Faktencheck

Nein, dieses Video zeigt keine Leichensäcke in der Ukraine – es zeigt einen Klimaprotest

Im Internet wird ein Video von angeblichen Leichensäcken in der Ukraine verbreitet. In einem der Säcke liegt jedoch ein Mensch, der sich bewegt. Einige Nutzer leiten daraus ab, dass die Szene inszeniert sei. Unsere Recherche zeigt jedoch: Das Video wurde manipuliert und hat mit der Ukraine nichts zu tun – es zeigt eine Klima-Protestaktion in Wien.

von Marc Steinau

Video von Klima-Demo manipuliert
Diese Aufnahme stammt nicht von einem Bericht über die Ukraine. Sie zeigt einen Klimaprotest in Wien. (Quelle: Youtube / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige, dass inszenierte Aufnahmen zur Ukraine verbreitet würden.
Bewertung
Manipuliert. Die Video-Aufnahmen zeigen einen Klimaprotest in Wien. Der Text im Video und der zu hörende Kommentar des Sprechers wurden manipuliert, um einen angeblichen Bezug zur Ukraine herzustellen.

Anfang März verbreitete sich in Sozialen Netzwerken ein Video, in dem schwarze Säcke aufgereiht zu sehen sind, die an Leichensäcke erinnern. Im Vordergrund steht ein Journalist mit einem Mund-Nasen-Schutz, der ein Mikrofon hält. Während der Journalist in die Kamera spricht, bewegt sich plötzlich ein Mensch unter einer der schwarzen Folien. Unter dem Video wird ein Text in englischer Sprache angezeigt: „Ukrainisches Gesundheitsministerium: 57 Tote, 169 Verletzte in der Ukraine während Russland einen Angriff startet“.

Dadurch wird suggeriert, die angeblichen Aufnahmen aus der Ukraine seien der Beweis für eine Inszenierung. Das Video verbreitete sich international – auch im deutschsprachigen Raum wurde es geteilt. 

Die Aufnahmen stammen jedoch nicht aus einem Bericht zur Ukraine. Sie entstanden bei einem Klimaschutz-Protest in Wien. Das Video wurde manipuliert.

Der Beitrag suggeriert, mit dem Video würden „Fake News“ über die Ukraine verbreitet – das stimmt nicht
Der Beitrag suggeriert, mit dem Video würden „Fake News“ über die Ukraine verbreitet – der wurde jedoch verfälscht (Quelle: Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Aufnahmen entstanden bei einem Klima-Protest in Wien

Im Internet kursieren unterschiedliche Versionen des Videos – in einer davon ist links unten ein Name erkennbar: Marvin Bergauer. Eine Google-Suche zeigt: Es handelt sich um einen Reporter des österreichischen TV-Senders OE24.

Mit dem Namen des Journalisten und TV-Senders finden wir auf Youtube ein Video mit dem Titel „Wien: Demo gegen Klimapolitik“. Das Video wurde am 4. Februar 2022 auf dem offiziellen Account von OE24 hochgeladen, also knapp drei Wochen vor dem Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs. Auch auf der Seite des Senders ist es abrufbar. Es zeigt denselben Video-Ausschnitt, der auch im Video zu sehen ist.

In dem Video geht es um eine Protestaktion der Klimaaktivisten von „Fridays for Future“. Auf dem Instagram-Account der Gruppe sind Fotos der Aktion zu sehen, mit dem Protest wollten sie auf Klimatote aufmerksam machen

Unten im Original-Video steht nichts über Todesfälle in der Ukraine – im Untertitel des Videos heißt es stattdessen: „Wien: Demo gegen Klimapolitik“. In den Version, die in Sozialen Netzwerken kursieren, wurde der Untertitel im Bild folglich verfälscht – das lässt sich auch an den unterschiedlichen Schriftarten erkennen. 

Zudem wurde das Original so zugeschnitten, dass im Hintergrund stehende Protestierende mit deutschen Plakaten zum Klimaprotest nicht zu sehen sind.

Klimaschutz-Demo in Wien
In der Original-Aufnahme (links) ist im Hintergrund ein Transparent der Klimaschutz-Aktivisten zu sehen. Im manipulierten Video (rechts) ist das Plakat icht zu sehen, da das Video zugeschnitten. (Quelle: Youtube und Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Was ebenfalls verändert wurde, ist der Kommentar des Moderators: In Sozialen Netzwerken ist ein Mann zu hören, der auf Englisch über die Lage in der Ukraine spricht. In dem Original-Video dagegen redet der Sprecher auf Deutsch über die Protest-Aktion, die hinter ihm stattfindet.

Untertitel und Ton-Kommentar stammen von einem US-amerikanischen Beitrag

Um herauszufinden, woher der Ton und der Untertitel stammen, die in dem manipulierten Video zu sehen und zu hören sind, haben wir zunächst auf Google nach dem Untertitel „Ukrainian Health Ministry: 57 dead, 169 hurt across Ukraine as Russia launches attack“ gesucht. Unter den Suchergebnissen ist  ein Beitrag des US-amerikanischen Nachrichtensenders NBC vom 24. Februar.

In dem Video ist derselbe Wortlaut zu hören, wie auf Telegram, Twitter und Facebook. Es ist die Stimme des NBC-Journalisten Cal Perry, der sagt, es gebe mindestens 59 Tote und mindestens 149 Verletzte. Im Untertitel des Videos steht jedoch: 57 Tote, 169 Verletzte.

Derselbe Untertitel wurde in dem Video eingesetzt, das im Netz kursiert. 

Auch die Untertitel im Video wurden ausgetauscht – sie stammen von einem völlig anderen Nachrichtensender
Für die Manipulation des Videos wurde der Untertitel sowie teilweise der Kommentar aus einer Nachrichtensendung des Senders NBC (links) in das Video von OE24 eingefügt (rechts). (Quelle: NBC, Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

OE24-Reporter Bergauer schrieb am 8. März in einem Instagram-Beitrag, sein Bericht über den Klima-Protest sei „von russischen Staatsmedien zweckentfremdet“ worden. Er verwies dazu auf einen Bericht von CNN, wonach pro-russische Social Media-Kanäle das falsche Video verbreitet hätten. 

Das manipulierte Video kursiert weltweit. Auch die Faktencheck-Redaktionen von Reuters USA Today und Propublica griffen das Thema auf. Es ist zudem nicht das erste Mal, dass das Video in einem falschen Kontext verbreitet wird. Vor einem Monat kursierte das Video schon auf Spanisch mit der Behauptung, es handle sich um eine Inszenierung von Personen, die an Covid-19 gestorben seien.

Redigatur: Sophie Timmermann, Sarah Thust

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Beitrag von OE24 zu Klima-Protest, 4. Februar 2022: Link
  • Beitrag von NBC zum Russland-Ukraine-Krieg, 25. Februar 2022: Link
Keine Faktenchecks verpassen

Einmal wöchentlich senden wir Ihnen eine Auswahl aktueller Faktenchecks und Hintergrundberichte per E-Mail.