Faktencheck

Covid-19-Impfung: Blog-Artikel machen Stimmung mit Studie aus Japan

Mehrere Blog-Artikel machen mit einer angeblich neu aufgetauchten Studie aus Japan Stimmung gegen mRNA-Impfstoffe. Doch die Studie ist weder neu, noch liefert sie Belege dafür, dass die Impfungen gesundheitsschädlich für den Körper sind.

von Uschi Jonas

Studie aus Japan liefert weder neue, noch besorgniserregend Erkenntnisse zum Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer und seiner Verteilung im Körper (Symbolbild: Unsplash/ Mat Napo)
Studie aus Japan liefert weder neue, noch besorgniserregend Erkenntnisse zum Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer und seiner Verteilung im Körper (Symbolbild: Unsplash/ Mat Napo)
Behauptung
Eine Studie aus Japan, die neu an die Öffentlichkeit gelangt sei, liefere besorgniserregende Hinweise über die Folgen des mRNA-Impfstoffes von Biontech/Pfizer.
Bewertung
Falsch. Die Studie ist nicht neu, sondern wurde bereits bei der Zulassung des Impfstoffes berücksichtigt. Sie liefert auch keine Belege, dass der mRNA-Impfstoff Schäden im Körper anrichtet.

In Japan habe die Zulassungsbehörde bisher nicht öffentlich zugängliche, „vertrauliche“ Tierversuchsdaten zum mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer veröffentlicht, wird in mehreren Blog-Artikeln von Anfang Juni behauptet. „Horror-Studie aus Japan: mRNA-Injektion verbreitet Lipid-Nanopartikel im ganzen Körper“, titelt beispielsweise die Webseite Legitim.ch. „Gesundheitliche Auswirkungen unbekannt“, heißt es in einem Artikel von Epoch Times. Die Studie weise auf eine „gefährliche Konzentration von Nano-Partikeln in Organen“ hin, schreibt RT Deutsch.

Im Blog Tkp.at ist zu lesen, dahinter stecke die „mögliche Ursache der massiven Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe“ und die Studie liefere „Hinweise darauf, dass sich die Covid-mRNA-Lipid-Nanopartikel an menschlichen Organen festsetzen“. 

Die Behauptungen sind irreführend und falsch. Die Daten wurden nicht erst jetzt veröffentlicht, sondern wurden bereits bei der Zulassung des Impfstoffes von Biontech/Pfizer berücksichtigt. Laut Forschenden liefern sie keine Belege dafür, dass der mRNA-Impfstoff schädlich für den Körper ist.


Studie aus Japan wurde bereits bei der Zulassung des mRNA-Impfstoffes von Biontech/Pfizer berücksichtigt

Die Studie ist eine sogenannte Biodistributionsstudie, bei der die Wirkung des Impfstoffes sowie seine Verteilung im Körper untersucht wird. 

Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund, erklärte auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck bereits für einen Faktencheck am 18. Juni, dass in der Studie aus Japan an Ratten untersucht worden sei, wie sich die mRNA und die Lipid-Nanopartikel (LNP, das sind Fettkügelchen, in die die mRNA der Impfstoffe verpackt wird, um sie zu transportieren) im Körper verteilen. 

„Kernaussage ist, dass diese Lipide in verschiedenen Organe des Körpers zu finden sind“, erklärt Emanuel Wyler, Molekularbiologe und Biochemiker am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC). Er erklärt auch, dass es sich bei der Studie um die Ergebnisse der vorklinischen Forschung von Biontech/Pfizer zu deren mRNA-Impfstoff handele.

Dass die Ergebnisse der Studie aus Japan bei der Zulassung des mRNA-Impfstoffes von Biontech/Pfizer berücksichtigt wurden, geht auch aus einem Bericht der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) hervor. Die Daten sind also keineswegs neu veröffentlicht, sondern seit Dezember 2020 bekannt. Damals hatte die EMA dem Impfstoff eine bedingte Zulassung erteilt. 

In den Blog-Artikeln wird behauptet, die Studie sei als „vertraulich“ gekennzeichnet. In der Version der Studie, die in den Artikeln verlinkt wird, steht „Pfizer confidential“, sprich „vertraulich“. Molekularbiologe Wyler glaubt, dass das lediglich darauf hindeutet, dass es sich dabei um eine Version handelt, die noch vor der Veröffentlichung erstellt worden seiist. 

Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für eine mRNA-Impfung bei Menschen?

Sagen die Ergebnisse der Studie etwas über potenzielle Gefahren aus, die von der Verteilung von Impfstoffbestandteile im menschlichen Körper ausgehen könnten, wie die Blog-Artikel suggerieren? 

Molekularbiologe Wyler verneint das: „Das Auffinden von (teilweise sehr kleinen) Mengen Lipide in einem Körperteil bedeutet nicht, dass davon eine Gefahr ausgeht. Hier sind die Resultate eher wie erwartet: die höchsten Werte sind bei der Injektionsstelle zu finden, danach folgt die Leber, danach lange nichts. Die Leber ist ja das Organ im Körper, wo schlussendlich alle Substanzen, die der Körper aufnimmt, hinkommen und verarbeitet werden.“ 

Zudem sei für die Versuche nicht der eigentliche Impfstoff verwendet worden, sondern abgewandelte Formen. Auch seien den Versuchstieren viel größere Mengen injiziert worden, als das bei den aktuell verabreichten Impfdosen der Fall sei, erklärt Immunologe Watzl. Das bestätigt auch Molekularbiologe Wyler und erklärt, dass in solchen Studien so hohe Mengen verwendet würden, damit man die Verteilung im Körper überhaupt messen könne. 

Aus diesen Gründen lassen sich aus den Studienergebnissen keine Schlussfolgerungen auf Gesundheitsgefahren durch eine Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer ziehen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erklärt außerdem auf ihrer Webseite, dass von den Lipid-Nanopartikeln keine Gefahr ausgehe: „Zahlreiche Studien haben bestätigt, dass Lipid-Nanopartikel nicht zytotoxisch (zellschädigend) sind und von ihnen keine Gefahr für den menschlichen Körper ausgeht.“

Langfristige Folgen sind laut Forscher nicht zu erwarten

Im Blog-Artikel von Legitim.ch wird zudem behauptet, die Studie zeige, wie die Lipid-Nanopartikel die Eierstöcke und die Hoden angreifen würden, was zu „schwerwiegenden Fragen“ bezüglich der Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der Versuchstiere führe. 

Das gehe aber aus der Studie gar nicht hervor, sagt Molekularbiologe Wyler. Die Ergebnisse zeigten lediglich, dass sich die Lipide im ganzen Körper verbreiten und somit auch in Eierstöcken und Hoden gefunden würden. Dass daran etwas „schwerwiegend“ sei, „ist aber angesichts der geringen Mengen, und dass bisher keine Toxizität festgestellt wurde, aber nicht unbedingt wahrscheinlich“, so Wyler.

Die Versuche hätten keine Organschäden bei den  Versuchstieren gezeigt, sagt Wyler und fügt hinzu: „Das heißt trotzdem nicht, dass bei Menschen keine (langfristigen) gesundheitsgefährdenden Folgen auftreten können. Das kann bisher in der Tat nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden.“ Bisher könne man nur sagen: „Auf Grund der Tierversuche, der geringen Mengen, sowie der grundsätzlich-chemisch nicht gefährlichen beziehungsweise reaktiven Stoffen kann man davon ausgehen, dass keine Schäden zu erwarten sind.“ 

Keine Belege, dass bei einer mRNA-Impfung produziertes Spike-Protein toxisch wirkt

Weiter wird in zwei der Blog-Artikel der kanadische Immunologe Byram Bridle zitiert, der in einem Radio-Interview am 28. Mai 2021 davor gewarnt hatte, dass das sogenannte Spike-Protein, das im Körper nach einer Impfung mit einem mRNA-Covid-19-Impfstoff produziert wird, gefährlich sei. Es sei angeblich „toxisch“. 

Doch für Bridles Behauptungen gibt es keine wissenschaftlichen Belege, wie wir für einen Faktencheck vom 18. Juni 2021 recherchiert haben: Experten sagten uns, von dem durch eine mRNA-Impfung produzierten Spike-Protein gehe keine Gefahr aus, weil es einerseits an Zellen gebunden und nicht löslich sei und sich andererseits, wenn überhaupt, nur in geringsten Mengen im Körper verteile. 

Es ist üblich, dass sich ein Teil des Impfstoffes im Körper verteilt

Die Verfasser der Texte bei RT Deutsch und Tkp.at behaupten zudem, die Studie aus Japan beweise, dass entgegen der Angaben von Biontech/Pfizer die mRNA-Nanopartikel beziehungsweise der Impfstoff nicht an der Einstichstelle verblieben, sondern „hochkonzentriert in Organe“ gelangten. Diese Behauptung ist irreführend. 

Dass Impfstoffe, die in den Muskel injiziert werden, nicht komplett dort bleiben, sondern sich auch im Körper verteilen, ist normal und sogar gewünscht: „Natürlich kommt beispielsweise über die Lymphgefäße etwas vom Impfstoff in die Lymphknoten. Aber da soll es auch hin, denn dort soll die Immunreaktion ausgelöst werden. Vielleicht kommt auch ein bisschen in die Leber und muss abgebaut werden. Aber wir reden hier von so kleinen Mengen, dass davon keine Gesundheitsgefahr ausgeht,“ erklärt Immunologe Carsten Watzl. 

Auch der Molekularbiologe Emanuel Wyler bestätigt das. Daran, dass sich sich ein Teil des Impfstoffes im Körper verteilt, sei nichts überraschend oder beunruhigend: „Es ist quasi unvermeidbar, da Muskeln sehr gut durchblutet sind.“ 

Das könne sogar positiv sein, da dadurch der Impfstoff besser zu den sogenannten dendritischen Zellen komme: „Diese Zellen sind eine Form von Immunzellen, die spezialisiert darin ist, körperfremde Substanzen (Antigene) in diesem Fall den Impfstoff dem Immunsystem zu präsentieren“, so beginne die Impfung letztendlich zu wirken.  

Redigatur: Till Eckert, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Der Zulassungsbericht der Europäischen Arzneimittelbehörde für den Impfstoff von Pfizer/Biontech: Link (Englisch)
  • Die Studie aus Japan: Link (Japanisch/Englisch)
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zu Lipid-Nanopartikeln: Link




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