Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt, Sachsen-Anhalt

Drei Wahlen im Osten, aber nur ein Bundesland im Fokus: Im September wird in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt – doch selbst dort, wo alle hinschauen, bleiben wichtige Themen auf der Strecke.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Sie haben es sicher schon mitbekommen: Jetzt werden wieder Plakate geklebt, auf Marktplätzen Kugelschreiber verschenkt und Bierzeltreden geschwungen. Der Wahlkampf im Osten ist in vollem Gange. In drei Wochen wird in Sachsen-Anhalt gewählt, zwei Wochen später in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Was mir auffällt: Alle blicken nur auf Sachsen-Anhalt.

Fast jede Woche gibt es neue Sonntagsfragen. Journalistinnen und Journalisten überregionaler Medien durchkämmen sachsen-anhaltische Dörfer. Es gibt Berichte in internationalen Medien, in der New York Times, beim Guardian und der Japan Times. So groß war die Aufmerksamkeit vor einer Landtagswahl selten.

Verständlich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik könnte dort eine als rechtsextrem eingestufte Partei den Ministerpräsidenten stellen. Die AfD liegt in Umfragen bei 42 Prozent. Natürlich muss darüber berichtet werden – das tun wir als CORRECTIV ja auch regelmäßig.

Wie berichten Medien über die AfD?
Die Frage, die sich jedoch jedes Medium bei der Berichterstattung stellen muss, ist das Wie. Welche Menschen lässt man zu Wort kommen? Wie erzählt man Geschichten? Welche erzählt man nicht?

Gestern haben gleich zwei große überregionale Zeitungen ein Portrait vom AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund veröffentlicht. Der Spiegel hat ihn sogar auf sein Cover gehoben. Unterzeile: Der gefährlichste Mann Deutschlands. Ich gebe zu, es ist aus Reporterinnensicht eine plakative Geschichte: Ein gut aussehender ehemaliger Raumduft-Verkäufer (Düfte mit Namen, wie „Pizza Salami“, „Smooth Harmony“ oder „Fresh Office“) wird das Gesicht einer rechtsextremen Partei.

Das Problem: Sie unterstützen damit die Strategie der Partei: sich nahbar zeigen, den Kümmerer spielen, gerade auf den Dörfern. Der nette Uli von nebenan eben. Genau das hat er vor mehr als zwei Jahren bei der Konferenz in Potsdam gesagt: Siegmunds Strategie sei, menschliche Sympathie für seine Ziele aufzubauen. „Er sei ein „ganz normaler Typ, mit dem sich jeder identifizieren kann.“ Und die entscheidenden politischen Inhalte bringe er dann „zum Schluss durch die kalte Küche“.

Die Fokussierung auf die Person Siegmund spielt der Partei in die Hände: Der AfD-Spitzenkandidat gibt mittlerweile Autogramme auf dem Spiegel-Cover.

Das erinnert an den US-Wahlkampf vor Donald Trumps erster Amtszeit – auch wenn die US-Politik ohnehin stärker auf Personen zugeschnitten ist als die deutsche. Viele US-Medien fokussierten sich damals auf Trump als schillernde Figur, den Reality-TV-Star und Provokateur, statt auf seine politischen Pläne. Seine Kandidatur wirkte zunächst so aussichtslos, dass die Huffington Post sie 2015 ins Entertainment-Ressort verschob und als „Sideshow“ bezeichnete. Diese Logik des Spektakels verschaffte dem heute amtierenden US-Präsidenten enorme kostenlose Aufmerksamkeit – während seine eigentlichen Vorhaben lange im Schatten blieben.

Ganz so schlimm ist es beim Umgang mit Siegmund nicht: Viele Medien beleuchten ihn kritisch und analysieren das AfD-Wahlprogramm. Trotzdem verdrängt die Fokussierung auf seine Person andere Themen.

Dabei gibt es aus Sachsen-Anhalt einiges zu erzählen. 
Ja, die bekannten Probleme sind real: Eine schrumpfende Bevölkerung führt dazu, dass Kliniken Geburtsstationen schließen, Bahnverbindungen eingestellt werden und die Wirtschaft schwächelt. 

Aber genauso real: Sachsen-Anhalt gehört zu den Vorreitern beim Ausbau erneuerbarer Energien. Und im ganzen Land engagiert sich eine lebendige Zivilgesellschaft – Menschen, die Jugendzentren leiten, in Feuerwehr, Kirche oder Gewerkschaften aktiv sind, in den Sozialen Netzwerken Paroli bieten oder Festivals organisieren. Hunderte von ihnen haben sich im Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ zusammengeschlossen, auch die Kulturszene positioniert sich deutlich.

Und noch ein Nebeneffekt der Aufmerksamkeitsökonomie: Andere Wahlen treten komplett in den Hintergrund. Aus dem Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern hört man kaum etwas – dabei wird dort nur zwei Wochen später ebenfalls gewählt. Und auch hier sind die Umfragewerte der AfD auf mittlerweile 36 Prozent gestiegen. CORRECTIV ist gerade als Partner von Fun Facts vor Ort. In der Rubrik „Ganz persönlich“ schreibt mein Kollege Finn Schöneck über seine Erlebnisse von Stralsund – und welche Probleme junge Menschen dort umtreiben.

Und noch etwas: Wohnen Sie in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern? Arbeiten Sie vielleicht in der Wirtschaft, der Verwaltung oder einer Organisation? Wir wollen wissen, ob Sie sich mit Blick auf die Landtagswahlen Sorgen machen und vielleicht auf Umstellungen einstellen, sollte die AfD die Alleinregierung stellen oder deutlich mehr Macht erhalten.


Hier geht’s zur Umfrage:

Herzlich,
Ihre Lena Köpsell

Die Lüge vom sozialen Aufstieg?
Wer schafft es in Deutschland tatsächlich von unten nach oben? Braucht es dafür harte Arbeit oder schlicht das richtige Maß an Glück? In der NDR-Story wagt der Reporter Manuel Biallas den Blick vom Gipfel und trifft Menschen, die den sozialen Aufstieg geschafft haben – und trotzdem nachdenklich bleiben. Eine Bundesministerin aus Duisburg, ein Unternehmer, der früher Teller gewaschen hat, ein Fliesenleger, der zum Minister wurde und in einigen Aufsichtsräten saß.
Die Lüge vom sozialen Aufstieg? (ndr.de, Doku)

Das Geschäft mit dem Zweifel
Zweifel sind längst zu einer einflussreichen Währung geworden und für manche sogar zu einem lukrativen Geschäftsmodell. Im investigativen Podcast REICH folgt ein Journalistenteam einem Netzwerk aus Lobbyisten und Firmengeflechten, das schon seit Jahrzehnten beeinflusst, woran wir glauben. Zunächst im Auftrag der Tabakindustrie, dann für Alkoholunternehmen und schließlich für die Öl- und Gasbranche. Die wirksamsten Werkzeuge: Zweifel säen, Fakten relativieren und Debatten lenken. Die Episode fünf ist in Kooperation mit CORRECTIV entstanden.
REICH – Das Geschäft mit dem Zweifel (ardsounds.de, Podcast)

Was passiert, wenn Propaganda ihr größtes Megafon verliert?
Scams, Identitätsklau, Desinformationskampagnen, Propaganda. Das, was nach einem Blockbuster klingt, ist an vielen Orten Realität. Diese Woche geht es bei #lensEU genau um eine solche antidemokratische, bewusste Beeinflussung der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik durch einzelne Interessengruppen.
Bei der Recherche steht Russland im Fokus. Denn Russland versucht mit großer Anstrengung Stimmung im Westen zu machen. Davon zeugen Desinformationskampagnen wie Doppelgänger oder Matryoschka. Sie sind Teil des „hybriden Kriegs“ Russlands und sollen die Unterstützung für die Ukraine schmälern.
Europe and the Kremlin’s changing information war (theaudiomarketplace.eu, Podcast)


Diese Woche war ich mit zwei Kollegen für die Fun Facts Sommertour unterwegs – von der Ostsee bis zur Mecklenburgischen Seenplatte. Zugegeben, das klingt nach einer entspannten Urlaubsreise. Wir wollten wissen, wie es den Menschen geht vor der Landtagswahl.

In Stralsund führte uns der Weg in die Altstadt. Viele Touristen schlendern durch die Gassen, aber nur wenige Einheimische. Eine junge Frau sprach uns an: „Wenn ihr die echten Stralsunder treffen wollt, geht nach Knieper West.“ Sie gab uns die Adresse einer Freizeiteinrichtung für Jugendliche in dem Stadtteil.

Dort angekommen, fanden wir einen Container, Tischtennisplatten und einen Basketballkorb. Zwei Sozialarbeiter betreuten die Einrichtung. Wir sprachen mit den Jugendlichen und merkten schnell: Die Wahl interessiert sie kaum. Und das hat Gründe: Ein junger Mann holt gerade seinen Schulabschluss nach. Eine Frau erzählte, dass ihr Kind vom Jugendamt zu Pflegeeltern gebracht wurde. Ihre Probleme sind existenziell – und sie bleiben, egal, wie die Wahl im September ausgeht.

Die junge Frau aus der Altstadt engagiert sich ehrenamtlich in diesem Projekt. Bald beginnt sie eine Ausbildung zur Erzieherin – in Brandenburg, nicht in Mecklenburg-Vorpommern. Hier müsste sie die Ausbildung selbst finanzieren. Sie beklagt, dass es in ihrem Stadtteil keine weiteren Orte wie diese Freizeiteinrichtung gibt. Generell fehle es in der Stadt an Angeboten für Jugendliche. Dabei sind solche Treffpunkte wichtig.

Wir Journalisten sollten öfter an solche Orte kommen – nicht nur vor oder kurz nach Wahlen. Hier zeigt sich das wahre Leben der Menschen aus Stralsund. Nicht unbedingt das, was in der schönen Altstadt zu finden ist.

Sprengstoffdrohne in Leipzig: Alles deutet nach Moskau
Im Bundesinnenministerium gilt nach CORRECTIV-Informationen mittlerweile Russland als Drahtzieher hinter der Drohnenattacke am Leipziger Flughafen. Eine öffentliche Zuschreibung will man jedoch noch nicht riskieren.
correctiv.org

Russisches Haus – Ein Ende für Propaganda und Spionage?
Mitten im Wahlkampf um den Berliner Senat werden die Rufe lauter, das Russische Haus in der Friedrichstraße zu schließen. Es soll dem Kreml nicht nur zur Propaganda, sondern auch zur Spionage dienen. Ein Weg zur Schließung könnte sich abzeichnen.
correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Martin Böhmer, Sebastian Haupt & Finn Schöneck.