Faktencheck

Augenzeugen berichten über Diskriminierung von Schwarzen an der ukrainischen Grenze

Seit Ende Februar berichten einige Flüchtlinge aus der Ukraine von Diskriminierung bei der Ausreise. Ein Video, das dazu in Deutschland kursiert, zeigt beispielsweise eine Auseinandersetzung an einem Bahnhof. Das Video ist authentisch. Die UN reagierte bereits auf solche Berichte.

von Sarah Thust

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Seit Kriegsbeginn in der Ukraine sind hunderttausende Menschen auf der Flucht – darunter auch Studenten und Studentinnen aus dem Ausland. Einige berichteten von Diskriminierung. (Symbolbild: Picture Alliance / Zuma-Press / Vincenzo Circosta)
Behauptung
Schwarze würden daran gehindert, in Züge zu steigen, um aus der Ukraine auszureisen. Ein Video belege das.
Bewertung
Größtenteils richtig
Über diese Bewertung
Größtenteils richtig. Das Video allein ist kein Beleg dafür, dass die Wartenden aufgrund ihrer Hautfarbe nicht in den Zug einsteigen durften. Es gibt jedoch mehrere Zeugenberichte von Schwarzen, die von solcher Diskriminierung berichteten.

In Sozialen Netzwerken verbreiten sich seit Ende Februar mehrere Videos, die Menschen auf der Flucht vor dem Russland-Ukraine-Krieg zeigen sollen (hier, hier und hier). Zu sehen sei darin, wie insbesondere Schwarze am Einsteigen in Züge oder Busse gehindert werden – angeblich durch die ukrainische Polizei. 

In Deutschland verbreitete sich dazu etwa ein Video – die Nutzerin fragt: „Warum werden (Schwarze und People of Color) in der #Ukraine daran gehindert in Züge zu steigen um ausreisen zu können?“. 

Ein Video zeigt, wie Menschen an einem Bahngleis warten – der Zug, vor dem sie stehen, fährt ab

In dem Video, das am 26. Februar verbreitet wurde, ist eine Menschenmenge vor einem Zug zu sehen, darunter sind vor allem Schwarze. Ihnen gegenüber stehen Polizisten und Männer in Militäruniform, die scheinbar die Türen blockieren bis der Zug abfährt. Eine Frau diskutiert mit einem der Uniformierten, danach kommt es zu einer lautstarken Diskussion zwischen einem schwarzen und einem weißen Mann – ein Mann in Militärkleidung versucht die Diskussion zu schlichten, wie an seiner Gestik zu erkennen ist. Es ist nicht zu verstehen, worüber die Menschen streiten. Man hört mehrere Sprachen durcheinander – Ukrainisch, Französisch und Englisch. 

Die Bahnhofshalle von Lwiw spiegelt sich in den Fenstern des Zuges
Die Bahnhofshalle von Lwiw spiegelt sich in den Fenstern des Zuges, an der Treppe hängen dieselben Schilder (blaue Markierung) und es sind Polizisten in ukrainischer Uniform zu sehen (rote Markierung) (Quelle: Twitter; Screenshots, Markierungen und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass das Video in der Ukraine entstanden ist: Die Polizisten tragen ukrainische Uniformen, wie sich durch eine Bildersuche verifizieren lässt. Zu erkennen ist das an der sternförmigen Marke der ukrainischen Polizei auf der Mütze und dem sternförmigen Jacken-Aufnäher an der linken Schulter. 

Polizisten in Lwiw helfen Flüchtlingen vor dem Krieg Russlands in der Ukraine
An dem Zeichen auf der Mütze ist zu erkennen, dass in dem Video Polizisten aus der Ukraine zu sehen sind (Foto vom 1. März: Picture Alliance / Abaca / Yaghobzadeh Alfred; Screenshot, Markierung und Vergrößerung: CORRECTIV.Faktencheck)

In Fotoagenturen von Nachrichtenmedien fanden wir außerdem Bilder von genau solchen Zügen, die Flüchtlinge aus der Ukraine nach Polen transportierten. 

In einigen Einstellungen aus dem Video ist eine markante Bahnhofshalle zu sehen – es handelt sich um die Halle in der ukrainischen Stadt Lwiw, nahe der polnischen Grenze. Nachdem der Zug weggefahren ist, sind die Treppe, das grüne Plakat und auch die gesamte Halle zu erkennen, wie ein Vergleich mit Bildern auf Google Streetview zeigt.  

Lwiw Lemberg Bahnhof Ukraine
Die Bahnhofshalle von Lwiw sieht auf Google Streetview genauso aus wie in dem Video (Quelle: Google Streetview; Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Die UN meldet, es habe Fälle von Diskriminierung gegeben

In mehrere Medienberichte schildern Betroffene genau solche und ähnliche Erfahrungen. Laut den Berichten handelte es sich bei den Betroffenen häufig um Studierende aus dem Ausland – zum Beispiel aus Indien, Nigeria oder Marokko. Nach Angaben der ukrainischen Regierung lebten am 1. Januar 2021 mehr als 76.500 ausländische Studierende in der Ukraine.

Dem Independent sagte Filippo Grandi, UN-Hochkommissar für Flüchtlinge am 1. März: „Unsere Beobachtungen sind, dass dies keine staatliche Vorgabe ist – aber es gab Fälle, in denen sowas passiert ist.“ Er betonte, es sollte „absolut keine Diskriminierung“ geben. 

Das UN-Expertengremium für Menschen afrikanischer Abstammung schrieb am 3. März in einer Pressemitteilung: „Mehrere Einzel- und Medienberichte deuten auf eine Regulierung ukrainischer Züge, Busse sowie der Grenzen selbst hin, um Menschen afrikanischer Abstammung die Bewegungsfreiheit zu verweigern oder zu verzögern, bis alle weißen Migranten und Asylbewerber untergebracht sind.“

Organisationen und Regierungsvertreter aus aller Welt haben die diskriminierende Behandlung an der Grenze verurteilt, darunter der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan und die Afrikanische Union. Polen widersprach den Vorwürfen laut Berichten vom 1. März. 

Wie der RBB am 3. März berichtete, lässt sich die Frage, ob Nicht-Ukrainer systematisch ungleich behandelt wurden, durch offizielle Stellen bisher nicht bestätigen. Nachfragen bei Proasyl, Amnesty International und dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ergaben demnach, dass den Berichten nachgegangen werde – sie bisher aber weder bestätigt noch dementiert werden könnten. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Tania Röttger

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