Faktencheck

Thrombose im Gehirn: Lauterbachs Aussage stammt von 2021 und bezog sich auf Astrazeneca-Impfstoff

Online kursiert ein Videoausschnitt von Karl Lauterbach. Darin sagt er, eine Thrombose im Gehirn sei „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ auf eine Impfung gegen Covid-19 zurückzuführen. Es fehlt wesentlicher Kontext: Seine Aussage stammt von Anfang 2021 und wurde verkürzt. Lauterbach bezog sich ausschließlich auf den Astrazeneca-Impfstoff, der seit Dezember 2021 nicht mehr eingesetzt wird.

von Kimberly Nicolaus

Presentation of a Coronavirus-Kindergarten-Study in German Health Ministry
In Sozialen Netzwerken kursiert ein Videoausschnitt der Sendung „Hart, aber fair“, der eine Aussage von Karl Lauterbach verkürzt wiedergibt. Lauterbach sprach über „Thrombose im Gehirn“, jedoch ausschließlich im Zusammenhang mit dem Astrazeneca-Impfstoff. (Quelle: Picture Alliance / NurPhoto / Emmanuelle Contini)
Behauptung
Karl Lauterbach habe in der Sendung „Hart, aber fair“ gesagt, eine Thrombose im Gehirn sei „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ auf den Impfstoff zurückzuführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Komplikation der Impfung handle, sei „überwältigend groß“.
Bewertung
Fehlender Kontext
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Fehlender Kontext. Die Aussage des heutigen Gesundheitsministers stammt aus der „Hart, aber fair“-Sendung vom 15. März 2021 und wird verkürzt wiedergegeben. Lauterbach bezog sich auf den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca, nach dessen Verabreichungen sieben Fälle von Hirnvenenthrombosen bekannt wurden. In Deutschland wird Astrazeneca seit Dezember 2021 nicht mehr verimpft.

„Denke damit ist alles gesagt!“ und „Der Herbst wird es richten!“, kommentierten Nutzerinnen und Nutzer ein Video, das momentan auf Facebook und Telegram kursiert. Darin ist der heutige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in der Talkshow „Hart, aber fair“ zu sehen. Er sagt, dass eine Thrombose im Gehirn „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ auf „den Impfstoff“ zurückzuführen sei und dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Komplikation der Impfung handle, „überwältigend hoch“ sei. 

Was in den Beiträgen weggelassen wird: Lauterbachs Aussage stammt aus März 2021, er bezog sich auf mehrere Fälle von Hirnvenenthrombosen, die nach Impfungen mit dem Impfstoff von Astrazeneca aufgetreten waren. Eine Thrombose im Gehirn ist laut Paul-Ehrlich-Institut keine Nebenwirkung der anderen in Deutschland zugelassenen und derzeit verimpften Covid-19-Impfstoffe.

In Sozialen Netzwerken wird eine Aussage von Karl Lauterbach verkürzt dargestellt. Lauterbach sprach von einer Thrombose im Gehirn, die in Zusammenhang mit dem Astrazeneca-Impfstoff aufgetreten ist. Zu dem Zeitpunkt waren sieben solche Fälle in Deutschland bekannt.
In Sozialen Netzwerken wird eine Aussage von Karl Lauterbach verkürzt dargestellt. Lauterbach sprach von einer Thrombose im Gehirn, die in Zusammenhang mit dem Astrazeneca-Impfstoff aufgetreten ist. Zu dem Zeitpunkt waren sieben solche Fälle in Deutschland bekannt. (Quelle: Telegram; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Videoausschnitt stammt aus einer „Hart, aber fair“-Sendung im März 2021 – Lauterbach bezog sich auf Astrazeneca-Impfstoff 

In dem in Sozialen Netzwerken geteilten Video werden etwa 40 Sekunden aus einer Folge der Talkshow „Hart, aber fair“ gezeigt. Eine Suche auf Youtube mit den Stichworten „Hart aber fair“, „Lauterbach“ und „Thrombose“ führt zu einer Folge vom 15. März 2021 mit dem Titel „Stopp für AstraZeneca: Impfplan gescheitert?“. Damals war Karl Lauterbach SPD-Bundestagsabgeordneter. Seit dem 8. Dezember 2021 ist er Bundesgesundheitsministers. Schon der Titel der Sendung zeigt, dass es darin um die Aussetzung des Covid-19-Impfstoffs von Astrazeneca geht, nicht um Impfstoffe gegen Covid-19 generell. Zu diesem Zeitpunkt wurden in Deutschland die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca eingesetzt. Der Impfstoff von Johnson & Johnson wurde wenige Tage zuvor (11. März) in der EU zugelassen. 

Im Video ist ab Minute 4:42 derselbe Ausschnitt zu sehen, der aktuell auf Facebook und Telegram kursiert. Lauterbach sagt: „Die Komplikationen, die wir hier sehen, also dieses Syndrom [Anm. d. Red. Krankheitsbild mit verschiedenen Symptomen], was einhergeht mit einem deutlichen Absinken der Thrombozytenzahlen, dass dann zu einer Thrombose im Gehirn führt, das ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf den Impfstoff zurückzuführen.“ 

Dann folgt ein Satz, der im online kursierenden Ausschnitt fehlt. Lauterbach sagt: „Davon sieht man in Deutschland sonst pro Jahr ungefähr 50 Fälle, hier sieht man sieben Fälle bei 1.6 Millionen geimpften Personen.“ Anschließend folgt der Teil, der im Video wieder vorhanden ist. Lauterbach sagt (ab Minute 5:09): „Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um eine Komplikation des Impfstoffes handelt, ist überwältigend hoch, das ist einfach so, das muss man einräumen. Das ist keine normale Thrombose, sondern hier wird zum Schluss rauskommen, das ist eine Komplikation des Impfstoffes.“ 

PEI empfahl vorübergehende Aussetzung von Astrazeneca-Impfungen nach sieben Fällen von Hirnvenenthrombosen

Weiter sagt Lauterbach, er hätte es bevorzugt, die Vorfälle zunächst untersuchen zu lassen und in der Zwischenzeit weiter Impfungen durchzuführen. Er bezog sich mit seiner Aussage auf die Entscheidung des damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU). Dieser hatte an dem Tag, als die „Hart aber fair“-Sendung ausgestrahlt wurde (15. März), verkündet, die Impfungen mit Astrazeneca auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vorerst auszusetzen. 

Zu diesem Zeitpunkt waren sieben Fälle von Hirnvenenthrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung mit Astrazeneca aufgetreten. Bei einer Hirnvenenthrombose entstehen Blutgerinnsel in Hirnvenen und behindern dadurch den Blutabfluss, wie die Julius-Maximilians-Universität Würzburg schreibt. Das führe zur Schädigung des Hirngewebes.

Warum kann eine Hirnvenenthrombose als sehr seltene Nebenwirkung auftreten?
Forschende der Universitätsmedizin Greifswald führten eine Studie mit 69 Betroffenen durch, die einen sogenannten Vektorimpfstoff (Astrazeneca oder Johnson & Johnson) erhalten hatten und konnten so die Ursache für die Hirnvenenthrombosen aufklären. Die Studie wurde am 27. Juni 2022 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigen: Weder das Spike-Protein, das auch in den anderen Impfstoffen enthalten ist, noch eine Infektion mit Sars-CoV-2 seien für die sehr seltene Nebenwirkung verantwortlich. Ursache seien Antikörper gegen das Thrombozytenprotein Plättchenfaktor 4 (PF4), die die Blutgerinnung stark aktivieren. Diese Antikörper würden durch Bestandteile in den Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson ausgelöst. In der Pressemitteilung der Universitätsmedizin Greifswald heißt es weiter, dass die seltene Erkrankung durch Anpassung der Impfstoffe ausgeräumt werden könne.


Genau diese sieben Fälle griff Lauterbach auf, wie aus seiner vollständigen Aussage hervorgeht. So sagte er weiter (
ab Minute 6:08): „Ich hätte ehrlich kommuniziert, wie wir es wissen: Das sind sieben Fälle, es ist überwältigend wahrscheinlich, dass das von dem Astra-Impfstoff verursacht wurde, […], aber trotzdem ist der Nutzen im Verhältnis zu dem Schaden wahrscheinlich gut vertretbar.“ Seine Einschätzung stimmte zu diesem Zeitpunkt mit der der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) überein. Die EMA hatte zu diesem Zeitpunkt kommuniziert, dass der Nutzen der Impfung die Risiken nach derzeitigem Kenntnisstand überwiege. Diese Einschätzung ist auch aktuell auf der Webseite der EMA zu finden. 

Karl Lauterbach bezog sich also nicht auf alle Covid-19-Impfstoffe, sondern sprach ausschließlich von Hirnvenenthrombose-Fälle, die zeitlich nach einer Astrazeneca-Impfung auftraten.

PEI: In Deutschland verimpfte Covid-19-Impfstoffe keine Ursache für Hirnvenenthrombose

Die Hirnvenenthrombosen nach einer Astrazeneca-Impfung traten laut PEI vor allem bei Menschen unter 60 Jahren auf. In Deutschland empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) ab dem 1. April 2021 den Astrazeneca-Impfstoff nur noch für Menschen ab 60 Jahren; seit dem 1. Dezember 2021 kommt er in Deutschland nicht mehr zum Einsatz.

Für die anderen Covid-19-Impfstoffe stellte das PEI im aktuellsten Sicherheitsbericht vom 7. September keine Auffälligkeiten hinsichtlich der gemeldeten Fälle von Hirnvenenthrombosen fest. Aktuell zugelassen und verimpft werden in Deutschland die Covid-19-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Johnson & Johnson und Novavax.

Immer wieder wurden während der Corona-Pandemie Zitate von Karl Lauterbach aus dem Kontext gerissen oder frei erfunden (hier, hier und hier), um Stimmung gegen die Corona-Politik der Bundesregierung oder irreführende Aussagen zur Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe zu machen.

Redigatur: Sophie Timmermann, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, 7. September 2022: Link (archiviert)
  • Informationen der Bundesregierung zum Astrazeneca-Impfstoff, 7. April 2022: Link (archiviert)
  • Informationen zum Astrazeneca-Impfstoff, Europäische Arzneimittelagentur: Link (archiviert)
  • Studie: „SARS-CoV-2 Infection in Patients with a History of VITT“, New England Journal of Medicine, 27. Juni 2022: Link (Englisch, archiviert)
  • Pressemitteilung Universitätsmedizin Greifswald, 27. Juni 2022: Link (archiviert)

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