Faktencheck

Für dieses Gefängnis-Experiment gibt es keine Belege

Angeblich starb ein zum Tode verurteilter Mann als ihm durch ein tropfendes Geräusch suggeriert wurde, er würde verbluten. Angeblich tropfte jedoch nur Wasser in eine Schüssel. Es ist jedoch unbelegt, ob dieses Experiment jemals stattfand.

von Steffen Kutzner

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Angeblich sei bei einem Experiment in einem Gefängnis ein zum Tode Verurteilter gestorben, weil ihm suggeriert wurde, er würde verbluten. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass das Experiment jemals wirklich stattfand. Das dazu verbreitete Bild ist ein Symbolbild, das mit dem angeblichen Experiment nichts zu tun hat. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
In einem Gefängnis sei ein zum Tod Verurteilter bei einem Experiment gestorben, weil ihm suggeriert wurde, er würde verbluten.
Bewertung
Unbelegt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieses Experiment jemals stattfand oder ein Häftling dabei gestorben wäre. Das dazu verbreitete Bild ist echt, hat jedoch mit dem Experiment nichts zu tun.

Ein Gerücht über ein angebliches Experiment in einem Gefängnis macht derzeit in Sozialen Netzwerken die Runde. Darin geht es um einen Wissenschaftler, der einem zum Tode verurteilten Mann durch das Geräusch von tropfendem Wasser suggeriert haben soll, dass er verblute. „Im Laufe der Minuten verlor sein Gesicht Farbe und seine Herzfrequenz beschleunigte sich“, heißt es in dem Text. Schließlich, so das Gerücht, starb der Mann – ohne eine physische Ursache. 

Der Beitrag will damit offenbar eine Gefahr für das Leben aus der aktuellen Corona-Politik konstruieren. Denn es heißt dort: „Wenn sie ihnen sagen, dass sie ein Virus haben, sterben Menschen an purer Angst und Autosuggestion. Nachdem man Tag und Nacht alle Medieninformationen gesehen hat, ist man voller Angst und das Immunsystem wird durch die Angst geschwächt. Heute ist bekannt, dass die Todesgefahr durch einen Virus in Wirklichkeit sehr gering ist, es sei denn, Sie haben Angst – und Ihr Verstand erledigt den Rest.“

Mehrere Facebook-Beiträge mit identischem Text kursieren dazu seit Anfang Juli auf Facebook und wurden dort mehrere tausend Male geteilt. Neben dem Text ist oft ein Foto zu sehen, das einen Mann auf dem elektrischen Stuhl zeigt. Es werden jedoch weder Namen genannt, noch Zeit- oder Ortsangaben gemacht. Ob das Experiment jemals wirklich stattfand, ist unbelegt. Behörden und Experten halten das jedoch für sehr unwahrscheinlich. Das Foto ist dagegen echt, hat aber mit dem angeblichen Experiment nichts zu tun.

Hinter den Kulissen: Arte-Dokumentation gibt Einblicke in die Arbeit von CORRECTIV

Die Regisseurinnen Susanne Binninger und Britt Beyer haben unser vielfach ausgezeichnetes Investigativ-Team über Monate begleitet (89 Min.)

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Experiment fand angeblich in Indien statt

Das Gerücht über das angebliche Experiment kursiert bereits seit Jahren und fand auch in seriösen Medien Erwähnung. So schreibt die Süddeutsche in einem Artikel aus dem Jahr 2013, dass das Experiment in den 1930er Jahren in Indien stattgefunden haben soll. 

Das widerspricht allerdings dem auf Facebook verbreiteten Text, der das Experiment schildert. Darin heißt es, der angebliche Verurteilte habe dem Experiment zugestimmt, weil er nicht auf dem elektrischen Stuhl habe hingerichtet werden wollen. In Indien wurde die Todesstrafe aber nicht mit dem elektrischen Stuhl vollstreckt, sondern mit dem Strang

Die erste Hinrichtung mit einem elektrischen Stuhl fand 1890 in den USA statt; neben den USA wandten nur die Philippinen (1924-1976) diese Hinrichtungsart an.

Wir haben bei der Faktencheck-Organisation Boom in Indien nachgefragt, ob die Geschichte dort bekannt ist. Eine Mitarbeiterin teilte uns mit, dass man das Gerücht nicht kenne.

Auszug aus der E-Mail der Faktencheck-Organisation Boom aus Indien (Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Experiment ist höchstwahrscheinlich eine Legende

Angebliche Tötungen von Häftlingen bei Experimenten mit Suggestion gibt es in unterschiedlichen Varianten. So kursiert etwa auch eine Geschichte von einem Häftling in England, der angeblich starb, nachdem ihm suggeriert worden war, ihm sei die Kehle durchgeschnitten worden. Das berichteten die Faktenchecker von Snopes schon im Jahr 2011 und wiesen darauf hin, dass es sich dabei um Legenden handele, denen es vollständig an Belegen fehle. 

Da es elektrische Stühle neben den USA nur auf den Philippinen gab und es sich bei den Philippinen bis 1946 um eine amerikanische Kolonie handelte, haben wir die amerikanische Bundesbehörde für Gefängnisse gefragt, ob dort die Geschichte des angeblichen Experiments bekannt sei. Man teilte uns per E-Mail jedoch lediglich mit, man kommentiere anekdotische Behauptungen nicht. 

Auszug aus der E-Mail vom Federal Bureau Of Prisons (Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Wir haben auch beim Crime Museum, einer Organisation in Washington DC, die sich mit dem Gefängniswesen, Forensik und der Geschichte unterschiedlicher Bestrafungsmethoden befasst, nachgefragt. Auch dort hat man von der Geschichte jedoch noch nie gehört.

Bild wurde vermutlich von Wikipedia kopiert

Das Foto, das zu dem Text auf Facebook geteilt wird, hat mit dem Experiment nichts zu tun. Es handelt sich wahrscheinlich um ein nicht als solches gekennzeichnetes Symbolbild.

Man findet das Bild auf der Wikipedia-Seite zu „Elektrischer Stuhl“. Laut der Datei-Information stammt das Foto von William M. Van der Weyde und zeigt einen Mann im US-Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing um das Jahr 1900 herum. Dieselben Informationen finden sich auf der Webseite des New Yorker Eastman Museums, das viele Negative von Van der Weyde hat.

Wen zeigt das Foto?

Es ist nicht bekannt, wer der Mann auf dem Foto ist. Augenscheinlich entstand bei der Hinrichtung des Unbekannten mindestens ein weiteres Foto: Es zeigt den Gefangenen mit Augenbinde und teilweise dieselben Männer in dem Raum. So ist etwa der Mann, der links neben dem Gefangenen steht, in beiden Bildern derselbe. Auch die Position der Streifen auf der Häftlingskleidung und die markante kleine Tür mit dem weißen Schild hinter dem Gefangenen sind in beiden Bildern identisch. Es wurde unter anderem in einem Artikel der Deutschen Welle verwendet und wird laut deren Bildunterschrift ebenfalls etwa auf das Jahr 1900 datiert. Auf der Bilddatenbank Alamy wird das Entstehungsjahr mit 1898 angegeben. 

Die beiden Fotos der Hinrichtung (Quelle: Oben: Getty Images / Unten: Alamy / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Es gibt eine Liste von Hinrichtungen, die zwischen 1608 und 2002 in den USA – beziehungsweise den damals noch britischen Kolonien – stattgefunden haben. Sie wird von der Non-Profit-Organisation Death Penalty Information Center zur Verfügung gestellt. Für den Staat New York, in dem sich das Gefängnis Sing Sing befindet, sind für das Jahr 1898 nur zwei Hinrichtungen eingetragen (PDF, Seite 265/266), eine am 10. Januar und eine weitere am 1. August. Es handelt sich um zwei Männer, die beide wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Nur einer von ihnen war schwarz: Der 20-jährige Sutherland Hadley. 

Das Death Penalty Information Center, das die Liste erarbeitet hat, weist jedoch darauf hin, dass die Liste der Hinrichtungen womöglich nicht vollständig sei. Da die Angaben zum Jahr der Aufnahme auseinandergehen, könnte es sich zudem auch um einen anderen Mann handeln. Bis Ende 1901 wurden laut dem Death Penalty Information Center vier weitere Schwarze hingerichtet.

Amerikanischen Behörden und Organisationen ist die Geschichte des Experiments unbekannt

Wir haben auch das Death Penalty Information Center gefragt, ob man dort von dem Experiment gehört habe. Eine Antwort erhielten wir nicht.

Die einzige Behörde der USA, die uns eine Information erteilte, ist das „Department of Corrections and Community Supervision“ des Bundesstaates New York – dort, in Sing Sing, entstand das Foto, das auf Facebook verbreitet wurde. Cindy DiNuzzo, Verwaltungsreferentin der Behörde, schrieb uns: „Das ist nie passiert und der Social-Media-Beitrag ist falsch.“ 

Wir haben zusätzlich den Forschungsleiter der Abteilung Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Tübingen, Medizinpsychologe Paul Enck, nach seiner Einschätzung des angeblichen Experiments gefragt. Er antwortete uns, dass ein solches Experiment vor mindestens 70 Jahren hätte stattfinden müssen, „weil nach dem Zweiten Weltkrieg solche Experimente, wenn überhaupt, einer Genehmigung durch Ethik-Kommissionen bedürfen, und die hätte es nie bekommen“. 

Medizinpsychologe: Angst allein tötet niemanden

Enck erklärte in seiner E-Mail weiter, dass er prinzipiell nicht glaube „dass negative Erwartungen in der Lage sind, einen Menschen zu töten“, solange nicht Krankheiten vorlägen, die den Tod wahrscheinlicher machen würden. Das gelte auch für den Facebook-Beitrag, in dem suggeriert wird, dass die Menschen während der Pandemie aus Angst vor dem Coronavirus sterben würden. 

Enck widerspricht dieser Darstellung: „Mir ist kein Fall bekannt, dass Angst vor einer Infektion allein für einen Todesfall verantwortlich sein soll, noch dazu, weil ja die Infektion (anders als beispielsweise viele terminale Krebserkrankungen) dem Prinzip nach behandelbar ist.“

Fazit: Es gibt keine Hinweise darauf, dass das Experiment jemals stattgefunden hat, weder in Indien, noch in den USA. Das Foto ist ein Symbolbild, das wahrscheinlich einen Häftling in New York um das Jahr 1900 herum zeigt.

Redigatur: Matthias Bau, Tania Röttger

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