Faktencheck

Keine Belege, dass in den letzten fünf Jahren 130 Menschen in Deutschland durch Jäger umgekommen seien

Auf Facebook wird die Behauptung verbreitet, in den vergangenen fünf Jahren seien in Deutschland 130 Menschen durch Jäger umgekommen, durch Wölfe seit 40 Jahren jedoch niemand in ganz Europa. Das stimmt so nicht – ein Faktencheck.

von Steffen Kutzner

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Angeblich sind in den letzten fünf Jahren in Deutschland 130 Menschen durch Jäger umgekommen, durch Wölfe in ganz Europa jedoch seit 40 Jahren niemand. Belege für die angeblich 130 Toten gibt es nicht, in Europa gab es in den vergangenen vier Jahrzehnten zwei belegte menschlichen Todesfälle durch Wölfe. (Symbolbild: Picture Alliance / Robert Jäger / APA / picturedesk.com / Robert Jäger)
Behauptung
In den letzten fünf Jahren seien in Deutschland 130 Menschen durch Jäger umgekommen, durch Wölfe jedoch in ganz Europa seit 40 Jahren niemand.
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Es gibt keine Belege dafür, dass in Deutschland 130 Menschen durch Jäger umgekommen sind. Jagdunfälle werden nicht offiziell erfasst. In den vergangenen 40 Jahren gab es in Europa zwei belegte Wolfsangriffe auf Menschen, die tödlich endeten.

Am 1. Juni 2021 veröffentlichte eine Facebook-Nutzerin ein Bild, auf dem behauptet wird, dass in den letzten fünf Jahren in Deutschland „über 130 Menschen durch Jäger ums Leben“ gekommen seien, durch Wölfe sei jedoch seit 40 Jahren in ganz Europa niemand gestorben. Quellen dafür werden nicht genannt.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland 130 Menschen durch Jäger getötet worden sind. Wir haben beim Bundesministerium für Landwirtschaft, beim Bundesministerium für Umwelt, beim Bundesministerium für Inneres und beim Statistischen Bundesamt nachgefragt, ob es Daten dazu gibt. 

Die Behörden teilten uns mit, dass sie keine Daten speziell zu Jagdunfällen erheben, beziehungsweise nicht dafür zuständig sind. Nur zu Unfällen mit Waffen insgesamt werden Zahlen erhoben. Diese werden in der Todesfallstatistik des Statistischen Bundesamts erfasst. 

Wir haben uns die letzten fünf verfügbaren Todesfallstatistiken des Bundesamtes für Statistik angeschaut und konnten mittels einer Suche nach dem Wort „Waffe“ insgesamt 4.115 Todesfälle durch Schusswaffen in den Todesfallstatistiken 2015 bis einschließlich 2019 finden. Diese Zahlen beziehen sich jedoch nicht spezifisch auf Unfälle mit Jagdwaffen, sondern schließen zum Beispiel auch tödliche Unfälle durch Waffen von Polizisten, Soldaten oder Waffensammlern mit ein. Das ist auch auf der Webseite des Deutschen Jagdverbandes zu lesen. 

Das auf Facebook verbreitete Bild
Das auf Facebook verbreitete Bild (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Deutscher Jagdverband: 65 tödliche Jagdunfälle seit 2000

Der Deutsche Jagdverband erhebt selbst Daten zu Jagdunfällen. „Wir werten seit 21 Jahren die Meldungen über Jagdunfälle mit Waffen von der Nachrichtenagentur DPA aus“, erklärt Torsten Reinwald, Pressesprecher und stellvertretender Geschäftsführer des Jagdverbandes uns per E-Mail. Seit dem Jahr 2000 habe es demnach 65 tödliche Unfälle mit Jagdwaffen gegeben. Insgesamt gibt es derzeit etwa 385.000 aktive Jägerinnen und Jäger in Deutschland. An der Jagd unbeteiligte Menschen, die beispielsweise von Querschlägern getroffen werden, sind laut Reinwald jedoch nur sehr selten von Jagdunfällen betroffen: Der Verband habe dafür vier tödliche Fälle seit dem Jahr 2000 verzeichnet, wie er in einer E-Mail an uns erklärt. Alle anderen Jagdunfälle betrafen die Jäger selbst.

Reinwald nennt auch einen Grund für die geringen Fälle: „Der Grundsatz bei der Jagd lautet: Nur was ich genau ansprechen kann, darf ich erlegen. Ansprechen bedeutet: Ich muss Art, Geschlecht und Alter des Tieres beurteilen, bevor ich schieße.“ Ein Schuss ins Dickicht sei verboten, so Reinwald. Tatsächlich kommt es dennoch mitunter zu genau solchen Szenarien.

Dass in den letzten fünf Jahren 130 Menschen durch Jäger umgekommen seien, belegen die Daten des Jagdverbandes und auch die Todesfallstatistik des Statistischen Bundesamts also nicht.

Andere Daten listet die Tierschutzorganisation Peta auf ihrer Webseite: Dort sind Jagdunfälle und Gesetzesverstöße von Jägern seit dem Jahr 2013 in Deutschland, Österreich und der Schweiz verzeichnet und mit Links zu entsprechenden Medienberichten belegt. Die Liste beinhaltet Ereignisse bis zum Dezember 2020. Auch diese Daten belegen jedoch keine 130 gestorbenen Personen in den vergangenen fünf Jahren. 

Peta listet 15 tödliche Jagdunfälle seit Anfang 2015

In der Medienberichtsliste von Peta tauchen zwischen 2015 und 2020 rund 30 Fälle mit einem tödlichen Ausgang in den drei Ländern auf. Doch nicht alle davon betreffen Unfälle bei der Jagd, sondern einige zum Beispiel Familien- oder Nachbarschaftsstreits mit tödlichem Ausgang, bei denen Jäger beteiligt waren. Und bei vielen der Vorfälle hätten sich Jäger selbst tödlich verletzt – und nicht andere. 

Insgesamt bleiben 15 Jagdunfälle mit tödlichem Ausgang übrig, die Peta zwischen 2015 und 2020 anhand von Medienberichten listet. Der größte Teil davon betrifft Jäger, die sich versehentlich selbst oder an der Jagd Beteiligte erschossen hätten. In nur drei dieser Fälle geht es um an der Jagd unbeteiligte Menschen, die im öffentlichen Raum durch Jäger umgekommen seien. In zwei weiteren Fällen sollen Jäger, versehentlich, zuhause Familienmitglieder erschossen haben. 

Auch die Auflistung von Peta belegt folglich nicht, dass 130 Menschen in fünf Jahren durch Jäger ums Leben gekommen wären. Woher die Zahl in dem Facebook-Beitrag stammt, bleibt unklar. Denkbar wäre jedoch, dass jemand die Zahlen zu Unfällen mit Schusswaffen der Todesfallstatistiken von 2015 bis 2019 addiert hat: Man kommt dabei auf die Zahl 137. Wie bereits erläutert, handelt es sich dabei jedoch nicht nur um Jagdunfälle, sondern auch um andere Arten von Unfällen mit Waffen, etwa denen von Soldaten oder Polizisten.  

Zwei Fälle von tödlichen Wolfsangriffen in Europa seit 1980

Was Angriffe von Wölfen betrifft, gibt die Studie „The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans“ (Deutsch: Die Angst vor dem Wolf: Eine Übersicht über Wolfsangriffe auf Menschen) des Norwegischen Instituts für Naturforschung aus dem Jahr 2002 einen Überblick. Darin werden Berichte über Wolfsangriffe auf Menschen in Europa zusammengetragen und dem Grunde nach untersucht. 

Die Studie wurde von den Forschern und Forscherinnen im Jahr 2021 um eine Folgestudie ergänzt, die sich nur auf die Jahre 2002 bis 2020 konzentriert. Die Studie aus dem Jahr 2002 kommt zu folgendem Ergebnis: In Deutschland gab es seit dem 17. Jahrhundert keine Wolfsangriffe mehr (Seite 20 im PDF). Zuletzt war 1674 eine Frau von einem tollwütigen Wolf getötet worden (Seite 61 im PDF). In Bremen wurde zwar 1977 ein Kind von einem Wolf getötet, dabei handelte es sich jedoch um ein kurz zuvor entlaufenes Zootier, das in Gefangenschaft aufgewachsen war, wie der Weser-Kurier berichtete.

Zwischen 1950 und 2000 gab es zudem in ganz Europa lediglich neun tödliche Wolfsangriffe auf Menschen, fünf davon durch die in weiten Teilen Europas inzwischen ausgerottete Tollwut verursacht, keiner davon geschah in Deutschland (Seite 6 im PDF). 

Die Studie berichtet von einem Fall in Lettland, der sich 1985 oder 1986 ereignete. Damals wurde im Kreis Aizkraukle im Süden des Landes ein älterer Mann von einem mit Tollwut infizierten Wolf gebissen und starb kurz darauf. Ob an den Verletzungen oder an der Tollwut, ist unklar (Seite 61 im PDF). Im Jahr 1980 starb zudem eine ältere Frau in Estland nach einem Angriff durch einen tollwütigen Wolf (Seite 17 im PDF).

Keine tödlichen Wolfsangriffe in Europa seit 2002

Zwischen 2002 und 2020 gab es der Folgestudie aus dem Jahr 2021 zufolge in Europa keinen einzigen Fall eines tödlichen Wolfsangriffs (ab Seite 18 im PDF). Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fasst zusammen: „Ein Angriff durch einen Wolf, wie auch durch andere Wild-, Nutz- oder Haustiere, kann niemals völlig ausgeschlossen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch äußerst gering.“

Das Bundesministerium für Umwelt bestätigte uns per E-Mail: „Seit der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland und dem ersten Nachweis eines Rudels im Jahr 2000 wurden keine Angriffe auf Menschen gemeldet.“ Es gibt aber vereinzelte Berichte über tödliche Angriffe auf Haustiere und durchaus Angriffe auf Nutz- und Weidevieh, wie etwa Schafe, die in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen haben.

Fazit

Dass in Deutschland in den letzten fünf Jahren 130 Menschen durch Jäger getötet worden wären, ist unbelegt. Wir konnten keine Zahlen finden, die das bestätigen. Stattdessen gibt es Berichte über einige tödliche Jagdunfälle, die jedoch fast ausschließlich die beteiligten Jäger selbst betreffen. Dass durch den Wolf seit 40 Jahren niemand mehr in Europa getötet worden ist, stimmt nicht ganz, obwohl solche Vorfälle absolute Ausnahmen sind.

Update, 01. Juli 2021: Wir haben nach einem Hinweis durch eine Leserin einen Satz zu einem Vorfall ergänzt, bei dem 1977 ein entlaufener Wolf aus einem Zoo einen Menschen in Bremen getötet hatte. 

Redigatur: Uschi Jonas, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Todesursachenstatistik des Bundesamtes für Statistik für das Jahr 2019: Link
  • Informationsseite des Deutschen Jagdverbandes zum Thema Jagdunfälle: Link
  • Auflistung von Peta zu Jagdunfällen zwischen 2013 und 2020: Link
  • Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung bezüglich Wolfsangriffen in Europa, Russland, Asien und Nordamerika (2002): Link
  • Nachfolgestudie des Norwegischen Instituts für Naturforschung zu den Jahren 2002 bis 2020: Link