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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: unbelegt

Wie viele Menschen demonstrierten in Berlin bei der AfD-Großdemo?

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Am 27. Mai 2018 demonstrierten AfD-Unterstützer in Berlin. Ihre Gegner waren auch dabei.© Tobias SCHWARZ / AFP

von Jacques Pezet

Für Journalisten ist es schwer, über Demonstranten-Zahlen zu berichten, da es oft zwei verschiedene Angaben gibt: die hohen – geschätzten – Zahlen der Veranstalter, und die der Polizei, die den Veranstaltern zu niedrig sind.

Unter dem Motto „Zukunft Deutschland“ organisierte die AfD eine Großdemo am Sonntag, dem 27. Mai 2018, in Berlin. Laut des rechtskonservativen Blogs „Philosophia Perennis“ hatten sich „etwa 10.000 Menschen in Berlin vor dem Hauptbahnhof zur großen AfD-Demo ‘Zukunft Deutschland’ versammelt. RT Deutsch hat 12.000 AfD- und 5000 Gegendemonstranten gezählt. Die Pressemitteilung der AfD-Pressestelle spricht von 8.000 Teilnehmern.“

Demonstranten-Zahlen sind ein Klassiker der sogenannten alternativen Fakten. Für Journalisten ist es schwer, darüber zu berichten. Das gilt auch für die AfD-Demo.

Polizei Berlin: mehr als 30.000 Menschen bei unterschiedlichen Demos unterwegs

Am 28. Mai 2018 veröffentlichte die Berliner Polizei eine Pressemitteilung, in der sie die folgende Bilanz mitteilt: „Insgesamt 15 Demonstrationen wurden gestern von der Polizei Berlin in Mitte begleitet. Unter dem Motto ‘Für Freiheit und Demokratie’ nahmen bis zu 5.000 Personen an einem Aufzug der AfD teil. […] An den Gegenversammlungen beteiligten sich bis zu 25.000 Personen überwiegend störungsfrei.“

Dies entspricht den Zahlen, die die Polizei schon am Sonntag verschiedenen Medien mitteilte und auch auf Twitter veröffentlichte: „Wir gehen davon aus, dass heute mehr als 30.000 Menschen in unterschiedlichen Demos unterwegs waren.“

Zahlen der Veranstalter

Während der Demo hatte Guido Reil, Berliner AfD-Politiker und Organisator der Großdemo, geschätzt, dass „locker 10.000 Menschen“ bei der Veranstaltung waren. Auf ihrer Webseite bedankte sich die AfD bei ihren Mitgliedern mit einer niedrigeren Zahl: „Bis zu 8.000 teilnehmende Bürger zeigten – bis ins Innerste des Kanzleramtes wahrnehmbar – ihren Unmut gegenüber Merkel und ihrer Politik. Gemeinsam haben wir eindringlich endlich Taten für die Zukunft Deutschlands eingefordert.“

Die Organisatoren der Gegendemo „Aufstehen gegen Rassismus“ behaupteten bei Tagesende, dass 72.000 Menschen gegen die AfD demonstriert hätten.

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Die zitierten Zahlen von Philosophia Perennis konnten wir und RT Deutsch nicht finden

CORRECTIV hat versucht, die Zahlen nachzuvollziehen, die im Artikel von „Philosophia Perennis“ dem russischen Medium „RT Deutsch“ zugeschrieben werden. Sowohl auf der Webseite von „RT Deutsch“, als auch in deren sozialen Netzwerken konnten wir diese nicht finden. Am Sonntag hatte „RT Deutsch“ lediglich einen kommentarlosen Livestream von beiden Demos gefilmt und ins Internet geladen.  

Auf Anfrage von CORRECTIV antwortete Florian Warweg, der Chefredakteur von „RT Deutsch“: „Ich habe nochmals sowohl beim Social Media-Team als auch am 27.5.  diensthabenden Redakteur nachgefragt. Kein RT-Mitarbeiter hat die von David Berger genannte Teilnehmerzahl in einem Post oder Artikel verwendet. Die Zahl und Zuordnung scheint ausschließlich auf der Fantasie/Wunschvorstellung des Bloggers zu beruhen.“*

CORRECTIV hat David Berger, den Autor des Artikels und Betreiber von „Philosophia Perennis“, angeschrieben. Bislang bekamen wir keine Antwort von ihm.

Wie sollen Journalisten mit Demo-Zahlen umgehen?

Für Journalisten, besonders für Faktenchecker, sind Demonstranten-Zahlen ein Problem. Faule Journalisten könnten einfach schreiben: „Zwischen 5.000 und 8.000 AfD-Unterstützer demonstrierten in Berlin. An der Gegendemo nahmen zwischen 25.000 und 72.000 Menschen Teil.“ Man könnte ihnen ihre Ungenauigkeit vorwerfen.

Aber mit welchen Mitteln können wir die Schätzungen der Polizei oder der Demonstranten überprüfen? Die Demonstranten haben Interesse daran, Aufmerksamkeit durch hohe Zahlen zu erzielen. Außerdem glauben Demonstranten den Aussagen der Polizei oft nicht. So wird der Polizei von einer Seite vorgeworfen, der Regierung zu dienen und die AfD-Zahlen zu minimieren. Die andere Seite, die Gegendemonstranten, könnten der Polizei vorwerfen, (zum Beispiel nach der Festnahme der 73-jährigen Anti-Nazi-Aktivistin Irmela Mensah-Schramm) den Sicherheitsdiskurs der AfD zu unterstützen und wegen dieser Sympathie eine höhere Zahl zu nennen. So behaupteten die Gegendemonstranten, dass nur 2.000 Menschen am AfD-Marsch teilnahmen.

Leider gibt es diesmal – im Gegensatz zu Donald Trumps Inauguration – keine Luftaufnahme von den Berliner Demonstrationen. Sonst hätten wir das Tool von „mapchecking.com“ benutzen können. Damit ist es möglich, eine Zone auf „Google Maps“ zu definieren und zu berechnen, wie viele Personen dorthin passen.

*Update vom 29. Mai 2018: Wir haben den ursprünglichen Text mit der Antwort von „RT Deutsch“ ergänzt.

Unsere Bewertung:
Es ist kaum möglich, verlässliche Demonstranten-Zahlen zu erhalten.

Bewertung: unbelegt

Keine Belege für „brutale“ Vergewaltigung in Arnstadt Mitte April

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Der Polizei ist der beschriebene Fall nicht bekannt. (Symbolbild: cocoparisienne/Pixabay)

von Hüdaverdi Güngör

Eine Facebook-Nutzerin behauptet, in Arnstadt sei ein 14-jähriges Mädchen „brutal“ vergewaltigt worden. Dafür gibt es keine Belege. Der zuständigen Polizeistelle ist kein solcher Fall bekannt.

Die Facebook-Nutzerin postete am 17. April einen Screenshot einer Textnachricht. Darin wird, untermauert von vielen wütenden und erbrechenden Emojis, behauptet: „Am Wochenende in Arnstadt wurde eine 14 Jährige so brutal vergewaltigt, dass man ihr die Gebärmutter rausnehmen musste“. Diese Informationen dürfe jedoch nicht an die Öffentlichkeit, um Aufstände wie in Chemnitz zu vermeiden. Es folgt die Bitte: „Verbreitet das bitte überall“. Der Screenshot wurde bisher mehr als 8600 Mal geteilt. Wir haben recherchiert, ob die Behauptung stimmt.

Die Aussagen sind nicht belegbar. (Screenshot: CORRECTIV)

Der verbreitete Screenshot ist der Landespolizeiinspektion Gotha, die für Arnstadt zuständig ist, bereits bekannt. Auf unsere Presseanfrage teilte uns die Polizei mit: „Im Bereich der Landespolizeiinspektion Gotha ist keine derartige Straftat angezeigt worden.“ In dem Zuständigkeitsgebiet der Landespolizeiinspektion seien in den letzten zwei Wochen auch keine „ähnlich gelagerten“ Vorfälle angezeigt worden. Der Facebook-Post selbst liefert keine Belege für die Behauptung.

Die Antwort der Landespolizeiinspektion Gotha auf unsere Anfrage. (Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Bewertung:
Für die angebliche Vergewaltigung eines 14 jährigen Mädchens in Arnstadt gibt es keine Belege.

Bewertung: unbelegt

Notre-Dame: Warum das Bild mit den lächelnden Männern kein Fake ist

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Manche Medien meinten, das Bild sei eine Fälschung. (Foto: Sputnik)

von Tania Röttger

Nach dem Brand der Notre-Dame kursierte ein Foto zweier lächelnder Männer auf Facebook und Twitter. Einige Medien bezeichneten das Bild als Fake. Das stimmt aber nicht.

Wir veröffentlichten am 16. April einen Artikel über Gerüchte, die nach dem Feuer von Notre-Dame auf Facebook und Twitter kursierten. Darunter war auch das Bild von zwei Männern, die lächelnd eine Absperrung nahe Notre-Dame verlassen, das Feuer ist im Hintergrund zu sehen. Das Bild wurde mit dem angeblichen Kontext geteilt, die Männer seien Muslime und würden sich über den Brand freuen. Wir recherchierten die Quelle, ein Artikel auf der englischsprachigen Webseite von Sputniknews, und fanden keine Hinweise darauf, dass das Bild eine Fälschung war.

In unserem Artikel steht folglich: „Die Fotos sind offenbar echt, aber es handelt sich um eine nicht belegbare Unterstellung, dass die Männer sich über den Brand freuten. Der Kontext – zum Beispiel ob die Männer wegen der medialen Aufmerksamkeit oder etwas anderem lächelten – ist nicht bekannt.“

Weil andere Medien das Bild als Fake bezeichnen, und uns Leser immer wieder darauf hinweisen, beschreiben wir hier, wie wir zu unserem Urteil gekommen sind.

Forensiker einer Universität meinen, das Bild sei eine Montage

Kurz nach unserem Artikel veröffentlichte die US-Faktencheck-Organisation Politifact einen Artikel, laut dem das Bild ein Fälschung sei – die Organisation vergab die härteste Bewertung: „Pants on Fire“. In dem Artikel bezieht sich Politifact auf Forscher des Zentrums für Medienforensik der Universität Colorado. Sie sagten demnach, dass man mit bloßem Auge durch Heranzoomen an die rechte Wange des rechts stehenden Mannes erkennen könne, dass die beiden Männer in das Bild hineingeschnitten wurden. Außerdem sei das Bild schon auf Twitter erschienen, bevor Sputnik es veröffentlicht hatte.

Auch die Webseite Volksverpetzer bewertete das Bild daraufhin als Fälschung. Die Autoren kontaktierten laut ihrem Artikel dieselben Forscher, die das Bild gegenüber Politifact als Fälschung eingeschätzt hatten. In Bildmontagen verwiesen sie darauf, dass Teile der Ohren fehlen würden.

So begründet die Webseite „Volksverpetzer“ ihr Urteil, das Bild sei ein Fake.

Doch ähnliche Verzerrungen finden sich auch an anderen Stellen des Bildes, wenn man heranzoomt. Das liegt wohl an der schlechten Qualität.

(Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Was zeigen Forensik-Tools?

Daraufhin untersuchten wir das Bild noch einmal genauer. Unter anderem mit dem Tool Fotoforensics, mit dem man unter bestimmten Voraussetzungen herausfinden kann, ob ein Bild nachträglich bearbeitet wurde.

Zum Beispiel kann man damit die sogenannte Error Level Analysis anwenden. Sie speichert das Bild in einer komprimierten Fassung ab. So sollen Pixel sichtbar werden, die sich in ihrer Art unterscheiden, etwa weil zwei unterschiedliche Aufnahmen übereinander geschnitten wurden. Doch wenn das Bild nur in einer verarbeiteten Fassung vorliegt, weil es etwa auf Server geladen wurde, die Metadaten löschen oder das Bild komprimieren, sind diese Tools weniger aussagekräftig, so wie in diesem Fall.

Beim Umkehren der Farben erkennt man aber auch hier Details, die mit dem bloßen Auge schwer zu erkennen sind. Zum Beispiel werden so einzelne Haare sichtbar. Das per Photoshop zu fälschen, in der Schnelligkeit, wäre sehr schwierig. Auf Sputnik ist das Bild Teil eines Live-Tickers und wurde am 15. April um 21:29 Uhr eingebettet. Das Feuer war am frühen Abend ausgebrochen.

Screenshot des Tools Fotoforensics und Markierung: CORRECTIV

Beim Invertieren der Farben wird auch bei der Version, die Sputnik ursprünglich veröffentlicht hat, sichtbar, dass feine Haarsträhnen zu sehen sind.

Weiteres Material von Sputnik

Wir haben außerdem Sputnik angeschrieben. Die Presseabteilung schickte uns ein Video und das Originalbild. Auf dem Video erkennt man andere Personen, die auf dem Foto zu sehen waren. Außerdem möglicherweise einen der Männer, der gerade das abgesperrte Areal nahe der Kirche verlässt.

Screenshot aus dem Video, das Sputnik uns geschickt hat. (Markierung und Screenshot: CORRECTIV)

Die Presseabteilung erklärte außerdem: Die Fotos stammen von einer Sputnik-Reporterin, die nur mit einem Handy ausgestattet vor Ort war. Sie schickte Fotos und Videos an die Redaktion.

Das Originalbild enthält außerdem Metadaten, laut denen das Bild an dem Ort aufgenommen wurde, von dem es stammen soll.

Diese Metadaten hat das Tool Fotoforensic aus dem Foto ausgelesen, das Sputnik uns zugeschickt hat.

Metadaten können zwar auch gefälscht werden, aber sie sind Teil einer Reihe von Indizien, die zu unserem Fazit führt: Es gibt keine erkennbaren Hinweise darauf, dass das Bild gefälscht ist. Auch die Faktencheck-Organisationen Nieuwscheckers und Lead Stories kamen zu diesem Urteil. Und Politifact hat inzwischen den Titel ihres Artikels angepasst und die gegensätzlichen Bewertungen unter dem Text aufgeführt, wenn auch die Wertung nicht verändert.

Unsere Bewertung:
Unbelegt: Es gibt keine Hinweise darauf, dass das Bild gefälscht ist.

Bewertung: völlig falsch

Nein, der Vizepräsident der EU-Kommission fordert nicht die Ausradierung monokultureller Staaten

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Seit Anfang April werden gefälschte Zitate des Vizepräsidenten der EU-Kommissions auf Facebook verbreitet. (Symbolbild: Pixabay / Dimitrisvetsikas1969)

von Hüdaverdi Güngör

Auf Facebook werden frei erfundene Zitate von Frans Timmermans geteilt. Wir haben recherchiert, was der Vizepräsident der EU-Kommission wirklich gesagt hat.

Mehrere Facebook-User veröffentlichten zwischen dem 9. und 12. April angebliche Zitate des Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans. Er soll demnach unter anderem gesagt haben: „Monokulturelle Staaten müssen ausradiert werden“. Und weiter: „Die Masseneinwanderung von moslemischen Männern nach Europa ist ein Mittel zu diesem Zweck“. Einige der User fügten dem Beitrag ein Bild des Abgeordneten hinzu. Peter Schmalenbach, Vorsitzender der AfD Fraktion im Stadtrat Neuwied teilte das Zitat ebenfalls. Wann und wo diese vermeintlichen Aussagen getroffen worden sein sollen, erfährt man nicht. Wir haben die Behauptungen überprüft.

Die angeblichen Zitate werden mit und ohne Bild verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Suche nach den Quellen des vermeintlichen Zitates

Wir haben Passagen des angeblichen Zitates bei Google gesucht und wurden fündig. Die Seite Unser Mitteleuropa veröffentlichte bereits am 4. Mai 2016 einen Artikel mit dem Titel „Vizepräsident der EU-Kommission: monokulturelle Staaten ausradieren.“ Im Artikeltext finden sich weitere ähnliche Aussagen, die angeblich von Timmermans stammen sollen: „Was seine Aussagen implizieren, ist klar: die Existenz alle europäischen Völker steht auf dem Spiel!“ Die in den Facebook-Posts zitierten angeblichen Sätze zu einer „Masseneinwanderung von moslemischen Männern nach Europa “ und „Superkultur“ werden im Text jedoch nicht genannt. 

In dem Artikel wird eine Quelle angegeben: Timmermans habe die Aussagen bei einem Treffen des EU Fundamental Rights Colloquium (dt. Kolloquium der EU zum Thema Grundrechte) getätigt. Unser Mitteleuropa verlinkte im Artikel außerdem ein Youtube-Video.

In den Google-Suchergebnissen zum angeblichen Zitat wurde ebenfalls ein kurzes Youtube-Video angezeigt mit dem Titel „EU Plant die Vernichtung der europäischen Völker und Nationen“. Aus demselben Video stammen auch die Screenshots der Facebook-Beiträge. In der Beschreibung des Videos wird als Quelle ebenfalls das EU Fundamental Rights Colloquium angegeben. Die Rede soll aus dem Jahr 2015 stammen. Auf der Seite der Europäischen Kommission ist die Rede vom 1. Oktober 2015 zur Eröffnung des Kolloquiums in schriftlicher Form zu finden. 

Dokumentierte Rede auf der Seite der Europäischen Kommission (Screenshot: CORRECTIV)

Interpretation statt wahre Zitate

In ihrem Artikel beruft sich die Seite Unser Mitteleuropa auf eine nicht näher erläuterte „englischsprachige Zusammenfassung“ einer verlinkten Youtube-Seite als Quelle für die angeblichen Aussagen Timmermans. Das Youtube-Video ist mittlerweile nur noch in der verlinkten archivierten Version abrufbar. Welche Zusammenfassung gemeint ist, ist nicht nachvollziehbar. Unser Mitteleuropa behauptet, Frans Timmermans habe die Mitglieder des EU-Parlaments aufgefordert, vermehrt dazu beizutragen, dass monokulturelle Staaten verschwänden. Weiter schreibt die Seite: „in der englischen Zusammenfassung wörtlich: erase = [diese] auszuradieren“. In der auf der Seite der Europäischen Kommission veröffentlichten Abschrift der Rede taucht das Wort „erase“ jedoch nicht auf.

Konkret geht es um einen Satz aus der Rede Timmermans: „That will bring us down as a society.“ Diesen Satz übersetzt Unser Mitteleuropa folgendermaßen: „Das würde uns als Gesellschaft vernichten“ und leitet daraus die Überschrift „Vizepräsident der EU-Kommission: monokulturelle Staaten ausradieren!“ ab. Das ist irreführend und aus dem Kontext gerissen. Wörtlich übersetzt sagte Timmermans: „Die einzige Frage ist, wie gehen wir mit dieser Vielfalt um? Und meine Antwort darauf ist, dass wir sicherstellen, dass unsere Werte bestimmen, wie wir mit Vielfalt umgehen, und dass wir unsere Werte nicht aufgeben, um Vielfalt abzulehnen. Das wird uns als Gesellschaft untergehen lassen.“ Von „ausradieren“ oder „verschwinden“ sprach er nicht.  

Auszug der dokumentierten Rede auf der Seite der Europäischen Kommission (Screenshot: CORRECTIV)

Frei erfundene Zitate in Facebook-Posts

Auch die anderen in den Facebook-Posts genannten Aussagen hat Timmermans so nicht getroffen. Sie sind frei erfunden.

Frei erfundene Zitate in Facebook-Post (Screenshot: CORRECTIV)

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Tatsächlich äußerte sich Timmermans in seiner Rede zu Diversität in den Mitgliedsstaaten laut der Dokumentation auf der Seite der Europäischen Kommission so: „Diversity is now in some parts of Europe seen as a threat. Diversity comes with challenges. But diversity is humanity’s destiny. There is not going to be, even in the remotest places of this planet, a nation that will not see diversity in its future. That’s where humanity is heading.“ (dt: In einigen Teilen Europas wird die Vielfalt heute als Bedrohung angesehen. Vielfalt ist mit Herausforderungen verbunden. Aber Vielfalt ist das Schicksal der Menschheit. Es wird keine Nation geben, auch nicht an den entlegensten Orten dieses Planeten, die in Zukunft keine Vielfalt sehen wird. Das ist der Weg der Menschheit.)

Auszug der dokumentierten Rede auf der Seite der Europäischen Kommission (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Die Zitate sind frei erfunden. Timmermans warnte, dass die Aufgabe von Werten unsere Gesellschaft untergehen lasse. Von „ausradieren“ oder „verschwinden“ sprach er nicht.

Bewertung: größtenteils falsch

„Fünf Millionen Italiener, die in Armut leben“: Irreführende Aussage von Matteo Salvini

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Italiens Innenminister Matteo Salvini bei einem Treffen europäischer Nationalisten am 8. April 2019 in Mailand. (Foto: © Miguel Medina / AFP)

von Till Eckert

Matteo Salvini, Italiens Innenminister, sprach in mehreren Interviews davon, dass er erst „die fünf Millionen Italiener in Armut“ versorgen müsse, bevor er sich etwa um Migranten kümmern könne. Die Aussage führt in die Irre, denn die Zahl beinhaltet nicht nur italienische Staatsangehörige.

Ein Facebook-Post vom 10. April zeigt ein Foto von Italiens Innenminister und stellvertretendem Ministerpräsidenten Matteo Salvini, dazu das übersetzte Zitat: „Ich habe fünf Millionen Italiener, die in Armut leben. Wenn ich die alle versorgt habe, kümmere ich mich um die Ausländer.“ Der Post wurde bisher 402 Mal geteilt.

Übersetztes Zitat von Italiens Innenminister Matteo Salvini. (Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV kooperiert im Vorfeld der EU-Wahl für das Projekt FactCheckEU mit 18 Faktencheck-Redaktionen in Europa. Mithilfe der italienischen Kollegen von Pagella Politica konnte CORRECTIV rekonstruieren, dass Salvini diese Aussage so oder so ähnlich mehrmals über seine Social-Media-Kanäle oder in Interviews tätigte.

Tweet von Matteo Salvini am 8. Januar. (Screenshot: CORRECTIV)

Salvini nennt die Zahl fünf Millionen immer wieder im Zusammenhang mit „Italienern“ in Armut, die zunächst versorgt werden müssten, bevor man sich um „die Anderen“ (8. Januar), „Migranten“ (24. August 2018), oder „falsche Flüchtlinge“ (7. November 2018) kümmern könnte.

Er suggeriert dadurch, dass die Zahl der fünf Millionen nur italienische Staatsangehörige meine. Doch die Statistik (PDF), auf die er sich mutmaßlich bezieht, zählt laut Pagella Politica alle Einwohner des Landes – also auch Migranten oder geflüchtete Menschen.

Unter Migranten und geflüchteten Menschen in Italien sind mehr arme Menschen als unter italienischen Staatsbürgern

In einer Studie des italienischen Statistikamts Istat, Poverty in Italy (PDF) aus dem Jahr 2017, sind mit der Zahl der fünf Millionen, die Salvini nennt, tatsächlich alle Menschen im Land gemeint, Migranten werden dabei nicht extra ausgewiesen: „Im Jahr 2017 betrug das Vorkommen absoluter Armut 6,9 Prozent in Bezug auf inländische Haushalte (1 Million und 778 Tausend Haushalte) und 8,4 Prozent in Bezug auf Personen (5 Millionen und 58 Tausend Haushalte).“

Unter „Individuals” ist in der Studie „Poverty in Italy“ des italienischen Statistikamts Istat als Gesamtprozentzahl der in Armut lebenden Menschen 8,4 Prozent zu lesen – das sind etwa fünf Millionen Menschen in Italien. (Screenshot: CORRECTIV)

Istat definiert die poverty line, also Armutsgrenze, so: „The estimate of the relative poverty is based on a poverty line (International Standard of Poverty Line – ISPL) defining as poor a household of two components with a consumption expenditure level lower or equal to the mean per-capita consumption expenditure.“ Das waren 2016 1.074,09 Euro und 2017 1.085,22 Euro monatlich.

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In Tabelle 7 auf Seite 3 der Studie zeigt sich außerdem, dass die Prozentzahl von „Nicht-Staatsbürgern“ in Armut, also Menschen ohne italienischer Staatsbürgerschaft, höher ist als die von Staatsbürgern. Unter Menschen ohne italienischer Staatsbürgerschaft sind es 29,2 Prozent, unter Staatsbürgern 5,1 Prozent. Prozentuell gesehen leben demnach mehr Migranten oder geflüchtete Menschen in Italien in Armut als italienische Staatsbürger.

Vergleich von in Armut lebenden italienischen Staatsbürgern zu Menschen ohne italienischer Staatsbürgerschaft in der Studie „Poverty in Italy“ des italienischen Statistikamts Istat. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils Falsch. Salvinis Aussage ist irreführend – die Zahl, auf die er verweist, bezieht sich nicht nur auf Staatsbürger, sondern alle Menschen in Italien, Migranten eingeschlossen.

Bewertung: völlig falsch

Merkel und angebliche „Geldwäsche”: Dieses Dokument ist eine Fälschung

Merkel Collage
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Merkel Collage
Das angebliche Dokument, das eine vermeintliche Kündigung eines Kontos von Angela Merkel durch die Schweizer Bank Julius Bär belegen soll, ist eine Fälschung. (Screenshot / Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

Ein angebliches Dokument, das Angela Merkel in Verbindung mit „Offshore-Konten“ und „verdächtigen Transaktionen“ bringen soll, wird durch mehrere Blogs und AfD-Politiker auf Facebook verbreitet. Dabei handelt es sich um eine Fälschung.

Ein Artikel des Blogs Schweizer Morgenpost vom 17. April titelt: „Wikileaks: Gehackte E-Mail belastet Angela Merkel schwer“. Im Text wird angedeutet, dass Angela Merkel und ihr Ehemann in „Geldwäsche in großem Umfang“ verwickelt sein könnten. Als Quelle wird ein angeblich aktueller Leak der Plattform „Wikileaks“ (PDF) angegeben.

Aus dem Artikel des Blogs „Schweizer Morgenpost“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Text der Schweizer Morgenpost wurde bisher 2.512 Mal auf Facebook geteilt. Am 20. April wurde er als Quelle in einem Artikel des Blogs Connectiv.Events genannt. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Thomas Seitz und der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Christian Klingen teilen den Artikel der Schweizer Morgenpost ebenfalls auf Facebook, letzterer kopierte ihn eins zu eins.

Das Dokument, auf das die Schweizer Morgenpost sich in ihrem Artikel bezieht, ist eine Fälschung und schon seit 2007 auf „Wikileaks“ einsehbar

Das Dokument (PDF), augenscheinlich ein Fax, auf das die Schweizer Morgenpost ihren Artikel stützt, ist an „Mrs Angela Merkel“ adressiert und auf den 12. September 2007 datiert. Im Briefkopf steht „Julius Bär“, dabei handelt es sich um eine Privatbank in Zürich, unterschrieben ist die in fehlerhaftem Englisch verfasste Nachricht an Merkel vermeintlich von einem heutigen Vorstandsmitglied der Bank.

Aus dem angeblichen Schreiben an Angela Merkel. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Dokument ist schon seit 2007 bei „Wikileaks“ eingestellt und einsehbar. „Wikileaks“ vermerkte damals, dass es sich dabei allem Anschein nach um eine „sehr schlechte Fälschung“ handele. Das Dokument lässt sich auch über die Seite file.wikileaks.org finden. Doch die Behauptung, es handele sich dabei um einen Teil eines aktuellen Datenleaks durch Julian Assange, ist falsch, wie „Wikileaks“ in einem Tweet vom 13. April schreibt:

Tweet von „Wikileaks“ am 13. April. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Mann, der das angebliche Dokument verfasst hatte – ein ehemaliger Mitarbeiter von Julius Bär –, wurde in der Schweiz rechtskräftig wegen Urkundenfälschung verurteilt. Das Urteil war Teil eines Falles, der bis vor das oberste Gericht der Schweiz ging und im Oktober 2018 endete.

Aus dem abschließenden Urteil des Bundesgerichts der Schweiz vom 10. Oktober 2018. (Screenshot: CORRECTIV)
Aus dem abschließenden Urteil des Bundesgerichts der Schweiz vom 10. Oktober 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

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Einige Teile der vorinstanzlichen Urteile wurden zwar vom Angeklagten angefochten, das Urteil zur Urkundenfälschung jedoch nicht.

Aus dem abschließenden Urteil des Bundesgerichts der Schweiz vom 10. Oktober 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Sprecherin von Julius Bär bestätigte CORRECTIV telefonisch, dass es sich bei dem Dokument um eine Fälschung handele.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das angebliche Dokument, das Merkel in Verbindung mit „Geldwäsche“ bringen soll, ist eine Fälschung.

Bewertung: völlig falsch

Gefälschtes „Fridays-for-Future“-Bild: Doch, die Demos finden auch in den Ferien statt

GERMANY-POLITICS-CLIMATE-ENVIRONMENT-DEMONSTRATION
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„Fridays for Future“-Demonstration am 29. März 2019 in Berlin (Symbolfoto: Tobias Schwarz / AFP)

von Hüdaverdi Güngör

Eine Facebook-Seite veröffentlichte ein Foto einer „Fridays-for-Future“-Demonstration. Darauf wird behauptet, in den Ferien fänden keine Demos statt. Das Bild ist eine Fälschung.

Die Facebook-Seite „Fehler Im System“ postete am 15. April ein Foto. Darauf zu sehen sind mehrere Schüler, die verschiedene Plakate hochhalten. Auf einem der Plakate ist zu lesen: „Während den Schulferien findet unsere Klimademo nicht statt!“. Die Seite schreibt dazu: „Ja, wer hätte das für möglich gehalten.“ Insgesamt wurde das Bild mehr als 300 mal geteilt. Wir haben das Bild überprüft.

Die Seite „Fehler Im System“ veröffentlichte am 15. April das Foto. Screenshot: CORRECTIV

Einige Nutzer äußern Zweifel an der Echtheit des Plakats. Einer schreibt: „Interessant und verstörend wieviele auf diese Manipulationen reinfallen…“

Wir haben das Foto durch die Google-Bilder-Rückwärtssuche laufen lassen und sind fündig geworden: Bei dem Foto aus dem Facebook-Post handelt es sich um eine Fälschung. Der Tagesspiegel veröffentlichte das Originalbild bereits am 8. Februar. Auf dem Plakat steht: „There’s no planet B“. Entstanden ist das Foto in Berlin.

Der Tagesspiegel veröffentlichte das Foto bereits im Februar. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine „Fridays-for-Future“-Demonstrationen in den Ferien?

Wir haben recherchiert, ob die „Fridays for Future“ in den Schulferien stattfinden. Auf der Seite der Organisation sind die nächsten Streiktermine für mehrere Städte gelistet. Laut der Seite finden am Freitag, den 19. April, in mindestens zwölf Städten Demonstrationen statt. Darunter auch Berlin. Gegenüber CORRECTIV bestätigte die Mitorganisatorin Franziska Wessel dies ebenfalls. Sie schreibt in einer Nachricht: „Natürlich streiken wir auch in den Ferien. Dadurch, dass diesen Freitag allerdings Karfreitag ist, sind nur kleine Sachen geplant.“

Auch an Karfreitag wollen junge Menschen demonstrieren. (Screenshot: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Bei dem Foto handelt es sich um eine Fälschung. Die „Fridays-for-Future“-Demonstrationen finden auch in den Ferien statt.

Bewertung: unbelegt

„Bild“ verbreitet unbelegte Behauptung über Mobbing durch „muslimische Mädchen“

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Hat eine Fünftklässlerin in Frankfurt die Schule wegen Mobbing gewechselt? (Symbolbild: Jake Ingle / Unsplash / CC0)

von Till Eckert

Ein Artikel der Bild wurde von einem AfD-Bundestagsabgeordneten zitiert und sein Facebook-Post tausendfach geteilt. Dabei gibt es keine Belege, dass der Fall sich so zugetragen hat.

Johannes Huber, AfD-Bundestagsabgeordneter, schrieb am 1. April in einem Facebook-Post: „Blonde Tochter wird von Muslimen gemobbt.“ Dazu zitierte er die angebliche Mutter des Mädchens, die durch „muslimische Mädchen“ derart gemobbt worden sei, dass ihre Eltern sie „zum Schutz“ aus der Schule nehmen mussten. Der Schulleiter habe dazu gesagt: „Ihre Tochter muss ja nicht sagen, dass sie Deutsche ist. Außerdem können Sie ihr ja ein Kopftuch geben!“

Der Post des AfD-Bundestagsabgeordneten Johannes Huber. (Screenshot: CORRECTIV)

Viele Nutzer kommentieren den angeblichen Fall empört, der Post wurde 5.617 Mal geteilt. Genau wie Huber zitiert auch die Seite „Wir Frauen für die AfD“ die angebliche Mutter, der Post wurde 1.251 Mal geteilt.

Post der Seite „Wir Frauen für die AfD“. (Screenshot: CORRECTIV)

Beide, der Politiker und die Facebook-Seite, geben als Quelle einen Artikel der Bild vom 26. März an. Der Text, überschrieben mit „Wie der Islamismus an die Grundschule Wassermaus kam: Der Zorn der Eltern“ ist ein Folgeartikel früherer Meldungen über religiöses Mobbing an Schulen. Die Bild schreibt einleitend, es hätten sich Eltern aus ganz Deutschland bei der Redaktion gemeldet, die „voller Zorn und Fassungslosigkeit von eigenen Erlebnissen“ berichteten. Der erste angebliche Fall ist der, der von Huber und „Wir Frauen für die AfD“ eins zu eins zitiert wird.

Aus dem „Bild“-Artikel vom 26. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Hat sich der Fall wirklich so zugetragen? Im Artikel steht: „Von der betroffenen Schule war am Montag keine Auskunft zu erhalten.“ CORRECTIV kontaktierte den Autor der Artikels in der Bild-Politikredaktion telefonisch am 11. April, um die Schule zu erfragen, an welcher das Mädchen angeblich gemobbt wurde. Der Autor sagt gegenüber CORRECTIV, er habe zusammen mit einem Redakteur in Frankfurt an der Geschichte gearbeitet. Er wollte sich diesbezüglich zurückmelden.

CORRECTIV konnte den Autor anschließend telefonisch trotz mehrfacher Versuche nicht mehr erreichen.

„Fall von Amtsseite her nicht verifizierbar“

CORRECTIV kontaktierte das Staatliche Schulamt für Frankfurt am Main und bat um eine Überprüfung des angeblichen Falls – das Schulamt ist im Raum Frankfurt unter anderem für geplante Schulwechsel zuständig.

Der Leiter des Büros, Rolf Buchborn-Klos, teilte anschließend telefonisch mit, dass der Fall dem Schulamt nicht bekannt ist. Die Amtsleitung habe durch den Bild-Artikel davon erfahren, konnte den Fall allerdings nach weiterer Recherche nicht zuordnen und habe ihn dementsprechend nicht weiterverfolgt. „Der Fall vom März ist von Amtsseite her nicht verifizierbar“, sagt Buchborn-Klos.

Da auch die Bild laut des Artikels offenbar keinen Kontakt zur angeblich betroffenen Schule hatte und ihn bislang nicht um eine Stellungnahme dieser erweiterte, ist der angebliche Fall, auf den AfD-Politiker Huber und die Seite „Wir Frauen für die AfD“ sich beziehen, nicht belegbar.

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CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigene Redaktion innerhalb des Recherchezentrums CORRECTIV. Wir arbeiten gezielt gegen Desinformation im Internet, recherchieren langfristig zu Missständen in der Gesellschaft, initiieren Bildungsprogramme und führen Klagen für Bürger- und Presserechte. Dieser Faktencheck wurde mit Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Fördern auch Sie unsere Arbeit!

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Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die „Bild“ hat das Zitat der angeblichen Mutter offenbar veröffentlicht, ohne den Fall vorher zu überprüfen.

Bewertung: völlig falsch

Nein, „Die Simpsons“ haben den Brand von Notre-Dame nicht vorhergesagt

Collage Simp
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Collage Simp
Links die Fälschung, rechts das Original. (Screenshots: CORRECTIV)

von Simon Wörz

Eine Facebook-Seite verbreitet das Foto einer vermeintlichen Szene aus der US-Serie „Die Simpsons“. Die Aufnahme zeigt die in Flammen stehende Kathedrale von Notre-Dame. Der Verfasser behauptet, die Serie hätte den Brand vorausgeahnt. CORRECTIV hat das überprüft.

Die Seite „Paranormale Phänomene“ teilte am 17. April ein vermeintliches Bild aus der US-amerikanischen Zeichentrickserie „Die Simpsons“. Es zeigt eine brennende Kathedrale, die als „Notre-Dame Of Springfield“ bezeichnet wird. Springfield ist die fiktive amerikanische Kleinstadt, in der die Serie spielt.

„Die Simpsons haben es schon gewusst…umheimlich…“, kommentiert die Seite den Beitrag und spielt auf den Brand der Notre-Dame-Kathedrale in Paris an. Ein Feuer hatte das Wahrzeichen Frankreichs am 15. April aus bisher ungeklärter Brandursache schwer beschädigt.  Innerhalb von zwölf Stunden wurde das Bild hundertfach kommentiert, bisher wurde es 490 Mal geteilt.

Die Notre-Dame-Kathedrale in Flammen: vermeintliche Szene aus „Die Simpsons“ (Screenshot: CORRECTIV)

Einige Nutzer zweifeln die Echtheit des Bildes an

In einigen Kommentaren werden Zweifel an der Originalität des Standbilds geäußert. Einer schreibt: „So sieht kein Feuer aus in der Simpsons Serie“. Ein anderer Nutzer kommentiert mit dem gleichen Bild aber ohne die Flammen, die aus den beiden Türmen schlagen, und behauptet, das sei das Original. CORRECTIV hat recherchiert, dass es sich bei dem Bild um eine Momentaufnahme der 7. Folge „Szenen einer Ehe“ (engl.: Husband and Knives) in der 19. Staffel handelt.

Ein Nutzer äußert Bedenken an der Echtheit des Bilds (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Youtube existiert ein Video mit dem betreffenden Ausschnitt der Folge: Dort ist klar zu erkennen, dass die Originalaufnahme das Bild ohne Flammen zeigt. Bei dem Beitrag auf Facebook handelt es sich um eine Fälschung.

Im Zuge des Brandes in Paris wurden im Netz viele weitere Spekulationen, Fakes und Gerüchte zu dem Ausbruch des Feuers verbreitet, die CORRECTIV in einem zusammenfassenden Faktencheck überprüft hat.

Das unbearbeitete Standbild aus der „Simpsons“-Folge auf Youtube (Screenshot: CORRECTIV)

Den „Simpsons“ werden nicht zum ersten Mal hellseherische Fähigkeiten nachgesagt

In den Kommentaren deuten Nutzer an, dass die Serie bereits öfters Ereignisse vorhergesagt habe, die Jahre später tatsächlich Realität geworden seien. Als Beleg für die vermeintlich hellseherischen Kräfte der „Simpsons“ wird immer wieder die Vorhersage von Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten herangezogen.

Kommentare unter dem Facebook-Beitrag (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Folge aus dem Jahr 2000 ist Trump kurzzeitig Präsident der Vereinigten Staaten, was der Autor der Folge Dan Greaney in einem Interview mit dem Hollywood Reporter im März 2016 eine „Warnung für Amerika“ nannte.

Update, 23. April, 14.20 Uhr:

In einer vorherigen Version dieses Textes haben wir einen Screenshot aus einem Youtube-Video eingebunden, der angeblich eine Szene aus der betroffenen Folge aus dem Jahr 2000 zeigen soll, in der Trumps Präsidentschaft vorhergesehen wird. Das ist irreführend, denn Trump wird nur in dieser Folge nur namentlich erwähnt. Wir haben den Screenshot entfernt.

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Bei dem Bild handelt es sich um eine Fälschung. Die Macher der „Simpsons“ haben den Brand der Kathedrale von Notre-Dame nicht vorausgeahnt.

Bewertung: falsch

Nein, Jens Spahn erklärt Organe nach dem Tod nicht zum Staatseigentum

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Foto: Universitaetsmedizin [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

von Hüdaverdi Güngör

Ein Artikel des Berliner Express behauptet, Gesundheitsminister Jens Spahn habe gesagt, „Organe sind nach dem Tod Staatseigentum“. Doch die Zitate sind frei erfunden.

Die BerlinerExpress, der sich selbst „Online-Satire-Seite“ nennt, veröffentlichte am 15. April einen Artikel mit dem Titel: „Spahn: ‘Organe sind nach dem Tod Staatseigentum’“. Mehrere Facebook-Seiten und -Nutzer greifen den Artikel auf und verbreiten ihn. Zu ihnen gehören Seiten wie „Pflegekräfte – Helden der Neuzeit“, aber auch „AFD HERNE. ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND“. Insgesamt wurde der Artikel mehr als 2000 Mal auf Facebook geteilt. Wir haben uns die Sache angesehen.

Der Artikel sorgte für Aufsehen. Screenshot: CORRECTIV

Problematische Satire

In dem Artikel wird mehrfach Gesundheitsminister Jens Spahn zitiert. Konkret geht es um Organspenden und einen möglichen Handel ins Ausland. Die Aussagen aus dem Interview lassen viele Menschen in den Kommentarspalten wütend werden; für sie wird nämlich nicht deutlich, dass es sich um Satire handelt. Eine Person schreibt zum Beispiel: „Bin ich Leibeigentum vom Staat? Noch bin ich für mich selbst verantwortlich und was meins ist bleibt meins, dafür sorge ich schon!!!“.

Der Satire-Artikel lässt viele Menschen wütend werden. Screenshot: CORRECTIV

Wir berichteten bereits darüber, warum es schwer sein kann, die Satire  des Berliner Express erkennen. Im Artikel selbst ist kein Hinweis dafür zu finden, dass es sich um Satire handelt. Erst in der Rubrik „Über uns“ wird man fündig. Dort heißt es:„Wir finden auch, dass es zu wenig Online-Satire und zu wenig überspitzte Kritik am herrschenden (politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) System gibt. Dem wollen wir mit unserem ‘Berliner Express’ entgegentreten.“

Erst in der Kategorie „Über uns“ wird deutlich, dass es sich um Satire handelt. Screenshot: CORRECTIV

Erschwerend hinzu kommt, dass einige Facebook-Seite in ihren Beiträgen ebenfalls nicht auf die Satire hinweisen. Zu den Personen zählt in diesem Fall unter anderem der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Stadler. Er schreibt zum Artikel auf Facebook :„Übernehmen Sie dann auch gleich die Bestattungskosten Herr Spahn?“. Es wird nicht deutlich, ob Stadler selbst erkannt hat, ob es sich dabei um Satire handelt.

Ralf Stadler teilte ebenfalls die Meldung. Screenshot: CORRECTIV

Gesetzesentwurf von Spahn

Anlass für die Satire war mutmaßlich ein neuer Gesetzentwurf, den der Gesundheitsminister Anfang April vorlegte. Laut Spiegel sind die wichtigsten Punkte des Gesetzes, dass künftig alle Personen ab 18 Jahren als Organspender registriert werden, sofern sie dem nicht widersprechen. Im Zweifel auch Angehörige entscheiden können, wenn sie belegen können, dass die Person, die Organe nicht spenden wollte.

Unsere Bewertung:
Jens Spahn hat sich nie so zu Organspenden geäußert. Das Zitat ist frei erfunden.

Bewertung: teilweise falsch

Doch, Bundestagsabgeordnete müssen für einen Großteil ihrer Einnahmen Steuern bezahlen

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Die Altersentschädigung für Abgeordnete hängt von ihrer Amtszeit im Parlament ab. (Foto: Pixabay / Tobias Golla / CC0 )

von Simon Wörz

Eine Bildmontage behauptet, dass jeder zweite Rentner in Deutschland monatlich weniger als 800 Euro erhalte, gleichzeitig aber die Gesetzgeber „kaum Steuern“ bezahlen müssten und „fette Pension“ bekommen würden. CORRECTIV hat die Aussagen überprüft.

Am 9. April teilte die Facebook-Seite „Wir Kinder der 70er und 80er Jahre“ eine Bildmontage, die behauptet, dass jeder zweite Rentner in Deutschland mit weniger als 800 Euro im Monat auskommen müsse. Des Weiteren würden „die, die diese Gesetze so gemacht haben […] nicht schwer arbeiten und statt einer gekürzten Rente eine fette Pension bekommen.“ Der Text der Montage schließt mit der Frage: „Nennt ihr das etwa Gerechtigkeit?“

Drei Tage nach der Veröffentlichung wurde der Beitrag mehr als 3.800 Mal geteilt und knapp 500 Nutzer kommentierten das Bild.

Der virale Beitrag auf Facebook (Screenshot: CORRECTIV)

Knapp die Hälfte der Renten lag 2016 unter 800 Euro

Auf Anfrage von CORRECTIV teilte das Bundesarbeitsministerium mit, dass im Jahr 2016 48 Prozent aller Rentenzahlbeträge nicht die Grenze von 800 Euro pro Monat überschritten. Der durchschnittliche Rentenzahlbetrag lag 2017 laut dem Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung bei monatlich 848,32 Euro. Die Behauptung, dass jeder zweite Rentner mit weniger als 800 Euro im Monat auskommen müsse, ist dementsprechend richtig.

Auch Bundestagsabgeordnete zahlen für den Großteil ihrer Einnahmen Steuern

Im nächsten Absatz heißt es: „Die Menschen, die diese Gesetze so gemacht haben, bezahlen kaum Steuern, arbeiten nicht schwer und bekommen statt einer gekürzten Rente eine fette Pension.“ Die Abgeordneten des Bundestags, welcher in Deutschland maßgeblich die Gesetzgebung bestimmt, müssen für ihre monatliche Entschädigung in Höhe von 9.780,28 Euro ganz normal Einkommensteuer entrichten.

Zusätzlich erhalten die Bundestagsabgeordneten eine monatliche Kostenpauschale in Höhe von 4.418,09 Euro, die „die durch die Ausübung des Mandats entstehenden Aufwendungen abdecken soll.“ Diese Pauschale ist steuerfrei. Von den insgesamt 14.198.37 Euro, welche die Abgeordneten im Rahmen ihrer parlamentarischen Tätigkeit erhalten, entfällt auf etwa 69 Prozent Einkommenssteuer. Die Behauptung, dass die Gesetzgebenden „kaum Steuern“ zahlen würden, ist also größtenteils falsch.

Der Bundestag informiert auf seinem Webauftritt über die Zahlungen an Abgeordnete (Screenshot: CORRECTIV)
Der Bundestag informiert auf seinem Webauftritt über die Zahlungen an Abgeordnete (Screenshot: CORRECTIV)

Ex-Abgeordnete erhalten erst Übergangsgeld und ab 67 eine Altersentschädigung

In der Bildmontage ist zudem von „fetten Pensionen“ die Rede, die den Abgeordneten ausgezahlt würden. Stimmt das? Scheidet ein Abgeordneter aus dem Bundestag aus, erhält er zunächst das sogenannte Übergangsgeld. Paragraf 18 des Abgeordnetengesetzes legt fest, in welcher Höhe und wie lange das Übergangsgeld ausgezahlt wird. Auf der Webseite des Bundestags wird die Regelung zusammenfassend erklärt.

Abgeordnete erhalten maximal 18 Monate Übergangsgeld (Screenshot: CORRECTIV)

Wie auch in der gesetzlichen Rentenversicherung, erhalten die Abgeordneten ab dem 67. Lebensjahr eine Altersentschädigung in Höhe von 2,5 Prozent der Abgeordnetenentschädigung. Voraussetzung dafür ist eine mindestens einjährige Mitgliedschaft im Bundestag für jedes weitere Jahr im Bundestag wächst der Betrag um jeweils 2,5 Prozent. Der Höchstbetrag der Altersentschädigung liegt bei 67,5 Prozent.

Die Altersentschädigungen setzen sich somit für jeden ehemaligen Abgeordneten individuell zusammen, genauso wie es auch bei der Rente normaler Arbeitnehmer der Fall ist. Die Aussage, nach der Abgeordnete „statt einer gekürzten Rente eine fette Pension“ bekommen, lässt sich nicht belegen.

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Jede zweite Rente in Deutschland beträgt weniger als 800 Euro. Bundestagsabgeordnete erhalten mit dem Renteneintrittsalter eine Entschädigung, die von der Dauer ihres Mandats abhängt. Dass Bundestagsabgeordnete kaum Steuern zahlen, stimmt nicht.