Faktencheck

Rechte Youtuberin verbreitet irreführende Behauptungen zu Coronavirus und PCR-Tests

In einem Video, das tausendfach auf Facebook geteilt wird, sagt die Youtuberin Naomi Seibt unter anderem, das neuartige Coronavirus sei bisher nicht isoliert worden. Und der PCR-Test basiere nur auf einem Computermodell des Virus-Genoms, sei also unzuverlässig. Ein Faktencheck zeigt: Ihre Behauptungen sind falsch oder unbelegt.

von Sarah Thust

Coronavirus
Dieses Bild zeigt SARS-CoV-2 (gelb), das von einem Patienten in den USA isoliert und mit dem Raster-Elektronenmikroskop fotografiert wurde. Die blauen und rosa Flächen sind im Labor kultivierte Zellen. (Quelle: NIAID-RML)
Behauptung
Das neuartige Coronavirus sei nie isoliert worden und der PCR-Test basiere nur auf einem Computermodell.
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Größtenteils falsch. Das neuartige Coronavirus wurde isoliert und auch fotografiert. PCR-Tests basieren auf dem Virusgenom, das inzwischen erforscht ist.

„Niemand hat das [SARS-CoV-2-Virus] wirklich isoliert, sondern das war einfach nur eine Idee aufgrund von diesem Computermodell.“ Solche und andere Behauptungen stellt die Youtuberin Naomi Seibt in einer Rede auf, von der ein Video auf Facebook kursiert. Sie suggeriert darin, das neuartige Coronavirus existiere nicht und das PCR-Testverfahren sei unzuverlässig. Seibt ist eine Bloggerin aus der Szene der Neuen Rechten, über die CORRECTIV bereits berichtete – sie ist bisher vor allem für ihre Verharmlosung des Klimawandels bekannt.

Das Video wurde in zahlreichen Beiträgen auf Facebook verbreitet. Laut Angaben von Facebook wurden die Beiträge insgesamt mehr als 5.200 Mal geteilt. Außerdem wurden die Argumente, die Seibt in ihrer Rede vorbringt, in einem anonymen Internet-Blog am 9. Oktober veröffentlicht. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde dieser Text mehr als 1.200 Mal auf Facebook geteilt.

Unsere Recherchen ergaben: Naomi Seibt argumentiert mit mehreren wissenschaftlichen Studien, interpretiert deren Inhalte jedoch falsch oder irreführend. 


Ein Nutzer auf Facebook hat das Video von Naomi Seibt geteilt.
Ein Nutzer auf Facebook hat das Video von Naomi Seibt geteilt. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Das Video stammt ursprünglich vom Youtube-Kanal der AfD-Fraktion Bundestag. Es zeigt Naomi Seibt auf der 2. Konferenz der Freien Medien, die auf Einladung der Partei am 10. Oktober in Berlin stattfand. Seibt sprach dort 21 Minuten lang über das, was sie das „Coronamärchen“ nannte (Minute 0:18). 

Die vier zentralen Behauptungen aus Seibts Vortrag sind: 

  1. Der PCR-Test sei von Christian Drosten entwickelt worden, bevor das Virus SARS-CoV-2 isoliert oder unter einem Elektronenmikroskop angeschaut wurde. Der Test basiere nur auf einem Computermodell des Genoms.
  2. Das Virus sei nie „isoliert“ worden und die Koch’schen Postulate seien nicht erfüllt.
  3. Der PCR-Test liefere viele falsch-positive Ergebnisse, weil „alle“ getestet werden. 
  4. Setze man den Ct-Wert bei der PCR hoch genug, sei jede Probe positiv. Das bedeute, das Erbgut sei immer im Menschen vorhanden und müsse kein Virus sein.

Erste Behauptung: Der PCR-Test von Christian Drosten sei „herausgekommen“, bevor das Virus isoliert wurde. Er basiere nur auf einem Computermodell.

Ab Minute 9:03 suggeriert Seibt im Video, dass der von Christian Drosten mit entwickelte PCR-Test direkt von der Weltgesundheitsorganisation „anerkannt“ worden sei, ohne dass er überprüft wurde. Doch das stimmt nicht. Die WHO hat das Testprotokoll lediglich als Leitfaden für Laboruntersuchungen online veröffentlicht, wie aus einer Pressemitteilung der Berliner Charité und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) vom 16. Januar hervorging.

Zudem sagt Seibt, dass dem Virologen Christian Drosten zum Zeitpunkt der Entwicklung des PCR-Tests das Virus nicht vorgelegen hätte (ab Minute 4:04). Drosten habe den Test „am 1.1.2020“ entwickelt, nur drei Tage nach der Meldung der ersten Fälle in China. Damals sei das Virus noch nicht sequenziert oder isoliert worden, das stehe so auch in der ersten Studie von Drosten zum PCR-Testverfahren.  

Das ist richtig, Seibt lässt jedoch relevanten Kontext aus. Zu Vorwürfen, der PCR-Test sei nicht ausreichend überprüft worden, hat sich der Virologe Christian Drosten schon am 18. März im NDR-Podcast geäußert (CORRECTIV berichtete). Man habe eine Reihe von Tests gemacht auf Basis des alten SARS-Coronavirus und einer „riesengroßen Diversität von Fledermaus-Coronaviren, also [den] nächsten Verwandten“. Dann sei die Sequenzinformation des neuen Coronavirus veröffentlicht worden und man habe sie mit den Tests abgeglichen. Es seien die zwei Tests ausgewählt worden, die am besten zu dem neuen Virus passten. Diese seien weiter validiert worden, mit der Universität Hongkong, der Universität Rotterdam, der nationalen Public Health Organisation in London und Patienten in Deutschland.

Christian Drosten: Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen“

Es sei eine Validierungsstudie durchgeführt worden mit hunderten echten Patientenproben, mit anderen Coronaviren und Erkältungsviren, so Drosten. „Und nicht ein einziges Mal hat es da eine falsch-positive Reaktion gegeben. Also dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“

Was ist ein PCR-Test? 

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts von SARS-CoV-2 vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Die Proben dafür werden mit einem Abstrich (meist durch die Nase im Rachen eines Menschen) entnommen und untersucht. Ein PCR-Testergebnis ist der Nachweis einer Infektion – es bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person ansteckend oder krank ist. 

Drosten erklärte die Funktionsweise der PCR am 25. März 2020 im Podcast des NDR so: „Das ist eine Reaktion, bei der das Erbgut des Virus abgeschrieben und dabei vervielfältigt wird. […] Das heißt das, was man da findet, ist wirklich auch das, was man sucht. Das liegt daran, dass man kleine DNA-Abschnitte, also wirklich Moleküle, physikalische Moleküle, in diese Reaktion reingeben muss, um das zu vervielfältigen, was genau zu diesen Molekülen passt.“

SARS-CoV-2 wurde nicht am Computer „konstruiert“ 

Seibt geht zwar auch darauf ein, dass das Virusgenom später in China sequenziert wurde, stellt aber auch diesen Prozess infrage: Das Genom sei lediglich aus RNA-Fragmenten im Computer zusammengesetzt worden, also „konstruiert“ worden (ab Minute 6:41). Sie suggeriert, dass dieses Vorgehen nicht sorgfältig sei.

Doch das ist irreführend. Was Seibt kritisiert – das Zerteilen in RNA-Fragmente bei der Sequenzierung – , ist eine bekannte wissenschaftliche Methode. Um herauszufinden, aus welchen Kettenbausteinen (Nukleotiden) ein Genom aufgebaut ist, muss die sogenannte Sequenzinformation entschlüsselt werden. Dafür gibt es unterschiedliche Sequenzierungsmethoden. 

Das komplette Corona-Genom umfasse mehr als 30.000 Nukleotide, sagte uns Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er schrieb per E-Mail: „Keine Sequenzierungsmethode schafft das komplette > 30.000 Nukleotid-große Corona-Genom in einem Stück. Deshalb werden tatsächlich kleinere Fragmente sequenziert. Diese überlappen an den Enden, und können deswegen im Computer zum Gesamt-Genom zusammengesetzt werden. Und zwar eindeutig, das heißt die Fragmente können nur auf eine Weise zusammengesetzt werden. Es hat also technische Gründe.“

Der von Christian Drosten mitentwickelte PCR-Test ist längst nicht mehr der einzige auf SARS-CoV-2

Naomi Seibt suggeriert außerdem, dass nur der erste von Christian Drosten mitentwickelte PCR-Test verwendet wird, um das neuartige Coronavirus nachzuweisen. 

Wie auf der Webseite des RKI zu lesen, wurden allerdings inzwischen verschiedene PCR-Nachweissysteme „entwickelt und validiert“. „Sie gelten als ‘Goldstandard’ für die Diagnostik.“ Eine Übersicht aller SARS-CoV-2-Tests ist auf der Internetseite der Foundation for Innovative New Diagnostics verfügbar. Gelistet werden dort PCR-Tests, aber auch zum Beispiel Antikörpertests.

Christian Drosten selbst erklärte im NDR-Podcast am 30. September 2020: „Unsere PCR war zwar die erste, die ist aber längst nicht mehr die einzige. Seitdem Firmen auch so weit sind, solche PCRs anzubieten, wird übrigens unsere PCR als selbstgemachtes Protokoll in der Diagnostik inzwischen gar nicht mehr verwendet. Die Labore sind dazu übergegangen, die Tests von Herstellern zu beziehen. Die haben unsere PCR zum Teil übernommen, zum Teil aber auch ein bisschen modifiziert. Und allen ist gemeinsam, dass sie zusätzlich zu unserer Validierung noch mal selbst Validierungen gemacht haben, denn sonst darf man solche PCRs gar nicht verkaufen. Die muss man zertifizieren lassen.“

Zwischenfazit: Insgesamt lässt Naomi Seibt bei dieser ersten Behauptung wichtigen Kontext weg. Der erste Entwurf eines PCR-Tests wurde zwar entwickelt, bevor das Genom des Virus sequenziert war. Doch die Tests wurden später mit den Sequenzinformationen des Virus abgeglichen und validiert. 

Zweite Behauptung: Das Coronavirus sei „nie“ isoliert worden und die Koch’schen Postulate seien nicht erfüllt 

Seibt behauptet, das Coronavirus sei „nie isoliert“ worden (Minute 9:00). Das ist falsch. „Isoliert“ bedeutet, dass das Virus in einer Zellkultur gezielt vermehrt wurde. 

Tatsächlich meldeten bereits Wissenschaftler aus mehreren Ländern, dass sie das Virus isoliert hätten. Zum ersten Mal ist davon in einer am 24. Februar veröffentlichten Studie aus Korea die Rede, später auch im Universitätsklinikum Düsseldorf oder in Kanada (März) und Florida (August)

Am 11. Februar haben Forscher aus dem US-Bundesstaat Montana das Virus mit Raster- und Transmissions-Elektronenmikroskopen fotografiert. Dabei entstand unter anderem das unten gezeigte Bild. Die gelben Punkte zeigen SARS-CoV-2-Viren.

Dieses Bild zeigt SARS-CoV-2 (gelb), das von einem Patienten in den USA isoliert und mit dem Rasterelektronenmikroskop fotografiert wurde. Die blauen und rosa Flächen sind im Labor kultivierte Zellen.
Dieses Bild zeigt SARS-CoV-2 (gelb), das von einem Patienten in den USA isoliert und mit dem Rasterelektronenmikroskop fotografiert wurde. Die blauen und rosa Flächen sind im Labor kultivierte Zellen. (Quelle: NIAID-RML)

Weitere Bilder finden sich auch hier auf der Webseite des RKI.

Warum ist es relevant, ob das Virus isoliert wurde? Dieser Nachweis ist in der Forschung eine Voraussetzung dafür, um einen Erreger als Ursache einer Erkrankung zu identifizieren. Festgelegt wird das in den sogenannten Koch’schen Postulaten, auch Henle-Koch-Postulate genannt, die im 19. Jahrhundert aufgestellt wurden.

Sind im Fall von SARS-CoV-2 die Koch’schen Postulate erfüllt?

Naomi Seibt behauptet, die „Koch’schen Postulate“ seien bei SARS-CoV-2 nicht erfüllt. Als Beleg liest sie aus einer Studie aus China vor: „Obwohl unsere Studie die Koch’schen Postulate nicht erfüllt, liefern unsere Analysen Beweise, die auf 2019-nCoV [Anmerkung der Redaktion: frühere Bezeichnung für SARS-CoV-2] beim Ausbruch in Wuhan hindeuten“ (ab Minute 9:18). Was Seibt nicht sagt: Die Studie wurde am 20. Februar im New England Journal of Medicine veröffentlicht, ist also nicht mehr aktuell. 

Bei den Koch’schen Postulaten handelt es sich um ursprünglich drei Lehrsätze, die der Arzt Robert Koch Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellt hat. Einer davon lautet, dass der Erreger „ex vivo“, also in einer Zellkultur in Reinform gezüchtet, sprich isoliert werden kann. Sind die Postulate erfüllt, können Forscher davon ausgehen, dass der jeweilige Mikroorganismus der Erreger einer bestimmten Infektionskrankheit ist.

Die ursprünglichen Koch’schen Postulate.
Die ursprünglichen Koch’schen Postulate. (Quelle: „Zur Problematik der virusdiagnostischen Qualitätskontrolle“, Journal of Laboratory Medicine 2011 / Screenshot: CORRECTIV)

Die Postulate bilden auch heute noch eine bedeutende Grundlage in der Forschung. Doch sie haben einige Schwächen (Seite 4). So gibt es zum Beispiel Viren, die sich nicht in Zellkulturen anzüchten lassen, wie es im zweiten Postulat vorgesehen ist. Darum wurden die Koch’schen Postulate von mehreren Wissenschaftlern in den letzten Jahrzehnten modifiziert.

Robert-Koch-Institut: Alle drei Postulate wurden inzwischen erfüllt

Bereits im Januar war ein wichtiger Teil der Koch-Postulate für SARS-CoV-2 erfüllt, wie diese Studie zeigt. Demnach wurde das Virus, damals noch 2019-nCoV genannt, aus Patienten isoliert, durch spezifische Tests bei Patienten nachgewiesen und in Wirtszellen kultiviert. Damit waren die ersten beiden Postulate erfüllt. 

Der Erreger sollte laut dem dritten Postulat zudem an Versuchstieren getestet werden. Solche Versuche gab es inzwischen auch (zum Beispiel hier und hier). Darüber hatten zuvor Mimikama und Volksverpetzer berichtet.

Auch eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, Marieke Degen, schrieb uns am 27. Oktober per E-Mail, dass die Koch’schen Postulate erfüllt seien: „Das Virus kann bei Erkrankten nachgewiesen (PCR), im Labor angezüchtet und im Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden (PCR und Elektronenmikroskopie spielten zu Kochs Zeiten jedoch noch keine Rolle, die Existenz von Viren wurde damals erst vermutet). Es gibt auch zwei Tiermodelle für SARS-CoV-2.“

E-Mail von Marieke Degen vom RKI.
E-Mail von Marieke Degen vom RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Die Behauptung, dass das Virus „nie isoliert“ worden sei, ist falsch. Insgesamt sind alle Koch’schen Postulate in Bezug auf SARS-CoV-2 inzwischen durch verschiedene Forschungsarbeiten erfüllt.

Dritte Behauptung: Der PCR-Test liefere viele falsch-positive Ergebnisse, weil „alle“ getestet werden

Die Behauptungen von Naomi Seibt zielen alle darauf ab, die Zuverlässigkeit des PCR-Tests auf SARS-CoV-2 infrage zu stellen. Sie stellt hierzu die weitere Behauptung auf, dass der PCR-Test viele falsch-positive Ergebnisse liefere, weil „alle“ Bürgerinnen und Bürger ohne Symptome getestet würden. 

Falsch-positiv bedeutet, dass eine Person, die gar nicht infiziert ist, trotzdem ein positives Testergebnis bekommt. Solche Fehler sind nie ganz ausgeschlossen. Dafür, dass sie angeblich häufig auftreten, gibt es aber keine Belege. Wir haben in diesem Text ausführlich erklärt, warum eine hohe Anzahl falsch-positiver Ergebnisse bei PCR-Tests in Deutschland in der Praxis nicht plausibel ist. 

Experten in Laboren und dem Robert-Koch-Institut zufolge haben die Tests eine hohe Sensitivität und Spezifität (sie erkennen Infizierte korrekt als infiziert und Gesunde korrekt als gesund). Im Epidemiologischen Bulletin des RKI vom 27. August (Seite 12) steht: „Aufgrund des Funktionsprinzips von PCR-Testen und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent.“ In der Regel würden „nicht plausible Befunde in der Praxis durch Testwiederholung oder durch zusätzliche Testverfahren bestätigt oder verworfen“. Das RKI gehe „von einer sehr geringen Zahl falsch positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht“. 

Darüber, dass die mathematische Wahrscheinlichkeit für falsch-positive Test steigt, wenn sehr viele nicht-infizierte Menschen getestet werden, hat CORRECTIV bereits berichtet. Dieses theoretische Problem, das Naomi Seibt anspricht, existiert. Doch wieder geht sie von falschen Annahmen aus: Sie sagt, es werde „jeder“ getestet – das ist nicht richtig. 

Laut der nationalen Teststrategie des RKI soll in Deutschland (Stand: 14. Oktober 2020) „gezielt“ getestet werden. Personen ohne Symptome sollten sich nur in bestimmten Fällen testen lassen, zum Beispiel wenn sie in Kontakt mit einem Infizierten standen oder in einem Krankenhaus arbeiten. 

Zwischenfazit: Für die Behauptung, der PCR-Test liefere viele falsch-positive Ergebnisse, weil „alle“ getestet werden, gibt es keine Belege. Experten zufolge ist das Testverfahren sehr genau, zudem werden Personen ohne Symptome nicht wahllos getestet.

Vierte Behauptung: Setze man den Ct-Wert nur hoch genug, sei irgendwann jede Probe in der PCR positiv

Bei einem PCR-Test wird der sogenannte Zyklus-Schwellenwert oder Ct-Wert (Cycle Threshold) gemessen. Ist der Ct-Wert niedrig, wird der Test als positiv gewertet. Liegt er über 40, wird der Test nach Recherchen von CORRECTIV meist negativ gewertet.

Hintergrund: Bei einem PCR-Test wird die Probe mit bestimmten Stoffen im Labor vermischt. „Dann gibt es einen Wechsel zwischen Erhitzen der Probe und wieder Abkühlen, das sind diese Zyklen“, erklärte Sandra Ciesek, die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Uniklinikum in Frankfurt am Main, in einem NDR-Podcast. Der Ct-Wert sei wiederum die Menge der Zyklen, die benötigt werde, bis die Erbsubstanz des Virus (RNA) in der Probe nachgewiesen wird. „Wenn der Ct-Wert niedrig ist, heißt das, dass wir […] nur sehr wenige von diesen Zyklen brauchen, um das Virus sichtbar zu machen“, erklärte Sandra Ciesek weiter. Der Nachweis geschieht durch die Messung von Fluoreszenz-Signalen.

Die Youtuberin Seibt behauptet: Setze man den Ct-Wert nur hoch genug an, sei jede Probe positiv. „Ab irgendeiner Anzahl von Zyklen, ungefähr 60, hat man bei jedem Patienten gesehen, dass das positiv anschlägt“, sagt Seibt (Minute 14:07). Das würde bedeuten, das Erbgut sei immer im Menschen vorhanden, also „menschlich“, und müsse kein Virus sein. 

Der Virologe Friedemann Weber widerspricht dieser Argumentation auf Nachfrage von CORRECTIV. „Das ist ein Strohmann-Argument, kein Mensch macht solche langen Läufe. In jedem Zyklus ist das Material ja extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt. Mit Ct 60 wäre die Sonde zerfallen und man bekäme tatsächlich ein Signal. Das Signal weist dann aber kein Erbgut nach, sondern ist ein technisches Artefakt. Deshalb fährt auch niemand eine PCR mit 60 Zyklen.“ 

Zwischenfazit: Seibts Schlussfolgerungen sind irreführend. Es stimmt, dass die PCR ab einem sehr hohen Schwellenwert von 60 Zyklen theoretisch immer ein Fluoreszenzsignal erzeugt. Das heißt jedoch nicht, dass der Test auf etwas anderes als das Virus-Erbgut reagiert. Es gibt keine Belege, dass dieser Umstand in der Praxis zu falsch-positiven Testergebnissen führt: Die bekannten Schwellenwerte, ab denen Labore und Virologen ein negatives Testergebnis angeben, liegen viel niedriger als 60.

Fazit: 

Die Behauptungen der Youtuberin Naomi Seibt über den Nachweis des Virus SARS-CoV-2 sind falsch beziehungsweise unbelegt. Sie geht von der Annahme aus, Forscher hätten das Virus nie gesehen. Doch das stimmt nicht. Zudem stellt sie die Zuverlässigkeit von PCR-Tests infrage, ohne dafür Belege zu liefern.

Sie stellt außerdem in ihrem Vortrag weitere unbelegte oder falsche Behauptungen auf.

So behauptet Naomi Seibt, dass angeblich nur sechs Prozent der Corona-Toten in den USA „direkt“ an Covid-19 gestorben seien (ab Minute 18:35). Dafür gibt es keine Belege, wie unser Faktencheck im September ergab. Die genannte Prozentzahl bezog sich lediglich auf die Anzahl derjenigen Covid-19-Patienten in den USA, die ohne eine weitere Vorerkrankung verstorben sind. Das lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, bei wie vielen Covid-19 die Todesursache war. Es handelt sich bei diesen Vorerkrankungen oft um Diabetes oder Übergewicht. Zu diesem Zeitpunkt gab die US-Gesundheitsbehörde an, dass bei 92 Prozent der Corona-Toten Covid-19 als Todesursache oder wahrscheinliche Todesursache auf dem Totenschein eingetragen worden war.

Außerdem behauptet Seibt, in Schweden habe es keinen Lockdown gegeben, „aber trotzdem wurden die Leute nicht krank“, und die Suizidrate sei aufgrund der Pandemie rapide gestiegen, zum Beispiel in Australien sei es „grauenvoll“ (Minute 17:55). 

Ersteres ist falsch. In Schweden gab es zwar keinen „Lockdown“, aber Einschränkungen des öffentlichen Lebens und zahlreiche Menschen sind an Covid-19 erkrankt und viele gestorben. 

Zweiteres ist unbelegt. Eine aktuelle Todesfallstatistik zu den Suizidzahlen in Australien im Jahr 2020 gibt es nicht – die neueste Statistik, die kürzlich veröffentlicht wurde, bezieht sich auf 2019. Laut einem Medienbericht stiegen beispielsweise im australischen Bundesstaat Victoria zwar die Notrufe an, aber nicht die Zahl der Suizide zwischen Januar und August – diese sei eher gesunken im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr. 

Auch in Deutschland gibt es keine aktuelle Todesursachen-Statistik, die letzte Auswertung des Statistischen Bundesamts ist von 2018. Eine Umfrage der Augsburger Allgemeinen Zeitung bei den zuständigen Behörden einiger Bundesländer hatte zudem ergeben, dass die Suizidrate in Deutschland während der Corona-Krise nicht gestiegen sei.

Update, 27. November 2020: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, das Virus sei zuerst im Rahmen einer chinesischen Studie isoliert worden. Die Studie stammt jedoch aus Korea.

Wenn Sie Depressionen oder suizidale Gedanken haben, bekommen Sie Hilfe zum Beispiel bei der Telefonseelsorge (unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222) oder anderen Beratungsstellen.

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Robert-Koch-Institut zur Nationalen Teststrategie (aktuell): Link
  • Robert-Koch-Institut zu PCR-Nachweissystemen (aktuell): Link
  • Test-Leitfaden der Weltgesundheitsorganisation (aktuell): Link (englisch)
  • Liste der SARS-CoV-2-Tests in Entwicklung von der Foundation for Innovative New Diagnostics (aktuell): Link (englisch)
  • Pressemitteilung der Berliner Charité und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (16.01.2020): Link 
  • PCR-Validierungsstudie u.a. von Christian Drosten (23.01.2020): Link (englisch)
  • Erste Veröffentlichung der Sequenzinformation des neuartigen Coronavirus (03.02.2020): Link (englisch)
  • Journal of Laboratory Medicine: Was sind die Koch’schen Postulate? Link
  • MVZ Labor Ravensburg: Was bedeutet der Ct-Wert? Link
  • Studie zu SARS-CoV-2, in der die Koch’schen Postulate nicht erfüllt wurden (24.01.2020): Link (englisch)
  • Wissenschaftlicher Artikel zu SARS-CoV-2, wonach zwei der Koch’schen Postulate erfüllt sind (24.01.2020): Link (englisch) 
  • Studien, für die das neue Coronavirus isoliert wurde: Link 1, Link 2, Link 3 (alle englisch), Link 4 (deutsch)
  • Fotografien des neuen Coronavirus: Link 1 (englisch), Link 2 (deutsch)
  • Drittes Koch’sches Postulat erfüllt durch Studien: Tiermodell 1, Tiermodell 2, Tiermodell 3, Tiermodell 4 (alle englisch)

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