Faktencheck

Orthodoxer Priester? Pro-russischer Aktivist inszenierte Anti-Ukraine-Protest in Bulgarien

Ein Video eines aufgebrachten Mannes in schwarzer Kutte mit goldenem Kreuz in der Hand kursiert in Sozialen Netzwerken. Es soll einen orthodoxen Priester zeigen, der in Bulgarien den ukrainischen Präsidenten Selenskyj verflucht. Doch der Mann im Video ist ein bulgarischer Politiker und pro-russischer Aktivist.

von Max Bernhard

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Ein Video soll einen orthodoxen Priester in Sofia, Bulgarien, zeigen, wie er die Autokolonne des ukrainischen Präsidenten verflucht. Das ist falsch. (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige einen orthodoxen Priester in Sofia, Bulgarien, wie er die Autokolonne des ukrainischen Präsidenten verflucht.
Bewertung
Falscher Kontext
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Falscher Kontext. Das Video zeigt den pro-russischen Politiker Atanas Stefanov. Dafür, dass er orthodoxer Priester ist, gibt es keine Belege.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besuchte Anfang Juli 2023 Bulgarien. Selenskyj bedankte sich während des Besuchs unter anderem für bulgarische Waffenlieferungen – diese hatten kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs zunächst geheim stattgefunden.

Im Netz verbreitet sich zu Selenskyjs Besuch ein Video. Es zeigt einen wütenden Mann in schwarzer Kutte mit goldenem Kreuz in der Hand. Der Mann läuft in Richtung einer Straße, auf der mehrere Autos vorbeifahren, und schreit dabei mehrmals „Anathema“, was so viel bedeutet wie „Verfluchung“ oder „Kirchenbann“. Polizisten halten ihn zurück. Danach sagt er in die Kamera, er verfluche Selenskyj, nennt ihn drogensüchtig und spricht über Satanisten im Westen. Laut Beiträgen auf Facebook, Telegram und Twitter, soll es sich um einen orthodoxen Priester handeln, der Selenskyjs Autokollonne verflucht.

Das gespannte Verhältnis zwischen Kiew und der orthodoxen Kirche wird immer wieder als Teil russischer Propaganda und in Falschmeldungen thematisiert. Handelt es sich also vielleicht um eine echte Protestaktion eines Geistlichen?

Unsere Recherche zeigt: Der Mann in dem Video ist Atanas Stefanov, ein pro-russischer bulgarischer Politiker, der in der Vergangenheit bereits mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufsehen sorgte. Dafür, dass Stefanov ein orthodoxer Priester ist, fanden wir keine Belege. Er selbst bezeichnet sich als Subdiakon, was in der orthodoxen Kirche in etwa einem Messdiener entspricht.

Ein Telegram-Beitrag teilt das Video von Stefanov mit der Behauptung, es handele sich um einen Priester (Quelle: Twitter; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Kein Priester: Person im Video ist pro-russischer Aktivist Atanas Stefanov  

Über eine Google-Suche stoßen wir auf ukrainische Berichte über den Vorfall mit Überschriften wie „Pro-russischer Politiker in Bulgarien verkleidet sich als Priester und ,verflucht‘ Selenskyjs Wagenkolonne“ – demnach handelt es sich bei der Person im Video um Atanas Stefanov, einen bulgarischen Politiker und pro-russischen Aktivisten. Durch eine Suche nach dessen Namen finden wir weitere Artikel bulgarischer Medien über Stefanov und die Aktion. Eine Google-Suche führt zu Stefanovs Profilen auf Facebook, Tiktok und Youtube. Dort teilte er selbst Videos der Protestaktion.

Ein Vergleich mit Fotos aus Medienberichten und seinem Facebook-Profil zeigt, dass es sich bei dem Mann im Video um Stefanov handelt.

Ein Vergleich mit einem Foto auf Facebook zeigt, dass es sich bei der Person im Video um Atanas Stefanov handelt (Quelle: Youtube, Facebook; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

In einem Youtube-Video nennt sich Stefanov „Subdiakon“ – in der orthodoxen Kirche entspricht das in etwa einem Messdiener. Stefanov war außerdem Kandidat für die pro-russische Kleinstpartei MIR und ist nach eigenen Angaben Vorsitzender des Vereins „Freunde Russlands und der Orthodoxen Welt“.

Kürbis, Ikone, Kanzler: Verfluchung von Selenskyj ist nicht die erste Kreml-freundliche PR-Aktion 

Stefanov versucht immer wieder, mit solchen Aktionen Aufmerksamkeit zu erregen. Laut verschiedenen Medienberichten schmiss er im März 2023 eine ukrainische Flagge vom Balkon des Rathauses in Sofia. Im selben Monat versuchte er, dem ehemaligen bulgarischen Premierminister Bojko Borissow einen Kürbis zu überreichen, um gegen die Unterstützung der Ukraine zu protestieren. Im Juni soll er versucht haben, den Ex-Premierminister Kiril Petkow anzugreifen. Petkow war im Juni 2022 durch ein Misstrauensvotum abgesetzt worden.

Durch verschiedene Aktionen versucht Stefanov immer wieder Aufmerksamkeit zu generieren (Quelle: Facebook; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Im Jahr 2019 überreichte er Putin bei einer Pressekonferenz eine orthodoxe Ikone. Auch sonst macht Stefanov aus seiner Unterstützung der russischen Regierung und deren Angriffskrieg auf die Ukraine kein Geheimnis. Auf seinem Facebook-Profil finden sich Aufnahmen von ihm mit Stalin-T-Shirt und Russland-Kappe und mit verschiedenen Kreml-nahen Personen: Marija Sacharowa, Leiterin der Abteilung für Information und Presse des Außenministeriums der Russischen Föderation, Außenminister Sergei Lawrow und Gerhard Schröder.

Stefanov antwortete bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht auf eine Anfrage von uns.

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

Redigatur: Viktor Marinov, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Club Z Artikel vom 07. Juli 2023: Link 
  • MIR-Partei Kandidatur-Liste vom 03. April 2023: Link (archiviert)