Gespanntes Warten zwischen Altmark und Zeitz

26 Prozent sind noch unentschlossen. Gibt es eine Überraschung in Sachsen-Anhalt?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Justus von Daniels

am Samstag vor einer Wahl ist in der Regel eine kurze Pause im ganzen Getöse. Die Parteien haben ihre Botschaften gesetzt, die Umfragen sind durch und die Wahlkämpfer bereiten sich auf Sonntagabend vor. Jetzt gilt: gespanntes Warten. 

Allerdings könnten die Menschen in Sachsen-Anhalt tatsächlich für eine handfeste Überraschung sorgen. Was uns in der Redaktion in Vorbereitung auf die Wahl gestern auffiel: 26 Prozent sind noch unentschlossen. War der blaue Umfragebalken bisher die größte Provokation im Wahlkampf, könnte die noch größere Provokation im Sinne einer Überraschung in einem Ergebnis liegen, mit dem bisher niemand rechnet.

Wahl sehen
Wir beobachten die Entwicklungen natürlich, vor allem am Sonntagabend. Dann wissen wir mehr. Und wir werden darüber sprechen: Zusammen mit FunFacts (die Comedians mit den sehr lustigen politischen Einordnungen) werden wir auf YouTube und Twitch im Livestream am Sonntagabend berichten. Wir werden die Ergebnisse der Wahl einordnen, die ja zwischen historisch (absolute Mehrheit einer als rechtsextremistisch eingestuften Landespartei) und dem Modell Thüringen oder Sachsen (konstruktive Minderheit) oder (das wäre dann schon sehr überraschend) doch einer Koalitionsmehrheit enden kann. Vielleicht werden auch ein paar wenige CDU-Abgeordnete den Ausgang bestimmen (durch Blockade oder Wechsel).

Es kommen viele kompetente Gäste zu Wort, und das FunFacts-Team bringt die nötige Prise Humor mit. Auf dieser Seite finden Sie die Infos und auch den Link, mit dem wir morgen ab 17:30 Uhr live sein werden. Wir freuen uns, wenn Sie bei uns vorbeischauen!

Russlands Nadelstiche
Ein Thema, das uns diese Woche bundesweit besorgt und beschäftigt hat, waren die Sabotage-Akte auf Umspannwerke. Ist das der hybride Krieg Russlands? Die Vermutungen zu den Tätern wabern zwischen Wegwerfagenten im Auftrag Russlands (dazu empfehlen wir unten übrigens eine investigative Doku von RTL) und Linksradikalen. Die Verwirrung, die entsteht, ist jedenfalls genau das Spiel, das Putin gelernt hat. Und es gibt ein Haus mitten in Berlin, das mit früheren Sabotage-Akten in Verbindung gebracht wurde: Das Russische Haus

In dem riesigen Kasten im Regierungsviertel gab es schon oft Verdacht auf Spionage und Sabotage. Als wir vor einigen Monaten anfingen, tiefer in die Aktivitäten des „Kulturinstitutes“ zu recherchieren, ahnten wir nicht, dass zum Zeitpunkt der geplanten Veröffentlichung am vergangenen Dienstag das Russische Haus im Mittelpunkt der Reaktionen Deutschlands auf die russischen Aktivitäten (Drohnenattacke in Leipzig) stehen würde. 

Wir hatten Baupläne gesichtet, Firmen nachvollzogen und Wohnungen gezählt, die in dem Haus registriert sind. Ich empfehle Ihnen diese umfassende Recherche an dieser Stelle nochmal sehr, in der Silvia Stöber und Alexej Hock rekonstruieren, wie Russland freie Hand in einem Häuserblock hatte, der unmittelbar in Nachbarschaft zu deutschen Ministerien liegt. Und unweit der russischen Botschaft, in der Hans-Thomas Tillschneider, der in der AfD Sachsen-Anhalts die wichtige Figur hinter Ulrich Siegmund ist, letztes Jahr noch Putins Geburtstag gefeiert hat.

Cartoons: Ihre Stimme ist gefragt
Heute können Sie erstmals am Samstag abstimmen, welchen SPOTLIGHT-Cartoon Sie diese Woche am besten fanden. Die zurückhaltenden politischen Reaktionen auf die Hitzerekorde waren das Thema. Sechs Cartoonisten sind für Sie in den vergangenen Tagen in die Arena gestiegen und freuen sich, wenn Sie Ihr Favoriten-Bild bewerten. Hier finden Sie einen Überblick der sechs Cartoons dieser Woche. Hier gehts direkt zur Stimmabgabe.

Am Ende dieses SPOTLIGHT empfehle ich Ihnen den persönlichen Blick meiner Kollegin und unserer Russland-Expertin Silvia Stöber auf die Reaktion Russlands nach der deutschen Ankündigung, das Russische Haus und das Konsulat in Bonn zu schließen. Sie hat sich in den letzten Wochen intensiv umgehört, warum die deutsche Regierung bisher vor solchen Maßnahmen zurückschreckte.

Ihnen wünsche ich ein gutes Wochenende, auch mit den von uns kuratierten Empfehlungen, die wir bei anderen Medien entdeckt haben. Und am Sonntagabend nicht vergessen: Am Sonntag um 17:30 einschalten.


Herzlich,
Ihr Justus von Daniels

Jung, laut, demokratisch in Sachsen-Anhalt
Vor der richtungsentscheidenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der AfD-Landesverband, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft, steht in Umfragen nahe an einer absoluten Mehrheit. Der 17-jährige Max mobilisiert auf seinem Kanal „Maximal demokratisch“ auf Social Media für Demokratie, gegen Faschismus und für eine offene, pluralistische Gesellschaft. In der Arte-Doku werden drei junge Menschen zwischen Engagement, Alltag und der Frage, welcher Zukunft dieses gesellschaftlich gespaltene Bundesland entgegensieht, begleitet.
Wie rechts ist Sachsen-Anhalt? (arte.de, Doku)

Putins billige Vollstrecker
In dieser Dokumentation sind RTL-Reporter undercover als vermeintliche Wegwerfagenten für Russland unterwegs. Sie finden heraus: Putins deutsche Spione erfüllen für einige hundert Euro scheinbar harmlose Aufgaben – die zur Katastrophe führen können.
Putins Wegwerfagenten (rtl.de, Doku)

Die Schattenseiten des Kunstmarkts
Das Kunstgeschäft ist ein verschlossener Milliardenmarkt und der Blick hinter diese glitzernde Fassade ist oft unmöglich. Dabei gehören gefälschte Bilder oder nicht geklärte Besitzverhältnisse bei Kunstwerken zum Alltag. Der Deutschlandfunk deckt exklusive True-Crime-Fälle auf und behandelt das, worüber die Kunstwelt lieber schweigt.
Tatort Kunst (deutschlandfunk.de, Podcast)

Unglaubliche Enthüllung nach über 60 Jahren
Vor über 60 Jahren startete der Prozess um den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem. Nach so vielen Jahren kommt es zu einer unglaublichen Enthüllung: Der BND hat 1961 einen Agenten in den Eichmann-Prozess eingeschleust, der vor allem eine Aufgabe hatte: Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke und andere NS-Kollaborateure aus dem Verfahren herauszuhalten. Wie der Agent enttarnt wurde, lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung.
Der Mann, der Eichmann verraten hat (sueddeutsche.de, €)

Das Geschäft mit dem Vorwurf
Ob die ehemaligen Spitzenpolitiker Annalena Baerbock, Robert Habeck, Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt oder die ehemalige Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf: Sie alle gerieten in den Verdacht von Plagiaten. Und hinter all diesen Vorwürfen steckt der selbsternannte Plagiatsjäger Stefan Weber. Der Kommunikationswissenschaftler bietet seit Jahren die Erstellung seiner Gutachten gegen Bezahlung an. Er macht außerdem das Angebot, sich um eine Platzierung in den Medien zu bemühen. Zwar inszeniert sich Weber als unabhängiger Wissenschaftler, lässt sich jedoch gleichzeitig für politische Kampagnen einspannen. Zu seinen Auftraggebern gehören das rechte Krawallportal Nius und die AfD.
Der Plagiatsjäger (ardmediathek.de, Video)

Wie Hitze beim Transport Arzneimitteln schadet
Nicht nur Menschen leiden unter der Hitze. Auch Medikamente, die stets gekühlt werden müssen, können Schaden nehmen. Die Folgen nicht eingehaltener Kühlketten können gravierend sein: Wirkstoffe können sich durch die Hitze verändern, die Wirkung ist dann nicht mehr garantiert. Was passiert, wenn man temperaturempfindliche Medikamente bei Versandapotheken mitten in der Hitzewelle bestellt? Die Apotheken Umschau hat es mit eigenen Lieferungen selbst getestet.
Hitzewelle: Temperaturempfindliche Medikamente (apothekenumschau.de)


Am Mittwochnachmittag dieser Woche herrschte reges Treiben im Russischen Haus in der Berliner Friedrichstraße 176. Eltern mit Kindern gehen ein und aus. Der Buchladen im Erdgeschoss ist gut besucht. 

Kurz nach 16 Uhr stellt sich ein älteres Ehepaar mit Ukraine-Flagge vor den Eingang und spielt ein in gedämpfter Lautstärke ein Sirenengeräusch ab – als mahnende Erinnerung, dass in der Ukraine täglich russische Raketen und Drohnen Tod und Zerstörung anrichten. Zwei Polizisten umzingeln sie, und wie immer bei diesen Aktionen lungern auffällig unauffällig Männer in der Nähe herum.

Es ist, als hätte nicht am Tag zuvor die Bundesregierung die Kündigung eines Abkommens mit Russland ausgesprochen, das die Grundlage für die Tätigkeit des Russischen Hauses in Berlin und der Goethe-Institute in Russland bildet. Viele kritisieren, dass die letzten Brücken der Kultur zu Russland eingerissen würden, zumal Russlands Außenminister Sergej Lawrow als Antwort das Aus für das Goethe-Institut in Russland verkündete.

Doch das Goethe-Institut konnte ohnehin nur noch eingeschränkt arbeiten, vieles wurde bisher schon online angeboten. Deutsche Behörden wiederum hatten kaum eine Handhabe, Sanktionsverstöße im Zusammenhang mit dem Russischen Haus zu ahnden und andere Ermittlungen durchzuführen. Nicht mal die vorgeschriebene regelmäßige Brandschutzbegehung fand in den vergangenen Jahren statt.

Die Abkommen mit Russland zur Tätigkeit und zur Unterbringung des Russischen Hauses und der Goethe-Institute waren noch Anfang der 2010er-Jahre in dem damals schon fragwürdigen Glauben geschlossen worden, dass man mit einem vertrauenswürdigen und demokratisch orientierten Partnerland zusammenarbeitet. Entsprechend erhielt das Russische Haus einen diplomatischen Schutz, den Russland weidlich ausnutzen konnte, wie wir in einer ausführlichen Recherche gezeigt haben.

Auch wenn keine Veranstaltungen mehr im Russischen Haus stattfinden werden, können die Brücken der Kultur aufrechterhalten werden. Nach wie vor sind in Deutschland zahlreiche pro-russische Vereine aktiv, viele Institutionen bieten Russisch-Sprachkurse an, auch andere Buchhandlungen haben Bücher auf Russisch im Angebot. Sie genießen eine Freiheit, wie sie in Russland seit langem nicht mehr herrscht.

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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Martin Böhmer und Finn Schöneck.

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