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Bewertung: teilweise falsch

Doppelmord Jungfernstieg: Geht die Staatsanwaltschaft unrechtmäßig gegen die Veröffentlicher des YouTube-Videos vor?

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Problematisch laut Staatsanwaltschaft: Das Video zeigt unter anderem, wie Ersthelfer eine Herz-Rhythmus-Massage an der Verletzten durchführen. (Symbolbild)© CPR Training von Rama unter Lizenz CC BY-SA 2.0 fr

von Caroline Schmüser

Am S-Bahnhof Jungfernstieg in Hamburg tötete ein Mann mit einem Messer seine Ex-Frau und das gemeinsame Kind. Im Nachhinein wurde auf YouTube ein Video veröffentlicht, das kurz nach der Tat aufgenommen wurde. Gegen die Verbreiter des Videos wird nun rechtlich vorgegangen. Laut dem Blog „Jürgen Fritz“ geschieht dies unrechtmäßig.

Am 12.04.2018 ereignete sich in Hamburg eine schreckliche Tat: Ein Mann stach am S-Bahnhof Jungfernstieg mit einem Messer auf eine Frau und deren 1-jähriges Kind ein. Das Kind verstarb sofort, die Mutter erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Bei den Opfern handelt es sich um die Ex-Frau des 33-jährigen Mannes aus dem Niger sowie das gemeinsame Kind.

Der Blog „Jürgen Fritz“ schreibt, der Täter habe „seinem einjährigen Kind den Kopf abgetrennt“. Als Quelle für diese Information nennt „Jürgen Fritz Blog“ ein YouTube-Video. Dieses Video wird schon seit mehreren Tagen von rechten Blogs wie „Truth24“ und „Schlüsselkind“ geteilt und kommentiert. Die Staatsanwaltschaft würde versuchen, dieses Detail zu vertuschen, und mit „harter Hand gegen diejenigen vorgehen, die sie für die Verbreitung des Videos verantwortlich machen“.

So kam es zu einer Hausdurchsuchung bei dem Mann, der das Video des Tatorts auf YouTube ursprünglich veröffentlicht hatte. Im Netz kursieren derzeit ein angeblicher Durchsuchungsbeschluss und ein Durchsuchungsprotokoll.  Die Dokumente enthalten auch nähere Details zum Tathergang. „Jürgen Fritz Blog“ nennt die Hausdurchsuchung „illegitim“.

Wir haben mit der Hamburger Staatsanwaltschaft und der Polizei Hamburg über die Vorwürfe gesprochen, und uns bei unabhängigen Experten zur Rechtslage kundig gemacht. Hier die Antworten.

Details zu Verletzungen gegen Persönlichkeitsrechte

Die Information, das Kind sei vom Täter enthauptet worden, entnimmt „Jürgen Fritz Blog“ einem YouTube-Video. Das Video wurde kurz nach der Tat am Tatort aufgenommen und zeigt den Körper des leblosen Kindes sowie die in einer Blutlache liegende Mutter, außerdem Zeugen, Lebensretter und Polizeibeamte. Der Filmende hält die Kamera immer wieder auf die Opfer und sagt an einer Stelle: „He cut off the head of the baby”.

Laut dem Autor Jürgen Fritz hatten die Polizei und Staatsanwaltschaft Hamburg nicht gewollt, dass die Öffentlichkeit erfahre, dass das einjährige Baby „geköpft wurde“. „Eine offizielle Bestätigung dazu gab es nicht und die sollte es wohl auch nicht geben“, so der Blog.

Auf Anfrage teilte uns die Oberstaatsanwältin Nana Frombach der Staatsanwaltschaft Hamburg mit, dass das Kind „aufgrund schwerer Schnittverletzungen am Hals verstarb.“ Mehr Details zum Tathergang sowie zu den Verletzungen der Opfer könne die Staatsanwaltschaft nicht geben.

Dies sei jedoch nicht unüblich, sondern habe rechtliche Gründe: Zum einen würden die Ermittlungen noch laufen, zum anderen könne man dies wegen dem „Schutz der Persönlichkeitsrechte des Kindes“ nicht mitteilen. Das Persönlichkeitsrecht gilt auch über den Tod einer Person hinaus.

„Erst wenn es zu einer gerichtlichen Anklage kommt, werden Details zum Tathergang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, erklärte Frombach.

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Behörden gehen gegen Veröffentlicher des Videos vor

Jürgen Fritz kritisiert nun, dass gegen die Männer, die das Video publik machten, strafrechtlich vorgegangen wird. An dem Video sei „nichts, aber auch gar nichts justiziabel“, heißt es im Artikel.

Das sieht die Staatsanwaltschaft anders: Das Video steht im Verdacht, die Persönlichkeitsrechte der Verstorbenen zu verletzen. So macht sich laut Strafgesetzbuch strafbar, wer „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt“, und auch wer solche Bildaufnahmen „gebraucht oder einer dritten Person zugänglich macht“.

Obertaatsanwältin Nana Frombach teilte uns telefonisch mit, besonders problematisch sei, dass der entblößte Bauch der Verletzen und die Durchführung der Reanimationsmaßnahmen von Ersthelfern klar zu sehen seien. Die Frau rang während der Aufnahme außerdem mit dem Tod.

Das leugnet Jürgen Fritz. Er behauptet, „die am Tatort agierenden Ersthelfer bei der Durchführung der Herz-Rhythmus-Massage“ seien nicht zu sehen – das ist aber falsch. CORRECTIV kann nach Sichtung des Videomaterials die Aussage Frombachs bestätigen.

Eine weitere Begründung von Jürgen Fitz lautet, man sehe kein Gesicht und keine Verletzungen.

Juristisch umstritten

Die Begründung von Jürgen Fritz ist wohl nicht haltlos. Nora Lorentz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienrecht der Universität Köln, schätzte den Fall für uns sein.

Die Aussage „nichts, aber auch gar nichts justiziabel” ginge zu weit, so Lorentz. Eine Strafbarkeit der Verbreiter des YouTube-Videos sei nicht vollkommen ausgeschlossen. Aber sie sei auch nicht unbedingt zwingend und sogar zweifelhaft.   

Der Fall betreffe rechtlich, so Lorentz, eine Strafbarkeit nach § 201a StGB. Es würden sich jedoch zwei Probleme stellen: Zum einen, ob neben lebenden auch sterbende oder gestorbene Personen vom betreffenden Paragraphen umfasst seien. Dies sei in der juristischen Literatur umstritten.

Fraglich sei außerdem, ob die Frau oder das Kind auf dem Video entsprechend erkennbar waren. Auch zu dieser Sachlage gäbe es unterschiedliche Meinungen: Von einigen Juristen würde eine klare Erkennbarkeit gefordert, andere würden wiederum behaupten, die abgebildete Person müsse nicht zwingend vollständig erkennbar sein.

Unsere Bewertung:
Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen die Veröffentlicher. Eine Strafe wurde noch nicht ausgesprochen, die Staatsanwaltschaft hält die Aufnahmen aber für problematisch. An der Strafbarkeit der beiden Männer bestehen juristische Zweifel.

Bewertung: falsch

Nein, Donald Trump hat den italienischen Präsidenten Mattarella nicht „Mozzarella“ genannt

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Die Präsidenten der USA und Italiens trafen sich am 16. Oktober in Washington. Nun werden hämische Witze über angebliche Aussagen Trumps gemacht. (Foto: Brendan Smialowski / AFP)

von Tania Röttger

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella „Mozzarella“ genannt. Das stimmt aber nicht.

Am 17. Oktober erschienen auf Facebook und Twitter Beiträge auf Englisch und Deutsch, in denen behauptet wird, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella bei einem Treffen in Washington „Präsident Mozzarella“ genannt. Außerdem habe Trump gesagt, „die USA seien schon seit den Zeiten des antiken Roms (!) Verbündete“. Beide Aussagen hat Trump so jedoch nicht getroffen.

Einer der Facebook-Beiträge mit den Behauptungen, der bisher 290 Mal geteilt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Kein „Mozzarella“ von Trump

Es gibt zwei Situationen bei den Pressekonferenzen vom 16. Oktober in Washington, wo sich die beiden Präsidenten öffentlich trafen. In einer stehen Sergio Mattarella und Donald Trump nebeneinander, in der anderen sitzen sie, hinter ihnen zwei Übersetzer. Die Videos der Pressekonferenzen sind bei Youtube verfügbar. Inzwischen erstellt Youtube automatisch Transkripte von Videos. Wir suchten darin nach dem Wortteil „ella“, und tatsächlich kommt zweimal das Wort „Mozzarella“ im Transkript der stehenden Pressekonferenz vor. 

Allerdings sagt dort nicht Donald Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer, der die Fragen italienischer Journalisten an Mattarella übersetzt. Einmal bei der Stelle 1:13:13 und einmal ab 1:23:20.

Ob es nicht eher wie „Mazzarella“ klingt, also das „t“ von Mattarella hart ausgesprochen, muss jeder nach dem Hören entscheiden.

Das Youtube-Transkript erkennt zweimal das Wort „Mozzarella“ in der Pressekonferenz. Allerdings sagt nicht Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Trump sagt den Namen des italienischen Präsidenten nur einmal. Ab Minute 41:30 klingt es wie „Madurella“, Youtube transkribiert es so: „President Maduro ella“. Trump sagt also an keiner Stelle „Präsident Mozzarella“.

Auch die Faktenchecker der amerikanischen Organisation Snopes kamen zu diesem Ergebnis. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Beiträge mit der Behauptung auf den Sozialen Netzwerken kein Video-Material enthielten. Wir fanden dieselbe Situation bei den deutschen Beiträgen.

Und manche, die welches enthielten, wie ein Tweet von EHA News, zeigten ein Video, in dem die angebliche Aussage gar nicht vorkommt. In dem Ausschnitt von EHA News geht es um Server, zu denen Trump Zugang erhalten möchte.

Kaum ein Tweet enthält Videomaterial – und wenn, dann kommt darin nicht das Wort „Mozzarella“ vor, weder von Donald Trump noch von dem Übersetzer. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Übersetzerin

Eine weitere Protagonistin der Behauptungen ist die Übersetzerin, die beim gemeinsamen Gespräch hinter den Präsidenten sitzt. Im Video der sitzenden Pressekonferenz sieht man, wie sie konzentriert in verschiedene Richtungen sieht, und anscheinend Notizen macht über das, was Trump sagt. Danach übersetzt sie Trumps Aussagen ins Italienische und stützt sich dabei auf ihre Notizen. 

Einige Beiträge benutzen Bilder der Frau und behaupten, ihre Blicke seien Reaktionen auf Trumps angebliche „Mozzarella“-Versprecher. Wer sich jedoch Videos der Pressekonferenz ansieht, bei der die Übersetzerin anwesend war, kann beobachten, dass sie ihre konzentrierten Blicke, die manche als Entsetzen, Kritik oder Unglauben deuten, unabhängig davon wirft, über welches Thema Trump gerade spricht. 

Ein konzentrierter Blick der Übersetzerin, während Trump über die Beziehungen der USA mit den Kurden spricht. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Die USA und das antike Rom

Weiteren Spott erhält Trump wegen einer Aussage, die er am Anfang der Pressekonferenz trifft. Dort sagt er: „Die Vereinigten Staaten und Italien sind verbunden durch ein geteiltes kulturelles und politisches Erbe [heritage], das tausende Jahre zurückgeht, bis ins antike Rom.“

Er sagt also nicht, dass die USA, die 1776 gegründet wurden, mit dem Römischen Reich „verbunden“ gewesen seien, das im Jahr 476 n. Chr. unterging. 

Snopes urteilt im Faktencheck: „Der Einfluss des Römischen Reichs auf die Gründung und Prinzipien der Amerikanischen Republik sind gut dokumentiert und Trumps Aussage ist historisch stichhaltig.“ Auch andere Medien, darunter Newsweek, berichten, dass Historiker Trump zur Seite springen und seine Aussage als richtig bezeichnen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Trump nannte den italienischen Präsidenten am 16. Oktober 2019 nicht „Mozarella“ und sagte auch nicht, dass die USA und Italien vor tausenden Jahren miteinander verbunden gewesen sind.

Bewertung: falsch

Die Polizei Berlin fahndet nach einem Unbekannten – die Seite „Truth24“ macht aus ihm einen muslimischen Asylbewerber

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Mit Aufnahmen von einer Überwachungskamera sucht die Polizei Berlin einen mutmaßlichen Sexualstraftäter. (Quelle: Polizei Berlin / Collage und Schwärzung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, die Polizei habe ein halbes Jahr eine Vergewaltigung durch einen muslimischen Asylbewerber vertuscht. Das ist falsch. Über den Täter ist nichts bekannt – und gesucht wird er wegen sexueller Nötigung. Die Polizei begründet, weshalb sie mit dem Fall spät an die Öffentlichkeit ging. 

Die Polizei Berlin fahndet seit dem 17. September nach einem Mann, der am 24. Februar eine Frau in einem Hausflur angegriffen und sexuell genötigt haben soll. Die Webseite Truth24 behauptet in einem Artikel vom 18. September, die Polizei habe die Tat ein halbes Jahr lang „vertuscht“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Text enthält falsche und unbelegte Behauptungen. 

Der Beitrag der Facebook-Seite von Truth24, „Wahrheitspresse“. (Screenshot am 18. Oktober und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Fahndung ist noch aktuell. Der Grund, weshalb sie erst Monate nach dem mutmaßlichen Vorfall veröffentlicht wurde, ist laut Polizeisprecher Martin Halweg, dass eine Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos oder Videos „das letzte Mittel“ sei. Dafür brauche die Polizei einen richterlichen Beschluss, sagt er uns am Telefon. Sie werde erst eingesetzt, wenn die anderen Ermittlungen nicht zum Erfolg führten. In einem Artikel der WAZ wird erklärt, dass es so explizit in der Strafprozessordnung steht.

Zu dem Fall sei zudem im Februar keine Polizeimeldung geschrieben worden, weil dies bei Sexualdelikten nicht üblich sei. Es gehe dabei um den Schutz der Betroffenen, die durch öffentliche Berichterstattung nicht noch einmal traumatisiert werden sollten, erklärt Halweg.

Keine Belege, dass der Täter Ausländer oder Muslim ist 

Dass der Mann die Frau „brutal vergewaltigt“ habe, wie im Truth24-Artikel steht, ist unbelegt. Laut dem Fahndungsaufruf wird der Mann wegen sexueller Nötigung gesucht – für eine schwerere Straftat gebe es bisher keine Hinweise, sagt Halweg. 

Truth24 behauptet zudem, die Polizei suche nach einem „tatverdächtigen Armutsasylanten“ und der Gesuchte sei Muslim. Die einzige Grundlage dafür ist offenbar ein von Truth24 interpretiertes „arabisch-orientalisches Aussehen“ des Mannes. Es gibt keine Belege für die Behauptungen. 

Die Identität des Mannes ist unbekannt, also auch seine Religion, Nationalität oder sein Aufenthaltsstatus. Die Öffentlichkeitsfahndung enthält nichts außer Aufnahmen einer Überwachungskamera in einem U-Bahnhof und einer groben Beschreibung des Tatverdächtigen. Auch der Polizei liege über die Täterbeschreibung hinaus nichts über diese Person vor, so Halweg. 

Personenbeschreibung der Polizei in der Öffentlichkeitsfahndung (Screenshot am 18. Oktober: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Identität des gesuchten Mannes ist unbekannt und es wird ihm keine Vergewaltigung vorgeworfen, sondern sexuelle Nötigung. Es gibt keine Hinweise, dass die Polizei die Tat vertuscht hat. 

Bewertung: teilweise falsch

Marburg: „Truth24“ verbreitet falsche Behauptungen zu Angriff auf der Kirmes

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Auf der Kirmes in Marburg kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der ein Jugendlicher schwer verletzt wurde. (Symbolfoto: Michael Gaida / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem gewaltsamen Zwischenfall auf der Kirmes in Marburg verbreitet die Seite Truth24 falsche Spekulationen zur Nationalität der Tatverdächtigen. Richtig ist: Ein 16-Jähriger schoss mit einer Schreckschusspistole auf eine Gruppe und wurde daraufhin mit einem Messer verletzt. 

„Kirmes Marburg: Asylantenhorden beschießen sich – Bub (16) Kehle aufgeschlitzt“ – so lautet die Überschrift eines Artikels von Truth24, den die Seite am 12. Oktober veröffentlichte. Darin wird behauptet: „Mehrere afrikanische und arabische Armutsflüchtlinge rotteten sich auf der Marburger Stadtkirmes zusammen, terroriesierten [sic!] die Besucher, schossen um sich und schnitten einem Buben die Kehle durch. Der liegt nun schwer verletzt in der Klinik.“ Auch für den Facebook-Beitrag der Seite „Wahrheitspresse“ von Truth24 wurde dieser Text als Beschreibung eingefügt. 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle auf Facebook insgesamt mehr als 4.100 Mal geteilt – allein der Beitrag bei „Wahrheitspresse“ rund 2.000 Mal. Der Text bezieht sich auf eine Polizeimeldung vom 11. Oktober, enthält aber falsche Behauptungen. 

Der Facebook-Beitrag vom 13. Oktober. (Screenshot am 17. Oktober: CORRECTIV)

Die Polizei berichtete, auf der Kirmes in Marburg seien am Freitag, 11. Oktober, Schüsse aus einer Gaspistole abgefeuert worden. Es habe eine Auseinandersetzung zwischen „zwei Gruppen von Flüchtlingen“ gegeben. Ein Beteiligter habe eine „offensichtliche Schnitt- oder Stichverletzung“ erlitten und sei ins Krankenhaus gebracht worden. Die Verletzung sei „nach jetzigem Wissen nicht lebensgefährlich“. Die Lage sei noch unübersichtlich, zwei mutmaßliche Beteiligte sowie zwei Zeugen seien von der Polizei mitgenommen wurden. Die Ermittlungen dauerten an.

All dies steht zwar auch im Artikel von Truth24, die Tatsache, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelte, wird jedoch erst weit unten im Text erwähnt – und die Überschrift suggeriert, es sei eine echte Waffe gewesen. 

Die Berichte der Polizei lieferten am 11. und 12. Oktober außerdem keine Hinweise, dass es sich um afrikanische oder arabische Flüchtlinge handele. Dies ist also eine Spekulation von Truth24. Zudem wird in dem Truth24-Text durch den Satz „Deutsche werden immer wieder Mordopfer“ suggeriert, das Opfer sei Deutscher. 

Sprecher der Staatsanwaltschaft: Beteiligte sind Pakistaner

Richtig ist: Sowohl der 16-jährige Verletzte als auch zwei der mutmaßlichen Tatverdächtigen sind Pakistaner und Asylbewerber, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Marburg, Timo Ide, gegenüber CORRECTIV am Telefon. 

Auch die Darstellung des Vorfalls im Truth24-Artikel weicht von den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ab. Demnach haben sich nicht zwei Gruppen von Flüchtlingen „zusammengerottet und Besucher terrorisiert“. Sondern der 16-Jährige schoss mit einer Schreckschusswaffe auf eine Gruppe von drei oder vier Personen. Diese stürzten sich daraufhin auf ihn. In dem „Gerangel“ habe der 16-Jährige eine große Schnittverletzung quer über den Hals erlitten, erklärt Ide. Bisher seien zwei Mitglieder der Gruppe identifiziert. 

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Der Verletzte sei inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen, und die beiden anderen Männer auf freiem Fuß, so Ide weiter. Es hätten keine Belege vorgelegen, dass sie den 16-Jährigen mit einem Messer verletzt hatten. Die Ermittlungen dauerten noch an. 

Zu dem Zeitpunkt, als der Artikel von Truth24 veröffentlicht wurde, waren viele dieser Informationen noch nicht bekannt. Der Artikel ist aber bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht korrigiert worden.  

Artikel verbreitet unbelegte Behauptungen zur Statistik von Messerattacken

Unbelegt ist zudem die in dem Artikel aufgestellte Behauptung, Messerattacken würden „statistisch – in Relation zum Bevölkerungsanteil – am häufigsten durch Moslems und Afrikaner begangen“. Eine bundesweite Statistik zu Messerattacken gibt es bisher nicht. Zudem wird die Religionszugehörigkeit von Tatverdächtigen in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst. 

Lediglich einige Bundesländer erfassen bereits Angriffe mit Messern. Sie liefern unterschiedliche Ergebnisse und lassen keine Rückschlüsse auf ganz Deutschland zu. So hat Baden-Württemberg in seinem Sicherheitsbericht (Seite 39) vermerkt, dass 2018 bei Gewaltkriminalität mit Messern 59,9 Prozent der Tatverdächtigen Ausländer waren. Im Saarland dagegen hat ein Lagebild zu „Messervorfällen“ ergeben, dass bei 1.490 Fällen vom 1. Januar 2016 bis 30. April 2018 die Mehrheit der Tatverdächtigen Deutsche waren: 842 Personen oder 56,5 Prozent.

Diese Statistiken liefern also keinen Beleg für die Behauptung in dem Truth24-Artikel.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift und der erste Absatz des Textes geben den Sachverhalt verzerrt wieder und nennen falsche Nationalitäten der Tatverdächtigen. Die Behauptung zur Statistik von Messerangriffen ist unbelegt.

Bewertung: teilweise falsch

Mutmaßliche Sexualstraftat in Stralsund 2019: Nein, dieser Fahndungsaufruf ist nicht mehr aktuell

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Die Polizei ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts in Stralsund gegen zwei Tatverdächtige. (Symbolbild: pixabay / CReichstein)

von Cristina Helberg

Mit einer Öffentlichkeitsfahndung suchte die Polizei einen Tatverdächtigen einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. Der Mann stellte sich am 12. Oktober der Polizei, die daraufhin die Fahndung beendete. Der Aufruf wird im Netz trotzdem weiter verbreitet.

Am 11. Oktober veröffentlichte die Polizei eine Pressemitteilung zu einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. „Die Beamten der Kriminalpolizeiinspektion Anklam ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts zum Nachteil eines minderjährigen Mädchens in Stralsund gegen zwei syrische Tatverdächtige (32 und 16 Jahre alt)“, stand in der Mitteilung. Während der 16-jährige Tatverdächtige bereits dem Haftrichter vorgeführt werde, suche man noch nach dem 32-jährigen zweiten Tatverdächtigen. 

Einen Tag später meldete die Polizei dann, der 32-Jährige habe sich der Polizei gestellt. In der Pressemitteilung schrieb sie, wie in solchen Fällen üblich: „Die Medienvertreter werden gebeten, das Fahndungsfoto des Tatverdächtigen sowie dessen Namen aus ihren Online-Veröffentlichungen zu löschen.“

Im Netz ist der Fahndungsaufruf jedoch weiter zu finden. Auf der Webseite Polizei-News ist weiterhin ein am 11. Oktober veröffentlichter Artikel online, dessen Überschrift suggeriert, der Tatverdächtige sei noch nicht gefasst. Auch die Initialen seines Namens werden weiterhin abgekürzt genannt. Erst am Ende des Textes steht: „Update: Minderjährige mutmasslich [sic] missbraucht –  Tatverdächtiger (Syrer, 32) stellt sich“ samt eines Links auf einen neuen Artikel, in dem es um den Fahndungsrückruf der Polizei geht. In der URL des Artikels ist außerdem weiterhin der vollständige Name des Tatverdächtigen zu lesen.

Ein Artikel der Webseite Polizei-News suggeriert durch die Überschrift, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Das ist falsch. Erst ein Update unter dem Text stellt klar, dass der Tatverdächtige sich gestellt hat. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal bei Facebook geteilt. 

Zuletzt teilte den Link am 14. Oktober die Facebook-Seite „Southern German Defence League“. Die Artikelvorschau zeigt das unverpixelte Bild des Tatverdächtigen und nennt den vollen Namen, obwohl die Fahndung zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Tagen offiziell von der Polizei beendet war. 

Facebook-Beitrag der Seite „Southern German Defence League“ vom 14. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Durch eine nicht aktualisierte Überschrift wird fälschlicherweise der Eindruck erweckt, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Er hat sich aber am 12. Oktober der Polizei gestellt.

Bewertung: falsch

Nein, dieses Foto zeigt nicht den Westfriedhof in Magdeburg

Fertige Collage Friedhof
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Fertige Collage Friedhof
Dieses Foto wird auf Facebook verbreitet – es ist nicht in Magdeburg entstanden. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Hüdaverdi Güngör

Bei Facebook wird ein Foto von Menschen verbreitet, die auf einem Friedhof grillen. Ein Nutzer behauptet, die Szene sei in Magdeburg aufgenommen. Wir waren vor Ort: Die Ortsangabe ist falsch. Die genaue Herkunft des Fotos ist unklar.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 30. Juli einen Screenshot eines anderen Facebook-Beitrages. Auf dem Screenshot sind mehrere Personen zu sehen, die auf einem Friedhof grillen. Der Originalbeitrag ist nicht mehr verfügbar, aber die Person, die ihn ursprünglich veröffentlichte, markierte als Standort den Westfriedhof in Magdeburg und erweckte damit den Eindruck, dass das Foto dort entstanden sei. 

Der Nutzer, der den Screenshot verbreitet, schreibt unter anderem dazu: „Wo bleiben da die Medien um davon zu berichten?“ Der Beitrag wurde mehr als 10.600 Mal geteilt. Wir haben recherchiert, ob das Foto tatsächlich auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden ist. Nach unserem Besuch vor Ort und einer Anfrage bei der Stadt Magdeburg können wir das ausschließen.

Das Foto wurde mehr als 10.600 Mal geteilt. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Das Foto ist nicht auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden

Der Westfriedhof in Magdeburg umfasst rund 62 Hektar, die in einzelne Abschnitte unterteilt sind. Während unserer Suche nach einer Stelle, an der das Bild entstanden sein könnte, haben wir uns an Anhaltspunkten wie den Grabsteinen orientiert. Trotzdem konnten wir keine entsprechende Stelle vor Ort finden. 

Deshalb haben wir das Foto vor Ort dem Magdeburger Friedhofsgärtner Ernst Martin Einecke vorgelegt. Auf Nachfrage, ob das Foto auf dem Westfriedhof entstanden sein könnte, sagt er: „Auf dem Westfriedhof glaube ich nicht, die engen Steine und die Einfassung, eigentlich gibt es das hier so in der Art auf dem Westfriedhof nicht.“ 

Der Westfriedhof in Magdeburg umfasst 62,5 Hektar. (Foto und Collage: Güngör / CORRECTIV)

Zusätzlich haben wir das Foto aus dem Facebook-Beitrag der Pressestelle der Stadt Magdeburg vorgelegt. Auf Nachfrage bestätigt der Pressesprecher Michael Reif die Aussagen des Friedhofsgärtners: „Hiermit teile ich Ihnen […] mit, dass das Foto NICHT den Westfriedhof der Landeshauptstadt Magdeburg zeigt und auch nicht dort aufgenommen wurde.“

Die vollständige E-Mail des Pressesprechers der Stadt Magdeburg. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Fotos ist nicht geklärt

Wir haben das Foto durch die Google-Bilder-Rückwärtssuche laufen lassen. Die Suchergebnisse zeigen: Das Bild wurde in mehreren Ländern verbreitet. Außerdem findet man eine Version des Fotos, auf dem der Himmel und grüne Hügel im Hintergrund zu sehen sind. Demnach muss der Friedhof in einem eher ländlichen Gebiet liegen. 

Das vollständige Foto ist auf verschiedenen Webseiten im Netz zu finden.(Screenshot: CORRECTIV)

Auch der österreichische Faktencheck-Verein Mimikama hat zu dem Foto recherchiert, konnte die Herkunft aber nicht klären. Mimikama bezieht sich auf Artikel der serbischen Webseiten Telegraf und Hronograf, in denen gemutmaßt wird, dass das Foto in Serbien entstanden sein könnte, genauer gesagt in der Stadt Šabac. 

Dafür, dass der Friedhof in Šabac liegt, gibt es allerdings keine Belege. Der Stil der Gräber (schwarze Steine mit weißen Verzierungen links und rechts) ist zwar ähnlich wie auf einer Aufnahme von 2006, die in der Bilddatenbank Alamy zu finden ist. Ein Abgleich mit Satellitenaufnahmen von Google Maps zeigt jedoch, dass keiner der fünf Friedhöfe in der Stadt oder Umgebung in einem hügeligen ländlichen Gebiet liegt. Die grünen Hügel im Hintergrund des Fotos passen also eher nicht zu Šabac. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto ist nicht auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden. Wo es aufgenommen wurde, ist unklar.

Bewertung: größtenteils falsch

Keine Belege für Gruppenvergewaltigung nach Oktoberfest 

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Polizisten beim Oktoberfest im Jahr 2017 (Symbolbild: Günter Schiffmann / AFP)

Die Seite Truth24 bezeichnet einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff in München als Gruppenvergewaltigung, obwohl dazu keine Hinweise vorliegen. Zudem stellt der Artikel falsche Behauptungen zur Statistik bei Vergewaltigungen auf. 

Die Webseite Truth24 behauptete am 2. Oktober: „Gruppenvergewaltigung nach Wiesn: Afrikanermob versucht US-Madel zu schänden“. Der Artikel wurde laut Daten von Facebook mehr als 1.700 Mal geteilt.  

Im Text wird aus einer Meldung der Polizei München vom 2. Oktober zitiert. Darin heißt es, am 29. September sei eine 30-jährige Amerikanerin nach dem Besuch des Oktoberfestes in München Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Schilderung der Tat stammt von einem Zeugen, der die Polizei verständigte – das Opfer selbst habe später angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Die Frau sei offenbar betrunken gewesen und von drei Männern hinter eine Hecke gedrängt worden. Die Tatverdächtigen seien wegen der „unklaren Sachlage“ am Folgetag entlassen worden, die Amerikanerin sei bereits wieder nach Hause geflogen. 

Auf Nachfrage teilte die zuständige Staatsanwaltschaft München uns mit, es gebe in diesem Fall „keine Hinweise für eine erfolgte oder versuchte Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung“. Auch der Zeuge habe eine solche nicht beobachtet. Die Tatverdächtigen seien nicht in Haft. „Die betroffene US-Amerikanerin konnte sich schon vor Ort nicht an den Vorfall erinnern, wollte sich nicht medizinisch untersuchen lassen und ist wieder in die USA zurückgekehrt.“

Die E-Mail der Pressesprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt also keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung oder versuchte Gruppenvergewaltigung. 

Kriminalstatistik liefert keine Grundlage für Behauptungen

Zudem behauptet der Truth24-Artikel: „Überfalls [sic!] und Gruppenvergewaltigung werden hauptsächlich durch „Moslems und Afrikaner“ begangen, das ist statistisch belegt. Deutsche sind nur selten Täter.“ 

Diese statistischen Belege gibt es nicht. 

Die Religionszugehörigkeit wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, nur die Nationalität. Zu Gruppenvergewaltigungen gibt es eine Studie des Bundeskriminalamtes, die 2019 veröffentlicht wurde. Als Grundlage dienen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017. Diese weist 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus, davon waren 63 versuchte Fälle. Insgesamt seien 467 Tatverdächtige ermittelt worden. Manche Tatverdächtige waren an mehreren Taten beteiligt und wurden nur einmal gezählt. 54,8 Prozent seien keine deutschen Staatsbürger. 

Die Aussage, Deutschen begingen solche Taten „selten“ ist also falsch – sie stellen etwas weniger als die Hälfte aller Tatverdächtigen. 

Das BKA schreibt allerdings in seiner Studie, Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung bei Gruppenvergewaltigungen überrepräsentiert. Das könne verschiedene Gründe haben: „So ist der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden an den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern höher als in der deutschen Bevölkerung. Das gleiche gilt für den Anteil derer, die prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Beides führt herkunftsunabhängig zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden […]“.  

Nein, Gruppenvergewaltigungen werden nicht „hauptsächlich durch Moslems und Afrikaner“ begangen

Über die genaue Nationalität gibt die Tatverdächtigen-Tabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 (Excel-Tabelle 62) Aufschluss. Demnach waren unter den 467 Tatverdächtigen bei den Straftaten „Vergewaltigung überfallartig durch Gruppen“ (Schlüssel 111200) und „Vergewaltigung durch Gruppen“ (Schlüssel 111300) folgende Nationalitäten am häufigsten vertreten, das heißt mit mehr als fünf Personen:

  • Deutsche: 211 Personen
  • Afghanistan: 33 Personen
  • Türkei: 22 Personen
  • Eritrea: 18 Personen
  • Syrien: 18 Personen
  • Polen: 12 Personen
  • Kosovo: 12 Personen
  • Iran: 12 Personen
  • Sudan: 11 Personen
  • Rumänien: 10 Personen
  • Bulgarien: 8 Personen
  • Libanon: 7 Personen
  • Marokko: 7 Personen
  • Irak: 6 Personen
  • Russland: 6 Personen

Hier zeigt sich, dass auch die Aussage, es seien hauptsächlich Afrikaner, die Gruppenvergewaltigungen begehen, falsch ist. 

Truth24 schreibt außerdem von „Überfalls-Vergewaltigungen“. Diese Kategorie gibt es in der PKS nicht, allerdings gibt es „überfallartige Vergewaltigungen“ durch Einzeltäter (Schlüssel 111100). Hier weist die Statistik für 2017 587 Tatverdächtige aus – davon waren 322 Deutsche, also rund 54,9 Prozent. 

Neuere Zahlen gibt es nicht. Seit 2018 werden Gruppenvergewaltigungen nicht mehr gesondert erfasst, weil die Schlüssel nach der Änderung des Sexualstrafrechts angepasst wurden, schreibt uns eine Sprecherin des BKA auf Nachfrage per E-Mail. 

Die E-Mail der Sprecherin des Bundeskriminalamtes. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung. Die Behauptung, dass hauptsächlich Muslime und Afrikaner solche Straftaten begehen, ist zudem statistisch falsch.

Bewertung: völlig falsch

Nein, Martin Schulz hat nicht gesagt, dass tote Deutsche ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer seien

GERMANY-POLITICS
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GERMANY-POLITICS
Der SPD-Politiker Martin Schulz am 6. Februar 2018 in Berlin. (Symbolbild: Adam Berry / AFP)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen Menschen ein gefälschtes Wahlplakat der SPD mit einem angeblichen Zitat des Politikers Martin Schulz. Es ist frei erfunden.

Am 13. September veröffentlichte eine Nutzerin bei Facebook eine Text-Bild-Collage mit einem Foto des SPD-Politikers Martin Schulz. Durch das Zusammenspiel von Bild und Text wird suggeriert, Martin Schulz habe den Satz „Der Tod von einigen Deutschen ist ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer“ gesagt, oder die SPD habe ein offizielles Wahlplakat mit diesem Spruch veröffentlicht. Das ist beides falsch. Der Beitrag wurde bisher mehr als 470 Mal geteilt. 

Die Falschmeldung bei Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Büro von Martin Schulz: „Das Zitat stammt nicht von Herrn Schulz.“ Der Fälschung liege ein Original-Wahlplakat zugrunde, das aus dem Europawahlkampf 2014 stamme. 

In einer Google-Books-Vorschau einer Studie mit dem Titel „Europawahlkampf 2014: Internationale Studien zur Rolle der Medien“ von der Autorin Christina Holtz-Bacha ist das ursprüngliche Europawahl-Plakat von Martin Schulz mit dem Satz „Ein Europa der Menschen. Nicht des Geldes“ zu sehen.

Das Original-Plakat in einer Google-Books-Vorschau (Screenshot: CORRECTIV)

Belege oder Quellen für das angebliche Zitat über Deutsche und Syrer nennt der Facebook-Beitrag nicht. Während unserer Recherche konnten wir keine Hinweise auf ein solches Zitat von Martin Schulz finden.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Zitat ist frei erfunden.

Bewertung: falsch

Nein, der tatverdächtige Attentäter von Halle ist kein „Migrant aus Kasachstan“, sondern Deutscher

GERMANY-CRIME-SHOOTING
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GERMANY-CRIME-SHOOTING
Ein Mann legt am 10. Oktober, dem Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle, Blumen für die Verstorbenen nieder. (Foto: Axel Schmidt / AFP)

von Till Eckert

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der tatverdächtige Attentäter von Halle, Stephan B., sei nicht in Deutschland geboren. Das ist falsch. B. ist in Eisleben geboren, wie das örtliche Standesamt uns gegenüber bestätigt.

Mehrere Nutzer behaupten auf Facebook, Stephan B., der verdächtigt wird am 9. Oktober in Halle aus antisemitischen und rechtsextremistischen Motiven einen Anschlag auf eine Synagoge und einen Imbiss verübt und zwei Menschen ermordet zu haben, komme ursprünglich aus Kasachstan. Die Behauptung findet sich in einer Text-Bild-Collage, die von zahlreichen Nutzern verbreitet wird. Zum Beispiel hier und hier.

Einer der Beiträge auf Facebook, in denen fälschlicherweise behauptet wird, der mutmaßliche Attentäter von Halle sei ein „Migrant aus Halle“. (Screenshot / Verpixelung: CORRECTIV)

Standesamt: Stephan B. ist in Eisleben geboren

Laut einer Mitteilung des Generalbundeanwalts zum Haftbefehl vom 10. Oktober ist B. deutscher Staatsangehöriger.

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Auch unsere Faktencheck-Kollegen der DPA haben die Identität des Tatverdächtigen für einen Artikel überprüft. Laut ihrer Recherche waren auch Behauptungen im Umlauf, nach denen Stephan B. im Iran geboren worden sei. Die DPA kam zu dem Ergebnis: „Der Attentäter ist nach Angaben aus Sicherheitskreisen 1992 in Eisleben (Sachsen-Anhalt) geboren.“

Das Standesamt in Eisleben bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass B. dort geboren wurde. Eine Sprecherin sagte uns am 16. Oktober telefonisch: „Ja, das stimmt.“ Sie bestätigte das später noch einmal per E-Mail:

Aus der E-Mail vom Standesamt in Lutherstadt Eisleben. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Stephan B. ist laut Generalbundesanwalt deutscher Staatsbürger und laut Standesamt in Eisleben geboren.

Bewertung: richtig

Missbrauch in einer Dating-App gestanden? Ja, die Polizei Detmold fahndet mit Fotos nach einem jungen Mann

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Auf Facebook verbreitet sich ein Fahndungsaufruf der Polizei. Er ist echt. (Bild: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen viele Nutzer einen Fahndungsaufruf samt Fotos eines jungen Mannes. Manche Nutzer vermuten eine Falschmeldung. Doch die Meldung stammt tatsächlich von der Polizei und ist noch aktuell.

Am 9. Oktober veröffentlichte die Polizei Detmold eine Öffentlichkeitsfahndung samt Fotos. Gesucht wird seitdem „nach einem möglichen Tatverdächtigen wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern“. 

Der Unbekannte habe im August auf einer Dating-App einem anderen Nutzer geschrieben, er habe seinen jüngeren Bruder missbraucht, so die Polizei. Die in seinem Dating-App-Profil genutzten Bilder veröffentlichte die Polizei für die Fahndung. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte die Polizei Detmold am Nachmittag des 15. Oktober, die Fahndung sei weiterhin aktuell. 

Das hatten Facebook-Nutzer zuvor angezweifelt und einen Artikel über die Öffentlichkeitsfahndung von der Webseite Owl24 mit dem Fahndungsaufruf bei Facebook gemeldet. Der Beitrag wurde mehr als 6.500 Mal bei Facebook geteilt. 

Der Fahndungsaufruf der Polizei vom 9. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Unsere Bewertung:
Richtig. Ja, die Polizei fahndet seit dem 9. Oktober mit Fotos eines Nutzerprofils nach einem Unbekannten, der in einer Dating App einen Missbrauch gestanden haben soll.

Bewertung: falsch

Nein, Sicherheitsbehörden erwarten keine „Terrorwelle in ganz Deutschland“

GERMANY-DEFENCE-EXERCISE
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GERMANY-DEFENCE-EXERCISE
Soldaten bei einer Bundeswehrübung im Oktober 2017. Vom 17. bis 19. Oktober 2019 soll in Stetten am Kalten Markt ebenfalls eine Übung der Polizei und Bundeswehr stattfinden. (Symbolfoto: Patrik Stollarz / AFP)

von Till Eckert

Aufgrund einer großen Polizei- und Bundeswehrübung diese Woche wird in einem Youtube-Video behauptet, Sicherheitsbehörden rechneten mit einer „landesweiten Terrorwelle“. Das stimmt nicht, wie das baden-württembergische Innenministerium uns mitteilt.

Am 9. April kündigte das Staatsministerium Baden-Württemberg auf seiner Webseite mehrere bevorstehende Katastrophenschutz-Übungen an, darunter auch eine Anti-Terror-Übung mit dem Titel „Terrorismus-Abwehr Exercise BWTEX 2019“ vom 17. bis zum 19. Oktober 2019.

Mehrere Medien berichteten ebenfalls über die bevorstehende gemeinsame Anti-Terror-Übung von Polizei und Bundeswehr. In einem Youtube-Video des Kanals „News 23“ vom 14. Oktober wird ebenfalls darüber berichtet, bebildert mit mit verschiedenen Videos von vergangenen Polizei- und Bundeswehrübungen und Einsätzen. Außerdem wird ein angeblicher „Hintergrund“ angegeben: „Sicherheitsbehörden rechnen mit Terrorwelle in ganz Deutschland“, heißt es im Titel.

Im Video selbst wird behauptet, die baden-württembergische Terrorabwehr erwarte eine „landesweite Terrorwelle“. Es endet mit dem Satz „Offensichtlich rechnen die Sicherheitsbehörden mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Deutschland“. Für die Behauptung werden keine Belege genannt.

Das Youtube-Video mit der falschen Behauptung zu einer angeblich erwarteten „Terrorwelle“. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video wurde bisher mehr als 12.000 Mal aufgerufen. Ein Facebook-Beitrag mit dem Video von „News 23“ auf der gleichnamigen Facebook-Seite wurde bisher mehr als 800 Mal geteilt. Wir haben dazu beim baden-württembergischen Innenministerium nachgefragt.

Innenministerium: „Wir erwarten keine Terrorwelle“

Sprecher Renato Gigliotti antwortete per E-Mail: „Wir erwarten keine Terrorwelle, dazu gibt es derzeit keinerlei Hinweise.“ 

Außerdem schickte uns Gigliotti Hintergrundinformationen zu der anstehenden Übung, die vom 17. bis 19. September auf dem Bundeswehr-Truppenübungsplatz in der Gemeinde Stetten am Kalten Markt stattfinden solle. Mit rund 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sei „diese Vollübung in der Art die größte und komplexeste in der Geschichte Baden-Württembergs“.

Aus der Antwort-E-Mail des baden-württembergischen Innenministeriums zu der geplanten Übung. (Screenshot: CORRECTIV)

Am Telefon sagte Sprecher Gigliotti CORRECTIV zusätzlich, der Grund für die Übung seien Vorschriften, nach denen die Polizei und Bundeswehr regelmäßig üben müssten: „Solche Übungen gibt es auch zu Cyberabwehr, zu Katastrophenschutz und eben auch zu Terrorabwehr.“ Die geplante Übung sei die Folge einer Übung von 2017, bei der Polizei und Bundeswehr erstmals gemeinsam das Vorgehen bei terroristischen Anschlägen geübt hatten. „Es handelt sich um einen ganz normalen Umstand, dass in der Form geübt wird“, sagt Gigliotti.

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die geplante Anti-Terror-Übung gibt es. Sicherheitsbehörden erwarten aber keine „Terrorwelle in ganz Deutschland“.

Bewertung: richtig

Mann reicht Eisbär die Hand: Ja, dieses Bild ist echt

Eisbär Collgae2
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Eisbär Collgae2
Kontrovers diskutiertes Bild aus einem Facebook-Beitrag. Das Foto ist echt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Eine Facebook-Seite veröffentlichte ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem ein Mensch einen Eisbär füttert. Viele Leser vermuten eine Fälschung. Doch das Bild ist echt.

Am 8. Oktober veröffentlichte die Facebook-Seite „Unser Planet“ ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt einen Mann in einer Schneelandschaft, der seine Hand einem ausgewachsenen Eisbär reicht, während ein Eisbärenjunges sein Bein umklammert. Dazu schrieb die Seite: „Zur Info: Das Bild ist echt. Es wurde in den 70ern aufgenommen und zeigt einen Russen, wie er einen Eisbären füttert.“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 1.490 Mal geteilt. 

Zahlreiche Nutzer halten das Bild offenbar für gefälscht. Das geht aus mehrere Kommentaren hervor. Wir haben das Bild geprüft. 

Auswahl von Kommentaren unter dem Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Bilder-Rückwärtssuche und russisches Reisemagazin

Eine Google-Bilder-Rückwärtssuche führt zu einem Faktencheck der US-amerikanischen Redaktion Snopes von August 2019. Die Redaktion kommt in dem Text zu dem Schluss, das Foto sei echt und schreibt auf Englisch: „Es wurde irgendwann in den 1970er Jahren in der Nähe der sibirischen Stadt Cape Schmidt vor der Küste der Tschuktschensee aufgenommen und zeigt einen Mann namens Nikolai Machulyak.“ 

Als Belege führen die Faktenchecker zwei Quellen an. Die erste ist ein Artikel im russischen Reisemagazin Вокруг света (Deutsch: Um die Welt) aus dem Jahr 1977. Auf Seite 19 im Heft ist eine ähnliche Szene wie im Facebook-Beitrag abgedruckt. Die Position der Eisbären ist jedoch etwas anders. Eine CORRECTIV-Anfrage an die Redaktion von Вокруг света nach dem Ursprung des Fotos blieb bis zur Veröffentlichung unbeantwortet.

Artikel in dem russischen Reisemagazin „Um die Welt“ von 1977. (Screenshot: CORRECTIV)

Der zweite Beleg für die Echtheit des Fotos, den Snopes anführt, ist ein archivierter Artikel auf der Webseite der Russischen Geographische Gesellschaft aus dem Jahr 2014. Darin sind mehrere Fotos ähnlicher Szenen zu sehen, darunter auch das Bild aus dem Facebook-Beitrag. Sie stammen laut der Webseite aus dem Archiv des oben genannten russischen Reisemagazins Вокруг света. Die Russische Geographische Gesellschaft schreibt dazu, es handele sich um Nikolai Machulyak, der Eisbären in der Region regelmäßig gefüttert habe. 

Auch in einer Google Book Vorschau der Zeitschrift Soviet Life taucht ein ähnliches Foto in einem Artikel des Autors Vladimir Filimonov über Nikolai Machulyak auf.  

Ähnliches Foto in einer Google Book Vorschau der Zeitschrift Soviet Life. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir konnten während unserer Recherche keine Hinweise finden, die dagegen sprechen, dass das Foto echt ist. Die Originalquelle lässt sich nicht verifizieren, jedoch gibt es zusätzlich weitere Fotos, die ähnliche Szenen mit dem Mann und den Eisbären zeigen. 

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Unsere Bewertung:
Richtig. Das russische Reisemagazin Вокруг света druckte 1977 eine Geschichte über die Szene mit einem ähnlichen Foto ab.

Bewertung: falsch

Nein, Lego stellt nicht die gesamte Produktion auf Hanfplastik um

Collage Hanf Lego
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Collage Hanf Lego
In einem Artikel wird behauptet, Lego wolle auf Hanfplastik umsteigen. Das Unternehmen dementiert. (Fotos: Rick Proctor / Unsplash / Helloimnick / Unsplash / Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Artikel der Webseite Hanf-Magazin wird behauptet, Lego werde bis 2030 seine gesamte Produktion auf Hanfplastik umstellen. Dafür gibt es aber keinen Beleg – und der Spielzeughersteller dementiert uns gegenüber.

„LEGO will bis 2030 die gesamte Produktion auf Hanfplastik umstellen“, titelt die Webseite Hanf-Magazin in einem Artikel vom 10. Juli. Im Text steht weiter: „Jetzt investiert der größte Spielzeughersteller der Welt Millionen, um die Kunststoffsteine in Zukunft aus Hanf zu fertigen.“ Die Umstellung solle bis 2030 geschehen. Als Quelle wird eine Webseite namens Plastic News genannt.

Der Artikel auf der Webseite Hanf-Magazin mit der falschen Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

In Texten, auf die sich das Hanf-Magazin offenbar bezieht, steht nichts von Hanf

Das Hanf-Magazin verlinkt die angebliche Quelle, die Webseite Plastic News, nicht im Artikel. Eine Google-Suche nach den Worten „Lego Hemp“ führt auf einen englischsprachigen Artikel der Webseite Real Cannabis Entrepreneur vom Juli. Auch dort wird behauptet, Lego werde bis 2030 die Produktion auf Hanfplastik umstellen. In einem Update wird der Artikel von Plastics-News (nicht Plastic News) verlinkt, der die Quelle sein soll.

Der Hanf-Magazin-Artikel bezieht sich wohl darauf, denn darin wird angekündigt, Lego wolle seine Produktion bis 2030 auf einen Biokunststoff umstellen. Zudem wird die Zahl von 6.000 Tonnen Plastik pro Jahr genannt, die das Hanf-Magazin zitiert. Allerdings steht im Text von Plastics News nirgends etwas von Hanfplastik. Allan Rasmussen, ein Projektmanager bei Lego, habe lediglich berichtet, dass das Unternehmen Legosteine auf Basis von Polymilchsäure getestet habe.  

Auch in einem späteren Artikel der Webseite Plastics News von 2015 mit der Überschrift „Lego investiert in die Herstellung nachhaltiger Plastiksteine“ geht es nicht um Plastik aus Hanf. 

Plastik auf Hanfbasis wird laut einem Artikel von Forbes vom Juni 2019 von verschiedenen Unternehmen für Produkte getestet, unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen dazu sind aber schwer zu finden oder veraltet

Lego dementiert die Meldung gegenüber CORRECTIV

Wir haben bei Lego angefragt, ob der Artikel des Hanf-Magazins auf Fakten basiert. Matt Whitby, Environmental Engagement Manager, antwortete per E-Mail: „Nein, wir planen nicht, Hanfkunststoffe in Produkten zu verwenden“.

Aus der Antwort von Lego an uns. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings gebe es neue Produkte aus „biobasierten Quellen“, in diesem Fall aus Zuckerrohr.

Unsere Bewertung:
Falsch. Ein Beleg für die Behauptung lässt sich nicht finden und Lego plant nach eigenen Angaben nicht, die Produktion auf Hanfplastik umzustellen.