Profil

Caroline Schmüser

Faktencheckerin

Caroline Schmüser ist studentische Hilfskraft bei CORRECTIV.Faktencheck. Das Faktencheck-Handwerk lernte sie bei einem Praktikum in unserer Redaktion. Zuvor schrieb Caroline bereits mehrere Jahre im Lokaljournalismus, sonst studiert sie Ethnologie in Heidelberg.

E-Mail: caroline.schmueser.fm(at)correctiv.org

Bewertung: unbelegt

Sollte man bei einem Unfall die Autoscheiben mit Kopfstützen einschlagen?

Kopfstütze Auto welshandproud pixabay
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Kopfstütze Auto welshandproud pixabay
Werden Kopfstützen so entworfen, dass man mit ihnen bei einem Unfall Scheiben einschlagen kann? Autohersteller und der ADAC widersprechen. (Foto von welshandproud / pixabay)

von Caroline Schmüser

Eine Facebookseite schreibt, Kopfstützen in Autos seien extra so designt, dass man mit ihnen bei einem Unfall die Fahrzeugscheiben einschlagen könne. Stimmt das? CORRECTIV hat mit VW, BMW, Mercedes-Benz und dem ADAC über die Behauptung gesprochen.

Eine Facebookseite veröffentlichte am 6. September 2018 ein Bild mit einem Hinweis, der angeblich „Leben retten“ soll. „Stellt euch vor, Ihr habt einen Unfall und Ihr versinkt langsam im Wasser oder aber das Auto beginnt zu brennen“, beschreibt die Facebookseite ein mögliches Unfallszenario. Sollten sich in einer solchen Situation die Türen eines Autos nicht öffnen lassen, könne man mit den Kopfstützen des Autos die Scheiben zerbrechen – diese seien von Automobilherstellern extra zu diesem Zwecke entworfen.

Eine Facebookseite teilt ein Bild mit einem Hinweis, der Leben retten soll. (Screenshot von Correctiv)

Die österreichischen Faktenchecker von Mimikama zweifelten bereits am 6. September an der Behauptung, man könne mit einer Kopfstütze Autoscheiben einschlagen. Der Aufwand sei in einer Unfallsituation zu groß, in Autos mit Sport- und Schalensitzen würden sich Kopfstützen erst gar nicht herausziehen lassen.

CORRECTIV hat sich beim ADAC eine Expertenmeinung eingeholt und bei drei deutschen Autoherstellern angefragt.

Autohersteller widersprechen der Behauptung

„Wir empfehlen vielmehr sogenannte Nothämmer mit integrierten Gurtmessern, um sich selbst und Mitfahrende bei Bedarf damit zusätzlich auch aus verklemmten Gurten befreien zu können“, so der Pressesprecher von VW auf Nachfrage von CORRECTIV.

Zu VW gehören zum Beispiel auch die Marken Audi, Sead, Škoda und Porsche. Der im Facebook-Post beschriebene Einsatzzweck sei zwar möglich, wenn keine geeigneteren Werkzeuge zur Verfügung stehen – eine vergleichbare Griffigkeit und Ergonomie eines Nothammers würde die Kopfstütze aber nicht bieten. Autoinsassen könnten bei der Nutzung leichter abrutschen und die Verletzungsgefahr sei dadurch größer.

Daimler dementiert auf Nachfrage die Behauptung im Facebook-Post: „Bei der Entwicklung unserer Kopfstützen berücksichtigen wir die beschriebene Funktion nicht“, schreibt eine Pressesprecherin. Daimler produziert die Autos der Marke Mercedes-Benz.

Ein Pressesprecher der Firma BMW teilte CORRECTIV auf Anfrage ebenfalls mit, dass ein Design der Kopfstützen zum Zertrümmern von Autoscheiben „nicht Gegenstand der Entwicklung bei BMW“ sei.

Fensterheber lassen sich auch nach Wasserkontakt noch betätigen

Der ADAC hatte keine Erkenntnisse zu der Frage, ob Kopfstützen so entworfen werden, dass sie als Scheibenhammer dienen. Ein Experte schätzte für CORRECTIV aber ein, ob Kopfstützen ein sinnvolles Werkzeug im Falle eines Unfalls wären.

„Nicht nachvollziehbar ist die Einschätzung, dass man die Fenster nicht auf normalem Weg öffnen kann“, zitierte eine Sprecherin des ADAC einen von ihr befragten Experten. Die Fahrzeugelektrik gebe im Wasser nicht sofort den Geist auf, die Fensterheber würden sich noch eine Weile betätigen lassen. „Ehrlich gesagt, stelle ich es mir nicht leicht vor, die Kopfstütze unter Wasser rauszufummeln“, so der Experte – man müsse beidseitig eine Entriegelungstaste drücken.

In Euro NCAP Crashtests würde außerdem geprüft, wie leicht sich die Türen nach einem Unfall öffnen lassen. „Ich kenne keine Vorfälle an aktuellen Fahrzeugen, dass die Türen verklemmen und nicht mehr zu öffnen sind.“ Euro NCAP ist eine Gesellschaft europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel. Die Organisation führt Crashtests mit neuen Automobiltypen durch.

Bei vielen Unfällen würden Insassen verbrennen oder ertrinken, da sie beim Unfall schon schwer verletzt würden. Dadurch könnten sie sich bereits auf auf normalem Wege nicht mehr aus dem Auto befreien.

ADAC empfiehlt, Seitenfenster herunterzulassen oder Dachfenster zu öffnen

In einem Testbericht vom 4. Oktober 2018 schreibt der ADAC über das richtige Verhalten bei einem Wasserunfall. Die zentrale Verhaltensregel für Fahrzeuginsassen: „Verlassen Sie nach dem Aufprall im Wasser das Fahrzeug so schnell wie möglich durch die Seitenfenster oder auch durch das Schiebedach.“ Ein YouTube-Video des ADAC veranschaulicht das empfohlene Vorgehen.

Bei dem Aufprall des Autos auf das Wasser kann das Auto kurz unter die Wasseroberfläche sinken, taucht danach jedoch wieder auf. Diese Phase kann einige Minuten dauern. Erst dann dringt Wasser durch die Karosserie ein und das Auto beginnt unterzugehen.

Der ADAC empfiehlt gemeinsam mit Experten des schweizerischen Automobilclubs TCS: Zuerst sollten sich die Insassen abschnallen. Anschließend solle versucht werden, die Seitenfenster herunterlassen oder das Schiebedach öffnen. „Auch bei Wassereintritt funktionieren elektrisch betriebene Fensterheber und/oder Schiebedach in der Regel noch für einen kurzen Zeitraum“, schreibt der ADAC.

Gelingt das Öffnen der Fenster nicht, sollten die Autoinsassen probieren, die Seitenscheiben des Autos einzuschlagen. Der ADAC merkt jedoch an: „Ein Einschlagen der Seitenscheiben ist theoretisch nur bei Einscheibensicherheitsglas möglich. In der Praxis wird ein Einschlagen aber nur sehr schwer oder gar nicht gelingen.“ Seitenscheiben aus Verbundsicherheitsglas würden sich mit normalen Mitteln nicht einschlagen lassen.

Unsere Bewertung:
Fehlende Belege. Die Autohersteller VW, BMW und Mercedes-Benz berücksichtigen diese Funktion von Kopfstützen beim Design nicht. Der ADAC empfiehlt, bei einem Wassereintritt die Fensterscheiben oder das Dachfenster auf normalem Weg zu öffnen.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Medien bereiten Deutsche nicht auf Zuwanderung von 60 Millionen Geflüchteten vor

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Der britische Minister für internationale Entwicklung, Andrew Mitchell, spricht am 4. März 2011 mit Migranten in einem Transitlager nahe der tunesischen Grenze zu Libyen. Talking with migrants at a transit camp in Tunisia von DFID - UK Department for International Development unter Lizenz CC BY 2.0

von Caroline Schmüser

Der Blog Indexexpurgatorius schreibt, Medien würden die Deutschen auf 60 Millionen Flüchtlinge vorbereiten. Stimmt das? CORRECTIV hat recherchiert, woher die Zahl stammt – und welche Personengruppen sie beinhaltet.

Derzeit kursiert auf Facebook ein Beitrag des Blogs Indexexpurgatorius, mit dem Titel: „Medien bereiten Deutsche auf 60 Millionen ‘Flüchtlinge’ vor“. Der Beitrag wurde bereits am 20. Februar 2016 veröffentlicht – ist also über zwei Jahre alt.

Indexexpurgatorius behauptet, Medien würden die Deutschen darauf einstimmen, dass sich „Europa wegen 60 Millionen ‘Neu-Europäer’ verändern“ würde. Aufnehmen müsste diese 60 Millionen Menschen Deutschland, zumal alle anderen europäischen Staaten keine Flüchtlinge aufnehmen würden. Als Beispiel nennt Indexexpurgatorius einen Artikel des Focus vom 19. Februar 2016.

Zuvor hatten auch andere Medien über die Zahl von 60 Millionen Flüchtlingen berichtet: darunter Spiegel Online am 18. Juni 2015, die Süddeutsche Zeitung am 3. Januar 2016 und Merkur Online am 3. Februar 2016. Sie alle beziehen sich dabei auf Berichte der UN-Flüchtlingskommission (UNHCR).

Die Zeitungen schreiben jedoch nicht über eine Einwanderung von diesen 60 Millionen Menschen nach Deutschland. Alle betonen, es handle sich dabei um flüchtende Personen weltweit. Die Süddeutsche Zeitung schreibt außerdem: „In Europa mögen manche über die Zahl der Flüchtlinge stöhnen, tatsächlich bleiben 80 Prozent der Vertriebenen in den Grenzen ihrer Heimat oder ziehen allenfalls in ein Nachbarland.“

CORRECTIV hat zu den Zahlen recherchiert. Das Ergebnis: Ein Großteil der 60 Millionen flüchtenden Personen findet Zuflucht im eigenen Land.

Wer sind die 60 Millionen Personen, und wo finden sie Zuflucht?

Der Artikel des Focus, den Indexexpurgatorius als Quelle nennt, bezieht sich auf den UNHCR-Bericht zu Vertreibung im Jahr 2014. Demnach waren 2014 insgesamt 59,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht– darunter 19,5 Millionen Flüchtlinge und 1,8 Millionen Asylsuchende, also Personen, deren Flüchtlingsstatus noch nicht anerkannt oder abgelehnt wurde. Der Großteil der Personen – 38,2 Millionen – waren damals Binnenflüchtlinge, die im eigenen Land Zuflucht fanden.

Das Land, das zum Ende des Jahres 2014 die meisten Geflüchteten aufgenommen hatte, war die Türkei. Ihr folgten Pakistan, Libanon, Iran und Äthiopien. Unter den zehn Ländern, die die meisten Flüchtlinge aufnahmen, war kein europäischer Staat:

Eine Grafik im Jahresbericht 2014 der UNHCR zeigt die zehn Länder, die die meisten Geflüchteten aufnahmen. (Grafik von UNHCR, Screenshot von Correctiv)

Die Top Zehn der Aufnahmeländer für Flüchtlinge beherbergten zusammen 57 Prozent aller Flüchtlinge unter dem Mandat der UNHCR (davon ausgeschlossen sind Geflüchtete aus Palästina). Bis Ende 2014 waren 86 Prozent der Flüchtenden unter UNHCR-Mandat von Entwicklungsländern aufgenommen worden, da viele Entwicklungsländer direkte Grenzen mit Konfliktgebieten haben.

Wie entwickelte sich die Situation nach 2014?

Seit 2014 ist die Zahl der weltweit Flüchtenden jährlich gestiegen. Laut einer Pressemitteilung zum UNHCR-Bericht für das Jahr 2015 waren im diesem Jahr insgesamt 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht – davon 3,2 Millionen Asylsuchende und 21,3 Millionen Flüchtlinge. Die Binnenflüchtlinge machten wieder den Großteil dieser Personen aus: 40,8 Millionen Menschen waren im Jahr 2015 innerhalb ihres eigenen Heimatlandes auf der Flucht. Das waren 62,4 Prozent der Geflüchteten weltweit.

Noch immer fanden 86 Prozent der Flüchtlinge, die 2015 unter dem Mandat von UNHCR standen, in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen Schutz. „Die Bemühungen Europas bei der Aufnahme von rund einer Million Flüchtlinge und Migranten standen 2015 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der Bericht zeigt jedoch, dass sich die große Mehrheit der Flüchtlinge außerhalb Europas aufhält“, heißt es in dem Bericht. Zur Top Zehn der Aufnahmeländer zählte auch damals kein europäisches Land.

Das änderte sich im Jahr 2016: Deutschland war als einziges europäisches Land erstmals unter den zehn Ländern angesiedelt, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen. 2015 waren 65,5 Menschen weltweit auf der Flucht, davon 40,3 Millionen im eigenen Land.

Im Jahr 2016 war Deutschland erstmals als einziges europäisches Land unter den Top Ten der Aufnahmeländer. (Grafik von UNHCR, Screenshot von Correctiv)

2017 suchte noch immer mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge Zuflucht im eigenen Land

Im Jahr 2017 sahen sich 68,5 Millionen Menschen weltweit gezwungen zu fliehen, steht im betreffenden UNHCR-Bericht. Davon waren 40 Millionen Binnenflüchtlinge, 25,4 Millionen Flüchtlinge und 3,1 Millionen Asylbewerber.

Die Türkei nahm im Jahr 2017 – mit großem Abstand – die meisten Flüchtlinge auf. Unter den zehn Ländern, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen, ist Deutschland weiterhin das einzige europäische Land.

Das sind die zehn Länder, die im Jahr 2017 die meisten Flüchtlinge aufnahmen. (Grafik von UNHCR, Screenshot von Correctiv)

Entwicklungsregionen in Asien und Afrika beherbergten im Jahr 2017 über 85 Prozent der weltweit Flüchtenden unter dem Mandat der UNHCR, etwa 16,9 Millionen Menschen. Die am wenigsten entwickelten Länder stellten einem Drittel der Gesamtzahl von flüchtenden Personen unter UNHCR-Mandat Asyl aus – beispielsweise Uganda, Sudan, Äthiopien und Bangladesch.

Fazit:

Es lässt sich nicht voraussagen, wie viele Menschen nach Europa wollen und den Weg in Zukunft auf sich nehmen werden. Dennoch: Der Großteil der Flüchtlinge weltweit verlässt sein eigenes Land nicht, wie die Zahlen der UNHCR zeigen. Die meisten Flüchtenden finden Zuflucht in Entwicklungsregionen. Und die Zahlen zeigen auch: Dies hat sich zwischen 2014 und 2017 kaum geändert.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Deutsche Medien berichteten von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit. Der Großteil der flüchtenden Personen suchte im Jahr 2014 Schutz im eigenen Land, 86 Prozent der Flüchtlinge wurden in Entwicklungsländern aufgenommen.

Bewertung: völlig falsch

Nein, es sollen keine 50.000 türkischen Pflegekräfte nach Deutschland kommen

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50.000 türkische Pflegekräfte sollen nach Deutschland kommen, behauptet eine deutschsprachige Webseite. Das ist falsch. (Symbolbild, Foto von rawpixel / unsplash)

von Caroline Schmüser

Eine Webseite behauptet, durch ein deutsch-türkisches Anwerbeabkommen sollen 50.000 türkische Pflegekräfte nach Deutschland kommen. Unsere gemeinsame Recherche mit den türkischen Faktencheckern von Teyit.org hat ergeben: Ein solches Abkommen gibt es nicht – und ist auch nicht geplant.

Die deutschsprachige Webseite nex24 behauptet: Das türkische Gesundheits- und Bildungsministerium und das deutsche Gesundheitsministerium hätten ein Abkommen geschlossen, nach dem bis zu 50.000 türkische Pflegekräfte nach Deutschland kommen sollen. Die Seite veröffentlichte den Beitrag am 23. Oktober.

Bedingungen für türkische Anwerber seien angeblich ein Höchstalter von 36 Jahren, ein sogenannter „Lise“-Abschluss (vergleichbar mit dem deutschen Abitur) und Grundkenntnisse der deutschen Sprache. Die Ausbildung in Deutschland würde drei Jahre dauern und mit einem Lohn zwischen 800 und 950 Euro vergütet. Unterkunft und Verpflegung seien für die Auszubildenden während der Dauer der Ausbildung kostenfrei. Nach erfolgreichem Abschluss der Schulung würden die türkischen Teilnehmer eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Der Artikel erhält auch eine Stellungnahme des baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Lars Patrick Berg. „Die Anwerbung von 50.000 Pflegekräften – diese Zahl steht momentan im Raum –  aus der Türkei ist keine Lösung“, heißt er darin. Berg veröffentlichte die Stellungnahme auch auf seinem Facebook-Account – samt nex24-Artikel.

Gemeinsam mit unseren Kollegen der türkischen Faktencheck-Organisation Teyit.org haben wir herausgefunden: Ein solches Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland gibt es nicht.

Deutschen Ministerien ist Abkommen nicht bekannt

Zu Beginn unserer Recherche fragten wir per E-Mail beim deutschen Gesundheitsministerium, sowie beim türkischen Gesundheits- und Bildungsministerium an. Aus der Türkei erhielten wir bis Redaktionsschluss keine Rückmeldung, dafür antwortete das deutsche Gesundheitsministerium. Ein solches Abkommen sei dort nicht bekannt, teilte die Pressestelle mit:

(Screenshot von Correctiv)

Wir wurden stattdessen an das Auswärtige Amt verwiesen. Die dortige Pressestelle konnte ein solches Abkommen ebenfalls nicht bestätigen.

(Screenshot von Correctiv)

Schließlich setzten wir uns mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) in Verbindung. Die Antwort: „Auch dem BMAS ist kein solches Anwerbeabkommen und auch keine entsprechende Vorbereitung bekannt.“

(Screenshot von Correctiv)

Türkische Medien hingegen berichteten über das angebliche Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland. Darunter die Tageszeitung Hürriyet, der Fernsehsender TGRT Haber und die Nachrichtenagentur IHA. Nex24 erwähnte letztere als Quelle.

Berufsschule widerspricht Medienberichten

Die Medienberichte erwähnen die Berufsschule „Sis“ in der türkischen Großstadt Adana und zitieren den Schulleiter Ruhşi Gül. An seiner Schule seien die Vorbereitungskurse für das angebliche Projekt geplant.

Die Berufsschule widersprach in einem Statement vom 23. Oktober den Behauptungen der Medien: „Der Direktor unserer Schule sprach mit lokalen Zeitungen über Pflegeberufe in Deutschland.“ Ein konkretes Projekt zu diesem Thema hätte die Schule jedoch nicht.

Statement der Berufsschule zu Meldungen über angebliches Anwerbeabkommen. (Screenshot von Correctiv)

Die Schule habe weder die Befugnis, Menschen nach Deutschland zu schicken, noch würde sie Deutschkurse zu diesem Zweck anbieten. In der Schule habe es nur einen Vortrag zu dem Thema gegeben – dazu später mehr.

Wir suchten daraufhin den Kontakt zu unsere Kollegen der türkischen Faktencheck-Organisation Teyit.org. Diese konnte den Schulleiter Ruhşi Gül telefonisch erreichen. Gül erzählte, wie es zu den Berichten über das angebliche Anwerbeabkommen kam, und weshalb es an der Schule einen Vortrag zum Thema Pflegeberufe in Deutschland gab.

Abmachung zwischen dem türkischen Familienministerium und deutscher Akademie

Die Geschichte beginnt bereits im Jahr 2015: Damals unterzeichneten das türkische Ministerium für Familien- und Sozialpolitik und das Bildungszentrum „Deutsche Eliteakademie AG“ ein Protokoll zur Verbesserung der Altenpflegedienste in der Türkei.

Wir kontaktierten den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der „Deutschen Eliteakademie“, Rüdiger Schilke. Dieser erklärte, man habe damals türkische Pflegeeinrichtungen mit ähnlichen Einrichtungen in Deutschland vergleichen wollen. „Ziel sollte sein, die Heime auf denselben Qualitätslevel wie deutsche Einrichtungen zu bringen.“

Die Intentionen seien nach mehreren Personalwechseln im türkischen Ministerium nicht umgesetzt worden, so Schilke. „Eine verbindliche Vereinbarung war nicht getroffen worden.“ Deutsche Ministerien seien an der Angelegenheit nicht beteiligt gewesen. Die „Deutsche Eliteakademie“ hat ihren Betrieb mittlerweile eingestellt.

Nach dem Treffen des türkischen Familienministeriums und der „Deutschen Eliteakademie AG“ begannen einige Beratungsbüros in der Türkei, Pflegeausbildungen im Ausland anzubieten. Das erfuhren unsere Kollegen von Teyit im Gespräch mit dem Berufsschulleiter Ruhşi Gül. Zu diesen Büros gehört auch eine Bildungsberatung mit dem Namen „Beymel“. „Beymel“ hilft türkischen Schülern und Auszubildenden, Praktika oder Ausbildungsplätze im Ausland, beispielsweise in deutschen Krankenhäusern, zu finden. Das Programm ist kostenpflichtig.

Das steckt hinter der Falschmeldung

„Beymel“ war es auch, die den Vortrag an der Berufsschule „Sis“ hielt – es handelte sich dabei um eine Werbeveranstaltung der Beratungsfirma. Der Vortrag fand am 19. Oktober 2018 statt. Von der Veranstaltung gibt es auch ein kurzes YouTube-Video.

„Wir hätten mindestens 20 Studenten für das Programm finden müssen. Die Medien schrieben aber 50.000. Das war ein Fehler“, sagte Gül gegenüber den Kollegen von Teyit.org. „Es war wie eine Krise für uns, als ich am Montagmorgen in die Schule kam. Viele Menschen riefen bei uns an, um die Wahrheit hinter den Meldungen zu erfahren.“

Die Beratungsfirma macht auf ihrer Webseite ebenfalls auf den Fehler der Presse aufmerksam. Beim Aufruf der Webseite öffnet sich folgendes Pop-up:

Die Webseite der Beratungsfirma „Beymel“. In einem Pop-up widerspricht „Beymel“ den Behauptungen der Medien. (Screenshot von Correctiv)

Darauf heißt es: „Derzeit verbreitet sich in den sozialen Medien die Behauptung, Deutschland wolle 50.000 Arbeiter anwerben. Von solch einem Sachverhalt wissen wir nichts.“

Zwei politische Treffen sorgten möglicherweise für Verwirrung

Zwei politische Ereignisse im ähnlichen Zeitraum der Schulveranstaltung könnten für Verwirrung in Medienredaktionen gesorgt haben: der Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Peter Altmaier in der Türkei und das Treffen einer deutsch-türkischen Regierungskommission in Berlin.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier reiste am 25. Oktober für einen zweitägigen Besuch in die Türkei. Ziel war die Vertiefung der Zusammenarbeit in Wirtschafts- und Energiefragen, insbesondere in den Bereichen Handel, industrielle Kooperation, Tourismus und Infrastruktur.

Vom 15. bis 17. Oktober fand die 21. Tagung der sogenannten „Gemischten deutsch-türkischen Expertenkommission“ für den Unterricht türkischer Schülerinnen und Schüler in der Bundesrepublik Deutschland in Berlin statt. Leiter der deutschen Delegation war Bildungsstaatssekretär Mark Rackles. Die Kommission beschäftigte sich mit Fragen der Beschulung und Förderung von in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund, schrieb die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf Facebook.

Beide Treffen hatten inhaltlich nichts mit einem angeblichen Anwerbeabkommen zu tun.

Unsere Bewertung:
Das ist völlig falsch. Ein Abkommen, laut dem 50.000 türkische Pflegekräfte nach Deutschland kommen sollen, gibt es nicht.

Bewertung: teilweise falsch

Diese Bilder stammen nicht von den Gelbwesten-Protesten in Frankreich

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Die Bereitschaftspolizei konfrontiert Demonstranten der Gelbwesten-Bewegung am 24. November 2018 in der Nähe des Arc de Triomphe auf den Champs Elysees in Paris. Die Proteste richten sich gegen steigende Ölpreise und Lebenshaltungskosten. (Photo by Bertrand GUAY / AFP)

von Caroline Schmüser

Auf sozialen Netzwerken kursieren derzeit Bilder, die verletzte Demonstranten der Gelbwesten-Proteste in Frankreich zeigen sollen. Nicht alle Fotos wurden in Frankreich aufgenommen.

Die Facebookseite Döbeln wehrt sich veröffentlichte am 25. November einen Screenshot,  scheinbar von einem anderen Facebook-Post. Darauf zu sehen sind mehrere Fotoaufnahmen mit blutenden Personen und Szenen von Protesten. SO geht Macron mit friedlichen Demonstranten um!, kommentiert Döbeln wehrt sich die Fotos.

Laut der Facebookseite Döbeln wehrt sich stammen diese Fotos angeblich von den Gelbwesten-Protesten in Frankreich. (Screenshot von Correctiv)

Döbeln wehrt sich suggeriert, die Bilder seien während der Proteste der französischen „Gelbwesten“-Bewegung entstanden. Die Bewegung ist nach den gelben Auto-Warnwesten benannt. Sie richtete sich ursprünglich gegen zu hohe Spritpreise, inzwischen ist Präsident Emmanuel Macron persönlich ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Eine einheitliche politische Richtung verfolgt die Bewegung nicht.

Am Samstag den 17. November – dem Höhepunkt der Proteste –  hatten landesweit über 280.000 Menschen demonstriert. Das berichtete das französische Innenministerium. Am darauffolgenden Samstag sanken Medienberichten zufolge die Teilnehmerzahlen: demnach gingen an diesem Tag 106.000 Personen in ganz Frankreich auf die Straße.

Nicht alle Bilder auf dem Screenshot von Döbeln wehrt sich wurden in Frankreich aufgenommen. Wir haben den Ursprung der Fotografien recherchiert.

Foto von junger Frau mit blutüberströmten Gesicht in Madrid aufgenommen

Eines der Bilder zeigt eine Frau mit blutüberströmten Gesicht, neben ihr augenscheinlich ein Polizist mit Helm. Das Foto stammt nicht von den Protesten in Frankreich. Über die Google-Bildersuche konnten wir den Ursprung des Fotos nachvollziehen.

Die Aufnahme stammt von dem in Madrid lebenden Fotografen Denis Doyle. Auf seiner Webseite kann man nicht nur das Foto finden, sondern auch über dessen Hintergrund erfahren: Es zeigt eine von der spanischen Polizei festgenommene Frau während der Bergarbeiter-Proteste in Madrid am 11. Juli 2012.

Das Bild wurde vom Fotografen Denis Doyle aufgenommen. Es zeigt die Festnahme eine Demonstrantin in Madrid. (Screenshot von Correctiv)

Auch in der Datenbank der Bildagentur Getty Images ist das Foto auffindbar.

Herkunft des Fotos von älterer Frau liegt in Spanien

Auf einem weiteren Bild ist eine ältere Frau zu sehen. Sie hat ebenfalls ein blutendes Gesicht. Das Foto wurde nicht in Frankreich aufgenommen, sondern in Spanien.

Laut der Rückwärts-Suchmaschine Tineye.com tauchte die Aufnahme erstmals am 1. Oktober 2017 auf Twitter auf. Ein Nutzer veröffentlichte das Bild und schrieb: Shame on you Spain! We won’t forget #CatalanReferendum.

Das Bild soll laut einem Twitternutzer während den Auseinandersetzung um das Katalanische Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 aufgenommen worden sein. (Screenshot von Correctiv)

An diesem Datum hatte die Lokalregierung Kataloniens ein umstrittenes Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens abgehalten. Die spanische Regierung versuchte das Referendum durch mitunter gewaltsamen Einsatz der spanischen Polizei zu verhindern. Auf Twitter diskutieren Nutzer über die Echtheit des Bildes.

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Zwei Bilder zeigen Szene von Gelbwesten-Protesten

Ein anderes Bild zeigt einen Mann, der von Polizisten über den Boden gezogen wird. Er trägt eine gelbe Warnweste. Hierbei handelt es sich tatsächlich um eine Szene der Gelbwesten-Proteste in Frankreich.

Über die Google-Bildersuche landeten wir auf der Webseite der englischen Tageszeitung The Mercury News, die das Bild in einem Artikel über die Proteste in Frankreich verwendete. Als Urheber nennt die Zeitung den Fotografen Fred Tanneau.

Das Bild konnten wir ebenfalls in der Datenbank von Getty Images finden, so wie weitere Aufnahmen des Fotografen von den Protesten in Frankreich. Demonstranten werden am 17. November 2018 in Quimper, Westfrankreich, während eines landesweit initiierten Protests gegen hohe Spritpreise mit dem Namen ‘gelbe Westen’ evakuiert, heißt es in der offiziellen Beschreibung des Bildes.

Auf der Webseite der Bildagentur Getty Images konnten wir die Bilder von Fred Tanneau finden. (Screenshot von Correctiv)

Auch ein anderes Foto von Fred Tanneau ist auf dem Screenshot der Facebookseite Döbeln wehrt sich zu sehen. Darauf sieht man eine Person, die von Polizisten weggetragen wird. Es wurde ebenfalls am 17. November in Quimper aufgenommen.

Wer Bilder erstmals gebündelt teilte, bleibt unklar

Den Ursprung des verbleibenden Bildes – darauf zu sehen ist ein junger Mann mit schwarzer Kapuze und blutigem Gesicht – konnten wir nicht herausfinden.

Welcher Facebook-Account die Bilder erstmals gebündelt teilte, bleibt ebenfalls unklar.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Zwei der Bilder haben ihren Ursprung in Spanien, die Herkunft eines anderen Bildes bleibt unklar. Zwei weitere Bilder wurden tatsächlich während der Gelbwesten-Proteste in Frankreich aufgenommen.

Bewertung: teilweise falsch

UNHCR-Geldkarten bezahlen weder Flucht durch Europa, noch sind sie finanziert von George Soros

GREECE-ECONOMY-EU
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GREECE-ECONOMY-EU
Ein Mann hebt am 19. Juli 2016 an einem Geldautomaten in Athen Bargeld ab. (Symbolbild, Photo by Kostis Ntantamis / AFP)

von Caroline Schmüser

Die Flüchtlingskommission (UNHCR) verteile EC-Karten von Mastercard an Flüchtende, damit diese auf ihrem Weg durch Europa finanziell abgesichert sind – das behaupten verschiedene deutschsprachige Webseiten. Die Finanzierung käme vom Milliardär George Soros. Das ist beides falsch.

Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) soll in Kooperation mit der Aktiengesellschaft Mastercard Prepaid-Debitkarten an Flüchtende verteilen. Das berichten Anfang November mehrere deutschsprachige Webseiten, darunter EpochTimes, PI News und der Blog Schlüsselkind. Die UNHCR wolle mit den Geldkarten sicherstellen, dass Flüchtende auf ihrem Weg durch Europa finanziell abgesichert sind.

Um die Karte nutzen zu können, seien keine Ausweisdokumente nötig. Anstelle des Namens des Karteninhabers seien die Bezeichnung „UNHCR“ und eine Nummer auf die Karte gedruckt. EpochTimes zieht dieses Bild aus Beispiel heran:

Das Bild stammt ursprünglich von der Webseite der UNHCR Griechenland. EpochTimes verwendete das Bild. (Screenshot von Correctiv)

Die deutschen Webseiten beziehen sich auf die slowenische Nachrichtenseite Nova24tv. Das rechtspopulistische Medium hatte am 30. Oktober 2018 erstmals über ein solches Verfahren berichtet. Anlass war ein Tweet des slowenischen TV-Redakteurs Ninoslav Vucetic.

„Beweis dafür, dass die EU die europäische Kultur zerstört?“, fragt der slowenische TV-Redakteur Ninoslav Vucetic auf Twitter. (Screenshot von Correctiv)

Die deutschsprachigen Webseiten stellen außerdem die Frage in den Raum, ob der US-amerikanische Investor und Multimillionär George Soros in das Projekt der UNHCR investiere. Grund für die Annahme: Mastercard hatte im Januar 2017 ein gemeinsames Projekt mit George Soros angekündigt.

Die Fotos, die zuerst die slowenische Nachrichtenseite Nova24tv und später auch deutschsprachige Medien verbreiteten, stammen von der Webseite der UNHCR Griechenland.

In Griechenland werden solche Prepaid-Karten tatsächlich zur Verfügung gestellt, ebenso wie in Botswana, Sudan, Mexiko, Türkei, Libanon und Syrien. Das erfuhren wir vom Pressesprecher der UNHCR Griechenland, Leo Dobbs, sowie dem UNHCR-Sprecher der Regionen Asien und Europa, Charlie Yuxley. Unsere Recherchen zeigen aber auch: Einige der von den deutschen Webseiten verbreiteten Informationen sind falsch.

Welche Personengruppen können die Geldkarten erhalten?

Dobbs von der UNHCR Griechenland teilte uns per E-Mail mit, dass die Prepaid-Karten ausschließlich für Flüchtlinge und Asylbewerber ausgestellt würden. Die Karten werden monatlich mit einem bestimmten Geldbetrag aufgeladen – dazu später mehr.

Welche Personengruppen die Geldkarten erhalten können, sei streng geregelt: Ausschließlich registrierte Asylbewerber, deren Antrag noch anhängig ist, sowie Drittstaatsangehörige mit polizeilichen Führungszeugnissen, die sich legal in Griechenland aufhalten, sind dazu berechtigt. Voraussetzung sei auch ein Mindestalter von 18 Jahren und Erwerbslosigkeit.

Warum die UNHCR Flüchtlingen diese Form der Bargeldhilfe bereitstellt, erklärt ein YouTube-Video der UNHCR Griechenland. So sollen Flüchtlinge unter anderem die Chance bekommen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, mit Einheimischen in Kontakt kommen, und zur lokalen Wirtschaft beitragen.

Wo können die Geldkarten benutzt werden?

Verwenden könne man die Karten bloß in dem Land, in dem sie ausgestellt wurden. „In einigen Fällen, beispielsweise in Mexiko, können sie nur bei bestimmten Banken verwendet werden“, erklärte Yaxley, Sprecher der UNHCR für Asien und Europa. „Die an Flüchtlinge und Asylbewerber in Griechenland ausgestellten Karten können also nur in Griechenland verwendet werden“, bestätigte auch Dobbs von der UNHCR Griechenland.

Die Behauptung, Flüchtende könnten sich mit den Karten ihren „Weg durch Europa“ finanzieren, ist somit falsch.

Welcher Betrag befindet sich auf den Geldkarten?

Der Betrag, den ein Haushalt erhält, sei dabei abhängig von der Familiengröße. In Griechenland liege der Betrag beispielsweise zwischen 90 Euro und 150 Euro für eine Einzelperson pro Monat. Eine Familie von sieben oder mehr Personen könne bei Selbstversorgung bis zu 550 Euro erhalten. Die Barleistung soll den Grundbedarf an beispielsweise Kleidung, Transport und Schulbedarf decken, teilte uns Dobbs von der UNHCR Griechenland mit.

Das zeigt auch diese Grafik aus einer Studie der UNHCR Griechenland:

Diese Tabelle der UNHCR Griechenland zeigt, welcher Geldbetrag einer bestimmten Anzahl von Personen zusteht. (Grafik von der UNHCR Griechenland, Screenshot von Correctiv)

Im Rahmen des vom UNHCR durchgeführten Programms in Griechenland haben seit April 2017 mehr als 80.000 Berechtigte mindestens einmal Geld erhalten. Im September 2018 erhielten fast 55.000 Flüchtlinge oder Asylbewerber eine Bargeldhilfe.

Weltweit wurden bis September mehr als zwei Millionen Menschen mit Bargeld unterstützt, so Yuxley. In Form von Kartenzahlungen, mobiler Konten und direkter Bargeldhilfe.

Sind die Geldkarten personalisiert?

Auf den Fotos auf der Webseite der UNHCR scheint es, als seien die Prepaid-Karten nicht personalisiert – dem ist wirklich so. „Die Karten sind in der Tat nicht personalisiert. Sie sind durch eine eindeutige Kennung mit unserer Datenbank verbunden, zeigen aber keine persönlichen Daten“, teilte uns Dobbs von der UNHCR Griechenland mit.

Die UNHCR und ihre Partner würden jedoch monatliche Zertifizierungsprüfungen durchführen, um festzustellen, ob sich Personen an derselben Adresse aufhalten oder das Land verlassen haben. In solchen Fällen würden die Karteninhaber von der Liste der Begünstigten gestrichen, die Geldzahlungen sofort eingestellt und die Karte gesperrt.

Finanziert George Soros das Projekt?

Eine Verbindung des US-Amerikaners George Soros zum Projekt der UNHCR gebe es nicht. „Herr Soros und seine Organisationen sind in keiner Weise an dem von der UNHCR in Griechenland durchgeführten Hilfsprogramm beteiligt“, so Dobbs. In Griechenland würden die Karten im Rahmen des ESTIA-Programms (Emergency Support To Integration & Accommodation) bereitgestellt. Die Finanzierung kommt von der Europäischen Kommission.

In anderen Ländern werden die Programme aus Mitteln der UNHCR finanziert. Weder George Soros noch mit ihm verbundene Organisationen würden die UNHCR Mastercards unterstützen, erklärte Yuxley.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Karten können nur im Land der Ausstellung benutzt werden. Finanziert wird das Programm aus Mitteln der EU und der UNHCR. Die Karten sind nicht personalisiert, werden aber monatlich zertifiziert.

Bewertung: völlig falsch

Nein, Grüne wollen Nikolaus nicht in „Zipfelmützenmann“ umbenennen

weihnachtsmänner congerdesign pixabay
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Die Grünen wollen Nikolaus-Produkte nicht umbenennen. (Symbolbild, Foto von Congerdesign / pixabay)

von Caroline Schmüser

Wollen die Grünen den Nikolaus in „Zipfelmützenmann” umbenennen? Dieses Gerücht verbreitet sich schon seit mehreren Jahren auf Facebook. Die österreichischen Faktenchecker Mimikama widerlegten es bereits im November 2015.

Angeblich aus „Respekt vor der islamischen Kultur“ würden die Grünen den Namen des Nikolauses ändern wollen. Das steht auf einem Boykott-Aufruf, den eine Facebooknutzerin am 12. November 2018 teilte. Der Appell: Als „stolzer Deutscher“ sollte man als Zipelmützenmänner deklarierte Nikolaus-Produkte nicht kaufen. Das Bild wurde mehr als 500 Mal geteilt.

Dieser Boykottaufruf zirkuliert seit Jahren in sozialen Netzwerken. (Screenshot von Correctiv)

Dieser Boykott-Aufruf kursiert immer wieder auf Facebook. Bereits im November 2015 widerlegten die österreichischen Faktenchecker Mimikama die Behauptungen auf dem Bild.

Grüne wollen Nikolaus nicht „Zipfelmützenmann” nennen

Auf Anfrage von Correctiv, ob eine solche Forderung jemals von den Grünen gestellt wurde, antwortete ein Pressesprecher der Partei: „Nein, diese Forderung stammt nicht von uns, wenn sie denn überhaupt jemals erhoben wurde.“

Mimikama führt das Gerücht auf eine Diskussion um ein Produkt der Supermarktkette Penny zurück. Penny verkauft seit einigen Jahren Schoko-Hohlfiguren mit der Bezeichnung „Zipfelmännchen“ – und erntete deshalb Kritik in den sozialen Netzwerken.

„Penny setzt auf Islamisierung”, schreibt eine Twitternutzerin im Oktober 2015. (Screenshot von Correctiv)

Supermarktkette Penny äußert sich zu Kritik an Schoko-Zipfelmännchen

In einem am 12. Oktober 2015 auf Facebook veröffentlichten Statement äußerte sich Penny zu den Vorwürfen:

In einem Statement auf Facebook gab die Supermarktkette bekannt, dass die Zipfelmänner keinen Ersatz für den Schoko-Nikolaus darstellen würden. (Screenshot von Correctiv)

Das Zipfelmännchen würde nicht die Schoko-Weihnachtsmänner ersetzen, sondern sei zusätzlich in das Sortiment aufgenommen worden: „Das Zipfelmännchen ist eine Schokohohlfigur ohne jede politische und/oder religiöse Aussage.“

Unsere Bewertung:
Das ist völlig falsch. Eine solche Forderung haben die Grünen niemals ausgesprochen.

Bewertung: größtenteils falsch

Rechter Influencer verbreitet falsche Informationen über Mordfall in Frankreich

Baptiste Henryk Stoeckl 3
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Baptiste Henryk Stoeckl 3
In Gedenken an ihren Sohn organsierten die Eltern des Opfers einen „Marche blanche". (Foto von Corinne Franquet, Screenshot von Correctiv)

von Caroline Schmüser

Der rechte Influencer Henryk Stöckl behauptet auf Facebook, die französische Polizei und Medien würden einen Mordfall verschweigen. Der Täter sei zwei Monate nach der Tat noch immer auf freiem Fuß. Beides ist falsch.

„Flüchtling sticht 23-mal auf 19-Jährigen ein und tötet ihn, weil er zu laut war”, schrieb der rechte Influencer Henryk Stöckl am 17. November auf seiner Facebookseite. Die Tat habe sich in Frankreich ereignet. Polizei und Medien hätten den Vorfall mehr als zwei Monate lang verschwiegen, der Täter sei noch immer auf freiem Fuß.

Die Eltern des Opfers hätten sich nun in einer TV-Sendung an die Öffentlichkeit gewandt, um die Flüchtlingspolitik der Regierung zu kritisieren.

Influencer Henryk Stöckl behauptet via Facebook, die französische Polizei habe einen Mordfall vertuscht. Der Täter sei immer noch auf freiem Fuß. Beides ist falsch. (Screenshot von Correctiv)

Als Quelle für diese Behauptungen nennt Stöckl einen Bericht der französischen Regionalzeitung La Voix du Nord vom 25. September 2018. Darin berichtet die Regionalzeitung über die Beerdigung des 19-Jährigen Baptiste, der am 15. September in der Stadt Lomme im Norden Frankreichs von einem Nachbarn erstochen wurde.

Französische Medien berichteten über den Vorfall

Die Tat ist tatsächlich passiert: Es hatte einen Streit über eine nächtliche Ruhestörung am Vortag gegeben. Das Opfer hatte mit dem Lärm nichts zu tun, der junge Mann war im Gebäude nur zu Besuch. Dies teilte uns die Staatsanwaltschaft Lille per E-Mail mit. Staatsanwaltschaft und Polizei wollten auf Anfrage von Correctiv keine Informationen zur Person des Tatverdächtigen geben. Die Zeitung La Voix du Nord hatte aber in einem Artikel vom 17. September bereits berichtet, bei dem Tatverdächtigen würde es sich „nach ersten Angaben” um einen Asylbewerber handeln.

Der Bericht zeigt bereits, dass Stöckls Behauptungen falsch sind: Bereits am Tattag hatte La Voix du Nord berichtet. Auch andere französische Medien wie die Nachrichtenagentur AFP, die Pariser Zeitung Le Parisien oder das öffentlich-rechtliche Radionetzwerk France Bleu berichteten bereits wenige Tage nach der Tat. Die Medien verschwiegen den Vorfall also nicht.

Das ist die erste von Stöckls Behauptungen, die falsch ist. Und es ist nicht die einzige.

Tatverdächtiger wegen Mordes angeklagt

Stöckl behauptet, dass die Polizei  – zwei Monate nach der Tat – noch immer keine Ermittlungen aufgenommen habe. Der Täter sei also auf freiem Fuß. Das widerspricht französischen Medienberichten. Die Regionalzeitung La Voix du Nord beispielsweise berichtete über eine Festnahme des Tatverdächtigen. Stöckl nennt die Zeitung zwar als Quelle, hat den Text aber anscheinend nicht gelesen.

Wir fragten die zuständige Staatsanwaltschaft in Lille nach dem Fall. Ihnen zufolge sei ein Tatverdächtiger am gleichen Tag festgenommen worden. Am 17. September klagte ihn ein Ermittlungsrichter wegen Mordes an. „Der Richter überwies ihn in Untersuchungshaft.”

Diese Informationen konnten wir auch dem TV-Bericht entnehmen, auf den Stöckl hinwies. Die Eltern des Opfers waren am 15. November in der Fernsehshow Crimes et Faits Divers des Senders NRJ12 aufgetreten. Eine Vollversion der Sendung ist auf der Webseite des TV-Senders abrufbar.

Auf die Frage des Moderators, ob der Tatverdächtige sich in Haft befinden würde, antwortete der Vater des Getöteten: „Ja, er wurde sofort in Untersuchungshaft genommen. Er hat die Tat gestanden. Soweit ich gehört habe, war er Student in Lille, Informatiker, dieser junge Mann.”

Vater des Opfers fühlt sich von Regierung im Stich gelassen

Auch auf die Frage der Herkunft des Tatverdächtigen gibt das Interview mit den Eltern Antwort. Der Vater von Baptiste sagte in der Sendung: „Der Mörder meines Sohnes verließ sein Land, weil es einen Krieg gab, und er kam zu uns, um Frieden zu finden. Und leider hat er meinen Sohn getötet.”

Er sei wütend, da der Staat seinen Sohn hätte beschützen können. „Sie [Staat und Regierung] haben nichts getan. Nichts. Nicht einmal Nachrichten geschickt. Nicht einmal ein Wort, nicht einmal eine Geste.” Diese Szene konnten wir auch auf YouTube finden.

Unsere Bewertung:
Das ist größtenteils falsch. Medien und Polizei haben die Tat nicht verschwiegen. Der Tatverdächtige befand sich bereits zwei Tage nach dem Vorfall in U-Haft.

Bewertung: völlig falsch

Facebooknutzer verbreitet falsches Zitat von SPD-Politikerin Claudia Moll

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Der deutsche Bundestag während einer Haushaltssitzung am 11. September 2018 in Berlin. (Symbolbild, John MACDOUGALL / AFP)

von Caroline Schmüser

„Freiburg ist sicher”, soll die SPD-Bundestagsabgeordnete Claudia Moll angeblich gesagt haben. Stimmt das?

 „Freiburger ist sicher ich könnte da nackt durchlaufen und es passiert nix“, heißt es auf einer Fotomontage, die ein Facebooknutzer am 11. November auf dem sozialen Netzwerk veröffentlichte. Im Hintergrund ist ein Foto der SPD-Bundestagsabgeordneten Claudia Moll zu sehen. Von ihr soll das Zitat angeblich stammen. Der Beitrag wurde mehr als dreitausend Mal geteilt.

Diese Fotomontage verbreitet sich derzeit auf Facebook. (Screenshot von Correctiv)

Stimmt das Zitat? Wir haben recherchiert.

Bundestag diskutierte über den Globalen Migrationspakt

Das Foto zeigt Moll während einer Sitzung im Bundestag am 8. November 2018. Die Sitzung ist in einem YouTube-Video von Phoenix dokumentiert. Moll ist ab Minute 1:02:46 zu sehen.

Die Bundestagsfraktionen diskutierten an diesem Tag unter anderem über den Globalen Migrationspakt (GMP), über den die Vereinten Nationen Anfang Dezember in Marokko abstimmen wollen. Der Migrationspakt soll eine engere Zusammenarbeit der Staaten und globale Standards im Umgang mit Migranten ermöglichen.

Während Union, SPD, FDP, Linke und Grüne die Unterzeichnung des Paktes durch die deutsche Bundesregierung unterstützen, lehnt die AfD einen Beitritt ab. Ein entsprechender Antrag der AfD sorgte im Bundestag für hitzige Diskussionen.

SPD-Politikerin Moll appellierte an die AfD

Nach einer Rede des AfD-Abgeordneten Martin Hebner wandte sich Moll in einer kurzen Rede an die AfD-Fraktion. Dieser Szene entstammt das Foto in der Bildmontage des Facebooknutzers.

Sie appellierte: „Es ist nicht wichtig, was man besitzt oder woher man kommt, sondern nur, was einen als Menschen ausmacht.“ Sie schäme sich fremd, dass der Bundestag den „Lügenantrag“ der AfD besprechen müsse. Freiburg erwähnte Moll in ihrer Rede nicht.

Auf Anfrage von Correctiv, ob sie die Aussage so im Bundestag oder anderswo getroffen hat, schreibt die SPD-Politikerin: „Selbstverständlich habe ich diesen Satz nicht gesagt.“

Unsere Bewertung:
Das ist völlig falsch. Das angebliche Zitat der SPD-Politikerin ist frei erfunden.