Faktencheck

„Frankfurter Freigeister“ verbreiten Desinformationen über die Corona-Pandemie

In einem Video der sogenannten „Frankfurter Freigeister“ werden verschiedene Behauptungen über die Pandemie und die Covid-19-Impfung aufgestellt, denen Kontext fehlt. So habe angeblich das Robert-Koch-Institut von Obduktionen abgeraten und  Ärzte seien bestochen worden, um Totenscheine zu fälschen. Das meiste davon ist falsch, oder es wurde wesentlicher Kontext weggelassen.

von Steffen Kutzner , Matthias Bau

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Die „Frankfurter Freigeister“ errichteten eine nicht genehmigte Stele und stellen in einem Video irreführende Behauptungen zu Pandemie und Impfstoffen auf (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Es würden konkrete Zahlen zu Geburten und Todesfällen im Jahr 2020 vorliegen; der Erfinder der PCR-Tests habe bestätigt, dass die Tests keine Viren erkennen; das RKI habe von Beginn der Pandemie an von Obduktionen abgeraten; Ärzte seien bestochen worden, um Totenscheine zu fälschen; die geringen Todeszahlen in Deutschland würden beweisen, dass die Pandemie medial „aufgeblasen“ sei und Covid-19-Impfstoffe seien gefährlich.
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Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Die Mehrzahl der überprüften Behauptungen der sogenannten „Frankfurter Freigeister“ sind falsch oder ihnen fehlt Kontext.

Auf Facebook kursiert das Video einer Gruppe (hier, hier und hier), die sich „Frankfurter Freigeister“ nennt. Es zeigt, wie etwa 20 Personen, darunter auch Kinder, eine Latte aufstellen, die nach eigener Aussage als Säulendiagramm fungieren soll, um die Corona-Pandemie zu veranschaulichen. Dazu werden verschiedene Behauptungen über den PCR-Test, angeblich gefälschte Totenscheine und die Corona-Impfstoffe vorgetragen. Verschieden Webseiten griffen das Video auf (hier, hier und hier

CORRECTIV.Faktencheck hat die Behauptungen überprüft: Sie sind größtenteils falsch oder unbelegt. Die Latte, die nach telefonischer Aussage des Pressesprechers der Stadtverwaltung Frankfurt/Oder, Uwe Meier, vermutlich am 22. Februar im Stadtwald aufgestellt worden war, wurde wieder entfernt. Es habe sich dabei um eine „nicht genehmigte Baumaßnahme“ gehandelt. Gegen die Mitglieder der Gruppe seien außerdem Ordnungsmaßnahmen eingeleitet worden, da sie gegen die Corona-Schutzmaßnahmen verstoßen und eine „nicht angemeldete politische Demonstration“ abgehalten hätten. 

Die „Freigeister“ sind der Stadtverwaltung bereits bekannt. Es handelt sich laut Meier um etwa 20 bis 50 Personen, die unter anderem einen Kranz im „Gedenken an die Demokratie“ vor dem Gebäude der Stadtverwaltung abgelegt hätten. Die Personen aus dem Video seien jedoch bisher nicht in Erscheinung getreten. 

Es liegen noch keine konkreten Zahlen zu Geburten und Todesfällen 2020 vor

Die im Video gezeigte Latte soll laut den „Freigeistern“ dazu dienen, Zahlen zu veranschaulichen, von denen man sonst keine Vorstellung habe. Insgesamt soll sie 8,3 Meter hoch sein und damit für die 83 Millionen Einwohner Deutschlands stehen. Ein Millimeter stehe für zehntausend Einwohner, zehn Zentimeter demnach für eine Million Einwohner. Auch die Anzahl der Neugeborenen und der Verstorbenen werden durch farbliche Markierungen angezeigt. 

Als Grundlage für diese Markierungen geben die „Freigeister“ Daten zur Anzahl der Neugeborenen, der Verstorbenen und der Corona-Toten im Jahr 2020 an. Neugeborene soll es laut dem Video 770.000 gegeben haben, verstorben sein sollen 960.000 Menschen, davon 40.000 im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Die meisten dieser Zahlen sind jedoch unbelegt. 

In dem Video heißt es, 2020 habe es in Deutschland 770.000 Neugeborene gegeben. Woher die Zahl stammt, ist unklar. In der Datenbank des Statistischen Bundesamtes (Destatis) findet sich bisher nur die Zahl der bis Ende November 2020 Lebendgeborenen. Aus den dort angegeben Geburten ergibt sich eine Gesamtzahl von 707.288 Lebendgeborenen. In einer Pressemitteilung des Amtes vom 12. Januar 2021 heißt es, dass für 2020 „mit 755.000 bis 775.000 Geborenen“ zu rechnen sei. Dabei handele es sich um eine Schätzung auf der Grundlage der bisher vorliegenden Daten.

Weiter heißt es in dem Video, dass 2020 in Deutschland 960.000 Menschen gestorben seien. 40.000 von ihnen seien mit dem Coronavirus infiziert gewesen. Die Corona-Toten seien im Schnitt über 80 Jahre alt gewesen. 

 Bis auf das Durchschnittsalter der Toten sind auch diese Zahlen unbelegt und weichen von den offiziellen Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Statistischen Bundesamtes ab. In einer vorläufigen Auswertung des Jahres 2020 spricht das Destatis von 985.145 Toten (Stand 9. März). Es weist darauf hin, dass die Daten ab dem 1. Januar 2020 vorläufig seien. Es handele sich um eine „reine Fallzahlauszählung der eingegangenen Sterbefallmeldungen aus den Standesämtern – ohne die übliche statistische Aufbereitung“. 

Die Zahl der Covid-19-Todesfälle wird regelmäßig vom RKI veröffentlicht. Eine Gesamtübersicht (Rohdaten) der bisher gemeldeten Fälle findet sich hier. Daraus geht hervor, dass im Jahr 2020 42.888 Menschen an Covid-19 gestorben sind. 

Auch das Alter der Toten wird in den RKI-Daten aufgeführt. In über 60 Prozent der Fälle waren die Toten 80 Jahre alt oder älter. Die Angabe mit dem Schnitt von 80 Jahren stimmt: Im RKI-Lagebericht vom 9. März steht, der Altersmedian liege bei den Todesfällen bei 84 Jahren (PDF, Seite 8). 

Behauptung 1: PCR-Test-Erfinder Kary Mullis habe darauf hingewiesen, dass der Test keine Infektion nachweise

In dem Video wird außerdem behauptet, es sei nicht bekannt, ob die Menschen an, mit oder ohne Covid-19 verstorben sind. Denn: „Der PCR-Test [kann] keine Infektionen nachweisen, darauf hat sein Erfinder Kary Mullis immer wieder hingewiesen.“

Ob Menschen mit oder ohne eine Infektion mit SARS-CoV-2 gestorben sind, lässt sich durch einen PCR-Test feststellen. Er ist laut RKI der „Goldstandard“ für die Diagnose. Ist der Test positiv, liegt eine Infektion vor. Dass PCR-Tests Infektionen nachweisen, bestätigte uns der Virologe Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen für einen früheren Faktencheck zu dem Thema. Er schrieb uns am 29. September, dass ein solcher Test das Erbgut des Erregers zum Zeitpunkt der Probenentnahme im Körper des Menschen nachweise. „Dies wiederum kann sehr wohl als Nachweis der erfolgten Infektion gelten. Wo soll [das Virus] auch sonst herkommen?“

Dass Kary Mullis, der den PCR-Test entwickelt hatte, darauf hinwies, dass er keine Infektionen nachweisen würde, stimmt nicht. Die Nachrichtenagentur Reuters hat sich bereits mit der Behauptung in einem Faktencheck auseinandergesetzt. Darin heißt es, dass Mullis in einem Blog-Artikel von 1996 ein falsches Zitat zugeschrieben wurde. Der Autor des Blog-Artikels – und nicht Kary Mullis – behauptet darin: „Obwohl es einen verbreiteten Irrglauben gibt, dass die Viruslast-Tests tatsächlich die Anzahl der Viren im Blut zählen, können diese Tests überhaupt keine freien, infektiösen Viren nachweisen; […] Die Tests können genetische Sequenzen von Viren nachweisen, aber nicht die Viren selbst.“ 

Es stimmt, dass ein positiver PCR-Test nicht nachweist, ob ein infizierter Mensch in diesem Augenblick noch ansteckend (infektiös) ist. Infektion und Infektiosität sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Es gibt laut Reuters keine Hinweise darauf, dass Mullis je gesagt hat, der Test könne keine Infektion nachweisen. In dem Blog-Artikel ging es zudem um den Zusammenhang von HI-Viren und AIDS, nicht um Coronaviren. Auch andere Faktencheck-Organisationen haben sich mit der Behauptung auseinandergesetzt.

Behauptung 2: Das Robert-Koch-Institut habe gleich zu Beginn der Pandemie von Obduktionen abgeraten

Weiter wird in dem Video behauptet, dass das RKI „gleich zu der Beginn Pandemie von Obduktionen abgeraten“ habe. Das stimmt, doch der Aussage fehlt Kontext – denn es werden in Deutschland durchaus Obduktionen durchgeführt. Zum Beispiel hat Hamburg im Jahr 2020 mehr als 700 Menschen mit Covid-19 obduzieren lassen. 

Richtig ist, dass das RKI zunächst empfohlen hatte, eine „innere Leichenschau“ von Corona-Toten zu vermeiden. Diese Empfehlung hatte den Zweck weitere Infektionen mit dem Corona-Virus zu verhindern. Eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie aus dem April 2020 gibt die Empfehlungen des RKI so wieder: „Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierende Maßnahmen sollten vermieden werden. Sind diese notwendig, sollten diese auf ein Minimum beschränkt bleiben.“

Aktuell gibt das RKI zu inneren Leichenschauen keine Empfehlung mehr ab. 

Im Verlauf des Videos der „Freigeister“ sagt ein Mann, dass der Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg „und andere“ gezeigt hätten, dass „nur die wenigsten, die zu Corona-Toten deklariert wurden, auch wirklich an Corona gestorben“ seien. Fast alle Toten hätten eine oder mehrere schwere Vorerkrankungen gehabt und seien „betagt“ gewesen, ergänzt eine weitere Sprecherin. 

Diese Behauptung ist falsch. In einem Faktencheck vom April 2020 haben wir bereits recherchiert, dass Püschel tatsächlich sagte, dass die meisten Verstorbenen Vorerkrankungen hatten. Es stimmt auch, dass alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Das bedeutet jedoch nicht, dass Covid-19 in einem solchen Fall nicht die Todesursache sein kann – und Klaus Püschel hat das auch nicht so gesagt. 

Im Gegenteil: Für eine Studie von Püschels rechtsmedizinischen Institut in Hamburg wurden bereits Mitte Mai 2020 80 verstorbene Covid-19-Patienten obduziert und festgestellt, dass bei fast allen die Infektion mit dem Coronavirus zum Tod führte. 

Aktuell führt beispielsweise das Universitätsklinikums Schleswig-Holstein Obduktionen an mit Covid-19 infizierten Toten durch. In einer Pressemitteilung vom 26. Januar 2021 teilte Christoph Röcken, Direktor des Instituts für Pathologie mit, dass von den 42 untersuchten Toten 38 an Covid-19 gestorben seien. 

Und erst kürzlich, im Februar 2021, hat die Charité Universitätsmedizin eine Studie im Journal Nature veröffentlicht, für die 26 Menschen obduziert wurden und die zu einem ähnlichen Ergebnis kam: Fast alle starben an Covid-19.

Behauptung 3: Ärzte seien bestochen worden, um Totenscheine zu fälschen

Weiter behauptet eine der Sprecherinnen, dass angeblich nicht bekannt sei, ob Menschen an, mit oder sogar ohne Covid-19 verstorben sind, weil „finanziell motiviert, viele Totenscheine gefälscht wurden“. CORRECTIV.Faktencheck hat bereits im September 2020 recherchiert, dass es für eine solche Behauptung keine Belege oder Grundlage gibt. 

Krankenhäuser und Ärzte können lediglich die Behandlung von Patienten nach einem Fallpauschalen-System abrechnen und nicht nachträglich für bestimmte Todesursachen Geld bekommen. Verstirbt ein Patient, muss ein Arzt eine ärztliche Leichenschau durchführen. Ein Pressesprecher der Bundesärztekammer teilte uns mit: „Die Vergütung der Leichenschau richtet sich nach der Gebührenordnung für Ärzte und ist selbstverständlich nicht an bestimmte Todesursachen gebunden.“  

Behauptung 4: Die wenigen Todesfälle in Deutschland würden beweisen, dass die Pandemie medial „aufgeblasen“ wurde

Auch die Existenz der Pandemie selbst wird im Video bestritten: Die Pandemie werde medial „aufgeblasen“. Es erübrige sich angesichts der angeblich niedrigen Todeszahlen in Deutschland „jede weitere Debatte über die Existenz einer Pandemie.“ 

Ob es eine Pandemie gibt, entscheidet sich nicht anhand der Todesfälle in einem einzigen Land. Eine Pandemie ist laut WHO-Definition eine neuartige Krankheit, die sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Die WHO hat SARS-CoV-2 am 12. März 2020 zur Pandemie erklärt. Bis zu diesem Tag hatte es in Deutschland nur fünf Todesfälle durch Covid-19 gegeben, weltweit jedoch bereits mehr als 4.700. Aktuell sind es laut RKI mehr als 72.000 Todesfälle in Deutschland und 2,6 Millionen weltweit. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland sagt also nichts über die Schwere oder die Existenz einer weltweiten Pandemie aus.

Behauptung 5: Covid-19-Impfstoffe seien gefährlich

In dem Video wird behauptet, dass für die Impfstoffe keine „Langzeitstudien“ vorliegen. mRNA-Impfstoffe seien zudem „eine völlig neue Generation von Impfstoffen“, die „nie zuvor für die Anwendung am Menschen zugelassen“ worden seien. Das ist beides korrekt, doch es fehlt Kontext. 

Die beiden bisher in der EU zugelassene Covid-19-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sind die ersten mRNA-Impfstoffe, die für die Anwendung beim Menschen zugelassen wurden, schreibt etwa das Paul-Ehrlich-Institut. In dem Video wird jedoch auch behauptet, der Einsatz der Impfstoffe sei „äußerst riskant und unverantwortlich“. Das stimmt nicht.

Die Entwicklung der Impfstoffe wurde wegen der dringlichen Situation zwar beschleunigt, das bedeutet jedoch nicht, dass die Sicherheit des Impfstoffs nicht ausreichend erprobt wurde. Er wurde in klinischen Studien mit tausende Probanden getestet. 

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) schreibt zur Beschleunigung des Verfahrens auf seiner Webseite, die Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Impfstoffe sei enger gewesen, und man habe die Prozesse effizienter gestaltet, „ohne Abstriche bei der Sorgfalt zu machen“. Und weiter: „Dies hat auch zu deutlichen Optimierungen der Verfahrensabläufe und einem Zeitgewinn bei der Entwicklung geführt.“ So seien Daten bereits parallel zu den klinischen Studien von der EMA ausgewertet worden („Rolling-Review-Verfahren“). Der Covid-19-Impfstoff wurde also schneller entwickelt als bisherige Impfstoffe, „riskant“ wird die Anwendung dadurch jedoch nicht. 

Fazit

Die Behauptungen der „Frankfurter Freigeister“ sind irreführend: Die Daten, die sie in ihrem Säulendiagramm darstellen, sind teilweise falsch oder unbelegt. Ebenso gibt es keine Belege, dass der Erfinder des PCR-Tests gesagt hat, sie wären für das Erkennen von Infektionen mit Viren ungeeignet.

Das RKI hat zwar zu Beginn der Pandemie von Obduktionen abgeraten, gibt aktuell aber keine Empfehlung diesbezüglich mehr ab. Es werden in Deutschland auch solche Obduktionen durchgeführt, und die Ergebnisse mehrerer Studien zeigen, dass fast alle Menschen tatsächlich an Covid-19 sterben. 

Außerdem gibt es keinerlei Belege dafür, dass Ärzte bestochen wurden, um Totenscheine zu fälschen. Auch die Aussage, dass es wegen der angeblich „geringen“ Todeszahlen in Deutschland keine Pandemie gebe, oder die Impfungen gegen Covid-19 gefährlich sei, ist haltlos. 

Redigatur: Tania Röttger, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Faktencheck von Reuters zu der Behauptung, Kary Mullis habe darauf hingewiesen, dass PCR-Tests keine Infektionen nachweisen können (3. Juli 2020): Link
  • Informationsseite des Paul-Ehrlich-Instituts zu mRNA-Impfstoffen: Link
  • Studie der Berliner Charité über obduzierte Covid-19-Tote „Causes of death and comorbidities in hospitalized patients with COVID-19“ (19. Februar 2021): Link
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