Faktencheck

Nein, es gibt keine Belege für Organhandel mit der EU und mobile Krematorien in der Ukraine

Laut eines Blog-Beitrags werden ukrainischen Soldaten Organe entnommen und in die EU verkauft. Die Leichen sollen danach angeblich in mobilen Krematorien entsorgt werden, um den Organhandel zu vertuschen. Die angeblichen Belege dafür stimmen jedoch nicht.

von Steffen Kutzner

Transport und Lieferung von Organspende durch Mediziner
So wurde im Jahr 2020 ein gespendetes Organ transportiert (Symbolbild: Picture Alliance / Zoonar / Robert Kneschke)
Behauptung
In der Ukraine würden Organe von noch lebenden Menschen entnommen und an die EU verkauft. Die Leichen würden danach mit mobilen Krematorien entsorgt werden.
Bewertung
Falsch. Es gibt weder Hinweise darauf, dass die Ukraine mobile Krematorien besitzt, noch dass es einen illegalen Ring für Organhandel mit EU-Staaten gibt. Einige vermeintliche Belege, die dafür vorgebracht werden, wurden schon vor Jahren als Fälschungen entlarvt.

Zwei Behauptungen stecken im Titel eines Beitrags des pro-russischen Blogs Neues aus Russland: „Wie mobile Krematorien dabei helfen, den ukrainischen Massenverkauf von Organen an die EU zu verbergen“. Angeblich machten „den größten Teil der Spender […] Soldaten der ukrainischen Armee aus, die von der Kontaktlinie mit dem Donbass in bewusstlosem Zustand in die Lazarette eingeliefert wurden“. Es würden aber auch Organe von in Gefangenschaft geratenen Separatisten verkauft, „sowie von Zivilisten — die meisten von ihnen Frauen und Kinder“. 

Diese Gerüchte gab es schon im Jahr 2014 und sie waren bereits damals falsch. Es gibt weder Beweise dafür, dass es einen Ring für Organhandel zwischen der Ukraine und EU-Staaten gibt, noch dafür, dass die Ukraine mobile Krematorien besitze. 

Keine Belege, dass mobile Verbrennungsanlagen zum Kremieren von Menschen benutzt werden  

Die mobilen Krematorien sollen, so die Behauptung, dazu eingesetzt werden, die Leichen der für die Organentnahme gestorbenen Verletzten zu beseitigen. Angeblich gebe es auch Berichte darüber, „dass ukrainische, sogenannte ‚schwarze Transplantologen‘ Organe von noch lebenden Menschen entnahmen und diese hinterher einäscherten“. Es geht also um eine angebliche Vertuschung von Organhandel.

Gerüchte über mobile Krematorien kursieren seit 2015. Zuletzt sprach der britische Verteidigungsminister Ben Wallace im Telegraph darüber. Eine angebliche Quelle für diese Behauptungen ist ein Video, das eine Verbrennungsanlage für organische Abfälle mit der Bezeichnung IN-50.1K zeigen soll.  

Laut eines Faktenchecks der US-amerikanischen Redaktion Snopes stammt das Video, das der Telegraph verbreitet, von 2013 und es gebe keine stichhaltigen Belege dafür, dass tatsächlich mobile Krematorien eingesetzt worden seien.

Des Weiteren behauptet Neues aus Russland, die Verteidigungsministerin Christine Lambrecht habe Anfang 2022 erklärt, „dass die Ukraine zur Unterstützung ein Feldlazarett und ein Krematorium erhalten werde“. Eine Quelle für diese Information nennt die Webseite nicht.

Wir haben beim Verteidigungsministerium nachgefragt, ob Informationen zu mobilen Krematorien in der Ukraine vorliegen. Das war jedoch nicht der Fall, wie uns ein Pressesprecher mitteilte. Eine Suche nach den ukrainischen Begriffen für „mobile Krematorien Ukraine“ brachte keine Treffer – sie führt zu Medienberichten über russische Krematorien. 

Vermeintliche Belege schon 2014 als frei erfunden enttarnt

Im Beitrag von Neues aus Russland werden bezüglich des angeblichen Organhandels mehrere vermeintliche Belege für die Behauptungen genannt.

Der erste Beleg soll „ein Schriftwechsel des Ex-Abgeordneten der ukrainischen Partei ‚Vaterland‘, Serhij Wlassenko, mit der deutschen Ärztin Olga Wieber und dem Kommandeur des Bataillons ‚Donbass‘, Semen Sementschenko“ sein.

Dieser angebliche Schriftwechsel ist frei erfunden. Wer den Namen Olga Wieber in eine Suchmaschine eingibt, findet unter anderem einen Artikel vom Spiegel aus dem Jahr 2014. Darin ist beschrieben, wie sie schon damals „Opfer des ‚globalen Informationskriegs‘” wurde. Der Grund dafür war wohl, dass sie auf ihrem Profilbild die Farben der ukrainischen Flagge im Gesicht trug und auf einigen älteren Fotos mit Arztkittel in einem Operationssaal zu sehen war. Das reichte, um sie mit dem angeblichen Organhandel in Verbindung zu bringen, obwohl sie damals lediglich für einen Medizintechnikhersteller gearbeitet hatte. 

Angebliche Firma für Organhandel sichert eigentlich Reisen ab

Den zweiten Beleg im Text von Neues aus Russland stellen angebliche Berichte dar, für die jedoch keine Quelle angegeben wird. In denen stehe angeblich, dass „eine weitere Welle von Organkäufen von der Firma Global Rescue vorangetrieben [wird], die auf die Lieferung von Organen spezialisiert ist und Verträge mit der OSZE abgeschlossen hat“. 

Wir haben Global Rescue um eine Stellungnahme gebeten. Das Unternehmen kümmert sich um sicheres Reisen und Risikomanagement, auch im medizinischen Bereich. Mit Organspenden habe das Unternehmen jedoch nichts zu tun, wie uns ein Pressesprecher, Bill McIntyre, per E-Mail schrieb. McIntyre teilte uns zudem mit, dass Global Rescue im Jahr 2014 gar nicht in der Ukraine aktiv gewesen sei. Demnach begann ihre Präsenz dort vor 6,5 Jahren und endete vor zwei Jahren.

Bundesgesundheitsministerium: Organe, die in Deutschland transplantiert werden, kommen nicht aus der Ukraine

Auch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat keine Kenntnis von dem angeblichen Ring für Organtransplantation. Eine Sprecherin des BMG schrieb uns per E-Mail, dass zumindest in Deutschland gar keine Organe von Verstorbenen aus der Ukraine ankämen: „In Deutschland werden postmortal gespendete Organe ausschließlich über die Stiftung Eurotransplant, einem Verbund von acht europäischen Ländern, zugeteilt. Die Ukraine ist nicht Mitglied in diesem Verbund, so dass Deutschland von dort keine Spenderorgane erhält. Dem BMG liegt keine Erkenntnisse zu Organhandel mit Bezug zur Ukraine vor.“

Auch das Innenministerium hat keine Kenntnisse von dem angeblichen Organhandel. Wie uns ein Sprecher mitteilte, „handelt es sich hier um Falschbehauptungen“.

Es gibt also nach unseren Recherchen weder Hinweise darauf, dass in der Ukraine ein Ring für Organhandel existiert, noch gibt es Hinweise darauf, dass die Ukraine mobile Krematorien einsetze, um die angeblichen Opfer verschwinden zu lassen.

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Russland-Ukraine-Krieg finden Sie hier.

Redigatur: Sarah Thust, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland zu mobilen Krematorien der russischen Armee vom 26. Februar 2022: Link
  • Interview mit Olga Wieber zu dem angeblichen Schriftwechsel bezüglich Organspenden von Juli 2014: Link

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