Bad Nius

Das Portal von Ex-BILD-Chef Julian Reichelt hatte ein Datenleck. Wir sind darauf gestoßen und haben uns angeschaut, warum das relevant ist.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

das Onlineportal Nius hat offenbar ein Sicherheitsproblem: Im Netz liegen für jedermann und -frau einsehbare Adressen von Lesern des Portals – und zudem Zahlen zu dessen Abo-Einnahmen sowie umfassende Auszüge aus dem Redaktionssystem. Unser Rechercheteam hat sich die Daten angesehen. Was den Kolleginnen und Kollegen auffiel – und warum das Ganze berichtenswert ist – steht im Thema des Tages.

Dann sorgte gestern am frühen Abend noch diese Nachricht für Aufregung: Der neue Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt, Tobias Rausch von der AfD, kündigte die Einberufung eines „Sonderplenums“ an – in dem die Aufhebung von Sanktionen gegen Russland diskutiert werden soll.

Ich habe unsere AfD-Expertin Lena Köpsell gefragt, was es damit auf sich hat. Sie sagte:

„Das ist absolute Symbolpolitik. Die wollen jetzt, dass alle schreien: Ohgottohgott.“

Ein solcher Antrag, sagt sie, würde im Bundesrat sowieso nicht durchkommen. Warum die Landesregierung von Sachsen-Anhalt nicht einfach Sanktionen gegen Russland aufheben kann, hat sie hier schon zusammen mit unserem Russlandexperten Alexej Hock aufgeschrieben.

Jetzt etwas anderes: Schaffen wir Journalistinnen und Journalisten uns bald selbst ab – mit KI, die Texte schreibt und das Layout von Zeitungen baut? Wir von CORRECTIV haben dazu in den vergangenen Monaten gemeinsam mit dem Magazin Journalist recherchiert. Wir haben knapp 130 Medienschaffende über unsere Umfrageplattform, den CrowdNewsroom, gefragt: Was genau tut die KI bei Ihnen schon? Das Ergebnis hat unsere Reporterin Karolin Arnold im aktuellen Heft der Kollegen aufgeschrieben, hier nachzulesen.

Ob bald wegen Künstlicher Intelligenz massiv Stellen vor allem im Lokaljournalismus gekürzt werden, diskutieren wir mit hochrangigen Medienvertretern auf der CORRECTIV.Lokal-Konferenz nächstes Wochenende. Wir sind diesmal mit der Konferenz bewusst in Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Die letzte Großveranstaltung, die es in diesem Tagungszentrum gab, war nämlich ein AfD-Parteitag. Wenn Sie dabei sein wollen: Hier gibt es noch ein paar Tickets.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und freue mich über Ihre E-Mails zum Thema Nius – oder zum Zustand der Medienwelt insgesamt: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Bad Nius

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern • Versilberter Staatsdienst: Die Geschäfte von Deutschlands Ex-Spionen

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wie Millionen von Frauen falsch diagnostiziert worden sind

Faktencheck: Digitaler Euro: Welche Rolle die Europäische Zentralbank bei Obergrenzen spielen soll

Gute Sache(n): Schweiz verbietet Pelzhandel • Erklärt: Wie fühlen sich geflüchtete, junge Menschen in Deutschland? • Schwedisches Reisebüro konzentriert sich auf Urlaube für Introvertierte

CORRECTIV ganz persönlich: Warum ich als Frau das Gefühl habe, mich mit aktuellen Missbrauchsfällen beschäftigen zu müssen

Grafik des Tages: Wie häufig die Abwärme von Rechenzentren genutzt wird

Das Onlineportal Nius hat ein Sicherheitsproblem: Offenbar gab es eine Cyberattacke auf das Unternehmen, und nun sind rund neun Gigabyte an Daten frei im Internet einsehbar. Man kann dort unter anderem Angaben zu Lesern und zu den rund 12.000 Abonnenten des Portals sehen, außerdem zu Gesprächspartnern des Mediums.

Darunter sind Mail-Kontakte und in vielen Fällen Klarnamen mit Wohnanschriften. Bei einigen Betroffenen sind Teile der Kreditkartennummern hinterlegt. 

Unser Rechercheteam hatte den Hinweis erhalten, dass diese Daten im Netz liegen und hat sie sich daraufhin angeschaut. In einem heute veröffentlichten Text haben die Kollegen zusammengetragen, was dazu relevant ist. Hier können Sie den vollständigen Text lesen.

Nius-Chefredakteur Julian Reichelt
Nius-Chefredakteur Julian Reichelt. (Collage: Ahmed Gado)

Warum wir darüber berichten:
Vorausgeschickt: Wir haben uns in unserem Text bewusst mit Details zu Nutzerdaten und anderen heiklen Daten zurückgehalten – weil eben viele Menschen sich entschieden haben, Nius ihre Daten anzuvertrauen. Und ganz gleich, wie man zur Ausrichtung des Mediums steht, wollen wir die Vertraulichkeit journalistischer Arbeit nicht gefährden.

Nach reichlicher Abwägung kamen wir aber zu dem Schluss, dass es wichtig ist, darüber zu berichten – unter anderem deshalb, weil uns die für Journalismus zuständige Gewerkschaft Ver.di sagte, ein derartiges Datenleck habe es in der deutschen Medienlandschaft bisher nicht gegeben. Und der Journalistenverband Reporter ohne Grenzen sagt:

„Wer mit einer Redaktion vertraulich spricht oder ihr sensible Daten übergibt, muss sich darauf verlassen können, dass seine Identität geschützt bleibt.“

Es gehöre zur Kernaufgabe von Medienhäusern, eine belastbare digitale Sicherheitsinfrastruktur bereitzustellen.

Was Nius dazu sagt:
Nachdem wir die Redaktion vor ein paar Tagen kontaktierten, machte sie das Thema bereits selbst publik – allerdings so, dass sie CORRECTIV als das Problem darstellte. Der Chefredakteur des Portals, Julian Reichelt, sprach darüber in einem Videostream. Dabei insinuierte er, CORRECTIV habe einen „steuerfinanzierten Spionageangriff“ auf Nius gestartet.

Das stimmt natürlich nicht. Wir waren nicht an einer Beschaffung der Daten beteiligt. Unsere Recherchen sind auch nicht steuerfinanziert, sondern durch Spenderinnen und Spender sowie Stiftungen. 

Und es gibt Rechtsprechung zur Frage, wie Journalistinnen und Journalisten damit umgehen können/sollen/müssen, wenn ihnen solche Daten zugespielt werden: Das Bundesverfassungsgericht stellte  2022 in einem solchen Fall klar, dass sich Journalisten nicht strafbar machen, wenn sie geleakte Daten annehmen. Hier können Sie die Klarstellung des Gerichts im Original nachlesen.

Das Thema dreht bereits größere Kreise in anderen Medien. Wir werden Sie in den kommenden Tagen über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden halten.

Und wir diskutieren heute darüber …
… und zwar im Berliner Theater Volksbühne. Dort sitzt unter anderem unser Reporter Martin Murphy auf dem Podium, der unsere heutige Veröffentlichung betreut und koordiniert hat. 

Die Veranstaltung ist ausverkauft – sie ist aber der Auftakt für eine neue Gesprächsreihe, die unser Kollege Jean Peters moderiert. Tickets für kommende Veranstaltungen gibt es hier.

Sondierungsgespräche in Berlin beginnen
Linke, Grüne und SPD haben sich zwei Wochen nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus auf Sondierungsgespräche geeinigt. Spitzenpolitiker der drei Parteien haben ein Handlungspaket beschlossen, das bei antisemitischen Vorfällen greifen soll. Damit fällt ein Hindernis für den Start der Gespräche weg. Nach dem Wahlsieg der Linken musste sich die Partei mehreren Antisemitsmus-Vorwürfen stellen.
zeit.de

Unruhe in der CDU Sachsen-Anhalt
CDU-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt fordern den Rücktritt von Fraktionschef Sven Schulze, der zurzeit auch noch Ministerpräsident ist. Mehrere Mitglieder drohen, die Fraktion zu verlassen und eine eigene Gruppe zu gründen. Auslöser war die Wahl des Landtagspräsidenten am Dienstag. Tobias Rausch (AfD) erhielt vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen haben. Die Wahl war geheim, aber es  wird vermutet, dass diese Stimmen aus der CDU stammen könnten.
tagesspiegel.de / sueddeutsche.de (€) 

Nachbesserung bei Sparplänen für Psychotherapien
Die Koalition von Union und SPD überarbeitet die Sparpläne für Psychotherapien. Künftig sollen Therapien für Kinder und Jugendliche, schwer psychisch Erkrankte und dringende Fälle weiterhin ohne Budgetbegrenzung bezahlt werden. Hintergrund ist die Krankenkassenreform, die eine Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen vorsieht.
deutschlandfunk.de

Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern
In Deutschland entstehen immer mehr Rechenzentren. CORRECTIV zeigt: Viele stehen ausgerechnet dort, wo Wasser im Sommer knapp wird. Ihre Abwärme verpufft meist ungenutzt. Trotzdem will die Bundesregierung die Umweltvorgaben für die Branche lockern.
correctiv.org

Versilberter Staatsdienst: Die Geschäfte von Deutschlands Ex-Spionen
Der verhaftete ehemalige BND-Präsident August Hanning ist nicht der einzige Ex-Spion, der später in die Privatwirtschaft gewechselt ist. Die Bundesregierung schaute dem Treiben lange zu – greift sie jetzt ein?
correctiv.org

Über die Einführung des digitalen Euro wird seit Jahren in der EU verhandelt
(Quelle: McPhoto / BilderBox / Imagebroker / Picture Alliance)

So geht’s auch
Das Schweizer Parlament verbietet den Import und Handel mit Pelzen und Pelzprodukten. Konkret geht es um Pelze, für die Tiere gequält werden. Tierschutzorganisationen begrüßen das Gesetz, da es gegen schlechte Haltungsbedingungen in der Pelzproduktion vorgeht. Mit diesem Schritt setzt die Schweiz internationale Maßstäbe.
wdr.de

Endlich Verständlich
Wie ist es für geflüchtete Menschen, neu in Deutschland zu sein? Banyamin, Baran und Bavan leben seit zwei Jahren in Chemnitz. Im Podcast unserer Jugendredaktion Salon5 erzählen sie, wie sie die Stadt und die Menschen vor Ort erleben und wie sie sich inzwischen in ihrem neuen Umfeld fühlen.
spotify.com

Fundstück
Ein schwedisches Reisebüro für Introvertierte eröffnet in der kommenden Woche für ein paar Tage in Berlin. Es richtet sich damit an Urlauber, die weder ein volles Programm noch Gesellschaft suchen. Im Fokus des Reisebüros mit dem Namen „The Introvert Travel Agency“ stehen Urlaube, die Ruhe, Privatsphäre und Selbstbestimmung bieten. Das Büro ist vom 14. bis 17. Oktober geöffnet und befindet sich in Berlin-Kreuzberg.
watson.de


Haben Sie von den „Cornell 7“ gehört? Was wie eine Boyband klingt, meint sieben Männer, die mutmaßlich über Stunden eine betrunkene und unter Drogen gesetzte Frau vergewaltigt haben.

Der Tatort: Das Haus ihrer Studentenverbindung („fraternity“) an der Eliteuniversität Cornell. Einer der Männer hat in einem Gruppenchat die anderen Mitglieder eingeladen, sich an „free pussy“ zu bedienen, und soll Bilder von ihr geteilt haben. Ausgerechnet an der Uni, an der der Begriff „sexual assault“ überhaupt erfunden wurde.

Was die Causa Cornell mit Fällen hierzulande verbindet: Männer haben nicht nur den Körper der Frau, sondern auch ihr Vertrauen missbraucht. Einen der sieben hat sie als Freund bezeichnet. In Berlin steht aktuell Frank S. vor Gericht, der neben weiteren Frauen auch seine Partnerin betäubt, vergewaltigt und gefilmt haben soll. Die Videos teilte er online. 

Bisher ist es nicht strafbar, sexuelle Gewalt zu filmen oder anzuschauen. Diese Gesetzeslücke soll geschlossen werden: Gestern hat die Bundesregierung einem Entwurf zugestimmt, der Menschen besser vor digitaler sexualisierter Gewalt schützen soll. Darunter Aufnahmen in Saunas, KI-generierten sexualisierten Deepfakes und Vergewaltigungsvideos. 

Wenn ich mit Männern in meinem Umfeld spreche, merke ich häufig: Cornell, Pélicot, Collien Fernandes, Frank S. – solche Meldungen sind für sie eine Randnotiz: Müssen sie nicht lesen, verursacht schlechte Laune. Mir auch. Jedes Mal spüre ich Entsetzen, Wut, Verzweiflung und Phantomschmerzen im Körper. 

Aber als Frau habe ich das Gefühl, diese Fälle kennen zu müssen. Laut Statistik ist jede dritte Frau eine „Jane Doe“. Also laufen wir wachsam durch die Welt und tragen die Angst wie einen Rucksack mit uns herum. Deshalb bitte ich die Männer: Lest die Meldungen. Fragt uns, wie es uns damit geht. Tragt die Last mit uns.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert und Jacob Gehring.