Faktencheck

Collage mit Zitaten von „Grünen-Politikern“ fehlt Kontext

Auf Facebook und Twitter kursieren angebliche Zitate von Grünen-Politikern und öffentlichen Personen. Die Zitate stimmen – ohne Kontext sind einige jedoch missverständlich.

von Paulina Thom

Buendnis 90 Die Gruenen
In Sozialen Netzwerken verbreiten sich Collagen mit vier angeblichen Zitaten von „Grünen-Politikern“ (Symbolbild: Picture Alliance / Photothek / Thomas Koehler)
Behauptung
Timon Dzienus, Vorsitzender der Grünen Jugend habe gesagt: „Natürlich kennen die Grünen Vaterlandsliebe. Wir kennen und verachten sie.“ Ein angebliches Zitat von Sibel Schick von der Heinrich-Böll-Stiftung laute: „Rassismus gegen Deutsche ist richtig und wichtig.“ Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit habe gesagt: „Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches. (...) aber wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, sich auszuziehen: Es ist großartig.“ Angebliches Zitat von Georg Kurz, ehemaliger Vorsitzender der Grünen Jugend: „Kann’s kaum erwarten. #TeamUmvolkung“.
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Größtenteils richtig. Zwei der Zitate sind korrekt – das von Cohn-Bendit stammt aus dem Jahr 1982, das von Dzienus aus dem Jahr 2019. Bei dem angeblichen Zitat von Sibel Schick ist die Urheberschaft unklar; außerdem ist sie Autorin und keine Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung. Und die Aussage von Georg Kurz war vermutlich ironisch gemeint.

In Sozialen Netzwerken wird eine Collage mit vier vermeintlichen Zitaten von „Grünen-Politikern“ verbreitet (hier oder hier). Die Collage kursiert in unterschiedlichen Varianten und wurde allein auf Facebook hundertfach geteilt (Stand: 23. Mai). Einige der Zitate finden sich auch einzeln als Bilder im Netz, wie hier zu sehen ist. Wir haben die vier Zitate geprüft: Zwei davon sind richtig, zwei wurden aus dem Kontext gerissen. 

Auf der Collage ist der Stempel eines Meme-Accounts mit dem Namen „Gegen die Grünen Gomaringen“ zu erkennen, der laut Beschreibung „gegen Links/Grün“ ist. Von dort wurde die Collage offenbar übernommen. 

Twitter-Beitrag
Die Collage zeigt angebliche Zitate von drei Grünen-Politikern und Sibel Schick, Autorin und Journalistin (Quelle: Twitter; Screenshot am 16. Mai: CORRECTIV.Faktencheck)

1. Richtig: Timon Dzienus: „Natürlich kennen die Grünen Vaterlandsliebe. Wir kennen und verachten sie.“

Das Zitat stammt aus dem Jahr 2019 und ist korrekt wiedergegeben. Timon Dzienus war zu diesem Zeitpunkt Sprecher der niedersächsischen Grünen Jugend. Seit Oktober 2021 ist er Bundessprecher. Die Pressestelle der Grünen Jugend bestätigte uns, dass das Zitat von Dzienus stammt. 

Bei dem Zitat handelt es sich um einen Twitter-Beitrag vom 12. Oktober 2019. Dzienus kommentierte ein von der Jungen Union geteiltes Zitat Paul Ziemiaks. Dieser sagte am Deutschlandtag 2019 über den damaligen Grünen-Kanzlerkandidaten Robert Habeck: „Jemand wie Habeck, der Vaterlandsliebe nicht kennt, sollte nie Verantwortung für dieses Land bekommen!“. Mit seiner Aussage bezieht sich Ziemiak auf einen Satz, den Robert Habeck 2010 in seinem Buch „Patriotismus – Ein linkes Plädoyer“ schrieb. Zu Habecks Äußerung haben wir im Juni 2019 einen Faktencheck veröffentlicht. 

Fazit: Das Zitat ist korrekt.

2. Fehlender Kontext: Sibel Schick: Rassismus gegen Deutsche ist richtig und wichtig

Sibel Schick ist keine Grünen-Politikerin, sondern Journalistin und Buchautorin. Laut ihrer Webseite schrieb sie unter anderem für die Tageszeitungen Taz und Neues Deutschland. Sie war in den vergangenen Jahren immer wieder auf Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung als Podiumsteilnehmerin und Rednerin geladen. Sie ist jedoch keine Mitarbeiterin der Stiftung. 

Das ihr zugeschriebene Zitat stammt aus einem Twitter-Beitrag vom 7. März 2019. Der Beitrag ist nicht mehr online, aber Screenshots finden sich nach wie vor im Netz. Schick erklärte uns auf Anfrage, dass die Aussage nicht von ihr auf ihrem Twitter-Account veröffentlicht wurde. Sie habe an dem Tag ihren Account mit einer anderen Person geteilt. 

Ein Screenshot des Tweets, der noch im Netz zu finden ist, zeigt, dass Sibel Schick den Account zu diesem Zeitpunkt im März 2019 offenbar mit einer weiteren Person geteilt hat – das Profilbild ist geteilt und der Account-Name lautete „sibel & zugi“
Ein Screenshot des Tweets, der noch im Netz zu finden ist, zeigt, dass Sibel Schick den Account zu diesem Zeitpunkt im März 2019 offenbar mit einer weiteren Person geteilt hat – das Profilbild ist geteilt und der Account-Name lautete „sibel & zugi“ (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf dem Screenshot ihres alten Tweets ist zu erkennen, dass das Profilbild in der Hälfte geteilt ist und als Accountname „sibel & zugi“ angegeben ist. In ihrer Mail schrieb uns Schick, dass abgesprochen gewesen sei, dass die Person, mit der sie den Account teilte, ihre Beiträge mit „(z)“ markiert. In einem Twitter-Beitrag vom 16. November 2019 erklärte Schick bereits: „Der ‘Rassismus gegen Deutsche’-Tweet stammt von einem Tag, an dem ich meinen Account mit einer Bekannten geteilt hab. Sie hat vergessen, ihr Kürzel zu setzen, deshalb hat sie den gleich gelöscht. Das ist der Grund, warum kein aktuelles Profilbild auf dem Screenshot zu sehen ist.“ Sie schrieb weiter, dass der Beitrag nur wenige Minuten online gewesen sei. 

Fazit: Das Zitat ist korrekt wiedergegeben, doch es stammt laut Schick nicht von ihr, sondern von einer Bekannten, mit der sie den Account zu diesem Zeitpunkt teilte. 

3. Größtenteils richtig: Daniel Cohn-Bendit: Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches. (…) aber wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, sich auszuziehen: Es ist großartig.

Dieses Zitat haben wir bereits im Dezember 2019 in einem Faktencheck geprüft. Es ist bis auf eine Abweichung korrekt: Cohn-Bendit sagte eigentlich „Sie auszuziehen“ statt „sich auszuziehen“. 

Am 23. April 1982 war der Grünen-Politiker Gast in der französischen Talkshow Apostrophes und sagte: „Wenn ein kleines Mädchen von fünf oder fünfeinhalb Jahren anfängt, Sie auszuziehen, ist das fantastisch. Es ist fantastisch, weil es ein wahnsinnig erotisches Spiel ist.“ Cohn-Bendits Ausssage ist in diesem Videobeitrag von 2001 auf der Webseite des Archivs des Institut National de l’Audiovisuel (INA) ab Minute 0:44 zu sehen.

Cohn-Bendit betonte später mehrfach, er sei nicht pädophil. In einem Gespräch mit dem Spiegel 2013 führte er aus, dass seine Aussage sich nicht auf Sex mit Kindern, sondern auf die Sexualität von Kindern bezogen hätte. Ein Kind könne „über eine gespielte Verführung eine erotische Beziehung zu einem Erwachsenen aufbauen.“ Das bedeute jedoch nicht, „dass der Erwachsene darauf eingehen sollte.“ Seinen damaligen TV-Auftritt bezeichnete er als „hässlich und wirr“.

Zum Hintergrund: Einige Vertreter der Partei Bündnis 90/Die Grünen forderten in den 1980er Jahren Straffreiheit für pädophile Beziehungen. 2013 entbrannte dazu eine öffentliche Debatte und die Partei setzte eine Arbeitsgruppe zur Aufklärung der eigenen Geschichte und von Fällen sexuellen Missbrauchs an Kindern ein. Cohn-Bendit hatte einige Monate vor der Debatte aus gesundheitlichen Gründen seinen Rückzug aus der Politik erklärt.

Fazit: Das Zitat von Daniel Cohn-Bendit wurde leicht verändert – es stammt aber im Wesentlichen von ihm.

4. Fehlender Kontext: Georg Kurz: Kann’s kaum erwarten. #TeamUmvolkung

Georg Kurz war von 2019 bis 2021 Bundessprecher der Grünen Jugend. Das angebliche Zitat ist korrekt, doch es wurde aus dem Kontext gerissen. 

Am 30. Juni 2020 schrieb der damalige Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, in einem Tweet: „Peter Scholl-Latour sah es schon vor mehr als zehn Jahren: ‘Wir geraten in die Position einer bedrohten Minderheit’. Wir Weißen, Kaukasier oder wie immer man es nennen will.“ Kurz reagierte auf den Tweet und kommentierte: „Kann’s kaum erwarten. #TeamUmvolkung“. 

Der Grünen-Politiker Georg Kurz, kommentierte am 30. Juni einen Tweet des damaligen Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten
Der Grünen-Politiker Georg Kurz, kommentierte am 30. Juni einen Tweet des damaligen Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Zum Verständnis: Rechtsextremisten verwenden den Begriff „Umvolkung“ laut Bundesamt für Verfassungsschutz, um eine vermeintliche Überfremdung und damit verbundene Auslöschung des deutschen Volkes durch Migrantinnen und Migranten zu suggerieren. 

Bei einer Google-Suche fanden wir keine Stellungnahme von Georg Kurz zu seinem Tweet, die Pressestelle der Grünen Jugend bestätigte uns lediglich, dass das Zitat von Kurz stamme; persönlich konnten wir ihn nicht erreichen. 

Fazit: Der Kommentar von Kurz nahm vermutlich satirisch Bezug auf einen Tweet, der Narrative aus dem rechten Spektrum bedient. 

Redigatur: Matthias Bau, Uschi Jonas

Update, 27. Mai 2022: Wir hatten zunächst geschrieben, Sibel Schick hätte einen Workshop bei der Heinrich-Böll-Stiftung gehalten. Wir haben korrigiert, dass sie häufiger zu Veranstaltungen der Stiftung geladen war.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Tweet von Timon Dzienus über Vaterlandsliebe: Link
  • Tweet auf dem Profil von Sibel Schick über Rassismus: Link
  • Videobeitrag von 2001 auf der Webseite des Archiv des Institut National de l’Audiovisuel (INA): Link, Französisch 
  • Bericht der Arbeitsgruppe Aufarbeitung der Partei Bündnis 90/Die Grünen: PDF
  • Tweet von Georg Kurz über „Umvolkung“: Link

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