Faktencheck

Mariupol: Nein, diese Fotos verletzter Frauen belegen keinen inszenierten Angriff

In Sozialen Netzwerken wird einer schwangeren Bloggerin unterstellt, sie habe mehrere verletzte Frauen bei einem „angeblichen“ Bombenangriff in Mariupol gespielt. Doch Journalisten vor Ort haben den Einschlag dokumentiert – die Bloggerin war eine von mehreren Patienten.

von Sarah Thust

Patientin auf einer Entbindungsstation in Mariupol
Die Bloggerin Mariana war als Patientin auf einer Entbindungsstation in Mariupol, als eine Bombe einschlug (Archivfoto vom 9. März: Picture Alliance / AP / Evgeny Maloletka)
Behauptung
Eine Bloggerin habe auf Fotos vom Angriff auf das Kinderkrankenhaus in Mariupol „die Rollen“ mehrerer schwangerer Frauen „gespielt“.
Bewertung
Falsch. Die Bloggerin lag laut Angabe von Fotografen als Patientin auf der Entbindungsstation eines Krankenhauses, die Geburt ihres Kindes stand bevor. Auf den Bildern ist nicht nur sie zu sehen, sondern auch andere Verletzte.

Triggerwarnung: In diesem Beitrag ist Bildmaterial zu sehen, das die Folgen von Gewalt zeigt. 

Am 9. März wurde ein Krankenhaus mit Entbindungsstation in Mariupol in der Südost-Ukraine bombardiert. Bilder in den Medien zeigten verletzte, schwangere Frauen. Die russische Botschaft in London verbreitete daraufhin auf Twitter die Behauptung, bei den „Verletzten“ handele es sich um Schauspielerinnen, die Szenen seien gestellt. Twitter hat die Tweets der Botschaft inzwischen gelöscht.

In Deutschland griff die Webseite Anti-Spiegel die russischen Behauptungen auf und behauptete, die schwangere Beauty-Bloggerin „Marianna aus Mariupol“ habe mehrere verletzte Frauen gespielt, sie habe sich dafür sogar umgezogen. 

russische Botschaft UK auf Twitter
Diese Fotos stellte die russische Botschaft auf Twitter gegenüber: das Bild links zeigt die Bloggerin nach der Explosion, das Bild rechts stammt von ihrem Instagram-Account (Quelle: Twitter / Russian Embassy UK ; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Aufnahmen der verletzten Frauen stammen von der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Die freien Fotografen Mstyslav Chernov und Evgeny Maloletka fotografierten und filmten für AP im Treppenhaus der Klinik und vor dem Gebäude. 

Die Bilder zeigen zwei verschiedene Frauen in Mariupol

Anti-Spiegel fragt: „Warum erklärt mir kein ‚Qualitätsjournalist‘, warum das kein Fake war und wie Marianna als ‚bemitleidenswertes Opfer‘ des russischen Luftangriffs gleich dreimal in verschiedenen Rollen in dem Video auftaucht (…)?“ Angeblich zeigten Bild 1, Bild 2 und Bild 3 dieselbe Frau, die aber unterschiedliche Opfer darstellen soll. 

Tatsächlich handelt es sich laut Fotograf Chernov um zwei verschiedene Frauen, die beide schwanger waren. Das konnten wir anhand eines Videos, das Anti-Spiegel selbst verlinkt hat, bestätigen. 

Vergleich der verletzten Frauen, die im Video zu sehen sind
Links und rechts in dieser Collage ist die ukrainische Bloggerin zu sehen – sie und ihr Ungeborenes haben den Einschlag überlebt. Die Frau in der Mitte ist eine andere Frau, die schwer verletzt war, sie und ihr Kind überlebten nicht. (Quelle: AP; Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf einigen Aufnahmen ist eine blonde Frau in einem hellen Pyjama mit schwarzen Punkten zu sehen – ihr Gesicht ist an mehreren Stellen blutig, doch sie kann laufen. In der Hand hält sie eine Decke, die sie sich später um die Schultern legte. Die anderen Bilder zeigen dagegen eine Frau in einem hellen Oberteil, die verletzt auf einer Bahre liegt. Sie hat andere Gesichtszüge und etwas Blut an der linken Augenbraue. 

Wie Recherchen der Nachrichtenagentur AP ergaben, sind die Frau auf der Bahre und ihr ungeborenes Kind in ein anderes Krankenhaus gebracht worden, dort aber gestorben.

Die Frau mit dem gepunkteten Pyjama ist Beauty-Bloggerin 

Es stimmt, dass die blonde Frau eine Beauty-Bloggerin aus Mariupol ist.

Eine kurze Google-Recherche führt zu vielen Medienberichten, die bestätigen, dass die Instagram-Bloggerin als Patientin in der Klinik war. Dass sie hochschwanger war, zeigt ein Foto auf ihrem Instagram-Profil vom 28. Februar. AP berichtete zudem am 11. März über die Geburt des Kindes

Staatsnahe Medien in Russland berichten, das Krankenhaus sei zum Zeitpunkt des Angriffs leer gewesen – doch die Angaben sind widersprüchlich

Laut Anti-Spiegel seien im Inneren des Krankenhauses „nirgends“ Blut, Tote oder Verletzte zu sehen. Das Bildmaterial der Journalisten bestätigt aber, dass in und vor dem Krankenhaus verletzte Menschen und Blutspuren zu sehen sind (hier, hier und hier). Laut Angaben der Ukraine wurden mindestens 17 Personen bei dem Angriff verletzt, mindestens drei Menschen starben. 

Nach Angaben des russischen Außenministers Sergei Lawrow habe das Krankenhaus in Mariupol als Stützpunkt des nationalistischen Asow-Bataillons gedient, nicht als Krankenhaus. Die Rede ist aber von „Entbindungskrankenhaus Nr. 1“, das anders aussieht, als das in den Aufnahmen. In Mariupol gibt es mehrere Geburtsstationen.  

Laut Recherchen des russischen Exil-Mediums Meduza, einer zweisprachigen Internetzeitung mit Sitz in Lettland, zeigen die Bilder von dem Angriff die „Entbindungsabteilung von Krankenhaus Nr. 3“ in Mariupol. Bellingcat hat die Klinikstandorte mithilfe von Satellitenbildern lokalisiert (hier und hier), demnach liegen sie mehr als zehn Kilometer voneinander entfernt.

Chernov, einer der AP-Fotografen, die bei dem Angriff vor Ort waren, schrieb am 11. März in einem Artikel: „AP-Reporter in Mariupol, die den Angriff in Videos und Fotos dokumentierten, sahen die Opfer und Schäden aus erster Hand – und nichts, was darauf hindeutet, dass das Krankenhaus als etwas anderes als ein Krankenhaus genutzt wurde.“

entbindungsklinik 1 und krankenhaus 3
Links ist das Entbindungskrankenhaus Nummer 1 zu sehen, in dem sich laut russischen Angaben angeblich Asow-Kämpfer befanden. Rechts ist das Krankenhaus Nummer 3 zu sehen, das nun von einer Bombe getroffen wurde. (Quellen: Google Maps und 0629.com.ua; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Russland-Ukraine-Krieg finden Sie hier.

Redigatur: Steffen Kutzner, Tania Röttger

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