Faktencheck

Ukraine: Desinformation rund um Bombardierung eines Kindergartens in Luhansk

In einem Video wird behauptet, ein Loch in der Wand eines Kindergartens im Osten der Ukraine sei nicht durch eine Granate entstanden, sondern künstlich verursacht worden – um einen Angriff vorzutäuschen. Gestützt werden soll diese Behauptung durch mehrere Fakes.

von Steffen Kutzner

Ukraine Tensions
Ein Pressefoto des zerstörten Turnraumes eines Kindergartens in der Oblast Luhansk (Quelle: Picture Alliance / Associated Press / Uncredited)
Behauptung
Die Bombardierung eines Kindergartens in Luhansk sei vorgetäuscht gewesen oder eine „False Flag“ der Ukraine.
Bewertung
Unbelegt. Es gibt zahlreiche Aufnahmen des Kindergartens und keine Belege, dass das Loch in der Wand nicht von einem Beschuss stammt. Die Ukraine und Russland beschuldigten sich gegenseitig, verantwortlich für den Angriff zu sein.

Seit dem 17. Februar kursieren in Sozialen Netzwerken Bilder von einem Kindergarten in der Oblast Luhansk in der Ost-Ukraine, der mutmaßlich beschossen wurde. Fotos zeigen ein Loch in der Wand eines Turnraumes. Mehreren Berichten zufolge gab es einen Angriff auf das Gebäude. 

Im Netz kursieren jedoch Behauptungen, die die Bilder als Fake oder „False Flag“ darstellen. Suggeriert wird, dass der Angriff nur vorgetäuscht sei, doch dafür gibt es keine Belege. Rund um die Behauptung kursieren verschiedene Bild-Fälschungen; dabei handelt es sich offenbar um Desinformation. 

Manipuliertes Foto: Bagger wurde nachträglich neben dem Kindergarten eingefügt

Mit einem digital bearbeiteten Foto, in das nachträglich ein Bagger eingefügt wurde, wird zum Beispiel suggeriert, das Loch in der Wand sei durch einen Presslufthammer entstanden. Wie Reuters berichtet, handelt es sich dabei jedoch um eine Fotomontage – ein Bagger stand ursprünglich nicht neben dem Loch in der Wand. Das zeigt ein Video auf Facebook, in dem der Kindergarten von außen zu sehen ist. 

Dieses manipulierte Foto kursiert auf Twitter und Facebook und wird als vermeintlicher Beleg genutzt, dass der Kindergarten nicht beschossen wurde. Der Bagger wurde jedoch nachträglich eingefügt. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Keine Belege, dass der Angriff auf den Kindergarten vorgetäuscht wurde

Das Narrativ vom erfundenen Angriff kursiert auch in Deutschland: In einem deutschsprachigen Telegram-Beitrag wird behauptet, dass die Bilder des Kindergartens „Fake“ seien. Das Video stammt von einer Bloggerin namens Alina Lipp, die selbst einen Kanal namens „Neues aus Russland“ auf Telegram betreibt. 

Sie deutet an, dass der Einschlag im Kindergarten nicht von einem Angriff pro-russischer Separatisten stamme und dass es keine Explosion gegeben habe. Ihre Begründung: Es fehlten Rußspuren und Geröll an der Einschlagstelle und die Fenster seien nicht zerbrochen. Um ihre Aussage zu belegen, zeigt sie Bilder von anderen Einschlägen, auf denen jedoch ebenfalls kaum Rußspuren zu sehen sind. Das Fenster im Kindergarten neben der Einschlagstelle ist zudem offensichtlich zerstört.

Die Bilder, die Bloggerin Alina Lipp als Beleg anführt, dass der Einschlag nicht echt gewesen sei, zeigen die kaputten Fenster in der Nähe des Lochs in der Wand (Quelle: Telegram / Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Dass der Angriff auf den Kindergarten stattfand, bestätigen zahlreiche Fotos und Medienberichte (hier und hier) – dort wird der Angriff pro-russischen Separatisten zugeordnet. Auch die ukrainischen Streitkräfte schreiben auf Facebook, die „russischen Besatzungstruppen“ seien dafür verantwortlich. 

Einige russische Webseiten geben dagegen der ukrainischen Seite die Schuld. In einem Artikel der Seite MK-RU vom 17. Februar hieß es: „Die ukrainische Armee bombardierte einen Kindergarten in [Luhansk]“. Als Quelle wird ein Telegram-Kanal, mutmaßlich von pro-russischen Separatisten, angegeben. Ein Faktencheck der ukrainischen Faktencheck-Organisation Stop Fake kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich bei dem Artikel von MK-RU um eine Falschmeldung handele. 

Bild von US-Außenminister Blinken mit einem Foto des Kindergartens ist eine Fälschung

Das Narrativ vom gefälschten Angriff, das Alina Lipp auf Telegram verbreitet, griff auch der österreichische Wochenblick auf und behauptete am 21. Februar in einem Artikel, US-Außenminister Antony Blinken habe ein Foto des Kindergartens bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in die Kamera gehalten. Es wird ein Vergleich zu 2003 gezogen, als der damaligen US-Außenminister Colin Powell ein Fläschchen in die Kamera hielt, um zu beweisen, dass der irakische Diktator Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen habe. Eine Lüge, wie sich später herausstellte

Die Behauptung, Blinken habe ein Foto des Kindergartens hochgehalten, ist aber ebenfalls falsch. Die AFP hat das Foto von Blinken mit dem Bild des Kindergartens bereits in einem Faktencheck als Fälschung entlarvt. Die Recherche zeigt, dass Blinkens Gesicht und das Bild des Kindergartens nachträglich in das Foto des ehemaligen US-Außenministers Colin Powell von 2003 eingefügt wurden.

Oben: Der damalige US-Außenminister Colin Powell im Jahr 2003. Unten: Das gefälschte Foto des heutigen US-Außenministers Antony Blinken, dessen Gesicht digital über das alte Foto von Powell gelegt wurde. (Quelle: Wikimedia Commons, Telegram / Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Keine Belege für „False Flag“ der Ukraine

Alina Lipp sagt weiter, der Kindergarten befinde sich nicht innerhalb der Volksrepublik Luhansk, sondern auf dem Gebiet, das die Ukraine kontrolliert. Das stimmt zwar; dasselbe schreiben die ukrainischen Faktenchecker von Stop Fake in ihrem Artikel. Ein eindeutiger Beleg dafür, dass die Separatisten nicht verantwortlich sind, ist das jedoch nicht. Die ukrainischen Faktenchecker benennen Hinweise, dass der Beschuss vom Gebiet der Volksrepublik aus geschehen sein kann.

Wie der Nachrichtensender NTV am 18. Februar berichtete, liegt der Kindergarten in Stanyzia-Luhanska und heißt „Skaska“. Das Dorf liegt nur knapp hinter der Grenze der selbsternannten Volksrepublik, nahe der Stadt Luhansk. Diese gehört wiederum zur Volksrepublik und liegt nur wenige Kilometer westlich der ukrainisch-russischen Grenze. 

Ein Hinweis, dass es sich wirklich um diesen Kindergarten handelt, ist ein markanter Zaun, der auch auf einigen Bildern auf der Facebook-Seite des Kindergartens zu erkennen ist. Auch der getroffene Raum selbst ist in einem Facebook-Beitrag des Kindergartens von Anfang 2020 zu sehen.

Derselbe Raum im Kindergarten „Skaska“ Anfang 2020. Im Hintergrund ist das Wandmotiv mit den Palmen zu sehen und rechts das Regal mit den Fußbällen. (Quelle: Facebook-Seite des Kindergartens „Skaska“)

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Russland-Ukraine-Krieg finden Sie hier.

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Faktencheck von Reuters zu dem Kindergarten: Link
  • Facebook-Video vom Außenbereich des Kindergartens ohne Bagger: Link
  • Faktencheck der ukrainischen Organisation Stop Fake zu dem Kindergarten: Link
  • Faktencheck von AFP zu dem manipulierten Foto von Antony Blinken: Link
  • Faktencheck von Stop Fake (Ukraine): Link

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