Radwende_Bastian
Eines der großen Themen für das Ruhrgebiet ist die Verkehrswende. (Illustration: CORRECTIV.Ruhr)
Verkehr, Klimawandel

Stolperfallen der Ruhr-Radwende

Das Ruhrgebiet kämpft mit der Verkehrswende. Die Kommunen haben sich ehrgeizige Ziele für ihre Mobilität gesteckt. Aber nicht einmal der konsequente Ausbau von Radwegen klappt. Wie in vielen Städten Deutschlands fehlt es an Personal, politischem Willen und vernünftigen Plänen. Eine Lösung könnte sich aber an den Ruhr-Unis finden.

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von Matthias Bau

„Die Fahrradhölle hat einen Namen und der ist Bochum“, sagt Ralf Bindel von der örtlichen Radwende-Initiative. „Es gibt nichts, das derart schrecklich ist, als mit dem Fahrrad von einer Ecke der Stadt in die andere zu fahren. Es gibt keine durchgehenden Fahrradverbindungen. Es gibt keine sicheren, komfortablen, schnellen Radwege.“ Ein Flickenteppich aus Fahrradstreifen verteile sich über die Stadt – manchmal nur hundert Meter lang, angsteinflößend schmal – die abrupt im Nichts enden oder auch mal vor einem Stromkasten. 

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Mit seinem Ärger ist Bindel im Ruhrgebiet nicht allein. Die Hölle findet sich auch woanders. Viele Fahrradverbände der Region verzweifeln an den Zuständen in ihrer Stadt.

„Allen Sonntagsreden zum Trotz – die kommunale Verkehrsplanung ist durch und durch auf das Auto fixiert“, sagt uns ein Stadt- und Verkehrsplaner, der viele Jahre in einer Kommune am Rande des Ruhrgebiets gearbeitet hat und lieber anonym bleiben möchte. „Es gab schlicht keine Kapazitäten bei der Stadt, beim Kreis als Aufgabenträger und beim zuständigen Verkehrsbetrieb, um ambitionierte Ausbauplanungen zu betreiben.“

Die fehlenden Kapazitäten schlagen sich in Zahlen nieder: In Gelsenkirchen zum Beispiel klaffte Ende vergangenen Jahres eine 67,5 Kilometer große Lücke im Fahrradnetz der Stadt. 2011 betrug sie noch 93 Kilometer. Würde die Stadt in diesem Tempo weiterbauen, bräuchte sie 21 Jahre, um alle Netzlücken zu schließen. Instandhaltung und Sanierungen nicht berücksichtigt, denn von den bestehenden Radwegen ist aktuell jeder vierte Kilometer baufällig.

Essen baut bereits seit 23 Jahren: 1997 wurde das Hauptroutennetz für die Zweiräder geplant. Heute sind drei Viertel fertig. Die letzten Lücken sollen bis 2025 geschlossen werden. Was „auch langsam Zeit“ werde, kommentiert Jörg Brinkmann vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) der Stadt. Trotzdem könnte der Zeitplan ambitioniert sein. Die letzten Lücken umfassen 60 Kilometer, wie die Stadt in ihrem Masterplan Verkehr schreibt – das Jahresbudget für das Vorhaben: 500.000 Euro. „Allerdings sind deutlich höhere Investitionen erforderlich, um die baulichen Lücken im Radverkehrsnetz in angemessener Zeit zu beseitigen und dadurch den Radverkehrsanteil weiter zu erhöhen“, heißt es wörtlich in dem Dokument der Stadt. 

Zum Vergleich: Auch Bottrop hat ein Jahresbudget von 500.000 Euro für den Radverkehr vorgesehen, wie man auf uns auf Anfrage mitteilt. Damit seien „bis zu 500 Meter an Lückenschluss möglich.“

„Wir kannibalisieren uns gegenseitig.“

Für den Radverkehrsanteil haben sich einige Städte hehre Ziele gesetzt: In Bochum sollen bis 2030 60 Prozent aller Wege mit dem Umweltverbund zurückgelegt werden; das heißt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Rad. Essen will bis 2035 sogar 75 Prozent schaffen. Dafür müssten die Essenerinnen und Essener allerdings zwei bis drei Mal häufiger aufs Rad steigen als aktuell und ihre Autofahrten um mehr als die Hälfte reduzieren. Wie so eine Mobilitätsverlagerung zu schaffen ist, haben die Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener in einer Umfrage der Stadt sehr konkret beantwortet.

So sehen die Kommunen ihre zukünftige Mobilität. (Grafik: CORRECTIV.Ruhr)

Der Modal-Split-Anteil des städtischen Radverkehrs liegt in Gelsenkirchen derzeit bei neun Prozent, das heißt: Bei etwa jeder zehnten Fahrt kommt der Drahtesel zum Einsatz. Eine Verbesserung dieses Schnitts sollte zumindest nicht am Besitz von Fahrrädern scheitern: Sieben von zehn Gelsenkirchenern haben ein Fahrrad, bei Kindern und Jugendlichen sind es sogar neun von zehn. Woran scheitert es also? Bei der städtischen Befragung erklärte jeder vierte Gelsenkirchener, dass ihn die Infrastruktur einfach nicht zum Fahrradfahren motiviere.

„Die aktuellen Vorschläge aus der Politik sind vor allem im ursprünglichen Sinne nachhaltig, also systemstabilisierend und das ist nun mal die autofixierte Stadtplanung“, sagt uns der Stadtplaner. Jahrelanger Frust klingt aus seinen Worten. „In der von alten, deutschstämmigen Männern bestimmten Politik ahnt man allerdings so langsam, dass man sich vielleicht doch mal um den Nahverkehr kümmern muss und dass das Thema zudem wahlkampfrelevant geworden ist. Aber Ahnung haben selbst die Vertreter der Grünen nicht, sodass man sich mit halbgaren Vorschlägen überbietet, was nun schnell gemacht werden soll.“ Die letzten vorhandenen Planungskapazitäten der Kommune seien dann oftmals damit gebunden, Ideen wieder einzufangen, die entweder kontraproduktiv sind oder ein schlechtes Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag haben, erklärt er. 

Nach Angaben der Stadt Gelsenkirchen gegenüber CORRECTIV gibt es derzeit gerade einmal drei Planstellen für den Radverkehr innerhalb der Verwaltung. Eine weitere Ausschreibung sei noch offen, ob die Stelle besetzt werden könne, sei ungewiss. „Der Markt ist leergefegt“, sagt ein Mitarbeiter der Stadt. Erschwerend käme die Konkurrenz der Kommunen untereinander um neues Personal hinzu: „Wir kannibalisieren uns im Grunde gegenseitig.“ 

 

Die Stolperfalle: Nachwuchs und Fachkräftemangel


„In den kommenden zehn Jahren werden mehr als 1,3 Millionen Beschäftigte bei den Kommunen in den Ruhestand gehen“, sagt Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender des Dachverbands der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. „Damit steht uns ein ganz gewaltiger Verlust von Arbeitskraft und Know-how ins Haus. Wir müssen schleunigst die Beine in die Hand nehmen und zusehen, dass wir den öffentlichen Dienst mit sinnhafter Digitalisierung und nachhaltiger Personalpolitik fit für die Zukunftsaufgaben bekommen.“  Zu dieser angespannten Lage kommt die grundsätzlich schlechte Personalausstattung der Kommunen hinzu: Von 1991 bis 2017 sind bundesweit 477.300 Stellen auf kommunaler Ebene abgebaut worden. Aktuell seien 300.000 Stellen unbesetzt, gab der Deutsche Beamtenbund Anfang des Jahres bekannt. 

Der Personalbedarf ist somit groß, doch gleichzeitig stehen die Kommunen in direkter Konkurrenz mit der Privatwirtschaft. 

Auf einen arbeitsuchenden Ingenieur oder eine Ingenieurin im Bereich Bau/Vermessung/Gebäudetechnik/Architekten kommen in NRW 4,68 offene Stellen, wie der Verein Deutscher Ingenieure für das erste Quartal 2020 festhält. „Es fehlt insbesondere an Personal, das entsprechende Maßnahmen im Hoch- und Tiefbau plant, betreut, prüft und administrativ abwickelt“, schreibt das Deutsche Institut für Urbanistik (difu) zum kommunalen Fachkräftemangel. „Für viele Bauingenieurinnen und Bauingenieure sind Stellen im öffentlichen Dienst wenig attraktiv, sie haben in der Privatwirtschaft schlichtweg bessere Verdienstmöglichkeiten.“ 

Verkehrsexperte Florian Krummheuer kann dem nur beipflichten: „Viele Stellen bei den Kommunen sind in niedrigen Gehaltsgruppen angesiedelt, die Bezahlung ist im Vergleich zur Privatwirtschaft eher schlecht.“ Das führe dazu, dass viele Absolventen bei privaten Planungsbüros arbeiten, welche wiederum von den Kommunen beauftragt werden, für sie Nahverkehrs- oder Mobilitätspläne zu schreiben. „In einer solchen Situation kann kein dauerhafter Kompetenzaufbau vor Ort erreicht werden“, sagt Krummheuer. 

Die Kommunen werden abhängig und unselbstständig

Unser Stadtplaner stimmt Krummheuer zu: „Auch wenn die Hohepriester des Neoliberalismus predigen, es wäre besser so, kostet die externe Vergabe sehr viel Arbeitszeit für die Ausschreibung und Betreuung der Büros. Eine externe Vergabe ist nur sinnvoll, wenn es um spezielle Kompetenzen geht, die man dauerhaft nicht selber als Kommune braucht.“

Durch das Auslagern an externe Büros können die Kommunen auf eigenes Personal verzichten, Fachkräfte abbauen und trotzdem die gleiche Anzahl an Planungs- und Bauprojekten umsetzen. Das hat zur Folge, folgert die Studie des difu, dass die Kommunen auf lange Sicht abhängig und unselbstständig werden. Die größten Probleme beim Erstellen und Umsetzen von Verkehrsentwicklungsplänen, heißt es in der Studie, liegen neben den finanziellen Engpässen vor allem beim fehlenden Personal.

In diese Sackgasse scheinen die Kommunen sehenden Auges hinein zu laufen.

Wo im Ruhrgebiet geht es nicht weiter? Wir wollen es wissen! Auf www.wostehstdu.org.

Auf die Frage, wie viel Personal innerhalb der Kommune für die jeweiligen Verkehrsträger zuständig ist, bekamen wir von den Ruhrgebietsstädten unter anderem folgende Antworten:

  • „Es gibt derzeit keine speziell für die Umsetzung des Masterplans Mobilität eingerichteten Planstellen. (…) Eine Vielzahl der 36 Maßnahmen aus dem Masterplan sind ansonsten laufende Aufgaben der Verwaltung.“ – Stadt Essen
  • „Die Maßnahmen des Green City Plans (GCP) sind nicht einzelnen Personen zugeordnet oder mit Personalstellen hinterlegt. Vielmehr fließen die Projekte und Maßnahmen in die reguläre Arbeit der beteiligten Fachämter mit ein.“ – Stadt Bochum
  • „Den Personalansatz in den Ämtern, die insgesamt irgendwie mit dem Projekt zu tun haben, kann man nicht berechnen, da dies in die normale Arbeit einfließt. Das wird einfach gar nicht erfasst. In der Koordinierung des Projekts gibt es aber eine neue Stelle mit dieser Aufgabe.” – Stadt Bottrop

Keine überraschenden Antworten für unseren Stadtplaner: „Neue Planstellen werden in den Verwaltungen nicht geschaffen, vielmehr muss das vorhandene Personal die Maßnahmen aus den Klimaplänen umsetzen. Unter diesen Bedingungen kann man den Nahverkehr nicht mal eben neu erfinden.“ 

 

Die Hürde: Geld und Nothaushalte


Neben der angespannten Personallage stehen die Kommunen auch finanziell unter Druck. Viele sind Teil des sogenannten Stärkungspaktes. Das heißt, sie sind strukturell überschuldet und erhalten finanzielle Hilfen des Landes. Im Gegenzug müssen sie einen Plan vorlegen, wie sie ihre Haushalte bis spätestens 2023 ohne Hilfe des Landes ausgleichen wollen. Um das zu schaffen, setzen die Kommunen auch auf Sparmaßnahmen. Alleine Bottrop und Duisburg wollen laut Zahlen der Gemeindeprüfanstalt zwischen 2018 und 2023 beim Personal 342 Millionen Euro einsparen.

Umso wichtiger sind Fördergelder von Bund und Land, um die Verkehrswende in den Städten voranzutreiben. Das Bundesverkehrsministerium verweist unter anderem auf die Förderrichtlinien für nicht-investive Maßnahmen und urbanen Modellvorhaben zum Radverkehr (BMVI), für den Nationalen Radverkehrsplan 2020 (BMVI), den Bau von Rad- schnellwegen (BMVI) oder auf das Programm Klimaschutz durch Radverkehr (BMU). 

Aber auch das Beantragen und Abrechnen solcher Fördermittel ist aufwendig und bindet Personal in den Verwaltungen.

„Die Fachkräftebedarfe in den Kommunalverwaltungen, bei Eigenbetrieben und kommunalen Unternehmen sind mittlerweile so groß“, schreibt das Deutsche Institut für Urbanistik in seiner Fachkräfte-Studie, „dass aufgrund fehlender Personalkapazitäten Förderprogramme des Bundes und der Länder vielfach nur mit erheblichem Zeitverzug ausgeschöpft werden, Investitionen aufgeschoben oder gar nicht getätigt und öffentliche Dienstleistungen nur mit Einschränkungen erbracht werden können.“

 

Die Bremse: Politischer Wille


Aber auch wenn das Geld da ist, gibt es Schwierigkeiten bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen. Denn jetzt kommen die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger und die politischen Verhältnisse vor Ort ins Spiel. Ein Beispiel aus Essen illustriert typische Konflikte, die immer dann auftreten, wenn Verkehrsplanung die Privilegien des Autoverkehrs einzuschränken droht.  

Essen hat sich erfolgreich um Fördermittel des Bundes beworben und ist zur Modellstadt für saubere Luft erklärt worden. Die Modellphase für die Förderung startete Ende 2018. Mit den bewilligten 21 Millionen Euro soll der Nahverkehr verbessert und Fahrrad- und Carsharing kostenlos werden. Auch in die Infrastruktur will die Kommune investieren. Ein Projekt ist dabei die Fahrradachse A, welche die Essener Stadtteile Holsterhausen, Frohnhausen und das Südviertel miteinander verbinden soll. Die Krux: Weil eine Straße entstehen soll, auf der Radfahrerinnen und Radfahrer eine eigenen Spur bekommen und Vorrang vor Autos haben sollen, müssten 147 Parkplätze gestrichen werden. Die Bezirksvertretungen der Stadtteile protestierten. 

Anfang dieses Jahres hat der Bau- und Verkehrsausschuss der Stadt in einer Dringlichkeitssitzung eine veränderte Route beschlossen, jetzt fallen nur noch 56 Parkplätze weg. Einige der Lokalpolitiker sind damit aber immer noch nicht zufrieden und zeigen sich enttäuscht, dass „ihre Voten keine Berücksichtigung gefunden haben“. Alles in allem sind zehn Monate seit dem Start der Modellphase vergangen. 

Das Projekt muss aber noch 2020 realisiert werden, da die Fördergelder sonst zurückzuzahlen sind.

Zwischen Sprengstoff und Feigenblatt

Ein typisches Problem kommunaler Verkehrsplanung, das nicht nur die Verkehrswende im Ruhrgebiet ausbremst. „Es fällt im politischen Prozess schwer, beschränkende Maßnahmen zu verhängen”, sagt Mobilitätsexperte Florian Krummheuer, “beispielsweise was die Parkraumbewirtschaftung, Tempolimits, die Wegnahme von Parkplätzen für Busspuren oder Radwege angeht.“ Jedoch könne eine Förderung nachhaltiger Mobilität nur mit Einschnitten bei den Privilegien des motorisierten Individualverkehrs einhergehen, hält eine Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung fest. „Allerdings enthalten gerade Restriktionen gegenüber dem Automobilverkehr politischen Sprengstoff. Politiker und Stadtplanerinnen müssen ein erhebliches Maß an Mut und Durchsetzungskraft aufbringen, wollen sie Städte für Menschen schaffen.“

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„Insgesamt habe ich den Eindruck“, sagt uns der Stadtplaner, „dass man sich bei dem geschäftigen Business-as-usual in der Planung generell wenig damit befasst, ob das eigene Tun überhaupt einen relevanten Einfluss hat auf den Lauf der Dinge, ob die Maßnahmen überhaupt was bewirken und wenn ja, ob es das ist, was man erreichen will. Die Maßnahmen, die wirklich helfen könnten, sind ja politisch ungewollt.“

Dabei wäre unsere Zukunft nach wie vor gestaltbar, meint Verkehrsexperte Krummheuer, sie brauche lediglich eine Richtungsentscheidung: „Wollen wir Autofahren immer bequemer machen oder wollen wir ein Verkehrssystem, das tatsächlich ressourcenschonend ist. Alle sprechen von Verkehrswende, aber diese Systemfrage wagt in der Politik niemand ernsthaft zu stellen.“ Für eine Verkehrs­wende brauche es leistungsfähige Rad- und Fußwege, sowie einen hochkapazitären ÖPNV. „Weil das viel Geld kostet und nur zu Lasten des Pkw umsetzbar ist, fokussiert sich die Verkehrspolitik vielerorts auf digitale Lösungen.“ Die dürften aber, sagt Krummheuer, „kein ­politisches Feigenblatt sein, um ­nötige, aber unpopuläre Entscheidungen auszusitzen.“ 

 

Ein unnötiges Hindernis: Qualität der Pläne


An eine langfristige und nachhaltige Verkehrspolitik, wie Verkehrsexperte Krummheuer sie beschreibt, wagen sich die wenigsten Kommunen. Sie versuchen vor allem Schadstoffwerte zu senken und so Fahrverbote zu vermeiden. Dazu schreiben sie sogenannte Green City Pläne. 

Die Aufgabenstellung für diese Pläne ist klar umrissen: Stickstoffwerte an den Messstationen einhalten und Fördermittel des Bundes einwerben. 

„Auffällig ist, dass sich einige Kommunen vollständig auf die Analyse und daraus abgeleitete Maßnahmen konzentrieren, die direkt auf die Verbesserung der Luftqualität an der NOx-Messstelle abzielen”, konstatiert eine Auswertung von 64 kommunalen Green City Plänen des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2018. Passend dazu heißt es im Fazit des Essener Masterplans für Verkehr, der auch ein Green City Plan ist: „Die Aufstellung des ,Masterplan Verkehr Essen 2018‘ zielt auf kurz- bis mittelfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ab.“

Bequemes Autofahren bedeutet bequeme Politik

Um die Luftqualität zu verbessern und die Schadstoffwerte einzuhalten, richten die Kommunen bevorzugt Tempolimits an vielbefahrenen Straßen ein. Aber auch technische Maßnahmen wie die Verkehrsabhängige Lichtsignalsteuerung, umweltsensitive Verkehrssteuerung oder Intelligente Parksysteme sind beliebt. Was kompliziert klingt, bedeutet so viel wie: Ampeln so schalten, dass der Verkehr fließt, den Verkehr an den aktuellen Schadstoffbelastungen ausrichten und die Auslastung von Parkhäusern in einer App transparent machen. Mit solchen Maßnahmen tun die Kommunen genau das, wovor Mobilitätsexperte Krummheuer warnt: Sie machen das Autofahren bequemer.

Neben der Sinnhaftigkeit der einzelnen Maßnahmen steht aber auch die Verbindlichkeit der Planung in Frage. 

In seiner Analyse zu nachhaltiger Verkehrsplanung schreibt das Deutsche Institut für Urbanistik: „Obwohl es gesetzliche Richtlinien zu Luft- und Lärmimmissionen gibt, bedeuten Verkehrsentwicklungspläne in Deutschland noch immer keine verbindliche Planung – es gibt weder gesetzliche Verpflichtungen noch Mindeststandards, die einzuhalten sind. Verbindlichkeit gibt es nur durch den Fördergeldgeber bei der Umsetzung von Maßnahmen oder wenn die Planung in eine andere, verbindliche Planung eingebunden ist, sodass sich die Frage stellt, inwieweit Verkehrsentwicklungspläne aktuell tatsächlich wirken.“

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Auch aus den Antworten, die uns die Ruhrgebietsstädte senden, wird das deutlich. Die Stadt Bottrop schreibt zum Beispiel: „Die Projekte sind nicht mit einer Deadline oder Frist versehen. Sie werden umgesetzt, soweit dies im Zuge sonstiger Maßnahmen möglich ist oder dann, wenn konkrete Fördermittel zur Verfügung stehen.“

So kann es auch nicht verwundern, dass viele der Pläne nicht einmal angeben, wie viel Personal nötig wäre, um die erarbeiteten Maßnahmen umzusetzen. 

Die Kommunen wollen es nicht konkret

Ein Mitarbeiter eines Dortmunder Stadtplanungs-Büros sagt uns dazu: „In den Plänen sind konkrete Zahlen oft nicht erwünscht und werden bei Überarbeitungen gestrichen.“ So steht im Green City Plan der Stadt Gelsenkirchen lapidar: „Die Planung und Umsetzung der Maßnahmen bedingt einen erhöhten Personalbedarf, welcher zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar ist“ (S. 50). Im Green City Plan der Stadt Dortmund weist man darauf hin, „dass um die ambitionierten Ziele erreichen zu können, die personellen Ressourcen im Bereich der städtischen Mobilitätsplanung im Stadtplanungs- und Bauordnungsamt, der Ordnungsbehörden sowie auch das Umsetzungspersonal im Tiefbauamt weiter aufgestockt werden müssen“ (S. 52/53).

Dass mit diesen Pläne keine Verkehrswende gelingen kann, ist mitunter sogar den Ingenieursbüros klar, die sie verfassen. 

Im Auftrag der Stadt Essen schrieb die Planungsgesellschaft büro stadtVerkehr deren Masterplan Verkehr. Im Fazit empfiehlt das Büro der Stadt „eine übergreifende und strategisch orientierte Bearbeitung des Themas Mobilität in einem separaten integrierten Gesamtkonzept“ (S. 198).

 

Die Lösung in der Region finden


Solche Gesamtkonzepte sind im Ruhrgebiet (noch) rar. Viele Städte haben erst im vergangenen Jahr angefangen, sie zu erarbeiten, teilweise unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Diesen Kommunen ist ausgerechnet eine Stadt der Schwerindustrie einen guten Schritt voraus: Duisburg.

Zusammen mit ihrer Universität hat die Stadt im August 2018 das 261 Seiten starke Klimaschutz- und Verkehrskonzept Duisburg.Nachhaltig veröffentlicht. Im Gegensatz zu den Green City Plänen, die die Städte häufig bei Ingenieurbüros in Auftrag geben, bezieht es mehr als die üblichen Bausteine MIV (Motorisierter Individualverkehr), ÖPNV, Radverkehr, Logistik und Digitalisierung in die Planungen mit ein.  

Ein Beispiel: Sowohl der Green City Plan der Stadt als auch das Klimakonzept Duisburg.Nachhaltig sehen vor, die Kommune an den Radschnellweg Ruhr (RS1) anzuschließen. Wie diese Maßnahme in den Plänen priorisiert und beschrieben wird, unterscheidet sich jedoch grundlegend: Während der RS1 im Klimakonzept als ein Projekt mit der höchsten Prioritätsstufe geführt wird, landet er im Green City Plan gerade einmal im Mittelfeld. 

Konkret bedeutet verbindlich

Auch der Detailgrad der Beschreibungen unterscheidet sich wesentlich: Wo der Green City Plan mit den Schlagworten „hoch, mittel, gering“ bezüglich der Kosten, des Personalaufwands und des Einsparpotentials bei den Emissionen hantiert, werden im Klimaschutzkonzept genaue Zahlen vorgelegt. 1,04 Millionen Euro Personalmittel müssten aufgewendet werden, um durch die Anbindung an den RS1 etwa 2.600 Tonnen CO2 im Jahr einzusparen.

„Die Erstellung kommunaler Klimakonzepte ist oft nur ein Markt für Ingenieurbüros und freie Institute”, sagt uns Klaus Krumme, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Joint Centre Urban Systems (JUS) vom Zentrum für Logistik und Verkehr der Uni Essen-Duisburg. Krumme hat an dem Klimaschutzkonzept Duisburg.Nachhaltig mitgearbeitet. „Um im Klimaschutz erfolgreich zu sein, müssen wir aber ambitionierter vorgehen.” Das würde auch eine Neuaufstellung der Kommunen selbst und der verschiedenen Akteure aus Gesellschaft und Wirtschaft bedeuten. „Nicht zuletzt brauchen wir die Wissenschaft: Unsere Universität hat sich hier auch aus regionaler Verbundenheit und Verantwortung engagiert.“

Diese regionale Verbundenheit schlägt sich in der Art der Maßnahmen nieder, die das Klimakonzept empfiehlt. 

In Quartiersprojekten wie dem sogenannten VeloVillage Neudorf/Duissern will man versuchen, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Ideen für einen fahrradfreundlichen Stadtteil zu erarbeiten und zu erproben. Auch Stadtbegehungen im Rahmen einer „Gehwerkstatt für aktive Nahmobilität“ sind vorgesehen. So will man Gefahrenstellen von Straßen und Radwegen gemeinsam mit den Duisburgerinnen und Duisburgern identifizieren, die sie davon abhalten, sich mehr mit dem Rad oder zu Fuß zu bewegen – ähnlich der CORRECTIV-Bürgerrecherche „Wo stehst Du?“.

win/win/win für alle Beteiligten

Auch Felix Huber, Dekan der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der Bergischen Universität Wuppertal, empfindet die lokale Verwurzelung der Universitäten als eine ihrer Stärken. Er lässt seine Studentinnen und Studenten im Rahmen von Bachelor- oder Masterarbeiten regelmäßig Projekte in Zusammenarbeit mit Städten durchführen. „Davon profitieren beide Seiten, sowohl die Studenten als auch die Städte.“ Für die Studierenden seien die Kooperationen gute Lerngelegenheiten, weil sie ein direktes Feedback zu ihrer Arbeit durch die Bürgerinnen und Bürger bekämen. 

„Und die Städte bekommen kostenlos hochwertige Projekte“, sagt er gegenüber CORRECTIV.

Zudem habe die Konfrontation mit den Bürgerinnen und Bürgern mindestens zwei weitere positive Effekte, erklärt der Dekan. Auf der Seite der Studierenden erfahre die Aufgabe „maximale Bedeutsamkeit“ und schärfe – neben der technischen Lösung – das Verständnis der Studierenden „für ihre soziale Verantwortung“. Andererseits profitierten aber auch die Kommunen, denn durch die Arbeit der Studierenden nähmen „,festgefahrene Diskussionen’ neue Fahrt“ auf. 

Das könne bei den Städten manchmal dazu führen, dass sie sich dann doch mehr trauen. 

„Die Politik hat eine Vorstellung davon, was die Bürger wollen“, sagt Felix Huber, “die Bürger wollen aber oft etwas ganz anderes oder sind schon weiter als die Politiker glauben“. Für ihn ist die Zusammenarbeit deshalb eine „win/win/win-Situation für Uni-Studierende und die Kommunen.“ 

Update 17.08.20: Die Überschrift des Textes wurde überarbeitet.

Mach mit! Bei „Wo stehst Du?“

Ob Arbeit, Urlaub oder einfach nur der Einkauf – Mobilität bestimmt unseren Alltag. Umso mehr frustrieren Staus, Bahnausfälle und baufällige Radwege. Deswegen wollen wir erfahren, was gut läuft in der Region und wo es Barrieren gibt. Und das nicht nur für Autos oder den ÖPNV, sondern auch für den Fuß- und Radverkehr. Denn die Frage nach der Mobilität lässt sich nur Verkehrsmittel-übergreifend beantworten. Daher fragen wir mit unserer Bürgerrecherche: „Wo stehst du?“ Das meinen wir nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz wörtlich: Meldet uns direkt vom Bahnsteig oder von der Straßenecke den Stillstand in der Region. Ganz egal, ob zu Fuß, mit dem Rad, dem ÖPNV oder dem Auto – wir wollen wissen, wo geht es nicht weiter und wieso? Gemeinsam können wir die Region mobiler machen! Mehr Informationen hier.

Radweg
In der Corona-Krise: Berlin (hier: Zossenerstraße) verbreitert seine Radwege, um der klimafreundlichen Fortbewegung mehr Platz einzuräumen. © Reto Klar / FUNKE Foto Services
Klimawandel

Nach der Coronakrise ist mitten in der Klimakrise

Die Bundesregierung wird nach der Corona-Epidemie hunderte Milliarden Euro verteilen, um die Wirtschaft wieder aufzubauen. Die Frage ist: Befeuern sie den Klimawandel?

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von Annika Joeres

Das Papier klang dramatisch: „Die Welt ist mit der schlimmsten Krise seit vielen Jahrzehnten konfrontiert“, schrieben zwei der meist gehörten Klimawissenschaftler, der Brite Nicholas Stern und Ottmar Edenhofer, Chef des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. „Wir brauchen ein grünes Wiederaufbauprogramm“. Die beiden Ökonomen schlugen beispielsweise vor, Häuser zu dämmen, öffentlichen Verkehr auszubauen, Warentransport auf Schienen zu verlagern, Windräder zu bauen und einen CO2-Preis auf Produkte zu veranschlagen. „Dieses Mal“, so Stern und Edenhofer, „muss die Wirtschaft nachhaltig wachsen.“ Sonst würden die Kosten der Klimakrise diese Krise in den Schatten stellen.

Der Forderungskatalog stammt vom April 2009 und bezog sich auf die damalige Finanzkrise, die die Bankenwelt und ganze Staaten ins Wanken brachte. Damals gab es nach der Krise keinen Green Deal. Heute, genau elf Jahre später, erschüttert die Welt eine noch tiefgreifendere Krise: Das Coronavirus hat nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die Realwirtschaft erreicht. Restaurants, Fabriken oder Geschäfte sind geschlossen, Flieger bleiben am Boden, Züge im Bahnhof. Wie grün wird dieses Mal der Wiederaufbau werden?

„Die Klimaziele gelten weiter“

Immerhin liegen zwischen 2008 und heute der Pariser Klimavertrag sowie der Green New Deal der EU-Kommission, der die europäischen Staaten dazu verpflichtet, bis 2030 mindestens 50 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen. Die Bundesregierung hat im vergangenen Herbst ein umfassendes Klimaschutzprogramm 2030 vorgelegt, zu dem sie sich auch jetzt, in der Krise, bekennt: „Sowohl das Klimaschutzprogramm als auch die Klimaziele der Bundesregierung gelten weiter“, bestätigt ein Sprecher des Berliner Wirtschaftsministeriums. Das ist in dieser Zeit, in der viele Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten, schon eine echte Nachricht.

Vor elf Jahren wurden die Ratschläge der Forscher nicht angehört. Beispielhaft darf hier die Abwrackprämie gelten: Autobesitzende wurden dafür belohnt, ihr altes Fahrzeug zu verschrotten, und ein neues zu kaufen. Die umweltpolitisch desaströse Idee wurde zu einer der teuersten klimaschädlichen Subventionen überhaupt: Nach einer Studie des Center für Automobilmanagement (CAMA) der Universität Duisburg-Essen verschlang die Abwrackprämie rund 3,8 Milliarden Euro aus der Staatskasse und damit knapp 12.400 Euro pro zusätzlich verkauftem Fahrzeug.

Auch den Klimawandel hat die berühmte Prämie befeuert: Bürgerinnen und Bürger ließen alte Fahrzeuge verschrotten, die noch Jahre hätten genutzt werden können. Ersetzt wurden sie nach einer Studie der OECD durch Fahrzeuge, die im Durchschnitt stärker motorisiert waren und häufig höhere CO2-Emissionen aufwiesen.

Grüne Rettungspakete

Aber wohin werden die Milliarden Euro fließen, die die Bundesregierung zurzeit für den Wiederaufbau nach der Corona-Krise einplant? Dieses Mal sind Klimaexpertinnen und Umweltwissenschaftler vorgewarnt: Ein zweites, klimablindes Aufbaupaket wie 2009 dürfe es nicht geben. „Anders als nach der Finanzkrise 2008 ist heute zum Glück das Bewusstsein für die Dringlichkeit der Klimakrise größer“, sagt Brigitte Knopf, Geschäftsführerin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Die Expertin schlägt vor, nun umweltschädliche Subventionen abzubauen, wie es sie etwa noch in Form der Pendlerpauschale oder des steuerbefreiten Kerosins für die Luftfahrt gibt. Sie addieren sich laut Umweltbundesamt immerhin auf 57 Milliarden Euro pro Jahr. „Sicherlich könnte man einiges abschaffen oder zumindest reduzieren, zumal der tiefe Wirtschaftseinbruch möglicherweise auf längere Sicht zu einem sehr niedrigen Ölpreis führt,“ so Knopf.

Auch das Umweltbundesamt (UBA) hat inzwischen eine TaskForce gebildet, um ein klimafreundliches Rettungspaket zu erarbeiten. „Unsere ExpertInnen wollen mit am Tisch sitzen, wenn die Milliarden verteilt werden“, sagt Dirk Messner, Präsident des UBA. Mit den enormen Mitteln des Konjunkturpaketes könnte auch der Klimaschutz einen Sprung nach vorne machen. „Aber noch ist nicht entschieden, in welche Richtung wir gehen, wir sind an einem Kipp-Punkt.“

Die derzeit sinkenden Emissionen sind trügerisch. Zwar schließt ein Flughafen nach dem anderen, weshalb die klimaschädlichen Emissionen im März so weit zurück gegangen sind wie noch nie – aber auch das kennen wir aus der Krisenzeit 2008/2009. Damals stiegen die Treibhausgase nach der Krise dafür umso schneller wieder an – die CO2-Pause währte nur kurz.

„Wir dürfen die Fehler von 2008 nicht noch einmal wiederholen“, sagt Claudia Kemfert, Energie-Expertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung. Denn, fährt die Berliner Ökonomin fort, auch für die Klimakrise gelte: „Flatten the curve. Aber wie? Jetzt ist die Zeit für eine dezentrale Energiewende mit kleineren Akteuren“, sagt Kemfert. Das Ziel sei nach wie vor, zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien umzusteigen. Dazu müsste, auch nach Meinung von Experten aus dem Umweltministerium, der Deckel für die Solarförderung abgeschafft werden. Der „Solardeckel“, den die Bundesregierung 2012 eingeführt hat, besagt, dass ab 52 Gigawatt installierter Leistung Anlagen nicht mehr gefördert werden darf. Und dieser „Deckel“ ist fast erreicht, Ende 2019 waren 50 Gigawatt am Netz.

Dabei haben die Erneuerbaren Energien in der Vergangenheit die Klimabilanz mehr verbessert als jede andere Reform. In Deutschland wurden sie mit dem EEG gefördert: Die vier großen Energie-Konzerne wurden verpflichtet, Strom aus Wind-, Solar- und Biomasseanlagen abzunehmen. So wurde der Ökostrom von vielen kleinen Anbietern durch das große Netz geschickt. In einem Bericht der Bundesregierung für 2020 wird das EEG als die mit Abstand wirkungsvollste Reform gefeiert. Gerade deshalb ist der willkürliche Solar-Deckel so schädlich für den Klimaschutz.

Homeoffice statt Stau

Auch für den Verkehr – der Bereich, der in den vergangenen Jahren die Klimakrise stetig verschärft hat – liegen Konzepte vor, es nach der Krise besser zu machen als vorher. Die Autoverbände aber agieren wie noch 2008: Über ihren europäischen Verband AEC fordern sie, die strengeren Emissionswerte wegen Corona zu verschieben. Und Ferdinand Dudenhöfer, inzwischen in der Schweiz forschender Autoexperte, will „höherwertige Produkte“ von der Mehrwertsteuer befreien.

Für Katja Diehl sind diese Konzepte ein Weg zurück in eine fossile Vergangenheit. Diehl ist im Vorstand des Verkehrsclubs Deutschland und kämpft dafür, die Krise als Chance für eine neue Gesellschaft zu sehen. „Wir haben die Erde schon um ein Grad aufgeheizt. Ich sehe Kinder und denke: Wir können es besser machen. Wir dürfen nicht zurück zum Status Quo.“

Die vielen Büros, die sich gerade im Homeoffice organisieren, könnten vielleicht auch zukünftig ihre Mitarbeitenden häufiger zuhause arbeiten lassen. Auch sie sieht in den Subventionen für klimaschädliches Autofahren einen Hebel, um den öffentlichen Kassen dringend benötigtes Geld zurückzugeben und zugleich die Menschen auf das gesündere Fahrrad oder den umweltfreundlichen öffentlichen Nahverkehr zu bringen. „Wir können nun an die Pendlerpauschale ran oder das Dienstwagenprivileg abschaffen,“ sagt Diehl. Statt individuellem Autoverkehr sollte der öffentliche Nahverkehr wachsen. „Es ist ein weit verbreiteter Trugschluss, dass ärmere Menschen billige Autos brauchen – sie fahren in den allermeisten Fällen gar keinen PKW.“ Prekär verdienende Personen seien im Gegenteil auf Bus und Bahn angewiesen. Diehl führt während der aktuellen Kontaktsperre täglich einen Mobilitäts-Livecast auf ihrem Blog durch und prophezeit: „In der Krise wurden viele Gewohnheiten verändert, Autostraßen geschlossen. Das wird sich langfristig auswirken und uns zu alternativer Fortbewegung motivieren.“

„Damals Hebel falsch umgelegt“

Aber gerade die Autobranche wird hart kämpfen. Viele Händler haben nun tausende alte Autos auf Halde, die sie nur schwer wieder los kriegen. Schon im Februar wurden rund sieben Prozent weniger verkauft – mit den vielfach geschlossenen Geschäften dürfte sich die Zahl im März weiter drastisch verringert haben. Die Konzerne werden darauf setzen, ihre Autos loszuwerden.

Die Frage vieler Klimawissenschaftler ist heute, ob der Klimawandel wieder wie vor der Krise diskutiert werden kann. Nach der Finanzkrise 2009 verschwand die Debatte um die Menscheitsaufgabe kurzfristig vollständig aus den Köpfen – im Bundestag sprach kaum noch jemand über den Klimawandel, wie eine Auswertung der Bundestagsdebatten der letzten Jahrzehnte zeigt. Dabei ist die Klimakrise mit Corona nicht kleiner geworden – wir haben nun zusätzlich noch mit einer neuen, planetaren gesundheitlichen Bedrohung zu kämpfen.

„Im Grunde genommen ist die Bewegung von Fridays for Future auch eine Folge der vielen Fehlentscheidungen von 2008, etwa mit der Abwrackprämie: Damals wurde ein Hebel falsch umgelegt, der noch heute unsere Klimabilanz schädigt,“ analysiert die Berliner Ökonomin Kemfert.

Deshalb arbeiten die Klimaexpertinnen nun daran, die großen Unterschiede zwischen der Corona- und der Klima-Krise deutlich zu machen. Denn letztere kann für alle Menschen viel angenehmer gelöst werden. Um künftig Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren zu verhindern, muss das öffentliche Leben nicht still stehen. Es muss nur neu gedacht werden.

Vier konkrete Ideen

Die Corona-Krise zeigte: Die Gesellschaft kann sich sehr schnell umstellen. Vielleicht ist nun die Zeit, größer zu denken. CORRECTIV stellt vier Utopien zum Klimaschutz in den Lebensbereichen vor, die am meisten Treibhausgase produzieren: Ernährung, Konsum, Energie, Verkehr. Diese Vorschläge wurden immer wieder diskutiert und bislang häufig als „nicht umsetzbar“ bezeichnet:

Lokale Landwirtschaft
Auf kommunalen Zierflächen und in privaten Gärten könnten im großen Stil Gemüse, Obst und Getreide angebaut werden.
Effekt: Spart Transporte, schafft Jobs und macht unabhängig in Krisenzeiten.

Die CO2-Scheckkarte
Jeder Bürger, jede Bürgerin erhält ein Budget an Emissionen. Um die weltweiten Ziele zu erreichen, dürfen wir nur noch zwei Tonnen verbrauchen. Bei jedem Kauf klimaschädlicher Produkte (Urlaub, Fleisch. Handy) gehen Punkte ab.
Effekt: Verteilt Klimaschutz gerecht auf. Macht Menschen bewusst, was gut oder schlecht ist.

Bürger-Energie
Nachbarschaften oder Kommunen schließen sich flächendeckend zu Energie-Genossenschaften zusammen, um ihr Windrad, ihre Solar- oder Biogasanlage aufzustellen. Einige davon gibt es schon.
Effekt: Unabhängigkeit von Großkonzernen. Schnell umzusetzen.

Sauberer Verkehr
Subventionen für den Autoverkehr – Pendlerpauschale, Dienstwagen, Diesel – in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Radwegenetzes umleiten.
Effekt: Mehr Menschen nutzen ÖPNV und das Fahrrad. Pendeln wird unattraktiver, Firmen werden motiviert, Zugtickets statt Dienstwagen zu finanzieren.

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Aktuelle Artikel

Das Heartland Institute: Wie US-Klimaleugner Politik in Europa machen

Der Kampf gegen den Klimaschutz steht bei ihm ganz oben auf dem Programm: Mit Millionenförderung aus der US-Industrie liefert das Heartland Institute pseudo-wissenschaftliche Expertise und beeinflusst damit die Politik und die öffentliche Meinung. Auch in Europa.

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von Annika Joeres , Susanne Götze

In den USA regiert schon heute ein Klimaleugner: Präsident Donald Trump hält den menschengemachten Klimawandel nicht nur für einen „Hoax“, eine Finte, sondern er steigt auch offiziell aus dem 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommen aus. Dass der US-Präsident so vehement gegen den Klimaschutz kämpft, ist auch auf das Klimaleugner-Institut Heartland zurückzuführen: „Neun Tage nach Trumps Wahl bekamen wir einen Anruf vom Weißen Haus, um die Position des Präsidenten in der Klimapolitik zu unterstützen“, erzählt Jay Lehr stolz in einem Interview. Er ist der wissenschaftliche Direktor des marktradikalen Heartland Institute und bekam erst vor wenigen Monaten den „Climate Truth Award“ von seinem Arbeitgeber verliehen. Lehr streut bereits seit 26 Jahren beim Heartland Institute Zweifel am menschengemachten Klimawandel. „Ich habe Präsident Trump eine Power-Point-Präsentation zusammengestellt und bekam wenige Tage später wieder einen Anruf aus dem Weißen Haus. Der Anrufer sagte nur zwei Worte: You won.“

Das Heartland Institute ist einer der einflussreichsten Thinktanks in der Szene der Klimawandelleugner. Es kämpft in den USA und nun auch in Europa gegen Klimaschutz. Das US-amerikanische Institut ist immer dabei, wenn die öffentliche Meinung im Sinne der Industrie gedreht werden soll: Heartland kämpfte früher beispielsweise für die Zigarettenindustrie. Zusammen mit der Tabakfirma Philip Morris fabrizierte es Kampagnen gegen die eindeutige medizinische Erkenntnis, dass Rauchen krebserregend ist. Auch wenn das Institut diesen Kampf am Ende verlor, hat es doch mit seiner Propaganda strenge Gesetze zum Schutz von Nichtrauchern um Jahrzehnte hinausgezögert. 

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Die Heartland-Lobby

CORRECTIV undercover: Ein tiefer Einblick in die Machinerie der Klimaleugner-Industrie. Wie Desinformation für Geld zu haben ist.

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PR statt Wissenschaft

Heute verwendet das Institut seine Energie vornehmlich darauf, Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu säen. Also dort Zweifel zu schüren, wo wissenschaftlicher Konsens herrscht. Zu wichtigen aktuellen Klima-Nachrichten publiziert Heartland seine Kontermeinung: Als Anfang Januar die NASA berichtete, 2019 sei das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen seit 140 Jahren, verkündete Heartland das Gegenteil. In den USA, schreiben die selbsternannten „Klimaexperten“ des Instituts, ginge die Temperatur insgesamt nach unten.

Bei der Verbreitung dieser Fake-News helfen gute Kontakte: Nach eigenen Aussagen hat Heartland allein 2017 gewählte Politikerinnen und Politiker eine Million Mal kontaktiert. Für die PR-Aktionen braucht es viel Geld. Bei Heartland kommt es zumindest zum Teil von der fossilen Industrie, wie zahlreiche Leaks offenlegen. Öl- und Gaskonzerne setzen auf Kampagnen von Heartland, um wirksame Klimaschutzgesetze zu verhindern, um ihr Geschäftsmodell zu retten. 

Die Geldgeber

Die Verbindungen zu Industrie und Energiekonzernen von Heartland sind evident: Nach unseren Recherchen bei der amerikanischen Steuerbehörde IRS nahm das Heartland Institute 2015 rund 4,6 Millionen Dollar ein, im Jahr 2016 waren es schon 5,5 Millionen Dollar und 2017 schließlich 5,9 Millionen Dollar. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor – sehr wahrscheinlich aber sind die Spenden weiter gestiegen. Das legen Zahlen des Donors Trust nahe, ein amerikanischer, rechts-konservativer Fonds, der Spenden einnimmt und sie an bestimmte Organisationen weiter leitet. So bleibt der Spender anonym. Der Donors Trust hat 2018 rund drei Millionen Dollar an Heartland überwiesen, ein Jahr zuvor waren es nur 1,7 Millionen Dollar. 

Ein Teil des Geldes kam von der Mercer Family Foundation, die wiederum für den Wahlkampf von Trump spendete. Mehrere Leaks beweisen zudem, dass Heartland sowohl von Exxon Mobil als auch von den Stiftungen der Charles Koch Brothers finanziert wurde. 

Die „Koch Brothers“ sind eine Industriellenfamilie, die mit klimaschädlichen Produkten groß und milliardenschwer wurde. Sie produziert Erdöl, Erdgas, Kohle und Plastik. Der 1940 gegründete Mischkonzern zählt heute laut einer Studie der Universität von Massachusetts zu den größten „Verschmutzern“ der USA. Seit 1980 unterstützen die konzerneigenen Stiftungen, die Koch Family Foundations, konservative und neoliberale Think-Tanks, Lobbyisten und Parteien wie die Tea Party mit über hundert Millionen Dollar. 

Mit dem Geld von klimaschädlichen Konzernen organisiert Heartland regelmäßige Konferenzen und baut seine eigenen „Experten“ auf. Dadurch entstanden auch sogenannte „alternative“ Klimaberichte des NIPCC (Non-governmental international panel on climate change – in Anlehnung an den Weltklimarat IPCC). Dessen Publikationen wie „Climate Change Reconsidered“ sind hunderte Seiten stark und versammeln unzählige angeblich wissenschaftlich überprüfte (peer-reviewte) Beiträge. NIPCC-Chefautor Fred Singer ist ein Star der US-Klimawandelleugner – mittlerweile ist er ein Rentner von 94 Jahren. Auch er ist enger Berater von Konzernen wie Exxon gewesen, arbeitete für Think-Tanks wie Heritage Foundation oder das Cato-Institut und bezog monatlich Geld vom Heartland Institute. Sein eigenes Institut SEPP (Science & Environmental Policy Project) gründete er schon 1990. Ziel von SEPP war es, den Tabakgenuss als unbedenklich darzustellen und seine gesundheitlichen Risiken zu verschleiern. Später spezialisierte sich SEPP ebenfalls auf Klimawandelleugnung und bekam direkte Spenden von Exxon, wie die Exxon-Leaks offenlegen. In seinen Newslettern promotet SEPP wiederum den deutschen Leugner-Verein EIKE, den kleinen Bruder von Heartland. 

Heartlands ehemaliger Vorsitzender Tim Huelskamp, den CORRECTIV noch 2018 auf der Konferenz in New Orleans interviewen konnte, erhielt während seines Wahlkampfs als republikanischer Kongresskandidat ebenfalls fünfstellige Summen von fossilen Interessenverbänden wie den Koch Brothers. Damals sagte er in die Kamera: „Wir arbeiten mit allen Gruppen weltweit zusammen, die für freie Märkte sind.“

Heartland organisiert zudem jährliche „Klima“-Konferenzen wie 2018 im Hilton-Riverside-Hotel – ausgerechnet im von Überschwemmungen bedrohten New Orleans – und im vergangenen Jahr im International Trump Hotel in Washington, in Fußweite zum Weißen Haus.  

Die Verbindungen zur Politik

Die Heartland-Losungen schaffen es in offizielle Papiere. So steht in einem Bericht des Wissenschafts-Komitees des US-Kongresses: Die Umweltorganisationen seien nur „nützliche Idioten“ für die Interessen der Russen, ihre hohen Gas- und Ölpreise in Europa zu erhalten und die US-Konkurrenz auszustechen, heißt es dort in der martialischen Sprache des Kalten Krieges. Initiator des Berichtes ist der ultrarechte Republikaner Lamar S. Smith – einer der aktivsten Klimawandel-Leugner im US-Repräsentantenhaus und langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses. Auch er sprach bereits auf den von Heartland organisierten Klimakonferenzen und verteidigte Heartland sogar öffentlich. Der Senator lässt sich zudem regelmäßig von Öl- und Gasfirmen bezahlen, insgesamt waren es bis 2018 laut der Plattform „Opensecrets“ 62.000 Dollar – unter den Spendern firmieren wieder die Koch Brothers. 

Heartland pflegt jedoch nicht nur seine Kontakte in der Politik – so sind die Vorsitzenden des Institutes stets ehemalige Abgeordnete – sondern versucht auch seine „Fakescience“ in Schulen loszuwerden: 2017 verschickte das Institut über 200.000 Pakete mit „Bildungsmaterial“ an Schulen mit dem Ziel, das Heartland-Material in die Hand „jedes Lehrers des Landes“ zu geben. Darunter waren auch DVDs mit Titeln wie „Warum die Wissenschaft sich beim Klimawandel nicht einig ist“. 

Doch Heartland beschränkt sich nicht auf die USA: Neuerdings wollen die marktradikalen Klimaleugner auch in Europa Einfluss nehmen. Seit ein paar Jahren gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem deutschen Klimaleugner-Verein EIKE, der seinen Sitz offiziell in Jena hat: Deutsche und US-Amerikaner organisieren gemeinsam die Konter-Konferenzen zu den jährlichen UN-Klimagipfeln und laden sich gegenseitig auf ihre eigenen „Klima”-Konferenzen ein.

Zudem streckt Heartland mittlerweile auch seine Fühler zu den – lange Zeit bekämpften – Gewerkschaften aus: Vor rund einem Jahr schlossen die polnische Gewerkschaft Solidarnosc und der US-Thinktank einen Kooperationsvertrag. Darin fordern die Unterzeichner „die Wiederherstellung der wissenschaftlichen Methodik und die Eliminierung ideologischer Dogmen der UN“. Der Duktus: Die polnische Gewerkschaft, bekannt für ihren Widerstand gegen das kommunistische Regime, gehe mit den Klimaleugnern erneut in den Widerstand – dieses Mal gegen den „Klima-Alarmismus“. Im Kampf gegen Kommunismus und die UN vereint, treffen sich hier der industrienahe Thinktank und die Arbeitnehmervertretung der polnischen Kohlekumpel.

In diesem Jahr will Heartland weiter seine „Freunde“ von EIKE und Klimaleugner in ganz Europa unterstützen. Für die UN-Klimakonferenz im britischen Glasgow im Dezember 2020 finanziert Heartland wie schon in den Vorjahren eine eigene Klima-Konferenz und will ebenso wiederholt Jahrestreffen der deutschen Klimaleugner bei EIKE sponsern, so Heartlands Klimadirektor James Taylor in einer E-Mail an die Autorinnen. Taylor ist in amerikanischen Medien gern gesehener Gast und darf in dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes Kolumnen veröffentlichen. 

Europa scheint das neue Kampfgebiet von Heartland zu sein. „Ich bin sehr optimistisch, dass die Europäer jetzt aufwachen und aufhören, dem Klimawahn zu glauben“, so Taylor in seiner Email.

Susanne Götze und die CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres sind auf länderübergreifende Recherchen zu Klimapolitik und Lobbying spezialisiert. Am 6. April erscheint ihr Buch „Die Klimaschmutz-Lobby – Wie Politiker und Wirtschaftslenker die Zukunft unseres Planeten verbauen“ im Piper Verlag.

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Im grauen Eingangsbereich des Messegeländes in Madrid setzt die COP25 symbolisch ein grünes Zeichen. © CORRECTIV
Klimawandel

Die Klimakonferenz — hinter den Kulissen

Auf der Weltklimakonferenz COP25 in Madrid sollte Politik für den gesamten Globus gemacht werden – aber die Fallen der Klimapolitik zeigen sich abseits der Kongresshallen. Ein Streifzug durch fleischlastige Fresstempel und stickige Lobbyisten-Events.

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von Katarina Huth , Annika Joeres

Burger King. Und Telepizza. Auf der 25. Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen. Die Fastfood-Ketten sind fester Bestandteil der IFEMA, dem Messegelände Feria de Madrid, auf der die COP stattfindet, und haben auch in den ersten beiden Dezemberwochen geöffnet, in denen in den umliegenden Hallen zukunftsweisende Entscheidungen in Sachen globaler Klimaschutz verhandelt werden sollen. Die Konferenzsäle sind grau, die Luft trocken, Fenster gibt es keine. Die Verhandlungstage sind lang, genau wie die Schlangen vor den Cafeterien und Fastfood-Restaurants, die viel Fleischlastiges anbieten.

Immerhin: Ein kleiner bunter Essenswagen mit liebevoll bemalten Menütafeln im schmalen gepflasterten Außenbereich der COP bietet vegetarische Kost für 10 Euro pro Teller an und wirkt hier wie aus einer anderen Welt. Am Infostand erhält zu Beginn jeder und jede Konferenzteilnehmende eine Glasflasche, die an Wasserspendern aufgefüllt werden kann.

Während der zwei Wochen, in denen die Klimakonferenz in Madrid stattfand, zeigen sich die Widersprüche nicht nur an den Essensständen. Neben den offiziellen Verhandlungsdelegationen der Staaten tummeln sich tausende Lobbyisten, auch Klimaleugner zeigen sich auf der Konferenz. Es geht nicht nur um mehr oder weniger Klimaschutz, sondern auch um die aktive Verhinderung. Dass diese COP am Ende scheiterte, lag vor allem am Widerstand von Ländern wie den USA oder Brasilien. Aber hinter den Staatsinteressen stehen mächtige Wirtschaftsinteressen. Und die sind in den Messehallen spürbar.

Strahlend bietet eine junge Frau im grünen Cocktailkleid in der Nähe des Eingangs zur nächsten Halle kostenlose vegane Essensboxen an. Doch übergeben werden sie erst, wenn das begleitende Kamerateam alle gut im Bild hat. „Wenn ihr morgen wieder vegan essen wollt, meldet euch bitte mit eurer Telefonnummer und E-Mail an“, gibt sie zusammen mit der Box auf den Weg. Doch wer finanziert diese kostenlosen Mahlzeiten? Ein Buch der Organisatorin wird gleich mit verteilt, sie wird „Supreme Master Ching Hai“ genannt. Für Master Ching Hai rettet der Veganismus die Welt und erlöst uns spirituell auf dem Weg in den Garten Eden.

Fastfoodketten sind fester Bestandteil des Messegeländes und waren tagsüber auch während der Weltklimakonferenz geöffnet. © CORRECTIV

Selbstbewusste Fleischlobby auf der COP

Währenddessen tagt wenige Meter entfernt die Konferenz der „International Dairy Federation“ und des „International Meat Secretariat“, also der Lobby für den Konsum von Fleisch und Milchprodukten. Im Raum bleiben dutzende Stühle leer, es sind etwa 50 Zuhörer anwesend.

Caroline Emond von der Milchlobby-Organisation wirbt für ihre Produkte: „Milchvieh grast häufig auf Land, das für den Anbau von Nutzpflanzen gar nicht geeignet ist. Es konvertiert nicht konsumierbare Pflanzen in nahrhafte Lebensmittel, die helfen, Menschen auf der ganzen Welt zu ernähren.“

Auch Lobbyisten der Fleisch- und Milchindustrie vertreten auf der COP ihre Interessen, darunter Emmanuelle Coste vom „International Meat Secretariat” (rechts) und Caroline Emond von der „International Dairy Federation” (Mitte). © CORRECTIV

Nach der Konferenz erklärt Emond CORRECTIV, dass die Milchindustrie für Menschen nötig sei, um sich zu entwickeln und ein gesundes Leben zu führen. Sie sei außerdem für die Entwicklung von Kindern essentiell. Und sie stellt klar: „Wir sollten nicht vergessen, dass die Milchindustrie global einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Sektoren ist und das Rückgrat der Wirtschaft.“

Auch Emmanuelle Coste vom „International Meat Secretariat“ ist davon überzeugt, dass der Konsum von tierischen Produkten notwendig und gesund sei: „Eine Zukunft ohne Milch und Fleisch sehe ich nicht. Wir haben Wiederkäuer, die wir für unsere Weideflächen brauchen. Sie sind Teil unseres Planeten, also können wir sie auch nutzen.“ Die Treibhausgas-Emissionen, so verspricht er, könnten durch eine produktivere und effizientere Viehproduktion verringert werden.

Der Fleisch-Lobbyist widerspricht damit der wissenschaftlichen Forschung: Nur weniger Tierhaltung kann demnach die Emissionen nennenswert senken. Aber die Fleischindustrie hatte auch in Madrid wieder Erfolg. Sie kommt bei jeder COP ohne strenge Vorgaben davon – genauso wie die Tourismusbranche und Containerschifffahrt.

Dabei ist klar: Ohne eine gänzlich andere und vor allem weniger Tierhaltung wird die Welt nicht unter zwei Grad Celsius Erwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bleiben können. Eine internationale Studie amerikanischer Forscher von 2018 förderte erstaunliche Zahlen über die Fleischwirtschaft zutage und wurde weltweit publiziert: Die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne der Welt emittieren mehr CO2 als ganz Deutschland oder Australien. Reduzierung der Massentierhaltung, Verbote für die stetig wachsende Fleisch-Industrie und Gesetze für eine vegetarische oder fleischarme Ernährung, etwa indem vegetarische Essen in öffentlichen Kantinen angeboten würden, wären also ein deutlicher Schub für mehr Klimaschutz. Zudem steht die Fleischindustrie im Verdacht, im großen Stil für Buschbrände im brasilianischen Amazonas verantwortlich zu sein – eine einzige Kuh braucht allein einen Hektar Land. Damit geht für das Schnitzel oder den Burger viel Land verloren, das aufgeforstet werden könnte, um CO2 einzufangen. Deshalb forderten internationale Forscher kurz vor dem Ende der COP, endlich ein Jahr festzulegen, den so genannten „Peak“, ab dem der Fleischkonsum sinken soll. Eine Forderung, die nun frühestens bei der COP26 umgesetzt werden kann.

Dieser Slogan am U-Bahnhof des Messegeländes verspricht eine klare Lösung zur Rettung der Welt: Einfach vegan werden. © CORRECTIV

Comeback der Klimawandelskeptiker

Den ersten Tag der 25. Weltklimakonferenz eröffnet Nancy Pelosi, Sprecherin für die Demokratische Partei im Repräsentantenhaus der USA, mit den Worten: „Wir sind nach Madrid gekommen, um allen zu zeigen, dass die USA ihre Verpflichtung, Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, ernst nimmt.“ Die Kameras der Medienvertreter klicken, sie reißen sich um die besten Plätze in der ersten Reihe vor dem Podium. Pelosis Worte, ja ihre bloße Anwesenheit, bilden den Gegenpol zu US-Präsident Donald Trump. Aber sie kommt ohne Macht, sie ist nur Oppositionsführerin. Die Klimapolitik verantwortet Donald Trump, der US-Präsident, der den Klimawandel lange als „hoax“, als Schwindel bezeichnete, der von den Chinesen erfunden worden sei. Trump beleidigt regelmäßig die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg. Im November dieses Jahres stieg das Land nach langer Ankündigung offiziell aus dem Pariser Abkommen aus. Trump ist zur Klimakonferenz nicht einmal angereist. Laut offizieller Teilnehmerliste sind aus den USA mehrere Vertreter des Heartlands Institutes anwesend, einem millionenschweren US-amerikanischen Verein von Klimaleugnern, der sich dem gezielten Abbau von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen verschrieben hat.

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Auch wenn die Klimawandel-Leugner in der öffentlichen Debatte in Europa eine eher geringe Rolle spielen, so feiern sie in vielen Teilen der Erde ihr Comeback: In den USA und Brasilien sitzen sie in der Regierung. Auch in Deutschland gewinnen sie zunehmend an Boden  Das Heartland-Institut veranstaltet mit den deutschen Klimaleugnern des umstrittenen EIKE-Institutes gemeinsam Konferenzen. Und es ist auch in Madrid präsent.

Langes Warten auf maue Ergebnisse. Mit zwei Tagen Verspätung verkündete die Konferenz dasselbe, was sie schon in Paris beschlossen hatte. © CORRECTIV

Aber auch die Länder, in denen der wissenschaftlich belegte Klimawandel akzeptiert ist, bremsen die Erderwärmung bislang nicht ausreichend: Kein einziger Staat ist auf dem Weg, seine CO2-Emissionen ausreichend zu begrenzen, um unter zwei Grad Celsius zu bleiben. Das konnte auch die COP in Madrid nicht ändern, im Gegenteil: Die Konferenz ging praktisch ohne Ergebnis zu Ende. Das Ziel, den Handel mit CO2 zu regeln, wurde verfehlt. Der Artikel 6 des Pariser Abkommens von 2015 wollte Staaten, die ihre Klimaziele übererfüllen, belohnen: Sie sollten mit ihren zusätzlich eingesparten CO2–Tonnen handeln können. Wie und zu welchem Preis blieb aber auch nach zweiwöchiger COP offen.

Kurzzeitig Hoffnung

Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik bei „Brot für die Welt“, hat nach der ersten Woche der Konferenz noch Hoffnung. Gegenüber CORRECTIV sagt sie, dass „die weltweiten Klimaschutz-Ambitionen dringend angehoben werden müssen. Wir müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse respektieren.“ Sie warnt: „Länder wie Saudi-Arabien oder die USA werden das nicht mögen.“ Während des Gesprächs laufen sie auf Hochtouren, es ist Minninger anzumerken, wie sie unter Strom steht. „Wieso müssen wir den Staaten immer und immer wieder erklären, dass sie Verantwortung übernehmen müssen?“ Ärmste Staaten seien am stärksten betroffen, obwohl sie nicht die Verursacher der aktuellen Klimakrise sind. Trotzdem blieben sie auf den Kosten sitzen. „Klimaschäden sind vier mal teurer als Anpassungsmaßnahmen“, so Minninger.

Umweltschutz konkret: Im Eingangsbereich der Halle 4 konnten Konferenzteilnehmende ihren Müll recyclen. © CORRECTIV

Die armen Länder, die jetzt schon besonders betroffen, fallen auf der Konferenz kaum auf. Sie haben nur wenige Vertreter, die im Gewusel der 25000 Teilnehmer kaum auffallen. Die Länder mit großer Industrie haben auch mehr Geld, um ihre Interessen durchzusetzen. Die deutsche Delegation, die sich am Ende enttäuscht zeigte, ist traditionell eine der Größten: Sie reiste dieses Jahr offiziell mit 102 Personen an. Länder wie Pakistan konnten nur 16 Mitarbeitende schicken – obwohl gerade die Pakistaner schon heute aus überschwemmten Gebieten fliehen müssen, die Folge des Klimawandels sind. In einigen Delegationen finden sich dieses Jahr auch klimapolitische Blockierer der COP: In der russischen Delegation saß ein Vertreter von Gazprom, dem großen russischen Ölkonzern. In der deutschen Gruppe fand sich ein expliziter Klimawandelleugner: Karsten Hilse von der AfD.

In seinen Bundestagsreden kritisiert der ehemalige Volkspolizist aus Hoyerswerda die offizielle Klimaforschung und erklärt, dass das sogenannte Weltklima nur in den Köpfen von „Klimaideologen“ existiere. Es stimme nicht, dass der Mensch das Klima beeinflusse. Möglicherweise wird Hilse künftig seine Eindrücke von der COP dazu nutzen, gegen die Klimapolitik zu wettern.

Side Events von Lobby- und Interessengruppen

In Halle 8 des Messegeländes reihen sich die Stände und Pavillons von Unternehmen und Lobbygruppen aneinander. Fast täglich gibt es hier Konferenzen mit anschließendem Sekt-Empfang. Bei der Konferenz des wichtigsten europäischen Arbeitgeberverbandes, Business Europe, sind fünf Podiumsteilnehmer eingeladen. Sie findet im kleinen grauen Pavillion der Internationalen Emissionshandelsgemeinschaft statt.

Damit die Teilnehmer nicht vergessen, worum es auf der COP geht: die Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen. © CORRECTIV

Es spricht unter anderem Yvon Slingenberg, Generaldirektorin Klimapolitik der Europäischen Kommission, zuständig für internationale Klimaverhandlungen und die Einbeziehung von Klimaproblemen in die EU-Politik. Auf die Frage von CORRECTIV, ob Business Europe als Lobbyorganisation auf die Europäische Kommission in Brüssel großen Einfluss hätte, reagiert sie gelassen. Brüssel sei ein Mikrokosmos, in dem die Interessen der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der Zivilgesellschaft gut vertreten seien und es ein hohes Maß an Transparenz gebe. Sie sitzt neben Holger Lösch, Geschäftsführer des Bund Deutscher Industrien (BDI). Auf dem Podium herrscht Einigkeit darüber, dass Lobbyinteressen aller Seiten in Brüssel fair gehört werden. Auf die Frage von CORRECTIV, wie er den Einfluss des BDI auf die Europäische Kommission und als Bremser von effektiven Klimaschutzmaßnahmen sehe, sagt Lösch, er hätte auf diese Frage keine Antwort.

Feuer und Wasser

Die Welt der Industriellen trifft schließlich auf die Aktivisten von Fridays for Future: Duncan van Bergen, Vizepräsident von Shell New Energys, einem der umsatzstärksten Mineralöl-Konzerne der Welt, wird von unzähligen Handflächen mit blauen gemalten Augen begrüßt. Das Symbol steht für die wachsame junge Generation, die mit voller Aufmerksamkeit die Schritte und Entscheidungen der Personen in Machtposition verfolgen. Die jungen Menschen folgen van Bergen stumm, das Schweigen der Masse erfüllt den Saal. Er lächelt und bewegt sich langsam durch die Menge, betont, dass er alle Arten des friedlichen Protests befürwortet. Auf die Frage, ob er Energie aus fossilen Energieträgern stoppen würde, antwortet er: „Der Dialog ist komplexer als das. Ich würde jedem zustimmen, der sagt, es braucht dringende Maßnahmen und Aktionen in Sachen Klimaschutz.“

Der Shell-Vertreter Duncan van Bergen wird von jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt empfangen. Die gemalten Augen auf den Handflächen sollen zeigen: „Wir beobachten euch“. © CORRECTIV

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz geben neben den jungen Aktivistinnen Greta Thunberg  und Luisa Neubauer auch Kisha Erah Muaña aus den Phillippinen, Rose Whipple aus den USA, Arshak Makichyan aus Russland, Carlon Zackhras von den Marshall Islands, Angela Valenzuela aus Chile und Hilda Flavia Nakabuye aus Uganda der Nachwuchsgeneration ein Gesicht. Sie erzählen ihre Geschichten, wie ihre Heimat zum Teil schon jetzt unter klimabedingten Schäden und Verlusten leidet und wie ihr Blick auf die Verhandlungen auf der COP ist.

Carlon Zackhras, der die Marshall Islands vertritt, sagt, dass seine Nation kaum am globalen Emissionsausstoß beteiligt sei. Sein Haus, dass nur zwei Meter über der Wasserlinie liege, sei vom steigenden Meeresspiegel bedroht. „Wir müssen uns mit Problemen befassen, die wir nicht verursacht haben.“

Kisha Erah Muaña von den Philippinen ruft mit fester Stimme dazu auf, „dringend nach Alternativen zu suchen, da Lösungen Zeit brauchen werden und wir jetzt anfangen müssen.“ Sie fordert mehr Einsatz für den Schutz der Ozeane: „Die Ozeane sind das Herz unseres Planeten. Wenn wir uns nicht für die Ozeane einsetzen, werden wir nicht überleben können.“ Deutschland rief sie dazu auf, sich als Industrienation solidarisch zu zeigen, da es im COP Prozess eine stärkere Stimme habe als Staaten aus dem globalen Süden. „Wir könnten vielleicht sogar eine gemeinsame Aktion auf der COP machen, das wäre toll.“

„Unsere Geschichten haben wir schon oft genug erzählt”, so die Aktivistinnen Greta Thunberg und Luisa Neubauer auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Stattdessen erzählen andere Jugendliche von ihrem Kampf gegen die Auswirkungen der Klimakrise. © CORRECTIV

Helena Gualinga erzählt über ihre Prägung durch Protestbewegungen. Die 17-jährige Aktivistin stammt aus Amazonien. Auf der Stirn trägt sie ein Muster aus waagerechten dunkelroten Linien. Von ihren Ohren hängen große Blüten bis auf ihre Schultern. Gualingas Gemeinde Sarayaku kämpfe gegen die Ölindustrie seitdem sie denken könne. Sie sei aufgewachsen in Protesten. Unternehmen der Rohstoffindustrie kämen in die Gebiete der indigenen Völker in Amazonien ohne ihre Erlaubnis, um Erdöl zu gewinnen und zerstörten den Urwald, verschmutzten Wasser und Luft. „Das ist respektlos und ein Verstoß gegen unsere Menschenrechte und sollte kriminalisiert werden.“ Denn diese Völker seien es, die 80 Prozent der globalen Biodiversität schützten. „Wir müssen unter anderem den ökonomischen Einfluss auf marginalisierte Gruppen berücksichtigen und genau das ist Klimagerechtigkeit.“ Dieses Thema werde auf der COP nicht genügend beachtet. Gualinga spricht eindringlich. Indigene Völker und eben jene Menschen aus dem globalen Süden, die unter den Folgen der Klimakrise leiden müssen, seien gar nicht Teil der Verhandlungen vor Ort, so Gualinga.

Die 17-jährige Aktivistin Helena Gualinga stammt aus der Gemeinde Sarayaku in Amazonien, die seit Jahrzehnten unter der Umweltverschmutzung durch Ölkonzerne leidet. © CORRECTIV

Der Freitag, 13. Dezember 2019, sollte der letzte Tag der COP25 sein. Doch die Verhandlungen werden um zwei Tage verlängert. Nochmal versammeln sich auch viele Gruppen zum friedlichen Protest für besseren Klimaschutz. Am Ende steht ein Ergebnis, mit dem vor allem die Regierungen zufrieden sind, die Klimaschutz nicht für wichtig halten. Und es profitieren die klimaschädlichen Industrien, weil die Konferenz keinen Druck erzeugt hat. Präsident der kommenden COP 26 wird Großbritanniens Premierminister Boris Johnson sein – ein Mann, der bis vor wenigen Jahren noch selbst den Klimawandel belächelte. Keine guten Voraussetzungen für notwendigen Klimaschutz. Aber sicherlich gibt es dann auch wieder große Burger.

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Fahrradfahrer in Kopenhagen (Foto: Febiyan / unplash.com)
Klimawandel

Schaut mal: Diese Länder zeigen, wie Klimaschutz geht

Die weltweite Klimakonferenz COP 25 in Madrid hat begonnen: Wir stellen vier Länder vor, an denen sich Deutschland ein Beispiel nehmen kann. Eine Überraschung ist dabei.

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von Annika Joeres

Die 25. „Conference of the Parties“ (COP) in Madrid muss eines schaffen: Die Länder zu konkreten Gesetzen zu bewegen, um in den kommenden Jahrzehnten die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Für jedes Land gelten dabei unterschiedliche Ziele und Pflichten, die im Pariser Vertrag von 2015 explizit festgelegt sind. Grundsätzlich gilt: Je reicher und industrialisierter ein Land ist, desto mehr Treibhausgase muss es einsparen.

Die Industriestaaten, die das Klima in der Vergangenheit mit ungebremster Kohle-Energie aufgeheizt haben, müssen ihren CO2-Ausstoß stärker reduzieren als Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich gerade im wirtschaftlichen Aufstieg befinden. Jedes Land, von Afghanistan bis Zypern, muss also unterschiedlich viel an seinem Lebensstil ändern.

Die Unterscheidung zwischen industrialisiertem und weniger entwickeltem Land ist wichtig, weil die Länder mit großem Bruttoinlandsprodukt, mit starker Auto- und Maschinenindustrie oder mit großen fossilen Bodenschätzen bisher hundert- oder manchmal zehntausendfach mehr Treibhausgase ausgestoßen haben als ärmere Länder. Die G20-Länder sind für achtzig Prozent aller klimaschädlichen Emissionen verantwortlich.

Auch Deutschland – lange Zeit vorbildlich in der Entwicklung der Erneuerbaren Energien – produziert noch immer 79 Prozent seiner gesamten Energie – also zum Heizen, für Strom und Transport – mit Öl, Gas oder Kohle. Wir werden unsere Klimaziele für 2020 verfehlen und auch die Ziele für 2030 nur schwerlich einhalten können. Das einst als Klimavorreiter gelobte Land kann derzeit nicht als Vorbild dienen. Wir haben uns nach positiven Beispielen in anderen Ländern umgeschaut.

Wir wollen Beispiele aus vier Ländern vorstellen, die im Klimaschutz fortschrittlich sind. Basierend auf Berichten der Klima-NGOs Germanwatch und climate action tracker, die sich wiederum auf aktuelle Daten der Weltenergieagentur, der Welhandelsorganisation, der OECD, der Weltbank und auf nationale Informationen beziehen.

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SCHWEDEN belohnt klimafreundlichen Konsum

Die nordischen Länder sind seit Jahren unter den Top-Ten der Klimafreunde. Bis 2030 will Schweden hundert Prozent seiner Energien aus erneuerbaren Quellen beziehen. Außerdem ist Schweden weltweiter Vorreiter darin, klimaschädlichen Konsum teurer zu machen. Seit 1996 erhebt es einen Preis von 121 Euro auf eine Tonne CO2. Seitdem haben die Schweden ihre Ölheizungen gegen Solarthermien oder Stromheizungen umgestellt, die Regierung hat Infokampagnen für „smarte Häuser“ gestartet, und Dämmungen, Solaranlagen und Wärmepumpen für private Häuser finanziert. Eine genaue Zahl zu dem Anteil der passiven Häuser gibt es nicht, aber Germanwatch und seine Experten gehen davon aus, dass es der höchste in der EU ist. Trotz ihres hohen Wohlstandes stoßen Schwedinnen und Schweden drei Mal weniger Treibhausgase aus als Deutsche.

In Schweden ist auch die Verkehrswende nah. Ab 2025 wird jedes zweite Auto von Volvo mit elektrischen Motoren verkauft werden. Und: Die schwedische Regierung will ein „Bonus-Malus“-System einführen. Wer schadstoffarme Autos kauft, wird belohnt. Wer sich große, schwere und damit klimaschädliche Autos zulegt, muss höhere Steuern zahlen.

MAROKKO nimmt seine Sonnen-Chance wahr

Marokkos Bürgerinnen und Bürger produzieren viel weniger Treibhausgase als etwa Deutsche oder Amerikaner. Theoretisch hätte das nordafrikanische Land also das Recht, seine Emissionen noch zu steigern. Aber Marokko hat entschieden, sich direkt von einem Agrarstaat in einen nahezu fossil-freien Industrie- und Dienstleistungsstaat zu wandeln. Zwischen 2015 und 2020 hat das Land alleine seine Solarenergie von zwei auf 14 Prozent gesteigert und will bis 2030 mehr als die Hälfte seines Stroms mit Sonne und Wind erzeugen.. Ein Grund: Die Monarchie baut kilometerlange Solar-Anlagen in der Wüste. Die sogenannte Noor-Anlage beispielsweise ist das größte Solarwerk der Welt, zieht sich über 25 000 Hektar und wird knapp 1,2 Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner mit Strom versorgen.

Schließlich hat das Land keine fossilen Bodenschätze zum Verbrennen – aber dafür sehr viele Sonnenstunden im Jahr. Allerdings vollzieht Marokko keine dezentrale Energiewende, wie es in Deutschland vielerorts angestrebt wird, sprich, die Wind- oder Solaranlagen verteilen sich nicht kleinteilig auf verschiedene Dörfer. Akzeptanz und Bürgerbeteiligung stehen in Marokko hinten an. Stattdessen werden die Solarpanele gleich zentral und hektarweise aufgebaut.

Für Marokko sind die Erneuerbaren Energien günstiger, als Kohle oder Gas zu importieren. „Das Land nimmt seine Chance wahr“, sagt Jan Burck von Germanwatch. Er hat das Klima-Ranking der Umwelt -NGO mitgeschrieben.

CHINA übertrifft seine Prognosen

Viele kennen die Bilder von Menschen, die sich im dichten Smog und mit Atemschutzmaske durch chinesische Großstädte kämpfen. Regelmäßig erscheinen Chinas Metropolen im Ranking der am meisten verschmutzten Städte unter den Top 30. Auch die Menge an klimaschädlicher Kohleenergie wuchs in 2018 weiter an. Und auch wenn das Land für seine Politik insgesamt, etwa bei politischen Dissidenten, sicherlich kein Vorbild ist, ist es ein Überraschungskandidat bei bestimmten Klimaschutzmaßnahmen.

„China hat sich von den ganz hinteren Plätzen Jahr für Jahr nach oben gearbeitet und ist nun etwa auf einem Level im Klimaschutz-Ranking mit Deutschland“, sagt Burck von Germanwatch. (China war 2018 auf Platz 41, 2019 auf Platz 33,  Deutschland rutschte vom 22. auf den 27. Platz) Insofern ist für viele Klimaexperten die Tendenz entscheidend: Verschiedene Klima-NGOs bewerten China zwar nach wie vor als großen Verschmutzer, sehen seine künftige Rolle aber als positiv. „Wenn die chinesische Regierung auf Elektroautos setzt, dann hat das sofort Folgen für die ganze Welt“, sagt Hanna Fekete von der weltweiten NGO „Climate action tracker.“ Einige ihrer Entscheidungen könnten andere Länder anspornen.

China übertrifft – im Gegensatz zur Bundesregierung, die ihre eigenen Ziele verfehlt – inzwischen seine eigenen Vorgaben. Als Schwellenland mit geringerem Lebensstandard hatte China laut dem Pariser Klimaabkommen das Recht, seinen CO2-Ausstoß noch zu steigern – so wie alle Länder, die historisch deutlichweniger emittierten als die historische Industrieländer wie Deutschland oder Großbritannien. China gab damals an, erst ab 2030 seine Emissionen zu senken. Nach neueren Studien aber wird China voraussichtlich schon zwischen 2021 und 2025 weniger klimaschädliche Gase emittieren – und damit seine Ziele, ganz im Gegensatz zu Deutschland, übertreffen. Wie kommt das?

Für die vielversprechende Bilanz sind laut der Weltenergieagentur EIA Erneuerbare Energien verantwortlich. In keinem Land der Erde wachsen Sonne- Wind- und Wasserkraft so schnell wie in China. Im Jahr 2023, so die EIA, wird China voraussichtlich mehr Erneuerbare produzieren als die gesamte EU. Vor allem aber ist China dabei, seinen Verkehr vom fossilen Benzin zu befreien und auf den öffentlichen Nahverkehr umzustellen: Das Ziel: 2020 sollen 30 Prozent der Menschen in Großstädten mit Bus und Bahn fahren. Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Das „Transit Metropolis“-Programm von 2011 baute den öffentlich subventionierten Nahverkehr in China zu einer Auto-Alternative aus. Die Metro-Linien im Land sind heute doppelt so lang wie noch 2012. Aktuell fahren knapp 6000 Kilometer unterirdische Bahnen und weitere 6000 Kilometer sind geplant. Zum Vergleich: In Europa existieren zur Zeit rund 3000 Kilometer unterirdische Bahnen.

Hinzu kommt: China produziert Millionen Produkte, die wir hier billig einkaufen: Telefone, Legosteine, Computer, Badehosen. Die Emissionen werden derzeit den Produzenten zugeschrieben. Wenn das nicht so wäre und die Emissionen auch den hiesigen Käufern zugerechnet würden, sähe Chinas Bilanz noch besser aus. Und unsere noch schlechter.

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DÄNEMARK gibt Fahrradfahrern Vorrang

Dänemark hat einige Klima-Nachteile: Das nordische Land baut die Erneuerbaren Energien zu langsam aus und bohrt weiterhin nach Öl und Gas in der Nordsee. Trotzdem rutscht Dänemark in den Rankings immer weiter nach oben, beispielsweise durch mehr Windkraft und das Verbot von Benzin-Autos ab 2030. Aber vor allem aus einem Grund darf Dänemark in dieser Liste nicht fehlen: Sein Angebot für Fahrradfahrer und -fahrerinnen ist weltweit einmalig. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen gilt vielen Stadtplanern inzwischen als Vorbild für die Verkehrswende. Schon jetzt legen ihre Einwohnerinnen und Einwohner mehr als 33 Prozent der Wege zur Arbeit oder zur Schule auf dem Fahrrad oder zu Fuß zurück.

Das ist dreimal so viel wie in den meisten deutschen Großstädten – außer Berlin, dort legen die Einwohnerinnen und Einwohner schon jetzt knapp ein Drittel der Wege mit Zügen und Bussen zurück.

Warum? Weil die Stadt einen konkreten Plan umgesetzt hat, Fahrradfahrern immer und überall Vorrang zu gewähren. Dazu gehört, dass Autos an Ampeln hinter den Radfahrerinnen stoppen müssen und die Radwege so breit sind, dass sie in eine schnelle und eine langsamere Spur unterteilt sind. Bis 2025 werden die straßenbreiten Radwege weiter ausgebaut, Straßen zu Einbahnstraßen für Autofahrer degradiert oder ganz gesperrt, an Kreuzungen Reparatur- und Aufpumpstationen aufgebaut und überall für sichere Abstellplätze gesorgt. Und: Radwege werden künftig genauso schnell von Schnee befreit wie Autostraßen.

Fazit:

Die Weltkarte der Klima-Sünder und -Retter hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. „Die Länder, die traditionell viel ausstoßen, bleiben dabei. Die Länder, die nur in geringem Maße für den Klimawandel verantwortlich sind, tun mehr für die Welt“, sagt Hannah Fekete vom NewClimate Institute. Auch einen Frontrunner, also ein Land, das in allen Bereichen gut abschneidet, gibt es bei keinem dieser Rankings.

Deshalb bleiben bei dem „Climate Change Performance Index“ der NGO Germanwatch seit Jahren die ersten drei Plätze frei: Der Index rankt die Gesetze und Projekte von den 60 stärksten Emittenten der Welt. „Die Länder der Welt sind lethargisch und wenig einfallsreich“, sagt Jan Burck, Projektleiter des „Performance index“ von Germanwatch. Größtes Manko: Die Energie einzusparen. Bislang setzen die meisten darauf, die Energie mit Wind und Sonne und Biomasse herzustellen – was gut ist. Den Energie-Verbrauch zu senken hat bislang allerdings kaum ein Land geschafft. Dabei ist die Kilowattstunde am klimafreundlichsten, die erst gar nicht produziert werden muss.

Leider ist das Fazit: Kein klimaschädliches Land erreicht bislang die Pariser Klimaziele. Kein industrialisiertes Land der Erde verringert seinen Verbrauch ausreichend, um die Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und damit Dürren, Überschwemmungen und den Meeresanstieg einzudämmen. Ja, die aktuellen Prognosen für die Länder führen zu einer drei Grad heißeren Erde – das eine Grad mehr aber hat große Folgen: „Für viele Lebewesen, von Meeres-Schildkröten bis zu Korallenriffen, bedeutet schon ein halbes Grad mehr den Tod. Und für uns Menschen? Hunderte Millionen mehr werden unter dem Klimawandel leiden,“ schreibt die Weltraumbehörde NASA. Es ist also ein großer Unterschied, der sich bei jedem Fieber nachvollziehen lässt: Wir fühlen uns wohl bei einer Körpertemperatur um 36,7 Grad Celsius, schwach bei 38 und sind bettlägerig bei 39 Grad.

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(Foto: Ina Fassbender / AFP)
Klimawandel

Wälder in NRW: Sterbende Kathedralen

Einen „Wald- und Wertewandel“ fordert NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser und erhebt unsere Wälder zu „Kathedralen des Klimaschutzes“. „Nur mit einem intakten Wald werden wir unsere Klimaziele erreichen können“, betonte die Christdemokratin vergangene Woche in Düsseldorf. Für seine Rettung bindet die Landesregierung nun im kommenden Jahrzehnt 100 Millionen Euro und verlangt nach einer bundesweiten Baumprämie. Schon jetzt kämpft die Task Force „Käfer“ gegen „ein bisher nie dagegewesenes Schadenereignis“ in NRW, wie es im Waldzustandsbericht der Landesregierung heißt. Seit 35 Jahren wird mit ihm die Gesundheit des Waldes dokumentiert. Es ging unseren Wäldern noch nie so schlecht wie heute. Was ist passiert?

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von Bastian Schlange

Das Klima-Problem

Extrem trockene Sommer, Jahrhundert-Orkane wie Friederike 2018 und plötzlich aufziehende Starkregen setzen den heimischen Wäldern zu. Im vergangenen Jahr waren die Folgen des Klimawandels besonders verheerend: Die Monate April bis August waren in NRW die wärmsten und sonnenreichsten seit 130 Jahren. Mit fast fünf Grad Celsius übertraf die Durchschnittstemperatur im April 2018 das langjährige Mittel in unserem Bundesland, damit erlebten wir den bundesweit wärmsten April seit 1881. Gleichzeitig wurde vom Deutschen Wetterdienst im selben Zeitraum der geringste Niederschlag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen dokumentiert. 

Dürre und Hitzestress schwächen Bäume und machen sie krank – ein gefundenes Fressen für Krankheiten und Insekten wie den Borkenkäfer. Die Tiere bohren sich durch die Rinde und zerstören den Baum von innen. 2018 wiesen in Nordrhein-Westfalen mehr als zwei Millionen Festmeter Fichtenholz Borkenkäferfraß auf. Zwei Millionen Festmeter würden sauber und dicht gestapelt einen Turm mit der Fläche eines Fußballfeldes und einer Höhe von über 200 Metern ergeben – der Schaden eines einzigen Jahres. „Die Lage in unseren Wäldern ist dramatisch“, machte vergangene Woche NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) deutlich.

Sorgenkind Wald

Vier von fünf Bäumen in NRW sind krank. Sie zeigen Symptome wie lichte Kronen und ausfallende Blätter, heißt es im Waldzustandsbericht der Landesregierung, die ihre Soforthilfen für Waldbesitzer um drei Millionen Euro im Jahr aufgestockt hat. In den kommenden zehn Jahren will die schwarz-gelbe Regierung 100 Millionen Euro für die Rettung der heimischen Wälder zur Verfügung stellen. Außerdem fordert Heinen-Esser eine bundesweite Baumprämie zum besseren Schutz der Wälder. Sie sagt: „Angesichts der bereits jetzt feststellbaren sowie der prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels dürften die Belastungen für die Wälder und die Herausforderungen für die Waldbewirtschaftung weiter zunehmen.“

Fast 30 Prozent der Landesfläche Nordrhein-Westfalens besteht aus Wald. Die Existenzgrundlage von über 160.000 Menschen im Land ist abhängig von Forst und Holz. Die Bedeutung des Waldes reicht aber weit über seine ökonomische hinaus. Die nordrhein-westfälischen Wälder binden rund 700 Millionen Tonnen CO2. Sie sind ein stabilisierender Faktor für das lokale Klima. Neben dem Speichern von CO2 aus der Luft schützen sie auch Boden und Wasser, mildern Temperaturschwankungen und sind damit Schlüssel zu einer erfolgreichen Klimaanpassungsstrategie. 

Doch NRWs Wälder sterben: 2018 zeigten 80 Prozent der Bäume leichte bis schwere Krankheitserscheinungen. Ein bisher nie dagewesener Zustand. Wie die Landesregierung feststellt, besteht aktuell „für 221 klimasensible Tier- und 82 Pflanzenarten und 18 klimasensible Lebensräume ein besonderer Handlungsbedarf“.

Nie ging es dem Wald in NRW so schlecht wie heute. (Grafik: Philipp Schulte/CORRECTIV)

Die fiesen Käfer

„Was gerade in unseren Wäldern passiert, ist eine Katastrophe“, sagt Thomas Kämmerling vom Regionalverband Ruhr (RVR). Kämmerling ist zuständig für die Wälder im Verbandsgebiet. Hier machen ihm besonders das Naherholungsgebiet Hohe Mark westlich von Haltern und das Waldgebiet Kirchheller Heide bei Bottrop Sorgen. In der Hohen Mark sei der Anteil der ohnehin empfindlichen Fichten sehr hoch, sagt Kämmerling. Bereits mehr als 15.000 Bäume sind dort vom Borkenkäfer befallen. Die Kirchheller Heide ist zusätzlich durch einen kleinen Tornado aus dem Jahr 2017 geschädigt. Hier ist der Käferbefall noch massiver.

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Unter Förstern ist vom größten Borkenkäfer-Aufkommen der Nachkriegszeit die Rede. Landesweit sind derzeit rund elf Millionen Fichten geschädigt. Experten gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Schäden noch nicht erreicht ist. Von einem „außerordentlich starken Befall“, der den Waldgebieten noch mindestens bis 2023 massiv zusetzen wird, spricht der Landesbetrieb Wald und Holz NRW. Deswegen hat das NRW-Umweltministerium eine spezielle Task Force „Käfer“ sowie die AG Großkalamität beim Landesbetrieb Wald und Holz eingerichtet, um Waldbesitzer bei der Bekämpfung der Borkenkäferplage zu unterstützen.

Trotzdem gehen Experten davon aus, dass bis Ende des Jahres keine Fichte in NRW gesund sein werde, die auf einer Höhe von unter 300 Metern über dem Meeresspiegel wächst. „Hier finden Parasiten mittlerweile optimale Bedingungen vor. In höheren Lagen dagegen ist es in der Regel kühler und niederschlagsreicher“, sagt Kämmerling. Wenn man bedenkt, dass mit 442 Metern über dem Meeresspiegel der Wengeberg im Ennepe-Ruhr-Kreis die höchste Erhebung des Ruhrgebiets ist und Karnap im Essener Norden bei 26,5 Meter über Normalnull liegt, wird der größte Teil des Ruhrgebiets in Zukunft vermutlich ohne Fichten auskommen müssen. 

Aber auch andere Baumarten leiden unter der Trockenheit und neuartigen Bedrohungen durch Pilze oder Insekten, die wiederum von Hitze und Dürre profitieren. „Es gibt mittlerweile keine heimische Baumart mehr, die ohne Risiko gepflanzt werden kann“,  sagt RVR-Experte Kämmerling. Ahorn, Esche und Ulme – sie alle leiden. Bereits 200.000 Buchen in ganz NRW sind vertrocknet. 

Staubtrocken und brandgefährlich

Innerhalb der Kommunen können Stadt und Feuerwehr Maßnahmen ergreifen, um den Baumbestand zu retten. Die CORRECTIV Klimaredaktion veranstaltet derzeit Klimawochen in verschiedenen Städten des Ruhrgebietes, lädt lokale Expertinnen und Kenner zu Debatten und recherchiert vor Ort. Während unserer Veranstaltungsreihe in Bochum erklärte der Chef der örtlichen Berufsfeuerwehr, Simon Heußen, dass allein 2018 2,2 Millionen Liter Wasser von seinen Einsatzkräften zur Bewässerung von Stadtbäumen und Parkteichen verbraucht worden seien. Es sei das erste Mal gewesen, dass die Feuerwehr städtisches Grün gießen musste. Im aktuellen Jahr seien 1,2 Millionen Liter dafür verbraucht worden.  

Doch die extremen Dürreperioden bringen weitere Probleme, die wiederum Bäume und Wälder bedrohen: vermehrte Brände. Heußen sprach von einer Verdoppelung der Kleinstbrände im Stadtgebiet. Aus Unterlagen der Landesregierung geht hervor, dass sich 2018 die Vegetationsbrände in ganz NRW verglichen zu den Vorjahren mehr als verdoppelt haben. Schaut man sich die einzelnen Ruhrgebietskommunen wie zum Beispiel Bochum an, wird es noch deutlicher.

Im Extremsommer 2018 stieg die Zahl der Vegetationsbrände dramatisch an. (Grafik: Philipp Schulte/CORRECTIV)

Heinen-Esser bezeichnete unsere Wälder als „Kathedralen des Klimaschutzes“. Manche Kathedralen lassen sich nicht mehr aufbauen, wenn sie Hitze und Flammen zum Opfer gefallen sind.

 

Quellen: Presseinformation – 933/11/2019, Waldzustandsbericht 2018, Landeswaldbericht 2019, Drucksache 17/6881, Drucksache 17/5517, Drucksache 17/7610, Drucksache 17/7247, Drucksache 17/7061 

Klimawochen im Ruhrgebiet

CORRECTIV lädt bis zum Frühjahr 2020 zu Klimawochen in verschiedene Kommunen des Ruhrgebiets ein. Vier Abende, ein Überthema: Wie zeigt sich die Klimakise vor Ort? Was sind die Lügen der Klimaleugner und wie kann man sie durchbrechen? Wie steht es um die Verkehrswende in der Kommune? Und zum finalen Abend: Aktivismus trifft auf Realpolitik – Vertretende von Stadt und Fridays for Future diskutieren gemeinsam Wege aus der Klimakrise.

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Als Grundlage für die Klima-Dialoge in den Ruhrgebiets-Kommunen haben wir uns die CO2-Bilanzen der Städte genauer angeschaut, die wir in den kommenden Monaten besuchen werden – mit ernüchterndem Ergebnis: Die CO2-Wende vor der Haustür.

Alle aktuellen Termine erfahren Sie auf der Seite unserer Klimaredaktion oder über unseren Klima-Newsletter:

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Jeder kennt so einen – einen Fahrradfahrer... (Foto: Chris Barbalis/ unsplash.com)
Klimawandel

Ich habe nichts gegen Fahrräder, aber…

Wo stehst Du? Die Frage zu beantworten, verlangt mehr als Deinen Handystandort. Denn egal ob Aktivistenaufstand oder Familienausflug: Bewegungen haben politische Konsequenzen. Und Stillstand führt zur Katastrophe. Ein Essay über die Mobilität im Land.

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von Bastian Schlange

Jeder kennt so einen – einen Fahrradfahrer. Manchmal nur als flüchtige Erscheinung im Straßenverkehr. Manchmal als Bekannten, als Arbeitskollegen oder Freund. Meiner ist Rheinländer und radelt jeden Morgen zu unserem Büro in Essen. Und jeden Morgen frage ich mich: Was will er mir damit sagen? Schaut mal her! Ich schaff, was ihr nicht schafft. 

Aber will ich das überhaupt: Mich mit einer neongrellen Sicherheitsweste und einer überlangen Regenhose zum Gespött der Straße machen? Einen ähnlichen Auftritt im Büro hinlegen: Die Frisur vom Fahrtwind verwüstet, das Shirt schweißdurchtränkt. Und dann auf dem Klo verschwinden, um in einem halben Liter Kölnisch Wasser zu baden. 

Sicher, seiner Taille hat das vergangene Jahr vergleichsweise gut getan, das muss ich zugeben. Trotzdem. Ich seh für mich keinen Vorteil im Fahrradfahren. Im Gegensatz zum Rheinländer bin ich eitel und lege Wert darauf, wie zugerichtet ich die Redaktionsräume betrete. Und das bereits bei Sonnenschein. Durch Regen radeln will wirklich niemand – auch das wird man noch sagen dürfen… 

Ich leite die CORRECTIV Klimaredaktion. Ich bin kein Leugner des Klimawandels – im Gegenteil. Aber ich esse Unmengen Fleisch. Weil ich es einfach mag. Ich fahre Auto, nicht Rad und finanziere mit meiner Stromrechnung vermutlich vier volle Stellen bei den Dortmunder Stadtwerken. 

Warum auch nicht? 

Mein Leben ist anstrengend. Die Tage durchgeplant und vollgestopft. Luft bleibt nur wenig. Die eine Hälfte des Monats lebt meine kleine Tochter bei mir, die andere füllt Arbeit aus. Ich habe mir das verdient, das bisschen Luxus – die Kurzstrecke mit dem Auto, das Stück Fleisch auf dem Teller. Ich will einfach nicht verzichten oder es mir noch schwerer machen. Und so schafft es die drohende Klimakatastrophe nicht, mich das kleine Stück vom Autositz auf den Fahrradsattel zu jagen, mich zu drängen, meine Ernährung umzustellen oder sonstwas zu tun. 

Es bringt eh alles nichts. 

Dagegen krampft mein Magen angesichts der Wahlergebnisse im Osten, den Erfolgen einer rechtsradikalen Partei, die sich neben viel anderem Dreck den Kampf gegen den Klimaschutz auf die wehenden Fahnen geschrieben hat, die genau das rechtfertigt, was ich gerade tue. Das passt nicht zusammen – dabei sind sich der Osten und der nahende Weltuntergang gar nicht so fern. 

Fangen wir aber vorne an.

Ein kleiner Schritt für einen Menschen… 

Akzeptanz ist immer der erste Schritt. Die Klimakrise ist da. Der Regenwald brennt, die Arktis lodert, die Pole schmelzen und das Meer läuft über. Kurz gesagt: Uns steht die Kacke bis zum Hals. Da muss man nicht mehr diskutieren. Es geht vielmehr darum, die eigene Bedeutung in diesem Untergangsspektakel anzunehmen. Eine Rolle, die in der Geschichte einzigartig ist: Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt, und die letzte, die noch etwas tun kann. 

Kaum ein Tag vergeht ohne Klima-Nachricht, ohne Hiobsbotschaft und Zeugnis der Wetterextreme. Weltweit wie vor der eigenen Haustür. Die Meldungen erschlagen uns – jeden Morgen aufs Neue. Was soll da der Einzelne tun? Was eine Stadt? Ein Land? Es gibt immer einen größeren Klimasünder, soll der doch machen; was bringt es schon, wenn wir uns bewegen, der Rest aber sitzen bleibt. Also bleibe ich es auch.

Pluralistische Ignoranz und Verantwortungsdiffusion nennt man das. Je größer die Schar der Gaffer um einen Autounfall, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass einer hilft. Verantwortung, persönliche Schuld und Verpflichtung teilen sich mit jeder Schulter, die sie trägt. Bis sie so federleicht auf Dir lasten, dass Du sie nicht mehr spürst. Eine ungünstiger Zug, wenn man bedenkt, dass unsere Welt zugrunde geht und 7,6 Milliarden Menschen zuschauen. Das ist Verantwortung verkrochen bis zur zehnten Ziffer hinters Komma. Ohnmacht könnte kaum größer sein. Und für jeden einzelnen kaum gerechtfertigter.

Diese Machtlosigkeit bildet das Bollwerk unserer Bequemlichkeit. 

Diese Machtlosigkeit definiert auch Opfer, im selben Atemzug moralische Überlegenheit und die Legende des Widerstands: DIE wollen uns was wegnehmen, uns guten Bürgern und rechtschaffenen Autofahrern. Dieser Öko-Diktatur dürfen wir uns nicht ergeben! MEIN Diesel! Für den hab ich Jahre gespart! Wir lassen uns doch nicht enteignen!!!1!!!11! 

Dazu später mehr.

Schritt 2: Den Hebel finden

CORRECTIV stellt die Mobilitätsfrage für die Region. Wostehstdu.org heißt unsere Bürgerrecherche. Wir wollen wissen, wo die Menschen im Land liegen bleiben, einfach nicht voran kommen. Das ist doppeldeutig und aus vielen Gründen wichtig. 

Denn Mobilität bedeutet Leben – im Großen wie im Kleinen. Gehfrei, Bobbycar, Papas PKW oder SUV ebenso wie Völkerwanderungen, Segelschiffe, Mondlandung und Concorde: Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte seiner Mobilität. Um aus dieser Geschichte eine Geschichte der Verantwortung zu machen, ist es ein großer Schritt. Momentan erzählt sie nur die Ballade der Bewegungslosigkeit. Kaum etwas geschieht.

CO2 ist der treibende Motor der Klimakrise. Seit den 50er-Jahren hat sich der Ausstoß der Menschheit mehr als verdreifacht. Deutschland ist seit Jahren unumstrittener CO2-Europameister, belegt in der weltweiten Rangliste Platz 6. Wir sind kein unbedeutender Spieler auf dem Feld. Und gut ein Fünftel der deutschen CO2-Bilanz geht auf das Konto unserer Mobilität. 

Mobilität kann damit eine Antwort auf diese Ohnmacht sein; sie bietet Stellschrauben auf allen Ebenen: Der Einzelne kann etwas verändern, das Unternehmen, die Kommune, das Land. Auf NRW entfällt ein Drittel der deutschen CO2-Emissionen. Auch wenn sich die Bilanz von Nordrhein-Westfalen in den vergangenen vier Jahrzehnten stetig verbessert hat, die Treibhausgase, die wir von der Straße in die Luft pusten, sind nahezu gleich geblieben. 

Klingt im ersten Moment widersprüchlich – schließlich sollten moderne Wagen auch umweltfreundlicher sein – aber die Autos auf unseren Straßen werden jedes Jahr mehr: 2018 knackte NRW die 10-Millionen-Marke. Außerdem werden die Karren dicker. Der Bestand an unsinnigen SUVs hat sich in den vergangenen sieben Jahren fast vervierfacht. Das ist absurd – kein Mensch mit intaktem Ego braucht diese Spritschleudern – aber auch ein Grund dafür, warum es in NRW nicht voran kommt.

Mein Leben lang habe ich gelernt: Das Auto ist das Fortbewegungsmittel eines Erwachsenen. Wie sollte es auch anders sein? Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets! Unsere Städte sind für Autofahrer gebaut. Unsere Schulen haben Parkplätze für die coolen Kids mit ihren ersten Karren. Mit 15 habe ich verchromte Felgen und Doppelendrohre beim Wattenscheider Tuning-Tempel D&W versandfertig verpackt. Meine Filme hießen Manta, Manta und Bang Boom Bang. Das Rheinland radelt, nicht das Ruhrgebiet!

Das Auto ist dem Ruhrpottler sein liebstes Kind. (Grafik: CORRECTIV)

Wenn ich nun aber auf der A40 vor mich hin sieche wie der Roadrunner bei einer Seniorenwanderung, dann sollte sich die Erkenntnis hervor schälen, dass Autofahren keine zeitgemäße Mobilität ist. 120 Stunden im Jahr steht der Deutsche still. Die Staumeldung werden seit Jahren mehr, die Blechlawinen länger und die verlorene Zeit größer. Dabei ließe sich so viel gewinnen, wenn man nur aus seinen Mustern ausbrechen würde. Gründe dafür gäbe es genug.

Schritt 3: Routinen durchbrechen 

Ich bin ein Gewohnheitstier: Jeder Arbeitsschritt am Morgen hat sein Zeitfenster – ob mit Tochter oder ohne. Kaffee, Klo und Zähneputzen, bevor es unter die Dusche geht. Immer in dieser Reihenfolge. Gerät die Ordnung durcheinander, beginnt mein Tag konfus.

Das tägliche Schlachtfeld mit meinem Schweinehund misst genau 1,9 Kilometer. In der Länge. Das ist die erste Etappe und nicht die Welt, etwa fünf Prozent meiner Pendlerstrecke. Den Weg aus der Haustür zum Auto außer Acht gelassen, sowie später von dort gen Kita. Wenn ich meine Kleine abgegeben habe, geht es zu Fuß zum Hauptbahnhof, per RE nach Essen und dann wieder im Schlendertrott zum Büro. Mischmobilität nennt man das. 

Seit Anfang des Jahres nehme ich mir nun vor, für diese zwei Kilometer vom Auto umzusatteln. Mein Fahrrad steht allerdings in der hinterletzten Ecke des Sediment geschichteten Kellers. Ein Fahrradhelm fehlt, ohne wäre ich ein schlechtes Vorbild für den Nachwuchs. Für den bräuchte ich auch noch einen Kindersitz oder müsste mit der Ex verhandeln, wo nun der feste Wohnsitz des 16-Zoll-Tigerenten-Rades liegt. Zur Not muss ein neues her. Und dann auch noch die wetterbedingten Hürden: Regen, Kälte, Glatteis. Oh Gott.

Und der Bus? Zu unflexibel, nicht selbstbestimmt. Im Gegensatz zu einer Vierjährigen, deren Morgenrituale dem Chaosprinzip hinterherhetzen, bereits aus der Bahn geworfen werden von einer Fliege am Vorhang, die – Oh! Guck mal! – mit dem Kopf nach unten krabbeln kann, und damit jedwede Raumzeit allem unterwirft, nur nicht dem Fahrplan des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr. Verpasse ich einen RE, bin ich mit dem nächsten während der Rush Hour immer noch schneller als im Schritttempo über den Ruhrschnellweg. Dagegen tut es bedeutend mehr weh, einen Bus zu verpassen, der nur zehn Minuten zur Kita braucht und im Viertelstundentakt rotiert. Dann walzt die Verspätungslawine mit ihren Anschluss-Abhängen auch gern mal über die Stundenmarke hinaus.

Klingt schrecklich. Dabei ist das alles – wenn ich ehrlich bin – auch ein großer Selbstbetrug. Autofahren ist gar nicht so cool. Allein die Tortur, einen Parkplatz in Kitanähe zu finden. Zehn Minuten gehen dafür am Morgen drauf, plus minus. Und eine Menge mentaler Gelassenheit. Das Fahrrad ist im Stadtverkehr nachweislich schneller, etliche Studien belegen das. Und günstiger als Auto ist eh alles. Sprit, Steuer, Versicherung, Reparaturen, Abschreibung, Parktickets und in meinem Fall ein festes Knöllchenbudget – bei einer Pendlerstrecke von 40 Kilometern summiert sich das. Mit dem Fahrrad mach ich Sport, der zurzeit in meinem Leben kaum noch ein Fenster findet. Und in Bus und Bahn könnte ich lesen. Auch das würde mir gut tun.

Trotzdem verharre ich auf dem Hintern und trete statt Pedalen lediglich meine CO2-Bilanz mit Füßen. Warum verstehe ich selbst nicht ganz.

Schritt 4: Ehrlich zu sich sein   

Autofahrer sind ein starrsinniges Völkchen und, wenn ich mir die Hasstiraden Berliner Taxifahrer vor Ohren führe, auch ausgemachte Mobilitätsrassisten. Diese linksgrün versifften Fahrradfahrer!!1!1! Was bilden die sich ein? Mobilität ist ein Grundrecht! Und das Auto des Deutschen liebstes Kind! Mein Wagen gibt mir Identität, das Gefühl von Macht und Selbstbestimmung und dann kommen DIE und wollen mir vorschreiben, wie ich mich zu bewegen habe, meinen Wagen wegnehmen? Mein redlich verdientes Statussymbol?! 

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Als ich begann, diesen Text zu schreiben und meine Argumente las, meldete sich mein Magen zurück: Angst vor Neuem und Angst vor Verlust. Die Bedrohung von Außen, das Gefühl, Unrecht zu erleiden, und ein anachronistisches Verständnis von Mobilität, Macht und Männlichkeit. Der Drang, Widerstand zu leisten, es dem Öko-Establishment mal so richtig zu zeigen! Allen Fakten, Studien und dem gesunden Menschenverstand zum Trotz. Hauptsache es geht gegen DIE. Mein Unterschied zum braungefärbten Osten ist: Ich ignoriere dabei eine wissenschaftlich bewiesene Katastrophe, während die sich ihren völkischen Untergang herbei fantasieren. 

Jeder, der heute jünger ist als 60 Jahre, hat gute Chancen, einen Platz in den ersten Rängen der Klima-Apokalypse zu ergattern. Für alle unter Dreißig sind die Sitze schon reserviert. Doch was in den kommenden Jahrzehnten droht, ist abstrakt und entfernter als jeder Mad-Max-Streifen auf der Kinoleinwand. 

Wie soll man sich das auch vorstellen, wenn man seinen Alltag im Pott lebt – mit einem gemütlichen Bierchen und einer Schale Pommes Schranke? Küstenstädte, die im Meer versinken. Verdorrte Landstriche, miese Ernten und Extremwetter. Hunderte Millionen Flüchtlinge. Kriege um Ressourcen, um Land und ums Überleben. Das Ende von Wohlstand, freier Welt und Fußball WM. Und das alles ausgelöst durch eine Kaskade des Klimawahnsinns, die so verheerend ist, dass sie sich meiner Vorstellungskraft enthebt. 

Dabei sind die Rechnungen recht einfach: Wenn Pole schmelzen, tauen Permafrostböden auf. Wenn sich Meere aufheizen, stirbt Phytoplankton. Wenn Wälder brennen, verreckt die Lunge unseres Planeten. CO2 wird in jedem der Fälle freigesetzt, gleichzeitig kann weniger gebunden werden. Folge: Es wird noch wärmer – das wiederum befeuert in einem teuflischen Kreislauf die Höllenmaschinen Richtung Untergang: schneller, höher, wärmer, Tod. Und das alles, noch bevor ich in Rente gehe.

Schritt 5: Machen statt reden

Klar, ich könnte die Klimakrise anzweifeln. Wir leben in Zeiten allgegenwärtigen Wissens. Ich muss nicht glauben, was mir nicht gefällt. Klimathemen sind Klick-Killer. Die Menschen sind satt, wollen weiter zappen, ausblenden, verdrängen. Schließlich finden sich im Netz Beweise für jede Wahrheit. Obwohl wir mehr wissen, als je zuvor, haben wir immer weniger Gewissheit. Und damit auch kaum Druck zu handeln. 

Deutschland will in dreißig Jahren klimaneutral sein, heißt, quasi CO2-frei. Das geht nur über Einschnitte. Niemand wird aber aus etwas Unvorstellbarem extreme Konsequenzen ziehen, das irgendwo abstrakt in der Zukunft wabert. So sind die Menschen nicht. Man redet lieber statt zu machen. Der Ruhrpottler lässt seine Karre erst stehen, wenn der Himmel anfängt, uns auf den Kopf zu fallen. Und selbst dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass er im Rheinland runter kommt.

Dasselbe Prinzip greift im Klimaschutz. Maßnahmen? Klar! Mehr Fahrradstellplätze statt Parkplätze für PKW? Natürlich! Am besten in Bottrop, Essen hat schon jetzt zu wenig. Windräder? Kann man machen! Nur nicht vor der Haustür. Energiewende ausschließlich ohne Arbeitsplatzverlust. Und CO2-Steuer, nur wenn Malle bezahlbar bleibt. Irgendwo, irgendwann, irgendwie – nur nicht ich.

Das ist falsch. Nichtstun kann keine Option sein. Egal, wie die ganze Geschichte ausgeht.

Ich rechne meist mit dem Worst Case. Hat sich so bewährt. Tritt er ein, bin ich vorbereitet. Wenn nicht, positiv überrascht. Was also, wenn es schon zu spät ist? Wenn wir die Chance bereits vertan haben, das Ruder Richtung Untergang rumzureißen? Was ist die Alternative? Einfach weitermachen wie bisher?

Ich habe eine kleine Tochter, die seit einem Jahr als Öko-Ranger gegen die Müllberge in ihrer Kita kämpft. Sie wird die Folgen des Klimawandels spüren, wie auch immer sie aussehen werden, und mit ihnen leben müssen. Was soll ich ihr in dreißig Jahren erzählen? Und vielleicht auch meinen Enkeln. „Klar wusste ich, was kommt. Aber irgendwie war es mir nicht wert, deswegen zehn Minuten früher aufzustehen.” Klingt nicht cool.

Wenn wir noch etwas gegen den Klimawandel tun können, müssen wir es. Wenn wir bereits verloren haben, auch. Es braucht nur einen entscheidenden Schritt. Langsam begreife ich welchen.

… ein großer Sprung für die Menschheit

Blicke ich auf meine Beziehungen zurück, starb die Liebe meist an Ansprüchen: Denke ich ernsthaft, mir stehe etwas zu, werde ich wütend, wenn es ausbleibt und ich plötzlich auf meinen Anspruch verzichten muss. Dann werde ich trotzig und dumm. Das kann beim Aufräumen anfangen und beim Beischlaf aufhören. Leider menschlich – wir funktionieren nach den immer selben Mustern. Veränderung muss also wachsen, in kleinen Schritten. So führe ich mir nun schon mal vor Augen, warum ich so oft ein Depp in Beziehungsdingen bin.

Ich glaube, wir müssen all unsere Selbstverständlichkeiten überdenken.

Es ist nicht selbstverständlich, dass der Müll jede Woche verschwindet; dass ich für neun Euro zum Ballermann fliegen und über E-Scooter stolpern kann; dass es uns besser geht als anderen Ländern.

Rechte Wähler sind Deppen, denn Demokratie ist nicht selbstverständlich. Empfinde ich meine Nation als mir gottgegeben, bin ich nicht bereit zu teilen. Dann klammere ich mich an die irrationale Angst zu verlieren, anstatt begreifen zu können, dass es etwas zu gewinnen gibt. Wie geht man mit der AfD und ihrer Gefolgschaft um? Sind die Wahlen im Osten ein Grund, nicht mehr wählen zu gehen? Nein – sie müssen Grund sein umzudenken, neue Wege zu wagen, weil die bisherigen als Sackgassen endeten. Nur resignieren darf man nicht.

Die täglichen Nachrichten und Hiobsbotschaften sollten ebenso Anlass zum Umdenken sein. Es geht nicht um Verzweiflung, sondern Erkenntnis: Unsere Welt ist nicht selbstverständlich. Sie ist endlich. Mit der Erkenntnis beginnt das Ende unserer Komfortzone, das Ende der Selbstverständlichkeiten, das Ende von Verschwendungs- und Vergnügungssucht – um letzten Endes bessere Menschen werden zu können. 

Verzicht für moralische Integrität ist das neue Cool. 

Weniger Fleisch essen heißt gesünder leben. Ist das schon Verlust? War es vor fünfzig Jahren selbstverständlich, sich dreimal am Tag totes Tier in den Rachen zu stopfen? War es selbstverständlich, jedes Jahr 85 Kilo des Einkaufs im Müll zu entsorgen und selbst den kleinsten Schritt hinterm Lenkrad zurückzulegen? Verzicht kann bewussteres Leben bedeuten, kann auch Freiheit sein. Denn wo bleibt Freiheit, wenn die Welt untergeht.

Unser Leben ist nicht selbstverständlich. 

Ein neues Bewusstsein kommt aber nicht von irgendwo. Es wächst von der Wurzel bis zur Krone. Und von dort zurück. Wir brauchen Gesetze von oben. Und die da oben brauchen Bereitschaft von unten. Ich muss etwas verändern, die Wirtschaft muss das ebenso wie die Politik. Jeder. Und doch jeder für sich. Denn im Gegensatz zur Zukunft vieler Politiker wird das Leben meiner Tochter eine Legislaturperiode überdauern. So muss Klimaschutz gedacht werden.

Und gemacht werden. Denn die Verkehrswende beginnt in den Kommunen. Ob ich Auto, Fahrrad oder Bus nehme, entscheide ich in meiner Stadt. Dafür brauche ich Anreize, Infrastruktur, Radwege, einen funktionierenden Nahverkehr, Busse, die kommen, Bahnen, die fahren. Dafür müssen politische Entscheidungen getroffen werden, manchmal unliebsame, Wahl gefährdende. Die Menschen müssen dafür auf die Straße gehen. Die Politik muss umdenken. Wir müssen umdenken.

Jeder Schritt hat dabei Bedeutung. Egal wie groß. Denn neue Wege schaffen neue Normalitäten. Die breite Masse erreicht man nicht durch Vernunft, nur über Selbstverständlichkeiten. Damit etwas selbstverständlich wird, müssen die ersten anfangen.

Ein paar Tofu-Tage, mehr Bustouren und vielleicht sogar ein neuer Fahrradhelm unterm Weihnachtsbaum. Ich fange an. Und akzeptiere in Zukunft auch den Rheinländer, wie er ist.

kastanienaufmacher
Die Miniermotte und vor allem das Bakterium Pseudomonas syringae setzen den Kastanienbäumen im Ruhrgebiet zu. (Foto_ Ivo Mayr/Correctiv)
Klimawandel

Klimaopfer Rosskastanie: Bald aus dem Ruhrgebiet verschwunden?

Die Klimakrise zeigt sich auch in NRW. Die Wetterextreme bekommen als erstes die Bäume zu spüren, sagen Experten im Rahmen unserer CORRECTIV-Klimawoche in Dortmund. Besonders betroffen in der Ruhrgebietsstadt: die Kastanie. In den vergangenen vier Jahren ist ihr Bestand um 20 Prozent gesunken. In Zukunft könnte sie ganz aus dem Stadtbild verschwinden.

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von Bastian Schlange

Wer Stress hat, wird schneller krank – da unterscheidet sich der Mensch kaum vom Baum. Die Klimakrise – die höheren Temperaturen, der geringere Niederschlag – setzt den Pflanzen in NRW zu: in den Wäldern wie auch Städten. Zwischen den Häuserfluchten und dem Straßenasphalt sind Bäume aber extrem wichtig, um die Sommer in den betonierten Ballungsräumen erträglich zu halten. Ohne Bäume oder Grün können können sich die Temperaturen in der Stadt um bis zu zehn Grad aufheizen.

Um 1,5 Grad Celsius ist in den vergangenen hundert Jahren die mittlere Jahrestemperatur in Nordrhein-Westfalen gestiegen. Keine Behauptung von Aktivisten oder Klimaschützern – sondern eine Zahl des NRW-Umweltministeriums. Dem gleichen Bericht lassen sich weitere Fakten entnehmen: Es gibt deutlich mehr Tage mit extrem hohen Temperaturen in NRW und weniger Niederschläge im Sommer, auf der anderen Seite weniger Eis- und Frosttage im Winter. Sommerhitze und Trockenheit schwächen Bäume. Milde Winter dagegen führen zu vermehrten Parasiten. „So sind von den rund 1300 gepflanzten Bäumen der letzten zwei Jahren rund zehn Prozent ausgefallen“, sagt ein Sprecher der Stadt Dortmund. „Etliche weisen Trockenschäden auf. Aber auch ältere Straßenbäume haben zu kämpfen.“

Dortmunds Kastanien verschwinden

„Die Folgen des Klimawandels werden sich auf dem Dortmunder Stadtgebiet kurz- bis mittelfristig am deutlichsten am Baumbestand zeigen“, sagt auch Benjamin Bernhardt im Rahmen der CORRECTIV-Klimawoche in Dortmund. Bernhardt ist Biologe und Artenschutz-Experte aus der Ruhrgebietsstadt, außerdem Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum für Evolutionsökologie und Biodiversität. „Im innerstädtischen Bereich sind besonders die Kastanien betroffen, die von der Trockenheit im Sommer und eingewanderten Miniermotten geschwächt sind und nun durch eine bakterielle Infektion absterben“, sagt Bernhardt. „Dadurch kann ein baldiges Verschwinden dieser Art auf dem Stadtgebiet angenommen werden.“

Benjamin Bernhardt (vorne links) im Gespräch mit Bastian Schlange, Leiter der CORRECTIV Klimaredaktion, während des Auftaktabends zur Klimawoche in Dortmund. (Foto: Correctiv)

Die Rosskastanie prägt das Dortmunder Stadtbild – zumindest hat sie es mal: 2015 standen noch 2275 Kastanienbäume an den Straßenzügen der Stadt. 452 galten damals als so geschädigt, dass sie gefällt werden mussten.

Für das Absterben der Bäume ist neben der asiatischen Miniermotte ein Bakterium der Spezies Pseudomonas syringae pv. Aesculi verantwortlich. Befallene Bäume beginnen erst zu bluten, dann setzen sich Pilze in die Wunden der Rinde. Blätter und Äste verwelken. Am Ende verfault der Baum bei lebendigem Stamm.

Ein Problem des Ruhrgebiets

„Die klimatischen Verhältnisse haben sich in den letzten Jahren verändert, wodurch Schädlinge und Pilze, die sonst nur in Asien vorkamen, jetzt auch in Mitteleuropa auftreten. Folglich hat sich der Allgemeinzustand vieler Rosskastanien verschlechtert“, teilt der Landschaftsverband Westfalen Lippe mit. Auch in anderen Ruhrgebietsstädten wie Essen oder Witten kämpfen die Kastanien ums Überleben. Der LWL weiter: „Bei unserer Kastanie treten seit 2007 unterschiedliche Krankheitssymptome auf, die in den nächsten Jahren zum Absterben des Baumes führen werden.“

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Heute stehen noch 1828 Kastanien in Dortmund. Laut Stadt gilt etwa jeder zehnte Baum als so geschädigt, dass er gefällt werden muss. Vielversprechende Schutzmaßnahmen gegen die Infektionen seien nicht bekannt, sagt ein Sprecher der Stadt.

Kein angemessener Ersatz

Die Dortmunder Kastanien wurden teilweise schon im 19. Jahrhundert gepflanzt und sind rund 15 Meter hoch. 560 Kastanien standen ehemals an Dortmunds Wallring, etliche wurden davon gefällt und ersetzt. In den kommenden Jahren müssen weitere Straßenzüge umgebaut werden, sagt die Stadt. Eine seriöse Prognose zum zukünftigen Kastanienbestand sei schwer zu treffen. Es sei aber mit weiteren Ausfällen zu rechnen. Neue Kastanienbäume werden zurzeit nicht in Dortmund gepflanzt.

Seit ein paar Jahren pflanzt die Stadt heimische Eichenarten als Ersatz. Die neu gepflanzten Bäume werden allerdings rund 20 Jahre brauchen, bis sie ausgewachsen sind. Ihre Schattenfunktion lässt sich in dieser Zeit vielleicht durch Sonnensegel auffangen, ihr Kühleffekt, der durch Verdunstung entsteht, nicht. Das stellt die Stadt vor Probleme, denn städtisches Grün und Straßenbäume sind extrem wichtig für das urbane Klima. Gerade im Ruhrgebiet als stark verdichtetem und dicht besiedeltem Raum sorgen die Hitzesommer schon heute für extreme Temperaturen in den Städten.

Die Menschen in den Städten leiden

„Der hohe Anteil versiegelter Flächen speichert Wärme und gibt sie als Strahlungswärme in den Nächten wieder ab“, erklärt Professor Stefan Greiving in einem Interview der aktuellen Ausgabe des Straßenmagazins Bodo. Mit Bodo haben wir bei der Klimawoche zusammengearbeitet und in dessen Dortmunder Bücherladen an vier Abenden zur CORRECTIV-Klimawoche eingeladen. Greiving leitet das Institut für Raumplanung an der TU Dortmund und forscht zu Folgen des Klimawandels. „Dieser Hitzeinseleffekt kann zu acht bis zehn Grad höheren Nachttemperaturen gegenüber dem ländlichen Umland führen“, sagt er.

Schon jetzt werden die Nächte immer wärmer. Das zeigen die Aufzeichnungen des Regionalverbands Ruhr (RVR). Waren zwischen 1961 und 1990 Nächte mit Temperaturen über 20 Grad eine Seltenheit – in der Dortmunder Innenstadt gab es zum Beispiel nie mehr als drei pro Jahr – soll es zwischen 2021 und 2050 im Durchschnitt bis zu 30 solcher Tropennächte pro Jahr geben. Auch die heißen Tage mit Temperaturen über 30 Grad sollen sich im Vergleich zu heute verdoppeln.

Diese Zunahme ist mit konkreten Gesundheitsrisiken verbunden, sagt Dr. Andreas Rienow, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Geomatik des Geographischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum, gegenüber dem Straßenmagazin Bodo. „Besonders für kleine Kinder unter vier Jahren und ältere Menschen ab Mitte 60, sind sie eine schwere Belastung.“

Klimawochen im Ruhrgebiet

CORRECTIV lädt bis zum Frühjahr 2020 zu Klimawochen in verschiedene Kommunen des Ruhrgebiets. Vier Abende, ein Überthema: Wie zeigt sich die Klimakise vor Ort? Was sind die Lügen der Klimaleugner und wie kann man sie durchbrechen? Wie steht es um die Verkehrswende in der Kommune? Und am letzten Abend: Aktivismus trifft auf Realpolitik – Vertreter von Stadt und Fridays for Future diskutieren gemeinsam Wege aus der Klimakrise.

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Als Grundlage für die Klima-Dialoge in den Ruhrgebiets-Kommunen haben wir uns die CO2-Bilanzen der Städte genauer angeschaut, die wir in den kommenden Monaten besuchen werden – mit ernüchterndem Ergebnis: Die CO2-Wende vor der Haustür.

Alle aktuellen Termine erfahren Sie auf der Seite unserer Klimaredaktion oder über unseren Klima-Newsletter:

GERMANY-POLITICS-ENVIRONMENT-CO2
© Tobias SCHWARZ / AFP
Klimawandel

Fünf Gesetze, die wirklich das Klima retten

Das Klimapaket der Bundesregierung ist verabschiedet – und von vielen Seiten kritisiert. Wir haben uns die Klimaschutz-Verordnungen in anderen Ländern angeschaut. Was wird wo konkret umgesetzt. Und was kann Deutschland von dreispurigen dänischen Radwegen, chinesischen Anti-Fleisch-Kampagnen und schwedischen CO2-Preisen lernen.

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von Annika Joeres

Ende September hat die große Koalition ihren Entwurf für das Klimapaket vorgelegt. Die Regelungen sollen dafür sorgen, dass Deutschland bis 2030 mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgase gegenüber 1990 ausstößt. Nur so kann das weltweite Ziel des Pariser Klima-Abkommens eingehalten werden, die Erwärmung der Erde auf weniger als 2 Grad zu begrenzen. 

Nur: Das Paket bringt uns nicht ans Ziel. Klimawissenschaftler, Opposition und Umweltaktivistinnen sind sich einig: Mit diesen Gesetzen wird Deutschland seine Ziele nicht erreichen. Auch international steht die Bundesregierung zunehmend schlechter da: Im Ranking des Klima-Perfomance-Index der deutschen NGO Germanwatch rutscht Deutschland jedes Jahr weiter ab – und steht inzwischen Platz 27 von 60 Ländern.

Auf der Welt gibt es laut der Klima-NGO Carbon Brief etwa 1.200 Gesetze zum Klimaschutz.  

Wir haben uns weltweit umgesehen und fünf Länder und Städte ausgewählt, die sich die Bundesregierung zum Vorbild nehmen könnte.

1. Klimaschädlichen Konsum teuer machen

Die Idee: Klimaschädliches Verhalten, etwa Autofahren, massives Heizen oder das Kaufen von Plastikprodukten teurer zu machen. Und damit langfristig unattraktiv.

Vorbild: Schweden und die Schweiz

Das skandinavische Land erhebt seit 1996 einen Preis von 121 Euro auf eine Tonne CO2. Die Schweiz hat in diesem Jahr mit 96 Euro pro Tonne nachgezogen

Mit Erfolg: Seitdem haben die Schweden ihren privaten Ölkonsum, etwa für Heizungen, deutlich gesenkt. In Schweden sind die Emissionen im Verkehrs- und Wärmesektor seit 2005 um 28 Prozent gesunken. In Deutschland blieben sie im gleichen Zeitraum gleich. Die Einnahmen kommen dem Staatshaushalt zugute und sind wie in Schweden üblich nicht zweckgebunden.

Die Schweiz hat ein etwas anderes Modell: Das Einkommen aus der Steuer wird zum Teil an ärmere Bürger zurückgezahlt.

Das steht zum CO2-Preis im Klimapaket:

„Die Bundesregierung wird ab 2021 eine CO2-Bepreisung für die Sektoren Verkehr und Wärme einführen. (…) Im Jahr 2021 werden Zertifikate zu einem Festpreis von 10 Euro pro Tonne CO2 ausgegeben.“ 

Deutschland bleibt weiter hinter dem Preis von mindestens 35 Euro zurück, das Wissenschaftler fordern. Mit so einem niedrigen Preis werde keine Lenkungswirkung entfaltet, sagte Ottmar Edenhofer, Direktor des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC. Keine Lenkungswirkung bedeutet: Ein derart geringer Preis wird die klimaschädlichen Produkte nicht ausreichend verteuern, um sie unattraktiv zu machen. Ein sinnvoller Einstiegspreis, so Edenhofer, läge bei 50 Euro pro Tonne CO2 – und er müsste dann bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts, also bis 2030, auf 130 Euro steigen.

Recherchen für den Klimaschutz

Zu viele Emissionen von Treibhausgasen, zu viel Plastikmüll belasten die Umwelt. Wir schauen hin, wo dieser Dreck unter die Decke gekehrt wird – wir recherchieren. Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende. Jetzt spenden!

2. Zu weniger Fleisch überzeugen

Die Idee: Deutsche essen mit 60 Kilogramm jährlich doppelt soviel Wurst, Schnitzel und Frikadellen wie der internationale Durchschnitt. Eine internationale Studie von 2018 förderte erstaunliche Zahlen über die Fleischwirtschaft zutage: die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne der Welt emittieren mehr CO2 als ganz Deutschland oder Australien. Vegetarische oder fleischarme Ernährung sollte also gefördert werden – etwa durch einen normalen Mehrwertsteuersatz auf Fleischprodukte.

Vorbild: China 

China hat in seinen Ernährungsempfehlungen 2015 festgelegt, den Fleischkonsum bis 2030 zu halbieren: Chinesen und Chinesinnen sollen nur noch zwischen 14 und 26 Kilogramm pro Jahr essen. Zum Vergleich: Jeder Deutsche isst durchschnittlich knapp 60 Kilogramm pro Jahr. Chinas Ernährungsempfehlungen werden dazu führen, dass etwa in Kantinen weniger Fleisch serviert wird und Produzenten weniger Subventionen erhalten. Auch eine Werbekampagne mit Arnold Schwarzenegger soll Chinesen davon überzeugen, vegetarisch zu essen.

Das steht dazu im Klimapaket:

Nichts. Im Klimapaket der Bundesregierung steht lediglich: „Neben Forschung und Züchtung wird es auf die künftige Entwicklung der Tierbestände ankommen.“ Ob sie größer oder kleiner werden sollen und wie sie eventuell verkleinert werden könnten wird mit keiner Silbe erwähnt. Mehr noch: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner möchte nicht die Verbraucher überzeugen. „Wir leben in einem freien Land. Und der Verbraucher entscheidet selbstständig“, sagte sie in einem Interview mit der taz. 

Bislang hält Deutschland auch an verringerten Mehrwertsteuersätzen für Fleischprodukte fest – im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten. Nach einer Studie von Greenpeace würde sich der Preis für Fleisch mit dem regulären Mehrwertsteuersatz um rund elf Prozent erhöhen – und der Konsum von Rind, Geflügel und Schweine um bis zu neun Prozent abnehmen.

Zu beachten ist allerdings, dass ein Teil der deutschen Fleischproduktion exportiert wird. Ein niedrigerer Fleischkonsum in Deutschland ist also nicht gleichbedeutend mit geringeren Emissionen einher – die Industrie könnte versuchen, einen Nachfragerückgang in Deutschland mit mehr Exporten auszugleichen.

3. Kohlekraftwerke früher schließen

Vorbild: Belgien, Frankreich, Portugal, Österreich und Frankreich

Belgien hat 2016 sein letztes Kohlekraftwerk geschlossen. Noch 2009 plante der deutsche Versorger Eon ein neues Werk in Antwerpen. Die Regierung erteilte jedoch  nach öffentlichen Protesten keine Erlaubnis für den Bau. Portugal will im kommenden Jahr alle Kohlekraftwerke abstellen, Österreich bis 2025, Finnland bis 2020 und Frankreich bis 2022.

Das steht dazu im Klimapaket: 

„Die installierte Erzeugungskapazität aus Kohlekraftwerken im Markt soll bis 2030 auf insgesamt 17 GW reduziert werden und bis spätestens 2038 vollständig beendet werden.“

Das bedeutet: Deutschland wird noch fast zwanzig Jahre den klimaschädlichsten aller Rohstoffe verbrennen. Braun- und Steinkohle ist laut dem Bundesumweltamt für rund 70 Prozent aller CO2-Emissionen in der Stromproduktion Deutschlands verantwortlich. Trotzdem hat die Bundesregierung erst einen Ausstieg in knapp zwei Jahrzehnten geplant.

4. Müll vermeiden

Die Idee: Müll erst zu produzieren und dann zu entsorgen kostet Energie. Klimaschädlich ist auch die Herstellung von Verpackungen und Wegwerf-Produkten. Bislang gehört Deutschland zu den vier Ländern in Europa, die pro Kopf am meisten Müll produzieren.

Vorbild: Japan, Schweden und Vanuatu

In Schweden werden 99 Prozent der Abfälle recycelt – in Deutschland sind es je nach Rechnung nur 17 Prozent.

Eine nationale Kampagne brachte Bürgerinenn und Bürgern bei, ihre Dinge zu reparieren, zu teilen und neu zu nutzen. Ebenso in Japan: In der Stadt Kamikatsu, einem Bergdorf, gibt es eine „Zero waste“-Akademie. In städtischen Läden können Waschmittel in Flaschen aufgefüllt werden, Näherinnen nutzen alte Stoffstücke für neue Kleidung. 

Und: Die Einwohnerinnen und Einwohner sortieren ihre Abfälle in nicht weniger als 45 verschiedene Tonnen. Schon alleine das motiviert, keinen Müll zu produzieren. Der größte Abfall-Verhinderer ist aber die Insel Vanuatu: Dort sind Plastiktüten, Plastikbecher, Styroporbehälter und konventionelle Windeln verboten.

Das steht dazu im Klimapaket:

„Potentiale zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen aus dem Abfallsektor liegen in der aeroben Stabilisierung von Deponien durch Belüftung und in der optimierten Deponiegasfassung“

Das bedeutet: Zur Reduzierung von Abfall und Wegwerfprodukten, das wichtigste Ziel von klimafreundlicher Abfallpolitik, findet sich keine Zeile. Lediglich die Gase, die auf den Müllhalden entstehen, sollen besser eingefangen werden 

5. Verkehr für Fußgänger und Radfahrer auslegen

Die Idee: Der Autoverkehr belastet das Klima und gefährdet die Gesundheit. Durch attraktive Radwege und sichere Bürgersteige können Bürgerinnen und Bürger das Auto stehen lassen.

Das Vorbild: Kopenhagen

Die dänische Hauptstadt gilt als Fahrradstadt. Schon jetzt legen die Einwohner mehr als 33 Prozent der Wege zur Arbeit oder zur Schule auf dem Fahrrad oder zu Fuß zurück. Warum? Weil die Stadt einen konkreten Plan umgesetzt hat, Fahrradfahrern immer und überall Vorrang zu gewähren. Dazu gehört, dass Autos an Ampeln hinter den Radfahrern stoppen müssen und die Radwege so breit sind, dass sie in eine schnelle und eine langsamere Spur unterteilt sind. Bis 2025 werden die straßenbreiten Radwege weiter ausgebaut, Straßen zu Einbahnstraßen für Autofahrer degradiert oder ganz gesperrt, an Kreuzungen Reparier- und Aufpumpstationen aufgebaut und überall für sichere Abstellplätze gesorgt. Und: Radwege werden künftig genauso schnell von Schnee befreit wie Autostraßen. 

Das steht dazu im Klimapaket:

„Der Ausbau von Radschnellwegen und Radwegen an Bundesstraßen wird fortgesetzt. Durch zwei Sonderprogramme „Stadt“ und „Land“ wird die Chancengleichheit für den Radverkehr gewährt, z.B. mittels sicherer und moderner Abstellanlagen und den Ausbau der Infrastruktur für Lastenräder.“ Klingt gut. Aber es fehlen klare Zielvorgaben, beispielsweise um wieviele Kilometer das Radschnellnetz bis wann ausgebaut werden soll und wo und wie viel Geld investiert wird. 

GERMANY-WEATHER
Cuxhaven gehört zu den deutschen Urlaubsparadiesen. Aber das Idyll ist bedroht. (Foto: Patrik Stollarz / AFP)
Klimawandel

Kleine Veränderungen, große Wirkung

Nordsee, Watt und Krabbenbrötchen – für viele Urlauber heißt das kurz Cuxhaven. Doch wie lange noch? Die Küstenstadt zeigt, wie der Klimawandel deutschen Urlaubsorten zusetzen kann. Wie die lokale Wirtschaft den Wetterwandel spürt, er Zugvögel aus ihrem Rhythmus bringt und heimische Arten auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Mit den Folgen haben die Menschen zu kämpfen, die direkt an der Küste leben. Die CORRECTIV Klimaredaktion war vor Ort.

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von Annika Joeres , Hüdaverdi Güngör

Neben den Stränden und Campingplätzen, den vielen bunten Strandkörben und der nordischen Ruhe lockt vor allem das Wattenmeer als UNESCO-Weltnaturerbe Besucher in die Stadt an der Nordsee. 2017 brach Cuxhaven seinen eigenen Rekord: Fast sieben Millionen Übernachtungen zählte die Stadt, die gerade einmal 50.000 Einwohner hat. 

Doch die Lage an der Nordsee und der Mündung zur Elbe ist Fluch und Segen zugleich, denn das Idyll ist bedroht: In den vergangenen 150 Jahren ist die Nordsee vor Cuxhaven um rund 30 Zentimeter angestiegen. Das belegt eine Datenauswertung von CORRECTIV von weltweit 700.000 Pegeldaten aus den vergangenen hundert Jahren. Auf einer interaktiven Karte haben wir den Anstieg des Meeresspiegels visualisiert und an 500 Häfen und Küstenstädten auf dem gesamten Globus abrufbar gemacht.  

Die Daten zeigen: Weltweit steigt das Meer an. Und es steigt von Jahr zu Jahr schneller. Am schlimmsten betroffen sind asiatische Küstenstädte, aber auch an deutschen Küstenregionen, wie zum Beispiel in Cuxhaven, in Warnemünde und Wismar, stieg das Wasser seit Beginn der Aufzeichnungen im Durchschnitt um mehr als 20 Zentimeter. Inzwischen kommen jedes Jahr rund drei Millimeter dazu. Was wenig klingt, hat große Folgen für Anwohner, Wirtschaft und Tierwelt. 

Vier Tage, ein Thema: Unsere Klimawoche im Besucherzentrum Wattenmeer in Cuxhaven. (Foto: CORRECTIV)

Die CORRECTIV Klimaredaktion ist deswegen im Sommer für eine Woche nach Cuxhaven gezogen, hat im Rahmen von offenen Diskussionsabenden mit Expertinnen und Experten sowie mit Bürgern und Betroffenen gesprochen. Die CORRECTIV-Klimawoche fand im Besucherzentrum Wattenmeer statt, das direkt am Meer liegt und in seinen lichtdurchfluteten Hallen heimischen Tiere und Pflanzen aus dem Wattenmeer ausstellt. Wie sehr der Klimawandel die Welt des Watts verändert und in den kommenden Jahrzehnten verändern wird, ist hier noch nicht zu sehen.

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Cuxhaven würd es ohne Deiche nicht mehr geben

Die steigenden Meere können für die Bewohner der Nordsee-Küste lebensbedrohend werden. Viele Städte würde es ohne Deiche schon jetzt nicht mehr geben. Die kilometerlangen Barrieren halten Hochwasser und Sturmfluten fern. Deshalb luden wir auch den Geschäftsführer des Cuxhavener Deichverbands Jürgen Schubel zum Auftaktabend unserer mobilen Klimaredaktion ins Besucherzentrum Wattenmeer ein. 

„Die Deiche sind erst einmal sicher“, sagt Schubel mit typisch nordischer Gelassenheit. Seit zwei Jahrzehnten ist er dafür zuständig, die Deiche instand zu halten – ein Beruf, den er von seinem Vater gelernt habe. „Wenn das Wasser steigt, müssen wir eben höher bauen“, sagt der Deichexperte lakonisch. Man müsse heute davon ausgehen, dass der Anstieg stärker ausfallen werde als in den vergangenen hundert Jahren. „Um wieviel mehr, kann niemand mit Gewissheit sagen“, sagt Schubel. „Weil aber die Veränderung nicht von heute auf morgen kommt, wird Zeit bleiben, darauf zu reagieren.“

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Stetiger Kampf gegen das Meer

Laut des Jahresberichts 2018 des niedersächsischen Landesbetriebes für Küsten- und Naturschutzes (NLWKN) bieten die Deiche des Bundeslandes Schutz für insgesamt 1,1 Millionen Küstenbewohner. Wie es sich anfühlt, wenn die Deiche gegen eine Sturmflut nicht ankommen, erlebte Cuxhaven zuletzt 1962 und 1976. Während der Sturmflut von 1962 brachen Deiche an insgesamt 63 Stellen, das Meer überflutete Küstenstädte, ein Sechstel von Hamburg versank im Wasser. Mehr als 300 Menschen verloren ihr Leben. 1976 setzte der Orkan „Capella“ Cuxhaven zu. Bis zu 17 Meter hoch schlugen die Wellen vor der Küste und richteten in der Stadt massiven Schaden an.

Nach den Sturmfluten rüstete man die Deiche nach. Zum Teil wurden sie um 1,5 Meter höher gebaut, sagt Schubel. 43 Jahre später bereiten sich die Verantwortlichen nun schon vor einem Unglück auf die nächste Katastrophe vor. Niedersachsen nennt dies „vorsorglichen Küstenschutz“. Jeder Deich wird heute so berechnet, dass er eine Jahrhundertflut auch mit einem 50 Zentimeter höheren Meeresspiegel – als bislang bis 2100 erwartet – aushalten kann. Ähnlich wie Niedersachsen plant auch das Land Schleswig-Holstein. Jabcobus Hofstede, Wissenschaftler am Umweltministerium in Schleswig-Holstein, erklärt, dass die Deiche einem sogenannten 200jährigen Ereignis standhalten sollen, das heißt, einer Sturmflut, die so extrem ist, dass sie nur einmal in 200 Jahren zu erwarten ist. Egal ist es dabei allerdings, ob sie schon im ersten Jahr über das Land zieht oder erst im 199ten Jahr Verwüstung bringt. Neben dieser Berechnung wird noch ein halber Meter hinzugepackt, um den steigenden Meerespiegel auszugleichen. 

Aktuell müssen 90 Kilometer der Landesschutzdeiche in Schleswig-Holstein verstärkt werden. Dafür gibt es ein Programm, den „Generalplan Küstenschutz“, welcher Jahrzehnte laufen werde. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehrere hunderte Millionen Euro. Hinzu kommen jährliche Kosten für den Küstenschutz in Schleswig-Holstein und Niedersachsen von jeweils rund 60 Millionen Euro. 

Ihren letzten großen Kampf gegen eine Sturmflut hatten Cuxhavens Deiche 2013. Das Orkantief „Xaver“ sorgte damals für Unruhe. Doch die Deiche hielten. Schubel teilte der Presse mit: „Wenn man bedenkt, dass am Nikolaustag nachts um 3 Uhr eine der höchsten Sturmfluten getobt hat, die Cuxhaven je erlebt hat, dann können wir vor allem sehr erleichtert sein über den glimpflichen Ausgang, aber auch stolz auf die getroffene Vorsorge, die sich jetzt ein weiteres Mal bewährt hat.“ 

Wie lang die Höhe der Deiche noch ausreicht, entscheiden laut Schubel die kommenden 20 bis 30 Jahre. 

Wird es reichen?

Die Klimatologin Susanne Nawrath vom Klimahaus Bremerhaven teilt sich mit Schubel die Bühne am ersten Klima-Abend. Sie sagt: „Bislang steigt das Meer schneller an, als wir jemals gedacht haben. Bei den Naturgewalten, die das Klima auf uns ausübt, ist es schwer zu sagen, ob wir das alles händeln können“. In einer Erklärung des Bundestags heißt es, das steigende Meer bedrohe in Deutschland rund drei Millionen Menschen, die in flachen Küstenregionen leben. 

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Rund zwei Drittel der Küste Cuxhavens gelten als überflutungsgefährdet. Anwohner und Tiere werden von insgesamt 152 Kilometern Deichen geschützt. „Die Anpassung von Deichen kostet pro Kilometer mindestens eine Million Euro. Wahrscheinlicher sind 2 bis 3 Millionen mit allem drum und dran“, sagt Deichexperte Schubel. In ganz Niedersachsen sind es rund 1000 Kilometer Deich.

Wandel in der Unterwasserwelt

Krabbenfischer Hans-Robert Hinners fährt seit über einem Jahrzehnt von Cuxhaven aus zur See. Er sagt: „Wir kämpfen mit viel krasseren Stürmen als früher.“. Immer häufiger könne er mit seinem Kutter nicht auf die See fahren, weil sich Unwetter zusammenbrauen. In den vergangenen 30 Jahren wurden in Cuxhaven jährlich etwa 75 Sturmtage erfasst, also Tage an denen der Wind mit mindestens 62 Km/h blies, sprich Winstärke 8 Bft. Ob ein Fischer rausfährt, muss er selbst entscheiden, sagt deutsche Fischerei Verband. Es gebe keine Stelle, die Ausfahrverbote erteile, denn wie viel Sturm ein Schiff verträgt, sei sehr unterschiedlich.

Hinners kommt an jenem Abend ohne Eile zur Podiumsdiskussion ins Besucherzentrum: Er muss die nächsten Tage nicht rausfahren. Stürme sind aber nicht der Grund. Sein holländischer Großhändler hat Hinners drei Wochen Fangverbot erteilt, um die Krabbenpreise oben zu halten. 

Denn Hinners und die übrigen Krabbenfischer an der Nordsee fangen zurzeit unerwartet viel.

Hinners Krabben fühlen sich im wärmeren Wasser der Nordsee wohl. Blickt er auf seine  fünfzehnjährige Laufbahn als Krabbenfischer zurück, hatte er noch nie so viele Tiere im Netz wie jetzt. Auch sein Vater, von dem er seinen Job gelernt hat, beobachtet dieselbe Entwicklung. Laut Alfred-Wegner-Institut bei Helgoland hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren, von 1962 bis 2012, die Meeresoberflächentemperatur der Nordsee im Jahresmittel um 1,7 Grad erhöht. Die Erwärmung wird auch im Klimareport 2018 bestätigt. 2014 war mit 10,8 Grad im Durchschnitt das wärmste Jahr bisher in Niedersachsen war. In den Folgejahren blieb die Temperatur über der 10 Grad-Marke. Außerdem wird das Wetter immer extremer: Die Tage mit „sehr“ hohen Temperaturen haben laut Report zugenommen. Auch lang anhaltende Hitzeperioden seien häufiger aufgetreten. 

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Während das neue Klima den Krabben bislang zu bekommen scheint, wird es den typischen Heringen in der Nordsee langsam zu warm. Sie werden seltener an Bord geholt. Dafür hat Hinners im Beifang immer mehr wärmeliebende Fische wie Sardinen und Sardellen – Fischarten, die eigentlich vor den Küsten des Mittelmeeres schwimmen. Auch die Plattfußkrabbe zieht er manchmal auf seinen Kutter – sie ist eigentlich südlich der Niederlande beheimatet und kam laut Biologen des Nationalparks Wattenmeer bis vor wenigen Jahren an der deutschen Küste überhaupt nicht vor. Arten verschwinden mit dem Temperaturanstieg des Meeres, neue kommen hinzu. „Ob ich in ein paar Jahren noch Krabben fischen kann – wer weiß das schon?“, sagt Hinners.

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Es wird stürmischer, heißer, nasser. Der Klimawandel macht unser Leben unberechenbar. Unsere Recherchen zeigen, wer ihn befeuert und welche Lösungen diskutiert werden.
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Neue Arten, neue Probleme

Es ist ein warmer Sommermorgen, als die Kinder einer Schulklasse aus Bremerhaven barfuß durch das Watt laufen. Das norddeutsche Wattenmeer ist das größte der Welt – es erstreckt sich von den Niederlanden über die westdeutsche Küste bis hinauf nach Dänemark. Ein einzigartiger Lebensraum für unzählige Tierarten. Doch er ist bedroht: Jedes Jahr werde es heißer, erklärt eine Wattführerin den rund zwanzig Grundschülern. Im Sommer 2018 heizte sich das Wasser in den Prielen auf bis zu 30 Grad. Zu warm für viele Bewohner des Watts, die zu dieser Jahreszeit eigentlich an Temperaturen von rund 20 Grad gewöhnt sind. Ebenso wie in den Netzen des Krabbenfischers Hinners gerät auch die Welt des Watts aus ihren Fugen.

Die gemeine Miesmuschel zum Beispiel, die zur Saison mit Weißwein und Suppengrün auf deutschen Tellern landet, mag es bevorzugt kühl und feucht – so wie das „Moos“, der niederdeutsche Ursprung von „Mies“. Ihr Name beruht darauf, dass sie grün-braune Fäden spinnt, die sogenannten Byssusfäden, die Moos ähneln. Mit diesen Fäden heftet sie sich am Schlicksand fest. Miesmuscheln leiden gleich doppelt unter Hitze: Ihr wärmeliebender Konkurrent, die pazifische Auster, wandert nordwärts und besiedelt inzwischen viele von ihren angestammten Flächen. Außerdem können sich Miesmuscheln nur nach eisigen Wintern gut vermehren, weil bei Kälte junge Krebse, die sich wiederum von den Jungmuscheln ernähren, erst später erscheinen. 

Das Wattenmeer ist Lebensraum für unzählige Tierarten. Leider ist es auch vom Klimawandel bedroht. (Foto: CORRECTIV)

Die Schulkinder finden an diesem Morgen neben Miesmuscheln und Wattwürmern aber vor allem eines: Wattschnecken. Wattschnecken heften sich bei Flut unter die Wasseroberfläche und graben sich bei Ebbe in den Sand. Stoßen die Zweitklässler zunächst noch angewiderte Schreie aus, suchen sie schließlich mit der Schaufel nach dem Tier mit dem hoch gewundenen Gehäuse. Auch die Wattschnecke wird seltener: Immer mehr Kohlendioxid wird aus der Atmosphäre im Meerwasser gelöst; dadurch wird das Wasser saurer. Und die Kalkschale der Muscheln und Schnecken wird durch die zunehmende Versauerung brüchiger, beobachten Wattforscher.

 „Schade“, sagt ein kleines Mädchen aus der Schülergruppe mit der Naivität und Unschuld, wie man sie nur in diesem Alter haben kann. Denn welche Kettenreaktion hier im Kleinen beginnt, lässt sich als Kind nur schwer vorstellen.

Hungrige Schnäbel

Das Wattenmeer ist jedes Jahr Landeplatz von mehr als zehn Millionen Zugvögeln. Einer dieser Vogelarten ist der Knuttstrandläufer, von den Einheimischen kurz und liebevoll „Knutt“ genannt. Knutts pendeln zwischen den warmen Gefilden in Afrika und ihrer Brutstätte in Nordsibirien. Auf ihrer fast 4000 Kilometer langen Reise machen die Marathonvögel nur einen einzigen Halt – an der Nordsee. Dort müssen sie innerhalb weniger Wochen ihr Gewicht verdoppeln. Von 100 auf 200 Gramm. Was nicht viel klingt, ist überlebenswichtig für die Knutts, die nicht größer sind als eine Amsel. 

Wenn das Ökosystem durcheinander gerät, wird die Nahrung im Watt knapp. (Foto: CORRECTIV)

Normalerweise kamen die Zugvögel im Wattenmeer an, wenn dieses am meisten Nahrung anzubieten hatte: im späten Frühjahr, wenn sich gerade allerlei Kleinsttiere, Watt- und Schalenwürmer vermehrt hatten und die vom wochenlangen Flug abgemagerten Vögel aufpäppeln konnten. Die Cuxhavener Biologin Heike Niemann beobachtet, dass die Knutts nun immer früher im Wattenmeer ankommen. „Das Wattenmeer ist die Kinderstube und die Futterküche von zahlreichen Zugvögeln – mit der Temperaturerwärmung ändern sie ihre Route.“ 

Der Klimawandel lässt die Vögel zu anderen Zeiten ziehen, so dass sie oftmals kein Futter finden. Manche Vögel blieben zu schwach, um weiterzuziehen und ihre Brutgebiete beispielsweise in Sibirien, Grönland oder Skandinavien nie erreichen. 

Cuxhaven bewegt

Auch die Besucher unserer Klimawoche in Cuxhaven bewegt die Frage ihrer Mobilität. Sie scheitert aber nicht am Nahrungsangebot, sondern am Öffentlichen Nahverkehr. Immer wieder beschweren sie sich in den Diskussionen während unserer Klimawoche darüber, dass sie nicht wissen, ob ihr Bus nun käme oder nicht. Eine Dame über 80, die langsam und mit krummem Rücken zur Veranstaltung erschienen ist, vermisst in diesem Jahr ihren Bus. „Meine Linie fährt nicht mehr – und die nächste Station ist zu weit. Ich komme nicht mehr ins Zentrum“, sagt sie. 

Martin Adamski, Baurat und Klimabeauftragter der Stadt, verspricht mehr Busse und bald auch ein günstigeres Ticket für die Region: „Wir wollen langfristig den Autoverkehr mindern und mehr öffentlichen Nahverkehr einsetzen.“ Ganz vorne dabei ist Cuxhaven bereits mit seinem Wasserstoff-Zug, der zwischen Cuxhaven und Buxtehude fährt. Er wandelt Wasserstoff in einer Brennstoffzelle direkt in elektrische Energie um und hinterlässt statt Kohlendioxid, Ruß und Feinstaub lediglich ein paar Tropfen Wasser. Der solle doch bitte auch zwischen Hamburg, Bremen und Cuxhaven verkehren, wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger.

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Außerdem hat sich in Cuxhaven ein Kreis für Radfahrer gebildet, die breitere Radwege fordern, insbesondere wenn die Touristen mit ihren Autos kommen, könne es eng werden. Die Cuxhavener wollen auf ihr Auto verzichten. 

Der Kampf gegen den Klimawandel wie auch seine Folgen fangen im Kleinen an. 

Alle Interviews mit den Gästen und Gesprächspartnern unserer Klimawochen finden Sie hier:

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Durch das Klimaschutz-Paket der Bundesregierung könnten Flugreisen zukünftig teurer werden. (Foto: Chuttersnap / unsplash.com)
Klimawandel

Klimaschutz-Paket: Was, wieso und wie?

Am Freitag, 20. September 2019, soll das Klimakabinett der Bundesregierung ihr Klimaschutz-Paket vorlegen. Ein zentraler Punkt wird ein konkreter Preis für CO2-Emissionen sein. Dies kann über eine Steuer geschehen oder über den Handel mit Zertifikaten. Was verbirgt sich genau hinter dem Maßnahmenpaket? Wie unterscheiden sich CO2-Steuer und Emissionshandel? Und wer wird wie viel zahlen müssen? Hier einige Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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von Annika Joeres

Worüber entscheidet das Klimakabinett?

Deutschland hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2030 die Emissionen von Treibhausgasen um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken und bis zum Jahr 2050 eine weitestgehend Treibhausgas-neutrale Gesellschaft zu erreichen. Neutral heißt in dem Fall: Es dürfen keine klimaschädlichen CO2-Gase mehr ausgestoßen werden. Das ist nur möglich, wenn wir unseren Alltag drastisch verändern. Denn Treibhausgase werden bislang zum Beispiel von Autos ausgestoßen, von Tieren in der intensivierten Landwirtschaft, von Tankern und Kreuzfahrtschiffen, von Handy-Fabriken und Kohlekraftwerken. All dies müsste sich bis 2050 verändern oder verschwinden.

Kommenden Freitag entscheidet das Klimakabinett der Bundesregierung über den konkreten Klimaschutz-Plan für Deutschland. Das Ziel: Dem Ausstoß von CO2, dem für den Klimawandel maßgeblich verantwortlichen Treibhausgas, einen Preis zu geben, um die klimapolitischen Ziele erreichen zu können. Eine Möglichkeit dazu wäre die Besteuerung von CO2. Die CDU wiederum setzt sich seit kurzem für einen nationalen Emissionshandel ein.

Nationaler Emissionshandel – was ist das?

Beim Emissionshandel setzt nicht wie bei einer CO2-Besteuerung die Regierung den Preis fest, sondern der Markt: Wird zu viel Sprit und Heizöl verbraucht, steigen die Preise für die Zertifikate, die jeder Öl- und Gasproduzent sowie Lieferant kaufen muss. 

Den Emissionshandel gibt es heute schon auf europäischer Ebene: Seit 2005 müssen Energie- und Industrie-Unternehmen Zertifikate für ihre Emissionen kaufen – oder können sie verkaufen, wenn sie weniger verbrauchen. Die Zertifikate waren allerdings lange Jahre so günstig, dass sie viel weniger eingespart haben, als ursprünglich angenommen.  

Die Zahl der Zertifikate und damit die Menge des CO2-Ausstoßes sollen beim nationalen Handel Jahr für Jahr reduziert werden. Die SPD hatte sich noch vor wenigen Tagen gegen den Handel mit Emissionszertifikaten ausgesprochen. Bei den Zertifikaten gingen politische Steuerungsmöglichkeiten “zugunsten der Marktlogik verloren”, heißt es im SPD-Entwurf für das Klimakabinett. Ebenso sei eine Ausweitung des Europäischen Emissionshandels (ETS) auf andere Industrien keine Option, weil die Verhandlungen “offensichtlich Jahre dauern würden” und sich “der ETS als krisenanfällig erwiesen” habe. 

Auch der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung bezweifelt in einem Gutachten von 2018, dass der marktgetriebene ETS “eine Lenkungswirkung” hat, d.h. dass sie tatsächlich den CO2-Verbrauch senken könnte. Trotzdem könnte sich die CDU mit ihrem Konzept durchsetzen – sie ist der mächtigere Part in der großen Koalition. 

Wie funktioniert die CO2-Steuer?

Die CO2-Steuer soll ebenso wie der Emissionshandel die klimaschädlichen Energien aus Öl und Erdgas teurer machen. Sowohl die Steuer als auch die Emissions-Zertifikate würden dabei von den Öl- und Gasproduzenten bezahlt, die diese Verteuerung dann beispielsweise an Tankstellen weitergeben. Mehr würden auch Menschen bezahlen, die in schlecht isolierten Häusern wohnen oder Pendler mit hohem Benzinverbrauch.Theoretisch sind alle Produkte von der Avocado bis zum Handy betroffen, die in einem benzinbetriebenen Schiff oder LKW transportiert werden müssen.

Wieviel mehr es kostet, hängt davon ab, wie hoch der Preis pro Tonne CO2 angesetzt wird. Eine Tonne CO2 entsprechen beispielsweise 70 Kilogramm Rindfleisch. Oder einmal hin- und zurück fliegen von Hamburg nach Athen. In der aktuellen Debatte in Deutschland werden Zahlen zwischen 35 und 50 Euro pro Tonne CO2 als Einstieg genannt. Die deutschen AktivistInnen von Fridays for Future fordern einen Preis von 180 Euro pro Tonne. Alle Modelle zur CO2-Steuer sehen eine schrittweise Erhöhung vor – je nachdem, wie schnell mit der Steuer die Emissionen sinken. 

Die CO2-Steuer wäre nach Auffassung der Wirtschaftsweisen einfach und schnell umzusetzen. Schweden zum Beispiel hat bereits 1991 eine CO2-Steuer eingeführt. Weltweit gibt es rund 60 verschiedene Steuern auf CO2 – von ihnen werden bislang aber nur rund 15 Prozent aller klimaschädlichen Gase abgedeckt. 85 Prozent können also ohne einen Kostennachteil und ohne zusätzliche Steuer in die Luft geblasen werden. 

Was ist der Unterschied zwischen CO2-Steuer und Emissionshandel?

Die CO2-Steuer würde von der Regierung festgelegt werden und sich daran orientieren, wie viel klimaschädliche Gase wir noch emittieren dürfen. Je weniger eingespart wird, desto höher würde der Preis und desto teurer der Konsum. Bei einem Zertifikatehandel für Emissionen hingegen würde der Markt die Preise bestimmen: Wer Emissionen einspart, kann Zertifikate verkaufen. 

Die Mitglieder des Klimakabinetts – SPD- und CDU-Ministerinnen und Minister – werden darum ringen, ihr Gesicht zu wahren. Und sicherlich beide Konzepte vermischen. Auf der Seite der Bundesregierung steht dazu etwas kryptisch: „Das Paket wird voraussichtlich ein Maßnahmenmix aus einer Form der CO2-Bepreisung“ enthalten. Um beide zu verbinden könnte die Bundesregierung beispielsweise Mindestpreise für Zertifikate fest legen – oder zunächst mit der CO2-Steuer starten und anschließend auf Zertifikate umstellen. 

Für beide Varianten liegen verschiedene Modelle vor. Sie unterscheiden sich vor allem in ihrem Mindestpreis für eine Tonne CO2. Und darin, wie einkommensschwache Haushalte das Geld wieder zurück erhalten können. 

Recherchen für den Klimaschutz

Zu viele Emissionen von Treibhausgasen, zu viel Plastikmüll belasten die Umwelt. Wir schauen hin, wo dieser Dreck unter die Decke gekehrt wird – wir recherchieren. Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende. Jetzt spenden!

Wie stark werden normale Haushalte durch einen CO2-Preis belastet?

Sowohl CDU als auch SPD wollen die gesamten Mehreinnahmen – egal ob aus Steuer oder Handel – an die Bevölkerung zurück erstatten. 

Für die CO2-Steuer sind die Maßnahmen schon konkret: Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaft würde ein CO2-Preis von 35 Euro pro Tonne CO2 rund elf Milliarden Euro Steuern einbringen. Diese könnten beispielsweise durch eine niedrigere Einkommensteuer für untere Einkommen oder durch eine Klimaprämie, also eine Einmalzahlung am Ende des Jahres, an die Bürgerinnen und Bürger zurückfließen. So würden ärmere Haushalte sogar profitieren. 

Stärker betroffen wären Gutverdiener, weil sie schon jetzt überdurchschnittlich den Klimawandel befeuern. Ihr großes Auto, die Kreuzfahrt, die Zweitwohnung, die Urlaubsflüge würden teurer. Die CO2-Steuer würde also nicht nur den Klimawandel bremsen, sondern auch Reichtum in Deutschland umverteilen. 

Wer will die CO2-Steuer?

Von den Parteien wollen sie die SPD und die Grünen. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich mehrfach dafür ausgesprochen, auch in einem ersten Entwurf der SPD zum Klimaschutzgesetz ist die CO2-Steuer das zentrale Mittel. Für die Grünen ist die Steuer “überfällig”. Wer Umwelt und Klima belastet, dürfe dies nicht weiter umsonst tun.

Der Sachverständigenrat der Bundesregierung spricht in seinem aktuellen Gutachten ebenfalls von einer historischen Chance, die Klimapolitik Deutschlands auf ein einheitliches System umzustellen. Auch zahlreiche Klima-Wissenschaftler setzen sich seit langem für eine CO2-Steuer ein. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und das Mercator Institut beispielsweise kämpfen seit langem für die CO2-Steuer: Für die Forscherinnen und Forscher ist sie ein zentrales Mittel, um die Klimaziele zu erreichen. Auch die meisten Umweltschutzorganisationen und die Fridays-for-Future-Bewegung sind für eine Besteuerung. 

Wer ist gegen die CO2-Steuer?

Die, die vom laufenden System profitieren und im Falle einer CO2-Steuer mit höheren Kosten rechnen müssten, sind mehrheitlich gegen eine Einführung. Dazu zählen die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber in der Auto- und Metallbranche setzen sich beispielsweise über ihre Lobby-Organisation “Initiative neue Soziale Marktwirtschaft” (ISNM) dafür ein, den Emissionshandel weiter zu fördern – und damit beim alten Zertifikatehandel zu bleiben, der schon seit 2005 in der Europäischen Union wirksam ist. Sie sagen, die Rettung des Weltklimas dürfe nicht mit einem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft erkauft werden – und der drohe, so legen es die Publikation des INSM nahe, durch die CO2-Steuer auf alle Produkte. Außerdem wisse niemand, wie sich diese Steuer tatsächlich auf die CO2-Emissionen auswirken würde. Es gibt allerdings zahlreiche Studien über die CO2-Steuer, die genau deren positive Wirkung belegen, beispielsweise vom Mercator-Institut

Auch die CDU spricht sich deutlich gegen die CO2-Steuer aus. ”Eine Steuer kostet viel Geld, bringt aber im Ergebnis wenig”, sagt CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak in einem Interview mit dem Sender n-tv. Die CDU favorisiere deshalb den Emissionshandel. Wenn dieser allerdings mit einem Mindestpreis versehen würde, wäre der Unterschied zur CO2-Steuer relativ gering – nur scheut die CDU das Wort “Steuer”.

Die FDP fordert statt der CO2-Steuer ebenfalls einen CO2-Emissionspreis, der durch einen weltweit vereinbarten Emissionshandel (ETS) gebildet werden soll. Eine neue Steuer sei der falsche Weg, sagte der FDP-Abgeordnete Martin Neumann in einer Bundestagsdebatte. „Wir wollen die CO2-Mengen reduzieren und brauchen dafür den Emissionshandel“, sagte Neumann.

aufmacher vorschlag
Die Stadt Goslar kämpft jedes Jahr gegen Unwetter und Naturgewalten. Was hier geschieht, droht bald uns allen. @ CORRECTIV
Klimawandel

An vorderster Wetterfront

Starkregen, Dürre, Flächenbrände – das niedersächsische Goslar hat drei Katastrophenjahre hinter sich. Klimaexperten sagen: Was die Kreisstadt erleidet, erwartet auch den Rest von Deutschland. Ein Blick in den Harz erlaubt einen Blick in die Zukunft: Feuerwehreinsätze werden massiv zunehmen, die Kosten für den Katastrophenschutz anschwellen, Tiere und Pflanzen verschwinden.

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von Annika Joeres , Bastian Schlange

Wenn eine Klimakatastrophe einsetzt, ist die schwierigste Aufgabe der Feuerwehr, Menschen abzusagen. Bei Überschwemmungen oder Flächenbränden müssen die Helfer entscheiden: Wen zuerst retten? Welche Straßen bei Starkregen mit Sandsäcken schützen? Welchen Acker oder Wald als erstes löschen, wenn die trockene Vegetation in Flammen steht? Goslars Stadtbrandmeister Christian Hellmeier hat in den vergangenen Jahren oft diese Entscheidungen treffen müssen. Undankbare Entscheidungen.

So eine Naturgewalt wie beim Starkregen 2017 in Goslar hatte Stadtbrandmeister Christian Hellmeier bis dato noch nicht erlebt. @CORRECTIV

„Wir haben die Nächte durchgearbeitet und von vielen Menschen dennoch Haue gekriegt. Das war hart“, sagt Hellmeier. Aber er lächelt dabei. Ihn, der schon Jahrzehnte im Geschäft ist und mit seinem abzeichengestärkten Sakko selbstsicher durch seine Geburtsstadt läuft, ihn hat die Undankbarkeit der Goslarer offensichtlich nicht berührt. Aber die jungen Kolleginnen und Kollegen waren betroffen. „Niemand kann sich an so eine Katastrophe erinnern, damit müssen alle erst einmal umzugehen lernen“, sagt er.

Das war beim Hochwasser 2017, als alle Keller und Parkhäuser in Goslar gleichzeitig vom Starkregen zuströmten. Beim Sturm 2018, als tausende umgeknickte Bäume Menschen zu erschlagen drohten und Straßen versperrten, mussten wieder Entscheidungen getroffen werden. Ebenso nur wenige Monate später, als zum ersten Mal die Felder um Goslar brannten – normalerweise moorige, feuchte Landschaften, im Hitzesommer aber völlig ausgedörrt. Die Einsätze seiner Feuerwehr haben sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, sagt Hellmeier. Millionen sind in neue Ausrüstung geflossen. „Das Klimachaos hat unsere Stadt schon heute im Griff“, sagt Hellmeier. „Wir müssen unser Material und unsere Vorbereitung kräftig aufstocken, um fertig zu werden.“

Was Goslar erleidet, wird Deutschland erwarten

Weil Goslar durch seine geografische Lage Wetterextreme auf sich zieht, lassen sich hier die Vorboten der kommenden Klimakatastrophe besonders gut ablesen. Die Feuerwehr ist die erste, die es zu spüren bekommt. Die Stadt liegt ein Stück westlich vom Brocken, dem mit 1141 Metern höchsten Berg Norddeutschlands. Der Brocken ist der windreichste Punkt in Deutschland, weil er nach Westen bis zur Nordsee geschaut die erste und höchste Erhebung ist. An ihm regnen sich Tiefdruckgebiete ab, die über Deutschland ziehen. Das Wasser sammelt sich in den Flüssen und strömt in die Städte wie Goslar oder Bad Harzburg. 

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„In Goslar können wir stellvertretend für Deutschland sehen, wie der Klimawandel zuschlägt”, sagt der Starkregen-Experte vom Deutschen Wetterdienst Andreas Becker. Der Deutsche Wetterdienst geht davon aus, dass bis 2100 die Starkniederschläge um 10 bis 50 Prozent ansteigen, in der Nähe von Küsten möglicherweise sogar um 100 Prozent. Der Grund: Die durch das Klimachaos erwärmte Luft kann deutlich mehr Wasser speichern – und damit auch deutlich mehr Wasser abregnen als zuvor. In diesem Frühjahr teilte das Bundesumweltamt mit, dass viele globale Risiken bereits bei geringeren Temperaturerhöhungen auftreten als noch 2014 angenommen. Das bedeutet zusammengefasst: Die Extreme, die Goslar nun jedes Jahr erlebt, werden bald auch andere Regionen Deutschlands erfassen. „Die Gefahr wurde lange unterschätzt“, sagt Becker. „In Norddeutschland beispielsweise wird Starkregen deutlich wahrscheinlicher als bisher angenommen. Im Grunde ist jeder Landesteil betroffen.” 

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Der Klimawandel hat das Leben in deutschen Städten und insbesondere im Harz verändert. Deswegen haben wir im Frühsommer für eine Woche unsere CORRECTIV-Klima-Redaktion in die Altstadt von Goslar verlegt, Abendveranstaltungen organisiert und mit Bürgern, Wissenschaftlerinnen, Umweltschützern und Politikern gesprochen. Andreas Becker vom DWD war einer von ihnen. Stadtbrandmeister Christian Hellmeier auch. Hellmeier kann sich noch gut an die Katastropheneinsätze der vergangenen Jahre erinnern.

2017 – Das Hochwasser

Am Vorabend der unbändigen Wassermassen 2017 hatte Hellmeier schon zwanzig Beobachter eingesetzt. Sie kämpften sich in Gummistiefeln durch den Starkregen, der am Ende auf jeden Quadratmeter rund vier Badewannen Wasser auskippen wird. In den frühen Morgenstunden musste das Altenheim der 40.000-Einwohner-Stadt als erstes evakuiert werden, der benachbarte Fluss trat meterweit über die Ufer. Um vier Uhr morgens wurde Hellmeier vom Notruf geweckt. Seit 42 Jahren ist er für die Feuerwehr im Einsatz, ein alter Fuchs, dekoriert mit einem Abzeichen für seine Hilfe bei dem Elbhochwasser 2004, die damals ganz Deutschland in Atem hielt. Aber so eine Naturgewalt wie in Goslar hatte er noch nie erlebt. 

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Die Abzucht, dieser in normalen Sommertagen nicht Mal ein Meter breite Bach, hatte sich mit dem Starkregen im Rücken wieder ihr altes Flussbett zurückerobert. Sie rauschte einfach die Strecke runter, die sie vor ihrem Einnorden in steinerne Kanäle naturgemäß genommen hatte. Sie grub sich einen drei Meter breiten Kanal unter einem Haus hindurch, riss drei Stockwerke hohe Bäume um, überspülte Spielplätze und Autos. Die Abzucht überflutete den historischen Marktplatz von Goslar. Die Stadt versank in den Wassermassen. Zahlreiche Straßen im Umkreis wurden gesperrt, Oberschulenberg, eine kleine Siedlung nur wenige Kilometer vom Stadtkern entfernt, komplett geräumt. Der Landkreis Goslar rief den Katastrophenalarm aus. 

Laut Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU), mit dem wir auch während unserer Klimawoche in Goslar sprachen, habe die Stadt „eine solch dramatische Hochwasserlage seit 70, 80 Jahren nicht erlebt“. Alleine im Goslarer Stadtgebiet summierten sich die Schäden auf mehr als zehn Millionen Euro, sagt eine Rathaussprecherin. Junk hat seitdem Sohlschwellen bauen, zerstörte Böschungen und alle 22 Brücken reparieren lassen. „Beim nächsten Hochwasser sind wir besser gerüstet“, sagt er. 

Ende 2018 wurde im Rat der Stadt das Hochwasserkonzept verabschiedet, der die Feuerwehr aufrüstete. Stadtbrandmeister Hellmeier erhielt ein sogenanntes Hilfeleistungslöschfahrzeug für eine halbe Millionen Euro und eine Maschine, die Sandsäcke automatisch füllt. „Letztes Mal konnten meine Leute vor lauter Blasen an den Händen kaum noch Sand in die Säcke schüppen“, sagt Hellmeier. Mehr als 13.000 Säcke wurden damals befüllt. Auch so genannte Beaver-Dämme, also Gummi-Schläuche, die sich an die Ufer von Flüssen legen lassen und das Übertreten des Wassers verhindern, hat die Stadt angeschafft, ebenso wie größere Pumpen, die auch bei steinigem Schlamm nicht verstopfen. Die Stadt weiß, dass weitere Klimakatastrophen kommen werden und will das Schlimmste verhindern. „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Hellmeier. „Aber vor den Elementen sind wir ganz klein.“ 

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Ob es das nächste Mal reichen wird? 

Genaue Prognose zum Starkregen sind noch immer schwierig. Während sich grundsätzliche Wettertendenzen rund sieben Tage vorher ankündigen lassen, ist dies bei Gewittern und Starkregen nicht möglich. „Starkregen lässt sich nur einige Stunden und nur eine Stunde zuvor sicher prognostizieren“, sagt DWD-Wetterexperte Becker. Entsprechend aufgebracht reagierten die Goslarer Bürgerinnen und Bürger im Sommer 2017. Sie waren nicht nur unvorbereitet, sondern auch wütend. Wütend auf den Wetterdienst, der die Himmelsflut nicht früh genug hat kommen sehen. Wütend auf die Feuerwehr, die nicht schnell genug anrückte. Sie waren es nicht gewohnt, bei einem voll gelaufenen Keller von den Schutzmännern vertröstet zu werden. 

2018 – Die Flächenbrände

Vierzig Flächenbrände musste Hellmeier 2018 löschen. Das sei ungewöhnlich viel, sagt er. Sonst mussten er und seine Kollegen durchschnittlich rund fünf Mal pro Jahr wegen der Dürrefeuer ausfahren. Es könnte in den kommenden Jahren noch schlimmer werden. Die Stadt Bernburg, die rund 100 Kilometer weiter östlich von Goslar liegt, brach in diesem Juni mit 39,6 Grade den deutschlandweiten Hitzerekord. Je höher die Temperatur steigt, umso geringer ist die Luftfeuchtigkeit – in der trockenen Luft wiederum steigt die Gefahr von Wald- und Flächenbränden stark an.

Am Ende der ganzen Katastrophen-Kette in der Kreisstadt steht eine Zahl: Die Feuerwehr von Goslar fuhr 2017 und 2018 doppelt so häufig raus wie zuvor. Es waren mehr als 700 statt der durchschnittlich 350 Male pro Jahr – eine Einsatzzahl, die über mehrere Jahrzehnte stabil blieb, sagt Hellmeier. Auch in diesem Jahr rechnet Hellmeier wieder mit doppelt so häufigen Einsätzen – wegen der Dürre im Frühsommer und einigen Stürmen. „Weil der Klimawandel angekommen ist, fahren wir jetzt viel mehr Einsätze”, sagt er. Auch die Stadtverwaltung bestätigt Hellmeiers Einschätzung: „Mit zunehmenden außergewöhnlichen Wetterereignisse haben sich in den vergangenen Jahren die Anforderungen an das Krisenmanagement verändert“, heißt es in einer Erklärung.

Normalerweise führt die Feuerwehr keine Statistik über Einsätze, die auf die Klimakrise zurückzuführen sein könnten – sie gibt einfach nur pauschal an, wie viele Brände sie gelöscht und wie häufig sie zu technischer Hilfe, also etwa bei Autounfällen, ausgefahren ist. Eine bundesweite Zahl über die vom Klima verursachten Einsätze gibt es daher nicht. Aber eine Sprecherin des Bundesverbandes sagte, dass man davon ausgehe, in Zukunft immer häufiger wegen Unwetterschäden auszurücken. Einzelne Landesverbände sagen es deutlicher und bestätigen, dass sie schon jetzt mehr Dürren, Hitzefolgen, Stürme und Starkregen meistern müssen als früher. „In diesem Jahr stand der Grunewald in Flammen, das ist jahrzehntelang nicht passiert“, sagt Thomas Kirstein, Sprecher der Berliner Feuerwehr. Auch innerhalb der Hauptstadt seien überdurchschnittlich viele Brände zu verzeichnen, sagt er.

Der Klimawandel zeigt sich auch im Kleinen

Goslars Lage am Brocken hat aber nicht nur negative Seiten. Der Brocken ist ein einzigartiges Naturspektakel. Er steht so alleine in der Landschaft herum, dass Besucher bei gutem Wetter 220 Kilometer weit gucken können. Am Brocken lässt sich eine weitere Folge des Klimawandels beobachten. Normalerweise herrscht an ihm aufgrund seiner Einzellage und den langen Wintern ein Klima wie sonst nur auf 2000 Meter hohen Alpengipfeln. Normalerweise wächst hier schon oberhalb von 1100 Metern kein Baum mehr. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. „Der Klimawandel hat die Flora und Fauna auf dem Brocken stark verändert“, sagt Ökologin Kathrin Baumann, Forschungsleiterin beim Nationalpark Harz. 

Normalerweise scheuen sich Wissenschaftler, den Klimawandel als Ursache für bestimmte Beobachtungen zu benennen, weil Tiere und Pflanzen als komplexe Systeme so vielen Einflüssen ausgesetzt sind, dass sich eine einzelne Ursache wie das Klima nur schwer festmachen lässt. Aber hier auf dem Brocken ist auch das anders. „Die Hochmoore im Nationalpark sind frei von äußeren Einflüssen wie etwa Fabriken, das Umfeld ist völlig intakt – infrage kommt nur der Klimawandel“, sagt Baumann.

Baumann weist ihn an Libellen nach. Die Insekten mit den vier transparenten Flügeln haben einen großen Vorteil für Tierforscher: Sie schlüpfen im Frühling aus ihrer Larvenhaut, den Exuvien. Diese poröse Hülle sieht auf den ersten Blick aus wie ein graues Abbild der Libellenlarven und bleibt an den Schlupforten, an Schilfhalmen oder Steinen, zurück. Forscher können so in den Harzer Mooren nach den ersten warmen Sonnentagen die Exuvien zählen und können damit nachvollziehen, wie viele Libellen einer Sorte geschlüpft sind. Als Baumann die gezählten Exuvien von 2000 bis 2015 auswertete, stellte sie fest: Die Tierwelt auf dem Brocken hat sich verändert. Als einem der wenigen Orte in Deutschland ist die Alpen-Smaragdlibelle hier heimisch. Denn sie mag besonders kühle Gewässer. 

Bis 2010 fand Baumann in den unteren Regionen des Brocken mehr Alpen-Smaragdlibellen als die wärmeliebendere Arktische Smaragdlibelle. Das hat sich in den vergangenen Jahren verlagert. Die kälteliebende Libellenart wandert immer höher den Brocken hinauf – den kühleren Regionen nach. Ihr Lebensraum wird damit kleiner. Allein die wärmeliebende Libellenart ist mittlerweile in den tieferen Ebenen des Brocken zu finden.

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Bei den Pflanzen beobachten Baumann und ihr Team dieselben Entwicklungen: Die wärmeliebenden Pflanze setzen sich gegen die kälteliebenden Ureinwohner durch – die Besenheide verdrängt die Torfmoose. Die wasserliebenden Moose verschwinden in einigen Ecken des Hochmoores nahezu komplett. Die Bereiche trocknen aus. „Vor unseren Augen verändert sich unsere Landschaft wahnsinnig schnell“, sagt Baumann. 

Baumann war ebenfalls als Wissenschaftlerin bei unserer Klimawoche in Goslar zu Gast.

Katastrophenschutz ist nicht alles

Verändern sich mit der Klimakrise nur die Tiere und Pflanzen oder auch die Menschen und ihre Stadt? Am letzten Abend unserer Klimawoche traf Goslars CDU-Oberbürgermeister Oliver Junk auf Frauke Nickel von der Fridays-for-Future-Bewegung in Goslar. „Wir reden heute auch in der Familie über den Klimawandel“, sagte Junk. „Früher war er ein Randthema, heute ist es für alle wichtig.“

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Der jüngeren Generation aber reicht das nicht. Sie wollen mehr als nur Reaktionen auf den Klimawandel, mehr als höhere Flussmauern und Ausrüstung für die Katastrophenschützer. Sie wollen eine Politik mit Weitsicht. Wir müssen weniger Rohstoffe verbrennen, fordert Nickel, eine junge Studentin mit Rastalocken. „Sie dürfen keine Plätze mehr für Autos schaffen, Goslar muss Fußgängerzone werden.“ Junk dagegen winkt ab. „Dann leiden unsere Geschäfte.“ Einige ältere Zuschauer im Publikum pflichten ihm bei. Die Diskussion ist symptomatisch und vielleicht ein Zeichen für eine Zeitenwende, die für alteingesessene Goslarer nicht allzu schnell und für die Umweltaktivistinnen so schnell wie möglich kommen soll. 

„Wir müssen jetzt sofort unser Leben und die Politik ändern, und nicht darauf hoffen, mit der Katastrophe zurecht zu kommen”, sagt Nickel.

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Hintergrund: Goslars Geschichte

Goslar, das ist nicht nur die Stadt, in der sich die Klimakrise abzeichnet, sondern auch die Stadt, in der der menschengemachte Klimawandel seinen Anfang nahm. Der Rammelsberg, zwanzig Fußminuten oberhalb von der Altstadt Goslars gelegen, gilt als der erste Tagebau Europas. Ab dem 10. Jahrhundert wurde hier Kohle aus den Schächten gefördert. Noch früher, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, schürften die Goslarer Kumpel hier seltene Metalle aus den Erzen. In Handwerksbetrieben direkt an den Bachläufen zerkleinerten und verbreiteten sie bis ins 20. Jahrhundert ihre Bodenfunde – daher heißt der Fluss, der Kreisbrandmeister Hellmeier beim Starkregen so viel Sorgen macht, die „Abzucht“ – benannt nach dem „Abziehen“ der verschmutzten Hüttenwasser weiter oben am Berg.

Heute ist die Abzucht sauber und das Backsteingebäude mit den hunderten Gitterfenstern ein Museum mit Harzer Mineralien. Die Mannschaftskaue, der Werkshof und die Lohnhalle und natürlich die Grubenbahn durch die Stollen künden von einer Vergangenheit, in der das schwarze Gold die kleine Stadt Goslar weltweit berühmt machte. Damals ahnte niemand, dass die Kohle zum Klimchaos und damit zur aktuell größten Herausforderung der Menschheit führen würde. Damals, im 13. Jahrhundert, hielt Kaiser Heinrich der III. hier mehrmonatige Hoftage ab, in der er wichtige Entscheidungen für seine Herrschaft traf.

Ein paar Gehminuten entfernt über holprige Kopfsteinpflaster liegt ein zweiter Baustein für Goslars Ruhm, aber eben auch ein Baustein für die Industrialisierung und damit dem Klimachaos: Die Siemensfamilie hat hier noch immer ihren Familiensitz, ein rotes, barockes Fachwerkhaus, in dem zunächst die vier Siemens-Bürgermeister Goslars lebten und schließlich auch der Zweig der Familie, der weltberühmt für seine Elektrogeräte wurde. Die Jahrhundertflut 2017 konnte dem Haus nichts anhaben. Und auch der Siemenskonzern ist noch immer äußerst erfolgreich.

Der Rammelsberg aber ist heute nur noch zum Angucken da. Die Unesco erklärte die Fabrikanlage zum Weltkulturerbe, weil sie als einziges Bergwerk der Welt kontinuierlich über 1.000 Jahre in Betrieb war. Heute ist die deutsche Kohlegeschichte eines der brennendsten politischen Gefechte, weit über den Harz hinaus: Aktivistinnen versuchen mit Besetzungen von Braunkohlegebieten einen weiteren Kohleabbau zu verhindern, die Kohlekommission der Bundesregierung wird für ihren späten Ausstieg aus der Kohle im Jahr 2035 international kritisiert. 

„Wir haben noch nichts erreicht“, sagt Fridays-for-Future-Aktivistin Nickel. All die Berichte in den Medien, die Reden von Greta Thunberg vor den G20-Staaten und im Europaparlament, die Menschenketten vor dem Bundestag – aus Sicht der 22-Jährigen bleibt dies ohne Folgen. „Wir haben die Aufmerksamkeit, aber noch nicht die Gesetze, die wir bräuchten.“ Etwa eine CO2-Steuer oder mehr Geld für Radwege und den ÖPNV.

Auskunftsrechte, Klimawandel

Geheime Milliarden: Gericht entscheidet im Prozess zwischen CORRECTIV und katholischer Kirche

Die katholische Kirche in Deutschland könnte erstmals in ihrer Geschichte umfassenden Einblick in ihre Finanzen geben. Bislang weigern sich die Bistümer, ihre konkreten Anlagen und Geldgeschäfte offen zu legen. Am 13. Juni verhandelt das Verwaltungsgericht Köln eine Auskunftsklage von CORRECTIV gegen das Erzbistum Köln. Es ist die erste Klage dieser Art. Sie steht exemplarisch für den Transparenzanspruch von über einer Milliarde Kirchenmitgliedern. Das Urteil könnte zu einem Präzedenzfall werden.

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von Annika Joeres

Seit Jahrhunderten hält die katholische Kirche ihr Vermögen weitestgehend geheim. Ihr Finanzkonstrukt ist undurchsichtig. Allein in Deutschland verteilt es sich über 27 Erzbistümer und bischöfliche Stühle. Das Geld steckt in Domkapitalen, Ordensgemeinschaften, Priesterseminaren, Tagungshäusern, Heimen und Klöstern, in Filmunternehmen, Weingütern und Grundstücken. Wirkliche Transparenz gibt es nicht.

Dabei haben Bürgerinnen und Bürger ein Anrecht auf Einsicht, wie ihre Steuern investiert werden. Zumindest beim Staat. Der Staat treibt Steuern ein. Dafür ist er seinen Bürgern gegenüber zur Auskunft verpflichtet. Anders versteht es die Kirche. Der Staat treibt für sie Steuern ein. Die Kirche sagt aber, sie sei nicht Teil des Staates und damit nicht zur Auskunft verpflichtet. Keiner der 23 Millionen deutschen Katholiken hat die Möglichkeit nachzuvollziehen, wo seine Kirchensteuern hinfließen. Und auch nicht, ob diese Anlagen im Einklang mit den hohen moralischen Ansprüchen stehen, die die Kirche nach außen hin predigt.  

2013 hatte die katholische Kirche nach dem Skandal um die millionenteure Wohnung des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst eine medienträchtige „Transparenzoffensive“ gestartet und erstmals Einblicke in ihre Geschäfte gewährt. Alle Bistümer veröffentlichen seitdem Geschäftsberichte, in denen sie die Höhe der Einnahmen aus der Kirchensteuer und die Höhe des Vermögens der Bistümer ausweisen. Diese Berichte sind jedoch lückenhaft und zeigen nicht, in welcher Form das Geld angelegt ist.

Über das Gesamtvermögen der Kirche gibt es nur grobe Vorstellungen. Das wird von vielen Seiten kritisiert.

Die perfekte Geschäftsidee

Der Kölner Dom wird in Bilanzen beispielsweise mit einem symbolischen Wert von 27 Euro angegeben – weil sich für ihn kaum ein Käufer finden ließe, heißt es beim kircheneigenen Domradio.

Eine 41,5-prozentige Beteiligung des Kölner Bistums an der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgemeinschaft wirft ebenso Fragen auf. Sie ist mit einem Wert von rund 15 Millionen Euro ausgewiesen. Zu der Siedlungsgemeinschaft gehören rund 800.000 Quadratmeter Wohnungen in Berlin und Westdeutschland. Legt man einen durchschnittlichen Wert von 3.000 Euro pro Quadratmeter zugrunde – wie es in Berlin das Mittel ist – kommt man auf 2,4 Milliarden Euro. 40 Prozent davon sind fast eine Milliarde Euro.

„Die Kirche ist die beste Geschäftsidee aller Zeiten“, sagt der Politologe Carsten Frerk. „Ein Wirtschaftsunternehmen mit religiösem Etikett.” Sie rechne sich arm, um weiter Spenden zu erhalten. „Für Moral interessieren sie sich bei ihren Anlagen nicht.”

Die moralische Messlatte

CORRECTIV hatte im Herbst 2016 alle 27 Erzbistümer und Bistümer in Deutschland gefragt, wie sie ihr Finanzvermögen anlegen. Hintergrund war eine Recherche zum Klimawandel: Wir wollten wissen, ob die Kirche ihr Geld umweltfreundlich investiert oder Klimasünder unterstützt. Eine Organisation, die sich als Gottes Vertreter auf Erden versteht, sollte offenlegen, ob sie mit ihren Milliarden dafür sorgt, dass die Schöpfung erhalten bleibt – oder aber Firmen unterstützt, die Gottes Schöpfung in Gefahr bringen. Wie Öl- oder Gasfirmen, die das Klimachaos befeuern.

Wir wollen das wissen, weil die moralische Messlatte bei der katholischen Kirche naturgemäß hoch liegt. Papst Franziskus hat im Winter 2013 in seinem apostolischen Schreiben an alle Bischöfe und Gläubigen gesagt: Die Gier nach Macht und Besitz kenne keine Grenzen und alles Schwache wie die Umwelt sei wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes. Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeute, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. „Diese Wirtschaft tötet,” sagte Franziskus. Wer solche Vorwürfe äußert, der muss sich auch daran messen lassen.

Thomas Schüller, Experte für Vermögensrecht am Institut für kanonisches Recht, kritisiert: „Dass sie nicht immer nach eigener Lehre ethisch korrekt investiert, möchte die Kirche nicht einräumen müssen.“ Deswegen will CORRECTIV dieses Jahrtausende alte Geflecht beleuchten. Schließlich ist es der deutsche Staat, der Gelder für die Kirche einzieht. Alle Behörden, etwa Ministerien, müssen ebenso offenlegen, wo ihre Gelder hinfließen.

Im Februar 2017 strengten wir die Auskunftsklage gegen das Erzbistum Köln an – stellvertretend für die katholische Kirche in Deutschland. In welche Firmen und Fonds haben die Kölner ihre Milliarden angelegt? Investiert die Kirche in Einklang mit ihren moralischen Werten – oder womöglich auch in australische Kohlefirmen, afrikanische Bergwerke oder amerikanische Erdölkonzerne? Also in Unternehmen, die dem Geist der Klima-Enzyklika von Papst Franziskus widersprechen.

Zuletzt hatte das Bistum 2,8 Milliarden Euro am Finanzmarkt investiert. Eine gewaltige Summe, zu der das Bistum aber keine Details veröffentlicht, wie und wo sie angelegt wurde. Die rheinische Diözese ist mit zwei Millionen Mitgliedern die größte in Deutschland und eines der zehn reichsten Bistümern der Welt.

Ein undurchsichtiges Konstrukt

Wir sprechen hier von den Finanzanlagen eines Erzbistums. Das Vermögen der katholischen Kirche insgesamt ist noch schwerer zu fassen: Unterschieden werden muss zwischen dem Bistum, dem bischöflichen Stuhl mit dem ältesten Vermögen – zum Teil noch aus dem 8. und 9. Jahrhundert – und dem Domkapitel, also den Geistlichen einer Bischofskirche. Hinzu kommen die Pfarreien und die Orden als rechtlich eigenständige Vermögensträger.

Schüller schätzt das gesamte Vermögen auf einen höheren zweistelligen Milliardenbetrag. Bereits vor zwanzig Jahren hatte der Politologe Carsten Frerk das Vermögen in Deutschland 200 bis 400 Milliarden geschätzt. Eine Summe, die die Kirche bis heute weder bestreitet noch bestätigt.

„Da unser Vermögen auf verschiedene Manager aufgeteilt sind, ist eine zusammenfassende Übersicht über Branchen und Einzelwerte derzeit nicht möglich“, schrieb das Bistum Mainz auf Anfrage. Auch das Erzbistum Freiburg sagte, seine Gelder seien gemeinsam mit Kirchengemeinden und weiteren Einrichtungen angelegt. Eine Aufstellung über die Finanzanlagen des Erzbistums sei daher nicht möglich.

Wer von diesem Geld profitiert? Unbekannt. Welche Firmen und Fonds über den  Aktienmarkt kirchliches Geld erhalten? Ungewiss. Ein erster Schritt zur Aufklärung könnte das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln an diesem Donnerstag (13.06.) sein.

Ein richtungsweisendes Urteil

„Von diesem Urteil wird ein wichtiges Signal ausgehen“, sagt Thorsten Feldmann von der Kanzlei JBB Rechtsanwälte, der die Klage für CORRECTIV eingereicht hat. „Wenn wir gewinnen, stehen die Kirchen unter starkem Druck.“ Je nach Begründung des Urteils könnten die Bistümer auch zu mehr Transparenz bei weiteren Besitztümern verpflichtet werden, etwa zu den Immobilien oder Vermögen der Bischöflichen Stühle und Domkapitale. „Die Kirche müsste Strukturen schaffen, die Transparenz ermöglichen. Das wäre ein Kraftakt.“

Im Zuge der Recherche, in dem die aktuelle Klage gegen das Erzbistum Köln entstand, hatte CORRECTIV aufgedeckt, dass sieben von sechzehn Bundesländern Gelder aus den Pensionsfonds ihrer Beamten in Firmen fossiler Brennstoffe oder auch die Tabakindustrie investierten. Einige Bundesländer änderten nach der Recherche diese Praxis. Anders aber als die Bundesländer verweigern die Bistümer jegliche Auskunft. Eine öffentliche Kontrolle ist nicht möglich. Der Tenor aus den Antworten der Bistümer: Eine Offenlegung der Finanzen verstoße gegen das Selbstbestimmungsrecht der Kirche.

„Die interne Vermögensverwaltung (…)  unterfällt dem verfassungsrechtlich gewährleisteten Selbstbestimmungsrecht“, argumentiert das Erzbistum. Dieses Selbstbestimmungsrecht stehe dem „presserechtlichen Auskunftsanspruch entgegen.“ Das Erzbistum Köln sei „als Teilkirche der römisch-katholischen Kirche nicht in den Staat eingegliedert“ und müsse daher nicht wie andere Behörden Journalisten Auskunft erteilen. Unanbhängig davon, ob der Staat für die Kirche Steuern einziehe.

Das Bistum sagt, es gebe die jährlichen Kirchensteuern unmittelbar für kirchliche und soziale Zwecke aus. Das „seit Jahrhunderten gebildete Vermögen“ sei davon zu unterscheiden. Es räumt aber ein, nicht ausschließen zu können, dass sich „die eine oder andere „Kirchensteuermark” im Anlagevermögen befindet.“

Klingt das nach einer Hintertür für Milliarden Euro?

Das Recht auf Transparenz

CORRECTIV argumentiert, dass anhand der Bilanzen des Bistums nicht zu überprüfen ist, ob die Kirchensteuern alleine in die laufenden Ausgaben oder auch in die Anlage am Finanzmarkt fließen und die Kirche weiter Vermögen anhäuft.

Entscheidet das Gericht im Sinne von CORRECTIV, wäre die Kirche grundsätzlich gezwungen, transparenter mit ihrem Vermögen umzugehen.

Denn auch kirchennahe Experten tappen im Dunkeln. „Die Kirche hat sich immer schon ungern in die Karten gucken lassen und pocht auf ihr Selbstbestimmungsrecht“, sagt Schüller. „Sie möchte nicht veröffentlichen, wie reich sie wirklich ist.“ Denn dies würde innerhalb und außerhalb der Kirche „Begehrlichkeiten“ wecken. Schüller beobachtet den Kölner Gerichtsprozess mit Spannung: „Die Kirche wäre gut beraten, nicht nur nackte Zahlen zu präsentieren, sondern auch zu zeigen, wohin das Geld fließt. Das wäre eine positive Botschaft.“

Ein heikles Thema

Offenbar ist der Reichtum der Kirche ein sehr heikles Thema. Die Bischofskonferenz und auch das Zentralkomitee deutscher Katholiken, ein Zusammenschluss von Vertretern der Diozesanräte und katholischer Verbände, wollten CORRECTIV gegenüber keine Meinung zum Prozess abgeben. Auch die CDU, immerhin eine selbsternannte christliche Partei, will sich zur Intransparenz der Kirche nicht äußern.

Der Beauftragte für Religion und Weltanschauungen der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Konstantin von Notz, sagt: „Den Kirchen sollte schon aus eigenem Interesse daran gelegen sein, größtmögliche Transparenz bzgl. der Verwendung der Mittel herzustellen, die von den eigenen Mitgliedern und aus der öffentlichen Hand stammen. Dies ist auch eine Frage von Glaubwürdigkeit und Vertrauen.“

Viele Mitglieder der Kirche kämpfen seit langem für mehr Offenheit. „Transparenz für das Kirchenvolk ist sehr wichtig für unser Ziel einer geschwisterlichen Kirche,“ sagt Johannes Grabmeier, Sprecher des Themenkreises „Staat und Kirche“ der bundesweiten Initiative „Wir sind Kirche“. Sie setzt sich für eine offenere und weniger hierarchische Kirche ein.

Transparenz sei besonders bei den Finanzen der Kirche wichtig. Daher sagt Grabmeier: „Wir begrüßen die Aktivitäten von CORRECTIV.“ Die Forderungen der Initiative gehen noch weiter: nicht Kleriker, sondern gewählte Vertreter des Kirchenvolks sollen über die Verwendung des Kirchenvermögens entscheiden.

Update (13.06.2029): Das Verwaltungsgericht Köln hat am Donnerstag, 13. Juni 2019, die Auskunftsklage von CORRECTIV gegen die katholische Kirche abgewiesen. Das Erzbistum Köln muss vorerst nicht offenlegen, in welche Firmen und Fonds es jährlich knapp drei Milliarden Euro investiert. Allerdings ließ das Gericht eine Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht zu.

Update (30.09.2019): Unser Anwalt Thorsten Feldmann hat die Begründung zur Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht Münster eingereicht.

Nur wenn Steuerzahlerinnen und Steuerzahler wissen, was mit dem Geld der Kirche passiert, können sie kontrollieren, ob es sinnvoll eingesetzt wird. Vor Gericht sorgt CORRECTIV für mehr Transparenz.

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