„Wir brauchen kein Leuchtturmprojekt“, sagt Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW. „In Nordrhein-Westfalen gibt es 800 bis 1000 Schulen in sozialen Brennpunkten. Die müssten alle wie Talentschulen behandelt werden.“ Schäfers Verband vertritt fast 50.000 Lehrer in Nordrhein-Westfalen. Ihr geht der schwarz-gelbe Modellversuch einfach nicht weit genug: Gelder müssen grundsätzlich nach den sozialen Rahmenbedingungen der einzelnen Schulen verteilt werden.
Das betonte Schäfer an einem Diskussionsabend, zu dem CORRECTIV.Ruhr diese Woche Vertreter von Lehrerverbänden, Schüler- und Elternvertretungen geladen hatte. Dabei wurde deutlich: Mit ihrer Kritik steht die GEW-Vorsitzende nicht allein.
Schulen werden unter Druck gesetzt
Vergangene Woche hatte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bekannt gegeben, dass die Zahl der besonders geförderten Talentschulen von 30 auf 60 angehoben werde. Gebauer hatte dafür viel Lob bekommen. Stefan Belau, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) NRW, sieht das kritischer: „Jede Schule muss eine Talentschule sein, wenn kein Kind zurückgelassen werden soll.“ Das Bildungsland NRW kämpfe mit Lehrermangel. Besonders Schulen in sozialen Brennpunkten haben darunter zu leiden. Weniger Lehrer bewerben sich bei ihnen um offene Stellen. Die Arbeit mit den Schülern ist intensiver und aufwändiger als an anderen Schulen. Deswegen müsse gerade hier angesetzt werden.
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Nach dem Konzept der Landesregierung durchlaufen die ausgewählten Talentschulen einen sechs Jahre langen Modellversuch mit besserer Ausstattung, Förderpersonal und mehr Lehrern. Voraussetzung: Die Schulen müssen sich um die spezielle Förderung bewerben. Belau sagt: „Gerade Schulen, die anerkanntermaßen vor besonderen Herausforderungen stehen, sollten nicht in einen Wettbewerb gehen müssen, um angemessene Bedingungen zu erhalten.“
Diese Kritik teilt auch die Lehrergewerkschaft SchaLL. Vorstandsmitglied Stefan Nierfeld sagt, dass eine derartige Ausschreibung einen Konkurrenzkampf unter den schwachen Schulen fördere, die sich für das Modell bewerben. „Das ganze Konzept der Talentschulen ist eine Mogelpackung. Und dann kommt man nach sechs Jahren darauf, die anderen Schulen damit zu beglücken?“ Es gebe in NRW viel mehr als nur 60 Schulen in einer prekären Lage. Die Hilfe muss jetzt kommen. Und bei allen.
Bildungsstandort Ruhrgebiet
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Die Gewerkschaften „lehrernrw“ und der Philologenverband NRW hätten zwar nichts dagegen gleich alle Schulen zu fördern, begrüßen aber das Projekt und sehen eine Chance, dass die Schulen Vorbildfunktion haben können.
„Das sollte längst Standard sein“
Talentschulen sollen laut NRW-Schulministerium mit zusätzlichen Schulsozialarbeitern und anderen unterstützenden Kräften ausgestattet werden. „Das sollte längst Standard sein“, sagt VBE-Vorsitzender Belau. „Multiprofessionelle Teams sind ein unverzichtbares Unterstützungssystem und die längst fällige Antwort auf die wachsenden Herausforderungen in der Schule.“ Fehlen solche Teams, benachteiligt das besonders Schüler aus ärmeren Familien. Philipp Schultes von der Landesschülervertretung sagt: „Es ist ein Skandal, dass die Familie und Herkunft immer noch darüber entscheidet, was für einen Bildungsabschluss man am Ende bekommt.“
Entlastung für Lehrer
Multiprofessionelle Teams könnten auch eine Möglichkeit sein, Lehrer in unterbesetzten Schulen zu entlasten. Denn zusätzliche Stellen auszuschreiben, scheint das Problem Lehrermangel nicht allein zu lösen. In der aktuellen Einstellungsrunde wurden vom Ministerium 4051 Vollzeitstellen ausgeschrieben. Davon konnten bis Mai 2018 lediglich 2660 besetzt werden. 1391 blieben offen. Es fehlen Bewerber. Und das jedes Jahr aufs Neue. Das Schulministerium geht in seiner neuesten Lehrerbedarfsprognose davon aus, dass sich so die Zahl der offenen Stellen im Schnitt um 1000 pro Jahr erhöhen wird. Über die nächsten zehn Jahre werden laut Ministerium bis zu 15.000 Bewerber fehlen.
Da zum Schulalltag nicht nur pädagogische Fachkräfte gehören, können Lehrer auch rundherum bei der Förderung der Schüler unterstützt werden. Regina Hahmeier, Vorsitzende der Landeselternschaft Grundschule sagt: „Es gibt zum Beispiel den Bereich Sekretariat, IT und Hausmeister, wo man den Lehrern schon sehr viel abnehmen kann, was sie gar nicht machen möchten. Und da kann mir keiner erzählen, dass es da nicht genug auf dem Arbeitsmarkt gibt.“
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Wir haben mit Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der GEW, Stefan Nierfeld von SchaLL, Regina Hahmeier von der Landeselternschaft Grundschule und Philipp Schultes von der LSV über Möglichkeiten diskutiert, dem Lehrermangel in Nordrhein-Westfalen zu begegnen. Hier der ganze Themenabend im Video.
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
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