
Menschen können ja wahnsinnig viel aushalten. Sie überleben für ihr Neugeborenes Monate ohne Schlaf. Sie essen wochenlang nur Proteinpulver oder mittelalterliche Suppen. Sie gucken stundenlang Talkshows, die sie bis zum Herzrasen aufregen. Menschen ertragen viel, wenn dafür etwas Gutes wartet: ein zufriedenes Kind. Ein Lob für die geschrumpfte Wampe. Eine lebhafte Diskussion über die dumpfen Talkshowgäste.
Wer eigene Schulkinder hat und wie ich auf zahlreichen Schulblockaden in Frankreich recherchiert, der ahnt: Auch die Schülerinnen und Schüler haben jahrelang wahnsinnig viel ausgehalten. Eklige Toiletten, große, laute Klassen, Prüfungsstress. Doch am Ende der Schulzeit lockte idealerweise ein Traumberuf. Die Aussicht auf eine unbeschwerte, selbstbestimmte Zeit, auf Studifeten, interessante Ausbildungen, Anerkennung und ein Gehalt.
Diese Zuversicht ist verschwunden. „Vielen jungen Leuten ist die Zukunftsperspektive abhandengekommen“, sagt der Meinungsforscher Stephan Grünewald. Noch vor zehn Jahren, so der Chef des Forschungsinstituts Rheingold, seien die Gespräche mit Jugendlichen völlig anders verlaufen als heute. Eine fast euphorische Stimmung habe er da erlebt.
Jeder mitfühlende Mensch weiß, was die Jugendlichen in den vergangenen Jahren ertragen mussten: eine Coronapolitik, die viele vereinsamen ließ. Brutale Kriege brachen aus. Aufrüstung, die mehr Geld verschlingt als die gesamte Bildungspolitik. Wohnungen in Uni-Städten, die unerschwinglich oder schäbig sind. Und natürlich die Revolution der KI.
Einige persönliche Erfahrungen, was KI für junge Menschen bedeuten kann: Der Freund meines Neffen bricht sein Informatikstudium ab — Informatiker bräuchte es bald nicht mehr. Der befreundete Mathematiklehrer rechnet mit dem baldigen Ende seines Faches an der Uni. Schließlich habe die KI kürzlich alle größeren mathematischen Mysterien gelöst. Ein Übersetzungsstudio wenige Straßen weiter schließt. Eine Steuergehilfin aus meinem Dorf trainiert die KI, die sie bald überflüssig machen soll. Und eine Studie beweist: Berufsanfänger erhalten wegen der KI schon jetzt deutlich weniger Jobangebote.
Zur KI kommt die Klimakrise. Erwachsene haben sie nicht nur verursacht. Sie sind darauf auch schlecht vorbereitet. Das zeigt eine neue CORRECTIV-Recherche. So kämpft die Jugend mit der Klima-KI-Kriegs-Krise. Drei Mal K, KKK. Ach ja. Das Kürzel erinnert an eine weitere aufziehende Krise von rechtsextremen Regierungen: sei es unter Alice Weidel in Deutschland oder Marine Le Pen in Frankreich.
Also sehr viele Krisen am Horizont der Jugend. So viel KKK, dass sich viele fragen: Und dafür soll ich mich, unter minderwertigen Lernbedingungen, anstrengen? Für was eigentlich?
Es wäre wichtig, diese Angst ernst zu nehmen. Das passiert aber kaum, wie meine Kollegin und CORRECTIV-Bildungsexpertin Alexandra heute im Ganz Persönlich schreibt.
Auch Frankreich reagierte auf die Jugendrevolte nicht klüger. Wochenlang schickte die Pariser Regierung nur Polizisten vor die blockierten Schulen, Gespräche fanden nicht statt. Nach den Ausschreitungen sagte der französische Präsident Emmanuel Macron: „Nichts kann die Gewalt erklären.“
Kurz zuvor hatten ein paar Tausend Geschäfte geplündert und ein Rathaus in Brand gesetzt. Macrons Satz ist letztlich erschreckend. Jeder Soziologin läuft es dabei heiß und kalt und stachelig den Rücken herunter. Als fielen Hunderte gewalttätige Plünderer und Brandstifter vom Himmel. Natürlich müssen wir fragen: Wie sind diese Ausschreitungen zu erklären? Wer nach den Ursachen sucht, entschuldigt die Taten nicht. Aber versucht, sie zu verstehen, um sie künftig zu vermeiden.
Was auch immer am heutigen Samstag in Deutschland passiert, wieviele Menschen auf der Straße sind, ob auch ein paar Geschäftsinhaber in Tränen ausbrechen müssen wie in Frankreich: Die Frage, woher Gewalt und Wut kommen, muss beantwortet werden.
Ebenso wichtig ist die Frage, worauf sich Jugendliche freuen können. Welche Ziele lohnen ihre Mühe? Ich behaupte mal: Die Proteste selbst können kurzfristig Hoffnung spenden. Und: Auch bei CORRECTIV gibt es Grund zur Zuversicht für gebeutelte Schülerseelen: Für einen wunderbaren Job bei uns ist ein glänzender Schul- oder Uniabschluss nett, aber verzichtbar. Nur Talkshows sollten alle gelegentlich ertragen.
Aktuell läuft außerdem unsere wichtigste Spendenaktion des Jahres. Sie entscheidet auch darüber, wie viele journalistische Ressourcen wir im kommenden Jahr haben. Die Aktion geht nur noch bis kommenden Mittwoch. Wenn Sie können: Bitte unterstützen Sie unsere Aktion.
Herzlich,
Ihre Annika Joeres

Ein Krieg gegen Europa
Bereitet sich Russland auf eine langfristige Konfrontation mit Europa vor? Geheime Dokumente, Satellitenbilder und Gespräche mit Insidern und Nato-Kommandeuren zeichnen das Bild wachsender militärischer Aktivitäten an Europas Ostgrenze. Eine investigative Recherche über Russlands Kriegspläne, die Grenzen der Abschreckung und die Frage, wie real die Gefahr einer Eskalation wirklich ist.
Putins Kriegsmaschinerie (arte.de, Doku)
Wahlen in Israel
Die Stimmzettel in Israel sind ausgezählt und fest steht: Einfach wird eine Regierungsbildung nicht werden. Israel steht damit vor der Frage, wie es nach dieser politischen Patt-Situation weitergeht. Die Journalistin und Autorin Sarah Levy hat in ihrem Essay für die Zeit einen ehrlichen Blick auf den Zustand einer gespaltenen israelischen Gesellschaft und ihrer Demokratie geworfen.
Wenn der Hass kaum Gegenspieler hat (zeit.de, €)
Epstein – Das Netzwerk der Mächtigen
Wie gelang es Jeffrey Epstein, sich Zugang zu den mächtigsten Menschen der Welt zu verschaffen – und warum wurde er so lange nicht gestoppt? Die Podcast-Hosts von 11KM Stories Jasmin Körber und Christian Schiffer durchforsten Millionen Dokumente aus den veröffentlichten Epstein-Files, sprechen mit Experten und Betroffenen und folgen den Spuren eines Netzwerks aus Missbrauch, Macht und mutmaßlicher Komplizenschaft. Eine investigative Recherche über ein Verbrechen, dessen Hintergründe bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind.
Der Epstein Komplex (ardsounds.de, Podcast)
Das Rätsel der verschwundenen Azubis
Sie kommen nach Deutschland, um eine Ausbildung zu machen – doch manche verschwinden plötzlich. Was ist aus den vietnamesischen Azubis geworden? Das Team von Die Spur folgt ihren Spuren und stößt auf ein Geschäft mit Arbeitsverträgen, Vermittlungsgebühren und prekären Arbeitsbedingungen. Die Doku zeigt, wie aus einem deutschen Ausbildungsvertrag ein Weg in Ausbeutung und möglicherweise illegale Beschäftigung werden kann.
Geschäft mit Ausbildungsverträgen (zdf.de, Doku)
Von Taube Oßkar und Peter Lustig
Stadttauben nerven viele – für Malte Zierden sind sie faszinierende Lebewesen und seine besten Freunde. In der ersten Folge des Klimapodcasts FEUER spricht Host Daniel Drepper mit Deutschlands wohl bekanntestem Taubenfreund über Birdwatching und Zoobesuche. Es geht um Vorurteile, Tierwohl und die Frage, wie wir Tieren auf Augenhöhe begegnen können.
FEUER (spotify.com, Podcast)
Was Europa bewegt
Was passiert, wenn Hochwasser, Stromausfälle, Netzstörungen uns gleichzeitig treffen? CORRECTIV hat alle 401 Kreise in Deutschland zu ihrem Stand der Krisenvorsorge befragt. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Lücken. Außerdem berichten die Bürgermeister von Lviv und Mykolajiw aus der Ukraine über ihre Erkenntnisse. Cátia Vilaça von Gerador beleuchtet die Folgen schwerer Stürme in Portugal. Michal Piekarski von OKO.press spricht darüber, wie in Polen die Krisenvorsorge wieder aufgebaut wird.
LensEU (#lensEU, Podcast)
Sie nutzen das Momentum auch in Deutschland. 150.000 junge Menschen haben sich für die Wochenend-Proteste angemeldet. Sie wollen sichtbar machen, dass ihnen nicht zugehört wird. Mit zwei Gen-Z-Töchtern zuhause kann ich nur sagen: Die wollen raus aus der Ohnmacht! Da hat sich was angestaut. Marode Schulen, teure WG-Zimmer, Klimawandel, leere Rentenkassen: Ihnen ist klar, dass der Generationenvertrag nicht mehr aufgeht.
Das Traurige ist, dass die Reaktionen gerade jeden jungen Menschen bestätigen, der sich nicht ernst genommen fühlt. Statt Debatten über Investitionen in Bildung wird nur über innere Sicherheit geredet. Noch bevor ein Demonstrant einen Fuß auf die Straße gesetzt hat, schreit Markus Söder: „Die wollen Deutschland stürmen!“, Innenpolitiker warnen vor Plünderern und die Junge Union Berlin will die Bundeswehr einsetzen.
Keine Debatten darüber, wie man dem Eindruck begegnen möchte, dass man als junger Mensch in der Politik nichts zu sagen hat, aber alle Probleme von Klimawandel über Pflege bis Rente ausbaden soll. Will man so junge Menschen, die in der großen Mehrheit rechts oder links wählen, für die politische Mitte gewinnen? Hört ihnen doch einfach erst mal zu! Lasst sie doch erst mal auf die Straße gehen.
Angst schüren, darin sind wir Weltmeister. Das funktioniert immer: Sogar die jungen Organisatoren, die sich klar von Gewalt distanzieren, haben nun verständlicherweise Angst bekommen, dass sie in etwas reingezogen werden, das sie nicht kontrollieren können. Aber wer absagt, weil Extremisten diesen Protest missbrauchen könnten, überlässt ihnen das Feld. Ich hoffe, es gehen möglichst viele hin und demonstrieren friedlich. Wir werden hinschauen.

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Wie gut sind Landkreise auf Katastrophen vorbereitet? Eine bundesweite CORRECTIV-Anfrage zeigt: Vielen Landkreisen fehlen Personal, Geld und einsatzbereite Strukturen. Das kann im Ernstfall Leben kosten.
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Die letzten Worte vor dem Abflug in die USA ließen nichts Gutes erwarten. Es sei „sehr unschön“, auf was sich Audi-Chef Gernot Döllner eingelassen habe, gab Betriebsratschefin Daniela Cavallo ihm mit auf den Weg, wie Beteiligte im Gespräch mit CORRECTIV berichteten.
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Mehr Meldungen von sexualisiertem Fehlverhalten bei der Bundeswehr
Seit mehreren Jahren steigen die Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten bei der Bundeswehr. 2026 gibt es einen neuen Höchststand. Der Wehrbeauftragte fordert schnelles Handeln.
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Im Nord-Stream-Prozess haben Vertreter des russisch kontrollierten Betreibers Einsicht in die Ermittlungsakten erhalten. Vom Angeklagten Serhii K. fordern sie Schadenersatz. Doch die Aussichten dafür sind gering, wie die Richterin am zweiten Verhandlungstag verdeutlichte.
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An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet: Karolin Arnold & Minou Becker
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