Inklusion – nicht für alle

Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt rapide. Aber dem deutschen Bildungssystem gelingt es – entgegen aller Versprechen – nicht, ihnen gerecht zu werden.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

immer mehr Kinder haben in der Schule Förderbedarf: Mehr als 630.000 Schülerinnen und Schüler brauchen aufgrund einer Lern- oder Entwicklungsstörung im Unterricht zusätzliche Hilfe. Wie meine Kollegin Alexandra Ringendahl aus unserem Bildungsteam recherchiert hat, stieg die Zahl der Förderschüler innerhalb von zehn Jahren um ein Drittel. Welche Folgen das für unser Bildungssystem hat und was das mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu tun hat, lesen Sie heute im Thema des Tages. 

An kaum einem von uns ist gestern Abend wohl der Start der Fußball-WM der Männer vorbeigegangen – allerorten strömten die Menschen in bunten Trikots zum Public Viewing in die Biergärten. Mein Kollege Marcus Bensmann schreibt in seinem „Ganz persönlich“, warum Fußball für ihn mehr ist als nur das Mitfiebern mit einer Nationalmannschaft.

Und heute geht es, wie gestern angekündigt, auch in der neuen Fun-Facts-Folge um den Fußball: Oliver Welke, Moderator der Heute Show, hat den Klüngel in der Fifa unter die Lupe genommen. 

Zum Schluss noch eine Nachricht in eigener Sache: CORRECTIV hat gegen Axel Springer eine Unterlassung durchgesetzt. Dem Verlag wurde untersagt zu behaupten, dass CORRECTIV seine Potsdam-Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ in Abstimmung mit dem Verfassungsschutz und der Bundesregierung lanciert habe. Genau das hatte der Welt-Chefkommentator wahrheitswidrig behauptet. Doch CORRECTIV arbeitet natürlich unabhängig.

Thema des Tages: Inklusion – nicht für alle

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Unsere Recherchen haben ergeben: 
Die Zahl der Kinder in Deutschland mit einer Lernbeeinträchtigung hat einen neuen Höchststand erreicht. Im aktuellen Schuljahr wurde mehr als 630.000 Schülerinnen und Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf – und damit formal eine Lern- oder Entwicklungsstörung – attestiert. Das ist eine Steigerung um ein Drittel innerhalb von zehn Jahren. In Bundesländern wie Bremen und Sachsen-Anhalt sind es inzwischen um die zehn Prozent der Schülerschaft.

Das bedeutet, …
… dass diese Kinder etwa beim Lernen, bei der geistigen Entwicklung oder bei der emotional-sozialen Entwicklung Unterstützung brauchen. Und Inklusion bedeutet, dass diese Kinder in einer Regelschule am „normalen“ Unterricht teilnehmen können, eben mithilfe von zusätzlichem Fachpersonal, das die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt. 

Vor knapp 20 Jahren haben die Bundesländer die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen. Doch noch immer lernen weniger als die Hälfte der Förderschüler an Regelschulen – und verlassen diese am Ende ohne qualifizierten Schulabschluss. 

Kinder sitzen in einem Klassenraum und blicken zur Tafel.

Es läuft nicht überall gleich schlecht …
…. es gibt unter den Bundesländern auch Musterschüler. In Bremen zum Beispiel – dem Bundesland mit dem höchsten Förderbedarf – werden 95 Prozent im Gemeinsamen Lernen in Regelschulen unterrichtet. Anderswo ist es um die Inklusion weitaus schlechter gestellt, in Rheinland-Pfalz etwa. Dort werden weniger als ein Drittel der Kinder inklusiv an Regelschulen unterrichtet. Ebenso in Sachsen-Anhalt. Eine ausführliche Analyse der Bundesländer können Sie in unserem heute erschienen Text nachlesen.

Apropos, Sachsen-Anhalt! 
Dort liegt die AfD in Umfragen vor der Landtagswahl im Herbst bei über 40 Prozent. Und die will die Inklusion einfach ganz abschaffen. Diese sei gescheitert, postuliert die Partei in ihrem Parteiprogramm: „Behinderte Kinder“ würden den Unterrichtsfortgang in Regelschulen lähmen. Stattdessen will die AfD mehr Förderschulen bauen, Stellen für Schulsozialarbeit sollen abgeschafft werden. Diese sei „Ausdruck der sozialpolitischen Überforderung und Überformung der Schule“ und „Teil eines parasitären Systems“, formulierte der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Dr. Hans-Thomas Tillschneider, im Landtag.

Das ist unbenommen populistisch und menschenfeindlich. 
Trotzdem ist es so, dass die wachsende Zahl Schüler in der Inklusion die Regelschulen längst an ihre Grenzen bringt. An einer Grundschule in Köln sind laut der dortigen Schulleiterin Christiane Hartmann von den 60 Erstklässlern, die nach den Sommerferien neu in ihre Schule kommen, lediglich vier „unbelastet schulfähig“.

Doch während die Inklusion ausgebaut werden müsste, will Familienministerin Karin Prien (CDU) in der Kinder- und Jugendhilfe sparen – unter anderem auch bei den Schulbegleitern, die Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf beantragen können. 

Ein Rentnerpaar hält sich im Arm und schaut zu, wie eine Atombombe hinter einer kahlen Berglandschaft exlodiert.
Archivfoto: Photoshot / Picture Alliance

So geht’s auch
Ein Richterspruch mit Signalwirkung: Das Landgericht München I hat Google für falsche Aussagen in seinen KI-Übersichten verurteilt. Dabei ging es um zwei Verlage in München, denen diese Suchfunktion fälschlich Informationen zu dubiosen Machenschaften zugeordnet hat. Das Urteil bedeutet im Prinzip, dass sich Google bei der Wiedergabe von Information nicht einfach hinter dem automatisierten KI-Prozess verstecken kann.
heise.de

Fundstück
Die erste offen lebende trans Person gewinnt einen Tony Award: Queen Jean erhielt die begehrte Theater- und Musical-Auszeichnung für das beste Kostümdesign in einer Neuinterpretation des Musical-Klassikers Cats. 
wdr.de


Seit die AfD die politische Bühne betreten hat, zeigt sich in der Partei Verachtung und bei Niederlagen, die beim Sport dazugehören, auch Häme. Und da sind wir beim Thema, das meine Recherchen zur AfD und zur Neuen Rechten seit Jahren begleitet. Diese Verachtung spiegelt die Haltung der Partei gegenüber dem deutschen Staatsvolk wider. 2016 äußerte der heutige AfD-Ehrenvorsitzende, Alexander Gauland, dass Jérôme Boateng nicht zur deutschen Nationalmannschaft gehöre. Spielern wird abgesprochen, dazuzugehören. Bei Welt- und Europameisterschaften kocht die AfD so ihr völkisches Süppchen, mal lauter, mal leiser, je nach Konjunktur. In der Partei herrscht das Trugbild der „Homogenität“. Das ist der furchtbare Wiedergänger in der deutschen Rechte; die völkische Ideologie, die Staatsangehörige in „Eigene“ und „Fremde“ teilt, und „Ethnos” mit „Demos” verwechselt. 

Während die deutsche Nationalmannschaft jenseits des Atlantiks spielt, strebt die AfD nach Macht. Diese WM zeigt vieles. Die USA unter Donald Trump ist ein Beispiel, was passiert, wenn populistische Politiker die Macht erlangen. Der US-Präsident versenkt gerade das Ansehen der USA in der Straße von Hormus und setzt das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft aufs Spiel. Das sollte eine Warnung sein, was eine Partei mit völkischer Ideologie und Hang zur Disruption anrichten kann.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Lea Messerschmidt.