene Trends. Es gebe so viele manipulierte Bilder und Videos wie nie zuvor. Die seien vor allem dann effektiv, sagt Çavuş, wenn sie Politiker mit Fethullah Gülen zeigen – dem wirft Erdoğan vor, einen Putsch im Jahr 2016 orchestriert zu haben. Über jede Partei im Wahlkampf kursieren Bilder, die Nähe zu Gülen andeuten. Außerdem spiele, wie bei Trumps Amtsantritt, auch die Größe von Menschenmengen eine Rolle, als ein Zeichen von Popularität.

Örsek und sein Team beschäftigen sich vor allem mit zwei Themen, die den Wahlkampf dominieren: Sicherheit und Wirtschaft.

So behauptete Erdoğan, dass die Türkei in seiner Amtszeit das größte Witschaftswachstum von allen Entwicklungsländern erreicht habe. Das widerlegte Örseks Team: Die Türkei lag mit 5,8 Prozent nur auf dem 35. Platz.

Mit wirtschaftlichen Themen können sie die Leute gut erreichen. Denn Faktenchecks sind besonders dann erfolgreich, wenn die Themen die Menschen direkt betreffen. Zum Beispiel im lokalen, wo Menschen eher von den Meinungen der Parteien abweichen. Genau das zeige sich auch bei der Wirtschaft.

Sehr viel schwieriger sei das Thema Sicherheit, zum Beispiel der Konflikt mit den Kurden. Es gebe kaum offizielle Daten dazu, die Regierung veröffentlicht nichts.

Glaubwürdigkeit der Faktenchecker

Die Regierung hat Kontrolle über die Daten, die sie veröffentlicht. „Wenn wir die Aussage eines Politikers widerlegen und schreiben können, dass dies laut Daten der Regierung nicht stimmt, kann man uns auch nicht vorwerfen, beeinflusst zu sein“, sagt Örsek.

Auch Çavuş und ihr Team achten sehr darauf, dass ihre Arbeit so neutral und unparteiisch ist wie möglich. Sie untersuchen zum Beispiel Behauptungen über alle Kandidaten, über Erdoğan genauso wie über İnce. Und sie versuchen, Balance zu halten in der Anzahl von Artikeln über die einzelnen Kandidaten.

Ein Anzeichen, dass dies funktioniert: Selbst die regierungsnahe Presse zitiert ihre Artikel – allerdings nur, wenn sie ihr passen.

Trotzdem werden die Mitarbeiter von „Teyit“ auch angefeindet – von allen Seiten, wie Çavuş sagt: „Sie wollen halt nur ihre eigene Perspektive sehen“.

Mehr Einreichungen bei „Teyit“

Vielen in der Türkei scheint bewusst, dass Falschmeldungen ein Problem sind. Seit Beginn des Wahlkampfs zu den vorgezogenen Wahlen erhält „Teyit“ viele Hinweise von Lesern über mögliche Falschmeldungen. Die Anzahl sei um 80 Prozent gestiegen. Außerdem besuchen mehr Menschen die Webseite.

Çavuş sieht allerdings Gefahr in solchen Falschmeldungen, „die Menschen skeptischer in Bezug auf den Wahlprozess machen würden.“

Menschen vertrauen dem Wahlprozess nicht

Die Parteien mobilisieren ihre Unterstützer bereits, morgen in den Wahllokalen zu sein und die Wahl zu beobachten.

„Die Erwartung von Wahlbetrug am Wahltag wird einige Probleme verursachen, denke ich“, sagt Çavuş.

Das bestätigt auch Can Dündar: „Viele Menschen vertrauen den Wahlergebnissen nicht.“ Das Misstrauen könnte manche davon abhalten, überhaupt zur Wahl zu gehen.

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