Der Marktplatz „Djeema el Fna" in Marrakesch. In Marrakesch hat am 2. Mai 2018 die fünfte Ministerkonferenz des Rabat-Prozesses stattgefunden, einer Dialogkonferenz europäische und afrikanischer Staaten zu den Bereichen Migration und Flucht.© pixabay / ggulik

von Caroline Schmüser

Verschiedene Internetblogs behaupten, die EU habe in einer „Erklärung von Marrakesch” beschlossen, bis zu 300 Millionen afrikanische Migranten in Europa aufzunehmen. Das stimmt nicht.

Am 11. Juli 2018 veröffentlicht die Website „Journalistenwatch“ einen Beitrag mit folgender Überschrift: „Marrakesch-Erklärung: Aufnahme von bis zu 300 Millionen Afrikanern durch EU vereinbart?“ Darin heißt es, die Außenminister der EU hätten mit Vertretern afrikanischer Staaten am 2. Mai diesen Jahres vereinbart, bis zu 300 Millionen Afrikaner nach Europa zu holen.

„Journalistenwatch“ bezieht sich auf eine Erklärung, die von Vertretern 28 afrikanischer und 27 europäischer Staaten während des „Rabat Prozesses“, einer euro-afrikanischen Konferenz zum Dialog über Migration und Entwicklung, am 2. Mai 2018 in Marrakesch unterschrieben wurde. Das Dokument mit dem Namen „Marrakesh Political Declaration“, beinhaltet eine politische Erklärung und einen dazugehörigen Aktionsplan. Die Staaten vereinbarten darin Maßnahmen zur Zusammenarbeit in den Bereichen Flucht und Migration. Das Dokument ist auf der Website der Europäischen Kommission aufrufbar.

Als Quelle für die Behauptung, die EU habe darin beschlossen, 300 Millionen afrikanische Migranten aufzunehmen, nennt „Journalistenwatch“ einen Artikel der Website „Sciencefiles.org“, sowie einen Artikel des Blogs „Danisch.de“ von Hadmut Danisch. „Sciencefiles.org“ und „Danisch.de“ berichten zwar über die „Marrakesh Political Declaration“, jedoch nicht über eine Zahl von angeblich 300 Millionen Afrikaner, die nach Europa migrieren sollen. Das Gerücht wurde allem Anschein nach von der Website „Schweizer Morgenpost“ am 6. Juli 2018 in die Welt gesetzt. Eine Quelle für ihre Aussage nannte die „Schweizer Morgenpost“ jedoch nicht.

Nicht nur „Journalistenwatch“ griff diese Behauptung auf, auch die Blogs „Fuck the EU“, „Mancinis Scharfblick“ und „Islamnixgut“ verbreiteten das Gerücht.

CORRECTIV hat recherchiert: Welchen Zweck hatte das Treffen in Marrakesch? Wurde vereinbart, 300 Millionen Migranten aus afrikanischen Ländern in der EU aufzunehmen? Wir haben uns die „Marrakesh Political Declaration“ genauer angesehen, und mit dem Auswärtigen Amt gesprochen.

Förderung regulärer Migration, Bekämpfung von Schleusern

Auf Anfrage teilte uns das Auswärtige Amt mit: „Die fünfte Ministerkonferenz des Rabat-Prozesses hat am 2. Mai in Marrakesch stattgefunden. Deutschland war durch den deutschen Botschafter in Marokko vertreten.“ Die Erklärung und der dazugehörige Aktionsplan seien als Ergebnis der Konferenz auch von Deutschland angenommen worden. „Beide Dokumente stellen den strategischen Rahmen für die Arbeit zu Flucht und Migration für die Jahre 2018-2020 dar.“, so das Auswärtige Amt.

Der Rabat-Prozess wurde vom International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) ins Leben gerufen, um einen Dialog zu Migration und Entwicklung zwischen der EU und west- und nordafrikanischen Staaten zu schaffen. Als Schwerpunkte werden auf der Website des Rabat-Prozesses genannt: Die Organisation von Mobilität und legaler Migration, die Verbesserung von Grenzkontrollen und Bekämpfung von irregulärer Migration, die Stärkung des Zusammenwirkens von Migration und Entwicklung, sowie die Förderung des internationalen Schutzes.

Zur Förderung regulärer Migration heißt es im Aktionsplan: „Seit seiner Gründung hat der Rabat-Prozess immer das positive Potenzial der regulären Migration gefördert.“ Schleusung und Menschenhandel sowie Fluchtursachen sollen hingegen bekämpft werden.

Ziele des Aktionsplans der „Marrakesh Political Declaration“

Im Aktionsplan 2018-2020 werden zehn verschiedene Ziele des Dialogs definiert.

Diese lauten:

  • Maximierung der positiven Wirkung von regulärer Migration auf Entwicklung

  • Erzielung eines gemeinsamen Verständnisses der Ursachen von irregulärer Migration und Zwangsvertreibung in der Region des Rabat Prozesses

  • Förderung der regelmäßigen Migration und Mobilität, insbesondere von jungen Menschen und Frauen, zwischen Europa und Nord-, West- und Zentralafrika, und innerhalb dieser Regionen

  • Förderung der Erleichterung der Verfahren zur Ausstellung von Visa

  • Maßnahmen zur Stärkung des Schutzes von Flüchtlingen und anderen Vertriebenen fördern

  • Förderung der Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in den Gastgeber-Gesellschaften

  • Ausbau der Kapazitäten öffentlicher Einrichtungen mit Kompetenzen in den Bereichen integrierter Grenzverwaltung, sowie Prävention und Bekämpfung von Schmuggel und Schleusung von Menschen

  • Verbesserung des Schutzes von Migranten, sowie Personen, die internationalen Schutz benötigen, die geschmuggelt, oder Opfer von Menschenhandel wurden

  • Stärken der Kapazitäten von zuständigen Behörden, um Identifizierungsprozesse und die Ausstellung von Reisedokumenten zu verbessern und zu gewährleisten

  • Förderung von Programmen, die sichere Rückkehr und nachhaltige Re-Integration von Migranten, in voller Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde, gewährleisten

Im Aktionsplan wurden außerdem „Aktionen“ aufgelistet, um die Ziele umzusetzen.

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Kein Beschluss zur Aufnahme von 300 Millionen Migranten

Eine Zahl von bis zu 300 Millionen Migranten, die in Staaten der EU migrieren sollen, existiert in der „Marrakesh Political Declaration“ nicht. Wir haben daher beim Auswärtigen Amt nachgefragt. Dieses teilte uns mit: „Die von Ihnen genannten Zahlen und Verweise auf Beschlüsse zur Aufnahme von Personen entbehren jeglicher Grundlage.“

Einen solchen Beschluss hat es laut dem Auswärtigen Amt also nicht gegeben.

Unsere Bewertung:
Die Behauptung ist falsch. Während des Rabatt-Prozesses in Marrakesch am 2. Mai 2018 wurde nicht beschlossen, bis zu 300 Millionen Migranten aus afrikanischen Ländern aufzunehmen.

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Ein Baby habe direkt nach der Geburt einen Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt bekommen, behaupten Facebook-Nutzer. Doch das Bild wurde bearbeitet. (Quelle: Facebook. Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Im Netz kursiert ein Foto eines schreienden Kleinkindes, das einen Mund-Nasen-Schutz trägt. Es wird suggeriert, das Baby habe diesen direkt nach der Geburt aufgesetzt bekommen. Es handelt sich jedoch um ein bearbeitetes Satire-Bild vom Postillon, das von Facebook-Nutzern als echt weiterverbreitet wird.

Ein Neugeborenes schreit und trägt dabei einen Mund-Nasen-Schutz – dieses Bild wird Ende September auf Facebook hundertfach geteilt (zum Beispiel hier, hier und hier). Die Behauptung: Dem Baby sei direkt nach der Geburt ein Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt worden und es bekomme deswegen kaum Luft. Die Nutzer, die das Bild verbreiten, halten es offenbar für echt. „Was tut man diesem armen Baby an?“, schreiben sie zu dem Foto.

Das Bild ist jedoch eine Fotomontage und stammt von der Satire-Webseite Der Postillon.

Die Satire wurde in diesem Facebook-Beitrag beispielsweise nicht kenntlich gemacht. Auch die Nutzerkommentare zeigen, dass das Foto für echt gehalten wird. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Das Original-Foto kann in der Bilddatenbank Shutterstock gefunden werden

Der Postillon ist eine Satire-Seite und kommuniziert das auch offen in seinen FAQ: „[…]  alles, was im Postillon steht, ist Satire und somit dreist zusammengelogen. Alle auftauchenden Charaktere sind fiktional, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Das sollte eigentlich offensichtlich sein, obwohl zahlreiche Kommentare darauf hinweisen, dass vieles hier für bare Münze genommen wird.“

Der Postillon ist für seine offensichtlichen Satire-Artikel bekannt. (Quelle: Postillon, Screenshot: CORRECTIV)

Die Satire-Seite veröffentlichte am 2. September einen Artikel mit dem satirischen Titel „Erstes Baby mit Maske geboren“. Dabei wurde das Foto verwendet, das auf Facebook gespiegelt, sprichseitenverkehrt, verbreitet wird. Der Mund-Nasen-Schutz wurde dabei nachträglich eingefügt. Die Facebook-Beiträge, die das Foto fälschlicherweise als echt verbreiten, wurden erst Wochen später, am 22. September veröffentlicht. Das Originalfoto stammt von dem Fotografen Fakhrul Najmi und kann beispielsweise in der Bilddatenbank Shutterstock heruntergeladen werden.

Die Originalversion des Fotos – ohne Maske – kann in der Bilddatenbank Shutterstock heruntergeladen werden. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Foto wurde von einer Satire-Webseite bearbeitet, wird jedoch als angeblich echtes Foto auf Facebook verbreitet.

PCR-Test
Es stimmt nicht, dass sich bis zu 90 Prozent der positiven PCR-Test-Ergebnisse in den USA als falsch erwiesen haben. (Quelle: CDC / Unsplash)

von Sarah Thust

Sind 90 Prozent aller positiven Corona-Tests in den USA „falsch“? Diese Behauptung kursiert im Netz. Sie beruht auf einer irreführenden Interpretation eines Artikels der New York Times. Darin ging es nicht um falsche Testergebnisse, sondern um die Viruslast und die Frage, wann Infizierte ansteckend sind.

 In mehreren Online-Beiträgen, zum Beispiel in einem Artikel von Journalistenwatch und auf Facebook in einem Beitrag des Arztes Michael Spitzbart sowie von anderen Facebook-Nutzern (hier und hier) wird behauptet, dass 90 Prozent der positiven PCR-Tests auf SARS-CoV-2 in den USA „falsch“ beziehungsweise „falsch-positiv“ seien. Das stimmt so nicht. Laut dem Analysetool Crowdtangle und den Angaben auf Facebook wurden die Beiträge zusammengenommen mehr als 18.000 Mal geteilt.

Die Beiträge beziehen sich auf einen Bericht, den die US-amerikanische Tageszeitung New York Times am 29. August über die Sensitivität von PCR-Tests veröffentlicht hat. Darin sei angeblich vom „größten Betrug der Geschichte“ die Rede gewesen, wird in einem der Beiträge auf Facebook behauptet.

Unsere Recherchen haben ergeben: Die New York Times hat nicht berichtet, dass 90 Prozent der positiv getesteten Proben in Wahrheit gar nicht positiv waren. Die New York Times hat auch nicht vom „größten Betrug der Geschichte“ geschrieben. Der Artikel wird irreführend interpretiert. Dies geschieht insbesondere durch die Verwendung von Begriffen wie „falsch positiv“ (Michael Spitzbart) oder „falsche Positiv-Tests“ (Jouwatch). Diese verweisen auf Laborfehler. Doch darum ging es in dem Artikel der New York Times nicht.

„90 Prozent falsche Positiv-Tests in den USA?“ – Das behauptet der Blog Jouwatch am 8. September.
„90 Prozent falsche Positiv-Tests in den USA?“ – Das behauptet der Blog Jouwatch am 8. September. (Quelle: Jouwatch / Screenshot: CORRECTIV)

Kein Nachweis einer Coronavirus-Infektion? Das wird über den PCR-Test behauptet

In den verschiedenen Beiträgen werden mehrere, teilweise falsche Behauptungen aufgestellt. Sie lauten:

  1. Durch den PCR-Test würden in den USA in 90 Prozent der Fälle Menschen als positiv diagnostiziert, obwohl sie gar nicht positiv seien oder nur geringe Mengen des Virus in sich tragen würden. Dies zeige ein Bericht der New York Times über Daten von Behörden aus Massachusetts, New York und Nevada. 
  2. Die Personen mit einer geringen Viruslast seien „sehr wahrscheinlich“ nicht ansteckend.
  3. Es wird suggeriert, die New York Times habe dies einen „massiven Betrug“ an der amerikanischen Bevölkerung genannt.

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Warum der Bericht der New York Times nicht sagt, dass 90 Prozent der Ergebnisse falsch-positiv seien

Tatsächlich wurde in dem Text der New York Times nicht behauptet, dass der PCR-Test Betrug sei, oder dass 90 Prozent der Ergebnisse falsch-positiv seien. Die Forscher zweifelten die Zuverlässigkeit von PCR-Tests nicht an. Sie betonten, dass ein breiter Einsatz von Tests notwendig sei, da auch Menschen ohne Symptome das Virus übertragen können.

Doch die Autoren des New York Times-Artikels kritisieren die Art, wie in den USA die Testergebnisse übermittelt werden. Bei einem PCR-Test erhielten Ärzte und Patienten nur eine Ja-Nein-Antwort. 

Die Virologin Angela Rasmussen aus New York wird in dem Artikel mit den Worten zitiert: „Es wäre eine nützliche Information, zu wissen, wenn jemand positiv ist, ob er eine hohe Viruslast oder eine niedrige Viruslast hat.“

Am 29. August hat die US-Tageszeitung einen Text mit dem Titel „Ihr Coronavirus-Test ist positiv, vielleicht sollte er es aber nicht sein“ veröffentlicht.
Am 29. August hat die US-Tageszeitung einen Text mit dem Titel „Ihr Coronavirus-Test ist positiv, vielleicht sollte er es aber nicht sein“ veröffentlicht. (Quelle: New York Times / Screenshot: CORRECTIV)

Die New York Times hatte Daten von Verantwortlichen in Massachusetts, New York und Nevada gesammelt. Das Ergebnis: „In drei Sätzen von Testdaten […] trugen bis zu 90 Prozent der Menschen, die positiv getestet wurden, kaum Viren in sich.“ Sie seien möglicherweise nicht ansteckend, also nicht infektiös. 

Das bedeutet aber nicht, dass das Testergebnis „falsch“ wäre. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie PCR-Tests funktionieren.

Was ist ein PCR-Test?

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts (RNA) von SARS-CoV-2 vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Die Proben dafür werden mit einem Abstrich (meist durch die Nase im Rachen eines Menschen) entnommen und untersucht. CORRECTIV hat bereits darüber berichtet, dass ein PCR-Testergebnis der Nachweis einer Infektion ist – es bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person ansteckend oder krank ist.

Es gibt zwei Werte, mit denen die Genauigkeit eines Tests gemessen wird: Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt. Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. 

Worum geht es bei der Kritik der New York Times wirklich? 

Im Teaser des Artikels steht, der PCR-Test sei möglicherweise „zu sensitiv“. Die Forscher aus den USA äußerten jedoch keine Kritik an den PCR-Tests, sondern am sogenannten Zyklus-Schwellenwert oder Ct-Wert (Cycle Threshold). 

Was ist der Ct-Wert? Um das zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Bei einem PCR-Test wird die Probe mit bestimmten Stoffen im Labor vermischt. „Dann gibt es einen Wechsel zwischen erhitzen der Probe und wieder abkühlen, das sind diese Zyklen“, erklärte Sandra Ciesek, die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Uniklinikum in Frankfurt am Main, in einem NDR-Podcast. Der Ct-Wert sei wiederum die Menge der Zyklen, die benötigt werde, um dann Erbsubstanz des Virus (RNA) in der Probe nachweisen zu können. 

„Wenn der Ct-Wert niedrig ist, heißt das, dass wir […] nur sehr wenige von diesen Zyklen brauchen, um das Virus sichtbar zu machen“, erklärte Sandra Ciesek weiter. Der Ct-Wert könne stark schwanken, je nachdem, wie der Abstrich genommen wird und in welchem Krankheitsstadium der Mensch sei. 

Das medizinische Labor MVZ aus Ravensburg erklärt auf seiner Internetseite: „Je höher der Ct-Wert, desto niedriger ist die Viruskonzentration in der untersuchten Probe.“ Ein Wert über 35 Zyklen weise auf eine sehr niedrige Konzentration hin. Sie kann aber dennoch vorhanden sein. 

Ciesek sagte zudem, dass man die Ct-Werte nicht unbedingt miteinander vergleichen könne. „Ich kann meine Ct-Werte […] nicht mit einem anderen Labor direkt [vergleichen], was zum Beispiel einen anderen [PCR-]Test anwendet.“ (Seiten 5 und 8). Denn die Ct-Werte von PCR-Reaktionen entstehen unter unterschiedlichen Bedingungen oder werden mit unterschiedlichen Stoffen (Reagenzien) durchgeführt (CORRECTIV berichtete).

Mit einem Zyklus-Schwellenwert von über 40 gelten PCR-Tests meist als negativ

Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) geht offenbar von einem Schwellenwert von 40 Zyklen aus, darunter ist der PCR-Test positiv, darüber negativ (Stand Juli 2020 / PDF, Seite 36). 

Laut New York Times setzen die meisten Tests den Schwellenwert bei 40, einige bei 37 an. Diesen Wert kritisierten einige Epidemiologen und Virologen in dem Bericht als zu hoch. Ihre Annahme: Es würden dadurch Fälle registriert, die kaum noch infektiös seien. Denn je größer die Viruslast, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch ansteckend sei.

Der Zyklus-Schwellenwert sollte bei 30 liegen, sagte der Epidemiologe Michael Mina von der Harvard T.H. Chan School of Public Health laut New York Times. „85 bis 90 Prozent der Menschen in Massachusetts, die im Juli mit einem Zyklus-Schwellenwert von 40 positiv getestet wurden, hätte man als negativ betrachtet, wenn der Zyklus-Schwellenwert bei 30 gelegen hätte.“

Wie bereits erläutert, bedeutet das jedoch nicht, dass diese Personen keine Bestandteile des Coronavirus in sich trugen. Sie waren dem Laborbefund nach mit SARS-CoV-2 infiziert. Die US-Forscher im Artikel kritisierten, dass die PCR-Tests in den USA keinen Anhaltspunkt dafür bieten würden, wie ansteckend ein mit SARS-CoV-2 infizierter Patient sei. Sie forderten, dass die Testergebnisse künftig eine grobe Schätzung der Virusmenge im Körper des Patienten enthalten sollten.

Zwischenfazit: In dem Artikel der New York Times ging es nicht um „falsch positive“ PCR-Tests, sondern darum, dass nach Ansicht von US-Experten bei (korrekt) positiven Tests auch die Viruslast betrachtet werden sollte. Je niedriger der Ct-Wert, also je weniger Zyklen erforderlich sind, um das Virus nachzuweisen, desto größer ist die Virusmenge beziehungsweise die Viruslast in der Probe. 

Das sagen Experten in Deutschland über die Ct-Werte bei den Coronavirus-Tests

Hendrik Borucki ist Sprecher von Bioscientia, einem Verbund medizinischer Labore mit Hauptsitz in Ingelheim, der aktuell nach eigener Aussage etwa acht Prozent aller Corona-Tests in Deutschland durchführt. 

Wir haben ihm den Bericht der New York Times vorgelegt und um eine Einschätzung gebeten. Er sagte uns am Telefon: „Man versucht da aus dem PCR-Test was rauszuholen, was er nicht leisten kann.“ Es könne beim PCR-Test nur darum gehen, die Viruslast in einer Probe nachzuweisen – aus nicht standardisiertem Abstrich-Material. „Bis 40 Zyklen müssen wir annehmen, dass da etwas Spezifisches ist. Wir wollen nicht riskieren, dass ein Altenpfleger mit SARS-CoV-2 arbeiten geht, nachdem er falsch negativ getestet wurde. Über 40 Zyklen ist es meistens ein unspezifisches Rauschen, da zieht man zu Recht die Grenze, und dafür gibt es auch Studien. Aber grundsätzlich macht die PCR keine Aussage über Infektiosität.“

Das Labor Bioscientia melde ein Testergebnis in der Regel ab 40 Zyklen als negativ. Es melde zudem nicht nur das Testergebnis, sondern auch den Zyklus-Schwellenwert an den zuständigen Arzt. „Das wird ja gewertet wie ein Symptom. Der Arzt schaut dann zusätzlich, ob der Patient andere Symptome wie Fieber zeigt, oder er fragt nach, ob er vor Kurzem in einem Risikogebiet war“, sagt Borucki. „Wir geben im Meldeformular für die Gesundheitsämter den Ct-Wert des Tests ebenfalls an. Das tun allerdings noch nicht alle Labore.“ 

RKI nutzt Ct-Wert ebenfalls

Die Behörden nutzen den Ct-Wert als Leitfaden: Bei unklaren Ereignissen wie einem „grenzwertigen Ct-Wert“ empfiehlt das Robert-Koch-Institut zum Beispiel eine geeignete laborinterne Überprüfung oder eine neue Probe. „Der Befund soll eine klare Entscheidung im Hinblick auf die Meldung ermöglichen.“

Wenn eine Person aus der Quarantäne entlassen werden soll, schreibt das RKI, könne „ein Ct-Wert >30 als Kriterium herangezogen werden, der nach bisherigen Erfahrungen mit einem Verlust der Anzüchtbarkeit einhergeht.“ Das heißt, liegt der Ct-Wert über 30, kann die Person unter Umständen aus der Quarantäne entlassen werden. Denn die Erfahrung zeige, dass das Virus dann nicht mehr „anzüchtbar“, also nicht mehr vermehrungsfähig sei.

Der hohe Ct-Wert kann also tatsächlich darauf hindeuten, dass die Person nicht mehr ansteckend ist. Experten warnen jedoch davor, sich allein darauf zu verlassen.

Um zu entscheiden, ob eine Person aus der Quarantäne entlassen werden kann, kann laut Robert-Koch-Institut der Ct-Wert als Kriterium herangezogen werden.
Um zu entscheiden, ob eine Person aus der Quarantäne entlassen werden kann, kann laut Robert-Koch-Institut der Ct-Wert als Kriterium herangezogen werden. (Quelle: RKI / Screenshot: CORRECTIV)

Bioscientia: „Ct-Wert sagt nichts über die Infektiosität aus“

Der Verbund ärztlich geleiteter medizinischer Laboratorien Bioscientia weist auf seiner Webseite daraufhin, dass der Ct-Wert nichts über die Infektiosität aussage. „Studien korrelierten einen hohen Ct-Wert (>30) mit einer geringen Anzuchtrate des Virus. Zusätzlich wird der Ct-Wert aber auch maßgeblich von der Präanalytik wie Abstrichort, Qualität des Abstrichs und Transportzeit beeinflusst.“

Bioscientia-Sprecher Borucki schrieb uns dazu: „Wir wissen im Labor nicht: War der Abstrich gut? Ist der Patient schon länger positiv? War er vielleicht in einem Risikogebiet? Darum bewertet der Arzt des Patienten den Laborbefund.“

Tatsächlich korreliere die Viruslast in einer Zellkultur mit der Infektiosität, erklärte die Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast (PDF, Seite 34). Dennoch riet die Expertin davon ab, „nur auf die Viruslast zu gucken“ und daraus zu schließen, ob jemand ansteckender als der andere sei. „Es ist ein wichtiger Punkt, aber es gibt ganz viele andere wichtige Punkte. Und es ist auch ein Riesenunterschied, in welcher Phase der Infektion sich diese Person befindet. Also: Ist er ganz frisch infiziert? Hier gehen wir davon aus, dass dann die Ansteckung höher ist als, wenn er schon viele Tage infiziert ist.“

Virologe Drosten: „Ein Ct-Wert von 30 in dem einen Labor ist nicht dasselbe in Form von Viruslast wie in einem anderen Labor“

Der Virologe Christian Drosten bezog sich in einer anderen Folge des NDR-Podcast auch direkt auf die Kritik in der New York Times: „Es gab ja in den letzten Tagen einen New York Times-Artikel […] da ging es um einen Ct-Wert von 30, der wurde vorgeschlagen. Das ist nur auf den ersten Blick gut. Wenn man genau hinschaut, wird man feststellen: […] Ein Ct-Wert von 30 in dem einen Labor ist nicht dasselbe in Form von Viruslast wie ein Ct-Wert von 30 in einem anderen Labor.“ Labore verwendeten zum Beispiel verschiedene Maschinen, die Laborergebnisse müssten besser standardisiert werden (Seite 53). 

Christian Drosten hat sich im Podcast mit dem NDR am 9. September zum Bericht der New York Times geäußert.
Christian Drosten hat sich im Podcast mit dem NDR am 9. September zum Bericht der New York Times geäußert. (Quelle: Coronavirus-Podcast NDR / Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Ct-Werte geben zwar einen Anhaltspunkt über die Viruslast, sind aber nicht gut vergleichbar. Je höher die Viruslast, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Träger, der die Probe abgegeben hat, ansteckend ist. Die Viruslast sagt aber ebenfalls nicht zwingend, ob jemand infektiös ist. Ein Laborergebnis muss laut Experten immer von einem Arzt interpretiert werden, um eine Diagnose zu stellen. 

Woher stammt die Aussage vom „massiven Betrug“? 

In den Facebook-Beiträgen und dem Artikel von Journalistenwatch wird der Text der New York Times als angeblicher Beleg dafür genommen, dass es sich bei dem PCR-Test um „Betrug“ handele. In einem Facebook-Beitrag wurde der US-amerikanischen Zeitung diese Aussage sogar direkt zugeschrieben.

Von Betrugsvorwürfen steht jedoch nichts in dem Artikel. Es handelt sich bei dem Betrugsvorwurf um eine Einschätzung Dritter, die mutmaßlich aus dem US-amerikanischen Internet-Blog RedState stammt und von Journalistenwatch übernommen wurde.

„Echte“ falsch-positive Testergebnisse sind in der Praxis selten

Falsch-positiv bedeutet: Ein Corona-Test zeigt für eine Person, die eigentlich nicht infiziert ist, ein positives Ergebnis. Die Konsequenz: Die Person geht in Quarantäne, obwohl sie das Virus nicht in sich trägt. Träte so ein Fehler häufig auf, würden sich die Fallzahlen erhöhen, obwohl es eigentlich gar nicht mehr Infizierte gibt.

Wie eine CORRECTIV-Recherche ergab, spielen falsch-positive PCR-Tests laut Betreibern von Laboren in der Praxis so gut wie keine Rolle. Als positiv eingestufte Proben werden in vielen Laboren nicht nur einmal, sondern mehrfach überprüft. Darüber haben wir ausführlich hier berichtet. Sandra Ciesek betonte diese Kontrollen auch noch einmal kürzlich im NDR-Podcast (Seite 9-10).

Das RKI geht davon aus, dass die Fallzahlen in Deutschland aktuell nicht durch falsch-positive Tests verzerrt werden. Im Epidemiologischen Bulletin vom 27. August (Seite 12) steht: „Aufgrund des Funktionsprinzips von PCR-Testen und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent.“ In der Regel würden „nicht plausible Befunde in der Praxis durch Testwiederholung oder durch zusätzliche Testverfahren bestätigt oder verworfen“. Das RKI gehe „von einer sehr geringen Zahl falsch-positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht“.

Fazit

In dem Bericht der New York Times steht nicht, dass 90 Prozent der Positiv-Getesteten in den USA falsch-positiv gewesen seien oder die Tests fehlerhaft. Richtig ist stattdessen: Die Personen waren mit SARS-CoV-2 infiziert, doch die Viruslast in den Proben war niedrig (hoher Ct-Wert).

Zum Beispiel in dem Text von Jouwatch wurde wichtiger Kontext ausgelassen. Es wird teilweise richtig aus dem Bericht der New York Times zitiert, wie dass „bis zu 90 Prozent der positiv getesteten Personen kaum eine Viruslast“ trugen. Doch daraus wird falsch geschlussfolgert, dass 90 Prozent der Positiv-Getesteten gar nicht positiv gewesen seien.

Bioscientia-Sprecher Borucki bestätigte CORRECTIV, dass sich das Verhältnis von positiven und negativen Testergebnissen durch das Verschieben der Zyklusschwelle verändert – bei jeder Art von Labortest. Die Frage sei aber, ob man eher Infizierte, die falsch-negativ getestet wurden, in Kauf nehmen wolle, oder Nicht-Infizierte, die falsch-positiv getestet wurden. Das sei seiner Meinung nach die gesellschaftliche Relevanz dieser Betrachtung. 

Borucki sieht in dem Bericht der New York Times den „Wunsch nach einer Begründung, warum Tests mit geringerer Sensitivität (etwa der Antigen-Schnelltest statt des PCR-Tests) in dieser Phase der Pandemie eher gefragt sind und besser passen.“ Darüber könne man zwar diskutieren, doch man dürfe einen Aspekt nicht ausblenden: „Hauptsächliche Unwägbarkeit bei den PCR-Resultaten ist die Qualität des Abstrichs. Und Abstrich ist bis auf Weiteres auch das Material bei allen Antigentesten.“

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Update, 1. Oktober 2020: Wir haben die Überschrift ergänzt, um deutlich zu machen, dass es um 90 Prozent der positiven PCR-Tests geht, nicht 90 Prozent aller PCR-Tests.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Bericht der New York Times wird irreführend interpretiert, es fehlt wichtiger Kontext. Die Zeitung hat nicht berichtet, dass 90 Prozent aller PCR-Tests in den USA falsch-positiv sind.

Christian Drosten
Der Virologe Christian Drosten ist Institutsdirektor an der Charité in Berlin. Er sprach bei einer Anhörung im Bundestag über Alltagsmasken und über die Maßnahmen im Allgemeinen. (Quelle: Youtube, Bundestag / Screenshot: CORRECTIV)

von Sarah Thust

Hat der Virologe Christian Drosten im Bundestag gesagt, dass er keine Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken sehe? Nein. Drosten sagte lediglich, es gebe keine Belege dafür, dass das Tragen einer Maske zu einem milderen Krankheitsverlauf bei einer Infektion führen könnte.

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird behauptet, dass der Virologe Christian Drosten gesagt habe, es gebe „keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit bei Alltagsmasken“. In einem der Videos behauptete der Arzt Bodo Schiffmann, dass Drosten nicht wisse, ob Masken schützen. Zitiert wird eine Aussage, die Drosten am 9. September bei einer Anhörung im Bundestag getroffen hat. Der Beiträge wurden insgesamt mehr als 6.000 Mal auf Facebook geteilt. 

Das Video von Drosten stammt aus einer Anhörung des Gesundheitsausschusses. Wir haben auf der Youtube-Seite des Bundestags die Originalaufnahme herausgesucht. Darin haben sich mehrere Mediziner gegen eine vorzeitige Aufhebung der vom Bundestag festgestellten „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ ausgesprochen. Ein entsprechender Antrag war von der FDP-Fraktion gestellt worden.

Christian Drosten wurde zu einer Einschätzung der Lage in Deutschland befragt

Drosten wurde per Videoübertragung als erster Experte befragt (ab Minute 4:35). Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karin Maag, fragte Drosten: „Wie schätzen Sie die Lage ein?“ 

In seiner Antwort schilderte Drosten zunächst, dass mehrere Effekte wie die Bevölkerungsstruktur in Deutschland bald wieder dazu führen könnten, dass die Zahl der Fälle „mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit auch bei uns genauso ansteigen wird“. 

Weiter sagte er: „[Von unserem effizienten Lockdown] werden wir noch eine erhebliche Zeit profitieren, bis in den Herbst hinein. Aber es ist nicht zu erwarten, dass das so bleibt.“ Dieser Teil ist in dem Video in den Facebook-Beiträgen allerdings nicht zu hören. Insgesamt spricht Drosten etwa dreieinhalb Minuten (Minute 5:36 bis 9:02), in dem Facebook-Video werden nur 53 Sekunden seiner Antwort abgespielt.

Christian Drosten per Videoübertragung im Bundestag am 9. September 2020.
Christian Drosten per Videoübertragung im Bundestag am 9. September 2020. (Quelle: Youtube, Bundestag / Screenshot: CORRECTIV)

Drosten sprach über mögliche Auswirkungen von Masken auf die Schwere des Krankheitsverlaufs

Im Facebook-Video zu hören ist dieser Teil (ab Minute 8:09): „Es gibt einen anderen Punkt, den man nicht von der Hand weisen darf. Das ist, wir wissen nicht, ob nicht die Verwendung von Alltagsmasken in großer Verbreitungsweite, ob das nicht dazu führt, dass im Durchschnitt die erhaltene Virusdosis in einer Infektion geringer ist und, dass im Durchschnitt deshalb der Krankheitsverlauf auch nicht wirklich schädlich sein könnte. Aber das ist reine Spekulation. Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Und es gibt umgekehrt eben Länder, in denen man sagen kann, es wurde von Anfang an wirklich Maske getragen – dazu gehören sehr viele asiatische Länder – und trotzdem ist es zu großen Ausbrüchen gekommen. So kann ich es zusammenfassen. Und meine Einschätzung ist auf dieser Basis überhaupt nicht, dass sich die Grundsituation verändert hat.“

Diese Worte hat Drosten so auch gesagt. Doch seine Aussage wird in den Facebook-Beiträgen irreführend interpretiert: Drosten hat nicht gesagt, dass es „keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken“ gebe.

Denn wer von Wirksamkeit von Alltagsmasken spricht, meint in der Regel ihre Fähigkeit, Infektionen zu verhindern. Drosten sprach stattdessen über einen möglichen  Zusammenhang mit der Krankheitsschwere, also wenn sich jemand trotz Maske infiziert: „Die Verstorbenen sind nicht alles, was man verhindern muss, sondern eben auch die schweren Krankheitsverläufe“, sagte er. In diesem Kontext nannte er die „Spekulation“, dass Alltagsmasken dazu beitragen könnten, dass die Krankheit Covid-19 milder verlaufe. Denn sie könnten die Menge der Viren, die jemand aufnimmt, verringern.

Der Hintergrund: Anfang September hatten Medien über diese wissenschaftliche Theorie berichtet. In einem Artikel im New England Journal of Medicine hieß es, Daten würden die Hypothese des milderen Krankheitsverlaufs stützen. 

Genau auf diese Theorie bezog sich Drosten in seiner Aussage vor dem Bundestag. Er wies korrekterweise darauf hin, dass es bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe. Auch die Autoren des Artikels im New England Journal of Medicine betonten, es handele sich um eine Hypothese. 

Drosten hat sich schon öfter zum Nutzen von Alltagsmasken geäußert

Der Berliner Virologe hat mehrfach öffentlich erklärt, dass das Tragen von Alltagsmasken kein Allheilmittel sei, aber durchaus Wirkung zeigen könne. So sagte er in einem Podcast vom 1. September, dass Masken Tröpfchen auffangen könnten, ihre Schwäche aber darin liege, die ebenfalls für die Übertragung des Coronavirus verantwortlichen Aerosole zu unterbinden (PDF, Seite 2). Deshalb seien Masken in geschlossenen Räumen, in denen sich Menschen permanent aufhalten, nicht so wirksam. Doch in Situationen wie im Supermarkt, wo Menschen kurzzeitig Infizierten begegnen könnten, seien sie hilfreich. 

Der Journalist Boris Reitschuster veröffentlichte am 19. September ebenfalls einen Text mit der irreführenden Überschrift: „Drosten zu Masken: ‘Reine Spekulation’“. Er suggeriert darin, dass Drosten nicht wisse, ob Masken helfen – und  dass seine Aussage im Bundestag im Widerspruch zu seinen sonstigen Äußerungen in der Presse stehe. 

Als Beispiel nennt Reitschuster einen Bericht der Deutschen Welle vom 18. September. Darin habe Drosten gesagt: „Denn auch wenn wir mit den Impfungen beginnen, wird der größte Teil der Bevölkerung weiter Masken tragen müssen.“ Der vermeintliche Widerspruch ist jedoch keiner, da Drosten vor dem Bundestag das Masketragen nicht grundsätzlich infrage gestellt hat.

Masken schützen vor allem andere, Schutz des Trägers ist nicht eindeutig belegt

CORRECTIV hat bereits in Faktenchecks recherchiert, wie der Forschungsstand zur Wirksamkeit von Masken ist. 

Das RKI empfiehlt Masken (Mund-Nasen-Bedeckung, MNB) in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum mit der Begründung, dass sie die Übertragung infektiöser Tröpfchen mindern könnten. Ein MNB diene vor allem dem Fremdschutz; er schütze primär andere Personen vor feinen Tröpfchen und Partikeln in der Ausatemluft desjenigen, der den MNB trägt. Der Eigenschutz des Trägers sei bisher nicht wissenschaftlich belegt, so das RKI weiter

Verschiedene Studien (beispielsweise diese von 2013, und auch aktuelle Studien von März und April dieses Jahres) bestätigen die Wirksamkeit von Masken als Barriere für erregerhaltige Tröpfchen und Aerosole. OP-Masken bieten laut der Studien generell einen besseren Schutz als selbstgemachte Masken – und es sei in jedem Fall nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Viren und Bakterien die Maske je nach Sitz dennoch passieren kann.

Es gibt außerdem erste Studien dazu, ob Masken auch den Träger selbst vor einer Infektion schützen. Eine Metaanalyse von Studien zu diesem Thema kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass N95-Masken und OP-Masken das Risiko einer Infektion des Trägers deutlich reduzieren könnten (PDF, S. 1.973). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte diese Analyse in Auftrag gegeben. Im Juni erschien sie in der Fachzeitschrift The Lancet. Die Autoren wiesen allerdings darauf hin, dass die Aussagekraft begrenzt sei und keine Schutzmaßnahme allein (Masken, Abstand halten, Augenschutz) einen vollständigen Schutz bieten könne.

Im Juni erschien zum Thema Wirksamkeit der Maskenpflicht auch eine Studie aus Deutschland: Einige deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben dafür die Entwicklung der Infektionszahlen in Jena mit denen ähnlicher Städte verglichen, in denen die Maskenpflicht später eingeführt wurde. „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Einführung der Maskenpflicht in den jeweiligen Kreisen zu einer Verlangsamung der Ausbreitung von Covid-19 beigetragen hat“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Zitat von Christian Drosten wird irreführend ausgelegt. Der Virologe hat nicht gesagt, dass er keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken sehe.

Warum ein CO2-Messgerät für Räume ungeeignet ist, um die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz zu messen, zeigen Experimente mit Hilfe des Umweltbundesamtes.
Warum ein CO2-Messgerät für Räume ungeeignet ist, um die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz zu messen, zeigen Experimente mit Hilfe des Umweltbundesamtes. (Symbolbild: Unsplash/ Engin Akyurt)

von Uschi Jonas

Seit Wochen kursieren immer wieder Videos in Sozialen Netzwerken, in denen sich Personen ein CO2-Messgerät unter ihren Mund-Nasen-Schutz halten. Die Versuche sollen zeigen, wie schlecht die Luft unter den Masken sei. Mit Hilfe von zwei Experten hat CORRECTIV den Selbstversuch gemacht. Er zeigt: Tests mit solchen Geräten ergeben keinen Sinn.

„Reizstoff“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf der Stoffmaske einer blonden Frau. Sie hält ein Messgerät vor sich, das einen Zahlenwert anzeigt, der den CO2-Gehalt in der Luft bemisst: 431 PPM (parts per million). Dann schiebt sich die Frau den Sensor des Messgeräts direkt unter den Mund-Nasen-Schutz und atmet ein und aus.

Der Zahlenwert beginnt zu steigen. Als das Gerät bei fast 2.000 PPM angelangt, fängt es an zu piepsen. Der Wert steigt weiter, bis das Gerät sich beim Messbereichsendwert von 10.000 PPM ausschaltet. „Ob das gesund ist, sei dahingestellt“ kommentiert eine Männerstimme aus dem Off. Dann ist die Aufnahme beendet. 

Dieses Video einer Frau, die ein CO2-Messgerät unter ihren Mundschutz schiebt, verbreitet sich auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)
Dieses Video einer Frau, die ein CO2-Messgerät unter ihren Mundschutz schiebt, verbreitet sich auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Was dadurch im Kopf der Zuschauer des tausendfach auf Facebook geteilten Videos hängen bleibt: Unter der Maske erhöhe sich der CO2-Gehalt immens. Diese hohe Konzentration atme man dann ein und das sei ungesund. Eine CORRECTIV-Recherche mit Hilfe von Experimenten beim Umweltbundesamt in Berlin zeigt jedoch, dass diese Annahmen falsch sind. Solche Tests ergeben keinen Sinn – diese CO2-Geräte sind für eine solche Messung gar nicht vorgesehen.

Zahlreiche Falschbehauptungen zum Mund-Nasen-Schutz im Umlauf 

Seit der Einführung der Maskenpflicht kursieren zahlreiche Falschbehauptungen in Sozialen Netzwerken, demnach das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verschiedenste Gesundheitsgefahren berge. CORRECTIV veröffentlicht dazu seit Monaten Faktenchecks

Immer wieder taucht die Behauptung auf, Masketragen sei gefährlich, da man dadurch zu viel CO2 einatme und der Körper übersäure. Als angeblichen Beleg führen Menschen Selbstversuche mit sogenannten CO2-Messgeräten durch. Auch dazu haben wir bereits im August einen Faktencheck veröffentlicht. „Den CO2-Gehalt in der Luft zu messen, unter einer Maske, ist als Einzelversuch Unsinn“, erklärte uns damals Peter Wagler, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), telefonisch. „An den Seiten ist die Maske ja undicht.“ Damit atme man nicht nur die Luft ein, die ausgeatmet werde.  

Doch was passiert dann, wenn die Geräte in den Selbstversuchen unter die Maske gehalten werden, und warum piepsen sie? Wir wollten es genauer wissen. Deshalb trafen wir uns Mitte September mit zwei Experten des Umweltbundesamts in Berlin. Sie zeigten uns, wie so ein CO2-Messgerät funktioniert, warum der Wert unter einem Mund-Nasen-Schutz so rasant steigt und was das über mögliche Gesundheitsgefahren aussagt. 

Wofür genau ist so ein CO2-Messgerät vorgesehen? 

Robert Bethke ist Chemiker und Wissenschaftler im Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumlufthygiene. Wolfgang Straff ist Arzt und leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt. „Die CO2-Messgeräte sind in der Regel dafür gedacht, sie an der Wand anzubringen oder im Raum aufzustellen, um damit die CO2-Konzentration in Innenräumen zu messen“, erklärt Bethke. 

Wolfgang Straff (links) leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt, Robert Bethke (rechts) ist Chemiker und Wissenschaftler beim Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumluft-Hygiene. (Foto: Uschi Jonas / CORRECTIV)
Wolfgang Straff (links) leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt, Robert Bethke (rechts) ist Chemiker und Wissenschaftler beim Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumluft-Hygiene. (Foto: Uschi Jonas / CORRECTIV)

Bei 1.000 PPM piepsen viele der Geräte, das sei allerdings hygienisch und nicht toxikologisch begründet, erklärt Chemiker Bethke: „In dem Fall gilt die Empfehlung, zu lüften. Denn wenn sich CO2 durch die Anwesenheit und Aktivität von Menschen in einem Raum angereichert hat, könnten auch andere Schadstoffe zugegen sein. Das ist allerdings ein Leit- und kein Grenzwert.“

Das schreibt beispielsweise auch ein Hersteller solcher Geräte namens PCE Instruments auf seiner Webseite: Ist die CO2-Konzentration zu hoch, was sich „auf die Gesundheit, die Konzentration und das Wohlbefinden“ auswirken könne, geben die Messgeräte ein Warnsignal ab. 

Zum Vergleich: Laut Umweltbundesamt liegt der normale CO2-Gehalt der Außenluft in ländlichen Gebieten bei 350 PPM, in kleinen Städten bei 375 PPM und in Stadtzentren bei 400 PPM.

Ist es sinnvoll, die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz mit solchen Geräten zu messen? 

„Aus meiner Sicht ergibt das relativ wenig Sinn,“ sagt Bethke. Das Volumen unter einem Mund-Nasen-Schutz sei dafür viel zu gering. „Die in den Messgeräten verbauten CO2-Sensoren haben eine gewisse Trägheit. Sie sind nicht dafür gedacht, auf schnelle Konzentrationsänderungen, die sich in so einem kleinen Raum wie unter einem Mundschutz ergeben, korrekt anzuspringen.“

Die Trägheit der Messgeräte sorge auch dafür, dass diese nicht so schnell reagieren könnten, wie unsere Atmung den Luftraum unter der Maske austausche, ergänzt Wolfgang Straff. „Deswegen sieht es für Messende so aus, als ob die Konzentration immer weiter ansteige, bis die 10.000 PPM erreicht sind, beziehungsweise das Gerät piept“, erläutert er. Anders ausgedrückt, erklärt Bethke, könne man auch sagen, dass unsere Atemfrequenz so schnell ist, dass der Sensor nicht nachkommt.

Das liegt auch an der Menge CO2, die wir mit einem Atemzug ausatmen – nämlich rund 40.000 PPM. „Die Messgeräte geraten dabei an ihre Grenzen. Die Geräte, die in den Videos zu sehen sind, steigen beispielsweise bei 10.000 PPM aus und sind überladen“, sagt Bethke. 

Experimente zeigen: Das Gerät ist genauso schnell übersättigt, wenn man ohne Maske darauf atmet

Mit mehreren Experimenten zeigen Bethke und Straff, dass es keinen Unterschied macht, ob der Sensor eines CO2-Messgeräts unter einer Maske oder direkt ohne Maske angeatmet wird. 

Beim ersten Versuch atmet Bethke das CO2-Raum-Messgerät ohne Maske direkt am Sensor an – innerhalb weniger Sekunden steigt der PPM-Wert auf über 10.000. Und auch als Bethke längst wieder vom Sensor weg ist, steigt der Wert weiter. Dazu Bethke: „Die Luft um den Sensor herum sollte eigentlich schon der normalen Raumluft entsprechen.“ Erst nach einigen Sekunden fängt der Wert langsam wieder an zu sinken. „Bereits mit einer Ausatmung ist der Sensor komplett überladen.“ 

Die Sensoren sind träge: Robert Bethke ist längst wieder vom Messgerät weg, trotzdem wird ein Wert von fast 10.000 PPM angezeigt. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Die Sensoren sind träge: Robert Bethke ist längst wieder vom Messgerät weg, trotzdem wird ein Wert von fast 10.000 PPM angezeigt. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Auch als Bethke eine Stoffmaske aufsetzt, den Sensor außen davor hält und durch die Maske darauf atmet, steigt der CO2-Wert des Messgeräts sofort rasant an. Das zeigt, dass CO2 aus der Maske nach außen dringt. 

Bethke wiederholt den Versuch mit einem kleinen Sensor, der über USB an ein Laptop angeschlossen wird, ein sogenannter mobiler CO2-Sensor. Er schiebt den Sensor zunächst unter seine Maske und atmet: Der Wert steigt sprunghaft an.

Robert Bethke schiebt einen mobilen CO2-Sensor unter seine Maske. (Quelle: CORRECTIV)
Robert Bethke schiebt einen mobilen CO2-Sensor unter seine Maske. (Quelle: CORRECTIV)

Nach einigen Sekunden zieht der Innenraumluftexperte den Sensor aus der Maske und legt ihn auf den Tisch. Nur langsam fängt der CO2-Wert an zu sinken. 

Obwohl der Sensor längst wieder auf dem Tisch liegt, ist der angezeigte CO2-Wert noch um ein Vielfaches höher als die eigentliche CO2-Konzentration im Raum. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Obwohl der Sensor längst wieder auf dem Tisch liegt, ist der angezeigte CO2-Wert noch um ein Vielfaches höher als die eigentliche CO2-Konzentration im Raum. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Als der Wert wieder auf Raum-Wert gesunken ist, wiederholt Bethke den Versuch. Dieses Mal atmet er den USB-Sensor ohne Maske an. Innerhalb weniger Sekunden wird erneut ein sehr hoher PPM-Wert erreicht. 

„Der Effekt ist genau derselbe gewesen, ob der Sensor unter der Maske war oder einfach nur so vor das Gesicht gehalten wird“, fasst Bethke zusammen. 

Wie genau funktioniert das mit der Atmung und dem CO2? 

„Einen gewissen Anteil der Luft atmen wir immer hin und her. Das liegt daran, dass unsere Atemwege Teile beinhalten, die überhaupt nicht mit dem Gasaustausch in der Lunge in Verbindung stehen“, sagt Straff. Die Luft müsse erst durch den Mund- und Nasenrachenraum in die Luftröhre und die Hauptbronchien, die Segmentbronchien und die kleinen Bronchien hinunter, bis sie dann in den sogenannten Alveolen, den Lungenbläschen, auftauche. 

In den Alveolen findet dann der Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid statt. „Dieses Volumen macht bei Erwachsenen insgesamt bereits 150 bis 200 Milliliter aus. Und dieser Raum ist immer auch mit CO2-haltiger Luft, die abgeatmet wird, gefüllt“, sagt Straff. Der Mund- und Nasenrachenraum werde durch die Maske zwar erweitert, aber das seien lediglich fünf bis zehn zusätzliche Milliliter Luft.

Umweltmediziner Wolfgang Straff erklärt anhand einer Abbildung, wie Atmung und CO2 zusammenhängen. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Umweltmediziner Wolfgang Straff erklärt anhand einer Abbildung, wie Atmung und CO2 zusammenhängen. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Was passiert beim Tragen einer Maske mit dem CO2, das man ausatmet? 

„Der Stoff ist so durchlässig, dass das CO2 einfach entweicht“, erklärt Bethke. Straff ergänzt: „Wo soll es auch hin? Würde das CO2 nicht entweichen, würde sich die Maske aufblasen. Das CO2 muss raus.“ Durch unser Ein- und Ausatmen – auch mit Maske – wird frische Luft von außen angesogen. „Und dort ist kein CO2 angereichert“, sagt Bethke.

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Anders erklärt: Wir atmen mit einem Zug etwa 500 Milliliter Luft aus. Der Raum unter der Maske ist aber nur wenige Milliliter groß. „Hier können sich gar keine großen Mengen CO2 ansammeln. Die CO2-haltige Luft muss folglich die Maske durchtreten und verteilt sich dann im Raum, beziehungsweise der Umgebung“, erklärt Straff. Dasselbe gilt anders herum: „Wenn wir einatmen, müssen wir dieselbe Menge aufnehmen. Viel mehr Luft als die fünf Milliliter unter der Maske. Die werden durch den Stoff der Maske und an den Seiten eingesaugt.“

Anders sei es auch gar nicht denkbar, erklärt Straff: „Könnte man unter der Maske nicht richtig atmen, würden wir sofort beim ersten Atemzug Erstickungsängste bekommen.“

Woran liegt es, wenn man dennoch das Gefühl hat, beim Tragen einer Stoffmaske schwerer zu atmen? 

„Natürlich stellen die Masken eine gewisse Barriere dar, die wir spüren. Die erhöht auch den Atemwegswiderstand. Während das mit CO2 nichts zu tun hat, behindert es schon die leichte Ansaugung von Luft durch unsere Atemmuskulatur und unsere Rippenmuskeln und unser Zwerchfell müssen etwas mehr arbeiten, um die Luft durch die Maske anzusaugen“, erklärt Straff. 

Das könne für vorerkrankte Menschen ein Problem sein. Deshalb seien Masken auch nicht für jede Situation sinnvoll.

Bei welcher Konzentration wird CO2 für den Mensch gefährlich? 

„Das, was wir ausatmen, ist nicht toxisch. Es enthält wie gesagt um die 40.000 PPM CO2 – je nach Aktivität. Aber auch davon würden wir nicht ersticken“, erläutert der umweltmedizinische Experte Straff. Eine richtig toxische Menge CO2, bei der die Wirkung narkotisch (betäubend) werde und es möglich sei zu sterben, setze bei 80.000 PPM ein.

„Aber auch sehr hohe CO2-Konzentrationen im Ausatembereich würden uns nicht direkt umbringen, weil sonst könnte auch eine Mund zu Mund oder Nase-Beatmung bei Menschen, die Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten haben, gar nicht funktionieren.“ 

Ein anderes Beispiel: Wenn man den Kopf unter die Bettdecke steckt, dann stirbt man auch nicht. Denn der Luftaustausch, der durch die Bettdecke noch da ist, reiche aus für den Körper, sagt Straff. Man könne folglich eine lange Zeit sehr viel CO2 tolerieren. „Wenn es kritisch werden würde, dann meldet das Atemzentrum im Hirnstamm, dass der Kohlendioxidgehalt im Blut zu hoch ist und die Atemfrequenz und -tiefe würde gesteigert, oder man würde aufwachen.“

Dazu sei das Atemzentrum in der Lage, wenn die Konzentration nicht plötzlich toxisch ist. Das gelte aber natürlich nicht, wenn eine plötzliche narkotische Kohlendioxidkonzentration auftreten würde, wie beispielsweise wenn man einen Raum betritt, wie einen Weinkeller, der mit CO2 geflutet ist, erklärt Straff: „Dann wirkt CO2 plötzlich narkotisch und das könnte tödlich sein.“

Ist es möglich durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu ersticken? 

„Eigentlich gibt es ein solches Szenario nicht. Die einzige Möglichkeit wäre, dass die Maske aus Plastik und somit aus einem luftundurchlässigen Material wäre und die Maske rundherum angeklebt würde, sodass auch von der Seite keine Luft reinkommt“, sagt Straff. Mit einer Stoffmaske sei dies aber nicht möglich. 

Fazit: 

Die Experimente zeigen: Ein Mund-Nasen-Schutz sorgt nicht dafür, dass wir mehr CO2 ein- oder ausatmen als üblich. Das CO2 entweicht durch den luftdurchlässigen Stoff, aber auch durch die Ränder der Maske. 

Die in Sozialen Netzwerken gezeigten CO2-Messgeräte sind dafür gedacht, die Konzentration in Innenräumen zu messen. Sie sollen anzeigen, wenn es „stickig“ wird und an der Zeit wäre, zu lüften. Wenn sie ab 1.000 PPM ein Warngeräusch von sich geben, heißt das nicht, dass eine für den Menschen gefährliche CO2-Konzentration erreicht ist. 

Die Sensoren übersättigen schnell und sind zudem träge, sodass sie gar nicht in Echtzeit auf die Atemfrequenz eines Menschen reagieren können. Die Übersättigung geschieht unabhängig davon, ob man sie mit oder ohne oder unter einer Maske anatmet. Die Geräte sind deshalb nicht geeignet, den CO2-Gehalt unter einer Maske zu messen. Sie beweisen nicht, dass dort eine gesundheitsgefährdende Konzentration von CO2 vorhanden wäre. 

Kurz: Tests wie sie in den Selbstversuch-Videos in Sozialen Netzwerken zu sehen sind, sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, um eine angebliche Gesundheitsgefahr durch Masken nachzuweisen. 

Recherche-Mitarbeit: Kathrin Wesolowski

Redigatur: Till Eckert, Alice Echtermann

Update 1. Oktober 2020: Wir haben einen Absatz ergänzt, um den Unterschied zu einer plötzlich toxischen CO2-Konzentration zu verdeutlichen.

Maskenpflicht im Deutschen Bundestag
Ab 1. September gilt die dringende Empfehlung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in allen Liegenschaften des Deutschen Bundestages. (Quelle: Henning Schacht / Unsplash)

von Sarah Thust

In einer Hausmitteilung im Bundestag stand eine Formulierung, die im Internet irreführend interpretiert wurde. Es wird behauptet, der Bundestag hätte Mitarbeiter vor hohen CO2-Werten im Blut durch das Maskentragen „gewarnt“. Doch das war laut einer Sprecherin nicht das Ziel – und für die These selbst gibt es keine Belege.

„Deutscher Bundestag warnt seine Mitarbeiter vor hohen CO2-Werten im Blut durch Maskentragen“, hieß es in einem Text auf der Internetseite Corona Transition am 7. September. „Abgeordnete und Mitarbeiter des Bundestags in Berlin müssen nach der Sommerpause Masken tragen – sollen aber wegen der dadurch ansteigenden Kohlendioxidkonzentration im Blut den Mund-Nasenschutz alle 30 Minuten unterm Kinn ablegen, um durchzuatmen“, steht dort weiter. 

Der Text wurde laut Analysetool Crowdtangle mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. Als Quelle für die Behauptung wird ein Bericht von Focus Online genannt. Die Nachrichtenseite hatte zuvor über eine interne Hausmitteilung berichtet, die auch CORRECTIV vorliegt. 

Unsere Recherchen ergaben: Die Hausmitteilung ist echt, doch die Formulierung darin zum CO2-Gehalt im Blut ist missverständlich. Zudem wurde nicht geraten, die Maske alle 30 Minuten abzusetzen, um durchzuatmen. Es gibt keine Belege, dass der CO2-Gehalt im Blut durch das Tragen einfacher Mund-Nasen-Bedeckungen ansteigt, oder dafür, dass andere Gesundheitsgefahren für gesunde Menschen bestünden. 

In der Hausmitteilung informierte der Bundestag Mitarbeiter über die neue Maskenpflicht ab 1. September

Am 28. August wurde tatsächlich eine Mitteilung – Nummer 222/2020 – im Bundestag veröffentlicht. Diese liegt uns vor, weil sie gemeinsam mit dem Text auf Corona Transition hochgeladen wurde. Zudem hat uns Focus Online eine Kopie der Mitteilung überlassen, und eine Sprecherin des Bundestags bestätigte, dass es eine solche Mitteilung gab. 

In der Hausmitteilung wird erklärt, dass ab 1. September die dringende Empfehlung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in allen Liegenschaften des Deutschen Bundestags gilt. In einer Anlage sind Hinweise für den Gebrauch von Masken ergänzt. 

Die Hausmitteilung und die Hinweise in der Anlage.
Die Hausmitteilung und die Hinweise in der Anlage. (Quelle: Deutscher Bundestag / Screenshot: CORRECTIV)

Darin hieß es unter anderem: „Bereits nach 30 Minuten Tragedauer kann es je nach Art der Mund-Nasen-Bedeckung zu einem signifikanten Anstieg der CO2-Werte im Blut kommen, da die ausgeatmete Luft unter Umständen nicht so gut entweichen kann. Ein ständiges Aus- und wieder Anziehen der Mund-Nasen-Bedeckung ist aber auch nicht sinnvoll, da so das Risiko einer Kontamination erhöht wird. Zwischendurch sollte man sie also zum Durchatmen eher unters Kinn schieben, aber weitertragen.“

Es wirkt also tatsächlich so, als bestätige der Bundestag einen Anstieg der CO2-Konzentration im Blut. Es ist aber nicht von einer Gesundheitsgefahr die Rede und es wurde nicht dazu geraten, die Maske „alle 30 Minuten unterm Kinn abzulegen“. Im Gegenteil wird davon abgeraten, die Maske aus- und wieder anzuziehen.

Auf Nachfrage hat uns die Pressestelle des Deutschen Bundestags mitgeteilt, dass der Hinweis auf den CO2-Wert lediglich eine von mehreren möglichen Erläuterungen für das Bedürfnis gewesen sei, die Mund-Nasen-Bedeckung beiseite zu schieben. Sie habe aber „keine wissenschaftliche Stellungnahme“ und „keine Behauptung einer Gesundheitsgefährdung“ beinhaltet.

E-Mail der Pressestelle Deutscher Bundestag.
E-Mail der Pressestelle Deutscher Bundestag. (Screenshot: CORRECTIV)

Quelle der Behauptung zum CO2-Gehalt im Blut ist eine Doktorarbeit von 2004

Wir haben nachgefragt, auf welche Quellen sich die Bundestagsverwaltung in dem Schreiben verließ. Diese nannte „Empfehlungen der einschlägigen Behörden“ und „allgemein zugängliche Quellen“. Als Beispiel schickte die Pressestelle einen Link, der zu einem Bericht des Fachmagazins Medizin & Technik führt. 

Weder bei einer Internet-Recherche noch auf der Seite des Robert-Koch-Instituts oder auf den Seiten anderer Behörden fanden wir darüber hinaus Angaben zum Zusammenhang zwischen dem CO2-Wert im Blut und Masken. Deshalb haben wir uns den Bericht des Fachmagazins Medizin & Technik angesehen. 

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Darin wird eine Doktorarbeit erwähnt: Ulrike Butz von der Technischen Universität München untersuchte im Jahr 2004, inwieweit das Tragen von OP-Masken zu schlechter Atemluft führt. CORRECTIV berichtete ebenfalls bereits über diese Studie. Sie wird von Kritikern der Maskenpflicht häufig als Argument für eine angebliche Gefährdung durch einen CO2-Anstieg im Blut genutzt. 

Studie belegt keine Beeinträchtigung oder Gesundheitsgefahr durch Masken

Butz ging von der Annahme aus, dass die ausgeatmete Luft durch die Maske zurückgehalten werde, wodurch der Träger vermehrt Kohlendioxid (CO2) einatme. Getestet wurden einfache OP-Masken von zwei Herstellern. Nach 30 Minuten Tragedauer stellte Butz einen signifikanten Anstieg der CO2-Werte im Blut der Probanden fest. Die Atemfrequenz und der Sauerstoffgehalt im Blut blieben jedoch konstant. 

Die Autorin der Studie sagte zudem am 4. Mai 2020 der DPA: „Man kann aus der Arbeit keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen ableiten. Das wäre unseriös.“ Schließlich habe sie in der Zusammenfassung der Doktorarbeit weitere Studien auf dem Gebiet gefordert, um die Auswirkungen von OP-Masken auf den menschlichen Körper zu erforschen.

Zudem schrieb uns Dominic Dellweg, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) auf eine Anfrage im Mai: „Die Maske ändert die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht. Alle Moleküle der Raumluft; und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid; können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.“ Eine eng anliegende Maske habe keinen „wesentlichen Totraum“. Totraum meint die Menge an Luft, die nach der Ausatmung in der Maske bleibt und wieder eingeatmet wird. Da dieser kaum vorhanden sei, komme es nicht zu einem Anstieg von CO2 im Blut, schrieb Dellweg weiter.

Studie bezieht sich nicht auf FFP-Masken oder selbstgenähten Mundschutz (Mund-Nasen-Bedeckung)

Zudem beschäftigte sich die Studie 2004 ausschließlich mit zwei Modellen von OP-Masken, also medizinischen Gesichtsmasken  (PDF, S.18 bis 20). Das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken) oder selbstgenähten Masken wurde nicht untersucht. 

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie kommen derzeit alle drei Maskentypen zum Einsatz. In der Hausmitteilung des Bundestags wird allerdings lediglich das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung empfohlen, wozu zum Beispiel selbstgenähte Masken oder Community-Masken zählen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat auf seiner Webseite einen Vergleich der Maskentypen veröffentlicht.

Die unterschiedlichen Maskentypen im Vergleich.
Die unterschiedlichen Maskentypen im Vergleich. (Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Screenshot: CORRECTIV)

DIN-Normen verhindern, dass OP-Masken oder FFP2-Masken eine Gefahr darstellen können

Sowohl der medizinische Mund-Nasen-Schutz (OP-Maske) als auch die FFP-Masken sind durch das Deutsche Institut für Normierung (DIN) normiert. Die Normen wurden zuletzt 2009 überarbeitet, also vier Jahre nachdem die Studie an der TU München erschienen ist.

CORRECTIV hat im April mit 3M, einem Hersteller von medizinischen Masken, gesprochen. Pressesprecherin Anja Ströhlein schrieb uns: „Die EN149 Norm setzt klare Grenzen für den Ein- und Ausatemwiderstand von Atemschutzmasken – die Norm 14683 entsprechend für chirurgische Masken.“ Man könne deshalb davon ausgehen, dass es bei der korrekten Handhabung nicht zu einer Ansammlung von Kohlendioxid unter dem Atemschutz komme und daher von OP-Masken keine Gesundheitsgefahr für gesunde Menschen ausgehe. 

Die Ergebnisse der Studie der TU München lassen sich demnach nicht auf die heute während der Corona-Pandemie verwendeten Masken übertragen. 

E-Mail von Anja Ströhlein, Pressesprecherin 3M. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
E-Mail von Anja Ströhlein, Pressesprecherin 3M. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Auch das RKI bestätigte im April per E-Mail an CORRECTIV: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon“, schrieb uns Pressesprecherin Marieke Degen. Gerade das Tragen von mehrlagigen, sehr dichten und eng anliegenden Mund-Nasen-Bedeckungen könne beispielsweise für ältere Menschen oder für Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten sehr anstrengend sein.

E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail von Marieke Dregen, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch in der Hausmitteilung des Bundestags steht deshalb der Hinweis: „Diese Empfehlung gilt nicht für Personen, denen das Tragen von Masken aus gesundheitlichen Gründen nicht zuzumuten ist.“

Fazit

Die Formulierung in der Hausmitteilung des Deutschen Bundestags ist missverständlich. Der Bundestag hat seine Mitarbeiter laut einer Sprecherin nicht vor einer Gesundheitsgefahr durch hohe CO2-Werte im Blut warnen wollen. Zudem wurde nicht geraten, die Maske alle 30 Minuten abzusetzen, wie bei Corona Transition behauptet wird.

Zudem ist die einzige Quelle, die einen Zusammenhang vom Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und einem Anstieg von CO2 im Blut belegt, eine Studie von 2004. Sie bezieht sich nicht auf Alltagsmasken, sondern auf medizinische OP-Masken. Im Allgemeinen verhindern laut Herstellern jedoch auch die DIN-Normen für solche OP-Masken, dass man zu viel CO2 einatmet. Es gibt keine Belege, dass vom Masketragen eine gesundheitliche Gefahr für gesunde Menschen ausgeht.

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Hausmitteilung gibt es, der Bundestag hat seine Mitarbeiter aber nicht vor einer Gesundheitsgefahr mit hohen CO2-Werte im Blut durch das Tragen von Masken gewarnt.

Dieses Instagram-Video wurde in Sozialen Netzwerken mit der Behauptung verbreitet, es zeige, wie mit gestellten Aufnahmen Panik vor Corona geschürt werden soll. Das ist falsch, es handelte sich lediglich um eine medizinische Übung eines Krankenhauses in Berlin.
Dieses Instagram-Video wurde in Sozialen Netzwerken mit der Behauptung verbreitet, es zeige, wie mit gestellten Aufnahmen Panik vor Corona geschürt werden soll. Das ist falsch, es handelte sich lediglich um eine medizinische Übung eines Krankenhauses in Berlin. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine junge Frau liegt in einem Krankenhausbett und filmt sich selbst. Das ist in einem Instagram-Video zu sehen, das zahlreiche Nutzer in Sozialen Netzwerken verbreiteten. Das Video soll angeblich beweisen, dass Aufnahmen für ARD oder ZDF inszeniert worden seien, um Panik vor Corona zu schüren. Das ist falsch. Die Frau nahm an einer Übung teil, bei der keine Presse anwesend war.

Menschen in grünen Kitteln mit Masken und eine junge Frau, die in einem Krankenhausbett liegt und in die Kamera spricht: Wir liegen hier und simulieren, wie man gut sehen kann, weil das das neue Corona-Zentrum ist und jetzt ein Testdurchlauf vorgenommen wird und wir haben bestimmte Aufgaben bekommen. Die Frau hält einen Zettel vor die Linse: Das ist meine. Informieren Sie einen Mitarbeiter darüber, dass Sie schlecht Luft bekommen. Um genau 13.35 Uhr

Es ist ein Video aus einer Instagram-Story einer jungen Frau, das sich seit Mitte September viral auf Facebook verbreitet. Zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer haben das Video veröffentlicht und behauptet, dass dort zu sehen sei, wie Aufnahmen für deutsche TV-Sender wie ARD, ZDF oder RTL entstünden. Das Video zeige angeblich, dass die Corona-Pandemie nur Schauspielerei und Showund Hollywood sei und eine Inszenierung, die für Panik sorgen solle. 

Unsere Recherchen zeigen, dass diese Vorwürfe falsch sind. Die junge Frau war Teilnehmerin einer Übung in einem Corona-Behandlungszentrum in Berlin und erklärt dies auch selbst. Laut dem Krankenhaus war dabei keine Presse anwesend.

Das Ursprungs-Video findet sich in den Highlights eines Instagram-Profils

Ein Großteil der Facebook-Beiträge wurde am 11. September veröffentlicht. Bei der Suche nach dem betreffenden Instagram-Kanal der jungen Frau stoßen wir auf ein öffentliches Profil von Melisa. In ihrem Feed finden sich unterhaltende Beiträge aus ihrem Alltag, politische Meinung ist dort nicht zu finden. Die Instagram-Story, aus der das verbreitete Video stammt, hat sie in ihren Highlights unter dem Titel Coronagespeichert. 

Am 14. September veröffentlichte die Instagram-Nutzerin ein Video, in dem sie erklärt, was es mit ihrer Corona-Instagram-Story auf sich hatte. (Quelle: Instagram / Screenshot: CORRECTIV)
Am 14. September veröffentlichte die Instagram-Nutzerin ein Video, in dem sie erklärt, was es mit ihrer Corona-Instagram-Story auf sich hatte. (Quelle: Instagram / Screenshot: CORRECTIV)

Die junge Frau hat bereits auf die Behauptungen über ihr Video reagiert. Am 14. September hat sie ein weiteres Video in ihrem Feed veröffentlicht, mit dem Titel STATEMENT. In dem mehr als fünfminütigen Video stellt sie klar, was sich hinter ihrer ersten Corona-Instagram-Story verbirgt. 

Instagram-Nutzerin stellt klar, dass es sich um eine Übung in einem Corona-Zentrum handelte

Sie sagt: „Meine Community kennt mich, meine Community weiß, dass meine Instagram-Seite ausschließlich Unterhaltungszwecken dient und deswegen glaube ich, dass ich ein paar Sachen klarstellen muss.

Sie erklärt, dass das Krankenhaus, in dem sie gefilmt habe, nicht in Benutzung sei, weil dafür aktuell kein Bedarf bestehe. Allerdings muss das Krankenhauspersonal ja trotzdem geschult werden, um einen sicheren Ablauf zu gewährleisten. 

 

Dann zeigt sie eine E-Mail, die eine ihrer Freundinnen von der Universität, an der sie studiere, erhalten habe. Darin ist zu lesen, dass Teilnehmer gesucht werden, um im Rahmen der Covid-19-Pandemie den Ernstfall zu üben. Dafür wird ein Großschadensereignis mit einer hohen Anzahl an Patienten inszeniert, ist dort weiter zu lesen. Mehrfach ist erwähnt, dass es sich um eine Übung handle. Die Teilnehmer erhielten 50 Euro Aufwandsentschädigung.

Die Instagram-Nutzerin zeigt die E-Mail, mit der Teilnehmer für die Übung gesucht wurden. (Quelle: Instagram / Screenshot: CORRECTIV)
Die Instagram-Nutzerin zeigt die E-Mail, mit der Teilnehmer für die Übung gesucht wurden. (Quelle: Instagram / Screenshot: CORRECTIV)

Die Frau erklärt dann weiter, dass das Ganze von einem Kamerateam des Krankenhauses gefilmt und dokumentiert worden sei, um Fehler im Ablauf zu finden. Es war nicht vom ZDF oder irgendwelchen Fernsehsendern (ab Minute 1:30 im Video). Es sei auch nicht gefilmt worden, um irgendwelchen Propaganda-Zwecken zu dienen. Ihre Story habe sich rasant über Twitter, Facebook, Tiktok, Instagram und Whatsapp verbreitet, sagt sie, ihr Konto sei daraufhin deaktiviert worden (ab Minute 2:30 im Video). 

Die Frau sagt, das Video sei verkürzt und instrumentalisiert worden, wovon sie sich distanzieren will

Mein Video […] wurde um eine Minute verkürzt, bearbeitet und instrumentalisiert, um die Weltanschauung und Interessen einer bestimmten Zielgruppe zu verbreiten. Und davon möchte ich mich klar distanzieren und klarstellen, dass ich weder diese Meinung noch diese Auffassung vertrete. Die Aufnahmen seien komplett zweck- und sinnentfremdet und irreführend verbreitet worden. 

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Im Video selbst sagt die Instagram-Nutzerin zwar nicht, um welches Krankenhaus es sich konkret handelte, aber aufgrund der Beschriftung der Bettwäsche haben wir bei Vivantes, einem lokalen Krankenhausbetreiber in Berlin, nachgefragt. Eine Sprecherin bestätigte uns die Aussagen der jungen Frau.

Aufnahmen stammen von einer Übung in einem Corona-Behandlungszentrum in Berlin Anfang September

Eine Sprecherin erläuterte uns am Telefon, dass die Aufnahmen im Video von einer Übung im Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße (CBZJ) stammten. Es werde bisher nicht für die Patientenversorgung benötigt. Am 10. September sei dort zwischen 13 und 15 Uhr eine Übung durchgeführt worden. Dies diente als Vorbereitung für den Fall, dass steigende Infektionszahlen eine Belegung der Reserveeinrichtung notwendig machen würden, wie auch in einer Pressemitteilung auf der Webseite von Vivantes vom 11. September zu lesen ist. 

Solche Übungen seien üblich, erklärt die Sprecherin. Damit man das realistisch üben kann, werden Patientendarsteller rekrutiert, die bestimmte Krankheitsbilder darstellen sollen. Im Normalfall werde in Krankenhäusern auf diese Weise ein Ausnahmezustand geübt. Bei dem CBZJ handele es sich um eine Reserveklinik, die erst dann zum Einsatz käme, wenn alle anderen Kapazitäten in Krankenhäusern für die Behandlung von Corona-Patienten ausgeschöpft wären. 

Vivantes-Sprecherin: Die Übung wurde für interne Zwecke dokumentiert, es war keine externe Presse anwesend

An der Übung hätten rund 50 Mitarbeitende aus dem Vivantes-Kernteam sowie externe Freiwillige teilgenommen. Diese seien bereits am CBZJ geschult worden und hätten dabei geholfen, die Abläufe zu optimieren. Zudem hätten sich rund 70 Statistinnen und Statisten in der Rolle als Patienten beteiligt. 

Durchgespielt wurde die Aufnahme, Versorgung, Verlegung und Entlassung der fiktiven Corona-Patient*innen. Durch die verschiedenen Szenarien gaben die Patient*innen den Mitarbeitenden Aufgaben vor, die erfüllt werden mussten: so beispielsweise die Situation einer Luftnot, eine notwendige Reanimation, oder individuelle Wünsche wie die Unterstützung beim Toilettengang oder die Frage nach einem Getränk, steht in der Pressemitteilung

Die Patientendarsteller würden beispielsweise über Anfragen an Universitäten oder bestimmte Organisationen wie den Arbeiter-Samariter-Bund gefunden, sagte uns die Sprecherin von Vivantes. Das Ganze sei für interne Zwecke von einem Kamerateam begleitet worden. Es war keine externe Presse dabei. 

Unsere Bewertung:
Falsch. In einem Corona-Behandlungszentrum wurden keine Szenen für Medien gestellt, um Panik vor Corona zu schüren. Das Video ist kein Beleg, dass die Pandemie „inszeniert“ ist.

Markus Söder
Über den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder werden immer wieder Falschbehauptungen in den Sozialen Netzwerken verbreitet. (Quelle: Josef A. Preiselbauer / Pixabay)

von Sarah Thust

Auf Facebook wird erneut ein Gerücht über Markus Söder verbreitet. Er habe ein Mädchen mit dem angeblich drohenden Tod ihrer Eltern unter Druck gesetzt, damit es die Abstandsregeln befolgt. Doch das vermeintliche Zitat hat Söder nicht wörtlich so gesagt.

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird behauptet, dass der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein zehnjähriges Mädchen „verängstigt“ habe. Er habe zu ihr gesagt: „Wenn du keinen Abstand hältst zu deinen Schulfreundinnen, musst du mit dem Tod deiner Eltern rechnen“, heißt es in zwei Beiträgen

Die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bayerischen Landtag, Katrin Ebner-Steiner, unterstellte Söder zudem, „sinngemäß“ Folgendes gesagt zu haben: „Hältst Du Dich nicht an meine Regeln solange ich es sage, können deine Eltern oder Großeltern sterben.“

Alle Facebook-Beiträge zusammen wurden mehr als 4.000 Mal geteilt. Die erste Veröffentlichung stammt vom 4. September. Die angeblichen Zitate hat Söder jedoch so nicht geäußert.

Fraktionsvorsitzende der AfD hat auf Facebook ein falsches Zitat von Markus Söder verbreitet.
Die Fraktionsvorsitzende der AfD hat auf Facebook ein falsches Zitat von Markus Söder verbreitet. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Die zehnjährige Matilda fragte Söder, ob man je wieder in der Schule neben jemandem sitzen könne

Wir haben uns die Audiodatei angehört, in der die Zitate Söders angeblich zu hören ist. Sie ist als Kopie sogar in zwei der Facebook-Beiträge eingebunden. Darin ist nicht zu hören, wie Söder sagt „Hältst Du Dich nicht an meine Regeln, solange ich es sage, können deine Eltern oder Großeltern sterben“ oder „Wenn du keinen Abstand hältst zu deinen Schulfreundinnen, musst du mit dem Tod deiner Eltern rechnen“.

In dem Beitrag stellt sich ein zehn Jahre altes Mädchen namens Matilda vor. Sie fragte den Ministerpräsidenten, ob man je wieder in der Schule neben einem Banknachbarn oder einer Banknachbarin sitzen könne.

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Söder antwortete:

„Irgendwann schon. Und zwar dann, wenn Corona besiegt ist. Allerdings wird es noch etwas dauern. Das wird deswegen so lange brauchen, weil, solange wir keinen Impfstoff haben oder keine Medikamente, solange müssen wir aufpassen. Es kommt jetzt erstmal drauf an, dass der Schulbetrieb wieder losgeht. Das müssen wir sehr vorsichtig machen. Gibt auch viele Lehrer, die zur Risikogruppe gehören, Ältere beispielsweise oder mit einer Vorerkrankung, auch die wollen wir schützen. Und wir wollen auch die Großeltern und die Älteren schützen. 

Wenn wir einfach nur nebeneinander sitzen und die Regeln nicht beachten, dann stecken wir uns vielleicht untereinander an, und Kinder und junge Jugendliche haben selber weniger Symptome, aber das kann schon am Ende den Tod bedeuten im schlimmsten Fall für Eltern oder Großeltern oder auch Urgroßeltern. 

Deswegen würde ich sagen: Abstand halten ist okay, aber mal unter uns: Das Abstandhalten schadet ja auch nicht. Erstens kann man nicht abschreiben, wenn man in der Schule ist, darüber freuen sich die Lehrer, und zum anderen ist man überhaupt nicht abgelenkt vom Banknachbarn oder der Banknachbarin.“

Das angebliche Zitat ist also gar kein Zitat. Es ist eine Zuspitzung von Söders Aussagen gegenüber dem Kind, bei der der Kontext nicht berücksichtigt wird. In Söders gesamter Aussage wird deutlich, dass er der Zehnjährigen ausführlich erklärt hat, weshalb es Abstandsregeln gibt.

Söder-Aufnahme stammt aus einer Radiosendung von Mai 2020

Woher der Mitschnitt stammt, wurde in keinem der Beiträge auf Facebook angegeben. Die AfD-Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner behauptete in ihrem Beitrag, die komplette Radiosendung sei inzwischen „erstaunlicherweise gelöscht“ worden. 

Doch die Radiosendung wurde nicht gelöscht: Eine Google-Suche nach „Matilda Söder Radio“ führte uns zu dem originalen Mitschnitt von Hitradio RT1 auf der Webseite des Senders. Er entstand Anfang Mai 2020 bei der Sendung „Kinder fragen – Söder antwortet“.

Der Mitschnitt ist nicht wie behauptet von der Internetseite des Radiosenders verschwunden.
Der Mitschnitt ist nicht wie behauptet von der Internetseite des Radiosenders verschwunden. (Quelle: Hitradio RT1 / Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das angebliche Zitat hat Markus Söder nicht wörtlich so gesagt. Es handelt sich um eine Zuspitzung seiner Aussagen, die den Kontext nicht berücksichtigt.

Astrazeneca, Astra Zeneca, COVID-19, science-led biopharmaceutical business
Der Impfstoffhersteller AstraZeneca hat die Studie lediglich pausiert und fährt nach einer Untersuchung mit seinen Tests für den Covid-19-Impfstoff fort. (Symbolfoto: Picture Alliance/PRO SHOTS)

von Kathrin Wesolowski

Ein Proband einer Studie für einen potenziellen Impfstoff gegen Covid-19 habe schwere gesundheitliche Beschwerden erlitten, wird im Netz behauptet. Deswegen müsse der Hersteller AstraZeneca den Impfstoff zurückziehen. Das stimmt so nicht.

Auf Facebook kursiert die Behauptung, der britisch-schwedische Covid-19-Impfstoffhersteller AstraZeneca müsse „einen Impfstoff zurückziehen“, da ein Proband einer Studie dadurch eine Transverse Myelitis, also eine Entzündung des Rückenmarks, erlitten habe. Der Proband sei damit das „erste Opfer der Menschenversuche“, schreibt der Facebook-Nutzer. Die New York Times und die Bild-Zeitung hätten darüber berichtet. 

Der Facebook-Beitrag wurde am 9. September veröffentlicht und mehr als 1.500 Mal geteilt. CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft: Es stimmt nicht, dass AstraZeneca den Impfstoff zurückziehen muss. Ob die gesundheitlichen Beschwerden mit dem Impfstoff zusammenhängen, ist unbelegt.

Informationen aus dem Artikel der New York Times wurden ohne Kontext wiedergegeben

Als eine der Quellen der Behauptung im Facebook-Beitrag wird die New York Times genannt. „Die New York Times berichtet unter Berufung auf eine informierte Person, dass es sich bei dem gesundheitlichen Problem um Transverse Myelitis handele.“ Der Verfasser des Facebook-Beitrags bezieht sich vermutlich auf einen Artikel vom 8. September

Hier fehlt allerdings der Kontext: In dem Artikel der New York Times steht nämlich, dass AstraZeneca die Impfstoff-Tests „wegen eines schwerwiegenden Verdachts auf Nebenwirkungen bei einem Teilnehmer“ pausiere. „Es ist noch nicht bekannt, ob die Reaktion direkt durch den Impfstoff des Unternehmens verursacht wurde oder zufällig war“, schrieben die Autorinnen weiter.  

Tatsächlich wird in dem Artikel eine Insider-Person erwähnt. Diese soll gesagt haben, dass der freiwillige Proband aus dem Vereinigten Königreich komme und sich bei ihm eine Transverse Myelitis entwickelt hätte. 

Im Facebook-Beitrag wird auch behauptet, dass die Bild-Zeitung über den Vorfall berichtet habe. Das bezieht sich vermutlich auf einen Artikel vom 9. September. Die Überschrift „Nebenwirkungen bei einem der Teilnehmer: AstraZeneca muss Studie für Oxford-Impfstoff stoppen“ ist missverständlich. Im Text der Bild wird jedoch erklärt, dass der Hersteller noch überprüfe, ob die gesundheitlichen Beschwerden mit dem Impfstoff in Zusammenhang stehen.

AstraZeneca: Die Testpause ist eine Routinemaßnahme und freiwillig

In einer Pressemitteilung vom 9. September bestätigte AstraZeneca, dass bei einem Probanden im Vereinigten Königreich eine Krankheit aufgetreten sei. „In großen klinischen Studien treten Krankheiten zufällig auf und müssen unabhängig überprüft werden“, heißt es in der Mitteilung weiter. „Dies ist eine Routinemaßnahme, die immer dann durchgeführt werden muss, wenn in einer der Studien eine möglicherweise ungeklärte Krankheit vorliegt.“ Die Pause sei freiwillig erfolgt.

Inzwischen gibt es weitere Informationen zu dem Fall, die am 9. September, als der Facebook-Beitrag veröffentlicht wurde, noch nicht zur Verfügung standen. 

Am 12. September teilte AstraZeneca auf seiner Webseite mit, dass die Tests im Vereinigten Königreich wieder aufgenommen würden. Ein britisches Komitee habe seine Untersuchungen abgeschlossen und sei zu dem Ergebnis gekommen, das es sicher sei, mit den Tests fortzufahren. AstraZeneca sowie die Oxford Universitä, die Partnerin und Sponsorin des Unternehmens in Bezug auf die Covid-19-Impfung, könnten keine weiteren medizinischen Auskünfte geben. 

Am 14. beziehungsweise 17. September wurden die klinischen Studien auch in Brasilien und Südafrika wieder aufgenommen

Es ist unbelegt, ob der Impfstoff zu den gesundheitlichen Beschwerden führte

Die Oxford Universität und AstraZeneca reagierten nicht auf unsere Presseanfragen per E-Mail. Ob es sich bei der Transversen Myelitis um eine Nebenwirkung des Impfstoffs handelt, ist unklar. 

Medien berichteten zu dem Vorfall unterschiedlich. Die Tagesschau berichtete am 12. September, dass es sich bei dem Probanden um einen zuvor nicht diagnostizierten Fall von Multipler Sklerose, einer chronischen Erkrankung des zentralen Nervensystems, gehandelt habe. Eine akute Transverse Myelitis ist häufig auf auf Multiple Sklerose zurückzuführen. Die Krankheit habe nicht mit dem Impfstoff in Zusammenhang gestanden. Als Quelle beruft sich die Tagesschau auf die Oxford Universität.

Es handelt sich dabei jedoch mutmaßlich um eine Verwechslung mit einem früheren Fall. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 9. September, dass der Fall der Multiplen Sklerose bereits im Juli bei einem anderen Probanden aufgetreten sei. Auch damals sei die Impfstoff-Studie von AstraZeneca kurzzeitig pausiert worden. Einen Zusammenhang mit dem Impfstoff gebe es dabei aber nicht. 

Das berichteten unter anderem auch die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung. Die SZ schreibt, bei der ersten Person im Juli habe es sich um einen Mann gehandelt. Die zweite Person im September sei eine Frau.

In einer am 11. September veröffentlichten Patienteninformation auf der Impfstoff-Webseite der Oxford Universität (PDF Seite 12) heißt es ebenfalls, es habe Fälle gegeben, in denen die Probanden „unerklärliche neurologische Symptome“ gezeigt hätten. Eine Verbindung zu der Impfung sei aber unwahrscheinlich oder unbelegt.

Der Impfstoff ist ein Vektor-Impfstoff wie beispielsweise Impfstoffe gegen Ebola

AstraZeneca und die Oxford Universität befinden sich mit ihrer Forschung zu einem Impfstoff gegen Covid-19 derzeit in Testphase drei, also der abschließenden klinischen Testphase. In dieser wird der Impfstoff an zahlreichen Probanden getestet, um mögliche Nebenwirkungen zu erkennen oder ausschließen zu können. 

Bei dem Impfstoff handelt es sich um einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Bei solchen Impfstoffen wird laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) genetisches Material von SARS-CoV-2 in ein harmloses Trägervirus eingebaut (PDF, Seite 2). Es wird dem Menschen gespritzt und gelangt so in die Zellen. Die Zellen produzieren dann für das Coronavirus typische Proteine – und der Körper bildet dagegen Abwehrstoffe. Wenn der Mensch später in Kontakt mit dem SARS-CoV-2-Erreger kommt, ist er bereits geschützt. Vektor-Impfstoffe gibt es laut PEI bereits gegen Ebola oder das Dengue-Fieber. Im Falle von AstraZeneca nutzt der Impfstoff eine abgeschwächte Version eines Erkältungsvirus, das bei Schimpansen Infektionen verursacht, als Träger. 

Fazit: Es stimmt nicht, dass der Impfstoffhersteller AstraZeneca seinen Covid-19-Impfstoff zurückziehen musste. Das Unternehmen hat die Studie kurzzeitig pausiert, setzt seine Tests nun aber in der dritten Studienphase fort. Es gibt bisher keine Belege, dass der Impfstoff bei einem Probanden in Großbritannien eine Transverse Myelitis ausgelöst hat. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Hersteller AstraZeneca muss seinen Impfstoff nicht zurückziehen. Ob die Erkrankung eines Probanden an einer Transversen Myelitis in Zusammenhang mit der Impfung steht, ist unbelegt.

Polizist sagt Corona-Demo in Berlin ab
Dieser Polizist hat auf der Corona-Demo am 1. August eine Durchsage gemacht. Im Internet kursieren Gerüchte, dass er sich lieber den Demonstranten angeschlossen hätte. Das sind unbelegte Spekulationen, gekündigt hat er seinen Job bei der Polizei nicht. (Quelle: „Motherdrum“ auf Youtube / Screenshot)

von Sarah Thust

In einer Whatsapp-Nachricht heißt es, ein Polizist sei nach seinem Einsatz beim Corona-Protest am 1. August in Berlin abgemahnt worden und habe im Anschluss gekündigt. Unseren Recherchen zufolge gibt es dafür keine Belege. Der Mann ist laut Polizei weiterhin als Einsatzbeamter in Berlin tätig.

Am 1. August protestierten in Berlin tausende Menschen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland. In einer Whatsapp-Nachricht wurde anschließend behauptet, ein Polizist sei nach seinem Einsatz bei der Demonstration abgemahnt worden und habe im Anschluss seinen Job gekündigt, weil er mit dem Vorgehen der Polizei nicht einverstanden gewesen sei. Ein Screenshot dieser Nachricht wurde am 1. September in einem Facebook-Beitrag veröffentlicht, der mehr als 700 Mal geteilt wurde. Der Beitrag ist inzwischen gelöscht.

Unsere Recherchen ergaben: Das Foto ist echt, doch die Behauptungen im Text der Whatsapp-Nachricht sind unbelegt und in großen Teilen unplausibel. Der Polizist wird laut Polizei Berlin weiterhin als Einsatzbeamter eingesetzt.

Dieser Facebook-Beitrag zeigt eine Nachricht auf Whatsapp. Die Behauptungen darin sind größtenteils falsch.
Dieser Facebook-Beitrag zeigt eine Nachricht auf Whatsapp. Die Behauptungen darin sind größtenteils falsch. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Es wird behauptet: „Nun hat er die Schnauze voll gehabt und hat gekündigt“ 

In der Whatsapp-Nachricht heißt es über den Polizisten: „Nachdem er bei der Demo am 1.8. lange gezögert hat, weil es ihm weh tat, der Masse zu erklären, das [sic] die Demo für beendet erklärt wird, hat er für die Verzögerung eine Abmahnung bekommen, mit dem Hinweis, bei Wiederholung Strafversetzung in den Innendienst! Bei der Demo am 29.8. hat er vor der russischen Botschaft den Befehl gegeben: Helme ab! Dafür wurde er 4 Wochen vom Dienst suspendiert und ein Stern abgezogen! Nun hat er die Schnauze voll gehabt und hat gekündigt!“

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Hintergrund: Die Polizei hat die Corona-Demonstration am 1. August laut einer Pressemitteilung am frühen Nachmittag aufgelöst. Dies begründete die Berliner Polizei damit, dass sich die Teilnehmenden nicht an „das geltende Hygienekonzept und die Auflage zum Tragen des Mund-Nase-Schutzes“ gehalten hätten. 

Polizist machte Durchsage bei der Demonstration

Der Polizist, der auf dem Foto zu sehen ist, hat tatsächlich eine Durchsage auf der Corona-Demonstration am 1. August gemacht. Um die Privatsphäre des Mannes zu schützen, haben wir sein Gesicht und seine persönlichen Daten in allen hier veröffentlichten Bildern unkenntlich gemacht.

Über eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google sind wir auf ein Video gestoßen, das am 1. August von einem Nutzer auf Youtube veröffentlicht wurde. Darin ist derselbe Polizist wie auf dem Foto in der Whatsapp-Nachricht zu sehen. Er will eine Durchsage auf der Bühne machen, die an jenem Tag auf der Straße des 17. Juni aufgebaut war, wie auf Pressefotos zu sehen ist. Vor der Bühne sind tausende Demonstranten und die Berliner Siegessäule zu erkennen. 

Diese Bühne war am 1. August auf der Straße des 17. Juni aufgebaut – mit Blick auf die Siegessäule.
Diese Bühne war am 1. August auf der Straße des 17. Juni aufgebaut – mit Blick auf die Siegessäule. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Das Youtube-Video trägt den Titel: „Stephan Bergmann versucht Polizisten zum Helden zu machen“. Stephan Bergmann ist Pressesprecher von „Querdenken 711“, eine Initiative, die sich gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie richtet.

Video zeigt: Die Durchsage des Polizisten war wegen „Buh“-Rufen und Pfiffen kaum zu verstehen

Das Video zeigt, wie der Polizist ein Mikrofon in der Hand hält und eine Durchsage der Polizei ankündigt (ab Minute 0:15). Dann sind lautes Pfeifen und „Buh“-Rufe aus der Menge zu hören. Neben ihm steht ein Mann, der dem Polizisten sagt, er solle, „das Richtige zu tun“. Dabei könnte es sich um Stephan Bergmann handeln, der im Titel des Videos genannt wird. Sicher ist das aber nicht, da er nicht zu sehen ist. 

Der Polizist reagiert nicht auf den Mann, der ihn anspricht. Stattdessen schaut er auf den Boden oder zur Seite und wartet ab. Mehr als eine Minute lang sagt der Polizist nichts, erst bei Minute 1:35 hält er wieder das Mikrofon an den Mund. Dann sagt er: „Es folgt eine Durchsage der Berliner Polizei. […] Die Versammlung ist hiermit aufgelöst.“ Zwischendurch ist der Polizist kaum noch zu verstehen. Die Rufe aus der Menschenmenge übertönen ihn. Zudem redet der Mann neben ihm weiter auf ihn ein. 

Nachdem die Durchsage beendet ist, diskutieren mehrere Personen mit dem Polizisten. Der Mann, bei dem es sich um Bergmann handeln könnte, sagt ab Minute 3:50: „Das ist deine Chance, du wirst reich. Wir sorgen für dich.“ Der Polizist sagt nur: „Ich bin der falsche Ansprechpartner, das ist vergebene Liebesmüh.“

Drei Männer reden gleichzeitig auf den Polizisten ein.
Drei Männer reden gleichzeitig auf den Polizisten ein. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Polizeisprecher über das Zögern bei der Durchsage: „Der wird einfach noch kurz gewartet haben, dass sich die Stimmung wieder ein wenig legt“

In der Whatsapp-Nachricht wurde behauptet, dass es dem Polizisten „weh tat, der Masse zu erklären, das [sic] die Demo für beendet erklärt wird“. Das wirkt in dem Video, das uns vorliegt, nicht so. Es ist zu hören, wie der Mann sachlich erklärt, warum die Versammlung beendet werden muss. 

In dem Video ist auf der Jacke des Polizisten auch sein Name zu erkennen. Bei der Suche nach diesem Namen im Internet stießen wir auf ein weiteres Youtube-Video mit dem Sprecher der Berliner Polizei, Thilo Cablitz. Darin fragte der politische Aktivist Martin Lejeune, warum der Polizist auf der Bühne mit der Durchsage so lange gewartet habe. Sprecher Cablitz antwortete: „Ich kenne den Kollegen persönlich, der wird einfach noch kurz gewartet haben, dass sich die Stimmung wieder ein wenig legt, damit er weiter sprechen kann und auch hörbar ist“ (ab 00:42). 

Lejeune fragte erneut nach: „Also der Kollege hat jetzt nicht überlegt, ich schmeiße das jetzt alles hin und schließe mich den Demonstranten an und ruft die Revolution aus?“ Cablitz antwortete: „Nein, nicht mal ansatzweise.“

Der Polizist ist weiterhin für die Polizei Berlin im Einsatz

Es wird behauptet, dass der Polizist für die Verzögerung bei der Durchsage eine Abmahnung bekommen habe. Das ist nicht plausibel. Der Pressesprecher der Berliner Polizei betonte in dem Interview mit Lejeune, dass sich der Polizist richtig verhalten habe: „Der war einfach ruhig und hat wieder die Möglichkeit abgewartet, dass man ihn auch hören kann.“ Das deutet nicht darauf hin, dass der Mann abgemahnt wurde.

Wir haben zudem bei der Pressestelle der Berliner Polizei nachgefragt, ob der Polizist abgemahnt, versetzt oder suspendiert wurde, beziehungsweise gekündigt hat. Ein Sprecher antwortete uns per E-Mail: „Der angefragte Kollege wird weiterhin als Einsatzbeamter der Polizei Berlin eingesetzt. Ich bitte um Ihr Verständnis, dass weitere Auskünfte zu einzelnen Mitarbeitenden der Polizei aus Persönlichkeits- und Datenschutzgründen nicht erteilt werden.“

Unsere Bewertung:
Unbelegt: Es gibt keine Belege, dass der Polizist eine Abmahnung bekam oder kündigte. Er wird weiterhin als Einsatzbeamter der Polizei Berlin eingesetzt.

Dieses Foto eines demolierten Feuerwehrautos stammt nicht aktuell aus Moria.
Dieses Foto eines demolierten Feuerwehrautos stammt nicht aktuell aus Moria. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Geflüchtete aus dem Lager Moria auf Lesbos hätten in Zusammenhang mit dem Brand Anfang September ein Feuerwehrauto demoliert – das suggeriert ein Foto auf Facebook. Dieses stammt zwar aus Moria, aber aus dem Jahr 2019.

Ein Feuerwehrwagen, eine eingeworfene Frontscheibe und ein griechisches Kennzeichen ­ dieses Foto kursiert aktuell in den Sozialen Netzwerken. Es wird behauptet, Geflüchtete aus dem Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos hätten die Scheibe des Fahrzeugs beschädigt. Das ist falsch: Das Foto verbreitet sich bereits seit 2019. Ein Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen in Moria ist folglich ausgeschlossen. 

In einem Facebook-Beitrag, der am 12. September veröffentlicht und bereits mehr als 1.000 Mal geteilt wurde, heißt es zu dem Foto: „Feuerwehrfahrzeug nach Rettungsversuch in Moria. Und solche Flüchtlinge sollen wir hier aufnehmen?“

In der Nacht auf den 9. September waren mehrere Brände in dem griechischen Flüchtlingslager ausgebrochen. Medienberichten zufolge beschuldigt die griechische Regierung dort lebende Geflüchtete, die Brände gelegt zu haben. Am 16. September wurden sechs mutmaßliche Brandstifter festgenommen.

 

Im Zuge der Gerüchte um die Ursache der Brände verbreiteten sich in Sozialen Netzwerken Fotos und Videos, die fälschlicherweise den aktuellen Geschehnissen zugeordnet wurden. Wir haben dazu mehrere Faktenchecks veröffentlicht. 

Das Foto des Feuerwehrfahrzeugs entstand mutmaßlich 2019 im Lager Moria

Auch das Foto des demolierten Feuerwehrautos lässt sich, anders als im Facebook-Beitrag suggeriert, nicht der derzeitigen Lage in Moria zuordnen.

Auf Facebook wird behauptet, dieses Foto eines Feuerwehrautos stehe im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen rund um die Brände im Camp in Moria. Das Foto kursiert aber bereits seit 2019. (Quelle: Facebook / Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Auf Facebook wird behauptet, dieses Foto eines Feuerwehrautos stehe im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen rund um die Brände im Camp in Moria. Das Foto kursiert aber bereits seit 2019. (Quelle: Facebook / Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Das Kennzeichen passt der Bilddatenbank Alamy zufolge (zum Beispiel hier und hier) zu denen griechischer Feuerwehrfahrzeuge. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google ergibt, dass sich das Foto mindestens seit Ende September 2019 in Sozialen Netzwerken und auf Webseiten verbreitet. 

Einige griechische Webseiten berichteten damals unter Verwendung des Fotos des demolierten Wagens davon, dass im Lager Moria Geflüchtete ein Feuerwehrauto attackiert hätten. Ende September 2019 war Medienberichten zufolge ebenfalls ein Brand dort ausgebrochen.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Foto stammt zwar aus Moria, ist aber nicht aktuell, sondern von 2019.

Oliver Kahn habe Fußballer „Muschis” genannt, die „gleich“ anfangen würden „zu heulen”, dafür gibt es aber keine Belege.
Oliver Kahn habe Fußballer „Muschis” genannt, die „gleich“ anfangen würden „zu heulen”, dafür gibt es aber keine Belege.(Symbolbild: picture alliance / augenklick/firo Sportphoto)

von Uschi Jonas

Manchmal frage er sich, ob Fußballer „noch Männer oder Muschis“ sind – das habe Ex-Profi-Fußballer Oliver Kahn gesagt, wird auf Facebook behauptet. Für das angebliche Zitat gibt es jedoch keine Belege.

Ein beleidigendes und sexistisches Zitat, das angeblich von Oliver Kahn stammt, verbreitet sich seit Anfang September auf Facebook. Doch dafür, dass der Ex-Profi-Fußballer das jemals so gesagt hat, gibt es keine Belege.

Das Zitat wurde am 1. September in der Facebook-Gruppe AC Milan Deutschland veröffentlicht. Der Beitrag wurde bislang fast 3.200 Mal geteilt. Demnach habe der Ex-Fußballtorwart Fußballer folgendermaßen beschimpft und sich sexistisch geäußert:

„Der heutige Fußball kommt mir wie Ballett vor. Sobald man die Gegenspieler etwas zu hart angeht, fangen sie gleich an zu heulen. Nach 3 aufeinanderfolgenden Spielen beschweren sie sich über ihr Leben, aber wenn sie interviewt werden, sind sie die besten Schauspieler der Welt. Deswegen gefallen mir Typen wie Thomas Müller und Zlatan Ibrahimović. Typen, die kämpfen und sich auf dem Feld schon fast prügeln. Es gibt Leute, die ihnen übel nachreden, aber vor laufender Kamera sagen sie das, was sie denken und nicht das, was die Masse hören will. Manchmal frage ich mich, ob Fußballer noch Männer oder Muschis sind.“

Angebliches Zitat von Oliver Kahn verbreitete sich bereits 2017

Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn, wie hier auf Facebook behauptet, Fußballer mit diesem Zitat beschimpft hat. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)
Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn, wie hier auf Facebook behauptet, Fußballer mit diesem Zitat beschimpft hat. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Eine Google-Suche ergibt, dass das angebliche Zitat bereits im Oktober 2017 und im August 2018 auf Facebook verbreitet wurde. Ansonsten finden sich online keine Hinweise dafür, dass Kahn sich irgendwann einmal so geäußert hätte. Auch die Pressedatenbank Genios liefert keine Suchergebnisse. 

 

CORRECTIV hat sich mehrfach per E-Mail und via Instagram an das Management von Oliver Kahn gewandt und nachgefragt, allerdings bis zur Veröffentlichung des Artikels keine Rückmeldung erhalten. Auch telefonisch konnten wir das Management nicht erreichen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn das Zitat gesagt hat.

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Eine Liste der Weltbank zu Covid-19-Testkits beweist nicht, dass es Covid-19 bereits 2017 gab. (Symbolbild: Unsplash/ Mufid Majnun)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook kursiert die Behauptung, dass bereits 2017 Covid-19-Testkits im Umlauf gewesen seien und es das Virus folglich schon damals gegeben habe. Die Corona-Pandemie sei demnach geplant worden. Ein Verweis auf eine weltweite Handelsdatenbank soll das beweisen. Die Produktinformationen darin führten in die Irre – und wurden mittlerweile korrigiert.

SARS-CoV-2 habe es schon 2017 gegeben, behauptet der Blog Freie Medien auf Facebook. Ein Screenshot aus einer Datenbank der Handelsdatenbank WITS (World Integrated Trade Solution) beweise, dass Länder bereits damals Covid-19-Testkits exportiert hätten. Der Facebook-Beitrag wurde am 6. September veröffentlicht und bisher mehr als 1.400 Mal geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Die Produktinformationen der WITS-Datenbank beweisen nicht, dass SARS-CoV-2 schon 2017 existierte und die Pandemie vorbereitet wurde.  

Der Blog Freie Medien behauptet, eine öffentliche Datenbank auf der Webseite der Weltbank beweise, dass SARS-CoV-2 schon vor drei Jahren existiert habe und die Pandemie geplant worden sei. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Überschrift und Beschreibung der WITS-Datenbank waren irreführend

Die World Integrated Trade Solution (WITS) ist eine von der Weltbank bereitgestellte Handelssoftware, mit der Benutzer mehrere internationale Handelsdatenbanken abfragen können. Auf dem Screenshot im Facebook-Beitrag ist eine Tabelle zu sehen, die nach Ländern sortiert zeigt, wie viele Kilogramm „Covid-19 Test kits“ mit dem Produktcode 300215 im Jahr 2017 exportiert wurden und wie hoch der jeweilige Handelswert war. Die Schweiz lag der Datenbank zufolge auf dem ersten Platz, gefolgt von Deutschland.

 

Die Beschreibung der Tabelle führte jedoch in die Irre. Sie wurde zwischen dem 6. September um 17:10 Uhr und dem 7. September um 01:33 Uhr aktualisiert, hier findet sich eine archivierte Fassung davon. Die ursprüngliche Überschrift lautete „COVID-19 Test kits (300215) exports by country in 2017“. Auch in der Tabelle wurden „Covid-19 tests kits“ gelistet, die im Jahr 2017 exportiert worden seien. 

Die aktualisierte Fassung der Datenbank löst das Missverständnis jedoch auf: Dort lautet die Überschrift nun „Medical Test kits (300215) exports by country in 2017“. 

In der Beschreibung der Tabelle ist jetzt zu lesen, dass die Tabelle Daten über medizinische Geräte liste, die bereits vor der Pandemie vorhanden waren und „die jetzt von der Weltzollorganisation als entscheidend für die Bekämpfung von Covid-19 eingestuft werden“. 

Testkits zur Erkennung von Covid-19 existierten bereits vor der Pandemie für andere Zwecke

Es geht also um ältere Produkte, die jetzt gegen Covid-19 oder zur Erkennung von Covid-19 genutzt werden können. Für die Diagnose von Covid-19 werden beispielsweise medizinische Testkits genutzt, und solche Testkits existierten für andere Zwecke schon vor der Pandemie. 

Laut Beschreibung zeigt die Tabelle der Datenbank die Exportmenge solcher medizinischer Testkits und anderer Instrumente für diagnostische Tests nach Ländern im Jahr 2017. 

Bei dem Produktcode 300215 handelt es sich um einen internationalen Code, mit dem die Weltzollorganisation (WCO) Waren klassifiziert. Der Code 30021500 steht laut dem Europäischen Zollportal für immunologische Erzeugnisse. Mithilfe immunologischer Tests kann eine Infektion mit SARS-CoV-2 nachgewiesen werden. 

Corona-Pandemie: WCO und WHO änderten im April die Beschreibungen einiger Produktnummern

Im April verkündete die WCO auf ihrer Webseite, dass sie und die WHO die Klassifizierung von medizinischen Produkten angepasst hätten, „um auf die beispiellose Nachfrage nach medizinischer Versorgung inmitten der gegenwärtigen globalen Covid-19-Pandemie auf der ganzen Welt zu reagieren und den Ländern zu helfen, die grenzüberschreitende Bewegung dieser kritischen Produkte zu beschleunigen“. Es wurde eine Liste von Produkten erstellt, die wegen Covid-19 weltweit dringend benötigt werden.

Es wurden folglich Beschreibungen bereits vorhandener medizinischer Güter angepasst. Das betrifft beispielsweise die oben erwähnten immunologischen Test-Kits mit der Produktnummer 300215. Darüber hinaus finden sich in der Liste Testkits für PCR-Tests (Produktnummer 382200) oder weitere Diagnoseinstrumente (Produktnummer 902780). 

Fazit: Die WITS-Datenbank beweist nicht, dass SARS-CoV-2 schon im Jahr 2017 existierte und auch nicht, dass die Corona-Pandemie geplant wurde. Bei den Zahlen zu Exporten medizinischer Testkits wurden diese in der Datenbank irreführend als „Covid-19 Testkits“ bezeichnet. Die medizinischen Testkits existierten jedoch bereits vor der Pandemie. Es wurde lediglich die Produktbeschreibung verändert.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Eine Datenbank der WITS beweist nicht, dass es das neuartige Coronavirus schon 2017 gab. Die Beschreibung der Tabelle führte allerdings in die Irre und wurde angepasst.