Faktencheck

Warum ein Bild der ausgetrockneten Elbe im Jahr 1904 keinen „Klima-Schwindel“ beweist

Im Sommer 1904 lag die Augustusbrücke in Dresden an der Elbe kurzzeitig im Trockenen. „Und das ohne nennenswerte CO2-Emissionen im Vergleich zu heute“, schreibt eine Facebook-Nutzerin zum Foto des trockenen Flussbetts. Fakt ist aber: Trockenperioden gab es schon immer – sie werden durch den Klimawandel wahrscheinlicher.

von Sarah Thust

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1904 kamen viele Touristen nach Dresden, um in dem trockenen Elbe-Flussbett nach verlorenen Schätzen zu suchen (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Foto aus dem Sommer 1904 belege einen „Klima-Schwindel“, da es schon damals kein Wasser unter der Dresdner Augustusbrücke in der Elbe gegeben habe.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Seltene Ereignisse wie extreme Trockenheit werden nicht direkt durch den Klimawandel verursacht. Sie werden jedoch laut Prognosen mit der Erwärmung der Erde wahrscheinlicher und intensiver – ebenso wie Starkregen und Überschwemmungen.

„52 Jahre Klima-Schwindel – 52 Jahre Milliardengeschäfte“: Mit diesen Worten beginnt ein Beitrag auf Facebook vom 27. Mai, der mehr als 2.600 Mal geteilt wurde (hier). Dazu wird ein Foto vom ausgetrockneten Flussbett der Elbe in Dresden im Jahr 1904 gezeigt. Der Beitrag suggeriert, dass Trockenperioden nichts mit dem Klimawandel zu tun hätten. Wir erklären, weshalb diese Argumentation irreführend ist.

Beiträge wie der zum Niedrigwasser der Elbe finden sich haufenweise im Netz – und haben alle etwas gemeinsam: Sie verkürzen komplexe Sachverhalte und lassen Kontext aus. Denn Hitze- und Dürreperioden sind selten, treten aber unabhängig vom Klima immer mal wieder auf; die langfristige Erwärmung des Klimas verursacht solche Ereignisse nicht direkt. Doch grundsätzlich kann Extremwetter laut Forschenden aufgrund des Klimawandels häufiger und intensiver auftreten. Dazu zählen auch Starkregen und Überschwemmungen, wie wir bereits in mehreren Faktenchecks berichteten.

Niedrigwasser in einzelnen Gebieten kann das Ergebnis mehrerer, sich überlagernder Faktoren sein. Ein einzelnes Extremereignis an einem Pegel oder Fluss könne nicht herangezogen werden, „um einen anthropogenen Einfluss auf den Klimawandel in Frage zu stellen“, schrieb uns die Bundesanstalt für Gewässerkunde per E-Mail. Genau das wird in dem Facebook-Beitrag jedoch gemacht. 

Niedrigwasser an der Elbe ist ein sehr seltenes Ereignis

Durch eine Google-Bilder-Rückwärtssuche findet sich ein Artikel der Sächsischen Zeitung über die damaligen Ereignisse, in dem das Bild verwendet wurde. Der Wasserpegel war im Juli und August 1904 in Dresden extrem niedrig. Das Foto des ausgetrockneten Flusses in dem Facebook-Beitrag stammt laut der Bildunterschrift in dem Artikel aus einer Sammlung des Archivars Holger Naumann.

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Der Facebook-Beitrag zeigt ein Foto des trockenen Elbflussbetts im Jahr 1904 unter der Augustusbrücke in Dresden (Quelle: Facebook; Screenshot am 14. Juni: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie die Sächsische Zeitung berichtete, habe die Stadt die Trockenheit damals „für Bagger-, Bergungs- und Ausbesserungsarbeiten im Flussbett und an den Brücken“ genutzt. Zudem seien Touristen gekommen, unter anderem um das Flussbett nach Wertsachen abzusuchen. Das bestätigen auch historische Berichte. Darin wird unter anderem erklärt, dass die „brütende Sonnenglut“ und ausbleibender Regen zum niedrigen Wasserstand geführt haben.

Durch den Klimawandel könnten sich laut Experten extreme Ereignisse häufen

Als Hauptursachen für das Niedrigwasser in der Elbe 1904 nennt auch die Bundesanstalt für Gewässerkunde auf unsere Nachfrage „eine anhaltende sommerliche Trockenheit im Einzugsgebiet des Pegels“ sowie den fehlenden Einfluss von Wasser durch Talsperren (die es damals noch nicht gab). Ein Sprecher teilte mit, dass extreme Ereignisse wie das damalige Niedrigwasser unter verschiedenen Klimabedingungen auftreten könnten. Der Klimawandel könne ihre Häufigkeit ändern. Außerdem sei ein Vergleich der Wasserstände mit damals nicht sinnvoll, da sich das Flussbett der Elbe langfristig stark verändert habe.

Laut Bundesanstalt für Gewässerkunde war der Zeitraum seit 2011 durch „Sequenz von Dürrejahren“ charakterisiert

Wie uns die Bundesanstalt für Gewässerkunde weiter mitteilte, ist insbesondere die jüngere Vergangenheit seit 2011 in Deutschland durch eine Sequenz von Dürrejahren charakterisiert. Wie viel Wasser sich in der Elbe befindet, lässt sich am Wert des sogenannten Niedrigwasserabflusses (NQ) ablesen. Das folgende Diagramm mit den eingezeichneten Mittelwerten (gelbe Linie) zeigt, dass sich in der Elbe seit den 90er Jahren tendenziell weniger Wasser befindet als in den beiden Jahrzehnten davor. 

Diagramm des mittleren Niedrigwasserabflusses der Jahre 1890 bis 2021 am Elbepegel Dresden
Serie des mittleren Niedrigwasserabflusses der Jahre 1890 bis 2021 am Elbepegel Dresden (Quelle: Bundesanstalt für Gewässerkunde)

Es existieren zudem Modellrechnungen, die die Entwicklung von Niedrigwasserabflüssen vorhersagen. Laut Bundesanstalt für Gewässerkunde liegen einige Einzugsgebiete, wie an der Elbe, am „trockenen“ Rand dieser Prognosen. „Inwieweit hieraus der Schluss gezogen werden darf, dass der Klimawandel in der Realität bereits sehr weit fortgeschritten ist, ist Gegenstand laufender Forschungen“, schrieb uns der Sprecher.

Höhere Temperaturen, mehr Wetterextreme: Laut Institut für Klimafolgenforschung ein bislang „nie dagewesener Trend“ 

Wir haben außerdem beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nachgefragt, inwieweit sich die damalige Trockenheit mit dem Klimawandel vergleichen lässt. Ein Sprecher schrieb uns per E-Mail, es habe regional und zeitlich immer Wetter- und Klima-Schwankungen gegeben, auch mit Extremen. „Das ändert aber nichts daran, dass wir heute im globalen Mittel einen langjährigen und in der Geschichte der menschlichen Zivilisation nie dagewesenen Trend höherer Temperaturen und zunehmender Wetterextreme sehen“. Diese wirkten sich beispielsweise auf die Wasserkreisläufe aus. 

Laut einer Analyse von Beobachtungsdaten, die das Institut im Oktober 2021 veröffentlichte, habe die Häufigkeit monatlicher Hitze-Extreme in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu 1951-1980 um das 90-fache zugenommen. 

Redigatur: Viktor Marinov, Steffen Kutzner

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