Dieses Bild weggeworfener Kleidung verbreitet sich in Sozialen Netzwerken. Quelle: Facebook.

von Cristina Helberg

Die Seite „Philosophia Perennis” behauptet, Flüchtlinge von Bord des Schiffes „Aquarius” hätten Kleidung in den Müll geworfen, die das Rote Kreuz ihnen gespendet hat. Das stimmt nicht.

Als Beweis führt der Autor David Berger in seinem Artikel vom 26. Juni 2018 Fotos und verschiedene spanische Medienberichte heran. Er behauptet, die Kleidung wurde in einem Müllcontainer des Studentenwohnheims von Cheste gefunden, wo viele der Migranten untergebracht seien, bis ihre Asylanträge bearbeitet werden.

Das Rote Kreuz dementiert

Weil sich die Bilder von Spanien aus in den Sozialen Medien schnell verbreiteten, veröffentlichte das Rote Kreuz Valencia am 25. Juni eine Stellungnahme auf Facebook. Darauf geht der Autor Berger in seinem einen Tag später publizierten Artikel jedoch nicht ein.

In der Richtigstellung des Roten Kreuzes werden vier Punkte aufgezählt:

„1. Die verbreiteten Fotografien sind aus dem Zusammenhang gerissen.

2. Die Maßnahme ist Teil eines vorbeugenden Gesundheitsprotokolls.

3. Die ausgegebene Kleidung wird gesammelt und bewacht, um anschließend durch einen speziellen Service zerstört zu werden, sodass die Kleidung unmöglich irgendwo hingelangen kann.

4. Die Kleidung wurde vom Roten Kreuz zu jeder Zeit bewacht, um eine Übertragung eventueller Krankheitskeime zu verhindern.“

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Das sagt das Rote Kreuz Valencia zu den Fotos

CORRECTIV hat mit dem Roten Kreuz Valencia gesprochen. Die Organisation bestätigt die Echtheit der Bilder. Allerdings sind sie, wie schon in der Pressemeldung verdeutlicht, aus dem Kontext gerissen. Das Wegwerfen der Kleidung sei im Rahmen der üblichen Gesundheitschecks vorgesehen. So soll die Übertragung von Krankheitskeimen und Infektionen verhindert werden.

Das Rote Kreuz Valencia betont, dass die Müllcontainer mit der Kleidung auf einem bewachten Sportgelände in der Stadt Cheste standen. Dort wurden die Migranten nach ihrer Ankunft nach einem präventiven Behandlungsprotokoll untersucht. Dazu gehöre das Vernichten der zuvor an die Migranten ausgeteilten Kleidung. Zugang zu dem Gelände, auf dem die Fotos entstanden, bekommt man nur nach einer Ausweiskontrolle.

„Das Gelände müsse man sich wie einen kleinen Unicampus vorstellen, mit Zugangskontrollen“, erklärt eine Pressesprecherin am Telefon. Die Kleidung sei kurze Zeit nach den Fotoaufnahmen von einer Spezialfirma abgeholt und vernichtet worden. „Diese Bilder werden in Sozialen Netzwerken geteilt mit der Absicht, die humanitäre Aufnahme von Migranten des Aquarius-Schiffs in Verruf zu bringen“, stellt die Organisation klar.

Fake-News der weggeworfenen Kleidung verbreitet sich in Europa

Die vermeintliche Meldung, Flüchtlinge der Aquarius hätten Kleidung weggeworfen, stammt ursprünglich von der Seite „VoiceofEurope“ und verbreitet sich aktuell in Europa. Das Faktencheck-Team „Maldito bulo“ in Spanien hatte die Meldung als erstes widerlegt. Trotzdem wurde sie übersetzt auch in anderen Ländern weiterverbreitet. Auch in Frankreich haben Faktenchecker die falsche Geschichte widerlegt.

Der Autor David Berger von „Philosophia Perennis“ verknüpft seine Falschmeldung noch mit einer weiteren Behauptung. Angeblich hätten die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in einem Restaurant mit 100 Euro Scheinen bezahlt. Als Quelle verlinkt Berger die spanische Seite „CasoAislado“. Doch auch dort findet sich weder der konkrete Name des Restaurants, noch andere Belege. Als Quelle wird lediglich „ein Kellner eines Restaurantes in der Nähe von Cheste“ genannt. Die Behauptung lässt sich deshalb nicht überprüfen.

Update, 4. Juli 2018: Um die Information des Roten Kreuz Valencia auch aus einer zweiten Quelle zu bestätigen, haben wir bei der spanischen Stadt Cheste nach Informationen gefragt. Dort wurden wir an die Verwaltung der autonomen Region Valencia, die „Generalitat Valenciana“, verwiesen. Die Generalitat erklärt gegenüber EchtJetzt, das Rote Kreuz sei für die Versorgung der Personen von der Aquarius zuständig gewesen und man habe die Erklärungen des Roten Kreuz Valencia zu den im Netz kursierenden Bildern „akzeptiert“. Was genau das „akzeptieren“ bedeutet, will die Behörde auf Nachfrage nicht weiter ausführen.

In mehreren Tweets hat die Behörde jedoch keinerlei Zweifel an der Darstellung des Roten Kreuz geäußert und die Berichterstattung, Flüchtlinge hätten die Kleidung grundlos weggeworfen, als Falschmeldung bezeichnet. In den Tweets erklärt die Verwaltung das Vernichten der zuvor ausgeteilten Kleidung als Teil eines Protokolls, das nach Ankunft von Migranten in allen nationalen Häfen durchgeführt werde. 

 

Unsere Bewertung:
Das stimmt nicht. Die Kleidung wurde aus hygienischen Gründen vom Roten Kreuz entsorgt.

Demo in Dresden
Standbild aus dem Youtube-Video mit der falschen Behauptung, die Polizei habe sich dem Spaziergang der Corona-Kritiker angeschlossen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook und Youtube kursieren Bilder, die angeblich zeigen sollen, wie sich Polizisten einem Montagsspaziergang gegen die Corona-Maßnahmen angeschlossen haben. Das ist falsch. Es handelte sich um einen Polizeieinsatz, der die Versammlung begleitete. 

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe sich in Dresden einem Spaziergang von Kritikern der Corona-Maßnahmen am 18. Mai angeschlossen. „Ein Dank an diese Polizei“, kommentiert die Nutzerin dazu. Auf einem Bild ist zu sehen, wie drei Polizisten neben Demonstranten hergehen. Der Beitrag wurde bereits mehr als 3.300 Mal geteilt. 

Die Behauptung, die Polizei habe sich der Demonstration angeschlossen, ist falsch. Es handelte sich um einen Polizeieinsatz. 

In dem Beitrag ist der Screenshot eines Youtube-Videos zu sehen. Es ist auf der Plattform zu finden und trägt den Titel „2020-05-18 Dresden: Polizei schließt sich Spaziergang der Kritiker der Corona-Maßnahmen friedlich an“. 

Der Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung.
Der Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video zeigt, dass Polizisten zusammen mit den Demonstranten durch die Innenstadt gehen. Es ist aber klar erkennbar, dass es sich um einen Polizeieinsatz handelt. Die Beamten gehen in Gruppen, teilweise fahren Polizeifahrzeuge nebenher. Es ist eine Lautsprecherdurchsage zu hören: „Ihr Spaziergang wurde als Versammlung eingestuft. Hierfür ist eine Anmeldung nötig. Hierzu muss sich eine Person am Lautsprecherfahrzeug einfinden.“

Auf der Webseite der Polizei Sachsen findet sich eine Pressemitteilung zu dem Spaziergang vom 18. Mai. Darin heißt es, es seien Ermittlungen wegen einer nicht genehmigten Versammlung eingeleitet worden. 

Zu dem Spaziergang sei vorher im Internet aufgerufen worden, schreibt die Polizei. Außerdem hatte es kurz zuvor in der Nähe des Versammlungsortes eine Kundgebung von „Pegida“ gegeben, was die hohe Polizeipräsenz in der Dresdener Innenstadt erklärt.  

Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte ein Sprecher der Polizei Dresden am 20. Mai am Telefon, die Polizei habe sich der Demonstration nicht angeschlossen, sondern sie im Rahmen eines Einsatzes begleitet. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Polizei hat sich dem Montagsspaziergang am 18. Mai in Dresden nicht angeschlossen. 

Titelbild
Screenshot des Bildes, das auf Facebook kursiert. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf einem in den Sozialen Netzwerken geteilten Bild wird behauptet, dass Mundschutz für Kleinkinder gefährlich sei. Es drohe eine Atemlähmung. Diese Behauptungen sind falsch.

Auf Facebook kursiert seit mehreren Wochen ein Bild, unter anderem mit der Überschrift Mundschutz: Kleinkinder gar nicht!”. In dem Text dazu wird behauptet, dass Mundschutz für Kinder unter zwölf Jahren ungeeignet und für Kinder unter sechs Jahren gefährlich sei. In dem Bild wird zudem behauptet, Kinder könnten den CO2-Ausstoß nicht kontrollieren und würden nicht merken, wenn sie zu wenig Luft einatmen würden. Zudem führe das wiederholte Einatmen von CO2 zu Atemlähmung.

Das Bild wurde von verschiedenen Personen bei Facebook geteilt, zum Beispiel hier und hier, beide Beiträge wurden am 22. April veröffentlicht. Die Behauptungen darin sind falsch. Das Tragen einer Maske ist für Kinder nur in ganz bestimmten Fällen gesundheitsschädlich. 

Erste Behauptung: Mundschutz sei für Kinder unter zwölf Jahren ungeeignet und für Kinder unter sechs Jahren gefährlich

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin schrieb per E-Mail an CORRECTIV: Für gesunde Kinder, die ein Jahr oder älter sind, sind solche Masken ungefährlich, solange das Kind wach ist und man es nicht zwingt, die Masken auf zu behalten, wenn es diese nicht mehr haben will.“

Da man Kindern den Sinn einer Maske erst ab einem Alter von drei oder vier Jahren erklären könne, ist die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin gegen eine Maskenpflicht von Kindern. Eine passende Altersgrenze sei für die Akademie noch unklar.

E-Mail des Generalsekretärs Hans-Iko Huppertz von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Diese Behauptung ist größtenteils falsch. 

Zweite Behauptung: Mundschutz führt durch wiederholtes Einatmen von CO2 zur Atemlähmung

Wie wir in einem Faktencheck bereits überprüften, ist auch die Behauptung, Kinder könnten den CO2-Ausstoß nicht kontrollieren und würden nicht merken, wenn sie zu wenig Luft einatmen, falsch. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin teilte uns per E-Mail mit, dies sei völliger Unsinn, wenn das Kind gesund und wach ist“.

Auszug aus der E-Mail der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings schrieb uns 3M, ein Hersteller verschiedener Masken, per E-Mail, er rate dringend davon ab, dass Kleinkinder und Säuglinge filtrierende Atemschutzmasken tragen. Dabei drohe Erstickungsgefahr.

RKI: Durch Mundschutz atmet man nicht mehr CO2 ein

In unserem Faktencheck überprüften wird zudem, ob man beim Tragen eines Mundschutzes zu viel CO2 einatme. Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) schrieb dazu per E-Mail an CORRECTIV: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“ Wie in unserem Faktencheck berichtet, beschäftigte sich im Jahr 2005 eine Studie an der Technischen Universität München mit der „Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal“.

Studie von 2005: CO2 könne bei OP-Masken nur teilweise entweichen

Die Studie kam damals zu dem Ergebnis, dass das CO2 beim Ausatmen durch eine OP-Maske nur teilweise entweichen könne. „Dieser Effekt führte zu dem Ergebnis, dass die Probanden Luft einatmeten, deren CO2-Gehalt höher war als derjenige der umgebenden Raumluft“, schrieb die Autorin. Dadurch steige die Kohlendioxid-Konzentration im Blut. (PDF, S. 35)

Das könne zu einer Zunahme der Reaktionszeit und Abnahme der Leistungsfähigkeit führen. Die Autorin der Studie empfahl Herstellern von OP-Masken, ihre Produkte durchlässiger für Kohlendioxid zu machen. (PDF, S. 41 und 42)

Studie bezieht sich nicht auf FFP-Masken oder selbstgenähten Mundschutz

Die Studie beschäftigte sich ausschließlich mit zwei Modellen von OP-Masken, also dem klassischen Mund-Nasen-Schutz (PDF, S.18 bis 20). Das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken) oder selbstgenähten Masken wurde nicht untersucht.

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Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) schrieb auf eine Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass ein Mund-Nasen-Schutz aus Stoff die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht ändere. Alle Moleküle der Raumluft, und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid, können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.

In den meisten Bundesländern gilt eine Maskenpflicht für Kinder ab sechs Jahren

In einer E-Mail an CORRECTIV schrieb Anja Ströhlein, Pressesprecherin des Herstellers 3M für verschiedene Maskenarten: „Die EN149 Norm setzt klare Grenzen für den Ein- und Ausatemwiderstand von Atemschutzmasken – die Norm 14683 entsprechend für chirurgische Masken.“ Man könne deshalb davon ausgehen, dass es bei der korrekten Handhabung nicht zu einer Ansammlung von Kohlendioxid unter dem Atemschutz komme.

In Deutschland gilt in den meisten Bundesländern die Maskenpflicht erst für Kinder ab sechs Jahren. Einige Bundesländer machen eigene Vorgaben: In Sachsen beispielsweise müssen Kinder Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie dazu in der Lage sind. Das liegt im Ermessen der Eltern. In Sachsen-Anhalt gilt eine Maskenpflicht ab zwei Jahren, bei Verstößen droht aber kein Bußgeld.

Fazit: Ein Mundschutz führt nicht zu Atemlähmungen bei Kindern, wenn sie gesund und wach sind.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Tragen einer Maske ist für Kinder nicht gefährlich.

Luc Montagnier im Interview mit dem französischen Sender CNews.
Luc Montagnier im Interview mit dem französischen Sender CNews. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Immer wieder wird eine Behauptung des Virologen Luc Montagnier als angeblicher Beleg herangezogen, dass das Coronavirus in einem Labor hergestellt wurde. Montagnier sagte, das Virus enthalte Gen-Sequenzen von HIV. Zahlreiche Wissenschaftler haben diese Behauptung jedoch widerlegt. 

In einem Artikel vom 18. April schrieb die Seite Sputnik-News: „Nobelpreis-Virologe Montagnier: Neues Coronavirus stammt aus Labor“. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 4.000 Mal auf Facebook geteilt. Die These, die darin vertreten wird, wurde bereits mehrfach von Wissenschaftlern widerlegt. 

Der weltweit anerkannte Virologe Luc Montagnier behauptete im April in einem französischen Interview, das neuartige Coronavirus enthalte teils identische Sequenzen wie HIV. Er schlussfolgerte daraus, dass SARS-CoV-2 nur in einem Labor hergestellt worden sein könne. 

Montagnier sagte in dem Interview, das mit deutschen Untertiteln auch auf Youtube auftaucht, er arbeite nicht im Labor, sondern am Computer. „Wir sind zu der Schlussfolgerung gekommen, das der Virus manipuliert wurde. Ein Teil, ein Modell des Virus, ein klassisches Modell, dass der Virus von der Fledermaus kam. Aber auf dieses Modell hat man Sequenzen des HIV-Virus zugefügt.“ Er wisse nicht, wer das getan habe, aber es sei „die Arbeit von Professionellen, von Molekular-Biologen“. „Das genetische Material des Virus ist ein langer Streifen RNA, an einem bestimmten Platz hat man kleine Sequenzen von HIV eingebaut. Aber diese Sequenzen sind zwar klein, aber sie haben trotzdem eine Bedeutung.“

Luc Montagnier erhielt 2008 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des HI-Virus, das die Krankheit Aids auslöst. Der inzwischen 88-jährige Virologe steht laut Medienberichten aufgrund von Behauptungen zur Wirksamkeit von Homöopathie oder zur Heilung von HIV und Aids immer wieder in der Kritik. 

Auch die aktuellen Behauptungen zum neuartigen Coronavirus reihen sich da mit ein. 

Besonders deutlich wurde Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Auf eine Frage der Wissenschaftsjournalistin nach Montagnier und seinen Behauptungen, sagte Drosten: „Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet. Aber das ist kompletter Unsinn.“

Wissenschaftliches Paper wurde zurückgezogen

Ihren Ursprung nahm die Theorie wohl mit einem Artikel von indischen Wissenschaftlern, der Ende Januar auf den Preprint-Server BioRXIV hochgeladen wurde. Es handelte sich um einen sogenannten Preprint, eine Arbeit, die noch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft worden war. Sie befeuerte den Mythos, das Coronavirus sei nicht natürlichen Ursprungs, weil es darin hieß, man habe bei vier Insertionen im Genom des Coronavirus Ähnlichkeiten zu Sequenzen von HIV-1 gefunden. Insertionen sind eine Art von Gen-Mutation, bei der ein zusätzliches Nukleotid (DNA-Abschnitt) in eine DNA-Sequenz eingefügt wird.

Die Autoren haben den Artikel jedoch Anfang Februar zurückgezogen. In einem Kommentar schrieb einer von ihnen, Prashant Pradhan, vor vier Monaten, man habe nicht die Absicht gehabt, Verschwörungstheorien zu nähren. Das war also vor Montagniers TV-Interview im April. 

In einer Studie vom 14. Februar, die im Journal Emerging Microbes & Infections veröffentlicht wurde, wird zudem explizit widersprochen: HIV-1 habe nicht zum Genom des neuartigen Coronavirus beigetragen. Der Text bezieht sich direkt auf die Arbeit der indischen Forscher: Sie impliziere, dass das Coronavirus generiert worden sein könnte, mit Genfragmenten aus dem Genom von HIV-1. Ihre eigene Analyse der vier Insertionen habe aber keinerlei Belege dafür geliefert, schreiben die Autoren.

Auszug aus Studie
Auszug aus dem Bericht im Journal Emerging Microbes & Infections (Screenshot: CORRECTIV)

Die Insertionen seien gar nicht spezifisch für HIV-1, sondern beim Abgleich mit einer Datenbank bekomme man Treffer für viele verschiedene Lebensformen, zum Beispiel auch Bakterien, erklären die Forscher weiterhin.

Suchergebnisse in der Viren-Datenbank zum Abgleich der Gen-Sequenzen.
Suchergebnisse in der Viren-Datenbank zum Abgleich der Gen-Sequenzen. (Screenshot: CORRECTIV)

Zu demselben Ergebnis kamen auch Faktenchecks der Seiten European Scientist und Health Feedback. In letzterem Artikel zitierten die Autoren den Virologen Trevor Bedford, der auf Twitter Ende Januar schrieb, die verglichenen Gen-Sequenzen seien so kurz, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man Ähnlichkeiten bei anderen Organismen, einschließlich HI-Viren, finde, sehr hoch sei. „Die beobachteten Insertionen sind komplett vereinbar mit natürlicher Evolution dieser Viren in Fledermäusen.“ 

Auszug aus dem Faktencheck von Health Feedback.
Auszug aus dem Faktencheck von Health Feedback. (Screenshot: CORRECTIV)

Wissenschaftler: Alles deutet auf natürlichen Ursprung des Virus hin

Bereits im Februar hatten zudem zahlreiche Wissenschaftler betont, alles deute auf einen natürlichen Ursprung des Virus hin.

In einem Artikel im Journal Nature (17. März) erklärte eine weitere Gruppe von Forschern, was im Genom des Coronavirus gegen die Theorie spreche, es sei im Labor erschaffen worden.

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Ein „starker Beleg“ sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Plausibel sind laut den Wissenschaftlern zwei Szenarien – entweder sei die Veränderung des Virus in einem tierischen Wirt vor der Übertragung auf den Menschen geschehen, oder erst danach, also im Menschen selbst. Im ersten Szenario sei es wahrscheinlich, dass Fledermäuse als „Reservoir“ des Virus dienten. Doch auch bei Schuppentieren (Pangolins) kämen Coronaviren vor, die SARS-CoV-2 sehr ähnlich seien.  

Die Forscher kommen zum Schluss: „Unsere Analyse zeigt klar, dass SARS-CoV-2 kein Laborkonstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus ist.“ 

Unsere Bewertung:
Falsch. Mehrere Wissenschaftler stellen klar: Es wurden keine Sequenzen von HIV im Labor in das Coronavirus eingefügt. 

Screenshot YouTube
Screenshot aus dem CNBC-Interview mit Bill Gates. (Quelle: CNBC Television/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Eine Webseite behauptet, Bill Gates habe in einem Interview 700.000 Opfer durch die Corona-Impfung prognostiziert. Gesagt hat er das aber gar nicht.

In einem Interview mit dem US-amerikanischen Fernsehsender CNBC habe Bill Gates 700.000 Opfer durch die Corona-Impfung angekündigt – so wird es in einem Gastbeitrag auf der Webseite von Ken.FM behauptet. In dem Artikel steht: „Er nennt das – Tod oder dauerhafte Behinderung – ‘Seiteneffekte’.“ 

Bill Gates spricht in dem Interview aber nicht von „Opfern“ und auch nicht davon, dass Menschen sterben werden. Es geht unter anderem darum, wie schnell gewöhnlich Ergebnisse in der Impfstoffforschung vorliegen und, dass im Fall des SARS-CoV-2-Impfstoffes besonders ältere Leute profitieren würden, weil sie die am stärksten betroffene Bevölkerungsschicht sind. 

Hochgeladen wurde das Video des Interviews am 9. April 2020 auf den offiziellen Youtube-Kanal des Senders. Der Gastbeitrag auf der Webseite KenFM wurde am 11. Mai 2020 veröffentlicht und zitiert einen Teil des Interviews, einmal in der englischen Version und einmal in einer deutschen Übersetzung. Der zitierte Abschnitt beginnt bei Minute 3:15 im Video.

Auszug aus dem Artikel der Webseite KenFM, in dem der Interviewausschnitt von Bill Gates zitiert wird. (Quelle: KenFM, Screenshot: CORRECTIV)

Irreführende Überschrift: Gates spricht nicht von „Opfern“

Der Gastbeitrag zitiert Gates’ Aussagen in dem Interview korrekt, interpretiert sie aber auf irreführende Weise. 

Wie aus dem Zitat hervorgeht, spricht Bill Gates nicht von „Opfern“, die eine Behinderung oder den Tod erleiden würden, sondern von „Nebenwirkungen“. Er erklärt in dem Interview mit CNBC, dass eine Impfstoffentwicklung vermutlich noch etwa 18 Monate dauern würde, auch wenn es vielversprechende Ansätze gebe. Er weist auch darauf hin, dass es ein Problem sei, dass gewöhnliche Grippeimpfungen bei älteren Menschen oft nicht in dem Maße helfen würden wie bei jüngeren. Im Fall der Impfung gegen das Coronavirus müssten aber besonders ältere Menschen davon profitieren. Dafür müsse man den Impfstoff verstärken, er dürfe aber trotzdem keine stärkeren Nebenwirkungen haben.

Er rechnet dann vor, dass, wenn Nebenwirkungen bei einer von 10.000 Impfungen aufträten, insgesamt 700.000 Menschen betroffen wären, würde man sieben Milliarden Menschen impfen. (Sieben Milliarden sind fast die ganze Weltbevölkerung, die aktuell laut UN bei 7,7 Milliarden Menschen liegt.) Was genau Bill Gates mit Nebenwirkungen meint, sagt er nicht. 

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Die Überschrift des Beitrags auf KenFM ist irreführend, weil die Formulierung „Bill Gates prognostiziert 700.000 Opfer durch Corona-Impfung“ andeutet, dass 700.000 Menschen sterben würden. Die Behauptung wurde auch an anderen Stellen aufgegriffen, unter anderem – in leicht abgewandelter Form – von einem Arzt, dessen Behauptungen wir hier widerlegt haben.

Ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 steht laut Angaben des Robert-Koch-Instituts bisher nicht zur Verfügung. Mehrere Impfstoff-Kandidaten würden derzeit entwickelt und teils auch schon in klinischen Studien geprüft. Es ist aktuell also nicht möglich, vorauszusagen, welcher Impfstoff am Ende zugelassen wird und wie viel Prozent der Geimpften Nebenwirkungen davon bekommen könnten. 

Fazit: Bill Gates spricht in dem Interview nicht von „Opfern“ oder gar, wie impliziert wird, Toten, sondern lediglich von Nebenwirkungen, die er nicht näher bezeichnet. Er tut das jedoch, um zu argumentieren, dass Impfstoffe möglichst keine Nebenwirkungen haben sollten. Die Überschrift des Beitrags ist also irreführend und weckt falsche Befürchtungen.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift des Beitrags ist irreführend.

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Auf Facebook verbreitet Michael Spitzbart falsche Behauptungen über Bill Gates.. (Quelle: Facebook / Dr. Michael Spitzbart, Screenshot: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Der Arzt Michael Spitzbart schreibt auf Facebook und Instagram, Bill Gates habe zugegeben, dass er mit 700.000 Impfschäden durch einen Covid-19-Impfstoff rechne. Zudem habe er in Indien nach einer „Impfaktion“ 490.000 gelähmte Kinder hinterlassen. Unser Faktencheck zeigt: Die erste Behauptung ist teilweise falsch, die zweite falsch.

Michael Spitzbart behauptet in einem Facebook-Beitrag vom 13. Mai, 490.000 Kinder seien in Folge einer „Polio-Impfaktion“ von Bill Gates in Indien gelähmt worden. Das stimmt nicht, wie unser Faktencheck zu den angeblichen „Impfverbrechen“ von Bill Gates zeigt. Auch die Darstellung, Gates habe „zugegeben“, dass er mit 700.000 Impfschäden durch einen Covid-19-Impfstoff rechne, ist irreführend.

Michael Spitzbart ist laut seiner Webseite Arzt für „präventive und orthomolekulare Medizin“  und hat eine Praxis in Salzburg. Sein Beitrag zu Bill Gates wurde bisher fast 2.500 Mal auf Facebook geteilt. Spitzbart hat ihn auch auf seinem Instagram-Profil veröffentlicht.

Ausschnitt aus dem Facebook-Beitrag von Michael Spitzbart. Er behauptet darin unter anderem, als Folge einer Impfaktion von Bill Gates in Indien seien 490.000 Kinder gelähmt. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Erste Behauptung: Bill Gates rechnet bei Corona-Impfung mit 700.000 Impfschäden

Bill Gates hat tatsächlich von diesen Zahlen gesprochen, die Schlussfolgerung daraus ist aber irreführend. Spitzbart bezieht sich bei dieser Behauptung auf ein Interview von Bill Gates mit dem US-amerikanischen Sender CNBC. Das Interview ist in dem Beitrag verlinkt und wurde von CNBC erstmals am 9. April in voller Länge (mehr als 26 Minuten) veröffentlicht. Der Ausschnitt des Interviews, auf den sich Spitzbart bezieht, ist hingegen nur wenige Minuten lang.

Auch in einem Gastbeitrag der Seite Ken.FM wurde behauptet, Bill Gates habe 700.000 „Opfer“ durch die Corona-Impfung prognostiziert.

In dem Interview wird Gates gefragt, ob er wirklich denke, dass die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 18 Monate dauern werde (Minute 01:59 in der gekürzten Version). Darauf antwortet er, dass es auch schneller gehen könne, „wenn alles perfekt läuft“ (Minute 02:30), aber „wir wollen keine unrealistische Erwartungen schaffen“.

Man brauche laut Gates einen Impfstoff, der „auch bei älteren Menschen funktioniere“

Dann spricht er darüber, dass es „immer eine große Herausforderung“ sei (Minute 02:40), einen Impfstoff zu entwickeln, der auch bei älteren Menschen wirksam sei. Es habe sich gezeigt, dass der Grippe-Impfstoff bei älteren Menschen nicht so gut wirke wie bei jüngeren. Der Vorteil des Grippe-Impfstoffs für junge Menschen liege mehr darin, dass sie ältere nicht anstecken könnten.

„Hier“, sagt Gates in Bezug auf einen Corona-Impfstoff, „brauchen wir eindeutig einen Impfstoff, der auch bei älteren Menschen funktioniert, weil diese dem größten Risiko ausgesetzt sind“ (ab Minute 03:00). Und weiter: „Das so zu tun, dass man es so verstärkt, dass es auch bei älteren Menschen funktioniert, und es trotzdem keine Nebenwirkungen hat… wenn wir eine von 10.000 Nebenwirkungen haben, sind das weit mehr, 700.000 Menschen, die darunter [weltweit] leiden werden.“

Ausschnitt aus dem Interview von CNBC mit Bill Gates, das der Sender am 9. April auf seiner Webseite veröffentlichte. (Quelle: CNBC, Screenshot: CORRECTIV)

Gates erklärt in dem Interview, warum ein Impfstoff möglichst keine Nebenwirkungen haben sollte

Gates versucht an dieser Stelle also deutlich zu machen, dass ein Impfstoff keine Nebenwirkungen haben dürfte und rechnet vor: Selbst wenn nur eine Person unter 10.000 Nebenwirkungen durch einen Impfstoff hätten, müssten – auf die Weltbevölkerung mit sieben Milliarden Menschen hochgerechnet – 700.000 Menschen unter Nebenwirkungen leiden. Was genau er mit Nebenwirkungen meint, bleibt in dem Interview unklar.

Gates Schlussbemerkung dazu lautet: „Es ist also sehr, sehr schwer, die Sicherheit in einem gigantischen Ausmaß über alle Altersgruppen hinweg – schwanger, männlich, weiblich, unterernährt, bestehende Komorbiditäten – wirklich zu verstehen. In die eigentliche Entscheidung ‘OK, lasst uns diesen Impfstoff der ganzen Welt zu verabreichen’ müssen die Regierungen mit einbezogen werden, denn es werden einige Risiken und Absicherungen nötig sein, bevor darüber entschieden werden kann“ (Minute 03:27). (Hinweis: Im englischen Interview sagt Gates „indemnification“, was sowohl „Entschädigung“ als auch „Absicherung“ bedeuten könnte.)

Schlussfolgerungen aus Interview irreführend

Gates spricht also tatsächlich hypothetisch von 700.000 Menschen, die unter Nebenwirkungen leiden könnten. Es ging ihm allerdings nicht um einen Fakt oder eine Vorhersage, sondern darum, zu zeigen, dass ein Impfstoff gegen Covid-19 möglichst für niemanden Nebenwirkungen haben sollte. Insofern ist es irreführend, daraus zu schlussfolgern, er habe „zugegeben“, mit 700.000 Impfschäden zu rechnen.

Einen Impfstoff gegen Covid-19 gibt es bisher nicht, zahlreiche Kandidaten befinden sich laut RKI noch in der Entwicklung und Testphase.

Zweite Behauptung: In Folge einer „Polio-Impfaktion“ von Bill Gates in Indien seien 490.000 Kinder gelähmt

Das Gerücht, Bill Gates sei Schuld daran, dass in Indien Hunderttausende Kinder in Folge einer Impfung gegen Polio gelähmt seien, hält sich hartnäckig. Wie unser Faktencheck zu seinen angeblichen „Impfverbrechen“ zeigt, ist da aber nichts dran.

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, der mindestens dreimal verabreicht wird.

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Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. Es gibt immer noch Polio-Fälle in Pakistan und afrikanischen Ländern – die Zahlen liegen im zweistelligen Bereich.

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf.

Oraler Polio-Impfstoff kann in seltenen Fällen Erkrankung verursachen – die Fallzahlen sind sehr gering

In seltenen Fällen könne es jedoch dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“.

Die Fallzahlen sind jedoch sehr gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es dieses Jahr weltweit 54 Fälle wilder Polio und 101 Fälle von Impfstoff-Polio. Keiner davon war in Indien (Stand: 13. Mai). Das Datenportal der WHO zeigt, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). Dies bestätigte die WHO auch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail.

Um Polio zu entdecken, werden Lähmungssymptome bei Kindern genau dokumentiert – sie können verschiedene Ursachen haben

Die Zahl von 490.000 Kindern, die angeblich in Indien gelähmt wurden, hat keine Verbindung zu Impfstoff-basierter Polio.

Sie stammt offenbar aus einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). Zwischen 2000 und 2017 sei dies bei 640.000 Kindern in Indien registriert worden. Die Wissenschaftler merken an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen. Für diese Hypothese liefern die Autoren jedoch keinerlei Nachweis. Man kann die 491.000 Fälle also nicht einfach Impfungen zuschreiben.

Tatsächlich zeigt das Datenportal der WHO einen Anstieg der registrierten AFP-Fälle von 2000 bis 2012. Der WHO zufolge ist diese Entwicklung auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. Acute Flaccid Paralysis (AFP) sei ein Symptom und könne verschiedene Ursachen haben, teilt man uns per E-Mail mit.

AFP-Fälle werden in Indien seit dem Jahr 1997 systematisch erfasst und sind definiert als Lähmung mit unbekannter Ursache bei einem Kind unter 15 Jahren oder Lähmung bei einer älteren Person, bei der ein Verdacht auf Polio besteht (PDF, Seiten 12). Wird ein Fall registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31).

Mögliche andere Ursachen von Lähmungen könnten laut Polio Eradication Initiative ein Trauma, eine Infektion mit anderen Enteroviren oder ein Schlangenbiss sein. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schreibt uns die WHO per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten  Fälle in Indien zurückzuführen.

Fazit

Die Behauptungen von Michael Spitzbart sind größtenteils falsch oder irreführend: Bill Gates hat nicht „zugegeben“, dass es 700.000 Impfgeschädigte durch einen Corona-Impfstoff geben wird. Zudem wurden in Folge von Polio-Impfungen in Indien, die Gates finanziell unterstützte, nicht 490.000 Kinder gelähmt.

Der Arzt Michael Spitzbart hat schon in der Vergangenheit wiederholt irreführende Behauptungen über das neuartige Coronavirus verbreitet. Mitte März behauptete er auf seinen Profilen, Vitamin C könne in hoher Dosierung Viren „effektiv abtöten“. Dafür gibt es aber keine Belege – CORRECTIV hat dazu bereits einen Faktencheck veröffentlicht. Ende März verglich er dann das Coronavirus auf irreführende Weise mit Grippeviren.

Unsere Bewertung:
Bill Gates ist nicht verantwortlich für 490.000 gelähmte Kinder in Indien. Er hat auch nicht „zugegeben“, dass es bei einer weltweiten Corona-Impfung 700.000 Impfschäden geben werde.

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Das Video des Youtubers „Coach Cecil“ enthält falsche und unbelegte Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In einem Video stellt der Youtuber „Coach Cecil“ zahlreiche Behauptungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auf. Viele davon sind falsch oder unbelegt.

Das Video des Youtubers „Coach Cecil“ vom 1. Mai mit dem Titel „Aufgeflogen: Die wahren Mächte Volksverrat“ beginnt dramatisch. „Heute wird, glaub ich, mein aller heftigstes Video von allen Corona-Videos, die ich überhaupt gemacht habe. […] Es geht um die ganzen Verstrickungen […], von Bill Gates und den ganzen Organisationen wie der Charité, wie dem Robert-Koch-Institut und so weiter. Es wird wirklich dramatisch heute“, sagt der Youtuber aus dem Off. Und er verspricht den Zuhörern: „Ich werde nichts hineininterpretieren, sondern ich werde euch einfach nur die Fakten aufzählen“. 

Dieses Versprechen hält Cecil mit seinem Video jedoch nicht. Unser Faktencheck zeigt: Mehrere seiner Behauptungen beruhen nicht auf Fakten, sondern sind schlichtweg falsch. Am 19. Mai stellte Cecil das Video auf seinem Kanal auf privat. Bis zu diesem Zeitpunkt war es mehr als 839.000 Mal geklickt worden. Andere Kanäle verbreiten das Video weiterhin, unter anderem der Kanal „Schwindelambulanz Sinsheim“ (693.000 Klicks) von Bodo Schiffmann

Der Youtuber „Coach Cecil“ betreibt seinen Kanal seit 2015. In seinen Videos gibt der ehemalige Profi-Basketballer, der eigentlich Cecil Egwuatu heißt, Ernährungstipps und zeigt Sportübungen. Seit der Corona-Pandemie hat er sich in verschiedenen Videos auch zu den Maßnahmen der Regierung geäußert und unter anderem davon gesprochen, dass alle Medien gesteuert seien. Das ZDF berichtete im April, Cecil habe in seinen Videos Nahrungsergänzungsmittel als Mittel gegen Corona beworben. 

Wir haben die wichtigsten Behauptungen in seinem Video vom 1. Mai geprüft. Von den sieben geprüften Behauptungen, die „Coach Cecil“ aufgestellt hat, sind fünf falsch oder teilweise falsch und zwei unbelegt.

1. Behauptung: Bill Gates ist der Hauptsponsor der WHO 

An mehreren Stellen im Video (ab Minute 02:34 und ab Minute 9:40) behauptet Cecil, Bill Gates sei nach dem Absprung der USA der Hauptsponsor der WHO und der zweitgrößte Sponsor sei die Gavi-Allianz, die von Bill Gates gesponsert werde. „Die WHO ist eigentlich wie eine Hausgesundheitsorganisation, er hat wirklich den allergrößten Teil, den er da reinsteckt“, so Cecil. Eine ähnliche Behauptung tauchte auch in einem Video mit zahlreichen Falschbehauptungen von Ken Jebsen auf. Wir haben einen Faktencheck dazu veröffentlicht. 

Korrekt ist, dass die Bill & Melinda Gates Stiftung laut WHO der zweitgrößte Spender nach den USA ist – die Zuwendungen machen 11,41 Prozent der Finanzierung aus. Spenden der Gavi Impfallianz entsprechen 6,49 Prozent. Die Gavi Impfallianz wird selbst zu einem großen Teil von der Gates-Stiftung finanziert (von 2016 bis 2020 zu etwa 17 Prozent; Tabelle „Annual Contributions 31 December 2019“). 

Das Programm-Budget der WHO für 2018/2019 lag insgesamt bei rund 4,4 Milliarden US-Dollar (Seite 5), und für 2020/2021 bei rund 4,8 Milliarden (Seite 6). In den Jahresberichten der WHO wird der Anteil der Bill & Melinda Gates Stiftung deutlich: 2018 spendete sie rund 229 Millionen Dollar für den „General Fund“ der WHO (PDF, Seite 6). 2017 waren es rund 325 Millionen Dollar (PDF, Seite 7).

Fazit: Teilweise falsch. Die Bill & Melinda Gates Foundation ist in den vergangenen Jahren der zweitgrößte Sponsor der WHO gewesen. Die Zuwendungen machen jedoch nicht den „allergrößten Teil“ des Budgets aus.

2. Behauptung: Der italienische Abgeordnete Vittorio Sgarbi habe mit den Gesundheitsbehörden gesprochen und herausgefunden, dass 96 Prozent der Patienten nicht an Corona gestorben seien 

Cecil relativiert seinen Verweis (ab Minute 04:21) auf den Politiker Sgarbi, in dem er sagt: „96 Prozent ist natürlich schon krass. Also ich war bei dem Gespräch mit der Gesundheitsbehörde nicht dabei, also kann ich es nicht hundertprozentig bestätigen“. Trotzdem nutzt er die Behauptung als vermeintlichen Beleg. Wir haben Sgarbis Behauptungen in einem Faktencheck ausführlich geprüft.  

Sgabi bezog sich mit seiner Behauptung auf eine Studie aus Italien, zieht jedoch Schlüsse, die die Studie nicht zulässt. Sie kommt anhand der Analyse von Patientenakten zu dem Schluss, dass von 2.351 Patienten 96,2 Prozent eine oder mehrere Vorerkrankungen hatten. Auf diese Zahl bezieht Sgarbi sich. Für seine Schlussfolgerung, dass diese Menschen alle nicht an Covid-19 starben, ist die Studie aber keine Grundlage.

Fazit: Unbelegt. Vittorio Sgarbi zieht falsche Schlüsse aus einer Studie. Es ist unklar, wie viele Menschen in Italien wirklich ursächlich am Coronavirus starben.

3. Behauptung: Rechtsmediziner Püschel hat „bis zum heutigen Tag“ nicht einen Corona-Fall obduziert, der an und nicht mit Corona gestorben ist 

Das behauptet Cecil im Video ab Minute 04:52. Wir haben das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, wo Klaus Püschel das Institut für Rechtsmedizin leitet, mit den Behauptungen konfrontiert. 

Die Pressestelle antwortete per E-Mail am 13. Mai: „Nein, das stimmt nicht. Bis zum 7. Mai lagen dem Institut für Rechtsmedizin 192 Sterbefälle mit bestätigten Sars-CoV-2 Nachweisen vor. Dabei konnte in 187 Fällen Covid-19 als todesursächlich eruiert werden. Die sorgfältige Untersuchung der Toten findet seit dem 23. März im Institut für Rechtsmedizin statt und belegt, dass es sich bei dem Großteil der Verstorbenen um bereits zuvor körperlich bzw. immunologisch erheblich beeinträchtigte Patientinnen und Patienten handelte.“ 

Fazit: Falsch. Laut Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf starben 187 von 192 obduzierten Personen ursächlich an Covid-19. 

4. Behauptung: In den Statistiken des RKI werden die Genesenen nicht abgezogen 

Cecil zeigt ab Minute (07:25) ein Dashboard des Robert-Koch-Instituts. Darunter hat er geschrieben: „Die Genesenen werden nicht abgezogen“. Oben rechts im Bild ist jedoch deutlich zu erkennen, dass die Genesenen sehr wohl gekennzeichnet sind. Circa 123.500 Genesene steht dort für den 30. April 2020. Die Zahlen der Genesenen wird in dem Dashboard täglich aktualisiert.

Bild aus dem Youtube-Video des Kanals „Coach Cecil“. Oben rechts nennt das Dashboard des Robert-Koch-Instituts die tagesaktuelle Zahl der Genesenen. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Auch in den täglichen Lageberichten des RKI wird die Zahl der Genesenen prominent auf der ersten Seite gleich neben den bestätigten Fällen genannten, auch am 30. April war das der Fall. 

Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 30. April 2020, rechts markiert die Zahl der Genesenen (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Korrekt ist, dass die Zahl der Genesenen nicht von der Gesamtzahl der bestätigten Fälle abgezogen wird. 

Das Robert-Koch-Institut schreibt dazu auf seiner Webseite: „Daten darüber, ob ein Patient wieder genesen ist, werden nicht offiziell erhoben. Die Erhebung ist auch nicht gesetzlich vorgesehen. Allerdings kann man zumindest bei den Fällen, bei denen die meisten Angaben ermittelt wurden und, die keine schweren Symptome hatten, die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, davon ausgehen, dass sie spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind. Das RKI schätzt die Zahl der Genesenen und stellt sie täglich auf dem RKI-Dashboard und im Situationsbericht  zur Verfügung.“

Erklärung auf der Website des Robert-Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die John Hopkins Universität führt in ihrem Dashboard Zahlen von Genesenen zusätzlich auf, statt sie abzuziehen. 

Fazit: Teilweise falsch. Cecil suggeriert, das RKI würde absichtlich die Zahl der Genesenen nicht abziehen, um für Angst zu sorgen. Die geschätzte Zahl der Genesenen nennt das RKI jedoch prominent in Lageberichten und im Dashboard. 

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5. Behauptung: Das RKI hat Apotheken verboten, Antikörpertests zu verkaufen und mit 30.000 Euro Strafe gedroht 

Cecil behauptet weiter, das RKI wolle offenbar die Dunkelziffer der bereits Erkrankten gar nicht herausfinden und habe Apotheken verboten, Antikörpertests zu verkaufen (ab Minute 07:45). Das ist falsch. 

Das RKI selbst schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Das RKI hat keinen Einfluss auf Tests, die in Apotheken verkauft werden.“ Das bestätigte uns auch das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage: „Die von Ihnen zitierte Behauptung ist falsch und entbehrt jeder Grundlage. Schon rein rechtlich könnte das RKI überhaupt kein Verkaufsverbot in Apotheken durchsetzen.“

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände antwortete auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Apotheken dürfen in der Tat Antikörpertests derzeit weder an Laien abgeben noch selbst in der Apotheke an Patienten anwenden. Die Verletzung des Abgabeverbots nach § 3 Abs. 4 der Medizinprodukte-Abgabeverordnung kann als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße bis zu 30.000 Euro geahndet werden. Das bedarf keines spezifischen ‚Verbotes‘ durch das RKI.“ 

Es gibt also ein Verbot, das RKI hat damit aber nichts zu tun. Grund für das Verbot ist laut der Bundesvereinigung die nicht gesicherte Zuverlässigkeit der Antikörpertests. Im Laufe der nächsten Wochen sei aber mit dem Marktzugang zuverlässiger Tests zu rechnen.

Antikörpertests funktionieren grundsätzlich anders als PCR-Tests. Antikörpertests weisen keine aktuelle Infektion nach, sondern untersuchen Blut darauf, ob virusspezifische Antikörper nachweisbar sind. So soll festgestellt werden, ob man schon mit dem Virus infiziert war. Für die PCR-Tests wird ein Nasen-Rachen-Abstrich genommen, mit dem Ziel eine aktuelle Infektion nachzuweisen. 

Fazit: Die Behauptung ist teilweise falsch. Das RKI hat kein Verbot ausgesprochen und wäre dazu gar nicht befugt. Aktuell gilt wegen Unzuverlässigkeit der bisherigen Antikörpertests ein Verkaufsverbot. 

6. Behauptung: Die PCR-Tests sind „sehr, sehr unzuverlässig“, weil oft falsch-positiv

Ab Minute 08:45 behauptet Cecil: „Der Test ist halt mega unzuverlässig, also sehr oft falsch positiv“. Dazu haben wir einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht, nachdem zuvor in Videos behauptet worden war, die in Deutschland genutzten PCR-Tests könnten zu 30 bis 50 Prozent falsch positiven Ergebnissen führen. Dafür hat CORRECTIV Labore von den drei Unikliniken Köln, Stuttgart und Dresden zur Testgenauigkeit befragt. 

Corinne Klett vom Zentralinstitut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Klinikums Stuttgart antwortete: „Die Tests am Klinikum Stuttgart weisen eine sehr hohe Qualität mit sehr geringen Fehlerquoten auf. Insbesondere falsch positive Ergebnisse sind nahezu ausgeschlossen.“ Sie verweist jedoch darauf, dass die Abstriche gründlich genommen werden müssten. „In Krankenhäusern mit geschultem Personal sollten diese Fehler jedoch kaum auftreten.“ Weiter schrieb sie per E-Mail: „Die Tests am Klinikum Stuttgart erkennen im niedrigen Virusbereich erkrankte Patienten zu 95%, bei höheren Virus-Konzentrationen liegt die Sensitivität bei annähernd 100%.“

Bislang seien keinerlei Kreuzreaktionen bekannt, die zu falsch positiven Ergebnissen führen könnten. „Deshalb sind falsch positive Corona-PCR-Ergebnisse nahezu auszuschließen. Als Fehlerquelle kommt vor allem die Präanalytik in Frage, also beispielsweise ungenügende Abstrichtechnik, Probenverwechslung oder auch zu lange Lagerung bzw. Transportzeiten.“

Das bestätigte auch Rolf Kaiser vom Institut für Virologie der Universität zu Köln am Telefon: „Unter der Vorgabe, dass der Abstrich richtig genommen wird und das Labor erfahren ist und sauber arbeitet, sind Fehlerquoten von 30 bis 50 Prozent falsch positiven Testergebnissen nicht erklärbar.“ Man könne generell nie ausschließen, dass mal etwas falsch laufe und Fehler passieren, aber dafür gebe es interne Kontrollen im Test und im Labor. „Die Quoten liegen dabei deutlich unter 30 bis 50 Prozent.“

Zu der Behauptung, die Test könnten aus anderen Gründen falsch positiv sein, sagte er: „Die gebräuchlichen aktuellen PCR Test auf den Coronavirus haben kein Problem mit Kreuzreaktionen von bekannten Coronaviren. Dazu hat auch schon ein Ringversuch mehrerer Labore zur Qualitätssicherung stattgefunden.“ 

Labor der Universität Dresden: „Uns sind bislang keine Fälle falsch positiver Befunde bekannt“

Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität Dresden schreibt per E-Mail über sein Labor:  „Uns sind bislang keine Fälle falsch positiver Befunde bekannt“. Auf die Frage von CORRECTIV, ob in deutschen Laboren, die Erfahrung mit PCR-Tests haben und Proben untersuchen, bei denen der Abstrich korrekt genommen wurde, eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent falsch positiven Tests denkbar sei, antwortete er: „Nein, die RT-PCR sind hochspezifisch (Spezifität sicher im Bereich >95/98%).“ 

Er verweist aber wie seine Kollegen auf das Problem der Abstriche. Je schlechter die Proben genommen würden, desto weiter sinke die Sensitivität. „Es gibt tatsächlich Hinweise, dass Rachenabstriche nur 70% der Erkrankten erkennen.“ Deshalb setze man nur geschultes Personal für die Abstriche ein. Und Dalpke macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Falsch positive und falsch negative Ergebnisse hängen darüber hinaus davon ab wie die ‘Vortestwahrscheinlichkeit’ ist.“ 

Fazit: Größtenteils falsch. Drei große Labore widersprechen der Behauptung, der PCR-Test sei unzuverlässig und liefere falsch-positive Ergebnisse. 

7. Behauptung: RKI-Präsident Lothar Wieler ist Mitarbeiter der WHO 

Weiter behauptet Cecil, der Präsident des RKI, Lothar Wieler sei „Mitarbeiter der WHO“ (ab Minute 10:21) und die WHO sei „praktisch sein Arbeitgeber“ (ab Minute 09:54 und 12:45). Als vermeintliche Belege führt der Youtuber öffentlich zugängliche Informationen auf der Webseite des RKI an. Dort ist eine Auswahl der Funktionen und Mitgliedschaften von Wieler in verschiedenen internationalen Gremien aufgelistet, darunter auch Expertenkommissionen der WHO. 

Auf Nachfrage schreibt uns das RKI: „Der Präsident des Robert Koch-Instituts ist kein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation. Herr Wieler erhält keine Zahlungen der WHO für die Funktionen in Gremien der WHO (bei Bedarf werden Reisekosten übernommen).“ 

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV bestätigt die WHO diese Angaben: „Er ist kein Angestellter und könnte keine direkten Zahlungen außer (möglicherweise) Reisekosten erhalten.“

In den öffentlichen Informationen der WHO zu ihrem Budget und der Anzahl ihrer Mitarbeiter finden sich keine personenspezifischen Daten, deshalb können wir die Angaben nicht überprüfen.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. „Coach Cecil“ stellt in seinem Video falsche und unbelegte Behauptungen auf.

Bill Gates
Der US-Unternehmer Bill Gates ist das Feindbild vieler Impfgegner. Die Anschuldigungen gegen ihn werden seit Jahren im Netz wiederholt – das macht sie aber nicht richtig. (Foto: Nicolas Liponne / picture alliance / NurPhoto)

von Alice Echtermann

Im Windschatten der Debatten um das Coronavirus verbreiten sich altbekannte Vorwürfe gegen Bill Gates und seine Stiftung. Das Ziel: Angst vor Impfungen zu schüren. Die von uns geprüften Geschichten über angebliche Impfschäden in Indien oder Afrika sind jedoch falsch oder unbelegt.

Die Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt seit Jahren Impfkampagnen in verschiedenen Ländern weltweit. Für Impfgegner ist der Microsoft-Gründer Bill Gates daher zum Feindbild geworden – und in der aktuellen Debatte um die Coronavirus-Pandemie werden alte Vorwürfe gegen ihn wieder extrem populär im Netz. 

In einem am 11. April 2020 veröffentlichten Artikel des Blogs Marbec-14 werden sechs Fälle in der Vergangenheit aufgezählt, in denen die von Gates finanzierten Impfstoffe angeblich tausenden Kindern geschadet hätten. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 7.900 Mal auf Facebook geteilt. 

Es geht darin um Impfungen gegen Polio (Kinderlähmung) und HPV (Humane Papillomviren, die Krebs auslösen können) in Indien und gegen Meningitis (Hirnhautentzündung), DTP (Diphtherie, Tetanus und Pertussis, also Keuchhusten) und Malaria in Afrika. 

Die Anschuldigungen gegen Gates gehen zurück auf einen Artikel des US-amerikanischen Impfkritikers Robert F. Kennedy (Jr.), der am 9. April auf der Webseite seiner Organisation Children’s Health Defense erschienen ist. Marbec-14 hat offenbar Teile des englischen Textes übersetzt. Auch das russische Auslandsmedium RT Deutsch gibt Kennedys Behauptungen in einem Artikel vom 18. April wieder.   

CORRECTIV hat die Behauptungen einzeln überprüft. Sie sind größtenteils falsch oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bill Gates’ Polio-Impfstoffe hätten 496.000 Kinder in Indien an Polio erkranken lassen

Laut Marbec-14 sind angeblich zwischen 2000 und 2017 insgesamt 496.000 Kinder durch Polio-Impfungen von Bill Gates gelähmt worden. Diese Behauptung kursiert auch aktuell auf Facebook (hier und hier) und wird tausendfach geteilt. In weiteren Blog-Artikeln (hier und hier) ist von einer „halben Million gelähmter Kinder“ durch Impfungen die Rede. Laut Marbec-14 hat die WHO angeblich zugegeben, „dass es sich bei der weltweiten Polio-Explosion überwiegend um einen Impfstamm handelt“.

Diese Behauptung ist falsch. Es gibt keine „weltweite Polio-Explosion“ oder eine Pandemie, die auf Viren aus Impfstoffen zurückzuführen ist. Und es wurden keine 496.000 Kinder in Indien wegen Impfungen gelähmt.

Facebook-Post zu Bill Gates
Dieses Bild wird aktuell auf Facebook geteilt. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, der mindestens dreimal verabreicht wird.

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. Es gibt immer noch Polio-Fälle in Pakistan und afrikanischen Ländern – die Zahlen liegen im zweistelligen Bereich.  

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf.

Oraler Polio-Impfstoff kann in seltenen Fällen Erkrankung verursachen – die Fallzahlen sind sehr gering

In seltenen Fällen könne es jedoch dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“.

Die Fallzahlen sind jedoch sehr gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es dieses Jahr weltweit 54 Fälle wilder Polio und 101 Fälle von Impfstoff-Polio. Keiner davon war in Indien (Stand: 13. Mai). Das Datenportal der WHO zeigt, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). Dies bestätigte die WHO auch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail. 

Die WHO schreibt zur Einordnung: „Seit 2000 wurden mehr als 10 Milliarden Impfstoff-Dosen an beinahe drei Milliarden Kinder weltweit verabreicht. In der Folge wurden mehr als 13 Millionen Polio-Fälle verhindert und die Krankheit um mehr als 99 Prozent reduziert. Während dieser Zeit gab es 24 Ausbrüche von Impfstoff-basierter Polio in 21 Ländern, mit weniger als 760 Infektionsfällen.“ 

Obwohl der orale Polio-Impfung (OPV) grundsätzlich sehr sicher und wirksam sei, werde er aber seit April 2016 schrittweise abgeschafft, „um jegliches Risiko durch vom Impfstoff abgeleitete Polioviren auszuschließen“.  

Um Polio zu entdecken, werden Lähmungssymptome bei Kindern genau dokumentiert – sie können verschiedene Ursachen haben

Die Zahl von 496.000 Kindern, die angeblich zwischen 2000 und 2017 in Indien gelähmt wurden, hat keine Verbindung zu Impfstoff-basierter Polio. 

Sie stammt offenbar aus einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). Zwischen 2000 und 2017 sei dies bei 640.000 Kindern in Indien registriert worden. Die Wissenschaftler merken an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen. Für diese Hypothese liefern die Autoren jedoch keinerlei Nachweis. Man kann die 491.000 Fälle also nicht einfach Impfungen zuschreiben. 

Tatsächlich zeigt das Datenportal der WHO einen Anstieg der registrierten AFP-Fälle von 2000 bis 2012. Der WHO zufolge ist diese Entwicklung auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. Acute Flaccid Paralysis (AFP) sei ein Symptom und könne verschiedene Ursachen haben, teilt man uns per E-Mail mit. 

AFP-Fälle werden in Indien seit dem Jahr 1997 systematisch erfasst und sind definiert als Lähmung mit unbekannter Ursache bei einem Kind unter 15 Jahren oder Lähmung bei einer älteren Person, bei der ein Verdacht auf Polio besteht (PDF, Seiten 12). Wird ein Fall registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). 

Mögliche andere Ursachen von Lähmungen könnten laut Polio Eradication Initiative ein Trauma, eine Infektion mit anderen Enteroviren oder ein Schlangenbiss sein. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schreibt uns die WHO per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten  Fälle in Indien zurückzuführen.

Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV
Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Indien habe Bill Gates wegen der Polio-Impfschäden „rausgeworfen“

Nutzer auf Facebook behaupten weiterhin, die indischen Regierung habe Gates wegen der Impfschäden aufgefordert, das Land zu verlassen. Marbec-14 schreibt, man habe Gates 2017 aus dem „Nationalen Beirat Indiens (NAB)“ vertrieben und danach seien die Lähmungsraten zurückgegangen. Das ist falsch. 

Erstens gibt es in Indien keinen Nationalen Beirat, der etwas mit Impfungen zu tun hat. Hinter dem Kürzel NAB steckt das National Advisory Board, ein Gremium, das die Umsetzung eines Programms für zivilgesellschaftliche Beteiligung überwacht. Gemeint ist in den Beiträgen der Impfkritiker also wohl die für Impfungen zuständige National Technical Advisory Group on Immunization (NTAGI). Laut einer Pressemitteilung des indischen Gesundheitsministeriums von 2017 gibt es aber keine finanzielle Verbindung zwischen der NTAGI und der Stiftung von Bill Gates.

Und zweitens zeigt ein Blick in das Datenportal der WHO, dass die Fälle von Impfstoff-basierter Polio in Indien seit 2011 bei Null lagen. Die AFP-Fälle dagegen sinken bereits seit 2012.

Was aber steckt hinter der Behauptung, Indien habe Bill Gates 2017 „rausgeworfen“? 

Robert Kennedy nennt in seinem Artikel als angeblichen Beleg einen Bericht der Seite Business Standard vom 8. Februar 2017. Darin wird behauptet, die indische Regierung habe die „finanziellen Verbindungen“ zwischen Gates’ Stiftung und der NTAGI „gekappt“. 

Das indischen Gesundheitsministerium hat jedoch in seiner Pressemitteilung klargestellt, dass das nicht stimmt und die Medienberichte irreführend seien. 

Tatsächlich werde die Arbeit eines anderen Gremiums, der Immunisation Technical Support Unit (ITSU), unter anderem von der Gates-Stiftung gefördert. Bill Gates wurde aber auch dort nicht „rausgeworfen“ – es wurde lediglich das Sekretariat der NTAGI, das bisher bei der ITSU angesiedelt war, zu einer anderen Gesundheitsbehörde verschoben (dem National Institute of Health & Family Welfare).

Darüber berichteten auch die Seite Health Issues India und die Nachrichtenagentur Reuters. In den Artikeln wird vermutet, dass die Änderung geschah, um ausländischen Einfluss auf die indische Politik zu verringern. Um Nebenwirkungen von Impfungen geht es aber in keinem der Berichte. Das Gesundheitsministerium stellt in seiner Pressemitteilung klar: „Die Bill & Melinda Gates Foundation wird weiterhin mit dem Gesundheitsministerium kooperieren und es unterstützen.“

3. Behauptung: Bill Gates habe 23.000 Mädchen in Indien gegen HPV impfen lassen. 1.200 hätten schwere Nebenwirkungen bekommen, sieben seien gestorben

Diese Behauptungen sind unbelegt. Faktenchecker von Leadstories, Snopes und Politifact haben sie bereits in der Vergangenheit überprüft.

HPV steht für Humane Papillomviren. Sie können Krebs, insbesondere Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, auslösen. In Deutschland wird die Impfung seit 2007 für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, und seit 2018 auch für Jungen. 

Bis April 2010 wurden an zwei Orten in Indien im Rahmen einer Studie 23.500 Mädchen von der Organisation „Path“ gegen HPV geimpft. Die Impfstoffe wurden laut „Path“ von Pharmakonzernen gespendet. Das globale Projekt für HPV-Impfungen wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt (PDF, Seite 4). 2010 wurde die Studie von der indischen Regierung vorsorglich gestoppt, aufgrund von Medienberichten über mögliche Nebenwirkungen. 

Ein Untersuchungskomitee veröffentlichte 2011 einen Bericht zu dem Fall. Das Dokument ist nicht mehr online, wird aber in einem zweiten Bericht des indischen Parlaments von 2013 zitiert. 

Keine Belege für Verbindung der Todesfälle zur Impfung

Demnach kam man 2011 zu dem Schluss, dass die sieben Todesfälle keine nachweisbare Verbindung zu der Impfung hatten. Drei seien innerhalb von 30 Tagen nach der letzten Impfdosis erfolgt, vier erst später (zwischen 45 und 97 Tage danach). Bei den ersten drei Fällen sei ein Fieber unbekannter Ursache aufgetreten, das auch mit Malaria oder einem Schlangenbiss in Verbindung stehen könne. Bei zwei anderen Mädchen sei Gift im Magen nachgewiesen worden, eines sei ertrunken und eines nach einer Krankheit von nur wenigen Stunden gestorben. Es gebe kein gemeinsames Muster der Fälle (PDF, Seite 38-39). 

Diese Informationen schickte uns „Path“ auch auf unsere Presseanfrage hin.

Auszug aus der E-Mail von „Path“.
Auszug aus der E-Mail von „Path“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der zweite Bericht aus Indien von 2013 kritisierte jedoch die erste Untersuchung; man könne nicht völlig ausschließen, dass es eine Verbindung zwischen HPV-Impfungen und Suiziden gebe (PDF, Seite 6). Für diese Spekulation gibt es jedoch keine Belege. 

Insgesamt wurde die Durchführung des Projektes von „Path“ in dem zweiten Untersuchungsbericht scharf kritisiert. Die Sache mit der Studie sei dubios abgelaufen, es habe nicht genügend Kontrollen gegeben und die Eltern der Mädchen seien nicht ausreichend informiert worden (PDF, Seite 20-24). Es habe auch Verzögerungen und keine einheitlichen Standards bei der Erfassung von möglichen Todesfällen oder Nebenwirkungen gegeben (Seite 12-13). Über diese Kritik berichtete auch das Magazin Science

Fazit: Es gibt keine Belege, dass es damals sieben Todesfälle durch HPV-Impfstoffe in Indien gab. Die angeblich 1.200 Fälle „schwerer Nebenwirkungen“ haben wir in keiner Quelle gefunden.

4. Behauptung: Der Fall der HPV-Impfungen werde vor dem Obersten Gerichtshof Indiens verhandelt 

Diese Behauptung ist größtenteils richtig – allerdings fehlt der ganze Kontext. Auf unsere Presseanfrage antwortete „Path“, es gebe tatsächlich ein laufendes Verfahren vor dem Supreme Court. Es handele sich um eine sogenannte Rechtsstreitigkeit von öffentlichem Interesse (Public Interest Litigation), aber nicht nur gegen „Path“, sondern auch gegen den indischen Staat selbst. Man sehe die Vorwürfe als haltlos an.

Wir fanden den Fall in der Datenbank auf der Webseite des Supreme Court; er ist offenbar seit Jahren offen (Fallnummer 558, Jahr 2012).  

Public Interest Litigation
Public Interest Litigation in der Datenbank des Supreme Court of India. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Webseite des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) ist mehr darüber zu lesen. Dort ist erklärt, dass eine Public Interest Litigation keine normale Klage ist. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, dass jeder Bürger in Indien einen Fall von möglichen Menschenrechtsverletzungen – auch wenn sie ihn nicht selbst betreffen – vor Gericht bringen kann, damit sich die Öffentlichkeit damit befasst.

Die Petition stammt von drei Frauen-Organisationen. Sie richtet sich unter anderem gegen die indische Regierung beziehungsweise das Gesundheitsministerium, einige indischen Bundesstaaten, die Organisation „Path“ und den Pharmakonzern Glaxosmithkline. Bill Gates oder seine Stiftung werden nicht erwähnt.

Den Inhalt der Petition konnte CORRECTIV nicht einsehen, doch beim ECCHR steht, es gehe darum, dass die Betroffenen nicht ausreichend informiert worden seien, um freiwillig der Impfung zustimmen zu können, und um mangelhafte medizinische Überwachung. Es geht also um die Art, wie die Studie durchgeführt wurde. Dem ECCHR zufolge wurden als Folge der Rechtsstreitigkeit vor dem Supreme Court bereits einige Gesetze zu klinischen Studien in Indien geändert. 

5. Behauptung: An einem von Gates finanzierten Malaria-Impfstoff seien in Afrika 151 Kinder gestorben. 1.048 von 5.049 Kindern hätten schwere Nebenwirkungen wie Lähmungen, Krampfanfälle und Fieberkrämpfe bekommen 

Die Behauptungen sind größtenteils falsch und die Zahlen aus dem Kontext gerissen.

Die Quelle ist offenbar eine Studie im New England Journal of Medicine von 2011. Demnach wurden von März 2009 bis Januar 2011 nicht 5.049, sondern insgesamt 10.307 afrikanische Kinder in zwei Alterskategorien (6 bis 12 Wochen und 5 bis 17 Monate alt) mit einem Impfstoff gegen Malaria geimpft. Weitere Kinder erhielten einen Vergleichsimpfstoff: Die jüngere Kontrollgruppe erhielt eine Impfung gegen Meningokokken und die ältere eine gegen Tollwut. Insgesamt wurden bei der Studie 15.460 Kinder geimpft. 

Die Studie wurde nach Angaben der Autoren unter anderem finanziert vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline und der Organisation „Path“, die dafür Geld von der Bill & Melinda Gates Stiftung bekam.

In der älteren Altersgruppe seien „schwerwiegende unerwünschte Ereignisse“ (serious adverse events) bei 1.048 der 5.949 Kinder aufgetreten, die den Malaria-Impfstoff erhielten, heißt es in der Studie. Diese Zahlen wurden von Marbec-14 herausgegriffen, ohne kenntlich zu machen, dass es sich dabei nur um eine Teilgruppe handelte.

„Unerwünschte Ereignisse“ müssen nicht zwingend ein Resultat der Impfung sein. Die Aufzeichnungen fanden in einem Zeitraum von bis zu 18 Monaten nach der Impfung statt. 

In der Studie steht, dass insgesamt 13 Kinder Nebenwirkungen hatte, die als tatsächliche Folgen der Malaria-Impfung eingeschätzt wurden (Table 3): Zehn der älteren Kinder hätten 12 „unerwünschte Ereignisse“ berichtet. Darunter sieben Krampfanfälle, drei Fälle von Fieber, ein Fall von Myositis (Entzündung der Muskulatur) und eine direkte Reaktion auf die Injektion. Bei der jüngeren Gruppe waren drei Kinder von direkten Nebenwirkungen betroffen. 

Innerhalb von 30 Tagen nach der Impfung traten insgesamt bei 501 Kindern der Studie „unerwünschte Ereignisse“ auf. Sie sind jedoch nicht gestorben. 

Tabelle der unerwünschten Ereignisse bei der Studie
Tabelle der unerwünschten Ereignisse bei der Studie – aufgeschlüsselt nach Kategorien. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Gruppe der Kinder, die den Malaria-Impfstoff erhielten, gab es insgesamt 105 Todesfälle (56 ältere und 49 jüngere). Diese sind der Studie zufolge aber nicht auf die Impfung zurückzuführen. 

Wie dem Anhang der Studie zu entnehmen ist, wurden die Todesfälle über einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten nach der Impfung aufgezeichnet. Die Todesursachen reichten von Ertrinken bis zu Unterernährung (Seite 53). Bei den jüngeren Kindern wurden die Todesfälle über bis zu 14 Monate nach der Impfung erfasst; auch hier gab es die verschiedensten Ursachen (Seite 55). 

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6. Behauptung: Während der „MenAfriVac“-Kampagne seien tausende Kinder in Afrika gegen Meningitis geimpft worden. Zwischen 50 und 500 seien an Lähmungen erkrankt. 

„MenAfriVac“ ist ein Impfstoff gegen Meningokokken-A. Er wurde speziell für Afrika entwickelt, von der WHO gemeinsam mit der Organisation „Path“ und Unterstützung durch die Bill & Melinda Gates Stiftung. Klinische Studien seien seit 2005 durchgeführt worden und hätten die Sicherheit des Impfstoffes nachgewiesen, so die WHO

Meningitis (Hirnhautentzündung) kann durch verschiedene Arten von Meningokokken (Bakterien) ausgelöst werden. Meningokokken der Gruppe A sind laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für „ausgedehnte Epidemien“ in Afrika verantwortlich. 

Als Quelle für die Behauptung, „zwischen 50 und 500 Kinder“ seien in Afrika wegen der Impfung gelähmt worden, verweist Robert Kennedy auf einen Artikel der Webseite Laleva vom 7. Januar 2013. Darin steht, laut Medienberichten seien „mindestens 40“ von 500 Kindern, die in einem kleinen Dorf namens Gouro im Tschad geimpft wurden, von Lähmungen betroffen. 

Wie die Seite Medical Xpress am 22. Januar 2013 berichtete, teilte jedoch die Regierung im Tschad mit, ein Team von internationalen Experten habe die Fälle untersucht und keine Verbindung zu der Meningokokken-Impfung feststellen können. Der Zustand der Kinder sei außerdem nicht bedenklich, sie würden „normale Leben“ führen. 

Eine Pressemitteilung dazu konnten wir nicht finden, jedoch teilte das Gesundheitsministerium des Tschad auf seiner Webseite 2019 mit, man beurteile die „MenAfriVac“-Kampagnen 2011 und 2012 positiv: Seitdem habe man im Land keine Meningitis-A-Epidemie mehr erlebt.

Nach Angaben von „Path“ wurden von 2010 bis 2018 bereits mehr als 284 Millionen Menschen mit „MenAfriVac“ geimpft. Laut einer Auswertung der registrierten Meningitis-Fälle in neun afrikanischen Ländern von 2010 bis 2015, die in The Lancet veröffentlicht wurde, gibt es in geimpften Gemeinschaften 57 Prozent weniger Meningitis. Wurden alle Mitglieder der Gemeinschaft geimpft, reduzierten sich die Fälle sogar um mehr als 99 Prozent. Die Einführung von „MenAfriVac“ habe also zu einer starken Reduktion der Meningitis-Fälle in Afrika geführt.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

7. Behauptung: Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen reduzieren, deshalb werde eine „Sterilitätsformel“ in Impfstoffe integriert  

CORRECTIV hat bereits 2017 in einem Faktencheck die Behauptung widerlegt, Bill Gates habe gesagt, Impfen sei „die beste Art der Bevölkerungsreduktion“. Diese Falschinformation ist also viele Jahre alt. 

In dem Artikel von Marbec-14 wird behauptet, Gates sei 2014 beschuldigt worden, „Millionen Frauen“ in Kenia mit einem gefälschten Tetanus-Impfstoff chemisch sterilisiert zu haben. Labore hätten die „Sterilitätsformel“ in Impfstoffen nachgewiesen. Die WHO habe zugegeben, seit über einem Jahrzehnt „Sterilitätsimpfstoffe“ entwickelt zu haben. 

Für keine diese Behauptungen gibt es Belege. Auf Anfrage teilte die Bill & Melinda Gates Stiftung uns mit, sie seien falsch, und auch die WHO dementiert 

E-Mail der Bill Gates Stiftung
Auszug aus der E-Mail der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Als angeblicher Beleg dient ein wissenschaftlicher Artikel, der 2017 erschienen ist. Die katholische Kirche und die Kenya Catholic Doctors Association hätten der WHO vorgeworfen, diesen Impfstoff heimlich einzusetzen, heißt es dort. Labore in Nairobi hätten einige Spritzen von Tetenus-Impfstoffen getestet und ein Hormon namens HCG nachgewiesen, dass in Kombination mit dem Impfstoff angeblich unfruchtbar machen könne.

Der Artikel ist spekulativ: Es heißt darin, katholische Ärzte hätten sechs Spritzen „sichergestellt“ und darin das Hormon nachgewiesen. In 52 Spritzen dagegen, von denen die WHO „behauptet“ hätte, sie seien für den Impfstoff genutzt worden, sei das Hormon nicht gefunden worden. Nirgends in den Artikel ist die Rede davon, dass tatsächlich Frauen unfruchtbar wurden. Zudem ist einer der Autoren selbst Mitglied der Kenya Catholic Doctors Association.  

In einer Pressemitteilung teilte die WHO im November 2014 mit, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ 

Bereits in einem Bericht von 1996 schrieb die WHO über solche Behauptungen; sie kämen von Abtreibungsgegnern in verschiedenen Ländern. Auslöser seien Berichte 1994 über Studien in Indien gewesen. Sie befassten sich mit einem Impfstoff mit dem Hormon HCG, der als Verhütungsmittel für ein bis zwei Jahre dienen könnte. 

Auf den Philippinen hätten Abtreibungsgegner dann behauptet, das Hormon in Tetanus-Impfungen nachgewiesen zu haben. Es seien jedoch Impfstoffe von sieben verschiedenen Herstellern von der US Food and Drug Administration (FDA), der niederländischen Regierung und Laboren in verschiedenen Ländern untersucht worden – und die Ergebnisse seien alle negativ gewesen, so die WHO. „Die WHO und Unicef haben klargestellt, dass sie strikt gegen die Kombination von irgendeinem Impfstoff mit einem Anti-Fruchtbarkeits-Impfstoff sind.“ (PDF, Seite 60).

Fazit: Die Behauptung ist falsch. 

8. Behauptung: Der DTP-Impfstoff töte im Afrika mehr Kinder als die Krankheiten, vor denen er schützt 

Als angeblicher Beleg für diese Behauptung dient eine Studie, die aus dem Jahr 2017 stammen soll. Es geht darin um einen Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten), kurz DTP. Die geimpften Mädchen hätten eine zehnmal höhere Sterblichkeitsrate als ungeimpfte, wird behauptet. 

Die Studie ist jedoch nicht von 2017, auch wenn sie in dem Jahr veröffentlicht wurde. Sie behandelt den Einsatz von DTP-Impfstoffen und oralen Polio-Impfstoffen in einer urbanen Gesellschaft in Guinea-Bissau in den frühen 1980er-Jahren. Man habe herausgefunden, dass die gegen DTP geimpften Kinder eine höhere Sterblichkeitsrate hatten. Die Autoren schlussfolgern, dass die Impfung die Kinder zwar vor den drei Krankheiten schütze, aber sie womöglich anfälliger für andere Infektionen mache. 

Die Studie belegt also nicht, dass die Impfung die Todesursache war. Marbec-14 schreibt: „Gates und die WHO haben sich geweigert, den tödlichen Impfstoff zurückzurufen, den die WHO jährlich Millionen von afrikanischen Kindern aufzwingt.“ Die Stiftung der Familie Gates kann mit dem Impfstoff aus den frühen 80er-Jahren aber gar nichts zu tun haben, denn sie wurde erst 1994 gegründet

Die Frage, ob die DTP-Impfung sich auf die Lebenserwartung von Kindern auswirkt, ist nach unserer Recherche unbelegt. Die WHO widerspricht dem Ergebnis einer ähnlichen Folgestudie in Guinea-Bissau, die 2000 veröffentlicht wurde. In einem Statement dazu heißt es: „Eine Analyse der WHO-finanzierten Studien ist nun abgeschlossen. Alle Studien zeigen reduzierte Sterblichkeitsraten bei geimpften Kindern. Insbesondere zeigten die Studien keinen negativen Effekt des DTP-Impfstoffes und es wurde kein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen entdeckt.“

Fazit

Die von uns geprüften Behauptungen über angebliche Schäden, die durch Impfstoffe von Bill Gates in Indien oder Afrika verursacht wurden, sind teilweise viele Jahre alt und werden von Impfgegnern im Netz stetig wiederholt. Nicht eine einzige der Anschuldigungen ist belegt, viele sind nachweislich falsch. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Behauptungen über die angeblich von Bill Gates verursachten Impfschäden sind falsch oder unbelegt. 

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Ein Video dokumentiert die gewalttätige Eskalation zwischen zwei Männern und zwei Beamten in einem Supermarkt in Troisdorf. Der Staatsschutz ermittelt nun, ob es sich um eine politisch motivierte Straftat der Männer handelte. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Ein Video zeigt eine Polizeikontrolle in einem Supermarkt in Troisdorf, die scheinbar zufällig eskaliert: Zwei Männer weigern sich, einen Mund-Nasen-Schutz aufzuziehen, dann gibt es eine Schlägerei mit den Polizisten. Im Internet verbreitet sich das Video teils ohne und teils mit falschem Kontext.

In einem Supermarkt in Troisdorf (Rhein-Sieg-Kreis) weigern sich zwei Männer, eine Maske aufzusetzen. Mitarbeiter rufen die Polizei, die Männer diskutieren mit einem Beamten, einer der beiden filmt das Geschehen. Dann eskaliert die Situation: Mitten im Supermarkt kommt es zu einer heftigen Schlägerei zwischen den Männern und zwei Polizisten.

Das Video dazu kursiert kurz darauf im Internet, teilweise aber in einer irreführenden, weil verkürzten Version: „Ein Kunde war anscheinend in Sachen Mundschutz etwas kritisch … dann nahm die Sache Ihren Lauf …“, steht in einem Beitrag, der mehr als 12.000 Mal auf Facebook geteilt wurde. Auch in anderen Facebook-Beiträgen und auf Youtube (hier und hier) verbreitet sich die gekürzte Fassung des Videos, die etwa anderthalb Minuten lang ist.

Das erweckt den irreführenden Eindruck, die Polizisten hätten die Gewalt provoziert – nur, weil die Männer keine Masken trugen. Das stimmt nicht, wie eine wesentlich längere Version (mehr als fünf Minuten lang) des Videos in einem Facebook-Beitrag vom 10. Mai zeigt.

Polizei und Staatsanwaltschaft vermuten, dass die beiden Männer bewusst provoziert und die Beamten angegriffen haben könnten. Der Staatsschutz ermittelt.

Screenshot aus dem Video, das in verkürzter Version auf Youtube hochgeladen wurde. Im Titel steht: „[…] Schlägerei mit Polizei (Nur weil er keine Maske trägt)[…]“. Das ist irreführend. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Die Mitarbeiter des Supermarkts verständigten die Polizei

Tatsächlich haben die Polizisten die beiden Männer nicht von sich aus kontrolliert. Sie wurden am Samstagnachmittag, 9. Mai, von den Mitarbeitern eines Supermarkts in Troisdorf gerufen, schreibt die Polizei in einer Pressemitteilung. Grund war ein Streit, weil die Männer sich geweigert hätten, einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Das ist in Nordrhein-Westfalen derzeit Pflicht. Laut der Pressemitteilung sind die Männer 35 und 38 Jahre alt, ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn sagte jedoch gegenüber CORRECTIV, dass es in der Mitteilung einen Tippfehler gebe und der zweite Tatverdächtige 37 Jahre alt sei.

Der 35-Jährige soll den Mundschutz aufgezogen haben, während der 37-Jährige sich weiterhin weigerte. Als die Beamten die Personalien feststellen wollten, habe der 35-Jährige sie „durch andauerndes Provozieren und Zwischenreden“ gestört, schreibt die Polizei. Einem Platzverweis sei er nicht nachgekommen.

Diese Schilderungen werden durch die ungekürzten Version des Videos bestätigt. Zu sehen ist, wie der Beamte den Platzverweis kurz darauf wiederholt (ab Minute 04:00), woraufhin der 35-Jährige sich erst etwas entfernt, dann aber nochmal umdreht. Man hört ihn sagen: „Wollen Sie mir drohen, oder was?“ Danach schiebt ihn der Polizeibeamte in Richtung des Ausgangs des Supermarkts.

Laut Polizei wurden die Beamten schwer verletzt

Nach einem kurzen Gerangel zeigt die verwackelte Videoaufnahme, wie die beiden Männer auf den zweiten Polizisten zulaufen und ihn angreifen. Die Polizei beschreibt die Situation in ihrer Pressemitteilung so: „Bei der Androhung von Folgemaßnahmen baute sich der 35-Jährige drohend vor einem der Polizisten auf und es kam zu einem Handgemenge.“ Dabei seien die beiden Beamten durch Faustschläge im Gesicht verletzt worden, einer habe eine Fraktur erlitten.

Gegen die beiden Tatverdächtigen werde nun wegen vorsätzlicher Körperverletzung und tätlichem Angriff auf Polizeibeamte ermittelt. Sie wurden zur Polizeiwache gebracht, aber wieder entlassen.

In der gekürzten Version des Videos, die im Internet kursiert, startet der Film erst an der Stelle, an der der 35-Jährige den Polizisten fragt, warum er keine Maske trage (Minute 01:35 in der längeren Fassung). Dadurch sind sowohl der Grund für die Kontrolle der Männer, als auch deren vorangegangene Provokationen nicht zu sehen.

Der Staatsschutz in Bonn ermittelt

Mittlerweile hat der Staatsschutz in Bonn die Ermittlungen übernommen, weil es den Anfangsverdacht einer politisch motivierten Straftat gebe. Das sagt uns Polizeisprecher Frank Piontek auf Anfrage am Telefon. Dieser Verdacht ergebe sich unter anderem aus einem Papier, das der ältere Tatverdächtige dem Beamten entgegenhielt.

Im Video sagt der jüngere Mann: „Das ist eine Vorwarnung. Der wird sich verteidigen, falls Sie versuchen, dem Schaden zuzufügen“ (Minute 00:45) und später: „Der wird Gebrauch machen von seinem Recht, sich zu verteidigen“ (Minute 03:27). Insgesamt habe die Situation „schon etwas auf eine Inszenierung“ hingedeutet, sagte Polizeisprecher Piontek.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Sebastian Buß, bestätigt uns telefonisch zudem, dass Ermittler am 13. Mai die Wohnungen der Tatverdächtigen durchsucht hätten: „Die Ermittler haben Beweismaterial sichergestellt, die den Tatverdacht von Samstag erhärten könnten.“ Man habe nach einer Kamera oder sonstigen Speichermedien gesucht. Das Material werde jetzt gesichtet, sagt Buß. Zahlreiche Medien haben über die Durchsuchungen berichtet (zum Beispiel hier und hier). Laut Spiegel Online sollen auch die Polizisten von unbeteiligten Zeugen wegen Körperverletzung im Amt angezeigt worden sein.

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Einsatzkräfte in Nordrhein-Westfalen sind von der Maskenpflicht laut Rechtsverordnung ausgenommen

CORRECTIV hat zudem bei der Kreispolizeibehörde Rhein-Sieg-Kreis nachgefragt, warum die Beamten bei dem Vorfall keine Masken trugen.

Ein Sprecher bestätigt uns am Telefon, dass Einsatzkräfte in Nordrhein-Westfalen von der generellen Maskenpflicht ausgenommen seien, um „situativ handlungsfähig“ bleiben zu können. „Wir tragen Masken im Kontakt mit Risikogruppen, aber nicht in jeder Einsatzsituation.“

In Paragraf 12a der Corona-Rechtsverordnung von Nordrhein-Westfalen (in der ab dem 7. Mai gültigen Fassung) ist festgelegt, dass grundsätzlich in der Öffentlichkeit ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden soll. Ist das nicht möglich, wird das Tragen einer „textilen Mund-Nase-Bedeckung“ empfohlen. Davon ausgenommen seien aber Einsatzsituationen von Sicherheitsbehörden, Feuerwehr und Rettungsdienst und Katastrophenschutz, die „eine Unterschreitung des Mindestabstands erforderlich machen“.

In der seit dem 11. Mai gültigen Fassung der Verordnung findet sich diese Regelung unter Paragraf 2.

Auszug aus der Corona-Rechtsverordnung von Nordrhein-Westfalen in der Fassung vom 7. Mai 2020. (Quelle: Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen, Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Das Video ist echt, der Kontext wird aber irreführend dargestellt. Ermittler vermuten, dass die Polizisten von den Männern gezielt provoziert und angegriffen wurden. Der Staatsschutz ermittelt.

Compact TV
Das Video von Compact, dem die Moderatorin behauptet, von der Risikoanalyse 2012 fehle im Archiv des Bundestags jede Spur. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video, das zehntausendfach auf Facebook geteilt wurde, wird behauptet, die Bundesregierung habe eine Risikoanalyse von 2012 vertuscht, in der es um eine Coronavirus-Pandemie ging. Die Analyse gibt es – sie ist öffentlich und nicht schwer zu finden. 

„Wir werden komplett verarscht“, schreibt ein Facebook-Nutzer, der im April ein Video des rechten Magazins Compact geteilt hat. Darin behauptet die Moderatorin, die Bundesregierung habe schon 2012 ein Krisenszenario einer Coronavirus-Pandemie entworfen und den Bundestag darüber informiert – im Archiv des Bundestags finde sich davon jedoch „keine Spur“. Das Video ist von April und wurde mehr als 16.300 Mal auf Facebook geteilt. 

Die Andeutung, es sei etwas vertuscht worden, ist jedoch falsch. 

Zwar stimmt es, dass es einen solchen Bericht gibt: CORRECTIV hat schon Faktenchecks dazu veröffentlicht. Es handelt sich um den „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“, der 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Es war kein „Geheimplan“ oder eine Vorhersage der aktuellen Pandemie, sondern eine Analyse einer hypothetischen Pandemie mit einem ausgedachten Virus namens „Modi-SARS“.

Die Behauptung der Moderatorin, von dem Bericht gebe es im Archiv des Bundestags „keine Spur“, ist irreführend. Die Drucksache 17/12051 ist im Archiv des Bundestags zu finden. Zudem gibt es bei den Pressemeldungen den Vermerk, dass sie dem Parlament vorgelegt wurde, und darin ist die Drucksache ebenfalls verlinkt. 

Suche im Archiv des Bundestags
Im Archiv des Bundestags findet man die Analyse. (Screenshot: CORRECTIV)

Alexander Gauland wies im Bundestag auf das Papier hin

In dem Beitrag von Compact wird außerdem eine Rede von Alexander Gauland (AfD) im Bundestag eingeblendet, in der er sagte, laut dem Risikoszenario liege die Sterblichkeitsrate (Letalität) von „Modi-SARS“ bei jungen Menschen bei etwa einem Prozent, bei über 65-Jährigen bei 50 Prozent. „Das ist die exakte Beschreibung der Folgen des Covid-19“, behauptet Gauland.

Damit hat er zwar die Zahlen aus der Risikoanalyse richtig zitiert (Seite 58), aber seine Schlussfolgerung, diese seien exakt auf SARS-CoV-2 übertragbar, ist nicht richtig. Gauland hielt die Rede am 25. März 2020 im Bundestag (Video, ab Minute 15:41). Damals war über die Sterblichkeitsrate von Covid-19 noch weniger bekannt als heute. Es steht jedoch fest, dass diese nicht bei 50 Prozent liegt, auch nicht bei älteren Menschen. 

Laut dem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 25. März lag die Quote der Verstorbenen im Verhältnis zu den bestätigten Infizierten damals bei 0,5 Prozent. 

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Nach aktuellen Angaben des RKI waren 87 Prozent der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen 70 Jahre alt oder älter. Anteil der Todesfälle an den Infizierten wird derzeit mit 4,5 Prozent angegeben. Die Letalität lässt sich laut RKI aber noch nicht zuverlässig berechnen da die tatsächliche Anzahl der Infektionsfälle unbekannt ist. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Risikoanalyse von 2012 existiert, sie wurde jedoch nicht aus dem Archiv des Bundestags entfernt.

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Symbolbild: Statistiken zu Corona-Zahlen. (Quelle: Pexels/Markus Spiske)

von Steffen Kutzner , Bianca Hoffmann

Auf Whatsapp wird ein Kettenbrief geteilt, in dem suggeriert wird, die chinesische Wirtschaft profitiere vom neuartigen Coronavirus. Viele der Behauptungen, mit denen das belegt werden soll, sind falsch oder ohne Belege.

Leser haben uns viele Anfragen zum Wahrheitsgehalt eines Kettenbriefes geschickt, der offenbar vor allem auf Whatsapp geteilt wird. In dem Text gibt es zahlreiche Behauptungen, die suggerieren, China profitiere wirtschaftlich vom Ausbruch des Coronavirus, sei aber selbst kaum betroffen – weder vom Virus noch von den wirtschaftlichen Folgen.

Der auf Whatsapp geteilte Kettenbrief. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

In der Whatsapp-Nachricht werden mehrere Behauptungen aufgestellt. Wir haben die wesentlichen geprüft.

1. Behauptung: Das Coronavirus sei nie in Peking, Shanghai oder anderen wichtigen Städten Chinas angekommen

Das Coronavirus wurde nach Angaben der chinesischen Behörden auch in großen Städten Chinas nachgewiesen, darunter Peking, Shanghai und Hongkong. Die Infektionszahlen sind jedoch sehr klein im Vergleich zur Provinz Hubei. Dort liegt auch Wuhan, wo das Virus vermutlich seinen Ursprung hatte.

Fallzahlen der chinesischen Behörden für Provinzen und Städte vom 13. Mai 2020. (Quelle: DXY, Screenshot: CORRECTIV)

Mit Stand vom 13. Mai meldete China 1.050 Fälle in Hongkong, 660 in Shanghai, 593 in Peking und 68.134 für die Provinz Hubei. Diese Angaben sind auf der Webseite von DXY gelistet, einer chinesischen Plattform, die ihre Daten laut eigener Aussage von den nationalen Gesundheitsbehörden bezieht.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt auf ihrer Webseite für Peking (in den Daten unter dem englischen Namen Beijing) am 28. Februar 410 Fälle an, am 6. März 422 und am 15. März 442. Shanghai meldete laut WHO am 28. Februar 337 Fälle, am 6. März 339 und am 15. März 353.

Auszug aus der Übersicht der WHO zu den SARS-CoV-2-Zahlen in den chinesischen Provinzen vom 15. März. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Die Johns-Hopkins-Universität zählt am 14. Mai 2020 für Hongkong 1.050 kumulierte Fälle, für Peking 593, für Shanghai 660 und für die Provinz Hubei 68.134 – die Universität stützt sich also auf die von China offiziell gemeldeten Zahlen.

Deren Verlässlichkeit wurde in der Vergangenheit jedoch angezweifelt, Ende März gab es unter anderem von der Tagesschau, der Süddeutschen und der Deutschen Welle kritische Berichte.

Fallzahlen der Johns-Hopkins-Universität vom 14. Mai 2020 für die Städte Hongkong, Shanghai, Peking und die Provinz Hubei. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Das Coronavirus ist auch in anderen Städten Chinas angekommen, auch wenn die Infektionszahlen gemäß der offiziellen Angaben deutlich niedriger sind als in Wuhan.

2. Behauptung: Wuhan sei „plötzlich“ frei von Covid-19

Es gab nach Angaben der chinesischen Behörden zwischen dem 3. April und dem 8. Mai keine neuen Infektionsfälle mehr in Wuhan. Die Zahl der akut Infizierten ist rückläufig: Am 1. April hatte es laut der Webseite der chinesischen Gesundheitskommission in Wuhan noch 1.128 Infektionen gegeben. Am 16. April waren es nur noch 129 und am 23. April 47

Am 17. April hatte Wuhan jedoch die Fallzahlen nach oben korrigiert: Die kumulativen Fälle wurden um 325 auf 50.333 Fälle erhöht und die Todesfälle um 1.290 auf 3.869 Fälle. Am 9. Mai meldeten die chinesischen Behörden einen neuen Fall und am 10. Mai fünf neue Fälle in der Region Hubei, seitdem keine mehr (Stand: 13. Mai). Ob diese Fälle in der in Hubei gelegenen Stadt Wuhan auftraten, geht aus den Pressemeldungen nicht hervor. 

 

Die WHO nennt in ihren täglichen Berichten keine Zahlen für Wuhan oder Hubei, sondern nur für ganz China. Am 13. Mai 2020 gab es sieben Neuinfizierte, womit sich die Zahl auf bisher insgesamt 84.458 Fälle erhöht hat. Laut den chinesischen Gesundheitsbehörden galten am 13. Mai 79.635 Fälle davon in China als geheilt. 

Fazit: Dass Wuhan „plötzlich“ frei vom Coronavirus gewesen wäre, ist den veröffentlichten Zahlen zufolge irreführend. Richtig ist aber, dass die Fallzahlen stark zurückgegangen sind und es seit Anfang April nach offiziellen Angaben nur einzelne Neuinfektionen gab.

3. Behauptung: Die chinesischen Aktienmärkte seien im Gegensatz zu den europäischen und amerikanischen Märkten nicht zusammengebrochen

Malte Rieth, wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Abteilungen Makroökonomie und Konjunkturpolitik des Deutschen Instituts für Wirtschaft in Berlin, antwortete auf eine Presseanfrage von CORRECTIV, der chinesische Markt habe zwischen Januar und März 2020 „über 30 Prozent an Wert“ verloren. Aktuell betrage der Verlust gegenüber Januar noch „etwa 10 Prozent“. Die europäischen und amerikanischen Märkte seien zwischen Januar und März ebenfalls um „etwa 35 Prozent“ eingebrochen. Aktuell betrügen die Verluste im Vergleich zu Januar noch „etwa 20 Prozent“.

Auszug aus der E-Mail des Deutschen Instituts für Wirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Die chinesischen Märkte sind ebenfalls eingebrochen.

4. Behauptung: China habe ein Virus geschaffen, gegen das schon vorher ein Mittel existierte 

Nach Einschätzungen der WHO, des Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie einem Statement von mehr als 25 Forschern im Journal The Lancet gibt es keine Hinweise, dass das Coronavirus künstlich erzeugt sein könnte. „Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben Genome des SARS-CoV-2 Erregers veröffentlicht und analysiert, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus von Wildtieren stammt“, schreiben die Wissenschaftler in The Lancet. Autoren einer neueren Studie im wissenschaftlichen Journal Nature kommen nach einer genetischen Analyse des Coronavirus ebenfalls zu dem Schluss: „SARS-CoV-2 ist kein Labor-Konstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus.“

Ein „starker Beleg“ dafür sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Wir haben die Behauptung, das Virus sei absichtlich manipuliert worden, bereits in unserem Faktencheck zu den 15 häufigsten Gerüchten über das Coronavirus aufgegriffen.

Es gibt bisher laut RKI weder einen Impfstoff noch ein Heilmittel gegen Covid-19: „Eine spezifische, das heißt gegen das neuartige Coronavirus selbst gerichtete Therapie steht derzeit noch nicht zur Verfügung.“ 

Das RKI informiert auf seiner Webseite, aktuell stehe kein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung. (Quelle: RKI, Screenshot: CORRECTIV)
Auch spezifische Therapien gegen das neuartige Coronavirus gibt es laut RKI derzeit noch nicht. (Quelle: RKI, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Gegen das Coronavirus gibt es bisher keinen Impfstoff und auch kein Heilmittel. Zudem gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass das Virus künstlich „geschaffen“ worden sein könnte. 

5. Behauptung: In dutzenden Ländern würden Fabriken und Produktionslinien stillstehen

Dass in vielen Ländern einzelne Produktionsbereiche teilweise zurückgefahren wurden, ist richtig. So wurde in Deutschland zum Beispiel bei VW die Produktion in mehreren Werken pausiert. Auch BMW hatte am 18. März verkündet, alle europäischen Automobilwerke und ein Werk in Südafrika vorübergehend zu schließen. (ab Minute 4:46) Laut dem Statistikamt der EU, Eurostat, hatte die Corona-Pandemie zumindest bis März jedoch keinen starken Einfluss auf die Industrieproduktion Europas insgesamt. Aktuellere Daten liegen noch nicht vor. 

Veranschaulichung der Industrieproduktion in der EU von April 2019 bis März 2020. (Quelle: Eurostat, Screenshot: CORRECTIV)

Das chinesische Amt für Statistik meldete einen Produktionsrückgang in der Industrie von 13,5 Prozent in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahr. Im März erholte sich die Produktion jedoch und der Rückgang betrug noch 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Fazit: Die Aussage ist richtig. In vielen Ländern der Welt stehen oder standen Teile der Industrieproduktion still.

6. Behauptung: Russland und Nordkorea seien „fast völlig frei“ von Covid-19

Diese Aussage ist für Russland falsch und für Nordkorea unbelegt. Die WHO hat zum 13. Mai 242.271 Fälle des Coronavirus in Russland registriert. 

Ausschnitt aus der interaktiven Karte zum Coronavirus der WHO. Für Russland sind mit Stand 13. Mai 2020 242.271 Fälle angegeben. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Über Nordkorea liegen der WHO keine Fallzahlen vor. Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes heißt es dazu: „Aussagen darüber, ob es in Nordkorea zu Infektionen gekommen ist, sind nicht möglich. Es muss davon ausgegangen werden, dass das örtliche Gesundheitssystem nicht über die Möglichkeiten zu Diagnose und Behandlung einer akuten COVID-19-Erkrankung verfügt.“ 

Fazit: Die Aussage ist für Russland falsch und für Nordkorea unbelegt. Russland hat 242.271 Fälle gemeldet. Offizielle Zahlen für Nordkorea gibt es nicht.

7. Behauptung: China habe geschafft, den Ölpreis zu senken

Es ist richtig, dass der Ölpreis unter anderem in Folge der Coronakrise sank, die nach bisherigen Erkenntnissen in China ihren Ausgang nahm. Die Gemeinschaft ölexportierender Staaten (OPEC), der China nicht angehört, beschloss am 12. April 2020 via Videokonferenz eine Senkung der Fördermenge, um den Markt stabil zu halten. Die Coronakrise betrifft jedoch China insgesamt ebenfalls (wie wir bei der dritten Behauptung bereits dargelegt haben), weshalb die Aussage, dahinter stecke ein Interesse, den Ölpreis zu senken, reine Spekulation ist. 

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Gesamtfazit: Abgesehen von der Behauptung, dass die Industrieproduktion in vielen Ländern zurückgefahren wurde, sind alle geprüften Behauptungen entweder falsch oder unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Von den sieben Behauptungen, die wir geprüft haben, sind sechs überwiegend falsch oder unbelegt.

Demo in Chemnitz
Ausschnitt aus dem Video, das auf Facebook kursiert. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Beitrag wird suggeriert, ein Video zeige eine aktuelle Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Chemnitz. Das Video stammt jedoch von 2018 und zeigt Proteste, unter anderem von rechtsextremen Gruppen, wegen des tödlichen Angriffs auf Daniel H..

„45 / 89 / 20 ÷ Chemnitz, Protest für die Freiheit” untertitelt ein Facebook-Nutzer ein Video, das Tausende von protestierenden Menschen zeigt. Die Jahreszahlen deuten auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, auf den Mauerfall und auf das Jahr 2020 hin.

Der Nutzer lud die Aufnahmen am 6. Mai hoch. Mit dem Untertitel suggeriert er, dass es sich dabei um aktuelle Proteste in Chemnitz handele, wohl gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Das Video wurde auf Facebook mittlerweile mehr als 62.000 Mal angeklickt und mehr als 4.500 Mal geteilt. 

Andere Facebook-Nutzer behaupten, das Video zeige Dresden

Über die Google-Rückwärtssuche luden wir einen Screenshot des Videos hoch und fanden darüber das gleiche Video auch auf der Facebook-Seite „Luxus Ossi“. Das Video wurde dort ebenfalls am 6. Mai hochgeladen und mittlerweile mehr als 6.600 Mal geteilt. Mit dem Untertitel „Dresden ist wach” wird angedeutet, dass es sich bei den Aufnahmen um Bilder aktueller Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in Dresden handele. 

CORRECTIV hat das Video überprüft: Es zeigt eine Demonstration in Chemnitz, aber ist von 2018.

Polizei Sachsen: Kein aktuelles Geschehen

Zunächst überprüften wir, in welcher Stadt die Aufnahmen gemacht wurden. Ein Facebook-Nutzer kommentierte das von „Luxus Ossi“ veröffentlichte Video mit dem Hinweis, es handele sich um die Theaterstraße in Chemnitz. Mithilfe von Google-Street-View konnten wir ein Parkhaus ausfindig machen, das sich an der Theaterstraße befindet und auch in dem Video zu sehen ist. Die Aufnahmen wurden also in Chemnitz gemacht.

Eine Ansicht aus Google-Street-View
Aus Google-Street-View: Die rote Markierung zeigt das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz, das auch in dem verbreiteten Video zu sehen ist. (Screenshot: CORRECTIV)
Ausschnitt aus dem Video, der das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz zeigt.
Ausschnitt aus dem Video, der das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Daraufhin kontaktierten wir die Polizei Sachsen. Sie teilte uns mit, dass es sich bei dem Video nicht um Aufnahmen eines aktuellen Geschehens handelt. Die Sprecherin verweist dabei auf ein YouTube-Video vom 7. Mai 2020, das die gleichen Aufnahmen zeigt und im Titel auf die Proteste in Chemnitz im September 2018 verweist. 

Damals demonstrierten unter anderem rechtsextreme Gruppen wegen eines tödlichen Angriffs auf den 35-jährigen Daniel H. am 26. August 2018.

E-Mail der Pressesprecherin Doreen Göhler der Polizei Sachsen.
E-Mail der Pressesprecherin Doreen Göhler der Polizei Sachsen. (Screenshot: CORRECTIV)

Stadt Chemnitz bestätigt: Video zeigt Demos von 2018

CORRECTIV fragte auch bei der Pressestelle der Stadt Chemnitz nach. Auch diese teilte mit, dass es sich nicht um ein aktuelles Video handelt. Es zeige Demonstrationen von rechten Gruppen in Chemnitz im Jahr 2018, vermutlich am 1. September. Der Pressesprecher verweist auf das gleiche YouTube-Video wie die Polizei Sachsen. 

E-Mail der Stadt Chemnitz.
E-Mail der Stadt Chemnitz. (Screenshot: CORRECTIV)

Möglicherweise handelt es sich aber auch um Aufnahmen von Ende August 2018. Über die Google-Rückwärtssuche nach dem Screenshot des Videos fanden wir ein identisches Video, das von der Facebookseite „AfD OV MKK Mitte I” bereits Ende August gepostet wurde. Das Datum der Veröffentlichung wird je nach Webbrowser unterschiedlich angezeigt, als 27. oder 28. August 2018. 

In einem von Sachsen Fernsehen veröffentlichten Video erkennt man, dass am 27. August 2018 Menschen in Chemnitz unter anderem in der Theaterstraße demonstrierten. Auch andere Medienberichte bestätigen das. Das spricht dafür, dass das Video auf Facebook die Demonstration an dem Montag zeigen könnte.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video wurde zwar in Chemnitz aufgenommen, aber schon 2018. Es zeigt keine Aufnahmen aktueller Proteste gegen die Corona-Maßnahmen.

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In einem Artikel wird impliziert, die USA setzten bei der Behandlung von Covid-19 auf „alternative Therapien“, wie die Behandlung mit Chlordioxid und (Hydroxy-)Chloroquin. Das ist irreführend. (Symbolbild: Pixabay / PublicDomainPictures)

von Lea Weinmann

Die Behauptung ist irreführend und gefährlich: Die USA setzten bei der Bekämpfung von Covid-19 angeblich auf „alternative Therapien statt Impfungen“, unter anderem mit Chlordioxid. Das stimmt nicht. Chlordioxid ist giftig. Richtig ist, dass Malaria-Medikamente wie Hydroxychloroquin getestet werden – es wird aber auch nach einem Impfstoff gesucht.

Die Seite Legitim behauptet in einem Artikel vom 22. April, die US-Regierung setze bei der Bekämpfung des Coronavirus auf „alternative Therapien statt Impfungen“. So teste man angeblich die Wirksamkeit von Chlordioxid bei der Behandlung von Covid-19-Patienten. Auch von den Wirkstoffen Chloroquin, dem damit verwandten Hydroxychloroquin und dem Antibiotikum Azithromycin ist die Rede. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als  2.800 Mal auf Facebook geteilt.

Die Behauptungen sind größtenteils falsch und zudem gefährlich. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA warnt eindringlich davor, Chlordioxid oder medizinische Wirkstoffe wie Chloroquin zu konsumieren. Diese werden zudem nicht Impfungen vorgezogen; nach einem Impfstoff wird ebenfalls gesucht.

Chlordioxid ist gesundheitsschädlich

Chlordioxid ist eine chemische Verbindung, die als Desinfektionsmittel (in streng kontrolliertem Umfang auch für die Trinkwasserdesinfektion) oder industriell zum Beispiel zum Bleichen von Textilien verwendet wird. Das Problem: Die Chemikalie wirkt unspezifisch; sie greift nicht nur potenzielle Krankheitserreger an, sondern alles, womit sie in Berührung kommt.

Trinklösungen mit Chlordioxid werden auch Miracle Mineral Supplement, Master Mineral Solution oder Miracle Mineral Solution (MMS) genannt. Auch Legitim geht in dem Artikel ausführlich auf MMS und deren angebliche Heilkraft ein.

Das Gerücht, die Lösungen würden verschiedene Krankheiten heilen, hält sich im Internet hartnäckig. Die US-amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA warnte im Dezember 2019 vor der Einnahme und schrieb, die Versprechen einer angeblichen Heilung von Autismus, Krebs, HIV, Hepatitis, Grippe oder anderen Krankheiten seien falsch.

WHO: Chlordioxid ist gefährlich und schützt nicht vor Covid-19

Vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie warnt die Behörde, Trinklösungen mit Chlordioxid zu konsumieren, um die Infektionskrankheit zu heilen: „Die Lösung wird bei der Mischung zu einem gefährlichen Bleichmittel, das ernsthafte und potenziell lebensbedrohliche Nebenwirkungen verursacht“, schreibt die FDA auf ihrer Webseite. Ebenso informierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kürzlich, Bleiche oder andere Desinfektionsmittel zu sich zu nehmen, schütze nicht vor Covid-19. Wir haben bereits im Februar einen Faktencheck dazu veröffentlicht.

Auch deutsche Gesundheitsbehörden wie die Verbraucherzentrale (2019), das Bundesamt für Risikobewertung (2012) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2014) warnen seit Jahren vor Trinklösungen mit Chlorbleiche. 2019 wurde in Deutschland ein Vertreiber von MMS-Lösungen unter anderem wegen „fahrlässigen Inverkehrbringens von bedenklichen Arzneimitteln“ verurteilt.

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Die WHO warnt in einem ihrer „Myth Busters“ zur Corona-Pandemie vor der Einnahme von Bleichmittel wie Chlor. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

US-Bibliothek distanziert sich von Studie, die angeblich Chlordioxid bei der Behandlung von Covid-19 testet

Legitim nennt in dem Artikel eine Studie, die laut Kurzbeschreibung auf der Webseite ClinicalTrials.gov momentan tatsächlich untersucht, ob und wie der Einsatz der Chlorbleiche bei der Behandlung von Covid-19-Patienten hilfreich sein könnte. Die Studie wird nach eigenen Angaben an 20 Patienten in Bogotá (Kolumbien) und Madrid durchgeführt. Anfang Juni 2020 solle die Untersuchung abgeschlossen sein.

Die Seite ClinicalTrials.gov wird von der U.S. National Library of Medicine (NLM) betrieben. Daraus leitet Legitim offensichtlich ab, dass es sich um eine von der US-Regierung unterstützte Untersuchung handele. Die NLM hat sich jedoch mit Warnhinweisen auf der Seite von der Studie distanziert: „Die Sicherheit und wissenschaftliche Validität dieser Studie liegt in der Verantwortung des Studiensponsors und der Ärzte. Dass eine Studie hier gelistet wird, bedeutet nicht, dass sie von der US-Bundesregierung geprüft wurde.“

Auch die spanischen Faktenchecker von Maldita haben bereits einen Artikel dazu veröffentlicht, dem zufolge es keinen Zusammenhang zwischen der Studie und den US-Behörden gebe.

Als Sponsor der Studie ist die Genesis Foundation in Bogotá angegeben, zu der sich im Netz keine verlässlichen Informationen finden lassen. Der Ansprechpartner dieser Stiftung, Eduardo Insignares Carrione, ist nach eigenen Angaben in einem Labor in Bogotá tätig, das angibt, unter anderem an homöopathischen Medikamenten zu forschen.

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Mit Hydroxychloroquin und Chloroquin wird Malaria behandelt

Legitim geht in dem Artikel zudem auf einen Twitter-Beitrag von US-Präsident Donald Trump vom 21. März ein. Darin schrieb Trump, die beiden Wirkstoffe Hydroxychloroquin und Azithromocyin hätten zusammen „eine echte Chance, einer der größten Spielveränderer in der Geschichte der Medizin zu sein“. Auch das sieht Legitim offensichtlich als Beleg dafür, dass Trumps Regierung „alternative Therapien den Impfstoffen vorzieht“.

Das ist jedoch irreführend.

Chloroquin-Phosphate und Hydroxychloroquin-Sulfate seien von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen“, schreibt die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. Lediglich zur Malaria-Behandlung dürfe man die Wirkstoffe nutzen. Hydroxychloroquin sei zudem dazu geeignet, Lupus und Arthritis zu behandeln.

Notfall-Autorisierung für die Behandlung mancher Covid-19-Patienten seit Ende März

Es gibt allerdings seit dem 28. März eine Notfall-Autorisierung (Emergency Use Authorization), die es in den USA erlaubt, diese beiden Medikamente bei Erwachsenen und Teenagern einzusetzen, „wenn der potenzielle Nutzen für den Patienten das potenzielle Risiko überwiegt“.

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Chloroquin und Hydroxychloroquin sind von der amerikanischen Arzneimittelbehörde nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen, schreibt diese auf ihrer Webseite. (Quelle: FDA, Screenshot: CORRECTIV)

Neben Laborstudien an Medikamenten wird auch nach einem Impfstoff gesucht

Denn tatsächlich zeigten Laborstudien nach Angaben der FDA kürzlich, dass diese Medikamente auch das Wachstum des Virus, das Covid-19 auslöst, stoppen könnte. Es gebe zudem einzelne Berichte über Covid-19-Patienten, deren Zustand sich nach der Einnahme der Medikamente verbessert haben soll. Die FDA warnt jedoch: „Es ist nicht bekannt, ob die Medikamente zu dieser Verbesserung geführt haben oder ob andere Faktoren eine Rolle spielten.“ Mehr klinische Studien seien dafür nötig.

FDA: FAQ zu Chloroquin
Die Wirkung von Chloroquin und Hydroxychloroquin bei der Behandlung von Covid-19 wird in weiteren Studien untersucht, erklärt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA auf ihrer Webseite. (Quelle: FDA, Screenshot: CORRECTIV)

Wichtig ist auch: Die Tests dieser Medikamente ersetzen in den USA nicht die Suche nach einem Impfstoff. Auf ihrer Webseite schreibt die FDA, ihr Center for Biologics Evaluation and Research (CBER) arbeite an mehreren Fronten im Kampf gegen Covid-19 – eine davon sei die Entwicklung eines Impfstoffes.

FDA warnt: Medikamente können schwere Herzrhythmusstörungen verursachen

Die Behörde warnte am 24. April zudem eindringlich davor, Hydroxychloroquin oder Chloroquin außerhalb einer Behandlung im Krankenhaus oder einer klinischen Studie zu sich zu nehmen. Schwere Herzrhythmusstörungen könnten die Folge sein: „Der FDA sind Fälle von schwere Herzrhythmusstörungen bei Covid-19-Patienten bekannt, die mit Hydroxychloroquin oder Chloroquin behandelt wurden – oft in Kombination mit Azithromycin […].“

Man wisse zudem, dass diese Medikamente momentan verstärkt verschrieben würden. „Deshalb möchten wir Gesundheitsexperten und Patienten an die bekannten Risiken von Hydroxychloroquin und Chloroquin erinnern“, schreibt die FDA in einem öffentlichen Appell weiter. Ob die Medikamente bei der Behandlung oder Prävention von Covid-19 tatsächlich wirkten und sicher seien, sei noch unklar.

Deutsche Kardiologen warnen vor Kombination von Chloroquin und Azithromycin

Auch deutsche Kardiologen warnten nach der Äußerung des US-Präsidenten vor einer kombinierten Einnahme der Mittel Chloroquin und Azithromycin, die jeweils „zu bösartigen Herzrhythmusstörungen“ führen könnten, schreibt das Deutsche Ärzteblatt.

Fazit: Die USA testen in klinischen Studien aktuell, ob die Wirkstoffe Hydroxychloroquin und Chloroquin bei der Behandlung von Covid-19 helfen können. Das ersetzt aber nicht die Suche nach einem Impfstoff. Daraus oder aus dem Twitter-Beitrag des US-Präsidenten abzuleiten, die USA setzten generell auf „alternative Therapien statt Impfen“ ist irreführend.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die USA setzen bei der Behandlung von Covid-19 nicht auf Chlordioxid. Es laufen aber Studien zu Chloroquin und Hydroxychloroquin.