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Jacques Pezet

Faktenchecker

Als in Deutschland lebender Franzose-Honduraner weiß Jacques Pezet, wie schwer sich viele mit korrekten Zuordnungen tun. Seit 2015 prüft er politische Aussagen und enttarnt Online-Falschmeldungen, zunächst als Mitglied des Fact Checking-Teams der französischen Zeitun Libération, seit April 2017 bei CORRECTIV.Faktencheck. Nach Berlin ist Pezet direkt nach seinem Master im deutsch-französischen Journalismus an der Universität Sorbonne-Nouvelle in Paris umgezogen. Sein Motto ist: „Glaub nicht alles, was du im Internet liest!“

E-Mail: jacques.pezet(at)correctiv.org

Bewertung: größtenteils falsch

Irreführender Artikel über angeblichen Wahlbetrug in Schweden

SWEDEN-POLITICS-VOTE
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SWEDEN-POLITICS-VOTE
Wahlhelfer zählen Wahlzettel in einem Stockholmer Wahllokal aus, 13. September 2018 (von Jonathan NACKSTRAND / AFP)

von Jacques Pezet

Vor der Landtagswahl in Bayern teilten viele Twitter-Nutzer einen Artikel über angeblichen Wahlbetrug in Schweden. Der Bericht vermischt verschiedene Aspekte, ohne die aufgestellten Behauptungen zu belegen.

Am 8. Oktober 2018 veröffentlichte die ausländerfeindliche Webseite Anonymousnews.ru den Artikel „Massiver Wahlbetrug in Schweden – Sozialdemokraten zahlten 770.000 € für Migrantenstimmen“. Es geht um die Parlamentswahlen in Schweden vom vergangenen Monat. In dem Artikel wirft Anonymousnews.ru der sozialdemokratischen Regierung vor, sie habe viel Geld für „Migrantenstimmen“ ausgegeben – damit Ausländer für seine Partei (und nicht für die rechten Schweden-Demokraten) stimmen. 

Den Titel kann man als irreführend bewerten. Er erwähnt einen sogenannten „massiven Wahlbetrug“, der aber nichts mit den 770 000 Euro zu tun hat.

763 000 Euro für Projekte, um junge oder arbeitslose Menschen aus ärmeren Vierteln zur Wahl zu motivieren

Als Beweis für die „770 000 Euro für Migrantenstimmen“ zitiert Anonymousnews.ru einen Artikel der schwedischen öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalt Sverigesradio. Am 11. März 2018  schrieb Sverigesradio: „Die staatliche Agentur für Jugend und Zivilgesellschaft (MCUF) wird insgesamt acht Millionen Kronen an eine Reihe von Organisationen zahlen, damit mehr Menschen an der diesjährigen Wahl teilnehmen.“

In der Überschrift fasste der öffentliche Rundfunk zusammen: „Jetzt wird das Wählen bei den im Ausland geborenen Menschen zunehmen“. Sverigesradio erklärt, dass mit den acht Millionen Kronen (ungefähr 763 000 Euro) 20 Organisation unterstützt wurden. Eine der geplanten Aktionen sollte junge Schweden aus „Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit, wo Menschen mit wenig oder gar keiner Bildung leben“ zu Wahllokalen gebracht werden.

Die Ausgaben hat die staatliche Agentur MCUF auf ihrer Webseite bestätigt. Die Organisation betont jedoch die Vielfalt der finanzierten Projekte in verschiedenen schwedischen Städten. So wurde auch ein Verein in Skärholmen gefördert, der junge Menschen und Schweden ausländischer Herkunft zum Wählen motivieren sollte. In Skärholmen war die Wahlbeteiligung zuvor stark gesunken. In anderen Städten wurden etwa Probewahlen an Schulen organisiert, um bei jungen Menschen das Interesse für Wahlen zu wecken. Damit sie später auch daran teilnehmen.

Wer darf in Schweden wählen?

Anonymousnews.ru schreibt von Wahlbetrug und bezieht sich auf die Wahlergebnisse der schwedischen Parlamentswahl vom 9. September 2018. Als Beispiel nennt die Webseite den Stadtteil Rinkeby in Stockholm, wo die Sozialdemokraten 77 Prozent der Stimmen erhielten (die rechten Schweden-Demokraten nur drei Prozent). Damit will Anonymousnews.ru beweisen, dass es die Regierung geschafft habe, mehr Wähler für die Sozialdemokraten zu gewinnen.

Mit dem Wort „Migranten“ deutet Anonymousnews.ru an, dass es sich um Ausländer handelt, die etwa während den Einwanderungswellen seit 2015 nach Schweden angekommen sind. Das ist völlig irreführend – das belegt ein Blick in das schwedische Wahlgesetzbuch.

Das schwedische Wahlgesetzbuch schreibt vor: „An der Wahl zum Reichstag können Sie teilnehmen, wenn Sie: die schwedische Staatsangehörigkeit haben und in Schweden gemeldet sind oder es einmal waren.“ Die 77 Prozent der von den Sozialdemokraten in Rinkeby erhaltenen Stimmen sind daher nur Stimmen von Menschen mit schwedischer Staatsbürgerschaft. Ob sie nun Sven, Mohammed oder Tobias heißen – sie sind auf jeden Fall schwedische Staatsbürger.

Komischerweise zitiert Anonymousnews.ru auch eine Quelle, die erklärt, dass die Popularität linker Parteien in benachteiligten Quartieren abnimmt. Also genau dort, wo die Sozialdemokraten laut Anonymousnews.ru Stimmen gekauft haben sollen. Laut dem verlinkten Artikel sind aber in den Orten die rechten Schweden-Demokraten auf dem Vormarsch.

Eine besonders hohe Zahl von Beschwerden über Wahlbetrug – die aber noch geprüft werden müssen

Im Text erwähnt Anonymousnews.rumehr als 400 Beschwerden über Wahlbetrug” und nennt als Quelle einen Artikel der schwedischen Zeitung Aftonbladet. Der Artikel erklärt, dass diese Zahl höher ist als bei den Wahlen 2014 oder 2010. Doch die Zeitung schreibt vorsichtig, es sei „jedoch nicht sicher, dass in diesem Jahr mehr Fehler oder Verbrechen begangen wurden als zuvor“. Das bedeutet, dass man heute nicht weiß, ob es tatsächlich „massiven Wahlbetrug“ in Schweden gab.

Vor allem, da eine Sprecherin des Wahlprüfungsausschusses dem Aftonbladet hinzufügt: „Wir sehen, dass es eine große Anzahl von Menschen gibt, die uns E-Mails geschickt haben, in denen sie im Allgemeinen schreiben: ,Wahlbetrug – ich will Wiederwahl‘“. Diese Emails, die keine Beweise vom Betrug nennen, zählen natürlich zu den 400 gemeldeten Beschwerden.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Dem Artikel von Anonymousnews.ru mangelt es an Beweisen für einen „massiven Wahlbetrug“ in Schweden. Dafür instrumentalisiert er die Finanzierung eines Projekts, das Menschen aus benachteiligten Stadtteilen zur Wahl anregen soll.

Angebliches „Fakevideo“ über die AfD stellt sich als Satire heraus

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Screenshot aus dem Youtube Video der AfD-Berlin© Youtube (https://youtu.be/lrRonqNzx009)

von Cristina Helberg , Jacques Pezet , Tania Röttger

Der Berliner Landesverband der AfD hat ein Video auf Facebook veröffentlicht und behauptet, es handele sich um ein „Fakevideo”, das die AfD diskreditieren solle. Unsere Recherchen haben ergeben: Es handelt sich um ein Video der Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“.

„Die #AfD ist entsetzt über den Versuch, Fakevideos an einem falschen Parteistand zu drehen. Durch einen Zufall konnte jetzt ein solches Projekt in Lichtenberg aufgedeckt werden“, schrieb der Landesverband der AfD Berlin in einem Facebookpost am Mittwoch Vormittag. Darunter ein Video mit dem Titel „Neues Fake-Video aufgedeckt“. Um 12:46 Uhr veröffentlichte die AfD zusätzlich eine Pressemitteilung und verwies auf dasselbe Video in ihrem Youtube-Kanal, das dort ebenfalls am 12.9. veröffentlicht wurde.

Durch Recherchen auf Google Maps, in den Sozialen Medien und Presseanfragen an verschiedene Fernsehsender konnten wir belegen, dass das Video Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gedreht wurde.

Das passiert in dem Video

In dem Video reagieren die AfD-Politiker Dirk Spaniel und Karsten Woldeit „fassungslos“ auf Videoausschnitte, die ein Kamerateam bei Dreharbeiten zeigt. Gefilmt werden Personen an einem AfD-Parteistand, so wie ein von zwei weißen Männern gejagter schwarzer Mann. Eine andere Szene zeigt eine Frau, die in ein oranges Mikrofon spricht, umgeben von Demonstranten mit Deutschlandfahnen.

Auf Twitter vermuteten deshalb gestern viele Nutzer, dass es sich um ZDF-Dreharbeiten handelt. Ob in dem Video tatsächlich ein ZDF-Mikro zum Einsatz kommt, ist aufgrund der schlechten Bildqualität nicht erkennbar.

Das ZDF hat uns gegenüber am 12. September 2018 jedoch dementiert: „Bei den gezeigten Aufnahmen handelt es sich nicht um Dreharbeiten für das ZDF.“

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Screenshot von dem Video

Wo wurde das Video aufgenommen?

Laut dem Facebook-Post der AfD sollen die Dreharbeiten am 7. September 2018 gegen 15 Uhr von Passanten beobachtet worden sein. Während die Partei in ihrer Pressemitteilung nur Berlin als Ort nennt, ist in dem Facebook-Post der Anton-Saefkow-Platz markiert.

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Tatsächlich wurde das Video offenbar am Anton-Saefkow-Platz in Berlin aufgenommen. Die auffälligen roten Markierungen auf dem Boden sind auf Google Maps und im Video gut erkennbar.

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Screenshot von Google Maps

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Screenshot aus dem Video

Wer steckt hinter dem Video?

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Dreharbeiten für das Satireformat „Bohemian Browser Ballett“. Wie haben wir das herausgefunden?

Nachdem wir über den Bildervergleich feststellen konnten, dass das Video am Anton-Saefkow-Platz in Berlin gedreht wurde, suchten wir nach Zeugen der Szene im Netz. Dabei fanden wir den folgenden Retweet eines Tweets vom 8. September mit einem Bild des Platzes. Dazu der Text: „Dreharbeiten in #Berlin #Lichtenberg # Satire Sendung #Film #zdf #swr… Dabei wurde eine Demo inszeniert.. nicht jeder Anwohner verstand auf Anhieb um was es dabei ging“. CORRECTIV kontaktierte die Person, die das Bild zuerst gepostet hatte und erfuhr so, dass es sich um einen Dreh für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gehandelt haben soll. Nach unserem Gespräch löschte die Person den Tweet.

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Screenshot von Twitter

Auch auf Instagram fanden wir Hinweise auf den Dreh. Der Account @kristin_meyer_official teilte am 7. September 2018 um 16:43 Uhr ein Selfie. Im Hintergrund sind mehrere Personen mit Deutschlandflaggen und Filmequipment zu erkennen. Das rote Muster auf dem Asphaltboden passt zu den Google Aufnahmen des Anton-Saefkow-Platzes in Berlin. Der Account ist mit dem blauen Haken von Instagram verifiziert, offenbar handelt es sich also um den offiziellen Account der Schauspielerin Kristin Meyer, die auch auf dem Selfie zu sehen ist. Als Hashtag nutzt sie unter anderem #bohemianbrowserballett und #satire.

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Screenshot vom Instagram-Profil der Schauspielerin Kristin Meyer

Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigte der SWR-Unternehmenssprecher Wolfgang Utz, „dass es sich dabei um Dreharbeiten der zuständigen Produktionsfirma für das satirische Funk-Format ‘Bohemian Browser Ballett’ handelt“. Er betonte, dass das Fernsehteam im Besitz einer Drehgenehmigungen war und ist der Meinung, dass bei den Aufnahmen eindeutig zu erkennen war, „dass es sich um Dreharbeiten mit inszenierten Szenen handelt“ – wegen der aufgestellten Zelte für die Schauspieler und das technische Team. Es ist dem SWR zufolge noch unklar, „ob und in welchem Umfang die gedrehten Szenen für das Satireformat verwendet werden“.

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Antwort von Wolfgang Utz (SWR)

Was ist „Bohemian Browser Ballett“ ?

„Bohemian Browser Ballett“ ist ein Satireformat von Funk, einem Online-Medienangebot von ARD und ZDF. Verantwortlich für die laufenden Geschäfte ist laut Impressum der Funk-Website der SWR. Der Youtube-Kanal „Bohemian Browser Ballett“ stellt in seiner Beschreibung klar: „Das Browser Ballett ist ein staatlich finanziertes Unterhaltungsangebot für Deutschland. Alle Inhalte entstehen in einem satirischen Kontext und bilden weder Fakten noch Überzeugungen ab.“

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Screenshot von Youtube

Hat die AfD Anzeige erstattet?

In ihrer Pressemitteilung kündigte die AfD an: „Noch wissen wir nicht, wer dieses bizarre Schauspiel inszeniert hat, werden aber selbstverständlich Anzeige gegen unbekannt erstatten. So ist das AfD-Logo markenrechtlich geschützt und darf für derartige Fake-Aktionen natürlich nicht verwendet werden. Zudem fühlen wir uns durch die dargestellten und gefilmten Szenen verleumdet. Die widerlichen ‘Jagdszenen’ erfüllen darüber hinaus den Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat.“

Auf Facebook und Twitter kommentierte die Partei, sie habe Anzeige erstattet. Wir haben gestern bei der AfD nachgefragt, bei welcher Polizeidirektion sie Anzeige erstattet hat. Nach unserer Anfrage änderte die AfD ihren Kommentar auf Facebook ab. Dort hatte eine Nutzerin kommentiert: „Sofort Anzeige erstatten“. Darauf antwortete die AfD am Mittwoch zunächst „Haben wir“, später änderte sie das in „Machen wir“ ab. Im Bearbeitungsverlauf ist die Änderung dokumentiert.

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Screenshot von Facebook

Der Polizei Berlin lag laut eigener Aussage zum Stand von heute um 14.30 Uhr keine Strafanzeige vor.

AfD will Fragen zum Ursprung des Videos nicht kommentieren

Auf Nachfrage unserer Redaktion wollte die AfD nicht kommentieren, ob sie den Urheber des veröffentlichten Videos kennt. Auch woher die Informationen der Partei zu Datum, Ort und Zeitpunkt der Aufnahme stammen, will die AfD auf unsere Anfrage nicht kommentieren.

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Anfrage von CORRECTIV an die AfD

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Antwort der AfD

Bewertung: völlig falsch

Junger Italiener bezeichnet sich als Afghane und schlägt 17-Jährigen mit einer Flasche

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Screenshot aus einem Facebook-Video

von Jacques Pezet

Ein Video, das eine gewalttätige Szene zeigen soll, in der ein junger Afghane eine Flasche auf dem Kopf eines Deutschen zerbricht, kursiert auf den sozialen Netzwerken. Das Polizeipräsidium Konstanz erklärt, dass der Täter kein Afghane ist, sondern ein 16-jähriger Italiener.

Auf Facebook und Youtube kursiert ein Video, das eine gewalttätige Szene zeigt. Es ist dunkel, ein braunhaariger junger Mann zerbricht eine Bierflasche auf dem Kopf eines blonden jungen Mannes. Vor der Kamera behauptet der Braunhaarige: „Ich bin von Afghanistan“. Das Video mit dem Beschreibungstext „Afghane schlägt Deutschen aus Spaß Flasche auf den Kopf“ wurde mehr als zehntausend Mal geteilt.

Am 1. August 2018 hat die Staatsanwaltschaft Ravensburg und das Polizeipräsidium Konstanz eine gemeinsame Pressemitteilung zu einem sehr ähnlichen Fall veröffentlicht. Sie schrieben:

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„Wegen gefährlicher Körperverletzung muss sich ein im Landkreis Ravensburg wohnhafter 16-jähriger italienischer Staatsangehöriger verantworten, der bereits vergangenen Dienstag gegen 01.00 Uhr einen 17-Jährigen in der Gartenstraße mit einer Bierflasche ins Gesicht schlug und von hinzugerufenen Polizeibeamten vorläufig festgenommen worden war. Der Geschädigte, der eine Platzwunde erlitt, musste von Rettungskräften zur ambulanten Behandlung in ein Krankenhaus gebracht werden. Ein von der Tat durch einen Zeugen gefertigtes Beweisvideo, welches noch am Tatort von den Beamten sichergestellt worden war, taucht seit ein paar Tagen in den sozialen Medien auf. In diesem Video behauptet der dringend tatverdächtige Italiener wahrheitswidrig ein Afghane zu sein.“

Um sicher zu sein, dass es sich um den Fall handelte, der in dem Facebook-Video zu sehen ist, schickte CORRECTIV eine Anfrage an das Polizeipräsidium Konstanz. Eine Pressesprecherin bestätigte: „Bei dem von Ihnen gesendeten Video handelt es sich um die Tat, die in der genannten Pressemeldung beschrieben wird.“

Das bedeutet, der Täter hat im Video über seine Nationalität gelogen. Er ist kein Afghane, sondern Italiener.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. In Ravensburg schlug ein junger Italiener, der sich in einem Video als Afghane ausgab, einen 17-Jährige mit einer Bierflasche ins Gesicht.

Bewertung: teilweise falsch

„Kanzlerin der Migranten“? — Das hat Angela Merkel im ARD-Sommerinterview wirklich gesagt

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Bundeskanzlerin und CDU-Hauptkandidatin Angela Merkel posiert mit syrischen Flüchtlingen bei einer Wahlkundgebung in Schwerin am 19. September 2017.© Odd ANDERSEN / AFP

von Jacques Pezet

Mehrere Blogs schreiben, Angela Merkel habe im Sommerinterview gesagt, sie sei die „Kanzlerin der Migranten”. Das ist unvollständig wiedergegeben. EchtJetzt hat das komplette Zitat recherchiert.

Am 27. August veröffentlichten die rechtskonservative Webseiten Die Unbestechlichen und Journalistenwatch denselben Artikel mit dem Titel „Nach Massaker in Chemnitz – Merkel betont im ARD-Sommerinterview: ‘Ich bin die Kanzlerin der Migranten’“. Der Text erzielte große Aufmerksamkeit auf den Facebook-Seiten „Lügenpresse“ (mehr als 700 Mail geteilt), „Die Unbestechlichen“ (248 Mal geteilt) und „AfD Freunde Kinzigtal“ (180 Mal geteilt). In ihrem Artikel betonen Die Unbestechlichen und Journalistenwatch, dass Angela Merkel „sagt, sie sei die Kanzlerin der Migranten“.

Auf Facebook teilte die Hauptseite der AfD folgendes Meme mit einem kritischen Kommentar zur Migrationspolitik der Bundeskanzlerin und einem Link zu einem Focus-Artikel, dessen Titel „Merkel zu Migranten: ‘Ich bin Eure Kanzlerin!’“ lautet.

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Screenshot von einem Facebook-Post der AfD vom 27.09.2018

Was hat Angela Merkel genau gesagt?

CORRECTIV hat sich das Sommerinterview angeschaut. In der ARD Mediathek kann man das komplette Zitat (ab Minute 07:08) nachhören. Dort antwortete die Bundeskanzlerin auf eine Frage der ARD-Journalistin Tina Hassel folgendermaßen.

Tina Hassel: „Der Bundespräsident hat in dieser Woche ganz bewusst ein Statement gesetzt gegen Alltagsrassismus. Er hatte Migranten eingeladen zu einer Kaffeetafel und hat ganz klar gesagt, es gebe keine Bürger erster und zweiter Klasse und keine Bio- und Passdeutsche. Warum kommen von Ihnen so klare Aussagen nicht?“

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Angela Merkel: „Na, das finde ich – es ist vielleicht nicht in den letzten drei Tagen gewesen, aber ich habe so oft zu den jungen Menschen mit Migrationshintergrund gesagt: ‘Ich bin eure Bundeskanzlerin’, genauso wie ich die Bundeskanzlerin für die bin, die schon über Generationen hier leben.“

Angela Merkel sagt nicht, sie sei die „Kanzlerin der Migranten“, sondern sie antwortet, dass sie sowohl Bundeskanzlerin der jungen Menschen mit Migrationshintergrund sei, als auch der Deutschen ohne Migrationshintergrund.

In ihrem Artikel werfen die Seiten Die Unbestechlichen und Journalistenwatch der ARD vor, der Bundeskanzlerin keine Fragen zu der tödlichen Messer-Attacke in Chemnitz gestellt zu haben. Das stimmt. Die ARD-Redaktion stellte Merkel Fragen zu folgenden Themen: Rente, Respekt vor Institutionen (Justiz, Pressefreiheit), Alltagsrassismus, Wehrdienst, Fachkräftezuwanderung, Klima und das Verhältnis mit den USA und Russland.

Unsere Bewertung:
Das Zitat ist unvollständig wiedergegeben. Angela Merkel hat gesagt, dass sie die Kanzlerin von allen Bürgern ist – egal ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht.

Bewertung: völlig falsch

Nein — Diese Filmcrew inszeniert kein Ertrinken von Flüchtlingen

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Screenshot eines Youtube-Videos, in dem einem Filmteam vorgeworfen wird, das Ertrinken von Flüchtlingen im Meer vor Kreta zu inszenieren.© https://youtu.be/pplP6Kvw3os

von Jacques Pezet

Videoaufnahmen eines Filmteams, das scheinbar ertrinkende Personen im Meer vor Kreta filmt, machen aktuell in sozialen Netzwerken die Runde. Laut mehreren Bloggern soll das Video zeigen, wie Journalisten die Öffentlichkeit mit inszenierten Bilder manipulieren. Das stimmt nicht. EchtJetzt hat die Filmcrew gefunden und mit ihr gesprochen.

Seit Anfang August wird das folgende Video von mehreren deutschen Bloggern, darunter David Berger von „Philosophia Perennis“ („,Flüchtlinge ertrinken‘: Werden hier Fake-Videos für unsere Medien produziert?“; am 5.8.2018) und Oliver Janich von „Oliver Janich Investigativ“ („Filmcrew dreht Fake-Video über ertrinkende Migranten am Strand von Kreta“; am 3.8.2018), so wie von ihren Followern geteilt.

Das Video zeigt verwackelte Aufnahmen von Frauen mit Kopftüchern. Einige von ihnen stehen an einem Strand, während andere im Meer schwimmen. Nach einem Kameraschwenk ist zu sehen, wie ein Filmteam die Frauen filmt. Aus dem Off spricht ein Mann. 

Laut den englischen Untertiteln wirft der aus dem Off sprechende Mann der gezeigten Filmcrew vor, eine Szene von „Migranten, die im Meer ertrinken” zu filmen. So würden Fernsehjournalisten die Bevölkerung mit inszenierten Bilder manipulieren.

David Berger, dessen Texte wir bereits oft überprüft haben, hat auf Twitter und in einem Artikel gefordert, dass sich Faktenchecker mit dem Video befassen. Konkret nannte er uns, den ARD-Faktenfinder und Mimikama. Er schreibt: „Eigentlich wäre das ein Aufgabenfeld für unsere hoch bezahlten Fakenews- und Faktenfinder. Dass diese sich bisher des Themas nicht angenommen haben, zeigt, dass es durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dass es sich hier um Aufnahmen handelt, die die Öffentlichkeit bewusst täuschen sollen.“

Wie haben wir die Meldung geprüft?

Um die Filmaufnahmen zu prüfen, haben wir zunächst versucht herauszufinden, wo das Video gedreht wurde. Die Szene soll laut der Beschreibung unter dem Youtube-Video auf der griechischen Insel Kreta gefilmt worden sein. Laut Videotitel angeblich von einem Tschechen.

Um das Originalvideo zu suchen, haben wir deshalb bei Facebook die Suchbegriffe „Migranten, Kreta, Manipulation“ auf Tschechisch („migranti kreta manipulace“) eingegeben.

So haben wir das gleiche Video ohne Untertitel auf der tschechischen Facebook-Seite „AntiKavárna“ gefunden. Mithilfe von GoogleTranslate haben wir den Videotitel übersetzt. „Kreta — Filmcrew oder Medienmanipulation?“ steht dort. Das Video wird folgendermaßen beschrieben: „Auf Facebook gab es ein interessantes Video aus Kreta von Marek Chrastina. Sein Kommentar zum Video: ‘In Kreta habe ich ein interessantes Video in Ierapetra gedreht und jeder wird selbst ein endgültiges Fazit ziehen’.“

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Screenshot aus einem Facebook-Video auf Tschechisch mit dem angegebenen Drehort Ierapetra

Eine Person mit dem Namen Marek Chrastina soll das Video demnach gefilmt haben. Über Facebook haben wir mehrere Profile mit dem Namen Marek Chrastina kontaktiert, aber niemand antwortete auf unsere Anfragen.

Wo wurde die Szene gefilmt ?

Neben einem möglichen Namen des Urhebers wird auf der Facebookseite auch die Stadt genannt, in der das Video angeblich gedreht wurde: Ierapetra. Die Stadt liegt im südöstlichen Teil von Kreta. Bei Google Maps lässt sich dort mit der Funktion Street View tatsächlich der Drehort des Videos finden: Die filmende Person stand offenbar neben dem Restaurant Astrophengia, das man an den Bäumen, den grünen Tischen und dem Ausblick auf die Bucht wiedererkennen kann.

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Screenshot aus GoogleMaps von dem Dreh-Standort.

Um den Drehort zu bestätigen, haben wir das Restaurant Astrophengia angerufen. Doch die Personen am Telefon sprachen kaum Englisch und eine Verständigung war nicht möglich.

Daraufhin haben wir das nahegelegene Restaurant Levante auf Facebook kontaktiert. Das Restaurant antwortete uns per Messenger, dass das Video den Dreh eines Dokumentarfilms zeige, der beim Ierapetras Dokumentarfilmfestival vorgestellt wurde. Die im Video zu sehende Kamerafrau sei die Regisseurin und Produzentin. Das Restaurant erklärte uns gegenüber auch, dass der Film von griechischen Flüchtlingen während des Griechisch-Türkischen Kriegs von 1919 bis 1922 handele.

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Screenshot aus einem Facebook-Chat mit dem Restaurant Levante vom 8.8.2018 auf eine Presseanfrage von EchtJetzt

So haben wir die Filmcrew identifiziert

Das Restaurant schickte uns auch den Link zu der Webseite des Dokumentarfilmfestivals von Ierapetra. Dort haben wir den Film “Das Land der schmerzhaften Jungfrau Maria“ (auf Englisch „Land of the Painful Virgin Mary“) gefunden. Auf der Webseite sind auch Fotos der Regisseurin und Produzentin Eleni Vlassi und des Kameramanns George Mpalothiaris zu sehen. So konnten wir die beiden in dem Video identifizieren.

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CORRECTIV konnte die Regisseurin Eleni Vlassi und den Kameramann George Mpalothiaris in dem Video identifizieren.

Filmcrew bestätigt Dreharbeiten zu historischem Film

CORRECTIV hat die Regisseurin und den Kameramann kontaktiert, um zu bestätigen, dass sie die Personen im Video sind und um zu erfahren, was sie gedreht haben. Auf Facebook bestätigte uns der Kameramann George Mpalothiaris, dass er für den Dreh eines Dokumentarfilms der Filmregisseurin Eleni Vlassi in Ierapetra gearbeitet habe. Er empfahl uns, für mehr Informationen mit der Regisseurin zu sprechen und gab uns ihre Emailadresse.

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Screenshot aus einem Facebook-Chat mit George Mpalothiaris am 9.8.2018.

Auf Facebook kontaktierten wir auch den Kameramann Giannis Kassis, dessen Name auf der Webseite des Filmfestivals im Zusammenhang mit dem Film genannt wird. Als wir ihm das Youtube-Video schickten, antwortete er: „Das ist unsere Filmcrew beim Dreh eines Dokumentarfilms über Flüchtlingen aus den 1900er, die von Anatolien nach Kreta kamen“. Er schreibt, dass der Film in Ierapetra in den Jahren 2017 und 2018 gedreht wurde.

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Screenshot aus einem Facebook-Chat mit Giannis Kassis am 10.8.2018

Mit der Regisseurin Eleni Vlassi zu sprechen, war komplizierter. Wir versuchten es mehrmals. Weil sie das Dokumentarfilmfestival in Ierapetra vom 4. bis 9. August organisierte, erreichten wir sie erst am 10. August telefonisch. Auf Nachfrage von EchtJetzt, war sie überrascht von der Nutzung der Bilder ihres Filmdrehs. Sie versprach uns ein Statement per E-Mail, das sie uns am 13. August 2018 schickte.

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Statement von der Regisseurin Eleni Vlassi per E-Mail am 13.8.2018

In ihrer Antwort bestätigte die Regisseurin Eleni Vlassi, dass das im Internet kursierende Video den Dreh ihres Films „Land of the Painful Mary“ zeigt. Weiter schreibt sie, dass das kursierende Video ohne ihre Erlaubnis gedreht wurde und warnt davor, dass sie juristische Schritte gegen alle Personen, die Falschmeldungen über den Dreh ihres Films verbreiten, einleiten könnte. Die Regisseurin betont, dass die gefilmte Szene keinerlei Bezug zu heutigen Migranten habe, sondern die Situation griechischer Flüchtlinge aus Kleinasien im Jahr 1922 thematisiere.

Auf Nachfrage präzisierte die Regisseurin Eleni Vlassi gegenüber EchtJetzt: „Die Dreharbeiten zur Dokumentation begannen im September 2017 und wurden am 24. Juli 2018 abgeschlossen. Der letzte Dreh im Meer wurde gemacht, um einige bessere Aufnahmen zu machen.“

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Antwort von Eleni Vlassi per Email am 15. August 2018 auf eine Presseanfrage von EchtJetzt

Im Trailer des Films sind in mehreren Szenen Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken und Männer in traditioneller Kleidung auf einem Boot auf dem Meer zu sehen. Offenbar hat die Person, die das kursierende Video aufnahm, diese Frauen und Männer, die Schauspieler sind, mit muslimischen Flüchtlingen verwechselt.

Die Schauspieler verkörpern für den Film die Rollen von griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien am Anfang des 20. Jahrhundert. Es handelt sich also nicht um einen gefälschten Fernsehbeitrag, wie mehrere Blogger behaupten.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das in Kreta aufgenommene Video zeigt keine Journalisten, die das Ertrinken von muslimischen Flüchtlinge inszenieren. Es handelt sich um die Kulissen eines Filmdrehs über griechischen Flüchtlinge im Jahr 1922.

Bewertung: völlig falsch

Nein – Die französische Regierung will Pädophilie nicht legalisieren

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Die französische Staatssekretärin für Gleichberechtigung Marlène Schiappa redet im französischen Parlament in Paris am 24. Juli 2018.© Bertrand GUAY / AFP

von Jacques Pezet

Seit dem 3. August 2018 gilt in Frankreich ein neues Gesetz gegen sexuelle Gewalt und Belästigung. Blogger behaupten, dass es Pädophilie legalisiert. Das ist falsch.

Laut einem Artikel der Webseite „News for friends“, die einen Text des US-amerikanischen rechtskonservativen Blogs „Your News Wire“ übersetzt, hat Frankreich ein Gesetz verabschiedet, „das sagt, dass Kinder Sex mit Erwachsenen zustimmen können“. In dem übersetzten Artikel steht weiter: „Die Regierung von Präsident Macron hat in Frankreich gegen ein Mindestalter gestimmt und sich als jüngste Nation dem Druck eines internationalen Netzwerks von liberalen Aktivisten ergeben, die entschlossen sind, Pädophilie zu normalisieren und Sex mit Kindern auf der ganzen Welt zu entkriminalisieren.“

Was ist gerade in Frankreich passiert? Hat die französische Regierung Pädophilie legalisiert? Die Antwort ist „Non“, wie man in verschiedenen Medienberichten aus Frankreich lesen kann, seien sie von den Faktencheckern der Tageszeitung „Le Monde“ oder in der „Libération“.

Die französische Regierung wollte ein Schutzalter einführen

Seit Monaten bereitet die französische Regierung ein Gesetz gegen sexuelle Gewalt und Belästigung vor. In einem ersten Gesetzentwurf wollte die französische Regierung eine Altersgrenze von 15 Jahren festlegen, unter der jede sexuelle Handlung von Erwachsenen automatisch als Vergewaltigung bestraft werden sollte. Ein solches Schutzalter existiert im französischen Recht bisher nicht.

Staatsrat warnt vor Verfassungswidrigkeit des Schutzalters

Es gab aber ein Problem: Der Staatsrat (Conseil d’Etat) erklärte, dass ein solches Gesetz verfassungswidrig sein könnte, weil es gegen das Prinzip der Unschuldsvermutung verstoßen könnte. Der Staatsrat nannte als Beispiel unter anderem eine Beziehung zwischen einem 14-jährigen Mädchen und einem 17-jährigen Jungen. Würden sie Geschlechtsverkehr haben, wäre das unter französischem Recht legal.

Mit dem angedachten Schutzalter der französischen Regierung würde die Beziehung zwischen den beiden Jugendlichen als Vergewaltigung einer Minderjährigen eingestuft, sobald der Junge volljährig wird.

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Außerdem warnt der Staatsrat auch davor, dass das neue Gesetz eine Inkonsistenz im französischen Strafgesetzbuch schaffen könnte. Für den Fall eines Minderjährigen unter 15 Jahren könnte der Täter entweder wegen des Deliktes der sexuellen Übergriffe (bis zu fünf Jahre Haft) oder wegen des Verbrechens der Vergewaltigung (bis zu 20 Jahre Haft) verurteilt werden. Nach dem französischen Gesetzbuch darf dieselbe Straftat nicht mit zwei sehr unterschiedlichen Strafmaßen bestraft werden. Außerdem warnte der Staatsrat davor, dass das Gesetz verfassungswidrig sein könnte.

Eine Verschärfung des Gesetzes gegen sexuellen Missbrauch von Kindern

Da die französische Regierung nicht riskieren wollte, dass die Schutzaltersgrenze für verfassungswidrig erklärt wird, suchte sie nach einer alternativen Lösung für den Schutz der Minderjährigen. Anstatt einer Altersgrenze plante die Regierung daraufhin die Schaffung eines Deliktes wegen sexuellen Übergriffes mit Penetration, das mit Haft bis zu zehn Jahren und einer Geldstrafe bis zu 150.000 Euro bestraft werden könnte.

Feministische Verbände und Kinderschutzvereine kritisierten diesen zweiten Entwurf. Ihrer Meinung nach könnten viele Vergewaltigungen von unter 15-Jährigen (die mit bis zu 20 Jahre Haft bestraft werden könnten) durch diese Regelung nur als Delikte wegen sexuellen Übergriffes mit Penetration (bis zu zehn Jahre Haft) verurteilt werden. Vergewaltigungen würden dann nicht mehr als Verbrechen („crime“), sondern nur als Vergehen („délit“) eingestuft und bestraft.

Die französische Regierung reagierte auf diese Kritik. In dem neuen Gesetz gegen sexuelle Gewalt und Belästigung, über das am 3. August abgestimmt wurde, findet sich weder ein Schutzalter noch ein verschärftes Delikt des sexuellen Übergriffes mit Penetration. Stattdessen steht im neuen Gesetz: „Wenn die Straftat an einem Minderjährigen von fünfzehn Jahren begangen wird, sind die moralischen Zwänge oder die Überraschung durch den Missbrauch der Verletzlichkeit des Opfers gekennzeichnet, das für diese Handlungen nicht die nötige Urteilskraft hat.“

Für alle Minderjährige (auch zwischen 15 und 18 Jahren) legt das Gesetz fest, dass der moralische Zwang oder die Überraschung „aus dem Altersunterschied zwischen dem Opfer und dem Täter resultiert“.

Kinderschutzvereine sind unzufrieden, aber keine Vorwürfe der Legalisierung der Pädophilie

Mit der beschlossenen Fassung sind die Kinderschutzvereine in Frankreich nicht zufrieden. Sie werfen dem Gesetzgeber vor, dass die Begriffe „Vulnerabilität“ und „Urteilskraft“ zu unklar seien und den Richtern zu viel Ermessensspielraum geben würden. Außerdem sind die Vereine enttäuscht, weil kein Schutzalter im Gesetz festgeschrieben wurde. Keiner dieser Vereine wirft der französischen Regierung jedoch vor „Pädophilie“ zu legalisieren. Das Schutzalter wollte die Regierung eigentlich in das Gesetz aufnehmen, nahm von den Plänen aber Abstand, nachdem es Bedenken gab, ob eine solche Regelung verfassungskonform wäre. Mit dem neuen Gesetz sollen die bestehenden Gesetze gegen sexuellen Übergriffe auf Kinder verschärft werden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Frankreich hat kein Gesetz verkündet, das die Pädophilie erlaubt oder legalisiert. Obwohl die französische Regierung kein Schutzalter eingeführt hat, hat sie die geltenden Gesetze gegen sexuellen Missbrauch von Kindern verschärft.

Bewertung: falsch

Nein – HIV-Rate in Schweden nicht wegen nordafrikanischer Flüchtlinge gestiegen

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Medizinisches Personal überprüft den Finger eines Freiwilligen, der an einem HIV-Test in Casablanca (Marokko) teilnimmt.© ABDELHAK SENNA / AFP

von Jacques Pezet

Die Webseite „Unser Mitteleuropa“ schreibt, die Rate der mit HIV infizierten Personen in Schweden sei um 300 Prozent gestiegen – wegen Flüchtlingen. Doch Statistiken des schwedischen Gesundheitsministeriums widerlegen diese Behauptungen.

Im Moment wird wieder ein Artikel des Blogs „Unser Mitteleuropa“ auf Facebook geteilt, der im Dezember 2017 erschien. Darin steht, dass die Rate der mit HIV infizierten Personen in Schweden in zehn Jahren um 300 Prozent gestiegen sei, „von 1.684 (2006) auf 6.273 (2016)“.

In dem Text nutzt „Unser Mitteleuropa“ die Begriffe „AIDS-Rate“ und „HIV-Rate“ synonym. Das ist falsch, da AIDS (Erworbenes Abwehrschwäche-Syndrom) und HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) nicht dasselbe sind, wie die AIDS-Hilfe auf ihrer Webseite erklärt: „Gegen HIV gibt es heute sehr wirkungsvolle Medikamente. Sie verhindern die Vermehrung des Virus im Blut, können es aber nicht wieder aus dem Körper entfernen. Dank dieser Medikamente können die meisten HIV-infizierten Menschen heute lange Zeit mit dem Virus leben, ohne an Aids zu erkranken.“

Laut „Unser Mitteleuropa“ sollen Flüchtlinge verantwortlich für den großen Zuwachs der HIV-Rate in Schweden sein. Die Webseite schreibt: „Trotz des Faktums, dass es sich bei den meisten infizierten Personen um Flüchtlinge aus dem Raum Nordafrika handelt, lautet die offizielle Erklärung: ‘Durch die bessere Behandlung leben mehr Menschen mit AIDS gleichzeitig.’ Die AIDS Rate Schwedens war seit 1980 konstant geblieben, bis die große Flüchtlingswelle Schweden überrollte.“

Als Quelle für diese Information nennt „Unser Mitteleuropa“ einen Artikel der rechtskonservativen Webseite „Samhällsnytt“, die sich auf einen Text der lokalen Nachrichtenseite „24Malmö“ beruft.

CORRECTIV hat das schwedische Gesundheitsministerium und die von „24Malmö“ zitierten Quellen kontaktiert. Wir wollten wissen, ob die Zahlen stimmen und ob man anerkannte Flüchtlinge, also Menschen mit Asylstatus, für das Wachstum verantwortlich machen kann.

Auf unsere Fragen antworteten Torsten Berglund und Anders Tegnell, die für das schwedische Gesundheitsministerium arbeiten.

Woher kommen die zitierten Zahlen?

Zuerst zu den Zahlen. „Unser Mitteleuropa“ schreibt, im Jahr 2016 hätten 6.273 „mit HIV infizierte Personen“ in Schweden gelebt. 2006 seien es nur 1.684 gewesen.

Als wir diese Zahlen an das schwedische Gesundheitsministerium schickten, antwortete uns der Epidemiologe Torsten Berglund: „Laut dem Nachrichtenartikel, auf den Sie sich beziehen (Samhällsnytt 2017-12-01), gab es eine Zunahme von Patienten, die in Schweden wegen HIV betreut und behandelt wurden, von 1 684 Personen im Jahr 2006 auf 6 273 Personen im Jahr 2016. Das ist nicht korrekt und ich weiß nicht, woher die Zahlen kommen, aber 1 684 entspricht in etwa der Anzahl von Menschen, die 1988 in Schweden mit einer bekannten HIV-Diagnose oder AIDS lebten (geschätzt waren das circa 1.600).“

Nach eigenen Recherchen haben wir herausgefunden, dass die schwedische Zeitung „Samhällsnytt“ sich in ihrem Artikel offenbar auf Zahlen des schwedischen Zentralamts für Gesundheits- und Sozialwesen (Socialstyrelsen) beruft. In der folgenden Tabelle kann man die Anzahl der Besuche (antal besök) und die Anzahl der Patienten (antal patienter) ablesen.

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Screenshot aus der Tabelle des schwedischen Zentralamts für Gesundheits- und Sozialwesen

Was sagen diese Daten aus? Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die Statistikerin des Zentralamts für Gesundheits- und Sozialwesen, Clara Larsson, dass die Anzahl der Patienten angegeben wird, die sich mit HIV als Hauptdiagnose in Schweden in Behandlung befinden.

Das heißt, die Zahlen entsprechen der Anzahl HIV-infizierter Patienten, die regelmäßig für Check-Ups eine schwedische Klinik besuchen. Diese Zahl ist tatsächlich um fast 300 Prozent (genau 273 Prozent) zwischen 2006 und 2016 gewachsen.

Gegenüber der Nachrichtenagentur „Nyhetsbyrån Siren“ erklärte Anders Tegnell vom schwedischen Gesundheitsministerium im November 2017: Die Steigerung sei normal, da HIV-Infizierte heute Zugang zu medizinischer Behandlung haben und mit HIV leben können. Da sie gut behandelt werden, sterben sie nicht. Aber sie gehen weiter zum Arzt.

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Das kann man in der Statistik des schwedischen Zentralamts für Gesundheits- und Sozialwesen sehen.

Wie viele Menschen leben mit HIV in Schweden?

Jetzt wissen wir, wie viele mit HIV-infizierte Menschen in den letzten Jahren in Schweden in Behandlung waren. Aber wie viele Menschen leben in Schweden mit HIV?

Der schwedische Epidemiologe Torsten Berglund antwortet: „Die korrekte Anzahl von Menschen, die mit einer bekannten HIV-Diagnose leben und in Schweden mit dem Gesundheitswesen in Kontakt gekommen sind, lag 2006 bei 4 000 Personen. Im Jahr 2016 war die Zahl auf 7 000 Personen gestiegen (die InfCareHIV-Datenbank umfasste 6 983 Patienten, die 2016 Kontakt mit dem Gesundheitswesen hatten, siehe Jahresbericht 2016 von InfCareHIV). Das ist eine Steigerung von 75 Prozent.“

Auch auf der Webseite des schwedischen Gesundheitsministeriums findet man Informationen, die den Behauptungen von „Unser Mitteleuropa“ widersprechen. Die folgende Tabelle zeigt die jährliche Anzahl der neu gemeldeten HIV-Fälle in Schweden.

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Anzahl der registrierten HIV-Infektionsfälle 2008-2017. Quelle: Schwedisches Gesundheitsministerium

Demnach wurden seit 2008 pro Jahr zwischen 400 und 500 Fälle neu gemeldet. Es gibt demnach keinen Anstieg der Neumeldungen seit 2015, als viele Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa kamen.

HIV-registrierte Ausländer kommen oft aus Eritrea, Thailand, Somalia

In seinem Artikel wirft der Blog „Unser Mitteleuropa“ Flüchtlingen „aus dem Raum Nordafrika“ vor, verantwortlich für die Steigerung der HIV-Rate zu sein. In seiner Antwort an CORRECTIV erklärte der schwedische Epidemiologe, dass das Gesundheitsministerium nur Informationen über den Geburtsort der registrierten HIV-Infizierten habe, aber keine Informationen über die Staatsbürgerschaft, oder über den Aufenthaltsstatus (Tourist, Asyl, Asylbewerber, Arbeitsvisum). Das heißt, man weiß nicht, ob die HIV-Infzierten, die vom Gesundheitsministerium gezählt werden, Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, in Schweden lebende Ausländer oder auch im Ausland geborene Schweden sind.

Laut den aktuellsten Daten des Gesundheitsministeriums wurden im Jahr 2017 „77 Fälle (18 Prozent der gesamten Neumeldungen) gemeldet, bei denen die Übertragung der Infektion in Schweden stattfand. Dies ist weniger als der Durchschnitt der Fälle mit Schweden als Infektionsland in den letzten zehn Jahren (102 Fälle). In 342 Fällen wurden andere Länder als Ort der Infektion gemeldet. In 15 Fällen wurden keine Angaben gemacht. Außerhalb von Schweden waren Thailand und Eritrea die Länder, in denen sich die Menschen am häufigsten infiziert haben“.

Da nur zwei Länder (Thailand und Eritrea) von den schwedischen Behörden genannt wurden, wollten wir wissen, ob nordafrikanische Länder auch zu der Liste der Länder gehören, in denen sich die meisten Menschen infiziert haben. Torsten Berglund schickte uns daraufhin die folgende Tabelle. Sie zeigt, in welchen Ländern die in Schweden registrierten Menschen mit HIV-Infektionen geboren wurden, in den Jahren 1996, 2006, 2016 und für die gesamte Periode 1983–2016. Man kann sehen, dass kein nordafrikanisches Land (Algerien, Marokko, Tunesien, Libyen oder Ägypten) auf dieser Liste steht.

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Geburtsorte der mit HIV-infizierten Menschen, die in Schweden leben.

In seiner Antwort schrieb Torsten Berglund über Fälle aus dem Irak, Iran, Syrien und Afghanistan, die in der Liste nicht auftauchen: „Menschen, die in Ländern wie dem Irak, dem Iran, Syrien und Afghanistan geboren wurden, von denen viele Flüchtlinge und Asylbewerber in den letzten Jahren nach Schweden gekommen sind, stechen in der Zahl der gemeldeten HIV-Fälle nicht hervor. Insgesamt wurden in 33 Jahren zwischen 1983 und 2016 Betroffene nur in etwa 35 Fällen in Syrien, 45 im Iran, 55 im Irak und in weniger als 10 Fällen in Afghanistan geboren. Im Jahr 2016 waren nur 11 der 429 gemeldeten HIV-Fälle in Syrien, Iran, Irak oder Afghanistan geboren.“

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Screenshot aus der Antwort von Torsten Berglund

Unsere Bewertung:
Falsch. Laut dem schwedischen Gesundheitsministerium ist die Anzahl der mit HIV-Infizierten zwischen 2006 und 2016 um 75 Prozent gestiegen. Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Iran sind eine kleine Minderheit unter den HIV-Infizierten.

Bewertung: völlig falsch

Kroatische Webseite „DANPortal.info“ erklärt deutsche Promis mit Falschmeldungen für tot

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Solche Meldungen kann man auf „Danportal.info“ lesen.© Screenshot „Danportal.info"

von Jacques Pezet

Die Webseite „Danportal.info“ postet falsche Todesnachrichten von Prominenten. Dahinter versteckt sich eine dubiose Webseite auf Kroatisch.

Deutschlands Lieblingspromis sterben. Das wussten Sie noch nicht? Laut der Webseite „Danportal.info“ sind die Sängerin Helene Fischer, das Top-Model Heidi Klum, die Fußballspieler Mesut Özil und Philipp Lahm, der Pop-Sänger Dieter Bohlen, der Formel-1-Pilot Michael Schumacher und der Schauspieler und der ehemalige Kalifornien-Gouverneur Arnold Schwarzenegger gestorben. Die Webseite berichtet auch, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Einkaufen im Supermarkt einen Herzinfarkt gehabt habe.

Wie kann es sein, dass Sie von diesen Fällen nichts gehört haben? Wahrscheinlich, weil kein deutsches Medium darüber berichtet hat. Auf Facebook schickte uns ein „großer Fan“ Dieter Bohlens einen Hinweis auf diese Webseite, die „Fake News“ verbreiten soll.

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Hinweis von einer Leserin

Jobangebote auf Kroatisch und tote Promis auf Deutsch

Wenn man auf die Webseite „Danportal.info“ klickt, landet man auf einer Seite, auf der Artikel auf Deutsch und auf Kroatisch veröffentlicht werden. Die Nachrichten auf Deutsch sind fast immer aus dem Bereich des Boulevardjournalismus und berichten meistens über Todesfälle oder Unglücke von deutschen Promis oder über polemische Themen wie Burkaverbot oder Doping des französischen Fußballspielers Kilian Mbappé. Die Texte auf Kroatisch folgen aber einer ganz anderen redaktionellen Linie. Es geht meistens um Jobangebote in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz für Lkw-Fahrer, Krankenpfleger oder Bauarbeiter.

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Zu den Verantwortlichen dieser Webseite sind kaum Informationen zu finden. Im Impressum steht der Name Mirza Halidpašić, aber wenn man diesen googelt, findet man nichts, außer „danportal.info“. Auch eine Nachricht von CORRECTIV an die Email-Adresse der Redaktion blieb bisher unbeantwortet.

Den Prominenten geht es gut

Und wie geht es den vermeintlich verunglückten Promis? Keine der Prominenten ist tot, wie man auf ihren Profilen in den sozialen Netzwerken sehen kann. Philipp Lahm spielte am 18. Juli Golf mit Thomas Müller. Heidi Klum postete Videos von ihrer Teilnahme an America’s Got Talent. Mesut Özil genoss seinen Urlaub, ebenso Dieter Bohlen. Arnold Schwarzenegger kritisierte Donald Trumps gemeinsame Pressekonferenz mit Putin. Und Helene Fischer tourt weiter durch Deutschland.

Unsere Bewertung:
„Danportal.info“ ist eine unseriöse Webseite, die regelmäßig falsche Todesnachrichten von Promis postet.

Bewertung: falsch

Falsches Foto wird für echte Unruhen nach dem WM-Sieg in Paris benutzt

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Während der Unruhen nach dem WM-Sieg am 15. Juli 2018 nahm die Pariser Polizei 90 Personen fest.© Eric FEFERBERG / AFP

von Jacques Pezet

Gab es Unruhen in Paris nach dem WM-Sieg? Ja. Darf man deswegen falsche Fotos davon veröffentlichen? Nein.

Ja, es kam zu Unruhen in Frankreich nach dem Fußball-WM-Sieg am 15. Juli 2018. Laut dem französischen Innenministerium wurden insgesamt 292 Personen in Frankreich von der Polizei festgenommen, davon 90 in Paris.

Auf Facebook fand CORRECTIV das folgende Bild.

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Mit einer gewissen Ironie vergleicht der Autor die Reaktionen der kroatischen und französischen Fans. Aber, wie wir mit einer einfachen umgekehrten Bildersuche auf Google herausfinden konnten, wurde das Foto von dem „bunten Multikulti-Volksfest in Paris“ nicht nach dem WM-Sieg aufgenommen, sondern vor 4 Jahren, während einer illegalen pro-palästinensischen Demonstration in Paris am 19. Juli 2014.

Es ist unklar, warum Menschen falsche Bilder aussuchen für echte Unruhen, von denen es genug Bilder und Videos auf Twitter oder in den Medien gibt.

Schon früher Ausschreitungen beim französischen WM-Sieg

Allerdings sind Ausschreitungen zum WM-Sieg keine Neuigkeit in Frankreich, wie die französische Zeitung „Libération“ berichtet. Schon 1998 nahm die Polizei 23 Jugendliche wegen Diebstählen oder Beschädigungen von Läden auf den Champs-Elysees fest. Sieben weitere wurden festgenommen, weil sie Steine auf Polizisten geworfen hatten. Außerdem rasten damals zwei Autos in die Menge auf der Champs-Elysees. Nach Medienberichten wurde eine Person getötet und zwischen 35 bis 150 Personen verletzt.

Unsere Bewertung:
Dieses Foto wird im falschen Kontext benutzt. Es zeigt eine illegale pro-palästinensische Demonstration im Juli 2014 in Paris, nicht die Unruhen nach dem WM-Sieg 2018.

Bewertung: völlig falsch

Nein – Dieses Foto zeigt kein deutsches Opfer der Alliierten, sondern eine misshandelte jüdische Frau im Juli 1941

weiterlesen 3 Minuten

Szenen aus einem von Ukrainern verübten Pogrom, möglicherweise in Lemberg, Russland© Unknown - Public Domain

von Jacques Pezet

Zeigt dieses Foto eine deutsche Frau, die von den Allierten nach dem zweiten Weltkrieg misshandelt wurde? Nein. Das Bild wurde während des Lemberger Pogroms vom Sommer 1941 genommen.

Es ist ein Foto, das oft genutzt wird, um die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Alliierten zu illustrieren. Zum Beispiel veröffentlicht der Blogger Michael Mannheimer es so, als würde es „eine von Millionen vergewaltigter deutsche Frauen in den Ostgebieten“ zeigen. Auf Facebook konnten wir das Bild mit den folgenden Sätzen finden: „Die Welt weiß alles, was die Deutschen getan haben sollen. Die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen angetan wurde“.

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Die Montage konnten wir in der Facebook-Gruppe „Reale Verschwörungen“ finden.

Um herauszufinden, wann und wo das Foto aufgenommen wurde, haben wir es anhand der Technik der umgekehrten Bildersuche gesucht. So haben wir herausgefunden, dass das Fine Arts Museum von Houston eine Kopie des Fotos dem Fotoarchiv des amerikanischen Holocaust-Gedenkmuseums abgekauft hat. Auf der Webseite des Fine Arts Museum von Houston wird das 1941 genommenen Foto so beschrieben: „Szenen aus einem von Ukrainern verübten Pogrom, möglicherweise in Lemberg, Russland“.

CORRECTIV hat das amerikanische Holocaust-Gedenkmuseum kontaktiert, um mehr Informationen über das Bild zu bekommen. Die Chefkuratorin für Akquisitionen Judith Cohen hat uns geantwortet: „Das besagte Foto ist Teil einer bekannten Reihe, bei der wir fast sicher sind, dass sie das Pogrom von Lemberg darstellt. Die Fotos dieser Serie befinden sich in verschiedenen Archiven, darunter Yad Vashem, die Archive von Emanuel Ringelblum vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau und die BPK in Deutschland.“

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Auf der Webseite der zitierten Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte (BPK) gehört das Bild zu einer Reihe von Fotos, die so betitelt sind: „Nach dem Einmarsch deutscher Besatzungstruppen in Lemberg kommt es in den ersten Julitagen 1941 zu Pogromen“.

Lemberg, heute Lwiw, ist eine ukrainische Stadt, die nah an der polnischen Grenze liegt. Laut der BPK wurde das Foto im Juli 1941 genommen. In der Beschreibung steht: „Überwiegend ukrainische Einwohner mißhandeln und demütigen jüdische Frauen und Mädchen“.

Im Sommer 1941, nach Beginn von „Unternehmen Barbarossa“ (als deutsche Truppen im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen), haben ukrainische Nationalisten mit Hilfe der deutschen Wehrmacht und der Einsatzgruppe C ungefähr 6.000 Juden in Lemberg getötet. Laut dem amerikanischen Holocaust-Gedenkmuseum lebten „200.000 Juden in Lemberg im September 1939; 100.000 waren jüdische Flüchtlinge aus dem von Deutschland besetzten Polen.“

Unsere Bewertung:
Das Bild ist aus dem Kontext gerissen. Das Bild zeigt keine von den Alliierten misshandelte Frau, sondern eine jüdische Frau, die im Juli 1941 von Ukrainern und Nazis in Lemberg demütigt wird.

Bewertung: völlig falsch

Video eines Trainings der NGO „Ärzte der Welt“ in Gaza wird aus dem Kontext gerissen

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Eine Freiwillige von „Ärzte der Welt" in Calais (Frankreich) im Juli 2015.© DENIS CHARLET / AFP

von Jacques Pezet

Auf Facebook kursiert ein Video, dass geschminkte, vermeintliche Kriegsopfer zeigt. Woher stammt das Video? EchtJetzt hat mit den Protagonisten des Videos gesprochen.

Im Internet kursiert ein Video, das arabische Menschen mit künstlichem Blut und geschminkten Wunden zeigt. Es wird zum Beispiel in der Facebook-Gruppe „Politisches Chaos in Deutschland” geteilt. Auf Facebook wird das Video mit diesem Kommentar verbreitet: „Lügen ohne Ende – WACHT ENDLICH AUF..!!! So werden uns angebliche ” Kriegsopfer ” aus Syrien schmackhaft gemacht die Schminke passt und läuft doch toll für die Gutmenschen und Altparteien BRD. So werden wir von den Medien verarscht!! Einige glauben noch was in der Tagesshow läuft.“

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Screenshot aus Facebook

Was steckt hinter dem Video? CORRECTIV hat das Originalvideo und seine Protagonisten gesucht.

Wie in dem Facebook-Video zu erkennen ist, stammen die Bilder aus einer Reportage des palästinensischen Mediums „Gaza Post“.

Übersetzte Versionen des Videos konnten wir auf der Webseite der amerikanischen Organisation MEMRI und in diesem Bericht der türkischen Presseagentur TRT auf Englisch finden.

So haben wir herausgefunden, dass die Bilder die Arbeit der Maskenbildner Mariam Salah und Abd Al-Baset al Loulou im Auftrag der französischen NGO „Ärzte der Welt“ zeigen.

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CORRECTIV hat die NGO und die beiden Maskenbildner kontaktiert, um zu erfahren, was sie für „Ärzte der Welt“ gemacht haben. Über Instagram haben wir mit Mariam Salah und Abd Al-Baset al Loulou gesprochen. Die Maskenbildnerin Mariam Salah erklärte uns: „Die französische Ärzte Organisation hat mit uns gesprochen, weil sie Maskenbildner brauchten, sodass ihre Ärzte mit vermeintlichen Patienten trainieren können.“ Mariam Salah erklärte auch, dass sie nur damals für Ärzte der Welt und Abd Al-Baset al Loulou gearbeitet hat. Der Auftrag fand im Februar 2017 in Rafah und Chan Yunis, im südlichen Teil des Gazastreifens, statt.

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Die Instagram Profile von Mariam Salah und Abd Al-Baset al Loulou

Diese Informationen hat uns auch Abd Al-Baset al Loulou bestätigt: „Es war eine Simulation, um Studenten im Notfallbereich auszubilden und unsere Mission war es, alle Arten von Verletzungen zu schminken.“

Per Email antwortete uns auch die Koordinatorin der NGO „Ärzte der Welt“ für Gaza, Hiba El-Sharif Hamarna: „Ärzte der Welt hat in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium ein Projekt zur Notfallvorsorge im Gazastreifen durchgeführt. Am Ende jedes Projektes wird Ärzte der Welt eingesetzt, um eine technische Simulation zu organisieren und so die Auswirkungen des Kapazitätsaufbau-Programms innerhalb des Projekts und die Wirksamkeit des vorbereiteten Plans zu beurteilen. Diese Simulation war die fünfte Erfahrung von Ärzte der Welt, bei der diese praktische Simulation implementiert worden ist. Mit dem Ziel, die Aktivität zu dokumentieren und zu beurteilen, hat Ärzte der Welt ein Medienunternehmen beauftragt, die Freiwilligen zu filmen, aufzunehmen und mit bestimmten Arten von Verletzungen zu schminken. Dieses Team für Spezialeffekt Make-up bestand aus 5 Team-Mitgliedern unter der Leitung von Abd Al-Baset al Loulou. Mariam Salah war eine von ihnen.“

Der Maskenbildner Abd Al-Baset al Loulou hat CORRECTIV eine Kopie des Vertrages mit dem Medienunternehmen „Maimas“ vorgelegt. Im Gespräch mit CORRECTIV haben alle Gesprächspartner erklärt, bereits mitbekommen zu haben, dass Bilder der Reportage im Internet in einem falschen Kontext verbreitet werden.

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Der Vertrag zwischen dem Medienunternehmen Maimas und Abd Al-Baset al Loulou

Fazit: Das Video zeigt, wie palästinensische Maskenbildner Freiwillige mit Kunstblut und falschen Wunden schminken, damit Ärzte der NGO „Ärzte der Welt“ für Notsituationen trainieren können.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video wurde aus dem Kontext gerissen.

Bewertung: völlig falsch

Alte falsche Nachricht kursiert – Ebola ist keine Bedrohung für Italien

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Ein Labortechniker arbeitet im P3, das Labor des Pasteur-Instituts auf den Ebola-Virus gewidmet, in Bangui (Zentralafrikanische Republik) am 31. Mai 2018.© FLORENT VERGNES / AFP

von Jacques Pezet

Laut einer falschen Nachricht aus dem Jahr 2014 sollen 40 Fälle von Ebola in Italien registriert worden sein, doch laut dem italienischen Gesundheitsministerium war das nie richtig.

Gerade kursiert ein Artikel vom Blog „Index Expurgatorius“ auf Facebook. Nach Daten der Social Media Monitoring App „Crowdtangle“ wurde er mehr als 43.000 Mal geteilt. Wie erklärt sich das? Der Artikel ist nicht neu. „Index Expurgatorius“ veröffentlichte ihn am 7. Juli 2014, seitdem wird er ständig weiter verbreitet.

Laut dem Artikel von „Index Expurgatorius“ sollen „40 Fälle von Ebola in Italien registriert“ sein. Im Juli 2017 hatte das Faktencheckportal „Mimikama“ bereits einen Faktencheck zu dem Text geschrieben. Die Faktenprüfer von „Mimikama“ schrieben, die Nachricht sei nur von unseriösen Blogs geteilt worden. Keine italienische Webseite und niemand von der italienischen Regierung hatten Ebola-Fälle bestätigt.

Da der Artikel von „Index Expurgatorius“ heutzutage noch kursiert, hat CORRECTIV das italienische Gesundheitsministerium kontaktiert.

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Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

Die Pressestelle antworte uns: „In Italien ist heute kein Fall der Ebola-Krankheit registriert.“ Über die Entwicklung des Virus seit 2014 erklärte das italienische Gesundheitsministerium: Es habe nie einen lokalen Ebola-Fall in Italien gegeben. Allerdings wurden zwei Ebola-Kranke in Italien behandelt, sie waren zuvor aus betroffenen Ländern nach Italien repatriiert worden.

Auf die Frage, ob Ebola noch eine Gefahr für Italien ist, antwortet die italienische Behörde sehr deutlich: „Ebola ist keine Bedrohung für Italien.“

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Antwort der Pressestelle des italienischen Gesundheitsministerium

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Laut dem italienischen Gesundheitsministerium ist und war Ebola nie eine Bedrohung für Italien, auch gab es keine „40 Fälle“.