Richtig guter Streit
Wie schwer ist es wirklich, in einer Zeit von Filterblasen und sozialen Plattformen konstruktive Gespräche zu führen? Die re:publica hat sich herangetastet.

Wow, da wurde richtig gestritten auf offener Bühne. Mit richtig gegensätzlichen Ansichten; mit gegenseitigem Respekt und am Ende sogar mit überraschenden Wendungen. Die Begeisterung darüber wurde gleich auf mehreren Kanälen geteilt. Aber sollte genau das nicht der Normalfall sein?
Zugewandt statt vergiftet: wie geht das nochmal?
In den vergangenen Tagen fand in Berlin wie jedes Jahr die re:publica statt. Früher war diese Digital-Konferenz der Ort, der dem Land zeigte, wie die digitale Welt aussieht. Politiker schnupperten neugierig mal rein. Längst schon sind sie etablierte Gäste auf den Bühnen der Konferenz. Angela Merkel sprach, der Digitalminister Karsten Wildberger äußerte sich offen über die Baustellen, die die Bundesregierung in der Digitalisierung hat. Was in diesem Jahr aber schon auffiel, war die Suche nach der Debattenkultur in unserer Gesellschaft.
Und ja, es ist spürbar, wie schwer es ist, eine offene, kontroverse, zugewandte Gesprächskultur herzustellen. Nicht nur, weil die sozialen Plattformen das Gespräch oft vergiften oder sich viele ihre eigenen Blasen suchen. Sondern auch, weil es eine Unsicherheit gibt, ab wann eine gemeinsame Grundlage für ein Gespräch fehlt. Etwa, weil das Gegenüber eine Debatte nur simuliert und die andere Perspektive nicht verstehen will.
Kleine Provokation
Auf der Konferenz wurde häufiger die „Autoritäre Wende“ zitiert, die sich in den USA und in Europa zeigt. Anhänger des Autoritären wollen keinen Austausch, treten offene Debatten aus. Aber wie groß ist der Wunsch nach einem autoritären System?
Laut Umfragen dominiert zurzeit eine in Teilen rechtsextreme Partei. In einer provokanten Grafik zeigte Arne Semsrott, Leiter der Plattform FragdenStaat, wer gemessen an der Gesamtbevölkerung nicht im Bundestag vertreten ist: Er hat einfach mal alle, die nicht aktiv eine der fünf Parteien im Bundestag gewählt haben oder wählen durften, in ein Balkendiagramm mit reingeholt. Da schmilzt der Anteil derer, die sich offensiv Rechtsaußen-Positionen wünschen, stark zusammen.

Natürlich widerspricht so eine nicht ganz ernst gemeinte Rechnung unserem System der repräsentativen Demokratie. Aber sie taugt als Denkanstoß. Denn in Umfragen zu konkreten politischen Fragen tauchen oft überraschende Ergebnisse auf, die in viel geringerem Maße autoritäre Ideen unterstützen als in den Wahlergebnissen ausgedrückt.
Austausch, Humor und Lust auf Lösung
Wie also können gesellschaftliche Räume wieder aufgemacht werden, um Verständigung zu ermöglichen? Um vor allem auch über Herausforderungen zu sprechen, die uns jenseits der täglichen medialen Zuspitzung beschäftigen.
Wir von CORRECTIV waren auf der re:publica mit unserem Salon5 dabei, haben Jugendlichen dort den Raum gegeben, um auszudrücken, wie sie sich Nachrichten wünschen. Wir haben auf der Bühne über unsere Unterstützung des FunFacts-Projektes diskutiert, warum Humor ein Weg sein kann, anders über ernste Themen sprechen zu können. Und wir haben über Zukunftsstrategien des lokalen Journalismus diskutiert, der im Vergleich der Medien immer noch das höchste Vertrauen genießt. Hier können Sie mehr über unsere Impulse erfahren.
Wenn Sie ein wenig Inspiration wollen (passt ja auch zu Pfingsten), empfehle ich Ihnen auch diese Übersicht zu den aufgenommenen Gesprächen der re:publica, in der Sie sehr unterschiedliche Themen finden können. Wenn Sie direkte Anregungen zu den Themen hier haben, schreiben Sie mir gern, wir freuen uns immer über den Austausch mit Ihnen!
Und ja, weil wir vor einem Feiertag stehen, der den Geist beflügeln soll, hat meine Kollegin Anette Dowideit am Ende des SPOTLIGHT ein paar Tipps für das Gespräch am Kaffeetisch zusammengestellt – wenn jemand wieder mal populistische Thesen raushaut.
Ihnen wünsche ich frohe und erholsame Feiertage, auch mit unseren Empfehlungen der Woche!
Herzlich,
Israel verwüstet den Südlibanon – wie Gaza
Im Zuge der Bodenoffensive im Südlibanon wendet Israel eigenen Angaben zufolge eine Taktik aus dem Gaza-Krieg an. In einer definierten „Pufferzone“ werden zivile Gebäude wie Wohnhäuser, Schulen und religiöse Stätten systematisch zerstört und Grenzdörfer quasi von der Landkarte gelöscht. Währenddessen setzt die proiranische Hisbollah-Miliz bei ihren Angriffen vermehrt auf durch Glasfaserkabel gesteuerte Kampfdrohnen, die die israelische Abwehr umgehen können.
Israel verwüstet den Südlibanon – wie Gaza (spiegel.de, €)
Israel setzt im Südlibanon auf Gaza-Taktik (orf.at)
Undercover-Recherche: Unterwanderung einer Schule
Nach außen hin wirkt sie naturverbunden und ökologisch, doch unter der Oberfläche lauern Judenhass und Verschwörungsideologien: Die sogenannte Anastasia-Bewegung hat versucht, eine Schule in Mecklenburg-Vorpommern zu unterwandern. Der Verfassungsschutz warnt vor einer gezielten Strategie. Die Schulleiterin zeigt sich geschockt und habe nicht gewusst, mit wem sie zusammenarbeiten will. Eine Undercover-Recherche der Ostseezeitung.
„Sie wollen Kinder indoktrinieren“ (ostsee-zeitung.de, €)
In höchster Not
Was passiert eigentlich, wenn Menschen auf Wanderungen in den Alpen in Gefahr geraten? Dann versuchen ehrenamtliche Bergretter der Bergwacht ihr Möglichstes, um Menschen zu helfen – in lebensgefährlichen Lagen und bei extremem Wetter. Die ARD-Dokuserie bietet einen fesselnden, noch nie da gewesenen Einblick in den Alltag der Rettungskräfte und zeigt echte Einsätze in den bayerischen Alpen– hautnah und in beeindruckenden Bildern.
Bergretter im Einsatz (ardmediathek.de, Doku)
Wie Rechtsextreme Fußballkurven erobern
Unterwandern Rechte und Rechtsextreme gerade die Fan-Kurven in Deutschland? Die 3. Bundesliga soll laut Deutschem Fußballbund (DFB) die „Heimat von Fußballromantikern“ sein, aber sie wird offenbar mehr und mehr auch zu einem Ort, an dem extrem Rechte bis hin zu Neonazis massiv an Einfluss gewinnen. Die Recherche von Monitor zeigt: Rechtsextreme vernetzen sich in Fanstrukturen, organisieren Auswärtsfahrten und werben gezielt junge Menschen an.
Wie Rechte die Fußballkurven erobern (youtube.de, Video)
Korruptionsaffäre in der Ukraine
Ein spektakulärer Korruptionsfall um Selenskyjs engsten Vertrauten Andrij Jermak wird zum Problem für den Präsidenten. Es könnte die Pläne für einen EU-Beitritt gefährden. Vor wenigen Tagen wurde gegen Jermak, lange der engste und mächtigste Vertraute von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Untersuchungshaft angeordnet. Eine millionenschwere Korruptionsaffäre führt bis ins Herz der ukrainischen Regierung.
Wie korrupt ist Kyjiw? (zeit.de, €)
Vielleicht kennen Sie das: Bei Familienfesten – wie jetzt zum Beispiel Pfingsten – sitzt man zu Kaffee und Kuchen zusammen, man redet über dies und das – und dann auch über Politik. Und weil man sich seine Verwandtschaft ja nicht aussucht, kommt es dann schon mal zu schwierigen Gesprächen.
Nämlich dann, wenn Familienmitglieder zwar wenig Faktenwissen zu einem Reizthema haben, dafür aber viel Meinung. Die Meinung haben Sie sich vermutlich an virtuellen Stammtischen gebildet, vielleicht beim rechtspopulistischen Kampagnen-Portal Nius, vielleicht in Verschwörergruppen bei Telegram. Jedenfalls schreiben uns immer wieder Leserinnen und Leser auf der Suche nach Rat: Wie geht man damit um, wenn der Neffe am Kaffeetisch platte AfD-Parolen von TikTok verbreitet – oder Tante Adele gegen Geflüchtete hetzt, weil die angeblich 100 Prozent krimineller sind als Deutsche?
Wir von CORRECTIV haben deshalb vor Ostern einen neuen, unregelmäßigen Service für SPOTLIGHT-Abonnenten gestartet: den „Spickzettel“. Vor Feiertagen können Sie sich bei uns Faktenblätter als PDF herunterladen – und sie ausgedruckt auf Papier oder auf dem Handy zur Familienfeier mitnehmen. Darauf stehen die wichtigsten Fakten zu Reizthemen wie zuletzt der „Polizeilichen Kriminalstatistik“.
Diese Woche lernte ich einen Forscher kennen, dessen Team ein ganz ähnliches Projekt macht: Das Team der Uni Siegen hat den Prototyp eines Roboters entwickelt, der Schülerinnen und Schülern spielerisch das Diskutieren mit Rassisten beibringen soll: Der Roboter haut rassistische Parolen raus („Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“), und die Kinder können üben, ihm argumentativ etwas entgegenzusetzen. Ich finde, das ist ein cooles Demokratie-Training. Der WDR berichtete hier darüber.
Raten Sie mal, wer das Projekt gar nicht so cool findet? Na klar, das Kampagnenportal Nius. Und was hat man dort gemacht? Einen Hetz-Artikel über das Projekt geschrieben, in dem die verantwortliche Doktorandin auf einem Foto gezeigt und namentlich genannt wird. Ein solches Vorgehen nennt man in Fachkreisen übrigens „Dog Whistling“: Man hetzt seine Zielgruppe gegen Einzelpersonen auf – in der Hoffnung, dass diese dann in Sozialen Netzwerken mit Hassbotschaften zugeschüttet werden. Das kennen wir bei CORRECTIV auch ziemlich gut. Aber: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Und die Forscherinnen und Forscher aus Siegen hoffentlich auch nicht.

Die Kartografie der Macht: Russlands „Game of Thrones“
Die Folgen des Krieges gegen die Ukraine sorgen für Frustration und Spannungen auch innerhalb der Eliten Russlands. Die von Wladimir Putin geschaffenen Machtstrukturen mit verschiedenen Clans geraten ins Wanken. Um einschätzen zu können, wie sich Russland entwickeln könnte, hilft es, die wichtigsten Mitglieder dieser Clans und deren Machtinstrumente zu kennen.
correctiv.org
Missbrauchsfälle in der Kirche: Melden Sie sich, wenn Sie Hinweise haben
Nach wie vor gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Menschen als Kinder oder Jugendliche von katholischen Geistlichen missbraucht wurden oder werden. Wir haben in „Akten des Missbrauchs“ zuletzt über die Verantwortung des Vatikan berichtet. CORRECTIV möchte mit einer Umfrage dazu beitragen, mehr Betroffene sichtbar zu machen. Hier geht es zur Teilnahme:
correctiv.org
Von München bis Aachen: Im Netz der China-Agenten
China hat ein Spionagenetzwerk über deutsche Hochschulen ausgerollt, um militärisches Wissen abzuziehen. Lange Zeit sahen die Behörden dem Treiben zu – jetzt wurden zwei mutmaßliche Spione festgenommen. Im Visier hatten sie offenbar auch High-Tech-Drohnen.
correctiv.org
Russisches Gold, Schweizer Markenzeichen
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine importiert die Schweiz mehr russisches Gold als je zuvor – trotz Sanktionen legal. Ein Experte kritisiert, damit Putins Kriegsmaschinerie zu finanzieren. Nach der Verarbeitung wird russisches Gold offiziell Schweizerisch – und damit besser verkäuflich.
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Neuer Höchststand bei Schulabgängern ohne Abschluss
Mehr als 64.000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr nach Recherchen von CORRECTIV die Schule ohne Abschluss verlassen. Das ist ein Anstieg von über einem Drittel innerhalb von drei Jahren. In fünf Bundesländern liegt die Quote bereits über zehn Prozent.
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Die Abkehr von Palantir hat begonnen
Die Datenanalyse-Programme des US-Unternehmens Palantir galten lange als konkurrenzlos. Doch nun wächst in deutschen Sicherheitsbehörden der Widerstand gegen die US-Software – selbst in Nordrhein-Westfalen, wo sie bereits im Einsatz ist.
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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Sebastian Haupt, Laura Seime & Finn Schöneck.
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