Faktencheck

40 Mal mehr schwere Nebenwirkungen nach Covid-19-Impfung als bekannt? Zweifel an Charité-Umfrage werden laut

Eine Studie der Charité soll belegen, dass bei Covid-19-Impfungen 40 Mal mehr schwere Nebenwirkungen aufgetreten sind, als das Paul-Ehrlich-Institut bisher dokumentiert hat. Es handelt sich um eine freiwillige Internet-Umfrage, bei der die Angaben der Teilnehmenden nicht überprüft werden.

von Steffen Kutzner

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Charité in Berlin (Symbolbild: Pixabay / jensjunge)
Behauptung
Eine Charité-Studie belege, dass es bei Covid-19-Impfungen auf mRNA-Basis 40 Mal häufiger zu schweren Nebenwirkungen komme als bisher laut den Daten des Paul-Ehrlich-Instituts bekannt sei.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Es handelt sich um eine Online-Umfrage, an der Aussagekraft und Repräsentativität der Daten haben verschiedene Experten Zweifel geäußert. Auch die Charité distanzierte sich davon.

Auf Sozialen Netzwerken finden sich aktuell viele Beiträge zu der Behauptung, eine aktuelle Studie der Berliner Charité zeige, dass nach Impfungen mit mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 40 Mal mehr schwere Impfnebenwirkungen auftreten, als das Paul-Ehrlich-Institut bisher angebe. 

Ein Professor der Charité hat tatsächlich eine Untersuchung zu Impfnebenwirkungen durchgeführt. Doch dabei handelt es sich nicht um eine Studie, bei der Patienten untersucht wurden, sondern um einen Online-Fragebogen, der von freiwilligen Teilnehmenden beantwortet wurde. Die Charité distanzierte sich laut Medienberichten von der Untersuchung.

Professor startete Online-Befragung zu Covid-19-Impfnebenwirkungen

Eine archivierte Version der inzwischen nicht mehr erreichbaren Studien-Unterseite auf der Webseite der Charité zeigt, dass es sich bei der Befragung um einen digitalen „Fragebogen zur Erfassung von körperlichen Beschwerden nach Impfung, Covid-19 Erkrankung bzw. allgemeiner Beschwerden“ handelt. Über die Ergebnisse dieser Untersuchung berichteten der MDR am 28. April und das ARD Mittagsmagazin am 2. Mai in Beiträgen über Impfnebenwirkungen. Dazu wurde Harald Matthes interviewt, der Leiter der „Impf-Survey-Studie“. 

Auf Facebook verbreitet sich ein Sharepic der angeblichen Studien-Ergebnissen (Quelle: Facebook; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Etwa 40.000 Menschen habe Matthes ein Jahr lang befragt. Er sei, so erklärt er im ARD-Beitrag (ab Minute 1:54), zum Ergebnis gekommen, dass das Paul-Ehrlich-Institut mit seinen Angaben zu schweren Nebenwirkungen deutlich unter der tatsächlichen Impfnebenwirkungsrate liege. 

Laut der Befragung gab es bei 0,8 Prozent der Geimpften schwere Nebenwirkungen – 80 Prozent heilen laut Matthes nach einigen Monaten wieder aus

Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden seit Beginn der Covid-19 Impfkampagne nach 0,02 Prozent der Impfungen schwerwiegende Verdachtsfälle gemeldet. Dies würde also eine von 5.000 geimpften Personen betreffen. Matthes kam bei seiner Untersuchung jedoch auf bis zu 0,8 Prozent, also die 40-fache Menge, was einer von 125 geimpften Personen entspricht. 

Eine Impfnebenwirkung wird laut Arzneimittelgesetz dann als schwer eingestuft, wenn sie lebensbedrohlich oder tödlich ist, eine Behinderung oder Geburtsfehler hervorruft, oder eine stationäre Behandlung erforderlich macht. Zu diesen schwerwiegenden Nebenwirkungen zählt das Paul-Ehrlich-Institut zusätzlich alle unerwünschten Ereignisse von besonderem Interesse, etwa eine Herzrhythmusstörung, eine Thrombose oder eine Herzmuskelentzündung. 

Die Teilnehmenden der Umfrage werden mehrfach über einen längeren Zeitraum befragt. Laut Matthes würden 80 Prozent der beobachteten schweren Nebenwirkungen nach drei bis sechs Monaten wieder ausheilen. Die Impfung ist laut Matthes sinnvoll, habe aber wie jede andere Impfung auch Nebenwirkungen. So wies er in dem MDR-Interview vom 28. April auch darauf hin, dass eine Herzmuskelentzündung vier bis fünfmal häufiger nach einer Covid-19-Infektion auftrete, als nach einer Impfung.  

Seitdem Matthes seine Ergebnisse präsentiert hat, ist viel darüber berichtet worden. Gleichzeitig wurde jedoch Kritik an der Methodik und Aussagekraft der Untersuchung laut. 

Experten: Aussagen der Teilnehmenden werden nicht überprüft 

Die Charité distanzierte sich: Es handele sich nicht um eine wissenschaftliche Studie, sondern um eine offene Online-Befragung. „Diese Datenbasis ist nicht geeignet, um konkrete Schlussfolgerungen über Häufigkeiten in der Gesamtbevölkerung zu ziehen und verallgemeinernd zu interpretieren“, erklärte Charité-Sprecher Markus Heggen dem ZDF

Auch könne sich bei der Befragung jeder melden, die Identität werde nicht verifiziert, zitiert das ZDF den Impfstoff-Forscher Leif-Erik Sander von der Berliner Charité. Dadurch kann auch nicht überprüft werden, ob es sich um tatsächliche Impfnebenwirkungen handelt, oder ob die Person überhaupt geimpft wurde. Das ermöglicht theoretisch Manipulationen, ähnlich wie bei der Datenbank der US-Gesundheitsbehörde, VAERS. Auch dass die Teilnehmenden nicht repräsentativ ausgewählt werden, sondern jeder mit einer E-Mail-Adresse teilnehmen kann, führte zu Kritik

Untersuchung hat keine Kontrollgruppe

In einem Bericht der Zeit wird darauf hingewiesen, dass der Aussage, dass 0,8 Prozent aller Geimpften schwere Nebenwirkungen erleben, eine Einordnung durch eine Kontrollgruppe fehle. 

Einen Vergleich bietet eine vom US-Unternehmen Pfizer finanzierte Zulassungsstudie des Biontech-Impfstoffs mit etwa 43.000 Teilnehmern: Etwa die Hälfte von ihnen bekam den richtigen Covid-19-Impfstoff, die andere ein Placebo. Von den Geimpften gaben 0,6 Prozent „schwere unerwünschte Ereignisse“ an, die nach der Impfung auftraten; von den Ungeimpften waren es 0,5 Prozent (Seite 41 im Bericht). Die angeblich impfbedingten Komplikationen traten also in der Kontrollgruppe in nahezu gleichem Ausmaß auf wie bei den tatsächlich Geimpften. 

Vergleiche mit Studien aus anderen Ländern nicht stimmig – Werte aus Schweden liegen viel niedriger als 0,8 Prozent 

Matthes wird in dem Text auf der Webseite des MDR zitiert, seine Erkenntnisse entsprächen den Ergebnissen anderer Studien aus Schweden, Israel oder Kanada. In dem Fernsehbeitrag des MDR vom 28. April spricht Matthes allerdings von Dänemark, Kanada und Schweden. 

Unsere Anfrage per E-Mail ließ Matthes bisher unbeantwortet. Auf welche Studien genau er sich bezieht, ist daher unklar. Eine bekannte Studie aus Israel untersuchte zum Beispiel die Häufigkeit bestimmter schwerer Nebenwirkungen, aber nicht ihre Gesamtrate. 

Ein Hauptautor der schwedischen Studie, auf die Matthes sich mutmaßlich bezog, erklärt außerdem gegenüber der Zeit, die Aussage von Matthes sei nicht richtig: „Ich habe keine Ahnung, woher die 0,8 Prozent kommen sollen.“ Er kenne keine Studie, die auf ein solches Ergebnis komme, die Zahl sei viel zu hoch. Eine Sprecherin der zuständigen schwedischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel teilt der Zeit mit, die Rate der schweren Nebenwirkungen liege dort bei rund 0,05 Prozent. 

Redigatur: Sophie Timmermann, Alice Echtermann 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • MDR-Beitrag vom 28. April: Link
  • ARD-Beitrag vom 2. Mai: Link
  • Zeit-Artikel zu den Ergebnissen von Matthes vom 6. Mai: Link
  • Studie aus Israel zur Häufigkeit bestimmter Erkrankungen nach Impfungen mit Comirnaty: Link
  • Übersicht der FDA zur Datenlage bezüglich Comirnaty: Link
  • Studie von Pfizer und Biontech zu Comirnaty von November 2020: Link

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