Hintergrund

Kartoffelkäfer, Kriegstreiber und kollabierende Systeme

Gezielte Lügen, Verdrehungen, Propaganda, Täuschungsversuche und Geschichtsfälschungen können Kriege auslösen oder dabei helfen, sie zu beenden. In Diktaturen und Demokratien werden Missinformationen benutzt. Ein Blick in die Vergangenheit.

von Dietmar Seher

© Collage von Ivo Mayr / Correctiv

Es ist Mitte 2013. Zwischen 500 und 2000 Asylbewerber aus dem Gebiet des riesigen ehemaligen Sowjetreichs registriert das Bundesamt für Migration in Nürnberg üblicherweise Jahr für Jahr. Die wenigsten werden anerkannt. Doch jetzt erleben die Statistiker fassungslos einen unerklärlichen Ausreißer, einen Sprung von 1.700 über mehr als 3.000 auf fast 15.000 Einwanderern binnen 36 Monaten aus Russland, die um Aufnahme bitten. Russland rückt auf Platz 1 in der Liste der Zuwanderungsstaaten. Schnell kann zwar der geografische Ausgangspunkt ermittelt werden. Es ist der Nordkaukasus. Dort herrscht der Diktator Ramsan Kadyrow mit harter Hand. Doch dieser Anstieg? Wurden etwa jüngste Menschenrechtsverletzungen übersehen oder eine Hungersnot? Ist da eine Null zu viel? Unterlief den Mathematikern ein Rechenfehler? Oder hat jemand die Menschen einfach aus Spaß, vielleicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, losgeschickt?

Fake News. 2013 war dieser Begriff noch nicht üblich im deutschen Sprachraum. Gegeben hat es die Dinge, die er beschreibt, aber schon immer im Lauf der Weltgeschichte. Wie die „Konstantinische Schenkung“, die der falsche Isidor im 9. Jahrhundert streute. Der Mann – oder die Männer, so genau weiß man das nicht – mixte aus frühen christlichen Botschaften ein ganzes Sammelsurium vermeintlich kirchlicher Regeln, um so die Macht der Päpste der Päpste gegenüber Europas weltlichen Herrschern zu sichern.

Was also hat die Kaukasus-Russen Mitte 2013 nach Westen getrieben? Etwas Klarheit in die mysteriöse Sache bringt Swetlana Gannuschkina, eine russische Fluchtexpertin. Ihr haben Mitarbeiter im April des gleichen Jahres eine irre Story erzählt. In den abgelegenen Tälern des Kaukasus werde von Haus zu Haus getuschelt, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im fernen reichen Deutschland etwa 40.000 Tschetschenen aufnehmen wolle. Deren Arbeitskraft werde benötigt. Als Begrüßungsgeld würden sie 4.000 Euro und ein Stück Land erhalten. Ganze Dörfer seien dabei, die Koffer zu packen und zur Fernbushaltestelle zu ziehen. Nichts und niemand könne sie stoppen. Ob Gannunischkas Darstellung selbst nur ein Märchen ist? Wahr ist: Deutsche Diplomaten rätseln heute noch über die Ursache des Exodus. Dass Schleuser die Arglosigkeit der Tschetschenen missbraucht haben, um schnelles Geld zu machen, dürfte aber eine Rolle gespielt haben.

Die Attacke auf dem Acker

Der kleine Leptinotarsa decemlineata ist, einerseits, eine Sache für Biologen. Er ist ausgewachsen 1,3 Zentimeter lang und trägt einen schwarz-gelb gestreiften Dress. Seine Lebenserwartung liegt bei zwei Jahren. Wir kennen ihn besser unter dem Namen Kartoffelkäfer. Ein gefräßiges Tierchen. Die Gefräßigkeit hat ihn im Mittleuropa des 20. Jahrhunderts zum Fake-Wesen schlechthin gemacht. DDR-Obere haben 1950 unter ihren unter Versorgungsmängeln leidenden Bürger die Mär von der großen Kartoffelkäfer-Attacke verbreitet. Sie ging so: Amerikanische Flugzeuge werfen im Tiefflug Millionen Kartoffelkäfer über den Feldern ab. Die würden die Ernte des wichtigsten Nahrungsmittels komplett auffressen. Der Käfer sei eine biologische Waffe, die ein einziges Ziel habe: Der gerade erst gegründete Arbeiter- und Bauernstaat solle ausgehungert werden.

Ganze Landbrigaden rückten aus, um ihre Kartoffeln zu retten und die Eroberer einzeln platt zu machen. Bilderbücher von „Karl Kahlfraß“ schilderten den Angriff und lösten in den ostdeutschen Schulen Neugier-Schauer aus. Plakate feuerten junge und alte Genossen an: „Den Kartoffelkäfer vernichten ist Kampf gegen die Kriegspläne der Imperialisten.“ 

Dabei konnte Karl Karlfraß auf lange Erfahrung in seiner Rolle zurückblicken. Man hatte schon 40 Jahre zuvor den Kartoffelkäfer ausgeguckt, um mit seiner mutmaßlich rücksichtslosen Futter-Gier die Menschen im eigenen Lager zu ängstigen und so die Reihen zu schließen. Während des 1. Weltkriegs beschuldigten Franzosen die Deutschen und Deutsche die Franzosen, mit dem Verbreiten der Sechsbeiner die andere Seite ausrotten zu wollen. Die Nazis gründeten beim Reichsnährstand einen Kartoffelkäfer-Abwehrdienst und bezichtigten England der massenhaften Züchtung des mutmaßlich gefährlichen Insekts. Und nach der SED-Aktion Anfang der 50er Jahre ließen sich westliche Dienste in einem Anfall merkwürdiger Ironie auf das Spiel ein und steigerten den Hype noch: Flugzeuge warfen Kartoffelkäfer über der „Zone“ ab. Es waren welche aus Pappe.

Derart dreiste Propagandacoups zeigen: Das planmäßige Streuen von Gerüchten ist wirklich keine Entdeckung des Internet-Zeitalters. Es ist schon immer gezielt eingesetzt worden, um den Lauf nationaler oder weltweiter historischer Entwicklungen zu beeinflussen oder ihnen im Nachhinein eine andere Deutung zu geben.

Das kann bösartig sein, menschenverachtend und fürchterliche Wirkung haben wie die um 1903 in Russland aufgetauchte, wahrscheinlich aber auch da bereits 50 Jahre alte Erzählung des „Protokolls der Weisen von Zion“, ein erfundener Bericht über eine angebliche jüdische Verschwörung zur Beherrschung der Welt. Die Nazis machten sie zum Unterrichtsstoff und nutzten das antisemitische Pamphlet gezielt, um im Land Stimmung gegen die Juden zu machen und sie in die Gaskammern zu jagen.

Auch die Erzählung von Karl dem Großen als brutaler „Sachsenschlächter“ gehört in die Sparte Lügen der Weltgeschichte. War er das wirklich? Heute hat man den Verdacht, dass findige Leute die lateinischen Verben „delocare“ (umsiedeln) und „decollare“ (köpfen) bei der Beschreibung seiner Feldzüge buchstabenverdreht haben, warum auch immer. Der römische Kaiser Nero war zwar ein despotischer Herrscher, aber dass er den Brand legen ließ, der zwei Drittel des Rom 64 nach Christus zu Asche machte? Das glauben heute nur noch wenige Historiker.

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Mit Lügen in den Krieg

Es gibt zahlreiche Bespiele aus der Vergangenheit, wie mit Lügen Kriege begründet oder Aufstände geschürt wurden. 1789 ergiff Frankreichs Landbevölkerung Panik, angesichts des heraufdämmernden Ende des royalen Regimes komme es zu Attacken von Straßenräubern, zu Lebensmittelknappheit, zu einem fürchterlichen Rachefeldzug des Adels. Die „große Angst“ (grande peur) befeuerte Chaos und schließlich den Sieg der Revolution.

Der von Hitler befohlene Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939, der einen Übergriff von Polen auf das Deutsche Reich simulierte, führte zum Einmarsch in Polen.

Colin Powell, US-Außenminister, berichtete am 5. Februar 2003 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unter Berufung auf Geheimdienstberichte von riesigen Sattelschleppern, mit denen der irakische Diktator Saddam Hussein angeblich Raketen und biologische Waffen durch die Wüste kutschieren lasse. Der Bericht rechtfertigte die US-Intervention im Irak. Später wurde klar: Irakische Biowaffen gab es da längst nicht mehr.

Hitlers vermeintliche „Alpenfestung“, über die 1945 spekuliert wurde, war am Ende ein komplettes Phantom. Aber doch haben die vagen Berichte die westlichen Alliierten bewogen, den Vormarsch auf Berlin abzubrechen und nach Süden zu schwenken. Irritiert vom raschen, widerstandsfreien Vorrücken seiner Panzer durch den Westen des Nazi-Reiches fand der alliierte Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower die Meldung des Berner Büros des US-Geheimdienstes OSS plausibel, die Deutschen bunkerten sich im Gebirge ein und planten, von dort aus Guerillakämpfe zu führen. Die anschließende Kurskorrektur der Militärs hatte historische Folgen: Statt GI’s besetzten Rotarmisten zunächst die ganze Reichshauptstadt. Das kommunistische Regime richtete sich in deren Ostteil für fast 50 Jahre ein. Berlin wurde Brennpunkt im Kalten Krieg.

Die Angstmacher

Wie kommt es, dass unbelegte Erzählungen die Menschen beeinflussen? „Wo immer in der Kommunikation ein Vakuum entsteht, werden Gift, Müll und Unrat hineingeworfen“, hat der britische Publizist Cyril Parkinson das Phänomen umschrieben. Ein Psycho-Problem, das ernst genommen wird: Die Amerikaner richteten in ihren Kriegsgefangenenlagern im besiegten Deutschland sogar „rumor clinics“ ein, um aufgetauchte Gerüchte dort im Keim zu ersticken, weiß der Historiker Ulrich Raulff. Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, kennt das Rezept, wie Gerüchtestreuen funktioniert: „Man nehme eine Bevölkerung, sagen wir zweihundert oder zweihunderttausend Leute, versetze sie in eine Situation der Angst, Not oder Lebensgefahr. Die braucht gar nicht real zu sein, die bloße Vorstellung genügt. Anstelle der Angst kann auch revolutionäre Unruhe zur Wirkung kommen. Sodann entziehe man die Information oder lasse nur noch gefälschte oder zensierte zu. Binnen kurzem stellen sich die Resultate ein, die Gerüchteküche brodelt, Dunstschwaden ziehen. Der Durchblick wird getrübt.“

Doch wie wehrt sich die Wahrheit gegen Halbwahrheiten, Viertelwahrheiten oder Unwahrheiten? Eine Form wird gerade in Tschechien ausprobiert: Mit dem Strafrecht. In dem Land – und nicht nur dort — drohen demjenigen fünf Jahre Haft, der „falsche und beunruhigende Gerüchte verbreitet“. Die Tschechen haben den Paragraphen im vergangenen Jahr schon ganz aktuell angewandt. Auf dem belebten Altstädter Ring, in der Innenstadt Prags, zog ein vermeintlicher Beduine auf einem Kamel auf, begleitet von Militärfahrzeugen und schwarz gekleideten Bärtigen, die laut „Allahu akbar“ riefen und in die Luft schossen. Der Beduine kündigte den verschreckten Passanten an, Prag sei ab sofort vom IS besetzt, es gelte die Scharia, Frauen würden gesteinigt und Universitäten geschlossen. Die Passanten, ohnehin fremdenfeindlichen Tönen durch die eigene Regierung ausgesetzt, müssen den Spuk für bare Münze genommen haben. Panik brach aus. Die Polizei beendete den Auftritt. Hinter der Aktion steckte der Rechtspopulist Martin Konvicka. „Eine Parodie“, redete er sich heraus.

Gelegentlich wirkt – vor allem im Netz – ein Mix aus Schnelligkeit und Witz, um die Lügen zu enttarnen. Selbst in ernstesten Lagen. Im Sommer 2016 erschütterte der Münchner Amoklauf die ganze Republik. Die Polizei musste am Abend des 22. Juli, als ein psychisch kranker Einzeltäter am Olympia Einkaufszentrum neun Menschen tötete, rund einhundert Hinweisen auf Facebook oder Twitter nachgehen. 80 haben sich als reine Erfindung herausgestellt. Es waren weder drei schießende Täter unterwegs noch wüteten Terroristen am Stachus noch drangen sie in das Gelände des Tollwood-Festivals ein. Die Polizei twitterte damals eindeutig zurück: „Erzählen Sie es Ihrem Spiegelbild“. Daneben nutzte die Einsatzleitung das Medium zur schnellen Klärung und zur Korrektur. Münchens Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins wurde dafür viel gelobt.

Mogelei im Fernsehen

Und manchmal, je nach Sichtweise, schiebt eine spektakuläre Mogelei ja auch Geschichte in die richtige Richtung. Der Kalte Krieg, der in Berlin begann, ging an einem Herbstabend 1989 auch in Berlin zu Ende. Und wieder ist es zumindest eine halbe Fake News, die das Finale beschleunigt. Das Internet ist dafür nicht nötig. Das gibt es damals noch nicht. Das gute alte Flimmer-Fernsehen reicht. In den „Tagesthemen“ schmückt ARD-Moderator Hans-Joachim Friedrichs die wenige Stunden zuvor durch den DDR-Regierungssprecher Günter Schabowski stotternd angekündigte „Ausreiseregelung“ ziemlich spannend aus: „Guten Abend meine Damen und Herren. Dieser 9. November ist ein historischer Tag“, sagt er. Und dann ein Satz wie ein Signal zum Aufbruch: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Wir wissen: Friedrichs lag richtig. Aber als seine Worte übertragen werden, ist es erst 22.42 Uhr. Mit Ausnahme des Übergangs an der Bornholmer Straße steht nichts offen. Gähnend leer und dunkel ist die Nacht an der immer noch meist verriegelten Sektorengrenze, wie selbst die Kameras der ARD und der Live-Auftritt des sich etwas windenden Reporters Robin Lautenbach zeigen. Erst als die Masse der überraschten Ostberliner den Moderator Friedrichs im West-TV hört und sieht, versteht viele Schabowskis verquere Ankündigung und ziehen zur Mauer. Ihr Druck („Aufmachen!“) lässt die Wachposten endgültig kapitulieren: „Fluten“, befehlen die von den hilflosen Parteibonzen im Stich gelassenen Offiziere. Um Mitternacht ist die große Wende am Ende des 20. Jahrhunderts eingeleitet.