Seit Tagen zeigt das Thermometer mehr als 35 Grad. Die Böden sind ausgetrocknet, erste Gemeinden rufen zum Wassersparen auf. Dann zieht ein Unwetter auf: Straßen stehen unter Wasser, der Strom fällt aus – und plötzlich kommt in manchen Häusern auch kein Wasser mehr aus dem Hahn.
Was in diesem hypothetischen Szenario aufeinanderfolgt, könnte Städte und Landkreise künftig häufiger treffen. Fast alle, die auf die bundesweite CORRECTIV-Anfrage geantwortet haben, rechnen bis 2050 mit häufigerem Extremwetter und steigenden Schäden. Mehr als jeder zweite Landkreis und jede zweite kreisfreie Stadt erwartet sogar, dass vier Gefahren zunehmen: Hitze, Dürre, Starkregen und Hochwasser.
Wie gut ist der Katastrophenschutz in Deutschland auf solche Krisen vorbereitet? Für die Recherche hat CORRECTIV alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte befragt, rund zwei Drittel haben inhaltlich geantwortet. Mehr als 70 Prozent von ihnen rechnen mit einem steigenden Risiko durch Hitzewellen, Starkregen und Stürme, knapp 65 Prozent durch Dürren und Hochwasser. Nur rund ein Drittel erwartet dagegen ein wachsendes Risiko für Trinkwassermangel.
Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit.
Nachrichten und Recherchen sind unerlässlich, damit Sie sich eine Meinung bilden können. Aber die derzeitigen Bedrohungen der freien Presse und der Medienlandschaft sind alarmierend.
Wir fordern die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und die Medienvielfalt in Deutschland umfangreich zu schützen. Machen Sie mit.
Doch was passiert, wenn mehrere dieser Gefahren aufeinandertreffen? Wenn die Feuerwehr gleichzeitig überflutete Straßen sichern, Menschen retten und ausgefallene Infrastruktur versorgen muss? Wie gut die Bevölkerung dann geschützt ist, hängt davon ab, was die Behörden vor Ort vorbereitet haben. Die Landkreise und kreisfreien Städte organisieren den Katastrophenschutz, koordinieren Einsatzkräfte und müssen dafür sorgen, dass Menschen rechtzeitig gewarnt werden und im Notfall weiter Trinkwasser bekommen.
Katastrophenschutz: Wenn mehrere Krisen gleichzeitig auftreten
Dafür müssen im Ernstfall viele Stellen zusammenspielen: Feuerwehr, Krisenstab, Technisches Hilfswerk, Gesundheitsämter, Krankenhäuser sowie Energie- und Wasserversorger können dabei gleichzeitig gefragt sein.
„Man muss sich kennen und wissen, wer was kann und wen man im Ernstfall anrufen kann“, sagt Dennis Wolf, Experte für Krisenmanagement und Stabsausbildung beim Technischen Hilfswerk. „Wenn man erst in der konkreten Lage anfängt zu überlegen, wer beispielsweise eine bestimmte Pumpleistung bereitstellen kann, ist es zu spät.“
Doch längst nicht überall sind die Pläne ausgereift. 203 von 266 Kreisen und kreisfreien Städten, die die CORRECTIV-Anfrage beantwortet haben, geben an, einen Plan für Krisenfälle erstellt zu haben. Umgesetzt haben ihn bisher nur 106.
Für die Vorsorge fehlen vielerorts nach Angaben der Verwaltungen Geld und Personal. Vier von fünf der 401 Kreise und kreisfreien Städte erwarten, die notwendigen Maßnahmen in den kommenden Jahren nur teilweise oder nicht ausreichend finanzieren zu können; fast 40 Prozent befürchten zudem, nicht genügend ehrenamtliche Einsatzkräfte zu haben.
Das kann zum Problem werden, wenn ein Einsatz lange dauert: Wer tagelang gegen Hochwasser kämpft oder Trinkwasser verteilt, muss abgelöst werden. Gleichzeitig müssen Feuerwehr und Rettungsdienste weiter für alltägliche Notfälle bereitstehen. Welche Folgen diese Engpässe für den Katastrophenschutz haben, zeigt unsere Recherche.
Entscheidend sei dabei nicht, jede denkbare Katastrophe vorherzusagen, sagt Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, einer gemeinnützigen Forschungseinrichtung. „Eine resiliente Stadt ist kein Bollwerk, das versucht, alle Gefahren abzuwehren.“ Resilienz bedeute vielmehr, flexibel auf eine Krise reagieren zu können, selbst wenn sie vorher nicht genau so erwartet wurde.
Wie gut die Krisenvorsorge funktioniert, zeigt sich besonders bei der Wasserversorgung – sie ist durch Trockenheit, Hochwasser und Stromausfälle gefährdet.
Trinkwassernot: Wie gut sind Städte und Landkreise vorbereitet?
Für den Fall, dass die Versorgung zusammenbricht, können Notbrunnen, Tanker oder mobile Anlagen Wasser liefern. Doch die Antworten der Landkreise und Städte zeigen, dass vielerorts wichtige Informationen über die tatsächlichen Kapazitäten der Notversorgung fehlen.
Nur rund 15 Prozent der Kreise und kreisfreien Städte, die unseren Fragenkatalog beantwortet haben, melden konkret Anlagen zur Trinkwassernotversorgung. Etwa drei Prozent sagen, sie hätten keine oder wüssten es nicht. Elf Prozent verweisen auf andere Ämter oder Versorger. Auch die Kapazitäten bleiben meist unklar: Weniger als zehn Prozent geben an, wie viele Menschen versorgt werden könnten. Davon können nur rund drei Viertel im Ernstfall mehr als 50 Prozent ihrer Einwohnerinnen und Einwohner versorgen.
Der bayerische Landkreis Unterallgäu etwa rechnet bis 2050 mit mehr Dürren und Trinkwassermangel. Im Notfall sollen mobile Wasseraufbereitungsanlagen und Wassertanker helfen. Wie viele Menschen damit und wie lange versorgt werden könnten und welche Wassermenge täglich bereitstünde, beantwortet der Landkreis jeweils mit „Unbekannt“. Diese so wichtige Information fehlt vielen Landkreisen.
CORRECTIV fragte auch nach dem Zustand der Anlagen. Etwas mehr als zehn Prozent der Kreise und kreisfreien Städte, die unseren Fragenkatalog beantwortet haben, machten dazu Angaben. Davon meldete gut ein Viertel, dass die Anlagen nicht vollständig einsatzfähig sind. Ein Großteil der Kreise und kreisfreien Städte verwies bei diesen Fragen auf sensible Informationen oder machte gar keine Angaben.
Wie unterschiedlich die Situation selbst in benachbarten Städten aussieht, zeigen Ludwigshafen und Mannheim.
In Ludwigshafen am Rhein in Rheinland-Pfalz sind nach Angaben der Stadt elf von 49 Trinkwassernotbrunnen außer Betrieb – gut jeder fünfte. Die übrigen 38 stehen für die Notversorgung zur Verfügung. Auf die Fragen nach der Zahl versorgbarer Menschen, der täglichen Wassermenge und der möglichen Versorgungsdauer antwortet die Stadt jeweils, die Brunnen seien „nahezu unerschöpflich“. Die direkte Nachbarstadt Mannheim in Baden-Württemberg meldet dagegen 85 Notbrunnen, die sämtlich einsatzfähig seien und die gesamte Bevölkerung versorgen könnten. Ob die verbleibenden Brunnen in Ludwigshafen ebenfalls ausreichten, geht aus der Antwort nicht hervor.
Weniger Kreise rechnen mit Wassermangel
Schon 2023 hatte CORRECTIV die deutschen Landkreise und kreisfreien Städte gefragt, wie sie auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind. Damals beteiligten sich 329 Kreise und kreisfreie Städte an der gemeinsamen Recherche von CORRECTIV, BR Data, WDR Quarks und NDR Data. Auch damals zeigte sich eine deutliche Lücke zwischen Wissen und Vorsorge: Neun von zehn antwortenden Kreisen und kreisfreien Städten erwarteten mehr extreme Wetterereignisse.
Drei Jahre später ist das Bewusstsein für die Gefahren weiterhin groß: Mehr Kreise und kreisfreie Städte als damals rechnen inzwischen mit zunehmenden Überschwemmungen und Starkregen. Anders sieht es bei Wassermangel aus: Während 2023 noch rund die Hälfte der antwortenden Kreise mit zunehmendem Trinkwassermangel rechnete, erwarten heute nur etwa 35 Prozent ein steigendes Risiko dafür. Rund 26 Prozent können nach eigenen Angaben das Risiko nicht einschätzen. Dabei mussten in den vergangenen Sommern immer mehr Kommunen, Landkreise und Stadtwerke Wasserverbote verhängen oder zum Sparen aufrufen: im Juni 2025 waren es noch etwa 60, Anfang dieses Sommers schon 80.
Die Gefahren sind also seit Jahren bekannt, auch wenn die Verwaltungen einzelne Risiken unterschiedlich einschätzen. Doch wenn der Starkregen kommt, der Strom ausfällt oder das Trinkwasser knapp wird, helfen Risikoanalysen allein wenig. Entscheidend ist, worauf sich die Menschen vor Ort tatsächlich verlassen können.
Wasserknappheit in Deutschland: Viele Landkreise unterschätzen das Risiko
Wie groß die Lücke zwischen tatsächlicher Gefahr und der Einschätzung vor Ort sein kann, zeigt der niedersächsische Landkreis Lüchow-Dannenberg. Schon im Sommer 2023 durfte dort bei hohen Temperaturen tagsüber kein Wasser mehr zur Bewässerung genutzt werden. Bei Verstößen drohten Bußgelder von bis zu 50.000 Euro. Heute rechnet die Verwaltung zwar mit mehr Hitzewellen und Dürren. Ob auch Trinkwassermangel häufiger auftreten wird, beantwortet sie aber weiterhin mit „Keine Informationen vorhanden“.
Doch nicht nur bei der Einschätzung der Gefahr gibt es Lücken. Nur wenige der befragten Landkreise und Städte konnten sagen, wie viele Menschen sie im Ernstfall mit Trinkwasser versorgen könnten. Dabei ist die lebenswichtige Ressource nicht nur durch Trockenheit gefährdet. Bei Hochwasser können Brunnen und Wasserwerke überflutet, Leitungen beschädigt werden. Fällt der Strom aus, stehen womöglich auch die Pumpen still, die das Wasser durch die Leitungen befördern. Im schlimmsten Fall kommt dann kein Wasser mehr aus dem Hahn – selbst in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Menschen müssen trotzdem weiter trinken, kochen und sich zumindest notdürftig waschen können.
Notvorrat: Wie viel Trinkwasser haben Menschen für Krisen zu Hause?
Auch Haushalte sollen sich darauf vorbereiten, dass die gewohnte Versorgung zeitweise ausfallen kann. So empfiehlt es das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Doch selbst beim existentiellen Trinkwasser bestehen große Lücken. Das zeigt eine nicht repräsentative Umfrage unter CORRECTIV-Leserinnen und -Lesern, an der knapp 270 Personen teilgenommen haben:
Nur rund jeder achte Befragte gibt an, ausreichend Trinkwasser für mindestens zehn Tage zu Hause zu haben. Etwas mehr als ein Drittel käme mit seinem Vorrat höchstens ein bis zwei Tage aus, rund 30 Prozent höchstens fünf Tage. Bei Lebensmitteln sieht es etwas besser aus: Rund 27 Prozent geben an, mindestens zehn Tage von ihren Vorräten leben zu können.
Dabei wissen die Menschen um drohende Notlagen: 81,2 Prozent der Befragten nennen mindestens eine der vier Gefahren Hitze, Wassermangel, Starkregen oder Hochwasser als Krise, die ihnen Sorgen bereitet.
Warnung bei Hochwasser und anderen Katastrophen: Wissen Menschen, was zu tun ist?
Vorräte anzulegen ist allerdings nur ein Teil der Vorbereitung. Menschen müssen auch wissen, wie sie sich bei einer drohenden Gefahr verhalten sollen und wo sie Hilfe erhalten.
Rund 84 Prozent der antwortenden Kreise und kreisfreien Städte geben an, die Bevölkerung im Krisenfall über Warn-Apps wie NINA oder Katwarn zu informieren. Etwa 76 Prozent nennen Lautsprecherdurchsagen, 83 Prozent die eigenen Online-Kanäle und Soziale Medien, 85 Prozent die Presse und knapp 79 Prozent den Rundfunk.
Doch eine Warnung alleine hilft wenig.
„Wenn eine Sirene läuft, weiß ich nicht unbedingt, was sie mir sagen soll“, sagt Klima- und Städtebauexpertin Bierwirth. Einen Probealarm könnten die Menschen erkennen, „aber einen Hochwasseralarm, einen ABC-Unfall oder Fliegeralarm kann kaum jemand voneinander unterscheiden“.
Deshalb reiche es nicht, Warnsysteme und Hochwassergefahrenkarten zu entwickeln. „Die Menschen müssen auch wissen, was eine Warnung konkret bedeutet und was sie dann tun sollen“, sagt Bierwirth.
Dass genau hier eine Lücke besteht, zeigt eine CORRECTIV-Umfrage unter Leserinnen und Lesern.
Krisenvorsorge: Viele wissen nicht, wo sie im Ernstfall Hilfe bekommen
Von 267 Personen, die diese Frage beantwortet haben, wissen 164 Befragte (61,4 Prozent) nach eigenen Angaben nicht, wo sie in ihrer Stadt oder ihrem Landkreis im Krisenfall Informationen oder Hilfe erhalten. 79 Personen wissen es nur teilweise. Gerade einmal jeder Zwölfte – 21 Personen – beantworten die Frage eindeutig mit Ja.
Entsprechend klar ist eine Forderung an Städte und Landkreise: Rund 90 Prozent vermissen Informationen darüber, was im Krisenfall vor Ort konkret zu tun ist.
Taschenlampe vorhanden – Telefonnummern fehlen
Wenn bei einem Stromausfall Handy und Internet nicht mehr funktionieren, werden unabhängige Informationswege wichtig. Was haben die knapp 270 befragten CORRECTIV-Leserinnen und -Leser für diesen Notfall zu Hause?
- Rund 87 Prozent: Taschenlampe und Batterien
- Rund 75 Prozent: eine Powerbank
- Rund 45 Prozent: ein batterie-, solar- oder kurbelbetriebenes Radio
- Nur 30 Prozent: wichtige Telefonnummern auf Papier griffbereit
Vorsorge heißt auch, aufeinander zu achten
Im Ernstfall rechnen Einsatzkräfte damit, nicht jedem und jeder sofort helfen zu können. Krisenvorsorge und Krisenbewältigung sind deshalb nicht allein Aufgaben von Staat und Verwaltung – auch die Bevölkerung muss ihren Teil dazu beitragen.
Expertin Bierwirth warnt davor, die Vorsorge nur als Frage der Vorräte zu verstehen. Gerade bei Klimakrisen könne Vorsorge auch bedeuten, Verantwortung in der Nachbarschaft zu übernehmen. Manche Städte organisieren laut Bierwirth sogenannte Trinkbuddies: Menschen schauen bei älteren Nachbarinnen und Nachbarn vorbei, um sie bei Hitze zum Trinken zu animieren.
„Wir müssen wieder stärker lernen, Verantwortung füreinander zu übernehmen und Sicherheit nicht allein als Aufgabe von Stadt, Politik und Verwaltung zu verstehen“, sagt Bierwirth.
Die nächste Krise kann jede Region treffen. Ob im Ernstfall Trinkwasser fließt, Hilfe kommt und Menschen rechtzeitig gewarnt werden, sollte keine Glückssache sein. Doch die CORRECTIV-Recherche zeigt: Wie gut Menschen geschützt sind, hängt auch vom Zufall ab – davon, wo sie wohnen.
Text und Recherche: Katarina Huth, Lilith Grull, Johannes Gille
Datenauswertung: Johannes Gille
Mitarbeit: Carolin Lewandowska, Marius Münstermann, Frida Thurm, Philipp Waak, Benjamin Werner
Redaktion: Justus von Daniels, Annika Joeres
Faktencheck: Stella Hesch, Rose Mintzer-Sweeney
llustration: Mohamed Anwar
Kommunikation: Anna-Maria Wagner, Nadine Winter