Coronakrise, Innenstädte

Sterbende Innenstädte

Die Innenstädte des Ruhrgebiets stehen vor dem Kollaps. Die Zunahme des Onlinehandels, die noch nicht absehbaren Folgen der Corona-Pandemie und sich ändernde Bedürfnisse der Menschen haben einen perfekten Sturm für die Fußgängerzonen ausgelöst. Die Folge ist ein Tsunami, der in den kommenden Jahren eine katastrophale Entwicklung in Gang setzen kann. Um einen Ausweg aus der Sogwelle zu finden, gibt es nur eine Chance: Die Innenstädte müssen sich neu erfinden. Doch im NRW-Kommunalwahlkampf spielt das Thema kaum eine Rolle.

von Stefan Laurin

Herne in Nordrhein-Westfalen
Leerstände in den Innenstädten des Ruhrgebiets – wie hier in Herne – sind nicht neu. Doch die Coronakrise treibt die Entwicklung weiter an. (Foto: R. Goldmann / picture alliance)

Da ein leeres Ladenlokal, dort ein schrilles Schild, das den Räumungsausverkauf anpreist, hier ein geschlossenes Café: Wer durch die Fußgängerzonen der Ruhrgebietsstädte geht, dem fällt auf, dass viele Geschäfte und Betriebe nach dem Lockdown nicht mehr öffneten oder nur wenige Wochen später endgültig schlossen. Im Wahlkampf ist das alles kein Thema. Weder für die Politik noch für die Bürgerinnen und Bürger in NRW. Nach einer Umfrage des WDR ist der Verkehr für sie das wichtigste Thema bei der Kommunalwahl. Eine Ausnahme ist Duisburg: Da stehen Integration und Migration für die Bürgerinnen und Bürger ganz oben der Liste der Interessen. 

Doch das könnte sich bald ändern.

Der Staat kämpft mit Milliardenbeträgen gegen die Wirtschaftskrise. Das Kurzarbeitergeld soll verlängert, der Zeitpunkt, in dem zahlungsunfähige Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, weiter verschoben werden. Aber all das wird nicht verhindern, dass die Menschen in den kommenden Jahren ärmer werden, ja es heute schon – wie die Millionen Bezieher von Kurzarbeitergeld – sind. Und auch viele, die jetzt noch einen Job haben, sparen, denn sie sind aus guten Gründen skeptisch, was ihre künftige wirtschaftliche Lage betrifft. 

Kein Mensch weiß heute, wie lange die Krise dauern wird. Sein Geld zusammen zu halten und nicht notwendige Käufe aufzuschieben, ist in so einer Lage wirtschaftlich vernünftig.

Von der Innenstadt ins Internet

Dabei gehört etwas Leerstand zu einer Stadt dazu, muss sein, damit sie sich wandeln kann. Nicht alle neuen Geschäftsideen funktionieren und alteingesessene Läden haben oft wegen neuer Bedürfnisse der Menschen keine Chance mehr. Noch in den 90er Jahren gab es in Bochum einen Schirmmacher, gehörten Hutgeschäfte und Plattenläden in großer Auswahl zu jeder Innenstadt dazu. Doch Schirme sind längst Wegwerfartikel geworden, wenn man sie nicht sowieso irgendwo vergisst; Hüte schnelllebige Modeware, für die kaum jemand zum Fachmann geht; und Streamingdienste raubten der CD die Bedeutung. Die verbliebenen Vinylfans werden von den wenigen Fachgeschäften in den günstigeren Seitenstraßen der Innenstädte gut bedient.

Doch was jetzt passiert, wird die Städte radikal verändern. 

Konsumenten hören auf, sich für die Innenstädte zu interessieren. Und die Entwicklung hat erst begonnen: Zalando, Amazon… – der gesamte Online-Handel ist der große Gewinner der Krise. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von Anfang September haben die Einzelhandelsunternehmen in Deutschland im Juli 2020 zwar 0,9 Prozent mehr umgesetzt als vor einem Jahr, schaut man aber ins Detail, zeigt sich das eigentliche Problem: Während die Einnahmen bei für die Innenstädte wichtigen Branchen wie Textilien, Bekleidung und Schuhe im Vergleich zum Juli 2019 um acht Prozent schrumpften, wuchs der Online- und Versandhandel um 15,6 Prozent. 

Die Menschen gehen zum Shoppen nicht mehr in die Innenstadt, sondern ins Internet. Eine Entwicklung, die schon lange vor Corona begonnen hat und sich nun beschleunigt. 

Ein Kampf, den viele nicht gewinnen werden

Der Handel verliere an Bedeutung, sagt der Essener Immobilienexperte Eckhard Brockhoff: „In den vergangenen Jahren waren es vor allem Gastronomieunternehmen, die sich in den Innenstädten niederließen“, sagt Brockhoff. Brockhoffs Unternehmen ist einer der führenden Immobiliendienstleister und in ganz Deutschland aktiv. Spezialisiert hat sich Brockhoff neben eigenen Investitionsprojekten auf Büro- und Einzelhandelsimmobilien.

Orte wie der Kennedyplatz in der Essener Innenstadt seien durch die Gastronomie wiederbelebt worden, nicht durch den Handel. Auch Brockhoff weiß, dass von der Krise viele Gastronomiebetriebe betroffen sind, die ganz große Pleitewelle noch bevorsteht. Der Hotel und Gaststättenverband NRW (DeHoGa) geht davon aus, dass zwei Drittel aller Betriebe des Gastgewerbes um ihre Existenz kämpfen. Einen Kampf, den etliche von ihnen wohl nicht gewinnen können. 

Kommunalwahl NRW 2020

Die Kommunalwahl in NRW wird zeigen, was nach dem wirtschaftlichen Einbruch durch die Corona-Krise wichtig ist und sich verändert hat. Lesen Sie hier unsere gesammelten Recherchen.

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„Gastronomiebetriebe sind traditionell unterfinanziert“, sagt Brockhoff. „Viele leben von der Hand in den Mund. Wenn die Coronakrise vorbei ist, werden eben neue Gastronomen in die alten Standorte ziehen.“

Sie werden weiterhin den Einzelhandel ersetzen. Denn dem fehlen die Kundinnen und Kunden. Es gäbe angesichts der niedrigen Einkommen und der dadurch auch niedrigen Kaufkraft im Ruhrgebiet von allem zu viel: „Wir haben sehr viele Einkaufszentren, sowohl in den Innenstädten wie auch in den Vororten. Es gibt zu viel Einzelhandelsflächen und auch zu viele Fußgängerzonen. Als auf dem heutigen Massenbergboulevard in Bochum noch Autos fuhren, war da mehr los.“ Jedes dritte Geschäft sei überflüssig.

Wenig Geld, wenig Kaufkraft, mehr Leerstand

Wie in jeder Krise ist die Lage im Ruhrgebiet schlimmer als in den reichen und stärker wachsenden Regionen. Nach einer 2019 veröffentlichten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung lagen die verfügbaren Einkommen der Städte des Ruhrgebiets meist deutlich unter dem Durchschnitt:

2018 hatte nach Angaben des statistischen Bundesamtes jeder Haushalt in Deutschland im Durchschnitt 23.295 Euro zur Verfügung. Aber was heißt schon Durchschnitt? In München (29.685 Euro), Düsseldorf (24.882 Euro), Hamburg (24.421 Euro) und Stuttgart (25.012 Euro) lagen die Summen zum Teil deutlich höher, in Essen (20.159 Euro), Bochum (19.620 Euro) und Dortmund (18.946 Euro) niedriger. Mit einem verfügbaren Jahreseinkommen von 16.203 Euro lag mit Gelsenkirchen eine Ruhrgebietsstadt auf dem letzten Platz.

In Bochum wächst der Leerstand. Allein in einem geschlossenen Modegeschäft am Bahnhof sind es 6.500 Quadratmeter. Klar ist aber: Weitere Flächen werden bald dazukommen. Wo früher das Landgericht stand, entsteht zurzeit ein neues Einkaufszentrum mit 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Nur noch im Parterre eine Chance

Überraschend kommt das alles für Eckhard Brockhoff nicht. Seit zehn Jahren sagt er, was viele lange nicht hören wollten und nun immer mehr erkennen. Einzelhandel hat nur noch im Parterre eine Chance. Vermieter müssen in ihre Immobilien investieren, Häuser von außen attraktiv und Flächen innen nach den Bedürfnissen der Mieterinnen geschnitten sein. 

„Zahlreiche Vermieter haben geglaubt, die hohen Mieten wären sicher, aber an vielen Standorten lassen, die sich nicht mehr erzielen.“ Er kenne Ladenlokale in der Essener Innenstadt, die hätten vor gut zwei Jahren noch Mieteinnahmen von 9.000 Euro im Monat eingebracht. Heute sei es schwer, sie für 5.000 Euro zu vermieten. „Viele Vermieter sitzen nun in der Falle: Sie müssen investieren, um ihre Immobilien zukunftsgerecht zu machen, haben aber wegen der wegbrechenden Einnahmen dafür kein Geld.“

Lebendige statt sterbende Städte

Auch die Städte hätten Fehler gemacht. Gestaltungssatzungen, wie es sie in Münster gibt, die Händlern vorschreiben, dass ihre Fassaden und Schilder sich ins Stadtbild einfügen müssen, gibt es im Ruhrgebiet kaum. „Die Folge ist Wildwuchs und der sieht nicht schön aus. Wer allerdings möchte, dass Menschen einen Ort aufsuchen, an dem sie für längere Zeit verweilen und ihr Geld ausgeben, muss dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen, dass es ihnen an diesem Ort gefällt.“

Und Gefallen finden Menschen an Orte, die nicht nur Charme haben, sondern lebendig sind. Sehen und gesehen werden waren immer schon wichtige Motive in die Stadt zu gehen.

Doch das Problem sind nicht nur die fehlenden Gestaltungssatzungen. Auch die Sünden, ja, eher architektonische und stadtplanerischen Verbrechen, der vergangenen Jahrzehnte rächen sich nun. In Gelsenkirchen wurde der alte Hauptbahnhof 1982 abgerissen. Ein architektonisches Juwel der Gründerzeit und der Endpunkt der Fußgängerzone. Essen riss 1964 sein altes Rathaus ab, das den Krieg gut überstanden hatte. An seiner Stelle wurde ein Kaufhaus gebaut, das schon längst nicht mehr steht. Das alte Dortmunder Rathaus am Friedensplatz wurde nach dem Krieg nicht wiederhergestellt, sondern abgerissen und später durch das heutige Rathaus ersetzt, das an einen Bierkasten erinnert. 

Zwei Wege nach dem Krieg

Doch nirgendwo versündigten sich die Planer so sehr an einer Innenstadt wie in Bochum. Nach dem Krieg waren 60 Prozent der Gebäude in der Innenstadt zerstört, nachdem die Stadtplaner ihre Vision einer autogerechten City umgesetzt und die Altbauten durch gesichtslose Zweckbauten aus Beton ersetzt hatten, waren 90 Prozent des Altbaubestandes zerstört. 

Verantwortlich für diesen Abrissbaggerkrieg war Clemens Massenberg. Massenberg, SA-Mitglied und im Krieg Bauleiter bei den Krupp-Treibstoffwerken in Wanne-Eickel und den Junkers Flugzeugwerken in Dessau wurde 1946 zum Stadtbaurat ernannt und widmete sich danach der Vernichtung der historischen Bausubstanz Bochums. Die Stadt dankte es ihm, in dem sie eine der zentralen Straßen der Stadt nach ihm benannte: den Massenbergboulevard.

In Münster war die Politik nach dem Krieg schlauer. Münster war Garnisonsstadt und wurde im Krieg so zerstört, dass darüber diskutiert wurde, sie 30 Kilometer weiter neu aufzubauen. Doch diese Idee wurde ebenso verworfen wie der Abriss der Altstadt, berichtet uns ein Historiker. Der damalige Rat entschied sich, die Gebäude am Prinzipalmarkt wieder aufzubauen. Zwar wurden die Gebäude zum Teil verändert, behielten aber ihren Charakter. Dass Münster heute eine so attraktive Innenstadt hat, liegt an der Entscheidung des damaligen Rates.

Innenstädte neu denken

Attraktiv muss eine Innenstadt aber nicht nur sein, wenn in ihr eingekauft, gegessen und getrunken werden soll. Innenstädte, da sind sich Expertinnen und Experten einig, sollten künftig auch wieder Orte zum Wohnen sein. Früher waren sie das einmal. 1900 wohnten 12.836 Menschen in der Essener Innenstadt. Heute sind es nur noch 4.066. Doch wenn Handel und Gastronomie sich künftig immer stärker auf die Erdgeschosse konzentriert, stellt sich die Frage, was in den Etagen oberhalb der Cafés und Geschäfte passiert. Viel Platz steht da zur Verfügung. 

Wenn in Zukunft mehrere Kaufhäuser durch Neubauten ersetzt werden, wird der noch zunehmen. 

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Sicher, für Büros und Praxen sind die Innenstädte alleine schon wegen ihrer guten Verkehrsanbindung attraktiv, aber Eckhard Brockhoff sieht auch im Wohnen eine Chance. Und sollten wieder mehr Menschen in den Innenstädten leben, entstünden neue Versorgungsbedürfnisse: „In Wien wurden Ladenlokale zu Kindergärten umgebaut, es sind Orte entstanden, an denen sich Menschen treffen können, um ihren Hobbys nachzugehen. So etwas ist vielleicht nichts für die zentrale Fußgängerzone, aber für andere Bereiche schon.“ Die Anwohner würden Cafés besuchen, Restaurants, aber auch Supermärkte, Bäckereien und Metzger.

Die Innenstadt muss zum Thema werden

Im Ruhrgebiet kommt die Hattinger Altstadt diesem Modell nahe. Die meisten der rund 150 erhaltenen Fachwerkhäuser sind bewohnt. Es gibt Restaurants und Cafés. Inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte bestimmen das Bild. Ein großer Teil des Angebots besteht aus Waren, die man nicht braucht, aber gerne haben möchte: Dekorationen, Bücher, Kunstgewerbe. Der Weihnachtsmarkt gehört zu den stimmungsvollsten in Nordrhein-Westfalen und braucht den Vergleich mit Münster nicht zu scheuen.

Eine solche Stadt wäre attraktiv für alle Altersgruppen – für Kinder, junge Familien und Alte. Und ja, dafür müssten Städte auch Geld in die Hand nehmen, Bänke aufstellen, öffentliche Toiletten bauen und sauber halten und Spielplätze und Betreuungsangebote für Kinder anbieten.

Die neue Innenstadt, sie könnte vieles von der alten lernen, die vor allem durch ihre Vielfalt die Menschen anzog. Aber dafür wird sich die Innenstadt neu erfinden müssen. Das kann sie, denn das musste sie immer schon. Aber dafür muss die Innenstadt zum Thema werden. 

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