Medizin und Gesundheit

Pfizer-Dokument belegt keine 80 Prozent Fehlgeburten bei geimpften Schwangeren

Online heißt es, 80 Prozent der Schwangeren hätten während der Teilnahme an einer Covid-19-Impfstudie von Pfizer ihre Babys verloren. Die Behauptung wird in ähnlicher Form auch von der US-Impfgegnerin Naomi Wolf verbreitet. Doch sie ist falsch.

von Paulina Thom

pfizer-studie-schwangere-fehlgeburten-faktencheck
Online kursiert die Behauptung, 80 Prozent der geimpften Schwangeren hätten bei einer Pfizer-Studie ihre Babys verloren – doch das entsprechende Dokument lässt einen solchen Schluss nicht zu (Symbolbild: Iuliia Zavalishina / Zoonar / Picture Alliance)
Behauptung
270 Frauen seien während der Teilnahme an den Pfizer-Covid-Impfstudien schwanger geworden. Mehr als 80 Prozent hätten ihre Babys verloren.
Bewertung
Falsch. Die Daten werden falsch interpretiert, sie stammen nicht aus einer Impfstudie, sondern aus einem Bericht von Pfizer über mögliche Nebenwirkungen nach der Zulassung des Comirnaty-Impfstoffes. Laut der US-Arzneimittelbehörde FDA wurden bei der Überprüfung der gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen, die sich auf Schwangerschaften bezogen, keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko durch die Impfungen festgestellt. Mehrere Studien bestätigen das.

Online heißt, 270 Frauen seien während der Teilnahme an den Pfizer-Impfstudien während der Coronavirus-Pandemie schwanger geworden und mehr als 80 Prozent von ihnen hätten ihr Baby verloren. Die Behauptung kursiert seit Monaten auf X, Facebook und Instagram, meist mit Bild- oder Videoverweis auf Naomi Wolf, einer Autorin aus den USA. 

Die Behauptung ist falsch. Die 270 Frauen haben nicht an einer Impfstudie teilgenommen, die Zahl stammt aus einem Pfizer-Sicherheitsbericht. Was dahinter steckt, zeigt der Faktencheck.

Post auf Facebook
Die Behauptung kursiert meist zusammen mit Videoaufnahmen der US-Impfgegnerin Naomi Wolf. Sie hatte sich zwar anders geäußert, doch auch ihre Behauptungen sind falsch. (Quelle: Facebook; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Was Naomi Wolf im Videoausschnitt über Covid-Impfungen von Schwangeren sagt

Wolf ist in den 90er Jahren als feministische Autorin und Journalistin bekannt geworden. Später verbreitete sie häufig Verschwörungstheorien, besonders zur Corona-Pandemie. Anfang September 2025 sprach Wolf auf Einladung der AfD- und EU-Politikerin Christine Anderson bei einem Treffen der rechten EU-Fraktion Europe of Sovereign Nations.

Wolf sagt in dem entsprechenden Videoausschnitt: „270 Frauen in der Studie – geimpfte Frauen – [wurden] schwanger. Nun gingen für 234 von ihnen die Aufzeichnungen darüber verloren, wie diese Schwangerschaften verliefen – was rechtswidrig ist. Pfizer sollte sie eigentlich während ihrer gesamten Schwangerschaft begleiten. Von den 36 Frauen, die ein Kind zur Welt brachten, verloren jedoch mehr als 80 Prozent ihr Baby“.

Diese Äußerungen werden in einigen deutschen Beiträgen falsch übersetzt. Dort heißt es: 234 von 270 Schwangerschaften – und damit mehr als 80 Prozent – wären in Fehlgeburten geendet oder die Schwangerschaften seien „verloren“ gegangen. Tatsächlich sagte Wolf, aber bei 234 der 270 Schwangerschaften seien die Aufzeichnungen über den Verlauf der Schwangerschaft „verloren“ gegangen – dazu später mehr.

Daten stammen nicht aus Studie, sondern Sicherheitsbericht von Pfizer

Unabhängig von der fehlerhaften Übersetzung sind auch Wolfs Behauptungen irreführend, weil sie den entsprechenden Pfizer-Bericht falsch darstellt. Der Bericht heißt „Cumulative analysis of post-authorization adverse event reports of pf-07302048 ​​(BNT162B2) received through 28-FEB-2021“ (übersetzt: Kumulative Analyse von Meldungen über unerwünschte Ereignisse nach der Zulassung) und wurde nach einer Klage gegen die FDA, die US-Lebens- und Arzneimittelbehörde, Ende 2021 veröffentlicht. Wir berichteten damals darüber.

Vor und nach der Zulassung eines Impfstoffes müssen die Hersteller den Zulassungsbehörden im jeweiligen Land Dokumente wie Daten der klinischen Studie und Berichte über mögliche Nebenwirkungen zur Verfügung stellen. In dem hier relevanten Bericht geht es nicht – wie Wolf sagt – um eine Studie an Schwangeren, sondern Pfizer listet potenzielle Nebenwirkungen auf, die nach der ersten Notfallzulassung des Comirnaty-Impfstoffes am 1. Dezember 2020 bis zum 28. Februar 2021 nach eigenen Angaben bekannt waren.

Pfizer-Sicherheitsbericht enthielt 270 Meldungen zu Schwangeren 

Das Dokument listet Meldungen aus einer Sicherheitsdatenbank von Pfizer über „unerwünschte Ereignisse“ – damit sind zum Beispiel mögliche Risiken und Nebenwirkungen gemeint – aus 63 Ländern, die meisten sind allerdings aus den USA und Großbritannien. Wichtig ist: Bei den im Dokument aufgeführten Meldungen handelt es sich um Verdachtsfälle, bei denen ein Zusammenhang mit der Impfung lediglich vermutet, jedoch nicht bestätigt ist. Jeder kann solche Fälle – ähnlich wie in Deutschland beim Paul-Ehrlich-Institut – melden. Diese Meldesysteme dienen dazu, mögliche Risikosignale frühzeitig zu erkennen und dann weiter in Studien zu untersuchen.

Tabelle 6 des Dokuments umfasst Meldungen zu schwangeren oder stillenden Frauen. Mit Bezug auf Schwangere gab es 270 Meldungen, aber nur ein kleiner Teil davon bezog sich tatsächlich auf Komplikationen der Schwangerschaft. Auch darüber berichteten wir bereits. Der Rest der Meldungen sind übliche Impfreaktionen, die nur die Mutter betrafen, wie etwa Kopfschmerzen.

Ausgang der Schwangerschaften war nur in 32 Fällen bekannt 

Insgesamt war zum Zeitpunkt des Berichts – der einen Zeitraum von etwa 90 Tagen abdeckt – der Ausgang bei 32 Schwangerschaften bekannt, 28 davon endeten mit dem Tod des Fötus oder Babys. Anders als Wolf behauptet, waren keine Aufzeichnungen „verloren“ gegangen, sondern zum Zeitpunkt des Berichts lagen bei den anderen 238 Meldungen im Zusammenhang mit Schwangerschaften kein Ergebnis über deren Ausgang vor.

Sich bei der prozentualen Berechnung nur auf die 32 bekannten Ausgänge der Schwangerschaften zu beziehen, verzerrt das Bild, denn es ist unbekannt, was mit den restlichen 238 Schwangerschaften geschehen ist und wie viele geimpfte Schwangere es zu diesem Zeitpunkt insgesamt gab. „Was hier vor allem fehlt, sind die Zehntausenden von Menschen, die den Impfstoff während der Schwangerschaft erhalten haben, dies aber nicht gemeldet haben“, erklärte Victoria Male, Dozentin für Reproduktionsimmunologie am Imperial College London, 2022 gegenüber der Associated Press.

Vergleicht man nur die 270 an Pfizer gemeldeten Schwangerschaften, von denen 28 zum Zeitpunkt des Berichts mit einer Fehlgeburt geendet hatten, entspräche das 10,4 Prozent – und nicht mehr als 80 Prozent, wie die Beiträge online oder Wolf behaupten.

Prüfung der Vorfälle durch FDA: Kein erhöhtes Risiko durch Impfungen

Eine spätere Studie, die die Fehlgeburten-Rate für etwa denselben Zeitraum (14. Dezember 2020 bis zum 28. Februar 2021) bei mehr als 35.000 gegen Covid geimpften Schwangeren untersuchte, kam auf eine Rate von etwa 14 Prozent. Eine solche Rate ist nicht unüblich. Blicken wir zum Vergleich auf Deutschland: Auch wenn die Datenlage nicht gut ist, gehen Schätzungen davon aus, dass etwa 25 Prozent aller Schwangerschaften in den ersten drei Monaten mit einer Fehlgeburt enden.

Eine Pressesprecherin der FDA schrieb uns 2022, die aus dem Sicherheitsbericht gemeldeten Fälle in Bezug auf Schwangerschaften und Stillzeit seien überprüft worden, und man habe keine „Sicherheitssignale“ gefunden, also keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko durch Impfungen. Auch spätere Studien (hier, hier und hier) konnten kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten durch die Impfung feststellen.

Schwangere waren von den klinischen Impfstudien ausgenommen. Laut einem FDA-Bericht, der die klinische Gesamtbewertung der Wirksamkeit und Sicherheit des Pfizer-Impfstoffs für die volle Zulassung dokumentierte, wurde von 42 geimpften Personen dennoch eine Schwangerschaft gemeldet. In der Gruppe der Geimpften habe es drei Fehlgeburten gegeben, in der Placebo-Gruppe fünf. „Die Häufigkeit von Spontanaborten, Fehlgeburten und Schwangerschaftsabbrüchen war in der Impfstoff- und der Placebo-Gruppe ähnlich“, heißt es im Bericht.

Naomi Wolf war für eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck nicht zu erreichen.

Redigatur: Steffen Kutzner, Max Bernhard

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pfizer-Dokument, “Cumulative analysis of post-authorization adverse event reports of pf-07302048”: Link
  • Studie über Covid-19-Impfungen bei Schwangeren, April 2021: Link